Donnerstag, 27. Mai 2010

Facebook, Twitter, Google und Co ...

Soziale Netzwerke - das ganz heiße Ding. Menschen legen sich Profile an, laden Hunderte von Fotos auf die Server und kontakten Freunde. Dies machen sich die Betreiber zu Nutze, Verknüpfungen werden geschlossen und digitale Bewegungsprofile erstellt. Manches; um nicht zu sagen vieles oder gar das meiste geschieht im Verborgenen.

Neulich wollte ich mich bei Facebook anmelden, um eine Information zu verifizieren. Kaum hatte ich meinen Account wurden mir Freunde vorgeschlagen - Menschen, die zum Teil im Ausland wohnen und von denen kaum jemand weiß, dass sie kenne. Sie hatten wohl ihre Adressbücher online - und deren Daten wurden mit meiner Mail-Adresse abgeglichen. Flugs wollte ich meinen Account löschen - dies war nicht ganz so einfach - aber es hat wohl geklappt. Noch bevor ich ganz viele Freunde - und ein tolles soziales Netzwerk hatte. Schade.

Bei wer-kennt-wen hatte ich mich angemeldet, um zu schauen, was dies eigentlich ist. Eine ganze Zeit war dies ganz amüsant, immerhin bekam ich einige Profilbilder von Menschen zu Gesicht, die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Ich hatte - endlich - Freunde. Das war nett - gleichzeitig tauchte die Erkenntnis auf, dass es ja Gründe gibt, weshalb ich diese Menschen lange nicht gesehen hatte. Und da die Kommunikation im Rahmen von Web 2.0 gleichermaßen nett wie belanglos war, akzeptierte ich meine Gründe wieder: Kein gesteigertes Interesse; nehmt's mir nicht krumm: Wenn ich an den Menschen wirkliches Interesse gehabt hätte, wären sie nicht aus meinem Dunstkreis verschwunden.

Dafür konnte ich aber alte Fotos bewundern - diese wurden von Freunden ins Netz eingestellt und mit meinem Profil verknüpft. Beve in den Achtzigern, mühsam verdrängt - nun für alle Welt sichtbar. In diesem Rahmen lernte ich auch Gästebucheinträge bestehend aus Buchstaben/Zeichenmalereien hassen. Und Menschen, die meine Freunde werden wollten - obgleich ich sie gar nicht kannte. Jetzt habe ich mein Profil gelöscht - tränentriefend wurden mir Bilder meiner Freunde gezeigt: Sie werden dich vermissen. Kann ich euch dies antun? Ja, ich kann - und vereinsame zusehends. Bald muss ich hinaus in die kalte Welt, mich auf eine Parkbank setzen und mich einschneien lassen. Traurig.

Aber: es gibt ja Beves Welt. Mein Tor zu euch, selbstbestimmt. Die nächste Überraschung folgte bei blogger.com - dort ist Beves Welt zuhause. Ich hatte mein Profil sparsam gehalten, obgleich viele - vor allem Eintrachtler- mich kennen. Über meine Texte ist einiges über mich in Erfahrung zu bringen - damit kann ich leben - es sind harmlose Geschichten im Rahmen von Eintracht Frankfurt; manchmal leicht literarisiert . Will ich meinen.

In Erfahrung gebracht hat aber auch Google einiges über mich - in meinem Konto war es dargelegt: Welche Seiten habe ich besucht, welche Videos, welche Bilder, welche Suchbegriffe - all dies wurde gespeichert, sobald ich mit meinem Google-Account eingeloggt war. Falls ihr hier ein Konto habt, geht mal ins Dashboard - und schaut euch euer Konto genau an. Wisst ihr, dass euer Webverhalten genau protokolliert wird - und eindeutige Rückschlüsse über eure Persönlichkeit gezogen werden können? Rückschlüsse, über die ihr keine Kontrolle habt?

Ich meine, ich bin kein Nerd, sondern nutze das Netz wie viele von euch auch: Draußen regnet's und drinnen ist's gemütlich. Aber mir will nicht in den Kopf, weshalb ich jetzt dringend zwitschern muss, dass ich gerade Kaffee trinke oder Tee oder so. Was bringen mir soziale Netzwerke; Gefällt-mir-Buttons oder ein Fotoalbum mit Hunderttausend verwackelten Bildern zu einem Ereignis, welches eigentlich im Verborgenen statt fand - und das sich kaum jemand anschaut? Dass aber für alle Zeit dokumentiert, wer wann wo gewesen ist.

Inwieweit kann ich von sozialen Netzwerken ala Facebook, Wer-kennt-wen oder Twitter profitieren, mal abgesehen davon, dass die Zeit verfliegt? Seit knapp zwei Jahren ist mein Buch der Andermacher auf dem Markt - hat irgendjemand auf Grund meiner Web-Präsenz dieses Büchlein gekauft? Habt ihr andere Erfahrungen gemacht?

Muss ich sozial vernetzt sein? Damit mir maßgeschneiderte Reklame serviert wird? Ich bin da gerade überfordert; habe aber den Eindruck, dass die Dienste vorwiegend denen nutzen, die sie anbieten und für den Rest die Illusion besteht: Freunde zu haben - oder die Illusion up-to-date zu sein. Ich bin vernetzt - also bin ich.

Twitter - von Zeit zu Zeit zwitschere ich ja, dass es hier einen neue Beitrag gibt. Hat das irgendjemand zur Kenntnis genommen? Nimmt überhaupt irgendjemand irgendwas zur Kenntnis. Warum gibt es Twitter? Sitzt wirklich irgendjemand davor und interessiert sich für das, was andere machen. Die anderen 2.000.000 Freunde? Würde irgendjemandem etwas fehlen, wenn es Twitter nicht gäbe? Ist irgendjemandem etwas in nachhaltiger Erinnerung geblieben, was mit Twitter zu tun hat? Sind die kleinen Klickkästchen virtuelle Statussymbole, mit denen ich zeige, dass ich in der modernen Zeit dabei bin, dass ich sie begriffen habe - dass ich dazu gehöre. Wozu auch immer?


Und vor allem: wen geht es an, wie ich mich im Netz und draußen verhalte?


Hier nun ein paar Links um Thema:

c't Magazin - 2006 - Empfehlung

Stern - April 2010

Spon - April 2010

Spon - Mai 2010

Spon - Mai 2010

Spon - Mai 2010

Heise - April 2010

Eintracht-Forum

Zeit - Sept 2009


Dienstag, 25. Mai 2010

Tradition zum Anfassen - Der Uefa-Cup-Abend im Museum der Eintracht


Vier Tage vor dem Rückspiel im Finale des Uefa-Cups der Saison 1979/1980 liegt die Frankfurter Eintracht gegen Werder Bremen nach 53 Minuten mit 0:2 zurück. Norbert Nachtweih gelingt in der 56. Minute der Anschlusstreffer, Michael Künast trifft in der 77.Minute zum 2:2. Noch ist eine Minute zu spielen, als Trainer Rausch den Torschützen Nachtweih auswechselt. Für ihn kommt ein weitgehend unbekannter Nachwuchsspieler auf den Platz, der 20-jährige Christian Peukert. Mit seiner ersten Ballberührung erzielt er den Siegtreffer für die Eintracht; Werder Torwart Dieter Burdenski ist zum dritten Mal geschlagen; das Spiel ist aus - die Eintracht hat gewonnen.

Es sollte das einzige Bundesligaspiel von Peukert für die Eintracht bleiben - und ein Rekord für die Ewigkeit; welcher andere Fußballer kann für sich in Anspruch nehmen, in jeder gespielten Minute ein Tor für seinen Verein erzielt zu haben? Später wird Peukert nach Offenbach wechseln - und an der Seite von Uwe Bein noch 14 Spiele für die Kickers in der ersten Liga absolvieren - darunter auch 46 Minuten gegen die Eintracht, ausgerechnet (!) in jenem denkwürdigen Spiel, in dem die Eintracht nach 88 Minuten den Ausgleich erzielte - um im Anschluss durch Kutzops Tor doch noch mit 1:2 zu verlieren.

Dieses Spiel allerdings kam im Museum nicht zur Sprache.

Neben Christian Peukert waren Harry Karger, Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl zu Gast im Museum der Eintracht - als Vertreter jener Mannen, die in der Uefa-Pokal-Runde 79/80 kein einziges Auswärtsspiel gewinnen konnten - und nach zwölf Partien dennoch den Pokal in den Frankfurter Abendhimmel reckten. Und mit dabei waren neben etlichen Zeitzeugen und Spätgeborenen (einige waren noch am Morgen mit dem Flieger aus Vietnam in Frankfurt gelandet) auch ein Mann, der 41 Jahre für die Eintracht tätig war - und der wohl die brisantesten Geschichten unserer Diva zu erzählen hat (und der dennoch das meiste für sich behält: Was in der Kabine passierte, dringt nicht heraus): Zeugwart und Seele der Eintracht Anton Toni Hübler.

Karger, Nachtweih, Pahl und Peukert - die vier Mann, deren Lebensgeschichte nicht unterschiedlicher hätte ausfallen können, waren Bestandteil einer Mannschaft, die den bislang einzigen internationalen Titel der Eintracht geholt hat.

Ist Peukert ein Frankfurter Bub, der schon in der A-Jugend das Trikot mit dem Adler trug, so war Karger der Junge vom Land, der aus Burgsolms zur Eintracht gestoßen war - nachdem der Eintrachtfan noch als Bezirksligaspieler für Burgsolms unter der Woche mit der Eintracht A-Jugend trainiert hatte. Trainer Friedel Rausch sprach sich für eine Verpflichtung Kargers aus, der daraufhin zur Vertragsunterzeichnung ins Präsidium zu Manager Klug marschierte. Ohne unterzeichneten Vertrag kam er wieder herunter - und wurde von Rausch auf ein Neues nach oben geschickt. Dieses Mal erfolgreicher.

Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl verbindet eine ganz spezielle Geschichte. Beide sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen, beide spielten für Chemie Halle und avancierten zu Jugend-Nationalspielern der DDR. 1976 reiste das U-21 Team nach Istanbul zu einem Länderspiel gegen die Türkei - und beide setzten sich in den Westen ab. Obgleich sie sich noch in Istanbul bedeckt halten sollten, erkundeten sie die Stadt - und marschierten dort schnurstracks ins Kino.

In der Bundesrepublik angekommen, landeten die beiden wie so viele Flüchtlinge zunächst im Aufnahmelager Gießen. Als Fußballer privilegiert dauerte der Aufenthalt dort jedoch nur drei Tage; durch die Vermittlung des FDP-Spitzenpolitikers und Mitglied des Eintracht-Verwaltungsrates Wolfgang Mischnick, der Ende der Vierziger Jahre ebenfalls die DDR verlassen hatte, landete das Duo bei der Frankfurter Eintracht - und wurde bis 1978 für Pflichtspiele gesperrt.

Die Uefa-Cup-Saison 79/80 war geprägt durch Reisen, neben den Pflichtspielen stand in der Winterpause ein Turnier an der Elfenbeinküste auf dem Programm, die Spieler fluchten ob der Luftfeuchtigkeit, die Eintracht verdiente ein bisschen Geld - und landete in der Rückrundentabelle der Bundesliga auf dem 16. Platz; für die Vorrunde sprang noch der fünfte Platz heraus; im Endergebnis bedeute dies Platz neun; kein überragendes Ergebnis für ein Team in dem unter anderen Grabowski, Hölzenbein, Nickel, Cha, Pezzey, Neuberger, Borchers, Lorant oder Charly Körbel aufliefen.

Auswärts war die Eintracht auch im Uefa-Cup keine Macht; dem Unentschieden in Aberdeen folgten Niederlagen in Bukarest, Rotterdam, Brünn, München und Mönchengladbach - im Waldstadion aber gab es für Gäste nichts zu holen, dort wurde der Grundstein für den Triumph gelegt - 30 Jahre nach der Final-Niederlage im Europapokal der Landesmeister gegen Real Madrid in Glasgow gewann die Eintracht ihren ersten internationalen Titel - durch Fred Schaubs Treffer in der 81. Minute im Rückspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Doch der Reihe nach.

Hart umkämpft war der Punktgewinn in Aberdeen, ein Team, das von Alex Ferguson trainiert wurde. Chas Treffer sorgte für eine gute Ausgangsbasis, die Hölzenbein durch sein Tor im Rückspiel vor 17.000 Zuschauern vollendete - die Eintracht stand in der nächsten Runde, die Dinamo Bukarest als Gegner brachte. Blieb Karger in Bukarest vor allem die Dunkelheit der Stadt in Erinnerung so standen Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl vor dem Problem, dass Reisen in den Ostblock für DDR-Flüchtlinge mit erheblichen Risiken verbunden waren - Wolfgang Mischnick sorgte auf politischer Ebene dafür, dass beide gefahrlos in Rumänien einreisen konnten. Am Ende stand ein 0:2 und das Weiterkommen auf hölzernen Beinen, das kaum ein Eintrachtler erlebte; zu teuer und zu abenteuerlich schien die Reise nach Rumänien.

Das Rückspiel in Frankfurt brachte eines der denkwürdigsten Tore in der Geschichte der Eintracht; erst in der 73. Minute gelang Cha die 1:0 Führung - noch war dies zu wenig, der Torhüter der Bukarester, Stefan, ein Teufelskerl, hielt alles, was zu halten war - und wischte sich im strömenden Regen seine Torwarthandschuhe nach jedem gehaltenen Ball an einem Handtuch halbwegs trocken. Nach 90 Minuten hatte Schiedsrichter Fredriksson die Pfeife schon im Mund; Neuberger schlug einen langen Ball nach vorne, Körbel verlängerte und Stefan hatte den Ball sicher. So dachten alle, bis auf drei. Fredriksson, der sah, wie Hölzenbein auf dem Boden ausgerutscht war und nicht sofort abpfiff; Hölzenbein, der auf dem Boden sitzend die Wachsamkeit behielt und Stefan, dem der Ball tatsächlich aus den Händen glitt, so dass Holz sich nach der Kugel reckte und ihn Richtung Tor köpfelte. Es sollte so sein; der Mann, der die Rumänen durch seine Paraden im Wettbewerb gehalten hatte, machte in der letzten Sekunde den entscheidenden Fehler - der Ball war drin - und die Eintracht in der Verlängerung, in der Nickel den 3:0 Siegtreffer gegen 10 Bukarester erzielte; Multescu war in der 89. Minute vom Platz geflogen.

Das Achtelfinale bescherte der Eintracht eine Reise in die Niederlande, Feyenoord Rotterdam hieß der Gegner doch das Hinspiel wurde im Waldstadion ausgetragen; Rund 40.000 Zuschauer erlebten eines der besten Spiele der Eintracht, die in grünen Trikots auflief und Feyenoord an die Wand spielte. Grün die Hoffnung, grün der Rasen, grün die Eintracht - Toni Hübler hatte die Ausweichtrikots parat gelegt; jener Toni Hübler, der 40 Mark gewann als er sich aufgrund einer Wette bei einer Auslandsreise zu den Koffern setzte - und auf dem Gepäckband des Flughafens eine Runde drehte, doch dies ist eine andere Geschichte. Eine andere Geschichte ist auch die des "Ästhetikbeauftragten" Hüblers. Als nämlich Nachtweih und Pahl zur Eintracht gestoßen waren, sorgte Toni für ein vernünftiges Erscheinungsbild der ehemaligen Hallenser. Reisen zu Adidas nach Herzogenaurach und zum Ammerschläger auf die Zeil brachten den Fußballern ordentliche Klamotten - denn: Kleider machen Leute.

Cha, Nickel, Helmut Müller und Lottermann mit einem tollen Treffer legten bis zur 58.Minute eine 4:0 Führung vor; vier Minuten vor dem Ende erzielte André Stafleu das 1:4 und ließ Feyenoord einen Funken Hoffnung für das Rückspiel.

Über 60.000 hofften auf das Wunder von Rotterdam, doch die Eintracht hielt dagegen; Torhüter Funk, bei dem Licht und Schatten im Laufe der Saison in stetem Wechsel leuchteten, machte das Spiel seines Lebens für die Eintracht und hielt 89 Minuten seinen Kasten sauber - und auch den Strafraum. Deutschland und die Niederlande - durch die deutsche Besatzung bis 1945 und das verlorene WM-Endspiel 1974 sahen viele Niederländer den großen Nachbarn als ihr own private Offenbach - Frank schreibt dazu im Eintracht-Archiv: Kurz nach Wiederanpfiff tritt das Geschehen auf dem Spielfeld zunächst einmal in den Hintergrund, denn dem Spiel droht der Abbruch, als der Hagel aus Flaschen, Steinen, Böllern, Feuerzeugen und anderen Gegenständen, der aus der Feyenoord-Fankurve in Funks Strafraum niedergeht, dem Schiedsrichter zu dicht wird und er das Spiel unterbricht.

Uli Matheja, Autor des Standard-Werkes über die Eintracht Schlappekicker und Himmelsstürmer berichtete im Museum die Ereignisse aus Sicht der Fans. Die Eintrachtler hatten Karten in unmittelbarer Nähe der Feyenoord Fans bekommen, eine Meisterleistung der Kartenvergabe. Als er sich ein Bier holen wollte, erkannte er, wie die Rotterdamer die Ordner beiseite drängten und den Frankfurter Block stürmen wollten, er schaffte es (auch dank seiner Cowboystiefel), vor diesen im Block zu sein; sie kommen, sie kommen rief er und sie kamen - relativ ungehindert durch die Polizei in den Block. Die Lage schien zu eskalieren, doch einige beherzte Niederländer unterstützten die Frankfurter, bis sich die Lage zunächst wieder beruhigte. Als die Frankfurter nach Spielende ihren Bus erreichten, hatten es zwar alle aus Ulis Reisegruppe geschafft, doch ging mit einem Knall die Rückscheibe des Busses kaputt, ein Stein war hinein geflogen. Der Busfahrer drehte die Heizung auf, die Eintrachtler wärmten sich in ihren Jacken sowie mit Bier und Apfelwein und feierten das Weiterkommen ins Viertelfinale; der Treffer von Jan Peters in der 90. Minute brachte Feyenoord den Sieg - und das Aus. Eintrachtfans berichteten von wütenden Attacken seitens der Rotterdamfans, von Waffen, Hiebe, Prügel, brennenden PKWs. Letztlich waren alle froh, wieder zuhause zu sein. Dort brachte das Los Zbrojovka Brünn als Gegner im Viertelfinale; eine weitere Reise in den Osten Europas stand an; in die Tschechoslowakei.

Mit einem 4:1 Hinspielsieg im Gepäck machte sich der Eintrachttross auf die Reise nach Brünn; nicht mit dabei war Torhüter Jürgen Pahl. Er, der mit Norbert Nachtweih der erste DDR-Fußballer gewesen gewesen war, der aus der DDR geflohen ist, hatte ein Jahr zuvor das Freundschaftsspiel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem BFC Dynamo Berlin besucht, in dessen Rahmen sich der Ostberliner Lutz Eigendorf in den Westen abgesetzt hatte. Pahl wurde seitens der Stasi als Fluchthelfer verdächtigt, eine Reise in den Osten Europas schien zu gefährlich (Ein Blick in die Stasi-Akten bestätigte Jürgen Pahl, dass er in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde). Wie weit der Arm der Stasi in den Westen hinein reichte zeigt die Geschichte Lutz Eigendorfs, der bis 1983 auch im Westen auf Schritt und Tritt überwacht und aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem Verkehrsunfall quasi ermordet wurde. Norbert Nachtweih, der bei der Partie zwischen Lauten und Berlin nicht zugegen war, trat die Reise nach Brünn an - und konnte das erst Mal nach seiner Flucht seiner Familie und Freunden begegnen. Toni Hübler hatte für die vielen ostdeutschen Fans, welche das Spiel der Eintracht zu einem Ausflug in die Tschechei genutzt hatten, einen Koffer voll Souvenirs dabei, der ihm nahezu aus den Händen gerissen wurde.

Ebenfalls nicht mit dabei war Jürgen Grabowski, der langjährige Kapitän der Eintracht. Vier Tage zuvor hatte ihn Lothar Matthäus beim 5:2 der Eintracht rüde gefoult - die Geschichte zeigte, dass Grabi nie wieder für die Eintracht spielen sollte und Matthäus sich niemals dafür entschuldigt hat, im Gegenteil: Der gelernte Herzogenauracher Raumausstatter mutmaßte noch vor zwei Jahren, dass Grabi sicherlich eine gute Versicherung gehabt und seine Karriere sowieso nach der Saison beendet hätte. Grabi aber hat den Sportunfall niemals der Berufsgenossenschaft gemeldet.

Ein anderer Stern aber schien am Himmel aufzugehen, der des Harry Karger, der sowohl im Hin- als auch im Rückspiel gegen Brünn einen Treffer erzielt hatte - und der von Stefan Lottermann den Spitznamen Schädel-Harry erhielt. Über einen Freund, Arda Yural, der sowohl in Burgsolms als auch später bei der Eintracht die A-Jugend trainierte, kam der gebürtige Weilburger zur Eintracht - obgleich auch die Offenbacher Kickers in Form von Niko Semlitsch Interesse an Karger zeigten. Karger war beeindruckt, noch vor wenigen Jahren hatte sich der Eintrachtfan Autogramme von Grabi, Holz und Körbel geholt - nun stand er mit ihnen in einer Mannschaft. Er trainierte eifrig und machte schnell große Fortschritte - nicht zuletzt durch den Einfluss Bernd Nickels, der ihm - vor allem wenn Gastspieler bei der Eintracht mit trainierten - zu raunte: Heute musst du Gas geben. Harry gab Gas und erkämpfte sich seinen Platz im Team - trotz Konkurrenten wie Christian Peukert oder Fred Schaub. Noch heute leuchten seine Augen, wenn er von der damaligen Zeit spricht; eben noch in der Bezirksliga, jetzt bei der Eintracht. Leider war Schädel Harry keine große Karriere vergönnt; den beiden Treffern gegen Brünn folgten zwei weitere gegen die Bayern und einer gegen Gladbach im Hinspiel der letzten Runde. Im gleichen Spiel ereilte ihn eine Verletzung, die einen Einsatz im Rückspiel unmöglich machte und gleichbedeutend mit dem Karriereende sein sollte. In den folgenden Jahren kam Karger bis 1983 nur noch auf fünf Bundesliga- und einen Uefa-Pokaleinsatz.
Und noch für einen weiteren Eintrachtler sollte diese Saison verletzungsbedingt die letzte bleiben; Helmut Müller verletzte sich in der Bundesligapartie gegen Duisburg am 12.04. und wurde neun Tage später im Rückspiel gegen die Bayern in der 83. Minute für Willi Neuberger eingewechselt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Müller alle Uefa-Cup-Spiele der Saison 79/80 absolviert und stand auch bei den meisten Bundesligapartien von Beginn an auf dem Platz. Die letzten 37 Minuten gegen die Bayern waren seine letzten Pflichtspielminuten für die Eintracht - immerhin in einem der grandiosesten Spiele der Vereinsgeschichte.

Doch zuvor ging auch das Spiel in Brünn verloren; bis zur 88.Minute hatte die Eintracht noch mit 2:1 geführt; im Bewusstsein des sicheren Weiterkommens führten Nachlässigkeiten noch zu zwei Gegentreffern - und zum Halbfinale. Dort hieß der Gegner Bayern München wo die Eintracht in der Liga drei Tage nach dem Rückspiel in Brünn vor über 30.000 Zuschauern mit 0:2 verloren hatte. Immerhin hatten es die Riederwälder geschafft, das Hinspiel mit 3:2 für sich zu entscheiden - und das obgleich die Eintracht im Oktober 1979 schon mit 0:2 hinten gelegen hatte; Körbel, Nickel und Karger schafften binnen 11 Minuten die Wende. Im anderen Halbfinale standen sich Borussia Mönchengladbach und der VfB Stuttgart gegenüber.

Bayern im Halbfinale - dies war ein gutes Zeichen; denn Finalspiele gegen Münchner Mannschaften pflegt die Eintracht zu verlieren; so war es 1932 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen die Bayern und so war es 1964 im DFB-Pokalfinale gegen 1860. Im Halbfinale des DFB-Pokals siegte die Eintracht jedoch 1974 gegen Bayern München - um im Finale dann den HSV zu schlagen. 1977/78 konnte die Eintracht den FC Bayern im Uefa-Cup gleich zwei Mal bezwingen. 4:0 und 2:1 lauteten damals die Ergebnisse, allerdings im Achtelfinale.

Ein Thema welches die Eintracht während der gesamten Saison beschäftige waren die Torhüter. Nach dem Abgang von Jupp Koitka konnte sich bislang keiner der beiden Torhüter Funk und Pahl unter Trainer Friedel Rausch dauerhaft behaupten, stete Wechsel hatten beide verunsichert, keiner konnte sich des Rückhalts des Trainers gewiss sein. Bis auf das Hinspiel gegen Brünn hatte stets Funk im Tor gestanden - so auch im ersten Spiel in München. Gerade Mal 14.000 Zuschauer wollten sich im Olympiastadion das Halbfinale im Uefa-Cup ansehen, das nach einem Fehler von Funk und einem Elfmeter von Breitner mit 2:0 für die Bayern endete. Im Rückspiel stand wieder Pahl im Kasten. Norbert Nachtweih stand ebenfalls von Beginn an auf dem Platz, während Karger zunächst auf der Bank Platz nehmen musste, Cha und Holz sollten für die notwendigen Tore sorgen. Christian Peukert war einer von 50.000 Zuschauern im nicht ganz ausverkauften Waldstadion und auf Seiten der Bayern kehrte ein alter Bekannter ins Waldstadion zurück: Wolfgang "Scheppe" Kraus, der von 1971 bis Sommer 1979 174 Bundesligaspiele für die Eintracht absolviert hatte; 15 weitere sollten 85/86 noch dazu kommen.

Die ersten 90 Minuten standen im Zeichen des großen Bruno Pezzey der 1994 vor der Zeit verstorben ist, sein Bildnis stand ebenso wie das des Fred Schaub, der 2003 tödlich verunglückt war, im Museum auf einem Tisch und wahrscheinlich haben die beiden uns von oben beobachtet. Und dann haben sie alle Tore der Eintracht gesehen, die Frank Wagner zu einem Film verarbeitet hatte, der nun gezeigt wurde - und bei vielen Besuchern des Museums Gänsehaut verursachte.

Darunter natürlich Pezzeys 1:0 gegen die Bayern in der 31.Minute, welches die Hoffnung der Eintracht auf ein Weiterkommen nährte; verzweifelt versuchten die Adler Junghans im Tor der Bayern zu überlisten, während Jürgen Pahl (der des Öfteren Pezzey in Österreich besuchte und sich bei einem gemeinsamen Fahrradausflug waghalsig einen Abhang hinunter stürzte - im wahrsten Sinne des Wortes; eine Gruppe Ausflügler hatte Glück, dass der Torwart der Frankfurter Eintracht nicht in sie hinein gerauscht war) seinen Kasten 90 Minuten lang sauber hielt.

Pezzey sorgte auch in der 87. Minute für das erlösende 2:0; die Frankfurter hatten sich in die Verlängerung geschossen, das Stadion tobte - ein selten gekanntes Gefühl im weiten Rund der damaligen Zeit.

Nun folgte der große Auftritt des Harry Kargers; eingewechselt in der 83. Minute traf er in der 103. Minute zum 3:0 - damit hätte die Eintracht das Finale erreicht, doch Jürgen Pahl ließ zwei Minuten später einen Schuss Dremmlers unter seinem Körper hindurch gleiten, nun standen die Bayern im Finale. Doch wiederum zwei Minuten später wuchtete Karger den Ball zum 4:1 ins Netz - endgültige Klarheit verschaffte dann Werner Lorant, der zwei Minuten vor dem Ende per Foulelfmeter zum 5:1 traf - und die Eintracht endgültig ins Endspiel resp. in die beiden Endspiele schießt. Sicherlich freute sich Jürgen Pahl am meisten - sein Fehlgriff beim 1:3 hatte keine gravierenden Folgen.

Als Endspielgegner kristallisierte sich Borussia Mönchengladbach heraus; mit 2:0 und 1:2 hatten sie den VfB Stuttgart aus dem Rennen geworfen und waren nun Gastgeber des ersten Finalspiels.

Alle Hoffnungen auf einen Einsatz Grabowskis hatten sich zerschlagen, die Eintracht reiste ohne ihren Kapitän zum Bökelberg. Pahl stand wieder zwischen den Pfosten, Karger von Beginn an auf dem Feld - diesmal musste Norbert Nachtweih auf der Bank Platz nehmen - und sah das 0:1 durch - Harry Karger. Mit dem Pausenpfiff egalisierte Kulik die Eintrachtführung, doch Hölzenbein konnte nach Flanke von Borchers die Eintracht nach 71 Minuten mit 2:1 in Führung bringen. Sechs Minuten später fiel der erneute Ausgleich. Karger musste überdies in der 81. Minute verletzt vom Feld, der Anfang vom Ende seiner Karriere und zu allem Überfluss sichert Kuliks zweiter Treffer in der 88. Minute Borussia Mönchengladbach den Sieg. Wieder einmal hatte die Eintracht ein Spiel verloren, dass nicht verloren werden durfte. Doch ruhte die Hoffnung der Frankfurter auf der bekannten Heimstärke; fünf Mal trat die Eintracht im Waldstadion an, fünf Mal hatte sie dieses als Sieger verlassen.

Mit knapp 60.000 Zuschauern war das Rückspiel am 21. Mai 1980 ausverkauft - unter ihnen ein pickliger Teenager, der dreißig Jahre später das Glück hatte, die Veranstaltung im Museum zu moderieren. Es war nicht mein erstes Eintracht-Spiel - und auch nicht mein letztes; aber es sollte bislang das einzige bleiben, bei dem mir beim Siegtreffer von hinten vor Freude an die Schuhe gekotzt wurde.

Im Stadion hing ein riesiges Transparent: Eintracht Frankfurt - Uefa-Cup Sieger 80 stand darauf geschrieben - Ralf Holl, der uns vor Jahresfrist den Film über die Diva bescherte, hatte mit Kumpels, Taschengeld und einem großzügigen Stofflieferanten dafür gesorgt, dass das erste Großtransparent pünktlich zum Finale im Waldstadion hing; hilfsbereite Ordner halfen ihm seinerzeit, das Kunstwerk an den Zäunen zu befestigen.

Zuviel stand für beide Teams auf dem Spiel, als dass wir ein Feuerwerk wie gegen Rotterdam oder Brünn gesehen hätten, gefühlt lässt sich die Partie mit 81 Minuten warten und neun Minuten zittern am besten beschreiben. Trainer Rausch will nach einer dreiviertel Stunde eigentlich Hölzenbein auswechseln - überlegt es sich aber anders und bringt in der 77. Minute den jungen Fred Schaub für Norbert Nachtweih. Jener Schaub, über den Harry Karger später sagen sollte: Der war frech, der versuchte sogar einem Grabi im Training den Ball zwischen den Beinen hindurch zu spielen. Keine vier Minuten später kommt das Leder über Holz und Körbel zu Schaub, der im Strafraum abzieht und Torhüter Kneib überlistet; jetzt steht es 1:0 für die Eintracht - und mit diesem Ergebnis wäre der Uefa-Cup unser. Einer hat ganz andere Probleme: Toni Hübler; der muss nämlich dafür sorgen, dass die Spieler unmittelbar nach Spielende ihre Trikots wechseln; die Statuten untersagten es, dass die Mannschaften in internationalen Wettbewerben mit Reklame auf der Brust antreten durften; die Eintracht spielte in roten Adidas-Trikots mit weißen Streifen, während Hübler einen gleichen Satz Trikots parat legte, auf denen der Schriftzug Minolta prangte, der Trikotsponsor der Eintracht hatte es so gewollt. Und mit dem Schusspfiff brandete der Jubel auf - die Eintracht hatte es tatsächlich geschafft; sie war der gefeierte Uefa-Cup-Sieger 1980. Toni Hübler verteilte die Leibchen an alle. Nun ja, an fast alle: Bruno Pezzey fragte ihn nämlich in seiner unnachahmlichen Art: Wos gibts den do für uns für a Marie und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander - Hübler schüttelte mit dem Kopf - und so kam es, dass auf dem Mannschaftsbild mit dem Cup alle Spieler die zum Schlusspfiff auf dem Platz gestanden haben ein Trikot mit dem Aufdruck des Sponsors tragen. Alle - bis auf einen.

Bernd Hölzenbein nahm den Pokal in Empfang und überreichte ihm dem scheidenden Kapitän - Jürgen Grabowski, dessen Namen das gesamte Stadion skandierte; unvergessen die Bilder, als Grabi in seiner braunen Lederjacke den Cup in den Frankfurter Abendhimmel stemmte.

Und so endete die Saison 79/80 mit einem der größten Triumphe in der Geschichte der Frankfurter Eintracht - und auch ein weiterer denkwürdiger Abend im Museum. Vielen Dank an Harry Karger, Norbert Nachtweih, Jürgen Pahl und Christian Peukert, die nicht nur 79/80 dabei waren - sondern auch 30 Jahre danach noch einmal gefeiert wurden - von euch.

Jürgen Pahl wurde gemeinsam mit Norbert Nachtweih 1981 im Trikot der Eintracht DFB-Pokalsieger, Nachtweih avancierte zum national erfolgreichsten Spieler der jemals das Trikot der Adler getragen hatte; er wechselte 1982 (Zitat: nachdem ich mich im Westen eingewöhnt und die Sprache gelernt hatte) zu Bayern München - dort holte er noch weitere zwei Mal den DFB-Pokal und wurde sogar vier Mal Deutscher Meister.

Einen großartigen Bericht über den Saisonverlauf findet ihr im Eintracht-Archiv, geschrieben - wie so vieles - von Frank Gotta.


Toni Hübler


Die Fotos von der Veranstaltung (Peukert, Pahl, Nachtweih, Karger und Toni Hübler) sind von Stefan Krieger, das Bild des Banners von Fabian Böker und die Archiv-Bilder aus dem Eintracht-Archiv. Vielen Dank.

Dienstag, 18. Mai 2010

Tradition zum Anfassen "Wir haben den Pokal"


Die Bundesliga war seinerzeit die absolut dominierende Liga Europas. Schon die beiden Halbfinals waren eine rein deutsche Angelegenheit gewesen. Während Gladbach den VfB Stuttgart ausschaltete, nahm die Eintracht im Waldstadion die Münchner Bayern auseinander.

Als Fred Schaub wenige Minuten vor dem Ende des Final-Rückspiels das erlösende 1:0 für die Eintracht erzielte, kannte der Jubel im Stadion keine Grenzen: Wir haben den Pokal – die Eintracht war UEFA-Cup-Sieger 1980!

Unmittelbar nach Abpfiff feierte das tobende Stadion einen Mann, der beim Finale aufgrund einer Verletzung gar nicht mitwirken konnte: „Gra-bow-ski, Gra-bow-ski“ schallte es durchs Rund. Bernd Hölzenbein, der die Kapitänsbinde von seinem jahrelangen kongenialen Partner übernommen hatte, sorgte für eine bewegende Geste:

Nachdem ihm als Spielführer der Pokal überreicht worden war, suchte er sofort den am Rande auf Krücken stehenden Grabi auf. Nur gemeinsam mit ihm wollte er den Pokal in die Höhe stemmen.

Der 21. Mai 1980 war ein großer Tag für die Eintracht: Im Rückspiel des UEFA-Cup-Finales gegen Borussia Mönchengladbach sollte – zwanzig Jahre nach den glanzvollen Auftritten der Mannschaft um Alfred Pfaff in Glasgow – endlich die erste europäische Trophäe an den Main geholt werden.

Am Vorabend des 30. Jahrestages erinnern wir im zwölften Teil der Veranstaltungsreihe „Tradition zum Anfassen“ noch einmal an legendäre UEFA-Pokalabende. Über die Stationen Aberdeen, Bukarest, Rotterdam und Brünn erreichte die Mannschaft das Halbfinale gegen die Bayern. Nach einem 0:2 in München wuchs das Team von Friedel Rausch im Rückspiel über sich hinaus und bezwang die Bayern in Frankfurt mit 5:1 n.V. Eine knappe 2:3-Niederlage beim Final-Hinspiel in Gladbach bereitete den Boden für den großen Triumph im Rückspiel.

Viele Legenden ranken sich um Hölzenbeins Sitzkopfballtor gegen Bukarest und um den feindseligen Empfang der Eintrachtfans in Rotterdam. Wir zeigen noch einmal die schönsten Tore und begrüßen ehemalige Spieler, Funktionäre und Fans, die den großen Erfolg von 1980 gemeinsam erreicht haben.

DONNERSTAG, 20. Mai 2010
19.30 UHR, EINTRACHT FRANKFURT MUSEUM
EINTRITT FREI

Hinweis: Wegen einer Veranstaltung auf dem Gelände des Stadions bitte auch die Parkplätze in der Tiefgarage nutzen.

Freitag, 14. Mai 2010

Eintracht in aller Welt



England/USA: Concord

Latein: Concordia

Frankreich: Concorde

Spanien: Armonía

Italien: Armonia

Vietnam: Dong Tam

China: 一致

Russland: взаимопонимание


Fortsetzung folgt ...

... hier:

User Bigbamboo gab zu Protokoll (ohne Gewähr aber mit Dank :-):

Indonesisch: Kerkunan


Es folgt:

Tschechisch: Svornost

Griechisch: Ὁμόνοια

Polnisch: Zgoda (mit Dank an rbk)

Türkisch: Uyum oder Ahenk


Gerne werden andere Sprachen übernommen.

Lieblingsschreibfehler








Böllerfalltor; Böllenfalltor - ein paar Millimeter haben eine große Wirkung.

Eintracht Frankfurt verpflichtet Gad De Z'wesch - Vietnamreise erfolgreich


Donnerstag, 13. Mai 2010

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen - Teil III


Wie berichtet, trafen sich annähernd 50 Interessierte anlässlich der Stolpersteinverlegung im Gedenken an den von Nazis im April 1942 ermordeten jüdischen Eintrachtler Hans Rosenbaum und dessen Eltern im Museum der Frankfurter Eintracht.

Im Laufe der Veranstaltung schilderte Eberhard Schulz von der Versöhnungskirche des KZ Dachau den Lebenslauf des ebenfalls von Nazis ermordeten jüdischen Nationalspielers Julius Hirsch, während Helga Roos und Bertan Tufan Einblicke in die Arbeit der Geschichtswerkstatt gewährten, die sich 2008 mit der Historie der Firma J. & C.A. Schneider beschäftigten, dem Schlappeschneider, dessen Inhaber Adler und Cousin Walter Neumann, genannt Schlappe-Stinnes große Mäzene der Eintracht waren - bis der Betrieb arisiert wurde und für einen Spottpreis verkauft werden musste.

Zur Geschichte des Eintrachtlers Hans Rosenbaum hat Matthias Thoma, Museumsdirektor der Frankfurter Eintracht, den nun folgenden Text recherchiert und verfasst, der als Broschüre zur Stolpersteinverlegung verteilt und mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde:


Hans Rosenbaum wurde am 9. September 1907 in Frankfurt am Main geboren. Seine Eltern waren der Metzgermeister David Rosenbaum (*7. April 1876) und dessen Frau Frieda (*20. Dezember 1890), geborenene Sichel. Die Rosenbaums betrieben in der Straße Unterlindau 74 eine florierende Metzgerei, die aus dem Verkaufsgeschäft und einer Wurstmacherei im Keller bestand. Die Privatwohnung war im gleichen Haus untergebracht. An Wochenenden fuhren die Rosenbaums oft zum Ausspannen in den Taunus, hier wohnten sie in Kronberg. In den 1920er Jahren wurde Hans Rosenbaum Mitglied der Eintracht und engagierte sich fortan in der Fußballjugend des Vereins am Riederwald. Hans war ein sportlicher Typ, 1,80 groß und schlank. Leider sind keine Fotos von Hans Rosenbaum überliefert, der Name taucht aber immer wieder in Mitgliederlisten und Spielerpassbestellungen auf. Wie lange Hans Rosenbaum Mitglied der Eintracht war, ist nicht bekannt. Beruflich eiferte er seinem Vater nach. Nach dem Besuch der höheren Schule arbeitete er als Metzger im elterlichen Betrieb. Während der Reichspogromnacht 1938 wurde das Familiengeschäft der Rosenbaums von Nationalsozialisten zerstört, Hans und sein Vater wurden vorübergehend nach Buchenwald deportiert.

A
m 8. Mai 1940 wurde Hans Rosenbaum von einem Sachbearbeiter der Würtembergischen Versicherung angezeigt. An einer Jöst-Trinkhalle an der Ecke Zeil/Friedberger Anlage hatte er sich am 21. April am Zigarettenanzünder den Mantel verbrannt. Den Schaden ließ er reparieren und zahlte die Rechnung in Höhe von 16,50 RM. Zuhause änderte Hans die Rechnung ab und reichte bei der Versicherung einen Erstattungsantrag über 26,50 RM ein. Noch am Tag der Anzeige wurde Hans Rosenbaum verhaftet und am 4. Juni wegen schwerer Urkundenfälschung zu sechs Monaten Haft verurteilt. Am 17. Juni beantragte sein Vater David die Freilassung von Hans, da er seit vielen Jahren an "epileptischen Anfällen mit bewusstseinstörenden Anfällen" leide. Zur Bestätigung legte er mehrere ärztliche Atteste vor. Hans Rosenbaum wurde daraufhin am 27. Juni 1940 aus der Haftanstalt Preungesheim entlassen, "Strafaussetzung" wurde gewährt.

A
m 19. April 1941 wurde die gesamte Familie Rosenbaum bei der ersten großen Deportation jüdischer Frankfurter ins Ghetto Litzmannstadt (heutiges Lodz) verschleppt. Das Amtsgericht Frankfurt intervenierte daraufhin und forderte, dass Hans Rosenbaum noch einen Teil seiner Strafe zu verbüßen habe. Daraufhin antwortete die Gestapo Litzmannstadt: "Da im hiesigen Ghetto, das vollkommen umschlossen ist und durch die Schutzpolizei bewacht wird, zur Zeit erhebliche Fälle von Seuchenkrankheiten herrschen, darf der Jude Rosenbaum wegen der Gefahr einer Verschleppung von Seuchen das Ghetto nicht verlassen... Im hiesigen Ghetto ist ein unter jüdischer Aufsicht stehendes Gefängnis errichtet worden, in dem Juden unter hiesiger Aufsicht ihre Strafen verbüßen. Ich bitte, auch im Falle Rosenbaum mir die Genehmigung zu erteilen, dass er die Strafe von 6 Monaten im hiesigen jüdischen Zentralgefängnis verbüßt." Der Oberstaatsanwalt in Litzmannstadt antwortete am 3. April 1942: "Nach den im hiesigen Ghetto herrschenden Verhältnissen, die dem Amtsgericht Frankfurt wohl nicht bekannt sein können, würde die Überführung des Juden in den deutschen Strafvollzug - sei es Gefängnis oder Straflager - für ihn kaum eine Strafe bedeuten. Das Ghetto Litzmannstadt ist ein geschlossenes Judenghetto. Abgesehen von anderen Gründen war die vollkommene Abschließung des Ghettos auch aus gesundheitspolitischen Erwägungen erforderlich, so daß schon von diesem Standpunkt aus die Verbringung eines Ghettojuden in den Strafvollzug schwersten Bedenken begegnet."

Am 12. April 1942 trat Hans Rosenbaum im Zentralgefängnis von Litzmannstadt die Verbüßung seiner Reststrafe an. Die Haft überlebte er keine Woche. Am 18. April 1942 um 9:20 verstarb er im Zentralgefängnis.

A
uch Frieda und David Rosenbaum, die Eltern von Hans, kamen im Ghetto Litzmannstadt ums Leben. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.



Soweit Matthias Thomas trauriger Text.

Am 07.Mai 2010 trafen sich wiederum 50 Eintrachtler zur Stolpersteinverlegung zum Gedenken an Hans, Frieda und David Rosenbaum, darunter Präsident Peter Fischer, Vize Axel Hellmann, Vorstandsmitglied der Fußball AG Dr. Thomas Pröckl und Abteilungsleiter Stefan Minden von der Fan- und Förderabteilung. Mitarbeiter des Fanprojektes, das wie auch die Ultras für die Stolpersteine gesammelt hatte, spannten vor der Unterlindau 74 ein Transparent gegen Rassismus auf. In seiner Rede erinnerte Eintrachtpräsiden Fischer daran, dass es mindestens 20 ermordete jüdische Eintrachtler gegeben habe und die Eintracht sich auch weiterhin dafür einsetzen wird, dass die Erinnerung lebendig bleibt. Besonders stolz war Fischer darauf, dass diesmal die Fans der Eintracht für die Steine gesammelt hatten.

Matze Thoma schilderte anschließend die bewegende Geschichte der Rosenbaums, während der Künstler Gunther Demnig die Steine vor der ehemaligen Metzgerei verlegte. Fans und auch der Präsident legten Blumen nieder, gedachten der traurigen Tage - und wenn wir auch geschehenes Unrecht nicht wieder gut machen können, so liegt es an uns, neues Unrecht nicht zu zu lassen. Welche Maske es auch immer trägt.

Herzlichen Dank an Matthias Thoma, nicht nur für den Text über die Rosenbaums, sondern auch für die intensive Recherche zum Thema - ohne die das Wissen um die finstere Zeit auch der Eintracht vielleicht heute noch im Verborgenen liegen würde. Egal, ob und welchen Glauben wir in uns tragen; Wir waren - und wir sind: Die Juddebube.




Julius Hirsch, ermordet wahrscheinlich 1943 - Karlsruher FV/Spvgg Fürth




Miniaturhausschuhe der Firma Schlappeschneider - Geschenk an das Museum von der Geschichtswerkstatt




Silberbesteck von Hugo Reiss neben den Schlappen von J. & C.A. Schneider

Mittwoch, 12. Mai 2010

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen - Teil 2


Anlässlich der Stolpersteinverlegung in Gedenken an den Eintrachtler Hans Rosenbaum und dessen Eltern David und Frieda veranstaltete das Museum der Eintracht einen Abend unter dem Motto Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen. Eberhard Schulz von der Versöhnungskirche im KZ Dachau erinnerte an den ermordeten Nationalspieler Julius Hirsch - im ersten Teil meines Berichtes im Blog hatte ich mich damit beschäftigt. Im weiteren Verlauf des Abends berichteten Helga Roos und Bertan Tufan vom Sportkreis Frankfurt von den Ergebnissen der Geschichtswerkstatt Schlappeschneider – Schlappekicker, in der sich Schüler aus dem Gallusviertel 2008 mit der Geschichte der Schuhfabrik I.C.A.S. Schneider auseinandersetzten.

1908 gründeten John und Carl August Schneider die Frankfurter Spezialfabrik für Babyschuhe in der Merianstraße. 1911 wird die Fabrik von Lothar und Ludwig Adler übernommen, 1914 erfolgte der Umzug ins Gallus, in die Mainzer Landstraße. Nach dem ersten Weltkrieg, in dem J.&C.A. Schneider vorwiegend Zeltplane und Tornister produzierten, trat der Cousin der Adlers, Walter Neumann, später genannt Schlappe-Stinnes, in die Fabrik ein. J.C.A.S entwickelte sich zu einem prosperierendem Unternehmen exportierte Hausschuhe in alle Welt und unterstützte zudem die Frankfurter Eintracht; das Profitum war in Deutschland noch weitgehend unbekannt, die Eintracht rangelte mit dem Fußballsportverein, dem FSV Frankfurt, der 1925 als erste Frankfurter Mannschaft das Endspiel um die deutsche Meisterschaft erreichte (und im neuen Waldstadion unglücklich gegen den 1.FC Nürnberg unterlegen war) um die Vormachtstellung im hessischen Fußball und so führte das Mäzenentum der Schuhfabrik dazu, dass etliche Eintrachtler eine Anstellung beim Schlappeschneider erhielten - und somit für ihr Auskommen gesorgt war. Frau Schütz, damals hochbetagte Witwe des Eintracht-Spielführers Franz Schütz und mittlerweile verstorben, gab Matze Thoma bei dessen Recherchen zu seinem Buch Wir waren die Juddebube vor einigen Jahren zu Protokoll, dass etliche Eintrachtler nicht all zu oft bei ihrem Arbeitsplatz anzutreffen waren; sie mussten trainieren. Doch nicht nur die Fußballer, auch der Schatzmeister der Eintracht, Hugo Reiss, - wie die Inhaber der Fabrik jüdischen Glaubens - arbeitete beim Schlappeschneider - und feierte die süddeutsche Meisterschaften 1930 und 1932. Im Endspiel um die deutsche Meisterschaft unterlag die Eintracht im selben Jahr unglücklich gegen Bayern München in Nürnberg mit 0:2.

Neben Hugo Reiss waren die Spieler Ehmer, Gramlich, Leis, Kellerhoff, Kron, Möbs, Mantel, Schaller, Schütz und Stubb bei der Schuhfabrik JCAS angestellt. So wurde aus der Eintracht im Sprachgebrauch die Juddebube und ein weiterer Begriff aus der damaligen Zeit prägt die Eintrachtler bis heute: Die Schlappekicker. Denn jeder Frankfurter weiß: Hausschuhe, das sind Schlappe. Wer hat ihn nicht in seiner Kindheit gehört, den Satz: Bub, zieh dei Schlappe aa, du holst dir sonst'n Bipps.

Auf den bis dato größten Erfolg der Vereinsgeschichte folgte die Machtübernahme der Nazis. Schatzmeister Hugo Reiss ahnte die dräuende Gefahr und verließ Deutschland in Richtung Italien um später nach Chile auszuwandern; Reste seines Silberbesteckes sind heute im Museum zu bewundern - stumme Zeugen einer Flucht, die aus einem wohlhabenden Mann einen Heimatlosen machte. Hugo Reiss gelang es, sich in Chile eine neue Existenz aufzubauen; mindestens 20 jüdische Eintrachtler wurden nachweislich von den Nazis ermordet; wie Millionen andere in den KZs vergast und elendig umgebracht.

Fußballweltmeisterschaft Italien 1934. Im Kader der deutschen Mannschaft steht mit Rudi Gramlich ein Eintrachtler - er bestreitet ein Spiel beim 2:1 gegen Schweden im Viertelfinale, nachdem Deutschland zuvor Belgien mit 5:2 besiegt hatte. Im Anschluss an das Spiel gegen Schweden reist Gramlich zurück nach Deutschland, ein Vorgehen, das in der Öffentlichkeit misstrauisch beäugt wurde; Gerüchte rankten sich darum, dass Gramlich, der als Ledereinkäufer beim Schlappeschneider angestellt war, in die Heimat fuhr, um seinen bedrängten jüdischen Chefs bei zu stehen. Gramlich selbst erklärte in einem Interview mit der Rundschau 1968: Die jüdische Schuhfabrik, für die ich tätig war, bekam 40% ihres Kontingents gestrichen, so dass ich als Ledereinkäufer dringend gebraucht wurde. Die Öffentlichkeit war natürlich sauer, vor allem die Parteipresse. (Wir waren die Juddebube, Seite 76)

Klaus Gramlich, der Sohn Rudis und Präsident der Eintracht von 1983-1988 erklärte während der Veranstaltung, dass sein Vater entgegen der These, die Eintrachtler hätten beim Schlappeschneider zwar einen Schreibtisch besessen, seien dort aber selten anzutreffen gewesen (siehe Teil 1) sehr wohl aktiv gearbeitet habe.

1936 war Rudi Gramlich Olympiateilnehmer in Berlin; einem 9:0 gegen Luxemburg folgte ein überraschendes 0:2 gegen Norwegen - und damit das Aus. Gramlich erklärte seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft - spielte aber bis 1939 für die Eintracht und zudem 1942/43.

Obgleich die weitere Geschichte Rudi Gramlichs während der Veranstaltung keine Rolle spielte, möchte ich an dieser Stelle den Werdegang des heutigen Ehrenpräsidenten kurz beleuchten.

So schreibt die FAZ im Juni 2008 anlässlich der Ausstellungseröffnung Schlappeschneider - Schlappekicker: Der wohl bekannteste Riederwälder, der sein Geld bei Jcas verdiente, war Nationalspieler Rudolf „Rudi“ Gramlich. Es ist eine traurige Geschichte, dass der einstige Ledereinkäufer in der Nazi-Zeit in die Waffen-SS eintrat und mit Billigung des Gauleiters die Eintracht-Führung übernahm, während der Betrieb seines ehemaligen Arbeitgebers „arisiert“ wurde.

1938 übernahm Gramlich die Ledergroßhandlung Jakob Schönhof, deren Inhaber der jüdische Lederkaufmann Herbert Kastellan war. Gramlich, der Ende 1938 Vereinsführer der Eintracht wurde, organisierte die Feierlichkeiten zum 40jährigen Bestehen der Eintracht; im Juni 1939 wurde aus diesem Anlass eine Sonderausgabe der Vereins-Nachrichten herausgegeben. Matthias Thoma schreibt dazu in den Juddebuben: Und beim genauen Betrachten der Festschrift erkennt man, dass zum 40. Geburtstag auch die Eintracht arisiert war. Damnatio memoriae, die völlige Auslöschung des Andenkens an eine Person durch die Nachwelt, fand auch bei der Eintracht Anwendung: Im zweiseitigen Rückblick auf die Historie der Eintracht, in dem die Namen der Sportpioniere, Förderer und Funktionäre noch einmal ins Gedächtnis gerufen werden, fehlen viele Namen: Keine Rede ist mehr von Walter Bensemann, dem Gründervater des Vorgängervereins Frankfurter Kickers. Keine Rede von Hugo Reiss, dem ehemaligen Schatzmeister, ebenso wenig von den Gebrüdern Adler oder Walter Neumann. Auch Dr. Paul Blüthenthal, der Förderer der Leichtathletik, taucht nicht mehr auf. Und mit Arthur Cahn wurde sogar der ehemalige Vorsitzende eines Vorgängervereins unter den Tisch gekehrt. (Wir waren die Juddebube, Seite 141)

Und weiter: Das Tilgen der Namen ehemaliger jüdischer Sportler, Funktionäre und Sponsoren, das selbst in der gleichgeschalteten Sportpresse bis 1942 nicht konsequent durchgeführt wurde, wurde am Riederwald mit einer großen Sorgfalt betrieben. Und dies geschah unter der Mitverantwortung Rudi Gramlichs, der viele Jahre seines Berufslebens bei Adler, Neumann und Reiss in der Mainzer Landstraße verbrachte: bei denen, die jetzt von der Eintracht verleugnet wurden. (Ebd. S. 142)

Gramlich wurde im Mai 1945 von den Alliierten verhaftet und mit schweren Vorwürfen konfrontiert. So veröffentlichte die Frankfurter Rundschau im August 1945 einen Artikel, der besagt, dass in der Privatwohnung Gramlichs Fotografien gefunden wurden, die angeblich den mit einem Gewehr bewaffneten Gramlich in Krakau vor Zivilisten - teilweise mit weißen Armbinden - die an einer Hauswand standen, zeigen. Das Foto stammte von einem Einsatz des 8. SS-Totenkopfregimentes, dem Gramlich von 1939 und 1940 angehörte. (Ebd. S. 189 ff)
Gramlich wurde der Teilnahme an Kriegsverbrechen verdächtigt und als Hauptschuldiger eingestuft; auch stand der Vorwurf im Raum, dass Gramlich während des Krieges in einer Acht-Zimmer-Wohnung lebte, die einem jüdischen Mitbürger von der Gestapo beschlagnahmt wurde. Widersprüchliche Aussagen seiner Stubenkameraden entlasteten ihn, auch rassistisch Verfolgte und tschechische Sportler sagten für ihn aus - sein ehemaliger Arbeitgeber, Walter Neumann, aber habe keine Entlastungserklärung für ihn abgegeben. Thoma schreibt: Neumann bezeichnete Rudolf Gramlich nach dem Krieg an anderer Stelle als führenden Nazi. (S. 91)

Letztlich verbrachte Gramlich zweieinhalb Jahre in Haft und erhielt eine zweijährige Bewährungsstrafe nebst 10.000 Mark Geldstrafe; nach Berufung wurde die Bewährungsstrafe gestrichen, die Geldstrafe auf 5.000 Mark reduziert. 1948 nahm er wider an einer Vorstandssitzung der Eintracht teil, wurde 1949 Spielausschussvorsitzender und letztlich von 1955 bis 1970 Präsident der Frankfurter Eintracht; verstorben 1988 ist Gramlich bis heute Ehrenpräsident der Eintracht - und auch wenn die Geschichte bis heute nicht ins Detail aufgearbeitet wurde, so verweisen viele Details zumindest auf die Fragwürdigkeit dieser Personalie.

Die Schuhfabrik J. & C.A. Schneider wurde 1938 arisiert; die Gebrüder Adler gezwungen, die Fabrik weit unter Wert zu verkaufen - Lothar und Fritz Adler, die Nachfolger von John und Carl August hatten keine Wahl, zumal Fritz Adler in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verhaftet und ins KZ Buchenwald verbracht wurde; eine Entlassung ging Hand in Hand mit der abgepressten Zustimmung zum Verkauf, die Fritz Adler nach 14 Tagen erbrachte. Im Dezember 1938 wurde die Fabrik verkauft, vom eigentlichen Wert von 15 Millionen Reichsmark verblieben 4,5 Millionen als Kaufpreis; letztlich erhielten die Gebrüder Adler 196.000 Reichsmark - die Differenz ergab sich aus Zwangsabgaben, die an den Staat fielen - so mussten die quasi enteigneten Juden ihre eigene Vernichtung finanzieren.

Walter Neumann vom Schlappeschneider emigrierte nach Großbritannien, nannte sich fortan Newman und verstarb 1948, nachdem er sich auch im Exil eine Existenz als Schuhfabrikant aufgebaut hatte. Lothar und Fritz Adler flüchteten nach New York und erhielten nach Kriegsende Wiedergutmachungszahlungen für die erlittenen Verluste; auch die Firma J. & C.A. Schneider ging wieder in ihren Besitz über. Ihren Lebensmittelpunkt aber behielten sie in New York.

Teil III folgt; dann wird die Geschichte von Hans Rosenbaum beleuchtet, einem Eintrachtler, der 1942 im KZ Lodz ermordet wurde; das Todesdatum seiner Eltern ist nicht bekannt. Auch folgt ein kleiner Bericht über die Stolpersteinverlegung vor der Unterlindau 74, bei der nicht nur Eintracht-Präsident Peter Fischer nebst Vize Axel Hellmann anwesend war, sondern auch Dr. Thomas Pröckl von der Eintracht Frankfurt Fußball AG sowie das Fanprojekt nebst vielen Fans.


Ralf Weber und Panini

Am Sonntag jährt er sich wieder, jener 16. Mai 1992, den kein Eintrachtfan vergessen kann. Die Erinnerungen an den sonnigen Frühsommertag enthalten bei den Fans jedoch keine Meisterschalen, Jubelbilder und Freudentränen, sondern Trauer, Wut und große Enttäuschung. Als Tabellenführer reiste die Eintracht vor nunmehr 18 Jahren am letzten Spieltag der Saison 1991/92 an die Ostsee. Beim designierten Absteiger Hansa Rostock sollte der Titelgewinn perfekt gemacht werden. Wie der Tag endete, ist allgemein bekannt. Der Pfosten verhinderte einen angemessenen Saisonausklang, der Schiedsrichter traf eine folgenschwere Fehlentscheidung und die Mannschaft stand sich auf dem Weg zu Glanz und Gloria mehr als einmal selbst im Weg.

Am Sonntag, den 16. Mai 2010 zeigt das Eintracht Frankfurt Museum die Partie von Rostock ab 15.30 Uhr noch einmal in voller Länge. Auch wenn viele Eintrachtler die Bilder von Damals nie mehr sehen wollen, möchten wir anderen Fans doch die Möglichkeit geben, kollektiv noch einmal zu trauern, den vergebenen Chancen nachzuklagen und die verschiedensten Verschwörungstheorien zu verifizieren. Mit wem könnte man das besser machen als mit Ralf Weber? Ralf Weber –Traumatisierte wissen das- wurde in der Saison 1991/92 gleich dreimal hundsgemein und elfmeterreif in Strafräumen der wiedervereinigten Liga gefoult. Einen Strafstoß bekam die Eintracht für diese Vergehen jedoch nie. Auch nicht an der Ostsee. Wir freuen uns, dass Ralf Weber den Nachmittag mit uns verbringen wird und für Fragen zu Grätschen und Notbremsen zur Verfügung steht.

Um der traumatisierenden Veranstaltung zumindest einen Lichtblick zu geben, haben wir uns entschlossen, die diesjährige „Paninibild-Sammelbörse“ am Sonntag zu eröffnen. Rund um die Übertragung können Besucher also die Lücken in Ihren WM-Alben füllen und so zwar aufgewühlt, aber mit einem gut gefüllten Album nach Hause zu gehen.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch – auch an diesem schwarzen Tag der Vereinsgeschichte…

Sonntag, 16. Mai 2010
Start: 15.30 Uhr
Eintritt: 5,00 Euro, erm. 3,50 Euro

Zudem öffnet die Panini-Tauschbörse ab dem 23.05.2010 bis zum 06.06 jeweils Sonntags um 11:00 gegen geringes Entgeld ihre Pforten.

Tausche Pienaar gegen Clark.

Dienstag, 11. Mai 2010

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen - Teil 1


Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen - so schrieb der ehemalige Vorsitzende Arthur Cahn der Eintracht aus dem chilenischem Exil im Jahr 1952. 1936 war er mit seiner Schwester nach Chile geflüchtet - und sollte niemals mehr in seine Heimat Frankfurt zurück kehren, obgleich das Heimweh ihn plagte; der Tod durchkreuzte das Vorhaben im Februar 1952. In Erinnerung an den ehemaligen Spieler, Vorsitzenden und Pressewart lief die Eintracht zum Oberligaspiel gegen 1860 München am 02. März 1952 mit Trauerflor auf.

Ihr Eintrachtler, lasst euch nicht zerbrechen - so lautete auch das Motto einer Veranstaltung im Museum am 05. Mai 2010 anlässlich der zweiten Stolpersteinverlegung im Gedenken an jüdische Eintrachtler, die von den Nazis ermordet wurden. Wurde 2008 in der Finkenhofstraße in unmittelbarer Nachbarschaft des früheren Wohnortes des jetzigen Eintracht Präsidenten Peter Fischer an den ermordeten Eintrachtler Emil Stelzer und dessen Frau Elsa gedacht, so galt das Gedenken nun dem Fußballer Hans Rosenbaum und dessen Eltern Frieda und David, die in der Unterlindau 74 eine florierende Metzgerei betrieben, welche in der Reichspogromnacht 1938 zerstört wurde.

Am Abend vor der Stolpersteinverlegung fanden sich annähend 50 Interessierte im Museum der Eintracht ein, um sich nicht nur die traurige Geschichte der Rosenbaums zu vergegenwärtigen, sondern auch in Erinnerung an den großen deutschen Fußballer Julius Hirsch, der im Trikot des Karlsruher FV und der Spvgg Fürth den Vorgängervereinen der Frankfurter Eintracht so manches Tor eingeschenkt hatte und zwei Mal deutscher Meister sowie Nationalspieler wurde, bevor er 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und aller Wahrscheinlichkeit nach dort ermordet wurde. Das offizielle Todesdatum wird wie bei so vielen auf den 08. Mai 1945 datiert, auf den Tag der endgültigen Kapitulation Deutschlands.

Der zweite Themenkomplex befasste sich mit der Schuhfabrik J.& C.A. Schneider genannt Schlappeschneider, deren Mäzenentum die Eintracht bis 1932 an die Spitze des deutschen Fußballs gebracht hatte - 1932 unterlag die Eintracht als süddeutscher Meister im Finale um die deutsche Meisterschaft in Nürnberg dem FC Bayern mit 0:2; es war die erste deutsche Meisterschaft der Münchner, deren Präsident Kurt Landauer ebenfalls jüdischen Glaubens war - auch er verlor im Jahr darauf seine Arbeitsstelle und trat als Präsident der Bayern zurück.

Zu Gast im Museum waren Eberhard Schulz von der Versöhnungskirche im KZ Dachau, der über das Schicksal von Julius Hirsch aufklärte, sowie Helga Roos und Bertan Tufan vom Sportkreis Frankfurt, welche von den Ergebnissen der Geschichtswerkstatt Schlappeschneider – Schlappekicker, in der sich Schüler aus dem Gallusviertel 2008 mit der Geschichte der Schuhfabrik I.C.A.S. Schneider auseinandersetzten, berichteten. Moderiert wurde die Veranstaltung von Matthias Thoma, Museumsdirektor und profunder Kenner der Eintrachthistorie und Autor des Buches Wir waren die Juddebube über die Eintracht in der NS-Zeit.

Im Publikum befanden sich sowohl junge Leute als auch Zeitzeugen, auch Klaus Gramlich, ehemaliger Eintrachtpräsident und Sohn von Rudi Gramlich, einstiger Nationalspieler der Frankfurter Eintracht, Olympiateilnehmer 1936, Vereinsvorsitzender 1939-1942 und nach dem Krieg von 1955-1970 Präsident der Eintracht, in dessen Büro am Riederwald sogar Eintracht-Legenden wie Alfred Pfaff oder Jürgen Grabowski stramm standen.

In bewegenden Worten schilderte Eberhard Schulz den Lebensweg des Julius "Juller" Hirsch, der 1909 als 17-jähriger beim Karlsruher FV in der ersten Mannschaft debütierte und 1910 wenige Wochen nach seinem 18. Geburtstags erstmals deutscher Meister wurde. Den zweiten Meistertitel errang er 1914 mit der Spvgg Fürth. Sieben Mal trug er das Trikot der deutschen Nationalmannschaft - und erzielte am 24. März 1912 beim 5:5 gegen die Niederlande als erster deutscher Spieler vier Treffer in einem Spiel. Hirsch kam auch zu zwei Einsätzen bei den olympischen Spielen 1912 in Stockholm; beim 16:0 gegen Russland, dem bis höchsten deutschen Sieg war er allerdings nicht dabei, sein Teamkamerad Gottfried Fuchs schoss in jenem Spiel alleine 10 Tore - ein deutscher Rekord für die Ewigkeit. Fuchs, wie Hirsch Jude, emigrierte 1937 über die Schweiz nach Frankreich und 1940 nach Kanada, wo er 1972 verstarb. Beiden gemein war die Tatsache, dass ihre Namen während der NS-Zeit aus den Annalen des DFB getilgt wurden; wie auch die Frankfurter Eintracht in der Festschrift zum 40jährigen Bestehen 1939 die Namen jüdischer Vorsitzender unterschlug.

Wie viele deutsche Juden unterschätzte Julius Hirsch die drohende Gefahr; hatte er doch noch im ersten Weltkrieg als Soldat seinem Vaterland gedient und wurde dafür mit dem eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. 1920 heiratete er die Christin Ella Karolina Hauser, 1922 wurde Heinold Leopold geboren, 1928 Esther Carmen.

Wirtschaftlichen Schwierigkeiten folgte 1933 das sportliche Aus. 14 Vereine, darunter der Karlsruher FV und die Frankfurter Eintracht unterzeichneten am 9. April 1933 die Stuttgarter Erklärung, die im Kicker abgedruckt wurde und beinhaltete, dass sich die Vereine freudig und entschieden der nationalen Regierung zur Verfügung stellten und die Mitarbeit insbesondere der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen anboten (Wir waren die Juddebube, Seite 48). Julius Hirsch erklärte daraufhin seinen Austritt aus dem Karlsruher FV. Wenn er fortan Spiele seines geliebten Karlsruher FV besuchen wollte, musste sich der einst gefeierte Star durch ein Hintertürchen auf den Sportplatz schleichen.

Sportlich durfte Hirsch nicht mehr tätig sein, Versuche in der Schweiz als Trainer unter zu kommen scheiterten und 1938 verlor er endgültig seine Arbeit, niedergeschlagen stürzte er sich auf der Heimreise nach einem Verwandtenbesuch in Frankreich aus einem fahrenden Zug - und überlebte. 1939 ließ er sich scheiden, um seine Frau und die Kinder vor Verfolgung zu schützen, wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet und 1943 wohl nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Eine aus dem Zug geworfene Postkarte gilt als das letzte Lebenszeichen von Julius Hirsch: Meine Lieben. Bin gut gelandet, es geht gut. Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland. Herzliche Grüße und Küsse euer Juller.

Seine Kinder wurden noch im Februar 1945 ins KZ Theresienstadt geschickt; das Kriegsende und die Befreiung durch die Rote Armee rettete ihnen jedoch das Leben.

2006 wurde für Julius Hirsch in Karlsruhe ein Stolperstein verlegt, auch in der Geschichte des DFB ist sein Name wieder präsent: 2005 wurde der Julius Hirsch Preis ins Leben gerufen; eine Auszeichnung zum Zeichen für Toleranz und gegen Rassismus. Erster Preisträger war der FC Bayern München, dessen damaliger Manager Uli Hoeneß noch 2003 auf eine Frage nach der Geschichte des 1933 zurück getretenen jüdischen Präsidenten Kurt Landauer sinngemäß geantwortet hatte, dass dies ihn nicht interessiere, da dies vor seiner Zeit gewesen sei. Einen kritischeren Umgang mit der Vergangenheit pflegten wie so oft die Fans, hier die Schickeria und so kam es, dass jener Uli Hoeneß sieben Jahre später den Kurt-Landauer-Platz in München einweihte.



Sonntag, 9. Mai 2010

Heimspiel in Wolfsburg


Es ist Nacht. Vor meinem geistigen Auge marschiert ein kleines Teleobjektiv (Canon 55-250mm) vorbei und grinst mich hämisch an. Aus dem Nichts prescht Halil Altintop heran, drischt das Objektiv vorbei an Benaglio, aber auch am Tor. Das Objektiv bleibt vor der Kurve liegen, berappelt sich und flitzt auf kurzen Beinchen davon, bis es in einem sich urplötzlich auftuendem (!) Loch verschwindet. Unterdessen hat sich Halil Altintop neben das Tor gesetzt, aus seinen Hosentaschen fallen Geldscheine, die der Wind spielerisch aus dem Stadion weht.

Grotesk.

Seit Wochen überlegen wir uns, jenes Objektiv zu zu legen, entschieden uns aber dafür, nach Wolfsburg (!) zu fahren, ein Ausflug, der incl. Fahrt-, Eintritts- und Verpflegungskosten und eingedenk der Tatsache, dass Pia auf einen Arbeitsnachmittag im Museum verzichtet hatte (Matze hatte dankenswerterweise die Schicht übernommen) exakt dem Gegenwert des Objektives entspricht. Samstag Punkt 17:20 wussten wir: Dies war ein Fehler, doch der Reihe nach.

Noch im letzten Bericht zum Heimspiel in Mainz schrub (!) ich, dass ich keine Eintrittskarte für das Saisonfinale in Wolfsburg besäße. Daraufhin meldete sich Dominik bei mir und bot mir zwei Tickets und auch zwei Busplätze an. Pia konnte ihren Arbeitstag verlegen und somit stand fest: Wir sind beim Saisonfinale dabei. Unterdessen unterlag die Eintracht gegen Hoffenheim (ein Team, gegen welches die SGE in der ersten Liga noch nie gewonnen hat) und somit stand ein weiteres fest: Der letzte Spieltag hat für Eintracht Frankfurt keine drastische Bedeutung mehr, sieht man einmal davon ab, dass es um drei Punkte in der ewigen Tabelle geht, um den aktuellen Tabellenplatz, der für immer in den Annalen verewigt sein wird und um die simple Möglichkeit, sich in der Saison 2009/2010 vor Mainz zu platzieren - wie es das Zement der Liga eigentlich verlangt. Dazu um das simpelste: Einen Bundesligasieg.

Samstag Morgen, schnell noch die Ergebnisse im Tippspiel getippt, die Regenjacke und das Fahrrad geschnappt und schon radelten wir durch den Frankfurter Morgen, verschlossen die Räder in einem Hof und liefen die letzten Meter zum Bahnhof Südseite. Dort kam uns schon René entgegen, auch die anderen Kumpane waren schon vor Ort und nur wenig später trudelte der letzte Mitfahrer ein; genauer gesagt: der Vorletzte. Der letzte schlummerte noch selig in einer kleinen Stadt mit dem Autokennzeichen HU und wurde später von uns eingesammelt, ein paar Kilometer von der eigentlichen Autobahn, der A5 entfernt.

Und so begab sich endlich ein kleiner Bus mit nahezu zwanzig Insaßen auf die Reise ins 360 km enfernte Wolfsburg zum dortigen VfL - ein Team, bei dem die Eintracht in der Bundesliga noch nie gewinnen konnte.

Die Kumpane hatten CDs zusammngestellt, und so begleiteten uns Ska-P; Placebo, Depeche Mode, Götz Widmann oder Ultra Kaos durch die Zeit, immer wieder unterbrochen von Bill Bo und seine Bande, dem ultimativen Lied der Kumpane, welches aber nach dem siebten Mal nur ganz kurz angespielt wurde.

Deutschland präsentierte sich farbenfroh: braun (die Äcker), gelb (der Raps), grün (die Bäume) und blau (der Himmel); Kilometer um Kilometer spulten wir ab, gaben unsere Tipps zum Spiel ab und sahen an einer Raststätte in Niedersachsen ein Wohnmobil, welches halb eingewachsen vom wuchernden Grün schon seit längerem dort parkte.

Kurz vor Wolfsburg nötigte uns die vorgeschriebene Ruhezeit des Fahrers noch eine halbstündige Zwangspause ab, in Braunschweig führte die Autobahn beinahe durch die Vorgärten der angrenzenden Häuser und in Wolfsburg hielten wir zunächst vor dem alten VfL Stadion um um 15:20 den Busparkplatz der Arena zu erreichen. Ich fragte mich, ob es für den bloßen Besitz eines Opels hier in der Autostadt Strafzettel gibt, derartig war das Stadtbild von VW geprägt.

Wir marschierten schnurstracks zum Gästeeingang, reihten uns brav in die Wartenden ein, trafen auf Arne und Andi und hörten tosenden Jubel; Toooor für die Eintracht. Bald war klar, dass dieser Treffer keine Anerkennung fand, und so schoben wir uns auf den Oberrang und dort bis fast in die letzte Reihe. Der Blick war überzeugend, Jung spielte überraschend neben Franz in der Innenverteidigung, Ochs verteidgte rechts, Köhler links, davor Teber und Heller, Meier und Clark mittig und vorne Fenin nebst Altintop. Im Tor harrte Ralf Fährmann dem Gang der Dinge, der mit einem satten Pfostenschuss Hellers seine Fortsetzung fand.

Damit hatte die Eintracht ihr Pulver verschossen; Wolfsburg flankte zwei Mal ins Herz der Eintracht und Misimovic als auch Riether nutzen die Schwächen in der Innenverteidgung - Wolfsburg führte 2:0. Als nur wenig später Dzeko Jung ausstiegen ließ und zum 3:0 einschob, hatte die Partie für Wolfsburg ihren Zweck erfüllt - der Bosnier hatte seinen 22sten Treffer erzielt und damit die Torjägerkanone errungen. Letztmalig gelang dies einem Eintrachtler in der Saison 93/94, als Yeboah gemeinsam mit Stefan Kuntz die Trophäe einheimste. Wer weiß, vielleicht gelingt dies ja eines Tages auch einem der Spieler der U17, die soeben die Meisterschaft in der Juniorenbundesliga Süd/Südwest durch ein 2:1 gegen Kaiserslautern klar gemacht hatten - wie mir Roland per SMS mitteilte. So gelangte ich auch in Kenntniss, dass die U23 in Weiden mit 4:1 gesiegt hatte.

Nach der Halbzeit, in der ein Reklame-Zeppelin durchs weite Rund schwebte und Wolfsburger kleine Präsente ins Publikum schossen, die aus der Frankfurter Kurve postwendend zurück flogen, kamen die Eintrachtler lachend aus der Kabine, Fenin scherzte mit Dzeko, die sich noch aus Teplicer Zeiten kennen, auch Altintop war mit seinem Gegenspieler im Gespräch vertieft - es war ein kameradschaftlicher Nachmittag bei Sonnenschein, und wir hofften, dass sich niemand weh tut (!), schließlich muss man zu Vertragsverhandlungen topfit sein. Heller war noch der beste Eintrachtler, vielleicht neben Fährmann und Cenk Tosun kam zu seinem ersten Bundesligaeinsatz; dies sei hiermit vermerkt. Auch dass Petkovic Fußball spielen kann.

Im Ernst, Wolfsburg trudelte aus und versäumte, die Treffer vier bis sieben zu erzielen, ließ die Eintracht ein bisschen daddeln und kurz vor Schluss versaute Altintop mit dem Ehrentreffer noch meinen glatten 3:0 Tipp für den VfL. Nach dem Spiel feierte die Kurve noch die grandiosen Leistungen aus den Spielen gegen Gladbach, Hertha, Mainz, Hoffenheim und Wolfsburg, in welchen zwei von 15 möglichen Punkte geholt wurden - was zur Folge hat, dass nicht nur eine mögliche Europapokalplatzierung vergeigt wurde, sondern auch ein einstelliger Tabellenplatz. Dass dies letztlich auch dazu führte, dass Mainz 05 sich in der Endabrechnung vor der Eintracht platzieren konnte, schien in der allgemeinen Feierei unter zu gehen.

Trainer Skibbe musste die Mannschaft doch tatsächlich an die feiernde Kurve schieben, eine gequältes Heyheyhey kam dabei heraus, einzig Franz übersprang barfuß die Absperrung und warf seine Schienbeinschützer den Fans zu. Als das Team den Platz verließ, trugen alle ihre Trikots am Leib, keines war in die Kurve geflogen.

Da war kein Wille, mit allen Mitteln ein Spiel zu gewinnen, da war keine herzliche Nähe zu den Fans, da war nur ein Nachmittag, an dem die Herren, die zum Teil in einem Jahr mehr verdienen als viele von denen, die heute hier waren, sich nicht wirklich weh tuen (!) wollten. Ziel vor der Zeit erreicht, Feierabend. Dass sich Tausende Woche für Woche auf den Weg machen, um die Eintracht zu unterstützen und als einzige Belohnung nur ein paar Tore und Siege verlangen - und vielleicht noch, dass das Team kämpft und alles daran setzt, jedes Spiel zu gewinnen - das scheint nicht bis in jeden Kopf durchgedrungen zu sein. Und wer die Großraumlimousinen der Teilzeitarbeiter finanziert auch nicht.

Dass nach Spielende die Bier- und Bratwurstbuden nichts mehr im Angebot hatten, trug nicht wesentlich zur Erheiterung bei. Pia, Christian und Stefan, Andi und Uwe, Cardoso und Olli - wir standen nach der Partie noch ein Weilchen durstig vor der kleinen Arena, schimpften und wanderten dann zurück zum Bus, der auch bald los rollte.

Aus dem CD-Player pluggerte nun House-Musik, die Sonne lachte in den Bus, bis sich die Nacht über Deutschland legte und wir nach mehreren Zwischenstopps wohlbehalten Frankfurt erreichten. Wir verabschiedeten uns von den Kumpanen, die eine freundliche und sympathische Fahrt organisiert hatten und holten unserere Räder aus dem Hof. Nur wenige Schritte entfernt türmten sich Blumen und Grabkerzen vor einer Discothek; ein junger Mann hatte vor wenigen Tagen sein Leben lassen müssen, als er zwei Frauen zur Hilfe eilen wollte - ein Stich ins Herz - auch der Zivilcourage.

Theaterplatz, Zeil, Sandweg, Berger Straße - Sportstudio. Wolfgang Poschmann erwähnt lachend, dass die Eintracht dem Erzrivalen (!) den Vortritt lassen musste. Mein nicht gekauftes Objektiv hockte neben mir und zeigte mir eine lange Nase. Pia war derartig angefressen, völlig zu Recht angefressen, dass ein Spieler wie Altintop Glück hatte, nicht in ihrer zu Nähe zu sein. Obgleich dies eigentlich ein wunderbarer Platz ist. Der Beste, um genau zu sein.

Freitag, 7. Mai 2010

Montag, 3. Mai 2010

Träum weiter

Allenthalben ist die Rede von einer tollen Saison, von sensationellen 46 Punkten und einer nahezu überragenden Platzierung. Dies mag zutreffen, wenn man die Vorsaison zum Maßstab nimmt; jene Seuchensaison, welche nach Verletzungen, Querelen um die vorzeitige Vertragsverlängerung des damaligen Trainers, nach der grotesken Spielverlegung gegen den KSC ob des Madonna-Konzertes und mehrfachem Stimmungsboykott sowie der ein oder anderen seltsamen Trainerentscheidung letztlich mit 33 Pünktchen abgeschlossen wurde - mit dem Minimalziel Klassenerhalt. Just jene 33 Pünktchen hätten auch dies Jahr zum Verbleib in der ersten Liga berechtigt. Überragend aber wäre dieses Jahr für die Eintracht ein machbarer sechster Platz gewesen; die Möglichkeiten und die Fähigkeiten waren gegeben.

Was noch im letzten Jahr ein verzweifelter Wunsch blieb, nämlich ein Sieg gegen die Großen der Liga, ist nun mehrfach und eindrucksvoll gelungen: Heimsiege gegen München, Bremen und Leverkusen, dazu Dreier in Bremen und Dortmund, das vielleicht stärkste Spiel der Eintracht während der vergangenen Saison; der emotionalste Sieg sicherlich der gegen die Bayern. Dem stehen aber gegenüber: kein Sieg gegen Köln, Gladbach, Hoffenheim und Nürnberg, die Niederlage in Hannover, das Desaster in Leverkusen sowie die Schlappe im Pokal gegen München als auch traditionelle null Punkte gegen Schalke und Stuttgart - im Ergebnis stehen nach 33 Spielen 46 Punkte zu Buche, ein Wert, der 2007/2008 ebenfalls erreicht wurde - jedoch nach 34 Partien. Sensationell?

Nikolov, Pröll, Ochs, Köhler, Meier, Russ, Chris dazu Vasoski standen schon zu Zweitligazeiten im Kader der Eintracht, mit Spycher und Amanatidis sowie Preuß stießen weitere zwei nach dem Aufstieg 2005 dazu. Nimmt man nun noch Jung, Titsch-Rivero, Toski und Zimmermann dazu, die in jenen Jahren ebenfalls schon für die Eintracht kickten (wenn auch für die Jugend), dann verweist dies auf eine erstaunlich Kontinuität, die durch Torwarttrainer Andi Menger ergänzt wird, der ebenfalls schon seit 2001 dabei, ist - wenn auch zu Beginn noch als Torhüter ohne Einsatz. Diese Kontinuität - und die Entwicklung der Spieler, allen voran Meier - war ein Garant für die Etablierung in der ersten Liga; eine Erfahrung, aus der nicht genug Lehren gezogen werden können.

Schlechter als Platz 10 wird die Eintracht definitiv nicht abschneiden - und besser als 8 auch nicht - damit können die meisten leben.

Trauriger Tiefpunkt der Saison war das Karriereende von Christoph Preuß, der fortan außerhalb des grünen Rasens für die Eintracht arbeiten wird, wo genau werden wir noch sehen.

Sportlich interessant ist die ununterbrochene Verweildauer der Vereine in der ersten Liga:

Hamburger SV - 1963
Bayern München - 1965
Borussia Dortmund - 1976
VfB Stuttgart - 1977
Bayer Leverkusen - 1979
Werder Bremen - 1981
Schalke 04 - 1991
Vfl Wolfsburg - 1997
Hertha BSC - 1997
Hannover 96 - 2002
Eintracht Frankfurt - 2005
Vfl Bochum - 2006

Borussia Mönchengladbach - 2008
1.FC Köln - 2008
TSG Hoffenheim - 2008

SC Freiburg - 2009
1. FC Nürnberg - 2009
Mainz 05 - 2009


Die ersten acht in dieser Rangliste finden sich allesamt auch in der aktuellen Tabelle unter den ersten acht wieder. Hertha purzelt definitiv raus, hausgemacht und unnötig und Hannover könnte aus gleichen Gründen dazu kommen - dies würde für die Eintracht den Sprung von Platz elf auf neun bedeuten - exakt den Platz, den das Team derzeit inne hat.

Natürlich ist nicht die bloße Anzahl der Jahre ausschlaggebend sondern die damit verbundenen kontinuierlich hohen Einnahmen in Liga Eins. Hoffenheim wird wohl ein Kandidat sein, der demnächst tabellarisch weiter höher anzusiedeln ist, als die Verweildauer vorgibt - sie finanzieren aber ihr Team nicht aus den Säulen TV-Geld - Marketing - Zuschauer, sondern durch Fremdgeld - ebenso wie Leverkusen und Wolfsburg.

Dass Geld nicht alles ist, belegen scheinbar kurzfristige Erfolge der Underdogs - die aber regelmäßig im Jahr danach ins Gras beißen; beißen müssen. Ein Aufsteiger, der mit jungen Leuten die Liga aufmischt, macht dies meist mit einem geringen Budget und einem funktionierendem Team. Aufstrebende Spieler wecken aber die Begehrlichkeiten anderer Vereine, das Überraschungsteam kann in der Regel finanziell nicht mithalten - und schon bricht es im Jahr darauf auseinander, selbst wenn nur ein, zwei tragende Säulen weg brechen. Da aber die Erwartungshaltung des Umfeldes traditionell steigt, folgt zudem Zwist wenn's nicht so wie im Vorjahr läuft - und die Bodenlandung dazu. Nürnberg und Karlsruhe dienen in den letzten Jahren als Beispiel, nun werden wir Mainz 05 in Jahr lang unter diesen Gesichtspunkten beobachten können.

Was heißt dies aber für die Eintracht? Jedes Jahr in dem die SGE in der ersten Liga bliebt, verschafft ihr einen Vorsprung vor den hinter ihr stehenden Vereinen - der aber in der Endabrechnung durch die Platzierung bestätigt werden muss. Und jedes Jahr, in dem die Eintracht nicht international spielt, verschafft ihr einen Nachteil, gegenüber den vor ihr liegenden Vereinen - den diese bestätigen müssen. Wenn diese den Vorsprung verspielen wie nun die Hertha, können wir den Verein hinter uns lassen.

München, Bremen, Leverkusen, Hamburg, Stuttgart, Wolfsburg dürften finanziell sattelfest sein, dazu Hoffenheim. Dortmund ist ein Wackelkandidat - durch die internationalen Plätze dieses Jahr dürften sie sich aber stabilisieren - und nur Schalke 04 steht auf äußerst porösen Beinen - haben aber durch die Option Championsleague die Möglichkeit, sich für dieses Jahr zu halten. Ein frühes Ausscheiden und eine kommende Saison ohne internationale Platzierung könnte sie aber in unsere Richtung schicken.

Solange die Eintracht aber bei der vernünftigen Maßgabe bleibt, nicht mehr auszugeben als die Einnahmen hergeben, solange braucht es das Glück des Tüchtigen, um entweder überragende Einzelkönner zu vergleichsweise günstigen Optionen ins Waldstadion zu locken - oder aber ein Team das als Ganzes konsequent über den Möglichkeiten spielt: dies wäre wünschenswert - ist aber nicht wirklich planbar, schließlich wollen das alle, die nicht mit prallem Geldbeutel unterwegs sind.

Von daher winkt uns nächstes Jahr Platz 10 - alles darüber wäre ein Erfolg - alles darunter eine Enttäuschung. Die größte Enttäuschung aber wäre dieses Jahr, hinter Mainz zu stehen. Nicht weil ich Mainz doof finde, sondern weil es das Gesetz des Geldes so will. Und weil ich Mainz doof finde. Ein Sieg in Wolfsburg könnte uns sogar auf Platz 8 spülen - sollte es so kommen, wäre dies eine respektable Leistung - dennoch bleibt die Frage, weshalb aus den Spielen in Gladbach, gegen die Hertha, in Mainz und gegen Hoffenheim nur zwei von zwölf möglichen Punkte geholt wurden - und damit leichtfertig die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb vergeben wurde. Dies wäre wahrlich ein großer Schritt gewesen.

Platz zehn also im kommenden Jahr. Alles wie gehabt könnte man meinen. Die Saison ist gelaufen. Es gibt bis Sommer 2011 nichts mehr zu sagen. Zumal der zehnte Platz exakt die Platzierung der Eintracht in der ewigen Tabelle ist. Heidenei.

Aber das ist das schöne am Fußball: Jedes Jahr gehe ich davon aus, dass die Eintracht das Zeug dazu hat, oben mit zu spielen. Weil es eben die Eintracht ist. Und jedes Jahr sagt mir die Wirklichkeit: Träum weiter.

Mach ich.