Montag, 28. Dezember 2009

Gestern im Museum


Nachdem am zweiten Weihnachtsfeiertag das Endspiel im Europapokal der Landesmeister von 1960 gezeigt wurde, die Eintracht unterlag bekanntlich Real Madrid mit 3zu7, und leider nur eine Handvoll Interessierte anwesend war; so fischte ich spät in der Nacht eine Mail von Kid aus meinem Postfach, mit dem Hinweis, dass er es zum Spiel gegen West Ham United, welches am Sonntag gezeigt wurde, packen würde.

Da es immer schön ist, Kid zu treffen, machte ich mich also auch am Sonntag Richtung Stadion auf - und sollte es nicht bereuen. Denn nicht nur Kid und Frank waren anwesend; Matze hielt schon hinter dem Tresen die Stellung und ein älterer Herr betrachtete aufmerksam mit seinem Sohn das bereits laufende Spiel. Dazu kam ein Vater aus Kiel, der mit seinem kleinen Bub Weihnachten in der alten Heimat verbrachte sowie zwei weitere Eintrachtfans. Einer davon reiste als Student im Jahr 1976 zum Rückspiel der Eintracht bei West Ham nach London, ein anderer verbrachte sein halbes Leben am Riederwald.

Der ältere Herr, ihr habt es wohl schon erraten, war kein Geringerer als der damalige Eintracht Trainer Dietrich Weise und wir ließen uns natürlich nicht die Gelegenheit entgehen, uns über die vergangenen Zeiten zu unterhalten und erfuhren dabei aus berufenem Munde so manch Neuigkeit. Gemeinsam machten wir uns anschließend zu einem kleinem Rundgang in Richtung Katakomben auf und schauten uns vom Presseraum über die Trainer- und Spielerkabine auch den Spielertunnel an und marschierten durch ihn auf das Spielfeld. Ein tolles Erlebnis, Kid hat seinen Mittag im Eintracht-Museum etwas ausführlicher beschrieben; ihr seht: Das Museum hält immer Überraschungen parat, lasst euch also die kommenden Ereignisse nicht entgehen: wer weiß, was so alles passiert.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Schwarz-Weiß rieselt der Schnee


Weihnachten, unter dem Gabentisch liegen 24 Punkte für die Eintracht und ein Päckchen mit Hoffnung, sowie eines mit Fragezeichen. Mögen eure Wünsche alle in Erfüllung gehen und die Zeit mit euch sein. Ich bedanke mich bei allen, die übers Jahr diesen Blog gelesen, kommentiert und lebendig gemacht haben. Bleibt mir kritisch gewogen; wir sehen uns; im Herzen von Europa, in Auswärtsland oder wo auch immer.

Fröhliche und besinnliche Weihnnachten wünsche ich euch mit einer Zeichnung von Michael Apitz, der schon länger im Stadionmagazin mit seinen Comics präsent ist und meist ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Möge er mir verzeihen, dass ich sein Bild ausgeborgt habe.

Bis bald

Beve

Dienstag, 22. Dezember 2009

Wort des Monats November 2009



Mittlerweile hat die Eintracht vier Spiele am Stück nicht verloren - dies sah vor wenigen Wochen noch etwas anders aus, vor allem die ernüchternden Niederlagen gegen die Bayern im Pokal sowie das Debakel in Leverkusen ließ die Laune der Fans in den Keller sinken, wenig zur Besserung trug dazu ein 1:2 gegen Borussia Mönchengladbach bei. Trainer Skibbe ließ seinem Frust vor laufenden Kameras freien Lauf und stellte vieles in Frage - außer sich selbst. Im Museum hielt derweil Prof. Dr. Steinacker einen erfrischenden Vortrag zum Thema Begeisterung. Die jedoch war uns zu diesem Zeitpunkt flöten gegangen. Gerade mal 2% von euch stimmten für das Wörtlein, und so landete die Begeisterung abgeschlagen auf dem letzten Platz. Zu diesem Zeitpunkt völlig zu Recht will ich meinen.

An der Spitze entwickelte sich ein Dreikampf, welcher den Pausensport denkbar knapp als Verlierer erlebte. Ein Wort, geprägt vom Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen auf der Jahreshauptversammlung der Eintracht. Während Vertreter von Eintracht Frankfurt e.V. über die Erfolge des Vereins im vergangenen Jahr referierten (Tischtennis mit Roland Koch, Händeschütteln mit Angela Merkel, Partnerschaft mit einem Autohaus sowie Kooperation mit einer Krankenkasse im Rahmen der Pausenliga) trat Bruchhagen ans Rednerpult. Wissend um das Defizit des Vereins, welche über eine für ihn überraschende Gewinnausschüttung seitens der AG ausgeglichen wurde, stellte er fest, dass sich der Vorstand der AG nicht mit Pausensport sondern mit Bundesligafußball beschäftigt; fürwahr etwas Anderes. 22% von euch votierten für diesen Begriff - Bronze im Dezember. Falls ihr mal Zeit habt, geht mal auf die Homepage der Eintracht, sucht im Pressespiegel nach dem Stichwort Pausensport - und betrachtet das Ergebnis. Vor allem das Aufrufen der verlinkten Artikel.

Mit 23% eurer Stimmen landete das Scouting auf dem silbernen Treppchen. Arg in die Kritik gerieten unversehens Bernd Hölzenbein und sein Team nicht zuletzt durch süffisante Bemerkungen des Trainers, der später jedoch klar stellte, dass Holz und Co gute Arbeit abliefern. Die Eintracht hat ein kleines Scoutingteam, der 1.FSV Mainz 05 gar keines und der 1.FC Köln arbeitet gar mit der Kölner Sporthochschule zusammen; modernste Technik und aufwendiges Datenmaterial fanden dort zum Beispiel den Spieler Lukas Podolski. Die Spieler Kweuke und Petkovic, welche zu Beginn des Jahres zur Eintracht gestoßen waren, dürfn wir im Nachhinein getrost als Fehlgriff bezeichnen; doch zeigt die Entwicklung der letzten Jahre, dass die Eintracht mit solchen Entscheidungen nicht alleine dasteht. Und inwiefern das Scouting ursächlich dafür verantwortlich ist und nicht etwa der Wille eines Trainers oder eines Aufsichtrates oder gar der sportlichen Leitung, ist noch zu klären. Scouting, Silber im November 2009.

Kommen wir zum Spitzenreiter, der sich letztlich mit 29% der Stimmen verdient durchgesetzt hatte. Depression. Ein Wort, das jeder von uns kennt und dem verschiedene Bedeutungen anhaften; umgangssprachliche, wissenschaftliche, philosophische, medizinische. Der Selbstmord des Nationaltorhüters Robert Enke, der im November nicht nur die Fußballnation schockierte, basierte auf dem Leiden an Depression. Eine ultimative Begriffsdefinition steht noch aus, für die Einen ist es eine Krankheit, für andere die natürliche und einzige legitime Reaktion auf den Gang der Welt. Werden uns als Kinder Osterhase, Christkind und der Weihnachtsmann versprochen, so wissen wir nur wenig später, dass es diese gar nicht gibt - statt dessen aber Massenvernichtung, Konzentrationslager und hungernde Kinder in Afrika. Da muss der Mensch erstmal mit klar kommen. Manch einer sagt, der Mensch ist wie er ist, krank die Welt in der er lebt. Nun gut, im Anschluss an den Tod Enkes wussten viele, dass es so nicht weiter gehen könne, dass sich Dinge ändern müssen und überhaupt. Dass es natürlich genau so weiter geht, hätte man wissen können. Weiterhin hungern Kinder, fallen Bomben und besteht diese unsere Welt aus den Lügen, welche nicht zuletzt die Gier als sozial und wirtschaftliche notwendige Basis eines funktionierenden Kapitalismus/Sozialismus/Irgendeinismus verkleistern. Wer Dinge dunkel sieht, bleibt weiterhin alleine mit sich und der Welt und bei näherer Betrachtung sind wir alle alleine mit uns und der Welt. Die finale Heilung ist der Tod. Zwischendrin passiert etwas. Das ist unser Leben. Depression. Gold im November 2009.

Danke fürs Mitmachen, genießt die glücklichen Momente und macht euch nichts vor. Der Weihnachtsmann ist eine Erfindung der Werbeindustrie.

Sonntag, 20. Dezember 2009

Eis im Apfelwein


Das Spiel der Eintracht gegen den VfL Wolfsburg dürfte ähnlich wie die Partien gegen Kaiserslautern am 29.05.1999 und gegen Waldhof Mannheim am 27. Januar 2002 in die Geschichte eingehen. War das Spiel gegen Lautern wohl das heißeste, was ich je im Stadion gesehen habe und gegen Waldhof das nasseste so fällt mir spontan kein Besuch in einem Fußballstadion ein, an dem es kälter gewesen ist. Annähernd -10° zeigte das Thermometer - die ideale Temperatur, um bei Lebkuchen und Tee warm eingepackt auf dem Sofa drei Nüsse für Aschenbrödel zu sehen. Statt dessen tuckerten wir im eisgekühlten silbernen Golf in Richtung Louisa, die Coffinshakers sangen von fliegenden Hexen und erwachenden Dämonen, von Leuchtfeuern und der Walpurgis Nacht, während Menschen in den Fußgängerzonen umher eilten, um die Gabentische zu füllen.

Es war relativ früh, etwa 13:00 Uhr, als wir an der Louisa parkten und durch den Stadtwald stapften: noch vor Spielbeginn warteten einige Aufgaben im Museum auf uns - und ein heißer Kaffee dazu. Obgleich die Tore noch geschlossen waren. schafften wir es problemlos aufs Gelände zu kommen. Die Verkäufer in den mobilen Verkaufsständen bereiteten sich ebenso wie die Ordner auf den kommenden Ansturm vor, das Museumsfähnchen flatterte schon im Eiswind und nur wenige Minuten später stand Pia fröstelnd vor dem Museum und verkaufte Devotionalien, während ich eine Gruppe Jugendlicher durch die Historie der Eintracht führte und Geschichten erzählte; Geschichten von Fritz Becker, dem ersten Frankfurter Nationalspieler und erstem Torschützen in einem Länderspiel Deutschlands; Geschichten von dem verlorenen Finale um die Deutsche Meisterschaft 1932 oder dem La Coruna Pokal, dem größten und schwersten Pokal, den die Eintracht je errungen hatte. Natürlich durften Bilder vom Endspiel 1959 nicht fehlen, damals als die Eintracht Meister wurde.

Heutzutage heißt der amtierende Deutsche Meister VfL Wolfsburg, es ist kaum zu glauben - und eben jener VfL gastierte heute im Waldstadion zum letzten Spiel des Jahres 2009. Ich löste Pia beim Verkauf ab, Sitzkissen waren der Renner, und allerlei bekannte Gesichter schneiten auf einen Besuch vorbei, viel mehr Zeit als eine Umarmung oder ein Händedruck blieb jedoch nicht. Mein Dad war mittlerweile eingetrudelt, schwere Stiefel und ein langer Mantel schützten ihn vor der klirrenden Kälte und das war auch gut so. Ich selbst hatte meinen Schal zu Haus vergessen - das war natürlich weniger gut.

Kurz vor Spielbeginn eilten wir die Stufen zu unserem Block hinauf, sangen Im Herzen von Europa und schon ging es los. Die Wolfsburger sahen aus wie eine Ansammlung von Textmarkern, zehn leuchtend gelbe kickten auf dem Feld, ein orangener stand im Tor - und mein Fotoapparat lag noch im Museum; ich hatte ihn extra mitgenommen, um ihn noch aufzuladen - und so lud er nun. Mückenhirn.

Die Eintracht begann mit Franz für Jung und Spycher für Köhler, der auf Grund des Ausfalls von Korkmaz im linken Mittelfeld begann. Wolfsburg bot im Strurm die Herren Dzeko und Grafite auf, welche in der letzten Saison sage und schreibe 56 Tore geschossen hatten; eine Marke, die Eintracht Frankfurt in der Bundesliga zuletzt 1993/1994 erreicht hatte.

Gott war's gedankt, dass sich die beiden in dieser Saison mit dem Treffen etwas schwerer tun. Während sich die Eintracht engagiert über das Spielfeld schaufelte, konterte der VfL ein ums andere Mal, stieß unvermittelt in die Spitze vor und schaffte es nicht, Opa Nikolov aus kürzester Distanz zu überwinden. Eine Chance für die Eintracht war bis dahin zu bewundern, Tebers Distanzschuss konnte Benaglio noch abwehren.

In der 26. Minute zirkelte Köhler einen Freistoß schön in den Strafraum; Maik Franz stieg in die Luft, köpfte und der Ball landete im Netz; der fünfte Treffer unseres Verteidigers, der jubelnd abdrehte. Wir hüpften umeinander - wie hüpfen generell ein probates Mittel war, um dem Frost etwas entgegen zu setzen. Wir wollen hüpfen hüpfen hüpfen wollen wir.

Knapp zehn Minuten später hüpften die Gäste, Dzeko stand urplötzlich alleine vor Nikolov - und ließ sich diesmal die Chance nicht nehmen. Ausgleich. Aus dem Wolfsburger Block flackerte ein kleines Feuerchen auf, während der Apfelwein in den Händen unserer Sitznachbarn im Becher gefror. Noch vor der Halbzeit hatte der VfL die nächste Chance doch es blieb beim schmeichelhaften 1:1; hätte es 1:4 gestanden, es wäre auf Grund der Chancen nicht einmal unverdient obgleich die Eintracht spielerisch tapfer mitgehalten hatte.

Die zweite Halbzeit brachte ein unruhiges Spiel, Ochs wuselte sich nach vorne, Schwegler und Chris hatten hinten alle Füße voll zu tun und wir fühlten uns wie in einer Tiefkühltruhe; Pia saß mittlerweile schweigend auf ihrem Platz, den Schal vor dem Mund, hätte Schiedsrichter Stark die Partie abgepfiffen, hätte sich wohl niemand beschwert, so aber nahmen wir ein 1:2 hin, welches Josué humorlos aus der Strafraummitte erzielte. Köhler, der zuvor eine unverhoffte Chance auf dem Fuß hatte, als er freistehend vor Benaglio nicht wusste, ob er abseits stand, schießen oder passen sollte und sich für irgendwas entschied, wurde später gegen Caio ausgewechselt. Es war nicht Caios Wetter.

Aber es war das Wetter von Alex Meier. Die Eintracht bemühte sich um den Ausgleich, kam jedoch kaum zu Chancen, es fehlte in der Mitte ein Spieler, für den Bälle aufgelegt werden können; es ist zwangsläufig, dass sich Chancen für die Eintracht entweder aus Standards oder Fernschüssen ergeben, so auch in der 79. Minute als Liberopoulos es geschafft hatte, den Ball irgendwie zu Meier zu schaufeln, der von der Strafraumgrenze überlegt einschoss. Meier, dessen Fuß weiß, wo der Ball hinfliegen soll. Ausgleich. Einer wusste wohl nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Marcos Alvarez, unser U-19 Stürmer wartete schon in seinem Trikot mit der Nummer 35 an der Außenlinie und stand Zentimeter vor seinem ersten Bundesligaeinsatz; ein weiterer Lebenstraum schickte sich an, in Erfüllung zu gehen - bis Meiers Treffer Trainer Skibbe bewog, mit den gleichen Elf zu Ende zu spielen. Alvarez zog sich wieder an und betrachtete den Schlusspfiff von der Bank.

Meier hatte sogar noch eine Möglichkeit, verzog aber knapp, so dass es am Ende beim 2:2 blieb, ein Ergebnis mit dem alle leben können - auch wenn der Punkt glücklich für die Eintracht war; verdient war er allemal.

Das war's also im Jahr 2009, die Eintracht hat 24 Punkte und steht ordentlich da; besser als die letzten 15 Jahre, das ist doch schon mal was. Weihnachten steht vor der Tür, vielleicht bringt das Christkind ja einen Stürmer - wir jedoch hatten nur ein Ziel: Wärme. Und so wanderten wir durch den nachtkalten Stadtwald, stießen vereiste Atemluft in die Dunkelheit bekamen von Daddy noch eine Tüte von Mama gebackener Plätzchen in die Hand gedrückt und verabschiedeten uns mit einem Punkt und Platz 10 in der Tasche.

Stefan hat tolle Fotos vom Spiel in seinem Blog, schaut sie euch an und genießt die Situation bei der Eintracht, im Winter 2009. Wenn ihr wollt, könnt ihr ja auch mal wieder bei Kid oder Frank vorbei schauen. Kid macht zwar gerade Pause, aber die Spielberichte über die ruhmreichen Taten der Schlappekicker müssen ja auch geschrieben und vor allem: gelesen werden


Dienstag, 15. Dezember 2009

Erster Bundesligaeinsatz für die Nummer 36.


Mehr über und von Marcel-Titsch-Rivero auf 18mal18.

Richtig blöd


Wie in jedem Jahr, so gibt es auch heuer einen feinen Audio-Adventskalender auf der Heimseite der Sportschau, ein netter Spaß und durchaus hörenswert. Ich habe mir einmal erlaubt, ein kleines Best-Of zusammen zustellen; viel Vergnügen:




Samstag, 12. Dezember 2009

Heimspiel in Sinsheim oder so. Handwerklich sauber gemacht.


Müde. Feucht. Kalt. Rotz.

Trotz relativ kurzfristigem Entschluss, doch in den beschaulichen Kraichgau zu fahren, konnte ich noch ein Ticket und eine Mitfahrgelegenheit ergattern. Pia war im Auftrag der Kinder unterwegs - und so blieb sowohl sie als auch der silberne Golf in der Metropole des Traditionsvereins; ein herber Verlust für eine Auswärtsfahrt.

Aber Stefan und Christian warteten schon auf mich, als ich gegen halbelf durch die Günthersburgallee marschierte; Mütze und Handschuhe inklusive. Ein kurzer Stopp an der Tankstelle und schon ging es auf die Autobahn - das erste Mal führte uns der Weg nach Sinsheim; zu einem Ort den noch niemals zuvor ein Frankfurter betreten hatte. Wir rauschten problemlos nach Baden-Württemberg; vorbei an Mannheim, Heidelberg und dem Hockenheimring, dessen skurrile Tribüne an eine zerschnittene Konservendose erinnerte. Am weißen Stock hieß ein Parkplatz und es sei nur ein übles Gerücht, dass sich hier die Schiedsrichter zur Weiterfahrt treffen.

Direkt an der Autobahn liegt nicht nur das Industriegebiet von Sinsheim, sondern auch das Technik Museum; dazu ein neu erbautes Stadion in dem von Zeit zu Zeit Bundesligafußball simuliert wird, dazu später mehr.

Wir rollten an den ausgestellten Concordes des Museums vorbei in Richtung Sinsheim-City und parkten auf dem alkoholfreien Parkplatz der hiesigen Sparkasse. Ein Spaziergang durch den Ort führte uns zwischen Hauptstraße und zerfallenen Fachwerkhäuslein in die Fußgängerzone, ein Weinachtsmärktlein lockte zum Weitergehen bis uns die Gastwirtschaft Linde mit einer Freundschaftstafel mit Frankfurter und Hoffenheimer Freundschaftsbändchen zum Verweilen einlud. Die Linde grüßt Frankfurt und Hoffe. Da setzt man sich gleich hin beim Pinkeln.

Hinter dem Fenster floss gemächlich die Elsenz, ein selbstverständlich nichtschiffbares Flüsslein, was niemanden hier störte. Unbekümmert verspeisten wir die Schnitzel des Tages, umgeben von freundlichen Frankfurtern und ebenso freundlichen Einheimischen und dackelten anschließend zum Bahnhof, wo der Sonderzug schon der Dinge harrte. Aus dem Fenster grüßte Ben, ein kurzer Plausch - und schon durchbrachen wir die Polizeisperre mit einem dezenten Hinweis auf unsere Herkunft.

Gegen die Empfehlung der Polizei, die bereitgestellten Busse zu nutzen, wanderten wir inmitten blau gewandeter Fußballschauer vorbei an Elektromärkten, einem Minarett, durch eine dufte Fanmeile und folgenden Unterführungen Richtung Stadion.

Dort angekommen blökte uns eine Ordnerin freundlich den Weg und schwupps tummelten wir uns zwischen den Eintrachtbussen Richtung Eingang Nordost. Hier ein Hallo, dort ein Guude und schon waren wir inmitten des Gästebereichs. Wir trafen auf Marc der auf seine Schäfchen achtete, und auf Stefan von der FuFa, der mit seinem Jüngsten etwas irritiert ob der geringen Kapazität der Parkplätze für Gästebusse den Kopf schüttelte und gelangten flott und unbedrängt ins Innere. Andi zupfte an meiner Mütze und verschwand auf der Suche nach einer Toilette, während wir frohgemut die Stehplätze erklommen. Recht steil führten uns die Stufen nach oben, die Sitze waren brav nach hinten geklappt und verschraubt und wir sicherten uns ein Plätzlein in lichter Höhe. Der Blick ins weite Rund bescherte uns eine naturgetreue Nachbildung eines Stadions oder besser gesagt Arena die mich ob der Außendachkonstruktion, der rückwärts abschließenden Plexiglaserhöhung, den blauen Sitzen und den Marathontoren dezent an unser städtisches Stadion erinnerte, wobei der Oberrang fehlte und statt eines Videowürfels feat. Innendach an den Diagonalen zwei Anzeigetafeln prangten.

Etwas überdimensioniert die Glasfassaden der Logen, die sicherlich derzeit gut besucht sind, aber ansonsten wirkte das Bauwerk am Rande der Autobahn weder protzig noch peinlich. Handwerklich sauber gemacht. Etwas irritierend vielleicht an der Außenfassade die Reklame für die Zeitgeist at work; machen wir uns nichts vor, die Zeit des Sportplatzes ist vorbei; früher oder später wird es in Karlsruhe genau so aussehen. Dort jedoch weht ein Hauch von Fußballgeschichte, geprägt von Freud und Leid vieler und nicht die Ambition eines Mannes der geliebt werden will.

11 Frankfurter Feldspieler liefen sich warm; sollte Trainer Skibbe so spielen wollen, liefen Dinge grundsätzlich falsch; später zeigte sich, dass Spycher nicht auflaufen konnte, Köhler sollte dessen Position übernehmen. Ein gelbes, aufblasbares und meterhohes Plastikmännchen wackelte sinnfrei vor dem Gästeblock auf und nieder; ein Mensch in grünem Drachenkostüm erwarb seinen Lebensunterhalt, indem er für eine Krankenkasse am Spielfeldrand Reklame lief, derweil eine debile Uffta-Version von You'll never walk alone über die Boxen schlich. Laut war es nicht, aber zu laut. Einem Lied die Seele zu rauben ist ein Verbrechen. Es folgten Blurs Song2 und die 7Nation Army, so toll sie auch waren die Songs, damals; so langweilig ist nun, just diese zu spielen - die durch das Abnudeln in so ziemlich jedem Zusammenhang mit Fußball jeden Charme verloren haben. Passt. Der Versuch der Anbiederungen an vermeintlich alle. Doch: Jeder Faust trifft seinen Mephisto.

Hoffi trifft mitten ins Herz. Oder besser: man möge Hoffi dorthin treffen. Hoffi ist das Maskottchen der Einheimischen, wohl als Elch definiert. Aus Plüsch. Wollen wir nicht so streng sein, In Stuttgart heißt es Fritzle und ist ein Krokodil und ähnlich wie in Sinsheim noch nie ein freilaufender Elch gesichtet wurde, so sah je ein Stuttgarter ein lebendiges Krodkodil in Cannstadt[s freier Wildbahn]. In Leverkusen gibt es einen Plüschvirus. Deppenmaskottchen sind nichts Neues, auch hier wurde der Ortsansässige Verein naturgetreu geklont. Hoffi. Handwerklich sauber gemacht.

Nicht fehlen durften dann das Badenerlied mit den Textzeilen:

In Karlsruh’ ist die Residenz,
in Mannheim die Fabrik.
In Rastatt ist die Festung
und das ist Badens Glück.

Ich stelle mir vor, die Kölner würden singen, in Gladbach ist die schönste Kirch, und Altbier unser Glück oder so einen Schmarrn - undenkbar. Ein Frankfurter würde sich denken, in Offenbach isses Gheddo un sonst nix. Naja, der Badener ist schmerzfrei und weltoffen, zumindest bis Stuttgart. Mitgesungen haben eh nur wenige - und das obgleich der Text auf den Anzeigetafeln eingeblendet wurde. Dann kam der Hoffesong. Wir sind Hoffe. Dort sollten sie singen: Der Kraichgau tobt und wir sind mittendrin und stimmen alle (ein). Ich war dort; kann euch reines Gewissen verkünden: Nein, das stimmt nicht. Schwamm drüber. Unterdessen forderte der Stadionsprecher die heimischen Zuschauer auf, aktiv am Ereignis teil zu haben. Diese wedelten daraufhin mit ihren Schals. Wie beim Fußball. Hier wird Stimmung im wahrsten Sinne des Wortes gemacht. Man kann den Zuschauern nicht böse sein, eigentlich wollen sie nichts Arges. Außer Dabeisein. Vor dem Spiel grüßte aus der Heimkurve ein Banner die Gästefans freundlich auf Latein; hätten wir es verstanden hätte die Antwort zweifelsfrei: Huurensöööhne gelautet. Ich kann kein Latein und bin in manchen Filmen schamhaft für die Bösen.

Wie gesagt, Spycher auf der Tribüne, Köhler hinten links. Hinten rechts Sebastian Jung, vor ihm Ochs. Innen Russ und Chris, davor Schwegler und Teber. Links Korkmaz, Mitte Meier und Liberopoulos und im Kasten Nikolov, fehlerfrei vorweg. Die Eintracht ganz in Weiß.

Ein voller Gästeblock war guter Dinge - bis Ibisevic über den Ball säbelte und hinfiel. Schiedsrichter Günter Perl aus Pullach verübelte dies überraschenderweise Selim Teber und entschied auf Strafstoß, der unhaltbar für Nikolov einschlug. 1:0 Salihovic, neunte Minute. SMS Pia: Das war kein Elfer! Doch die Eintracht ließ sich nicht hängen; Chris kämpfte wie ein Wolf, Korkmaz knorzelte sich durch die Reihen der Einheimischen in Blau; nur Hildebrand hatte sich für einen grauen Sweater mit gelber Ziffern entschieden. Pirmin Schwegler behielt die Übersicht. Köhler hielt tapfer gegen Obasi, Ochs und Jung beliefen die rechte Seite. Die Blauen spielten hart, Fouls im Mittelfeld, Fouls in Strafraumnähe. Freistoß Teber, knapp vorbei. Auf anderen Plätzen fielen die Tore im Minutentakt, hier wollte die Kugel trotz beherztem Spiel der Eintracht nicht mehr bis zur Pause ins Netz.

Halbzeit zwei brachte ein ähnliches Bild; Zwingende Chancen erarbeitete sich die Eintracht nicht; ich hätte mir zu diesem Zeitpunkt einen Elfmeter gewünscht. Die Gastgeber stießen eins- zweimal gefährlich durch, folgenlos. Nach 61 Minuten jedoch wurde die engagierte Leistung der Eintracht belohnt, Schwegler hatte 25 Meter vor dem Tor schön viel Platz, zog kultiviert ab , der Ball meinte es gut, wurde abgefälscht und senkte sich über Hildebrand ins Netz. Wahnsinn. Ausgleich. High Five und breite Freude allenthalben. Der Gästeblock, der bis dato relativ konsequent im Frankfurter Charme durchsupportet hatte, ohne jedoch Sinnsheim in Schutt und Asche zu legen, tobte.

Glück dass Schiedsrichter Perl aus Pullach bei einer Szene, welche Marco Russ später im Fernsehen wie folgt kommentieren sollte: Man sieht glaube ich, dass mein Arm zur Hand geht keinen Elfer gegen die Eintracht pfiff. Heimtrainer Rangnick zornte, grollte, wandelte am Rande eines Stadionverbotes - daraufhin fielen Spieler der Blauen von Zeit zu Zeit im Strafraum hin, wirkungslos, zu Recht. Von oben fiel leichter Schnee.

Ochs auf Jung, schönes Kombinationsspiel; die Flanke findet keinen Abnehmer. Und dann kommt die 84. Minute. Der Schweizer Korkmaz, wie später im HR zu hören war, hatte sich verletzt und für ihn sollte ein Spieler kommen, dessen allerersten Minuten in der Bundesliga nun bevorstanden. Marcel Titsch-Rivero, den Stefan Krieger und ich in dieser Saison im Blog 18mal18 begleiten, hatte geschafft, wovon er noch vor wenigen Tagen geträumt hatte: Sein erster Profieinsatz wurde Wirklichkeit für den Jungen, der schon wie Jung, Ochs, Preuß und Russ in der U17 für die Eintracht gekickt hatte. Die Nummer 36 stand auf dem Platz; ich habe mich riesig für ihn gefreut. Herzlichen Glückwunsch, die Reise geht weiter.

Marcel hatte sogar noch eine Chance auf dem Fuß, drang in den Strafraum ein - und scheiterte am Schlussmann des Gastgebers. Liberopoulos ärgerte sich, schimpfte mit ihm, Titsch-Rivero hätte wohl abspielen sollen. Doch dann munterte der alte Fuchs den jungen Dachs mit einem freundschaftlichen Klapps wieder auf: Weiter geht's. Um ein Haar hätte Chris dann noch das Siegtor erzielt.

In der 89. Minute wurde ein weiterer Traum Wirklichkeit. Christoph Preuß , unsere Nummer 20, stand an der Außenlinie, bereit zum Wechsel. Bald zwei Jahre hatte Christoph auf diesen Moment gewartet, hingearbeitet; Rückschläge weggesteckt und kleine Erfolge erzielt. Das erste Laufen, Einzeltraining, Laktattest, leichtes Mannschaftstraining, Freundschaftsspiel, U23 und nun wieder Bundesliga. Die Kurve feierte die Einwechslung (Teber ging) mit Sprechchören: Chriiistoph Preuuuß tönte es durchs Stadion, ein toller Moment; ein grandioser Moment.

Dann war Schluss, die Eintracht hatte sich einen Punkt redlich verdient; einen Punkt, den wir auch schön feierten. Stefan, Christian und ich verließen das Stadion erhobenen Hauptes und blieben an einer Straßensperre hängen. Die Ordner waren selbst irritiert über ihre eigene Tätigkeit, Heimfans schlüpften auf unsere Seite; wir jedoch glotzen auf die Lichter der auf der anderen Seite wartenden Autos. Bald schlupften wir ebenfalls auf die andere Seite, grüßten Frauke und Öri und liefen wohlgelaunt unseres Wegs. Ziel, wie kann es anders sein, die Fanmeile. Naja, ein paar Buden, Glühwein für zwei Euro und Menschen am quasseln. Zaun drumrum, Fanmeile. Gehört halt dazu. So wie vieles für die Installateure des Ereignisses Fußball im Kraichgau dazugehört. Handwerklich sauber gemacht. Oder anders: Überall ein bisschen abgeschaut, hochgradige Peinlichkeitsfaktoren fließen zwar mit ein (Wir sind Hoffe), im Großen und Ganzen jedoch scheint die Inszenierung nicht ungeschickt gemacht. Zeitgeist at work, so könnte das Erlebnis Erstliga-Fußball simuliert werden.

Jedoch: So ist es aber nicht. Es fehlt die Seele, die wirkliche Leidenschaft, das Durchdringen und Erleben und das eigene Profil. Die heimatlichen Zuschauer lernen Bundesliga, sind ruhig, und sauber, pfeifen Schmähgesang brav aus und sind bei einem Ereignis dabei, das den Charakter der Gegend irritiert. So ählich wie ein überdimensionalern Vergnügungspark auf dem Lande, der allen Arbeit gibt und Narrenmasken dazu.

Auf dem Heimweg erinnerten wir uns an vergangene Spieler der Eintracht und deren Herkunft, an die Österreicher Pezzey und Huberts oder Lexa, an die Tschechen Rada und Obajidin oder den Brasilianer Nascimento. An Yeboah und Okocha, Tore Pedersen oder Jörn Andersen, Tibor Dombi und Lajos Detari. Ne ganze Menge Namen fielen uns ein; Schweizer, Spanier, Polen, Albaner. Doch welcher Holländer spielte bei der Eintracht?



Genau, Arie van Lent.

Ein kurzer Stopp bei einem Baumarkt in Mannheim folgte. Während Stefan ein Teppichmesser besorgte, verkündete der Marktlautsprecher: Herr Hildebrand bitte zur Werkstattinformation oder so ähnlich. Das lassen wir dann mal so stehen.

Flott sausten wir Richtung Frankfurt, über A5 und A3 und A661 nach Bornheim und oben am Günthersburgpark verabschiedete ich mich von meinen beiden Begleitern Christian und Stefan, bedankte mich für die schöne Fahrt, vergaß meine Handschuhe im Auto und dackelte zu Pia. Schön war's. Aber mir war kalt. Da bisde wieder. meinte sie lachend . Ja. Und das ist auch schön.