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Dienstag, 25. Mai 2010

Tradition zum Anfassen - Der Uefa-Cup-Abend im Museum der Eintracht


Vier Tage vor dem Rückspiel im Finale des Uefa-Cups der Saison 1979/1980 liegt die Frankfurter Eintracht gegen Werder Bremen nach 53 Minuten mit 0:2 zurück. Norbert Nachtweih gelingt in der 56. Minute der Anschlusstreffer, Michael Künast trifft in der 77.Minute zum 2:2. Noch ist eine Minute zu spielen, als Trainer Rausch den Torschützen Nachtweih auswechselt. Für ihn kommt ein weitgehend unbekannter Nachwuchsspieler auf den Platz, der 20-jährige Christian Peukert. Mit seiner ersten Ballberührung erzielt er den Siegtreffer für die Eintracht; Werder Torwart Dieter Burdenski ist zum dritten Mal geschlagen; das Spiel ist aus - die Eintracht hat gewonnen.

Es sollte das einzige Bundesligaspiel von Peukert für die Eintracht bleiben - und ein Rekord für die Ewigkeit; welcher andere Fußballer kann für sich in Anspruch nehmen, in jeder gespielten Minute ein Tor für seinen Verein erzielt zu haben? Später wird Peukert nach Offenbach wechseln - und an der Seite von Uwe Bein noch 14 Spiele für die Kickers in der ersten Liga absolvieren - darunter auch 46 Minuten gegen die Eintracht, ausgerechnet (!) in jenem denkwürdigen Spiel, in dem die Eintracht nach 88 Minuten den Ausgleich erzielte - um im Anschluss durch Kutzops Tor doch noch mit 1:2 zu verlieren.

Dieses Spiel allerdings kam im Museum nicht zur Sprache.

Neben Christian Peukert waren Harry Karger, Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl zu Gast im Museum der Eintracht - als Vertreter jener Mannen, die in der Uefa-Pokal-Runde 79/80 kein einziges Auswärtsspiel gewinnen konnten - und nach zwölf Partien dennoch den Pokal in den Frankfurter Abendhimmel reckten. Und mit dabei waren neben etlichen Zeitzeugen und Spätgeborenen (einige waren noch am Morgen mit dem Flieger aus Vietnam in Frankfurt gelandet) auch ein Mann, der 41 Jahre für die Eintracht tätig war - und der wohl die brisantesten Geschichten unserer Diva zu erzählen hat (und der dennoch das meiste für sich behält: Was in der Kabine passierte, dringt nicht heraus): Zeugwart und Seele der Eintracht Anton Toni Hübler.

Karger, Nachtweih, Pahl und Peukert - die vier Mann, deren Lebensgeschichte nicht unterschiedlicher hätte ausfallen können, waren Bestandteil einer Mannschaft, die den bislang einzigen internationalen Titel der Eintracht geholt hat.

Ist Peukert ein Frankfurter Bub, der schon in der A-Jugend das Trikot mit dem Adler trug, so war Karger der Junge vom Land, der aus Burgsolms zur Eintracht gestoßen war - nachdem der Eintrachtfan noch als Bezirksligaspieler für Burgsolms unter der Woche mit der Eintracht A-Jugend trainiert hatte. Trainer Friedel Rausch sprach sich für eine Verpflichtung Kargers aus, der daraufhin zur Vertragsunterzeichnung ins Präsidium zu Manager Klug marschierte. Ohne unterzeichneten Vertrag kam er wieder herunter - und wurde von Rausch auf ein Neues nach oben geschickt. Dieses Mal erfolgreicher.

Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl verbindet eine ganz spezielle Geschichte. Beide sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen, beide spielten für Chemie Halle und avancierten zu Jugend-Nationalspielern der DDR. 1976 reiste das U-21 Team nach Istanbul zu einem Länderspiel gegen die Türkei - und beide setzten sich in den Westen ab. Obgleich sie sich noch in Istanbul bedeckt halten sollten, erkundeten sie die Stadt - und marschierten dort schnurstracks ins Kino.

In der Bundesrepublik angekommen, landeten die beiden wie so viele Flüchtlinge zunächst im Aufnahmelager Gießen. Als Fußballer privilegiert dauerte der Aufenthalt dort jedoch nur drei Tage; durch die Vermittlung des FDP-Spitzenpolitikers und Mitglied des Eintracht-Verwaltungsrates Wolfgang Mischnick, der Ende der Vierziger Jahre ebenfalls die DDR verlassen hatte, landete das Duo bei der Frankfurter Eintracht - und wurde bis 1978 für Pflichtspiele gesperrt.

Die Uefa-Cup-Saison 79/80 war geprägt durch Reisen, neben den Pflichtspielen stand in der Winterpause ein Turnier an der Elfenbeinküste auf dem Programm, die Spieler fluchten ob der Luftfeuchtigkeit, die Eintracht verdiente ein bisschen Geld - und landete in der Rückrundentabelle der Bundesliga auf dem 16. Platz; für die Vorrunde sprang noch der fünfte Platz heraus; im Endergebnis bedeute dies Platz neun; kein überragendes Ergebnis für ein Team in dem unter anderen Grabowski, Hölzenbein, Nickel, Cha, Pezzey, Neuberger, Borchers, Lorant oder Charly Körbel aufliefen.

Auswärts war die Eintracht auch im Uefa-Cup keine Macht; dem Unentschieden in Aberdeen folgten Niederlagen in Bukarest, Rotterdam, Brünn, München und Mönchengladbach - im Waldstadion aber gab es für Gäste nichts zu holen, dort wurde der Grundstein für den Triumph gelegt - 30 Jahre nach der Final-Niederlage im Europapokal der Landesmeister gegen Real Madrid in Glasgow gewann die Eintracht ihren ersten internationalen Titel - durch Fred Schaubs Treffer in der 81. Minute im Rückspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Doch der Reihe nach.

Hart umkämpft war der Punktgewinn in Aberdeen, ein Team, das von Alex Ferguson trainiert wurde. Chas Treffer sorgte für eine gute Ausgangsbasis, die Hölzenbein durch sein Tor im Rückspiel vor 17.000 Zuschauern vollendete - die Eintracht stand in der nächsten Runde, die Dinamo Bukarest als Gegner brachte. Blieb Karger in Bukarest vor allem die Dunkelheit der Stadt in Erinnerung so standen Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl vor dem Problem, dass Reisen in den Ostblock für DDR-Flüchtlinge mit erheblichen Risiken verbunden waren - Wolfgang Mischnick sorgte auf politischer Ebene dafür, dass beide gefahrlos in Rumänien einreisen konnten. Am Ende stand ein 0:2 und das Weiterkommen auf hölzernen Beinen, das kaum ein Eintrachtler erlebte; zu teuer und zu abenteuerlich schien die Reise nach Rumänien.

Das Rückspiel in Frankfurt brachte eines der denkwürdigsten Tore in der Geschichte der Eintracht; erst in der 73. Minute gelang Cha die 1:0 Führung - noch war dies zu wenig, der Torhüter der Bukarester, Stefan, ein Teufelskerl, hielt alles, was zu halten war - und wischte sich im strömenden Regen seine Torwarthandschuhe nach jedem gehaltenen Ball an einem Handtuch halbwegs trocken. Nach 90 Minuten hatte Schiedsrichter Fredriksson die Pfeife schon im Mund; Neuberger schlug einen langen Ball nach vorne, Körbel verlängerte und Stefan hatte den Ball sicher. So dachten alle, bis auf drei. Fredriksson, der sah, wie Hölzenbein auf dem Boden ausgerutscht war und nicht sofort abpfiff; Hölzenbein, der auf dem Boden sitzend die Wachsamkeit behielt und Stefan, dem der Ball tatsächlich aus den Händen glitt, so dass Holz sich nach der Kugel reckte und ihn Richtung Tor köpfelte. Es sollte so sein; der Mann, der die Rumänen durch seine Paraden im Wettbewerb gehalten hatte, machte in der letzten Sekunde den entscheidenden Fehler - der Ball war drin - und die Eintracht in der Verlängerung, in der Nickel den 3:0 Siegtreffer gegen 10 Bukarester erzielte; Multescu war in der 89. Minute vom Platz geflogen.

Das Achtelfinale bescherte der Eintracht eine Reise in die Niederlande, Feyenoord Rotterdam hieß der Gegner doch das Hinspiel wurde im Waldstadion ausgetragen; Rund 40.000 Zuschauer erlebten eines der besten Spiele der Eintracht, die in grünen Trikots auflief und Feyenoord an die Wand spielte. Grün die Hoffnung, grün der Rasen, grün die Eintracht - Toni Hübler hatte die Ausweichtrikots parat gelegt; jener Toni Hübler, der 40 Mark gewann als er sich aufgrund einer Wette bei einer Auslandsreise zu den Koffern setzte - und auf dem Gepäckband des Flughafens eine Runde drehte, doch dies ist eine andere Geschichte. Eine andere Geschichte ist auch die des "Ästhetikbeauftragten" Hüblers. Als nämlich Nachtweih und Pahl zur Eintracht gestoßen waren, sorgte Toni für ein vernünftiges Erscheinungsbild der ehemaligen Hallenser. Reisen zu Adidas nach Herzogenaurach und zum Ammerschläger auf die Zeil brachten den Fußballern ordentliche Klamotten - denn: Kleider machen Leute.

Cha, Nickel, Helmut Müller und Lottermann mit einem tollen Treffer legten bis zur 58.Minute eine 4:0 Führung vor; vier Minuten vor dem Ende erzielte André Stafleu das 1:4 und ließ Feyenoord einen Funken Hoffnung für das Rückspiel.

Über 60.000 hofften auf das Wunder von Rotterdam, doch die Eintracht hielt dagegen; Torhüter Funk, bei dem Licht und Schatten im Laufe der Saison in stetem Wechsel leuchteten, machte das Spiel seines Lebens für die Eintracht und hielt 89 Minuten seinen Kasten sauber - und auch den Strafraum. Deutschland und die Niederlande - durch die deutsche Besatzung bis 1945 und das verlorene WM-Endspiel 1974 sahen viele Niederländer den großen Nachbarn als ihr own private Offenbach - Frank schreibt dazu im Eintracht-Archiv: Kurz nach Wiederanpfiff tritt das Geschehen auf dem Spielfeld zunächst einmal in den Hintergrund, denn dem Spiel droht der Abbruch, als der Hagel aus Flaschen, Steinen, Böllern, Feuerzeugen und anderen Gegenständen, der aus der Feyenoord-Fankurve in Funks Strafraum niedergeht, dem Schiedsrichter zu dicht wird und er das Spiel unterbricht.

Uli Matheja, Autor des Standard-Werkes über die Eintracht Schlappekicker und Himmelsstürmer berichtete im Museum die Ereignisse aus Sicht der Fans. Die Eintrachtler hatten Karten in unmittelbarer Nähe der Feyenoord Fans bekommen, eine Meisterleistung der Kartenvergabe. Als er sich ein Bier holen wollte, erkannte er, wie die Rotterdamer die Ordner beiseite drängten und den Frankfurter Block stürmen wollten, er schaffte es (auch dank seiner Cowboystiefel), vor diesen im Block zu sein; sie kommen, sie kommen rief er und sie kamen - relativ ungehindert durch die Polizei in den Block. Die Lage schien zu eskalieren, doch einige beherzte Niederländer unterstützten die Frankfurter, bis sich die Lage zunächst wieder beruhigte. Als die Frankfurter nach Spielende ihren Bus erreichten, hatten es zwar alle aus Ulis Reisegruppe geschafft, doch ging mit einem Knall die Rückscheibe des Busses kaputt, ein Stein war hinein geflogen. Der Busfahrer drehte die Heizung auf, die Eintrachtler wärmten sich in ihren Jacken sowie mit Bier und Apfelwein und feierten das Weiterkommen ins Viertelfinale; der Treffer von Jan Peters in der 90. Minute brachte Feyenoord den Sieg - und das Aus. Eintrachtfans berichteten von wütenden Attacken seitens der Rotterdamfans, von Waffen, Hiebe, Prügel, brennenden PKWs. Letztlich waren alle froh, wieder zuhause zu sein. Dort brachte das Los Zbrojovka Brünn als Gegner im Viertelfinale; eine weitere Reise in den Osten Europas stand an; in die Tschechoslowakei.

Mit einem 4:1 Hinspielsieg im Gepäck machte sich der Eintrachttross auf die Reise nach Brünn; nicht mit dabei war Torhüter Jürgen Pahl. Er, der mit Norbert Nachtweih der erste DDR-Fußballer gewesen gewesen war, der aus der DDR geflohen ist, hatte ein Jahr zuvor das Freundschaftsspiel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem BFC Dynamo Berlin besucht, in dessen Rahmen sich der Ostberliner Lutz Eigendorf in den Westen abgesetzt hatte. Pahl wurde seitens der Stasi als Fluchthelfer verdächtigt, eine Reise in den Osten Europas schien zu gefährlich (Ein Blick in die Stasi-Akten bestätigte Jürgen Pahl, dass er in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde). Wie weit der Arm der Stasi in den Westen hinein reichte zeigt die Geschichte Lutz Eigendorfs, der bis 1983 auch im Westen auf Schritt und Tritt überwacht und aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem Verkehrsunfall quasi ermordet wurde. Norbert Nachtweih, der bei der Partie zwischen Lauten und Berlin nicht zugegen war, trat die Reise nach Brünn an - und konnte das erst Mal nach seiner Flucht seiner Familie und Freunden begegnen. Toni Hübler hatte für die vielen ostdeutschen Fans, welche das Spiel der Eintracht zu einem Ausflug in die Tschechei genutzt hatten, einen Koffer voll Souvenirs dabei, der ihm nahezu aus den Händen gerissen wurde.

Ebenfalls nicht mit dabei war Jürgen Grabowski, der langjährige Kapitän der Eintracht. Vier Tage zuvor hatte ihn Lothar Matthäus beim 5:2 der Eintracht rüde gefoult - die Geschichte zeigte, dass Grabi nie wieder für die Eintracht spielen sollte und Matthäus sich niemals dafür entschuldigt hat, im Gegenteil: Der gelernte Herzogenauracher Raumausstatter mutmaßte noch vor zwei Jahren, dass Grabi sicherlich eine gute Versicherung gehabt und seine Karriere sowieso nach der Saison beendet hätte. Grabi aber hat den Sportunfall niemals der Berufsgenossenschaft gemeldet.

Ein anderer Stern aber schien am Himmel aufzugehen, der des Harry Karger, der sowohl im Hin- als auch im Rückspiel gegen Brünn einen Treffer erzielt hatte - und der von Stefan Lottermann den Spitznamen Schädel-Harry erhielt. Über einen Freund, Arda Yural, der sowohl in Burgsolms als auch später bei der Eintracht die A-Jugend trainierte, kam der gebürtige Weilburger zur Eintracht - obgleich auch die Offenbacher Kickers in Form von Niko Semlitsch Interesse an Karger zeigten. Karger war beeindruckt, noch vor wenigen Jahren hatte sich der Eintrachtfan Autogramme von Grabi, Holz und Körbel geholt - nun stand er mit ihnen in einer Mannschaft. Er trainierte eifrig und machte schnell große Fortschritte - nicht zuletzt durch den Einfluss Bernd Nickels, der ihm - vor allem wenn Gastspieler bei der Eintracht mit trainierten - zu raunte: Heute musst du Gas geben. Harry gab Gas und erkämpfte sich seinen Platz im Team - trotz Konkurrenten wie Christian Peukert oder Fred Schaub. Noch heute leuchten seine Augen, wenn er von der damaligen Zeit spricht; eben noch in der Bezirksliga, jetzt bei der Eintracht. Leider war Schädel Harry keine große Karriere vergönnt; den beiden Treffern gegen Brünn folgten zwei weitere gegen die Bayern und einer gegen Gladbach im Hinspiel der letzten Runde. Im gleichen Spiel ereilte ihn eine Verletzung, die einen Einsatz im Rückspiel unmöglich machte und gleichbedeutend mit dem Karriereende sein sollte. In den folgenden Jahren kam Karger bis 1983 nur noch auf fünf Bundesliga- und einen Uefa-Pokaleinsatz.
Und noch für einen weiteren Eintrachtler sollte diese Saison verletzungsbedingt die letzte bleiben; Helmut Müller verletzte sich in der Bundesligapartie gegen Duisburg am 12.04. und wurde neun Tage später im Rückspiel gegen die Bayern in der 83. Minute für Willi Neuberger eingewechselt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Müller alle Uefa-Cup-Spiele der Saison 79/80 absolviert und stand auch bei den meisten Bundesligapartien von Beginn an auf dem Platz. Die letzten 37 Minuten gegen die Bayern waren seine letzten Pflichtspielminuten für die Eintracht - immerhin in einem der grandiosesten Spiele der Vereinsgeschichte.

Doch zuvor ging auch das Spiel in Brünn verloren; bis zur 88.Minute hatte die Eintracht noch mit 2:1 geführt; im Bewusstsein des sicheren Weiterkommens führten Nachlässigkeiten noch zu zwei Gegentreffern - und zum Halbfinale. Dort hieß der Gegner Bayern München wo die Eintracht in der Liga drei Tage nach dem Rückspiel in Brünn vor über 30.000 Zuschauern mit 0:2 verloren hatte. Immerhin hatten es die Riederwälder geschafft, das Hinspiel mit 3:2 für sich zu entscheiden - und das obgleich die Eintracht im Oktober 1979 schon mit 0:2 hinten gelegen hatte; Körbel, Nickel und Karger schafften binnen 11 Minuten die Wende. Im anderen Halbfinale standen sich Borussia Mönchengladbach und der VfB Stuttgart gegenüber.

Bayern im Halbfinale - dies war ein gutes Zeichen; denn Finalspiele gegen Münchner Mannschaften pflegt die Eintracht zu verlieren; so war es 1932 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen die Bayern und so war es 1964 im DFB-Pokalfinale gegen 1860. Im Halbfinale des DFB-Pokals siegte die Eintracht jedoch 1974 gegen Bayern München - um im Finale dann den HSV zu schlagen. 1977/78 konnte die Eintracht den FC Bayern im Uefa-Cup gleich zwei Mal bezwingen. 4:0 und 2:1 lauteten damals die Ergebnisse, allerdings im Achtelfinale.

Ein Thema welches die Eintracht während der gesamten Saison beschäftige waren die Torhüter. Nach dem Abgang von Jupp Koitka konnte sich bislang keiner der beiden Torhüter Funk und Pahl unter Trainer Friedel Rausch dauerhaft behaupten, stete Wechsel hatten beide verunsichert, keiner konnte sich des Rückhalts des Trainers gewiss sein. Bis auf das Hinspiel gegen Brünn hatte stets Funk im Tor gestanden - so auch im ersten Spiel in München. Gerade Mal 14.000 Zuschauer wollten sich im Olympiastadion das Halbfinale im Uefa-Cup ansehen, das nach einem Fehler von Funk und einem Elfmeter von Breitner mit 2:0 für die Bayern endete. Im Rückspiel stand wieder Pahl im Kasten. Norbert Nachtweih stand ebenfalls von Beginn an auf dem Platz, während Karger zunächst auf der Bank Platz nehmen musste, Cha und Holz sollten für die notwendigen Tore sorgen. Christian Peukert war einer von 50.000 Zuschauern im nicht ganz ausverkauften Waldstadion und auf Seiten der Bayern kehrte ein alter Bekannter ins Waldstadion zurück: Wolfgang "Scheppe" Kraus, der von 1971 bis Sommer 1979 174 Bundesligaspiele für die Eintracht absolviert hatte; 15 weitere sollten 85/86 noch dazu kommen.

Die ersten 90 Minuten standen im Zeichen des großen Bruno Pezzey der 1994 vor der Zeit verstorben ist, sein Bildnis stand ebenso wie das des Fred Schaub, der 2003 tödlich verunglückt war, im Museum auf einem Tisch und wahrscheinlich haben die beiden uns von oben beobachtet. Und dann haben sie alle Tore der Eintracht gesehen, die Frank Wagner zu einem Film verarbeitet hatte, der nun gezeigt wurde - und bei vielen Besuchern des Museums Gänsehaut verursachte.

Darunter natürlich Pezzeys 1:0 gegen die Bayern in der 31.Minute, welches die Hoffnung der Eintracht auf ein Weiterkommen nährte; verzweifelt versuchten die Adler Junghans im Tor der Bayern zu überlisten, während Jürgen Pahl (der des Öfteren Pezzey in Österreich besuchte und sich bei einem gemeinsamen Fahrradausflug waghalsig einen Abhang hinunter stürzte - im wahrsten Sinne des Wortes; eine Gruppe Ausflügler hatte Glück, dass der Torwart der Frankfurter Eintracht nicht in sie hinein gerauscht war) seinen Kasten 90 Minuten lang sauber hielt.

Pezzey sorgte auch in der 87. Minute für das erlösende 2:0; die Frankfurter hatten sich in die Verlängerung geschossen, das Stadion tobte - ein selten gekanntes Gefühl im weiten Rund der damaligen Zeit.

Nun folgte der große Auftritt des Harry Kargers; eingewechselt in der 83. Minute traf er in der 103. Minute zum 3:0 - damit hätte die Eintracht das Finale erreicht, doch Jürgen Pahl ließ zwei Minuten später einen Schuss Dremmlers unter seinem Körper hindurch gleiten, nun standen die Bayern im Finale. Doch wiederum zwei Minuten später wuchtete Karger den Ball zum 4:1 ins Netz - endgültige Klarheit verschaffte dann Werner Lorant, der zwei Minuten vor dem Ende per Foulelfmeter zum 5:1 traf - und die Eintracht endgültig ins Endspiel resp. in die beiden Endspiele schießt. Sicherlich freute sich Jürgen Pahl am meisten - sein Fehlgriff beim 1:3 hatte keine gravierenden Folgen.

Als Endspielgegner kristallisierte sich Borussia Mönchengladbach heraus; mit 2:0 und 1:2 hatten sie den VfB Stuttgart aus dem Rennen geworfen und waren nun Gastgeber des ersten Finalspiels.

Alle Hoffnungen auf einen Einsatz Grabowskis hatten sich zerschlagen, die Eintracht reiste ohne ihren Kapitän zum Bökelberg. Pahl stand wieder zwischen den Pfosten, Karger von Beginn an auf dem Feld - diesmal musste Norbert Nachtweih auf der Bank Platz nehmen - und sah das 0:1 durch - Harry Karger. Mit dem Pausenpfiff egalisierte Kulik die Eintrachtführung, doch Hölzenbein konnte nach Flanke von Borchers die Eintracht nach 71 Minuten mit 2:1 in Führung bringen. Sechs Minuten später fiel der erneute Ausgleich. Karger musste überdies in der 81. Minute verletzt vom Feld, der Anfang vom Ende seiner Karriere und zu allem Überfluss sichert Kuliks zweiter Treffer in der 88. Minute Borussia Mönchengladbach den Sieg. Wieder einmal hatte die Eintracht ein Spiel verloren, dass nicht verloren werden durfte. Doch ruhte die Hoffnung der Frankfurter auf der bekannten Heimstärke; fünf Mal trat die Eintracht im Waldstadion an, fünf Mal hatte sie dieses als Sieger verlassen.

Mit knapp 60.000 Zuschauern war das Rückspiel am 21. Mai 1980 ausverkauft - unter ihnen ein pickliger Teenager, der dreißig Jahre später das Glück hatte, die Veranstaltung im Museum zu moderieren. Es war nicht mein erstes Eintracht-Spiel - und auch nicht mein letztes; aber es sollte bislang das einzige bleiben, bei dem mir beim Siegtreffer von hinten vor Freude an die Schuhe gekotzt wurde.

Im Stadion hing ein riesiges Transparent: Eintracht Frankfurt - Uefa-Cup Sieger 80 stand darauf geschrieben - Ralf Holl, der uns vor Jahresfrist den Film über die Diva bescherte, hatte mit Kumpels, Taschengeld und einem großzügigen Stofflieferanten dafür gesorgt, dass das erste Großtransparent pünktlich zum Finale im Waldstadion hing; hilfsbereite Ordner halfen ihm seinerzeit, das Kunstwerk an den Zäunen zu befestigen.

Zuviel stand für beide Teams auf dem Spiel, als dass wir ein Feuerwerk wie gegen Rotterdam oder Brünn gesehen hätten, gefühlt lässt sich die Partie mit 81 Minuten warten und neun Minuten zittern am besten beschreiben. Trainer Rausch will nach einer dreiviertel Stunde eigentlich Hölzenbein auswechseln - überlegt es sich aber anders und bringt in der 77. Minute den jungen Fred Schaub für Norbert Nachtweih. Jener Schaub, über den Harry Karger später sagen sollte: Der war frech, der versuchte sogar einem Grabi im Training den Ball zwischen den Beinen hindurch zu spielen. Keine vier Minuten später kommt das Leder über Holz und Körbel zu Schaub, der im Strafraum abzieht und Torhüter Kneib überlistet; jetzt steht es 1:0 für die Eintracht - und mit diesem Ergebnis wäre der Uefa-Cup unser. Einer hat ganz andere Probleme: Toni Hübler; der muss nämlich dafür sorgen, dass die Spieler unmittelbar nach Spielende ihre Trikots wechseln; die Statuten untersagten es, dass die Mannschaften in internationalen Wettbewerben mit Reklame auf der Brust antreten durften; die Eintracht spielte in roten Adidas-Trikots mit weißen Streifen, während Hübler einen gleichen Satz Trikots parat legte, auf denen der Schriftzug Minolta prangte, der Trikotsponsor der Eintracht hatte es so gewollt. Und mit dem Schusspfiff brandete der Jubel auf - die Eintracht hatte es tatsächlich geschafft; sie war der gefeierte Uefa-Cup-Sieger 1980. Toni Hübler verteilte die Leibchen an alle. Nun ja, an fast alle: Bruno Pezzey fragte ihn nämlich in seiner unnachahmlichen Art: Wos gibts den do für uns für a Marie und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander - Hübler schüttelte mit dem Kopf - und so kam es, dass auf dem Mannschaftsbild mit dem Cup alle Spieler die zum Schlusspfiff auf dem Platz gestanden haben ein Trikot mit dem Aufdruck des Sponsors tragen. Alle - bis auf einen.

Bernd Hölzenbein nahm den Pokal in Empfang und überreichte ihm dem scheidenden Kapitän - Jürgen Grabowski, dessen Namen das gesamte Stadion skandierte; unvergessen die Bilder, als Grabi in seiner braunen Lederjacke den Cup in den Frankfurter Abendhimmel stemmte.

Und so endete die Saison 79/80 mit einem der größten Triumphe in der Geschichte der Frankfurter Eintracht - und auch ein weiterer denkwürdiger Abend im Museum. Vielen Dank an Harry Karger, Norbert Nachtweih, Jürgen Pahl und Christian Peukert, die nicht nur 79/80 dabei waren - sondern auch 30 Jahre danach noch einmal gefeiert wurden - von euch.

Jürgen Pahl wurde gemeinsam mit Norbert Nachtweih 1981 im Trikot der Eintracht DFB-Pokalsieger, Nachtweih avancierte zum national erfolgreichsten Spieler der jemals das Trikot der Adler getragen hatte; er wechselte 1982 (Zitat: nachdem ich mich im Westen eingewöhnt und die Sprache gelernt hatte) zu Bayern München - dort holte er noch weitere zwei Mal den DFB-Pokal und wurde sogar vier Mal Deutscher Meister.

Einen großartigen Bericht über den Saisonverlauf findet ihr im Eintracht-Archiv, geschrieben - wie so vieles - von Frank Gotta.


Toni Hübler


Die Fotos von der Veranstaltung (Peukert, Pahl, Nachtweih, Karger und Toni Hübler) sind von Stefan Krieger, das Bild des Banners von Fabian Böker und die Archiv-Bilder aus dem Eintracht-Archiv. Vielen Dank.

Dienstag, 24. November 2009

Der Tag, als Charly Körbel im Museum war


602 Bundesligaspiele, 45 Tore, sechs Länderspiele, 70 Pokalspiele, vier Pokalsiege, ein Uefa-Cup-Sieg, Ehrenspielführer - das sind die nackten Zahlen einer leuchtenden Karriere - aber wie erlebte Karl-Heinz Körbel, genannt Charly diese Zeit? Im Museum der Eintracht hat er vor annähernd 150 Gästen, darunter die langjährigen Eintracht-Begleiter Kurt Schmidt und Sonny aber auch der Co-Trainer der U23, Oscar Corrochano sowie mein Vater, darüber berichtet - und still wurde es im Raum.

Eröffnet wurde die Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen zunächst durch eine Anekdote von Matze Thoma, der den damaligen Co-Trainer Körbel auf dem Flug zum Uefa-Cup-Spiel nach Lodz kennen lernte. Körbel bot Matze an, mit der Mannschaft zu fahren - obgleich dieser eigentlich zunächst nach Oppeln wollte, Verwandtschaft besuchen, nahm Matze das Angebot an. Einem Charly Körbel schlägt man nichts ab - und so kam es, dass unser jetziger Museumsdirektor nur wenig später eine Nacht an einem Bahnhof in Polen verbrachte - die Nähe zum Team war es wert.

Geboren am 1.12.1954 in Dossenheim nahe Heidelberg war Charly schon als Kind fußballverrückt, sowohl nach der Schule als auch beim FC Dossenheim gab es nichts Schöneres, als dem runden Leder nach zu jagen. Obgleich sein Vater Eintracht-Fan war, interessierte sich der junge Charly eher für die Teams aus dem nordbadischen Raum wie den KSC, Waldhof oder den VfR Mannheim.

Im September 1964 war Körbel dann bei einem denkwürdigem Spiel zu Gast; im heimischen Waldstadion unterlag die Eintracht dem KSC trotz Egon Loy im Tor mit sage und schreibe 0:7 - bis heute die höchste Niederlage der Bundesligageschichte; schon nach 13 Minuten führten die Gäste mit 3:0. Charlies Reaktion war eindeutig: Zu so einem Verein gehst du nicht - obgleich er schon früh den Traum hatte, Bundesligaspieler zu werden

In der Jugend durchlief Körbel viele Auswahlmannschaften, über Nordbaden, Baden bis hin zur Jugendnationalmannschaft des DFB; begleitet hat ihn dabei der nahezu gleichaltrige Uli Stielike, der nur wenige Kilometer entfernt in Ketsch aufwuchs und Fußball spielte. Auf die Frage, wie denn der DFB auf Spieler in der fußballerischen Provinz aufmerksam wurde, antwortete Körbel kurz und prägnant: Qualität.

Trainer der Jugendnationalmannschaft war zu Beginn der Siebziger Herbert Widmayer unter dessen Fittichen Körbel und Stielike aber auch Dieter Kastner, später Müller, Bernd Dürnberger, Jürgen Glowacz oder Harald Schumacher zu gestandenen Bundesligaspielen reiften. Natürlich wurden auch die großen Vereine auf die Spieler, die bei vielen internationalen Spielen auch im Ausland Erfahrungen sammelten, aufmerksam. Körbel absolvierte nebenbei noch eine kaufmännische Ausbildung; wie ich die bestanden habe, weiß ich bis heute nicht.

Der erste Verein, der nachhaltiges Interesse an der Verpflichtung von Charly Körbel zeigte, war der VfB Stuttgart. Ein Vertreter des VfB, der noch heute dort als graue Eminenz tätig ist, kam ins Geschäft, fragte Körbel, ob er nicht wechseln wolle - und drückte ihm 100 Mark in die Hand; Charly nahm das Geld und bat sich Bedenkzeit aus. Später sagte er ab; das Geld aber hat er behalten erzählte er lachend.

Das Konzept mit Jugendnationalspielern eine Mannschaft aufzubauen sollte auch beim HSV aufgehen; Talentspäher Gerhard Heid sichtete die jungen Spieler und bewies ein glückliches Händchen, schon Rudi Kargus (Worms) und Manni Kaltz (Ludwigshafen) waren dem Ruf gefolgt, Charly Körbel sollte der nächste sein. Der erste Flug seines Lebens führte ihn in den Norden, um ein Probetraining zu absolvieren - sein Trainingspartner war kein Geringerer als Uwe Seeler, der nach einer langwierigen Achillessehnenverletzung langsam wieder in Tritt kam. Trainer Klaus Ochs schlug die Bälle nach vorne und Körbel sollte sich im Duell mit Seeler beweisen; keine einfache Aufgabe für den Bub aus Dossenheim, wollte er auf der einen Seite sich beweisen, so zeigte er doch Respekt vor Seeler und bemühte sich, ihn nicht erneut zu verletzen. Ich war ja auch später einer der fairsten Bundesligaspieler. Diese Aufgabe gelang ihm derart bravourös, dass er mit einem unterschriftsreifen Zwei-Jahres-Vertrag wieder in Dossenheim landete. Nicht nur die Bemühungen seitens der Hamburger Verantwortlichen hatten ihn beeindruckt, auch Uwe Seeler selbst setzte sich dafür ein, dass Körbel zum HSV wechseln solle.

Abends saß ich mit meinen Kumpels zusammen und sagte: Ich geh zum HSV.

Die Kumpels aber waren gar nicht begeistert, so weit weg, bist du wahnsinnig war die einhellige Meinung, zumal die A-Jugend des FC Dossenheim auf hohem Niveau spielte. Wir haben gegen gegen den KSC 3:0 gewonnen, auf dem Hartplatz in Dossenheim.

Letzlich war dem jungen Charly alles zuviel, das Abwerben, der optionale Verlust seines Umfeldes; wisst ihr was, ich bleibe noch ein Jahr in Dossenheim - und habe dem HSV abgesagt. Trotz mehrfacher Bemühungen seitens der Hamburger (Hast du ne Meise) hielt Charly Wort - und blieb im Alter von sechzehn Jahren zunächst in Dossenheim.

Sein Kollege in der Nationalmannschaft war zu der Zeit auch Wolfgang "Scheppe" Kraus, der bei der Frankfurter Eintracht spielte - und der ihm langsam die Eintracht schmackhaft machte. Die Anwerbung verlief schleichend und unaufdringlich, Geschäftsführer Jürgen Gerhardt besuchte später die Körbels, brachte Blumen für die Mama und umgarnte die Körbels bei Kaffee und Kuchen. Ernst Berger lud Körbel dann ein, einmal ein Spiel der Eintracht im Waldstadion zu besuchen. Im alten Oval gab es eine Ecke mit Clubsessel und Keksen, dort nahm Charly Platz, auch der damalige Trainer Erich Ribbeck stellte sich vor; jünger als manch Spieler und gewillt, dem Nachwuchs eine Chance zu geben - und dies imponierte dem jungen Mann aus Dossenheim, der zwar noch ein Jahr in der A-Jugend spielen konnte - aber mit der ersten Mannschaft trainieren wollte. So unterschrieb er einen Vertrag als Olympiaamateur, eine Konstruktion, die es ihm ermöglichte, sowohl für die A-Jugend, aber auch für die Amateure und die Profis spielberechtigt zu sein.

Trainer der Amateure waren seinerzeit die Deutschen Meister von 1959, Hermann Höfer und Dieter Stinka; ein weiterer Spieler der Meisterelf von 1959 stand sogar noch im Kader der Saison 1972/73; Friedel Lutz, den Charly als seinen Lehrmeister bezeichnete, ebenso wie er viel von den alten Recken Kalla Wirth oder Lothar Schämer lernen konnte. Ich habe geguckt, was die älteren Spieler machen, was die heutigen Spieler nicht machen, die gehen an dir vorbei.


Der Wille zum Lernen und das Beachten der Älteren brachten Charly neben seinem außerordenlichem Talent den ersten Pflichtspieleinsatz im Trikot der Frankfurter Eintracht. Am 11.08.1972 besiegte die Eintracht den 1.FC Kaiserslautern am Betzenberg mit 3:1; es war ein Spiel im Ligapokal, der Gegenspieler war Klaus Toppmöller - und der Trainer des 1.FCK der spätere Eintracht-Trainer Dietrich Weise. Die Bundesligapremiere erfolgte am 7. Spieltag im Heimspiel gegen Bayern München. Ausfälle von Lutz und Wirth bewogen Trainer Ribbeck dazu, den 17jährigen Körbel gegen den erfolgreichsten Stürmer der Bundesligageschichte zu stellen, gegen Gerd Müller. Müller traf zwar zum 1:2 Anschlusstreffer wenige Minuten vor Spielende, das Lob aber gebührte dem Neuling und der Sieg der Eintracht.

Dabei war Körbel in der Annahme, nicht zum Kader zu gehören, schon vor dem Wochenende mit dem Zug in seine Heimat gefahren, um mit seinen Jungs zu trainieren. Die Eintracht telefonierte ihm hinterher, da zunächst niemand wusste, wo er sich aufhielt. Ribbeck höchstselbst kutschierte ihn nach Frankfurt zurück, Körbel hatte ja noch keinen Führerschein.

Seine erste Heimat in Frankfurt war der Riederwald, er bezog zusammen mit Raimund Krauth die Wohnung am Trainingsgelände der Eintracht als Nachfolger von Bernd Nickel und Jürgen Kalb, die zuvor ihren Spaß dort gehabt hatten. Während sich Spieler wie Thommy Rohrbach oder Gerd Trinklein ins Nachtleben stürzten und sich geschickt den Kontrollversuchen des Trainers Ribbeck entzogen, der mit seinem schwarzen Ledermantel alle Register der Überwachung zog, war es für Körbel schon ein Privileg, auszuschlafen.

Wie für einige andere, sorgten Ribbecks Angewohnheiten für Irritationen. So durften die Spieler im Trainingslager in Grünberg nur wenig bis nichts trinken. Selbst nach intensiven Laufeinheiten gab es beim Mittagessen nichts; in der Folge drehten die Spieler die Dusche auf und wollten das kalte Wasser zu sich nehmen - bis Ribbeck hinter ihnen auftauchte, sie von der Dusche weg zog und das Wasser abstellte. Das muss man sich mal vorstellen. Ich habe ihn neulich mal daraufhin angesprochen, heute will er davon nichts mehr wissen erzählte Charly lachend.


Körbel absolvierte in seiner ersten Saison 18 von 34 möglichen Ligaspielen - bis 1991 stand er von 646 möglichen Spielen 602 mal auf dem Platz - und dies trotz einem Schienbeinbruch; eine schier unvorstellbare Leistung. Knapp zwei Jahre nach seinem Debut wurde Körbel zum ersten Mal Pokalsieger durch ein 3:1 gegen den HSV, ein weiteres Jahr später erzielte er selbst den 1:0 Siegtreffer gegen den MSV Duisburg und stemmte den DFB-Pokal erneut in die Höhe; mit gerade mal 20 Jahren eine erstaunliche Bilanz, zudem er sich als Spieler in der Liga etabliert hatte und außerdem im 40er Kader für die WM 1974 gelistet wurde. Beharrlicher Wille zum Lernen und der Respekt vor den Älteren hatten sich schon früh ausgezahlt - und dabei stand er erst am Beginn einer einzigartigen Karriere.

Hat er zu Beginn seiner Karriere häufig im defensiven Mittelfeld den Terrier geben müssen, zu dessen Aufgaben das Ausschalten des gegnerischen Spielmachers (Overath, Netzer) gehörte, nebst Verbot über die Mittellinie zu gehen (Nickel hat immer zu mir gesagt: Ausschalten, marschieren, mir den Ball geben), so etablierte sich Körbel nach dem Wechsel von Uwe Kliemann zur Hertha im Sommer 1974 als Vorstopper mit der Nummer vier. Während vorne Grabi, Nickel und Hölzenbein (die wären ja heute unbezahlbar) in der gegnerischen Hälfte zauberten, war für Spieler wie Roland Weidle oder Körbel an der Mittellinie Schluss. Gerd Trinklein hatte sich im Finale des DFB-Pokals 1974 darüber hinweg gesetzt - und prompt einen Treffer erzielt.

Körbel bekannte, dass er die ersten Jahre bei der Eintracht mitgeschwommen sei, da die anderen Kameraden ihn führten. Die Spieler zeigten sich verantwortlich für das gesamte Team - und die Jungen Respekt vor den Älteren. Lag ein Älterer auf der Massagebank, so reichte ein Blick - und die Jungen trollten sich. Deswegen habe ich mich auch kaum massieren lassen.

Charly etablierte sich in der Bundesliga - und heiratete in Dossenheim seine Margarethe. Die Hochzeit brachte einige Schwierigkeiten mit sich, Charly ist evangelisch, seine Frau katholisch und die jeweiligen Pfarrer weigerten sich zunächst, eine gemeinsame Trauung zu vollziehen. Dies hatte zur Folge, dass nach einigem Hin und Her der katholische Pfarrer (der immerhin Fußballfan war und sich für den 1.FC Nürnberg begeisterte) sich bereit erklärte, an einer ökumenischen Zeremonie teil zu nehmen; der Preis war: Charly Körbel, DFB-Pokalsieger und Nationalspieler musste Eheunterricht nehmen und unterschreiben, dass der Nachwuchs katholisch getauft wird. Nach Eheschließung trat Körbel aus der Kirche aus, was zur Folge hatte, dass der evangelische Pfarrer zum Entsetzen der Mutter den Austritt öffentlich über die Kanzel verkündete.

Zu seinem ersten Länderspiel kam Körbel am 22.Dezember 1974 in Malta; das Spiel fand in La Valetta auf dem berüchtigten Hartplatz stand und der Weltmeister kam zu einem mühevollen 1:0; neben Körbel standen auch Hölzenbein und ab der 46. Minute Bernd Nickel auf dem Platz. Dazu stürmte der Offenbacher Erwin Kostedde. Schon im Oktober 1975 endete nach dem sechsten Spiel die Karriere als Nationalspieler; zu stark dominierte der Bayern Block mit Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck und Hoeneß die Nationalelf - und als Körbel gegen Griechenland die Defensive vernachlässigte, da die Spanier Netzer und Breitner außer Form waren und Beckenbauer bei einem Gegentor auf sich alleine gestellt war, da kam der Abpfiff - mit 22 Jahren. Der Franz hat mich nicht mehr angeguggt, da wusste ich schon, was los war.

Dennoch absolvierte Körbel im Trikot der Eintracht im Europacup der Pokalsieger und im Uefa-Cup 48 internationale Spiele und errang 1980 den Uefa-Cup. Zu den besten Spielen zählen dabei die Partien gegen die Bayern. 1980 bezwang die Eintracht die Münchner im Rückspiel des Halbfinales mit 5:1, schon 1977 standen sich beide Teams im gleichen Wettbewerb gegenüber; 4:0 siegte die Eintracht in Frankfurt, 2:1 in München. Aber auch die Partie gegen Feyennoord Rotterdam blieb Körbel in nachhaltiger Erinnerung, eines der besten Spiele der Eintracht - mit 4:1 fegten die Adler (in grünen Trikots) Rotterdam vom Platz; Cha und Pezzey, Grabi und Holz, Neuberger und Körbel, Nickel und Nachtweih - ein großartiges Team begeisterte ganz Deutschland.


Cha Bum, einer der großartigsten Spieler, der je für die Eintracht aufgelaufen ist, stand unter dem besonderen Schutz von Charly Körbel - aber auch dem ganzen Team. Als Cha aus Südkorea nach Deutschland kam, landete er in einem anderen Universum. Unbekannte Schriftzeichen oder unbekanntes Essen bereiteten dem gläubigen Cha erhebliche Probleme, über die ihm die gesamte Mannschaft hinweg half - wie Körbel seinerzeit von einem funktionierendem Team geleitet wurde; eine Erfahrung, die Charly bis heute als sein Kapital bezeichnet. Gerade im Vergleich zur heutigen Zeit, da bspw. ein Spieler wie Caio mehr oder minder auf sich alleine gestellt ist, zeigt sich, wie wertvoll die Einflüsse erfahrener Spieler auf die Qualität einzelner Spieler sein kann. So haben wir den Cha aufgebaut. Heute ist alles ganz anders, man kümmert sich nicht darum.

Legendär wurden die Sitzungen im Hinterzimmer beim Ruppe Karl in Ober-Erlenbach (wenn wir einmal in der Saison schlecht gespielt haben). Der Gastwirt, der in diesem Jahr leider verstorben ist, öffnete sein Reich für die Spieler, stellte Wodka hin, verschloss die Türe und klopfte auch dem Anti-Alkoholiker Cha auf die Schulter: Sauf, Cha. Sauf.

So wurden unglaublich viele Probleme intern geklärt. Heute geht jeder seine eigenen Wege, die Zeit ist schnelllebiger, früher gab es einen Reporter der Bild, die Abendpost/Nachtausgabe und die Rundschau - heute steht überall eine Kamera.

Jürgen Grabowski musste 1980 nach einem Tritt von Lothar Matthäus seine Karriere beenden, Holz zog es ein Jahr später nach Amerika (nach dem dritten Pokalsieg der Eintracht mit Charly Körbel) und im Jahr 1983 beendeten nicht nur Willi Neuberger und Bernd Nickel ihre Karrieren im Eintracht-Trikot; Cha wurde nach Leverkusen transferiert und Bruno Pezzey nach Bremen. Gerade der Verkauf von Pezzey erregte die Gemüter. Pezzey, der während der Halbzeit in Düsseldorf (dem letzten Saisonspiel 82/83) von seinem bevorstehenden Verkauf erfuhr, wurde in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt zu einem Freund Körbels. Körbel wiederum hatte zwar kurz zuvor seinen Vertrag bei der Eintracht verlängert, jedoch waren mit dem Verkauf von Cha und Pezzey nicht mehr die Bedingungen gegeben, unter denen er unterschrieben hatte. Abends saßen Pezzey, der das Angebot von Werder Bremen vorliegen hatte und Körbel beisammen - und Pezzey sagte: Weißt du was, du gehst mit nach Bremen.

Pezzey, Nickel und Körbel flogen gemeinsam in Urlaub nach Forida, derweil Werder Bremen Bereitschaft signalisierte, auch Körbel zu nehmen. Letzlich aber hatte Eintracht Frankfurt in der Sommerpause den Schweden Jan Svensson verpflichtet, aus Berlin kam Jürgen Mohr, so siegte letztlich doch Charlies Einstellung und sein großes Herz für die Eintracht: Ich kann die jungen Spieler nicht im Stich lassen. Wenn ich jetzt auch noch gehe, fällt alles zusammen - und das wollte ich nicht sagte Charly - und bewies das richtige Gespür.

Mit Falkenmayer, Kraaz und Berthold ging die Eintracht in die neue Saison 83/84 und die Qualitäten eines Charly Körbels waren gefragter denn je. Die Mannschaft stemmte sich gegen den Abstieg, alleine gelassen von Trainer Zebec, der einen Kampf gegen sich und den Alkohol führte und blieb vom 03. September 1983 (3:0 gegen Düsseldorf) bis zum 25. Februar 1984 (3:0 gegen Kickers Offenbach) 174 Tage ohne Sieg. Mittlerweile hatte Dietrich Weise erneut das Traineramt inne und schaffte letztendlich den 16. Platz, welcher immerhin zu Relegationsspielen gegen den Dritten der Zweiten Liga, den MSV Duisburg berechtigte. Zuvor, am 31. Spieltag, verlor die Eintracht ihren Kapitän. Körbel hatte im Spiel gegen den 1.FC Nürnberg zwei Treffer erzielt, als es kurz nach dem Anstoß im Anschluss an den zweiten Treffer zu einem folgenschweren Zusammenprall mit Rüdiger Abramczik kam - und Charly Körbel sich das Schienbein brach. Die Eintracht aber spielte für ihren Kapitän, besiegte den Club mit 3:1 und holte auch in den letzten drei Spielen fünf von sechs möglichen Punkten. Nach einem 5:0 in Duisburg stand der Klassenerhalt nahezu fest, das Rückspiel endete 1:1 und somit blieb die Eintracht erstklassig. Schon am dritten Spieltag der Folgesaison stand Körbel wieder auf dem Platz, im Bein steckte zweieinhalb Jahre lang ein langer Nagel, der den Knochen stabilisierte und der heute im Museum zu bewundern ist.

Die Eintracht, die ein Jahrzehnt lang durch spielstarken Fußball geglänzt hatte, befand sich fortan in den unteren Tabellenregionen; andere Tugenden waren gefragt, die einstige Qualität nur im Ansatz vorhanden. Charly Körbel, Nummer vier und Kapitän marschierte vorneweg - und besaß einen großen Bonus bei den Fans, gerade in den seltenen Fällen, als er schlecht spielte.

Eine schwierige Phase hatte Körbel unter Trainer Feldkamp zu überstehen der ihn - ohne mit ihm gesprochen zu haben - als Kapitän absetzen wollte. Natürlich war Körbel gekränkt und wenig begeistert - und kann daher sehr gut nachvollziehen, wie es Ioannis Amanatidis ergangen ist, welchen durch den neuen Trainer Michael Skibbe im vergangenen Sommer das gleiche Schicksal ereilte. Körbel sprach damals mit Ama, sagte: mir ist das auch passiert, bleib besonnen - und überlege dir, was du sagst. Körbel selbst führte die Mannschaft damals mit Blick auf Feldkamp auf das Feld und dachte sich: Du kriegst mich nicht kaputt - bevor ich gehe, gehst du. - und sollte trotz des folgenden Pokalsieges, dem nunmehr vierten mit Körbel, Recht behalten. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir hätten den Pokal nicht geholt und mehr Ruhe im Verein gehabt. Für Feldkamp war Geld wichtig, Geld, Geld, Geld - das hat nicht gepasst.

Feldkamp verließ die Eintracht, ebenso wie zuvor Lajos Detari, den Siegtorschützen des bislang letzten Pokalerfolges. Körbel blieb es vorbehalten, in der Saison 88/89 im letzten Saisonspiel gegen Hannover 96 einen Treffer zu erzielen, der die Eintracht immerhin erneut in die Relegation brachte - um diese mit 2:0 und 1:2 gegen den 1.FC Saarbrücken knapp zu überstehen.

Mit der Rückkehr von Ralf Falkenmayer und der Verpflichtung von Uwe Bein begann die Aera des Fußballs 2000, die mit Tony Yeboah einen weiteren Schub erfuhr - auch wenn Bein unter der Woche phasenweise kaum trainierte. Sicherer Rückhalt in jenen Jahren war Torhüter Uli Stein, der alleine für mindestens 10 Punkte gut war.

Große Stücke hielt Körbel, wie so viele, auf Ralf Falkenmayer, der für die Mannschaft unglaublich wichtig war.

Seine letzte Saison spielte Charly Körbel 1990/91. Am vorletzten Spieltag absolvierte er sein 602tes und letztes Bundesligaspiel, eine gelbe Karte führte zu einer Sperre, so dass sich Charly nicht mehr aktiv vor heimischen Publikum verabschieden durfte. Obgleich er körperlich durchaus noch in der Lage gewesen wäre, weiter aktiv zu spielen, wollte er abtreten, wie er begonnen hatte; in einem Team, das ganz oben steht, dass die Leute mich in guter Erinnerung behalten.

Lange Jahre hat Körbel seinen Körper gepflegt, machte Urlaub in den Heilbädern von Ischia, während seine Kollegen auf Ibiza oder Mallorca weilten. Der Lohn waren jene 602 Spiele - dies bedeutet, dass ein junger Spieler ab heute 20 Jahre lang 30 Spiele pro Saison absolvieren müsste - und selbst dann diesen Rekord nicht eingestellt hätte, wie Stefan Minden von der FuFA anmerkte - eine unglaubliche Leistung, die auch jene Spieler immer wieder verblüfft, die neu zur Eintracht stoßen.

Auch nach seinem Karriereende blieb Charly Körbel der Eintracht gewogen, zunächst als Co-Trainer, dann als Trainer, später als Scout und jetzt als Vorstandsberater und Leiter der Fußballschule. Doch diese Zeit wird sicherlich in einer weiteren Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen näher beleuchtet. Eine Tradition, die kaum jemand besser verkörpert und auch fördert als Charly Körbel.

Danke dafür.


Matze Thoma, Charly Körbel, Stefan Minden, Beve



Die Portraitfotos sind von Stefan Krieger, das Gruppenbild von Steffen Ewald und die kleinen Bilder vom Eintracht-Archiv. Danke.