Dienstag, 25. Mai 2010

Tradition zum Anfassen - Der Uefa-Cup-Abend im Museum der Eintracht


Vier Tage vor dem Rückspiel im Finale des Uefa-Cups der Saison 1979/1980 liegt die Frankfurter Eintracht gegen Werder Bremen nach 53 Minuten mit 0:2 zurück. Norbert Nachtweih gelingt in der 56. Minute der Anschlusstreffer, Michael Künast trifft in der 77.Minute zum 2:2. Noch ist eine Minute zu spielen, als Trainer Rausch den Torschützen Nachtweih auswechselt. Für ihn kommt ein weitgehend unbekannter Nachwuchsspieler auf den Platz, der 20-jährige Christian Peukert. Mit seiner ersten Ballberührung erzielt er den Siegtreffer für die Eintracht; Werder Torwart Dieter Burdenski ist zum dritten Mal geschlagen; das Spiel ist aus - die Eintracht hat gewonnen.

Es sollte das einzige Bundesligaspiel von Peukert für die Eintracht bleiben - und ein Rekord für die Ewigkeit; welcher andere Fußballer kann für sich in Anspruch nehmen, in jeder gespielten Minute ein Tor für seinen Verein erzielt zu haben? Später wird Peukert nach Offenbach wechseln - und an der Seite von Uwe Bein noch 14 Spiele für die Kickers in der ersten Liga absolvieren - darunter auch 46 Minuten gegen die Eintracht, ausgerechnet (!) in jenem denkwürdigen Spiel, in dem die Eintracht nach 88 Minuten den Ausgleich erzielte - um im Anschluss durch Kutzops Tor doch noch mit 1:2 zu verlieren.

Dieses Spiel allerdings kam im Museum nicht zur Sprache.

Neben Christian Peukert waren Harry Karger, Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl zu Gast im Museum der Eintracht - als Vertreter jener Mannen, die in der Uefa-Pokal-Runde 79/80 kein einziges Auswärtsspiel gewinnen konnten - und nach zwölf Partien dennoch den Pokal in den Frankfurter Abendhimmel reckten. Und mit dabei waren neben etlichen Zeitzeugen und Spätgeborenen (einige waren noch am Morgen mit dem Flieger aus Vietnam in Frankfurt gelandet) auch ein Mann, der 41 Jahre für die Eintracht tätig war - und der wohl die brisantesten Geschichten unserer Diva zu erzählen hat (und der dennoch das meiste für sich behält: Was in der Kabine passierte, dringt nicht heraus): Zeugwart und Seele der Eintracht Anton Toni Hübler.

Karger, Nachtweih, Pahl und Peukert - die vier Mann, deren Lebensgeschichte nicht unterschiedlicher hätte ausfallen können, waren Bestandteil einer Mannschaft, die den bislang einzigen internationalen Titel der Eintracht geholt hat.

Ist Peukert ein Frankfurter Bub, der schon in der A-Jugend das Trikot mit dem Adler trug, so war Karger der Junge vom Land, der aus Burgsolms zur Eintracht gestoßen war - nachdem der Eintrachtfan noch als Bezirksligaspieler für Burgsolms unter der Woche mit der Eintracht A-Jugend trainiert hatte. Trainer Friedel Rausch sprach sich für eine Verpflichtung Kargers aus, der daraufhin zur Vertragsunterzeichnung ins Präsidium zu Manager Klug marschierte. Ohne unterzeichneten Vertrag kam er wieder herunter - und wurde von Rausch auf ein Neues nach oben geschickt. Dieses Mal erfolgreicher.

Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl verbindet eine ganz spezielle Geschichte. Beide sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen, beide spielten für Chemie Halle und avancierten zu Jugend-Nationalspielern der DDR. 1976 reiste das U-21 Team nach Istanbul zu einem Länderspiel gegen die Türkei - und beide setzten sich in den Westen ab. Obgleich sie sich noch in Istanbul bedeckt halten sollten, erkundeten sie die Stadt - und marschierten dort schnurstracks ins Kino.

In der Bundesrepublik angekommen, landeten die beiden wie so viele Flüchtlinge zunächst im Aufnahmelager Gießen. Als Fußballer privilegiert dauerte der Aufenthalt dort jedoch nur drei Tage; durch die Vermittlung des FDP-Spitzenpolitikers und Mitglied des Eintracht-Verwaltungsrates Wolfgang Mischnick, der Ende der Vierziger Jahre ebenfalls die DDR verlassen hatte, landete das Duo bei der Frankfurter Eintracht - und wurde bis 1978 für Pflichtspiele gesperrt.

Die Uefa-Cup-Saison 79/80 war geprägt durch Reisen, neben den Pflichtspielen stand in der Winterpause ein Turnier an der Elfenbeinküste auf dem Programm, die Spieler fluchten ob der Luftfeuchtigkeit, die Eintracht verdiente ein bisschen Geld - und landete in der Rückrundentabelle der Bundesliga auf dem 16. Platz; für die Vorrunde sprang noch der fünfte Platz heraus; im Endergebnis bedeute dies Platz neun; kein überragendes Ergebnis für ein Team in dem unter anderen Grabowski, Hölzenbein, Nickel, Cha, Pezzey, Neuberger, Borchers, Lorant oder Charly Körbel aufliefen.

Auswärts war die Eintracht auch im Uefa-Cup keine Macht; dem Unentschieden in Aberdeen folgten Niederlagen in Bukarest, Rotterdam, Brünn, München und Mönchengladbach - im Waldstadion aber gab es für Gäste nichts zu holen, dort wurde der Grundstein für den Triumph gelegt - 30 Jahre nach der Final-Niederlage im Europapokal der Landesmeister gegen Real Madrid in Glasgow gewann die Eintracht ihren ersten internationalen Titel - durch Fred Schaubs Treffer in der 81. Minute im Rückspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Doch der Reihe nach.

Hart umkämpft war der Punktgewinn in Aberdeen, ein Team, das von Alex Ferguson trainiert wurde. Chas Treffer sorgte für eine gute Ausgangsbasis, die Hölzenbein durch sein Tor im Rückspiel vor 17.000 Zuschauern vollendete - die Eintracht stand in der nächsten Runde, die Dinamo Bukarest als Gegner brachte. Blieb Karger in Bukarest vor allem die Dunkelheit der Stadt in Erinnerung so standen Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl vor dem Problem, dass Reisen in den Ostblock für DDR-Flüchtlinge mit erheblichen Risiken verbunden waren - Wolfgang Mischnick sorgte auf politischer Ebene dafür, dass beide gefahrlos in Rumänien einreisen konnten. Am Ende stand ein 0:2 und das Weiterkommen auf hölzernen Beinen, das kaum ein Eintrachtler erlebte; zu teuer und zu abenteuerlich schien die Reise nach Rumänien.

Das Rückspiel in Frankfurt brachte eines der denkwürdigsten Tore in der Geschichte der Eintracht; erst in der 73. Minute gelang Cha die 1:0 Führung - noch war dies zu wenig, der Torhüter der Bukarester, Stefan, ein Teufelskerl, hielt alles, was zu halten war - und wischte sich im strömenden Regen seine Torwarthandschuhe nach jedem gehaltenen Ball an einem Handtuch halbwegs trocken. Nach 90 Minuten hatte Schiedsrichter Fredriksson die Pfeife schon im Mund; Neuberger schlug einen langen Ball nach vorne, Körbel verlängerte und Stefan hatte den Ball sicher. So dachten alle, bis auf drei. Fredriksson, der sah, wie Hölzenbein auf dem Boden ausgerutscht war und nicht sofort abpfiff; Hölzenbein, der auf dem Boden sitzend die Wachsamkeit behielt und Stefan, dem der Ball tatsächlich aus den Händen glitt, so dass Holz sich nach der Kugel reckte und ihn Richtung Tor köpfelte. Es sollte so sein; der Mann, der die Rumänen durch seine Paraden im Wettbewerb gehalten hatte, machte in der letzten Sekunde den entscheidenden Fehler - der Ball war drin - und die Eintracht in der Verlängerung, in der Nickel den 3:0 Siegtreffer gegen 10 Bukarester erzielte; Multescu war in der 89. Minute vom Platz geflogen.

Das Achtelfinale bescherte der Eintracht eine Reise in die Niederlande, Feyenoord Rotterdam hieß der Gegner doch das Hinspiel wurde im Waldstadion ausgetragen; Rund 40.000 Zuschauer erlebten eines der besten Spiele der Eintracht, die in grünen Trikots auflief und Feyenoord an die Wand spielte. Grün die Hoffnung, grün der Rasen, grün die Eintracht - Toni Hübler hatte die Ausweichtrikots parat gelegt; jener Toni Hübler, der 40 Mark gewann als er sich aufgrund einer Wette bei einer Auslandsreise zu den Koffern setzte - und auf dem Gepäckband des Flughafens eine Runde drehte, doch dies ist eine andere Geschichte. Eine andere Geschichte ist auch die des "Ästhetikbeauftragten" Hüblers. Als nämlich Nachtweih und Pahl zur Eintracht gestoßen waren, sorgte Toni für ein vernünftiges Erscheinungsbild der ehemaligen Hallenser. Reisen zu Adidas nach Herzogenaurach und zum Ammerschläger auf die Zeil brachten den Fußballern ordentliche Klamotten - denn: Kleider machen Leute.

Cha, Nickel, Helmut Müller und Lottermann mit einem tollen Treffer legten bis zur 58.Minute eine 4:0 Führung vor; vier Minuten vor dem Ende erzielte André Stafleu das 1:4 und ließ Feyenoord einen Funken Hoffnung für das Rückspiel.

Über 60.000 hofften auf das Wunder von Rotterdam, doch die Eintracht hielt dagegen; Torhüter Funk, bei dem Licht und Schatten im Laufe der Saison in stetem Wechsel leuchteten, machte das Spiel seines Lebens für die Eintracht und hielt 89 Minuten seinen Kasten sauber - und auch den Strafraum. Deutschland und die Niederlande - durch die deutsche Besatzung bis 1945 und das verlorene WM-Endspiel 1974 sahen viele Niederländer den großen Nachbarn als ihr own private Offenbach - Frank schreibt dazu im Eintracht-Archiv: Kurz nach Wiederanpfiff tritt das Geschehen auf dem Spielfeld zunächst einmal in den Hintergrund, denn dem Spiel droht der Abbruch, als der Hagel aus Flaschen, Steinen, Böllern, Feuerzeugen und anderen Gegenständen, der aus der Feyenoord-Fankurve in Funks Strafraum niedergeht, dem Schiedsrichter zu dicht wird und er das Spiel unterbricht.

Uli Matheja, Autor des Standard-Werkes über die Eintracht Schlappekicker und Himmelsstürmer berichtete im Museum die Ereignisse aus Sicht der Fans. Die Eintrachtler hatten Karten in unmittelbarer Nähe der Feyenoord Fans bekommen, eine Meisterleistung der Kartenvergabe. Als er sich ein Bier holen wollte, erkannte er, wie die Rotterdamer die Ordner beiseite drängten und den Frankfurter Block stürmen wollten, er schaffte es (auch dank seiner Cowboystiefel), vor diesen im Block zu sein; sie kommen, sie kommen rief er und sie kamen - relativ ungehindert durch die Polizei in den Block. Die Lage schien zu eskalieren, doch einige beherzte Niederländer unterstützten die Frankfurter, bis sich die Lage zunächst wieder beruhigte. Als die Frankfurter nach Spielende ihren Bus erreichten, hatten es zwar alle aus Ulis Reisegruppe geschafft, doch ging mit einem Knall die Rückscheibe des Busses kaputt, ein Stein war hinein geflogen. Der Busfahrer drehte die Heizung auf, die Eintrachtler wärmten sich in ihren Jacken sowie mit Bier und Apfelwein und feierten das Weiterkommen ins Viertelfinale; der Treffer von Jan Peters in der 90. Minute brachte Feyenoord den Sieg - und das Aus. Eintrachtfans berichteten von wütenden Attacken seitens der Rotterdamfans, von Waffen, Hiebe, Prügel, brennenden PKWs. Letztlich waren alle froh, wieder zuhause zu sein. Dort brachte das Los Zbrojovka Brünn als Gegner im Viertelfinale; eine weitere Reise in den Osten Europas stand an; in die Tschechoslowakei.

Mit einem 4:1 Hinspielsieg im Gepäck machte sich der Eintrachttross auf die Reise nach Brünn; nicht mit dabei war Torhüter Jürgen Pahl. Er, der mit Norbert Nachtweih der erste DDR-Fußballer gewesen gewesen war, der aus der DDR geflohen ist, hatte ein Jahr zuvor das Freundschaftsspiel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem BFC Dynamo Berlin besucht, in dessen Rahmen sich der Ostberliner Lutz Eigendorf in den Westen abgesetzt hatte. Pahl wurde seitens der Stasi als Fluchthelfer verdächtigt, eine Reise in den Osten Europas schien zu gefährlich (Ein Blick in die Stasi-Akten bestätigte Jürgen Pahl, dass er in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde). Wie weit der Arm der Stasi in den Westen hinein reichte zeigt die Geschichte Lutz Eigendorfs, der bis 1983 auch im Westen auf Schritt und Tritt überwacht und aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem Verkehrsunfall quasi ermordet wurde. Norbert Nachtweih, der bei der Partie zwischen Lauten und Berlin nicht zugegen war, trat die Reise nach Brünn an - und konnte das erst Mal nach seiner Flucht seiner Familie und Freunden begegnen. Toni Hübler hatte für die vielen ostdeutschen Fans, welche das Spiel der Eintracht zu einem Ausflug in die Tschechei genutzt hatten, einen Koffer voll Souvenirs dabei, der ihm nahezu aus den Händen gerissen wurde.

Ebenfalls nicht mit dabei war Jürgen Grabowski, der langjährige Kapitän der Eintracht. Vier Tage zuvor hatte ihn Lothar Matthäus beim 5:2 der Eintracht rüde gefoult - die Geschichte zeigte, dass Grabi nie wieder für die Eintracht spielen sollte und Matthäus sich niemals dafür entschuldigt hat, im Gegenteil: Der gelernte Herzogenauracher Raumausstatter mutmaßte noch vor zwei Jahren, dass Grabi sicherlich eine gute Versicherung gehabt und seine Karriere sowieso nach der Saison beendet hätte. Grabi aber hat den Sportunfall niemals der Berufsgenossenschaft gemeldet.

Ein anderer Stern aber schien am Himmel aufzugehen, der des Harry Karger, der sowohl im Hin- als auch im Rückspiel gegen Brünn einen Treffer erzielt hatte - und der von Stefan Lottermann den Spitznamen Schädel-Harry erhielt. Über einen Freund, Arda Yural, der sowohl in Burgsolms als auch später bei der Eintracht die A-Jugend trainierte, kam der gebürtige Weilburger zur Eintracht - obgleich auch die Offenbacher Kickers in Form von Niko Semlitsch Interesse an Karger zeigten. Karger war beeindruckt, noch vor wenigen Jahren hatte sich der Eintrachtfan Autogramme von Grabi, Holz und Körbel geholt - nun stand er mit ihnen in einer Mannschaft. Er trainierte eifrig und machte schnell große Fortschritte - nicht zuletzt durch den Einfluss Bernd Nickels, der ihm - vor allem wenn Gastspieler bei der Eintracht mit trainierten - zu raunte: Heute musst du Gas geben. Harry gab Gas und erkämpfte sich seinen Platz im Team - trotz Konkurrenten wie Christian Peukert oder Fred Schaub. Noch heute leuchten seine Augen, wenn er von der damaligen Zeit spricht; eben noch in der Bezirksliga, jetzt bei der Eintracht. Leider war Schädel Harry keine große Karriere vergönnt; den beiden Treffern gegen Brünn folgten zwei weitere gegen die Bayern und einer gegen Gladbach im Hinspiel der letzten Runde. Im gleichen Spiel ereilte ihn eine Verletzung, die einen Einsatz im Rückspiel unmöglich machte und gleichbedeutend mit dem Karriereende sein sollte. In den folgenden Jahren kam Karger bis 1983 nur noch auf fünf Bundesliga- und einen Uefa-Pokaleinsatz.
Und noch für einen weiteren Eintrachtler sollte diese Saison verletzungsbedingt die letzte bleiben; Helmut Müller verletzte sich in der Bundesligapartie gegen Duisburg am 12.04. und wurde neun Tage später im Rückspiel gegen die Bayern in der 83. Minute für Willi Neuberger eingewechselt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Müller alle Uefa-Cup-Spiele der Saison 79/80 absolviert und stand auch bei den meisten Bundesligapartien von Beginn an auf dem Platz. Die letzten 37 Minuten gegen die Bayern waren seine letzten Pflichtspielminuten für die Eintracht - immerhin in einem der grandiosesten Spiele der Vereinsgeschichte.

Doch zuvor ging auch das Spiel in Brünn verloren; bis zur 88.Minute hatte die Eintracht noch mit 2:1 geführt; im Bewusstsein des sicheren Weiterkommens führten Nachlässigkeiten noch zu zwei Gegentreffern - und zum Halbfinale. Dort hieß der Gegner Bayern München wo die Eintracht in der Liga drei Tage nach dem Rückspiel in Brünn vor über 30.000 Zuschauern mit 0:2 verloren hatte. Immerhin hatten es die Riederwälder geschafft, das Hinspiel mit 3:2 für sich zu entscheiden - und das obgleich die Eintracht im Oktober 1979 schon mit 0:2 hinten gelegen hatte; Körbel, Nickel und Karger schafften binnen 11 Minuten die Wende. Im anderen Halbfinale standen sich Borussia Mönchengladbach und der VfB Stuttgart gegenüber.

Bayern im Halbfinale - dies war ein gutes Zeichen; denn Finalspiele gegen Münchner Mannschaften pflegt die Eintracht zu verlieren; so war es 1932 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen die Bayern und so war es 1964 im DFB-Pokalfinale gegen 1860. Im Halbfinale des DFB-Pokals siegte die Eintracht jedoch 1974 gegen Bayern München - um im Finale dann den HSV zu schlagen. 1977/78 konnte die Eintracht den FC Bayern im Uefa-Cup gleich zwei Mal bezwingen. 4:0 und 2:1 lauteten damals die Ergebnisse, allerdings im Achtelfinale.

Ein Thema welches die Eintracht während der gesamten Saison beschäftige waren die Torhüter. Nach dem Abgang von Jupp Koitka konnte sich bislang keiner der beiden Torhüter Funk und Pahl unter Trainer Friedel Rausch dauerhaft behaupten, stete Wechsel hatten beide verunsichert, keiner konnte sich des Rückhalts des Trainers gewiss sein. Bis auf das Hinspiel gegen Brünn hatte stets Funk im Tor gestanden - so auch im ersten Spiel in München. Gerade Mal 14.000 Zuschauer wollten sich im Olympiastadion das Halbfinale im Uefa-Cup ansehen, das nach einem Fehler von Funk und einem Elfmeter von Breitner mit 2:0 für die Bayern endete. Im Rückspiel stand wieder Pahl im Kasten. Norbert Nachtweih stand ebenfalls von Beginn an auf dem Platz, während Karger zunächst auf der Bank Platz nehmen musste, Cha und Holz sollten für die notwendigen Tore sorgen. Christian Peukert war einer von 50.000 Zuschauern im nicht ganz ausverkauften Waldstadion und auf Seiten der Bayern kehrte ein alter Bekannter ins Waldstadion zurück: Wolfgang "Scheppe" Kraus, der von 1971 bis Sommer 1979 174 Bundesligaspiele für die Eintracht absolviert hatte; 15 weitere sollten 85/86 noch dazu kommen.

Die ersten 90 Minuten standen im Zeichen des großen Bruno Pezzey der 1994 vor der Zeit verstorben ist, sein Bildnis stand ebenso wie das des Fred Schaub, der 2003 tödlich verunglückt war, im Museum auf einem Tisch und wahrscheinlich haben die beiden uns von oben beobachtet. Und dann haben sie alle Tore der Eintracht gesehen, die Frank Wagner zu einem Film verarbeitet hatte, der nun gezeigt wurde - und bei vielen Besuchern des Museums Gänsehaut verursachte.

Darunter natürlich Pezzeys 1:0 gegen die Bayern in der 31.Minute, welches die Hoffnung der Eintracht auf ein Weiterkommen nährte; verzweifelt versuchten die Adler Junghans im Tor der Bayern zu überlisten, während Jürgen Pahl (der des Öfteren Pezzey in Österreich besuchte und sich bei einem gemeinsamen Fahrradausflug waghalsig einen Abhang hinunter stürzte - im wahrsten Sinne des Wortes; eine Gruppe Ausflügler hatte Glück, dass der Torwart der Frankfurter Eintracht nicht in sie hinein gerauscht war) seinen Kasten 90 Minuten lang sauber hielt.

Pezzey sorgte auch in der 87. Minute für das erlösende 2:0; die Frankfurter hatten sich in die Verlängerung geschossen, das Stadion tobte - ein selten gekanntes Gefühl im weiten Rund der damaligen Zeit.

Nun folgte der große Auftritt des Harry Kargers; eingewechselt in der 83. Minute traf er in der 103. Minute zum 3:0 - damit hätte die Eintracht das Finale erreicht, doch Jürgen Pahl ließ zwei Minuten später einen Schuss Dremmlers unter seinem Körper hindurch gleiten, nun standen die Bayern im Finale. Doch wiederum zwei Minuten später wuchtete Karger den Ball zum 4:1 ins Netz - endgültige Klarheit verschaffte dann Werner Lorant, der zwei Minuten vor dem Ende per Foulelfmeter zum 5:1 traf - und die Eintracht endgültig ins Endspiel resp. in die beiden Endspiele schießt. Sicherlich freute sich Jürgen Pahl am meisten - sein Fehlgriff beim 1:3 hatte keine gravierenden Folgen.

Als Endspielgegner kristallisierte sich Borussia Mönchengladbach heraus; mit 2:0 und 1:2 hatten sie den VfB Stuttgart aus dem Rennen geworfen und waren nun Gastgeber des ersten Finalspiels.

Alle Hoffnungen auf einen Einsatz Grabowskis hatten sich zerschlagen, die Eintracht reiste ohne ihren Kapitän zum Bökelberg. Pahl stand wieder zwischen den Pfosten, Karger von Beginn an auf dem Feld - diesmal musste Norbert Nachtweih auf der Bank Platz nehmen - und sah das 0:1 durch - Harry Karger. Mit dem Pausenpfiff egalisierte Kulik die Eintrachtführung, doch Hölzenbein konnte nach Flanke von Borchers die Eintracht nach 71 Minuten mit 2:1 in Führung bringen. Sechs Minuten später fiel der erneute Ausgleich. Karger musste überdies in der 81. Minute verletzt vom Feld, der Anfang vom Ende seiner Karriere und zu allem Überfluss sichert Kuliks zweiter Treffer in der 88. Minute Borussia Mönchengladbach den Sieg. Wieder einmal hatte die Eintracht ein Spiel verloren, dass nicht verloren werden durfte. Doch ruhte die Hoffnung der Frankfurter auf der bekannten Heimstärke; fünf Mal trat die Eintracht im Waldstadion an, fünf Mal hatte sie dieses als Sieger verlassen.

Mit knapp 60.000 Zuschauern war das Rückspiel am 21. Mai 1980 ausverkauft - unter ihnen ein pickliger Teenager, der dreißig Jahre später das Glück hatte, die Veranstaltung im Museum zu moderieren. Es war nicht mein erstes Eintracht-Spiel - und auch nicht mein letztes; aber es sollte bislang das einzige bleiben, bei dem mir beim Siegtreffer von hinten vor Freude an die Schuhe gekotzt wurde.

Im Stadion hing ein riesiges Transparent: Eintracht Frankfurt - Uefa-Cup Sieger 80 stand darauf geschrieben - Ralf Holl, der uns vor Jahresfrist den Film über die Diva bescherte, hatte mit Kumpels, Taschengeld und einem großzügigen Stofflieferanten dafür gesorgt, dass das erste Großtransparent pünktlich zum Finale im Waldstadion hing; hilfsbereite Ordner halfen ihm seinerzeit, das Kunstwerk an den Zäunen zu befestigen.

Zuviel stand für beide Teams auf dem Spiel, als dass wir ein Feuerwerk wie gegen Rotterdam oder Brünn gesehen hätten, gefühlt lässt sich die Partie mit 81 Minuten warten und neun Minuten zittern am besten beschreiben. Trainer Rausch will nach einer dreiviertel Stunde eigentlich Hölzenbein auswechseln - überlegt es sich aber anders und bringt in der 77. Minute den jungen Fred Schaub für Norbert Nachtweih. Jener Schaub, über den Harry Karger später sagen sollte: Der war frech, der versuchte sogar einem Grabi im Training den Ball zwischen den Beinen hindurch zu spielen. Keine vier Minuten später kommt das Leder über Holz und Körbel zu Schaub, der im Strafraum abzieht und Torhüter Kneib überlistet; jetzt steht es 1:0 für die Eintracht - und mit diesem Ergebnis wäre der Uefa-Cup unser. Einer hat ganz andere Probleme: Toni Hübler; der muss nämlich dafür sorgen, dass die Spieler unmittelbar nach Spielende ihre Trikots wechseln; die Statuten untersagten es, dass die Mannschaften in internationalen Wettbewerben mit Reklame auf der Brust antreten durften; die Eintracht spielte in roten Adidas-Trikots mit weißen Streifen, während Hübler einen gleichen Satz Trikots parat legte, auf denen der Schriftzug Minolta prangte, der Trikotsponsor der Eintracht hatte es so gewollt. Und mit dem Schusspfiff brandete der Jubel auf - die Eintracht hatte es tatsächlich geschafft; sie war der gefeierte Uefa-Cup-Sieger 1980. Toni Hübler verteilte die Leibchen an alle. Nun ja, an fast alle: Bruno Pezzey fragte ihn nämlich in seiner unnachahmlichen Art: Wos gibts den do für uns für a Marie und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander - Hübler schüttelte mit dem Kopf - und so kam es, dass auf dem Mannschaftsbild mit dem Cup alle Spieler die zum Schlusspfiff auf dem Platz gestanden haben ein Trikot mit dem Aufdruck des Sponsors tragen. Alle - bis auf einen.

Bernd Hölzenbein nahm den Pokal in Empfang und überreichte ihm dem scheidenden Kapitän - Jürgen Grabowski, dessen Namen das gesamte Stadion skandierte; unvergessen die Bilder, als Grabi in seiner braunen Lederjacke den Cup in den Frankfurter Abendhimmel stemmte.

Und so endete die Saison 79/80 mit einem der größten Triumphe in der Geschichte der Frankfurter Eintracht - und auch ein weiterer denkwürdiger Abend im Museum. Vielen Dank an Harry Karger, Norbert Nachtweih, Jürgen Pahl und Christian Peukert, die nicht nur 79/80 dabei waren - sondern auch 30 Jahre danach noch einmal gefeiert wurden - von euch.

Jürgen Pahl wurde gemeinsam mit Norbert Nachtweih 1981 im Trikot der Eintracht DFB-Pokalsieger, Nachtweih avancierte zum national erfolgreichsten Spieler der jemals das Trikot der Adler getragen hatte; er wechselte 1982 (Zitat: nachdem ich mich im Westen eingewöhnt und die Sprache gelernt hatte) zu Bayern München - dort holte er noch weitere zwei Mal den DFB-Pokal und wurde sogar vier Mal Deutscher Meister.

Einen großartigen Bericht über den Saisonverlauf findet ihr im Eintracht-Archiv, geschrieben - wie so vieles - von Frank Gotta.


Toni Hübler


Die Fotos von der Veranstaltung (Peukert, Pahl, Nachtweih, Karger und Toni Hübler) sind von Stefan Krieger, das Bild des Banners von Fabian Böker und die Archiv-Bilder aus dem Eintracht-Archiv. Vielen Dank.

Kommentare:

  1. danke dafür, konnte nicht dabei sein leider.
    Was macht denn der Pahl zur Zeit? Vor der WM 2006 lebte er in Paraguay, ist das noch aktuell? Und wenn ja, ist er extra fürs Museum nach Frankfurt gekommen?

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  2. merci. so weit ich weiß, ist pahl nicht mehr so präsent in paraguay - aber ich kläre dies nochmal ab.

    viele grüße

    beve

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  3. Daaaanke .

    Es war so schön, ich hatte den ganzen Abend Gänsehaut.

    Einträchtliche Grüße
    EF74

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  4. Ein supernetter Abend, danke für die Zusammenfassung.
    Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass Werner Lorant eigentlich auch fest zugesagt hatte, später im Stau stand und letztendlich gar nicht mehr erschien. Fand ich persönlich schade, ich hätte den gerne mal live erlebt, aber vielleicht war der Abend ja auch deswegen so schön ... wer weiss!?

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  5. Hautnah kommentiert und mit Herzblut an der Tastatur;
    Lieber Axel, es ist immer wieder ein Genuss, deinen Blog zu besuchen und deine Beiträge lesen zu dürfen.
    Wissenswert,Kompetent und obendrein mit dem gewissen Quäntchen ETWAS, was zur Diva gehört.
    Dazke für deine wunderschönen Erläuterungen und Erzählungen rund um unseren Liebling,bin sehr gespannt auf neue Geschichten,auch rund ums Entchen.
    Lieben Gruss
    Geiselg.

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