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Montag, 29. November 2010

Tatort: Hauptfriedhof


Kalt war es am Sonntag morgen, sehr kalt sogar. Das Eintracht Frankfurt Museum hatte zu einem Rundgang über den Frankfurter Hauptfriedhof eingeladen - natürlich nicht ohne Hintergedanken. Wir wollen Gräber verstorbener Eintrachtler besuchen und dort nicht nur ein Lichtlein entzünden, sondern auch an Geschichten erinnern, die sich einst zugetragen haben und die Eintracht über Jahre hinweg geprägt haben. Nahezu vierzig Eintrachtler folgen dem Aufruf, darunter Angehörige der Verstorbenen, Freunde, Interessierte und mit Erwin Stein und Dieter Stinka sogar zwei Spieler der Meistermannschaft von 1959

Nicht weit entfernt vom alten Portal liegt das Ehrengrab des ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Kolb, (22.01.1902 - 20.09.1956) unserer ersten Station. Walter Kolb, Sozialdemokrat in einer Zeit, als dies noch etwas bedeutete war der erste demokratisch gewählte Nachkriegsbürgermeister in Frankfurt. Von 1946 bis 1956 amtierte er 10 Jahre lang und war noch für weitere 10 Jahre gewählt, als er nach mehreren Herzinfarkten im Alter von nur 56 Jahren verstarb. Zuvor half er tatkräftig mit, das kriegszerstörte Frankfurt wieder aufzubauen und die Stadt in Deutschland zu etablieren. Neben der Wiederbelebung der Messe war der Ausbau des Flughafens ein entscheidender Faktor zum Aufstieg Frankfurts als Wirtschaftsmetropole. Kolb war ein begeisterter Schwimmer, und durchschwamm in frühen Jahren regelmäßig den Main. Er versuchte schon früh, das Waldstadion welches nach dem Krieg durch die Amerikaner konfisziert wurde und den Namen "Victory Park" erhielt für die Stadt zurück zu gewinnen - ein Unterfangen, welches erst nach 1950 von Erfolg gekrönt war. Zuvor wurde die zerstörte Paulskirche wieder aufgebaut, zeitgleich kümmerten sich die Turner um ihr gleichfalls zerstörtes Vereinsheim. Da Baumaterial knapp in jenen Jahren war, erhielten die Turner der Turngemeinde den Tipp vom Oberbürgermeister, sich auf der Baustelle der Paulskirche mit Material zu versorgen. Und so kam es, dass die Turnhalle am Oeder Weg in Teilen sehr eng mit der Wiege der Demokratie, der Paulskirche, verknüpft ist.

Unser nächstes Ziel ist das Grab des Urvaters der Eintracht Albert Pohlenk (12.12.1875 - 04.09.1948)), es liegt gar nicht so weit entfernt von Walter Kolb. Doch er ist groß, der Hauptfriedhof, trotz genauer Lagebezeichnung und Plan müssen wir stets aufpassen, uns nicht zu verlaufen. Angehäuftes Laub wird von einer leichten Schneeschicht überzuckert, stumme Figuren mit Flügeln weisen uns den Weg. Hinter der Gruppe rollt das Friedhofstaxi, falls jemand nicht gut zu Fuß ist, wird er gefahren.

Das Grab von Albert Pohlenk ist schlicht, nichts erinnert an Fußball oder gar an die Eintracht - obwohl es ohne ihn die wechselhafte Geschichte der Diva nicht geben würde. Pohlenk, dessen Enkel und Urenkel uns auf unserem Spaziergang begleiteten, gründete mit Freunden am 8.März 1899 in einer Gaststätte nah des Bahnhofs in der Düsseldorfer Straße den Vorgängerverein der Eintracht, den Frankfurter Fußballclub Victoria. Albert Pohlenk war nicht nur Spieler, sondern auch der erste Vorsitzende des Clubs, der sein erstes Spiel gegen den FC Bockenheim gleich mit 4:1 gewinnen konnte. Ursprünglich aus Sachsen kommend, spielte der junge Pohlenk bei einem Magdeburger Verein namens - Victoria. Auf der Walz blieb der gelernte Uhrmachermeister in Frankfurt hängen, etablierte seine Werkstatt in der Eckenheimer Landstraße und engagierte sich zunächst in Frankfurts ältestem Fußballverein, bei der Germania 1894 - bis Meinungsverschiedenheiten ihn und einige andere zur Neugründung eines Clubs bewogen. Nach seiner Kriegsgefangenschaft während des ersten Weltkrieges kehrte er nach Frankfurt zurück und blieb dem Verein, der seit 1920 den Namen Eintracht führte bis zu seinem Tod 1948 treu. Eine große Ehrung erfolgte 1935 anlässlich seines 60 Geburtstages. Eine kleine Ehrung erfolgt heute; wie an allen Gräbern legen wir einen Zweig nieder und entzünden ein Grablicht.

Wir wandern weiter, nah der Gruftenhalle entdecken wir die letzte Ruhestätte der Familie Runzheimer. Karl-Heinz Runzheimer betreute lange Jahre die Fußballer als Mannschaftsarzt - unter seinen Händen holten sie den Meistertitel 1959. Die Eintracht kann eine große Familie sein; zumindest Karl-Heinz Runzheimer und seine Frau Doris geborene Eckert trugen ihren Teil dazu bei. Doris Eckert war eine bekannte Leichtathletin bei der Eintracht und erreichte bei den Olympischen Spielen 1936 einen beachtlichen sechsten Platz. Heute liegen sie einträchtlich nebeneinander, der Arzt und die Leichtathletin, deren Sohn Joost uns heute ebenfalls begleitet.

Nicht weit davon entfernt liegt das Grab des Fritz Becker (13.09.1888 - 19.02.1963); auch hier erinnert nichts an eine grandiose Fußballvergangenheit. Fritz Becker schloss sich mit 14 Jahren den Frankfurter Kickers an, neben der Victoria der zweite direkte Vorläuferverein der Eintracht. Fußball war in dieser Zeit alles andere als gesellschaftsfähig, so musste der Schüler Becker seine Fußballleidenschaft des Öfteren mit Karzer bezahlen. Nachdem er im Jahr 1907 beide Tore beim 2:6 gegen das englische Spitzenteam Newcastle United geschossen hatte, galt er schon in jungen Jahren als einer der besten Fußballer Frankfurts - und stand tatsächlich beim allerersten Länderspiel in der Historie des DFB in der Schweiz auf dem Platz. Doch bis es soweit war, mussten einige Hürden übersprungen werden. Becker erhielt die Einladung zum Länderspiel wenige Tage zuvor. Mitzubringen waren Fußballschuhe und ein Anzug, den sich der Schüler für 12 Goldmark leihen musste. Da die Nationalspieler von den Landesverbänden nominiert wurden und Becker der einzige Frankfurter im Team war, wartete er mutterseelenalleine auf dem Bahnhof, ohne zu wissen, wo der Treffpunkt in Basel sein würde. Erst kurz vor Abfahrt des Zuges kam ein Männlein angerannt und begleitete ihn bis Basel ins dortige Hotel Metropol. Seine Mitspieler aber lernte er erst im Zug oder gar kurz vor dem Spiel kennen; Becker berichtete später davon, dass die Kleiderfrage seitens der Funktionäre weitaus wichtiger genommen wurde als taktische Finessen oder auch das Spiel selbst.

Dennoch erzielte Fritz Becker den ersten Treffer in der Länderspielgeschichte Deutschlands, ein zweiter sollte im gleichen Spiel noch folgen - doch der Endstand lautete schließlich aus deutscher Sicht 3:5. Als beim anschließenden Bankett (zu Essen gab es unter anderem Mockturtlesuppe) der Schweizer Torhüter Dreifuß mit Händen und Füßen das Spiel Revue passieren ließ, fegte er die Saucen vom Tisch, die auf Beckers geliehenem Anzug landeten. Die Reinigung und Reparatur des geliehenen Stückes kostete weitere 48 Mark - eine teure Reise für den jungen Mann, dessen erstes Länderspiel auch sein letztes bleiben sollte. Wenig später brach sich Becker in einem Spiel das Bein und ward nahezu zwei Jahre außer Gefecht gesetzt. Die Knochen wurde mit Draht geflickt, der sich Zeit seines Lebens im Schienbein von Fritz Becker befinden sollte. Als Becker, der schon 1920 bei der Einweihung des Riederwaldes für sein 850. Spiel geehrt wurde und später sogar Ehrenspielführer der Eintracht wurde, 1963 im Sterben lag, wünschte er sich eine Feuerbestattung. Der Draht im Bein machte dies seinerzeit jedoch unmöglich; Fritz wurde notgedrungen gegen seinen Willen im Sarg beerdigt - wie sein anwesender Sohn den erstaunten Zuhörern berichtet. Die letzten Jahre war Becker mit Annemie Kübert verheiratet, die eine äußerst erfolgreiche Handballerin bei der Eintracht gewesen ist und 1956 sogar Vizeweltmeisterin wurde. Auch diese beiden liegen heute einträchtlich nebeneinander.

Wer den Gruftenweg weiter nach Norden spaziert, der stößt unweigerlich auf das Grab von Hermann "Stift" Höfer. (19.07.1934 - 22.10.1996) Der bodenständige Linksverteidiger stand nicht nur beim 5:3 im Finale zur Deutschen Meisterschaft 1959 gegen die Kickers auf dem Platz, sondern erreichte auch das Endspiel im Europapokal gegen Real Madrid. Lange Jahre war der Bankangestellte, dessen Spitzname aus einem Telefongespräch zwischen einem Journalisten und dem damaligen Vorgesetzten resultierte. Wen wolle sie spreche? Ach, sie meine unsern Stift ... resümierte Höfers Chef - und Hermann hatte von diesem Tag an seinen Spitznamen weg.

Eine schwere Verletzung, erlitten im Spiel gegen Köln im März 1966 beendete die Karriere von Hermann Höfer, der 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne sogar das Deutsche Trkot tragen durfte. Doch auch nach seiner Verletzung blieb der Stift der Eintracht als Jugend- und Amateurtrainer und sogar als Vizepräsident treu. Höfer war ein großer Sammler von Eintrachtdevotionalien - die nach seinem viel zu frühen Tod von seiner Gattin aufbewahrt wurden. Als die Planungen für das Eintracht Museum Gestalt annahmen und Matze Thoma auf der Suche nach Exponaten war, öffnete Frau Höfer die Schatztruhe und schuf somit zur großen Freude unseres Direktors eine tolle Grundlage für das Eintracht-Museum. Nicht zuletzt das Europapokal-Endspiel-Trikot von 1960 fand so seinen Weg in die Öffentlichkeit.

Ebenfalls schon 1996 von uns gegangen ist Richard Kress, (06.03.1925 - 30.03.1996) der beliebte Rechtsaußen, dessen letzte Ruhestätte nah des Mausoleums Reichenbach-Lessonitz liegt. Richard Kress kam 1953 aus Fulda zur Eintracht, genauer vom FV Horas und wurde ob seiner Schnelligkeit der Blitz von Horas genannt. Hinter ihm lag eine Kriegsgefangenschaft und vor ihm der Meistertitel von 1959, die Teilnahme am Europapokalfinale 1960 sowie die Ehre, den Titel ältester Bundesligadebütant aller Zeiten zu tragen. Da Kress beim ersten Spieltag der Saison 1963/1964, der allerersten Bundesligasaison, auf dem Platz stand und er mit 38 Jahren der älteste Spieler war, dürfte ihm dieser Titel nicht mehr zu nehmen sein. Ebenso dürfte kein Spieler älter als 38 Jahre alt sein, wenn er sein erstes Bundesligator schießt - so wie weiland Richard Kress.

Lange Jahre führte er gemeinsam mit seiner Frau am Oeder Weg eine Drogerie und fuhr mit der Straßenbahn an den Riederwald zum Training. Der Nachwuchs bestürmte von Zeit zu Zeit die Drogerie und bat den bekannten Fußballer um Autogramme, die er bereitwillig gab. Neun Länderspiele absolvierte Kress zwischen 1954 und 1962 - eine Teilnahme an einer Weltmeisterschaft blieb ihm jedoch versagt. Herbergers Wortbruch anlässlich der WM in Chile (entgegen der Beteuerung Herbergers wurde Richard Kress nicht nominiert) war für ihn eine große Enttäuschung.
Immerhin: Eines der Prunkstücke des Museums stammt von Richard Kress, konnte er doch 1960 nach dem Europacup-Finale den Spielball einpacken, der von Ingeborg Kress vor ein paar Jahren anlässlich der Museumseröffnung feierlich überreicht wurde.

Nun führt uns der Weg an der Eckenheimer Mauer über das Mausoleum Gans in den nördlichen Teil des Friedhofs. Nah beieinander liegen dort Carsten Alsheimer (27.11.1974 - 24.10.2008) und Ute Hering (23.03.1954 - 20.11.2009), die doch eben noch unter uns weilten. Carsten kam 2008 auf dramatische Weise ums Leben - noch keine 34 Jahre alt. Er war Eintrachtfan durch und durch, begleitete die Eintracht auch auf Auswärtsspielen und hatte noch am Abend vor seinem Tod Abschied vom Riederwald genommen, der dem Neubau des Leistungszentrums weichen musste. Am nächsten Tag spielte die Eintracht in Cottbus und lag bereits mit 0:2 hinten, als die traurige Nachricht vom Tod Carstens die Runde machte. Viele die ihn kannten verließen den Block, andere supporteten die Eintracht zum Sieg - die das Spiel tatsächlich noch mit 3:2 gewann.

Beim folgenden Heimspiel gegen die Bayern nahm die Kurve angemessen Abschied von einem der Ihren. Too young to die tönte es über den Videowürfel und ein Banner hing am Oberrang: Geblieben ist die Leere und der Platz neben mir, im Unterrang hing das Konterfei Carstens. Die ersten Minuten während des Spieles herrschte trauriges Schweigen, sogar die Fans der Bayern waren ruhig - dann schallte es ohrenbetäubend aus der Kurve Wir sind alle Frankfurter Jungs.

Als Ute Hering verstarb schien der Riederwald den Atem anzuhalten. Lange Jahre begleitete sie die Eintracht als Assistenz des Präsidiums - und war für viele die Seele des Vereins. Sie wusste stets wer wo was brauchte und hatte trotz konsequenter Handhabe für jeden ein gutes Wort und im Zweifel auch noch eine Eintrittskarte oder den Schlüssel für einen Raum. Ihre Erkrankung kam plötzlich, zu plötzlich, als dass sie den Umzug in den neuen Riederwald noch miterleben konnte. Bei der Trauerfeier platzte der Saal aus allen Nähten, die ganze Eintracht war erschienen, um Abschied von Ute zu nehmen, sogar die Lizenzspielermannschaft war letzten November vollständig versammelt. Mit Ute Hering ging der gute Geist, der den alten Riederwald über Jahrzehnte geprägt hat. Und dabei war sie zu Beginn ihrer Tätigkeit gar kein Eintrachtfan: für den BSC Schwarz Weiß drückte sie die Daumen.

So endete nun unser Spaziergang, der keineswegs tieftraurig aber gleichwohl nachdenklich daher kam und die Eintrachtler verabschiedeten sich voneinander und verstreuten sich in alle Winde. Es war die erste Veranstaltung dieser Art, weitere werden folgen - sicherlich auch einmal bei angenehmeren Temperaturen - nach zwei Stunden waren wir schon ordentlich durchgefroren. Der nächste Rundgang ist schon geplant; er wird uns aller Voraussicht nach auf den Südfriedhof in Frankfurt-Sachsenhausen führen. Falls ihr wisst, wo verstorbene Eintrachtler ihre letzte Ruhe gefunden haben, so lasst uns es wissen; vielleicht gelingt es uns ja, möglichst viele zu verzeichnen, um von Zeit zu Zeit ihrer zu Gedenken - bis wir uns eines Tages selbst dazu legen werden.



Fotos: Pia Geiger

Samstag, 27. November 2010

Ein November ohne Heimspiel in ...


So, da bin ich wieder - auferstanden aus Ruinen. Der Blick aus dem Museumsfenster zeigt eine verschneite Winterlandschaft - ein Bild, welches noch vom letzten Winter arg vertraut ist; der Sommer war eindeutig zu kurz.

Heute kickt die Eintracht in München - und ich bin nicht dabei; wie auch schon in Bremen und St. Pauli und auch gegen Hoffenheim. Drei Auswärtsspiele am Stück fanden nun ohne mich statt, kein Heimspiel in ..., kein Golf - aber dennoch Musik. Herbstmusik. Von Natalie Merchant zum Beispiel oder von The National, deren Auftritt in Neu Isenburg ich leider verpasst habe. Interessanterweise trauere ich dem verpassten Konzert mehr nach, als den Eintrachtspielen. Immerhin hatte mein Neffe Timm gegen Hoffenheim sein erstes ganz großes Eintrachterlebnis. War er schon im Sommer beim Freundschaftskick in Aschaffenburg dabei gewesen, so folgte nun gegen Hoffenheim die Premiere in der Arena - auf meinem Platz. Schade, dass die Eintracht das Ding so vergeigt hat - aber Timm trugs mit Fassung.

Nun folgen in diesem Jahr noch die Heimspiele gegen Mainz und Dortmund, das Auswärtsspiel in Köln und das Pokalspiel in Aachen - wenn alles glatt geht, bin ich dann wieder dabei. Und dann werde ich Bilanz ziehen, wie und ob das ganze weiter geht. Im Ernst, manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, ob ich nicht vielleicht ein bisschen zu alt bin wegen eines mittelmäßigen Kicks bei Eiseskälte Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu gondeln, um mich dann für teuer Geld von allen möglichen Lebewesen rund um ein Fußballspiel nerven zu lassen.

Das nächste Stadion, dass allem Anschein nach Gästefans als Schwerverbrecher sieht, scheint das Weserstadion nach dem Umbau zu sein. Eng, vernetzt, Getränkefrei, vergittert - da fällt dann ähnlich wie in München das zuhause-bleiben nicht schwer.

Zunehmend fällt mir auch das Bloggen zur Eintracht schwerer - und das hat mehrere Gründe. Einerseits ist ja dauernd alles gesagt, im Forum oder im Blog-G überschlagen sich die Kommentare und ich habe da meist nichts neues hinzuzufügen, warum auch? Mich interessiert zum Beispiel Schalke oder Mainz auf pragmatischer und vereinsbezogener Ebene einen Dreck. Anders sieht es natürlich aus, wenn man abstrahiert, wenn man die Umstände außer acht lässt und versucht die Dinge zu objektivieren, dann ist natürlich alles interessant, was mit Fußball zu tun hat. Da wir uns hier aber im Herzen von Europa befinden, gilt vorerst die Parole: Alles außer Frankfurt ist scheiße. Andererseits nehme ich aus meinem direkten Umfeld immer mal ein paar Dinge zur Kenntnis, die ich hier gar nicht bloggen kann: Blöderweise kenne ich etliche der Beteiligten der Eintracht - und kann natürlich keine Geschichten erzählen, die in verrauchten Stuben die Runde machen. Wobei damit vielleicht bald Schluss sein könnte. Mit dem Rauch.

Muss ich zudem eigentlich alles bewerten, was irgendjemand irgendwo sagt? Bruchhagen gibt ein Interview in der FR. Das ist prima, gehört zu seinem Job. Dass Journalisten ganz gerne mal Spieler, Trainer oder Manager abwatschen gehört zum wiederum zu ihrem Geschäft - dass Bruchhagen in schöner Regelmäßigkeit den Spieß umkehrt und die Journalisten in den Senkel stellt, finde ich recht witzig - man darf es nur nicht allzu ernst nehmen oder ihm gar böse sein. Blütenträume - toll. Und keine Erfindung des Novembers 2010. Mal schauen, vielleicht reaktiviere ich ja mal wieder das Wort des Monats; Blütenträume gehört auf jeden Fall in die Liste.

Wenn ihr wissen wollt, wie die Eintracht gespielt hat, guckt heute abend mal auf Kids Seite, dort wird es sicherlich einen Spielbericht geben, der sich gewaschen hat. Demnächst geht der ja auch der Adventskalender zu Gunsten des Museums an den Start, falls ihr ein paar schicke Dinge ersteigern wollt, dann schaut euch doch mal hier um.

Apropos Advent und Weihnachten; wie die meisten von euch wissen, habe ich ja vor zwei Jahren mein Nachtmärchen Der Andermacher veröffentlicht; ganz seriös in einem ordentlichen Verlag, nämlich dem Mitteldeutschen Verlag in Halle, nix mit books on demand oder so. Und da ihr sicherlich ganz dringend ausgesucht schöne Weihnachtsgeschenke für eure Liebsten braucht, lege ich euch den Andermacher ans Herz. Er hat so gar nichts mit der Eintracht zu tun, spielt in einer Zeit, als Strom noch nicht erfunden wurde und ist genau das richtige für die kalten Tage. Das toll gemachte Büchlein enthält nicht nur die Erzählung, sondern sogar noch einige wunderbare Drucke von Kerstin Alexander. 18 Euro kostet das Werk; ich habe einige auf Lager, meldet euch bei mir; dann habe ich vielleicht auch ein bisschen Geld, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Herzzereißend, nicht wahr? Also, kauft kein Scheiß in dubiosen Läden, sondern unterstützt euren lokalen Artist. Eine ganz edle Sammlerausgabe erhaltet ihr hier, sie ist nicht ganz billig - dazu bekommt ihr aber auch noch einen Originaldruck von Kerstin. Selbstverständlich signiere ich euch die Bücher auch.

Ansonsten könnte man ja auch mal ins Buddha-Museum in Traben-Trarbach fahren, wenn die Eintracht spielt. Und denkt dran; morgen um 11:00 auf dem Hauptfriedhof erinnern wir uns an die alten Zeiten und gedenken dem ein oder anderen, der diese geprägt hat.


Donnerstag, 25. November 2010

Auf den Spuren großer Eintrachtler


Erstmals lädt das Eintracht-Museum zu einem historischen Rundgang über den wunderschönen Frankfurter Hauptfriedhof. Auf den Spuren großer Eintrachtler besuchen wir die Gräber von verstorbenen Spielern, Funktionären und Anhängern und erinnern an Persönlichkeiten, die den Verein in den vergangenen 111 Jahren geprägt haben.

Start: Sonntag, 28.11.2010 um 11.00 Uhr im Hauptfriedhof. Treffpunkt am Alten Portal, Eintritt frei

Hinweis: Bei der Anreise mit der U-Bahn bitte an der Haltestelle Deutsche Nationalbibliothek aussteigen.


Freitag, 19. November 2010

Mittwoch, 10. November 2010

Heimspiel in Argentinien


Eintrachtfans sind in aller Welt unterwegs - und sie erleben die dollsten Geschichten. Viele davon werden nie erzählt und fallen der Vergessenheit anheim; nicht so diese. Hilde und RedZone waren in Argentinien unterwegs und haben fantastische Erlebnisse mitgebracht, die sie auch niedergeschrieben haben. Zuerst wurde dieser Text im Frankfurter Ultra-Magazin Schwarz auf Weiss veröffentlicht. Da nicht viele von euch Zugang zu dem Heft haben, wurde mir dieser Text freundlicherweise zur Verfügung gestellt - und damit auch euch. Dafür bedanke ich mich ganz herzlich und nun: Vorhang auf.


Sonntag, 10.10.2010 (Primera División)
Club Atlético Tigre – Boca Juniors (1:2)
Estadio Momumental de Victoria, Buenos Aires, Argentina
Ausverkauft mit 24.400 Zuschauer (davon ca. 4.400 Boca-Fans)
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Was machen zwei Eintracht-Verrückte wenn Bundesligapause ist? Richtig, wir - Hilde und RedZone – Reisen nach Buenos Aires, Brasilien und Chile. Der Höhepunkt unserer Fußballtour war die Auswärtsfahrt mit Boca Juniors nach Tigre. Aufgrund einer persönlichen Einladung von Mauro Martin (einer der Chefs von La Doce), wurde das wahr wovon viele Hopper weltweit träumen: Eine Fahrt mit 8 Fanbussen und geschätzten 500 La Doce Jungs (=Ultras) in das 60km entfernte Tigre. Okay, ein UF-Aufkleber half auch dabei, aber das ist eine andere Story.

Abfahrt war am heimischen Stadion („La Bombonera“) in Boca, einem Stadtteil von Buenos Aires. Schon jetzt waren alle Busse restlos überfüllt, die Schiebefenster und Türen geöffnet und mit Bocafans gesäumt. Nach freundlicher Begrüßung und Übergabe eines Frankfurter Gastgeschenks, sind wir schließlich im allerersten Bus eingestiegen. Die beiden letzten freien Sitzplätze waren für uns freigehalten worden, eine sehr nette Geste. Getränke gab es keine, Rauchwaren (aller Art) waren hingegen kein Problem. Man stelle sich vor: Die Fahrt samt Eintrittskarte wird vom Verein gesponsert – echte La Doce Fans leben für ihren Verein und zahlen maximal Geld für ihr Trikot. Fast jeder trägt hier eines, echte eigene Fanshirts sieht man hingegen kaum, wenn wir mal die beiden Eintracht-Fanshirts, welche wir auf der Hinfahrt trugen, ausnehmen.

15Uhr Abfahrt. Der Buskonvoi wurde von 6 Polizeiautos eskortiert, die emsig an jeder Kreuzung den Verkehr aufhielten und außerdem stets versuchten, dass kein anderes Auto überholen durfte, damit die Busse ja nicht zum Stehen kommen. Fast unmöglich bei dem Verkehr dort. Während der Fahrt wurden schätzungsweise über 50 megalaute Böller auf Fußgänger geworfen. Wer besonders schnell davongelaufen ist wurde mit Sonderapplaus, sonst mit lautem Gelächter bedacht – wie gesagt, die Polizei war mit dem ordnungsgemäßen Verkehrsfluss beschäftigt.

Nach einer Stunde Fahrt stoppte unser Bus in Stadionnähe plötzlich, da aus den beiden letzten Bussen per Handy ein Angriff von Tigrefans gemeldet wurde. Auf Kommando sind alle raus und nach hinten gelaufen. Das ging rasend schnell, kein Wunder alle Türen waren ja stets offen. Nach ungefähr einer Zigarettenlänge und einer Pinkelpause am Gartenzaun füllten sich die Busse wieder schlagartig. Einige Fans waren blutverschmiert, andere getroffen von Gummigeschossen der Polizei an den Beinen.

Nach der Ankunft am Stadion hatte jeder von uns beiden einen persönlichen Guide. Beide konnten gut Englisch, sehr selten in der argentinischen Fußballwelt. Tja, jedenfalls kennen sie jetzt auch die Abkürzung ACAB. Nach turbulenten Einlasskontrollen mit erneut schießwütigen Polizisten, (egal wo mal ist in der Welt, immer muss man sich über die aufregen) sammeln sich alle La Doce Fans vor dem Gästesektor und beginnen zu singen und trommeln. Der eigentliche Einmarsch erfolgt erst kurz vor Spielbeginn und führt mittig hinter das Tor, wo stets ein großer Bereich frei bleibt – wer sich dort hin verirrt, wird unsanft vertrieben. Aufgrund des Zwischenfalls bei der Anreise, musste im Rekordtempo mit dem Verspannen der unzähligen Banner zwischen Fan-Zaun und Stadionrückwand in 15m Höhe samt Querbannern begonnen werden. Wir sahen ein eingespieltes Team bei dem jeder genau wusste was zu tun ist – sehr beeindruckend. Die Führungscrew steht übrigens erhöht zentral im Block auf einem Geländer, dahinter die riesigen Trommeln um auf kurzen Wege Anweisungen zum Liedgut / -takt zu geben.

Von nun an wurde 45 Minuten lang durchgesungen, getrommelt, gehüpft und die Arme im Takt in die Luft gestreckt. An jedem der 6 verspannten Hauptbanner quer durch den Block steht ein „Supportantreiber“, der darauf schaut dass jeder mitsingt und bisweilen auch fingerzeigend zum Singen animiert. Der Support ist komplett spielunabhängig, jedoch nochmals verstärkt bei Ecken und Freistößen. Jedes Lied bekommt 5-10 Minuten Gesangszeit, kurze Schlachtrufe gibt es kaum. Nach Toren wird kurz und heftig gejubelt und wieder laut weitergesungen. Mit dem Halbzeitpausepfiff verstummt die Unterstützung dann schlagartig und der Mob setzt sich auf die Treppe zum Chillen und Quatschen.

Fußbälle die über den Gästezaun gehen, gehören La Doce und werden sofort herausgefordert, falls der Ball nicht unmittelbar in die Mitte nach unten weitergerecht wird. Zuletzt ist dann die magische Stimmung in Gänsehautfeeling übergegangen, kein Wunder Boca führte gegen Ende mit 2:1. Nun wurden die gespannten Banner, die quer durch den Block gehen in Bewegung versetzt. Ein 10minutiges Dauergetümmel begann und zum Glück konnte man sich prima an einzelnen Bannern festhalten ohne umzufallen. Dann endlich…Schlusspfiff – AUSWÄRTSSIEG. Die Boca-Spieler feiern kurz, kommen aber nicht an den Zaun, sondern klatschen Richtung Kurve.

Noch ein Wort zum Fußball: In Argentinien ist Fußball mehr ein Kampf Mann gegen Mann um den Ball mit abschließender unpräziserer Ballabgabe, so echte Straßenfußballer eben. Caio könnte es sicher besser erklären. Auch haben wir uns zu Beginn verwundert die Augen gerieben, was der Schiri dort alles nicht pfeift. Spielunterbrechungen sind selten, wer fällt oder gefoult wird steht auf und spielt weiter, der Schiri pfeift ja eh nicht oder selten – warum also aufregen.

Und noch ein Wort zum Regelwerk: Eine Seitenwahl vor dem Spiel findet nicht statt. Der jeweilige Torwart befindet sich in der 2.Halbzeit immer vor der eigenen Kurve, damit in der wichtigen Endphase des Spiels, der Torwart nicht mit Gegenständen beworfen werden kann. Sehr interessant fanden wir jedoch die weiße Spraydose, die jeder Schiri am Mann hatte. Bei Freistößen wird die Stelle per Kreis und Abstände der gegnerischen Mannschaft per Linie auf dem Rasen markiert. Das Hightech daran ist aber, dass nach ca. 1 Minute beides auf dem Rasen nicht mehr sichtbar ist. Die Farbe hat sich also quasi in Luft aufgelöst. Geniale Erfindung – mal sehen wann es bei uns eingeführt wird.

Gleich nach Spielabpfiff muss dann im Block wieder alles sehr schnell gehen. Jetzt greift erneut die perfekte Orga innerhalb der Gruppe beim Abbau. Grund hierfür: Die Heimfans dürfen das Stadion erst dann verlassen, wenn die Gästefans abgereist sind. La Doce bleibt aber bis zuletzt im Stadion und wird beim Rausgehen durch den Away-Mob fanatisch gefeiert, fotografiert und besungen – irgendwie ein total geiles Gefühl, wann feiert uns mal einer so?! - überkommt es uns spontan.

Die Rückfahrt sollte dann eigentlich per Privat-PKW erfolgen, so der Plan der Boca-Jungs falls es doch noch einmal stressig am Bus werden sollte. Jedoch fand sich kein PKW am Treffpunkt ein, unsere Guide‘s telefonierten ratlos umher und hinter uns drängte schon eifrig die Polizei mit Waffen und Knüppeln zur baldigen Abreise der 8 Busse. Im letzten Augenblick sind wir dann auf den anfahrenden Bus aufgesprungen und zum Glück hatte der Busfahrer die Fahrspur in der Mitte gewählt, denn es dauerte doch ein wenig länger in einen fahrenden, übervollen Bus noch zwei Frankfurter unterzubringen.

Getränke gab es dann doch noch: Ein PKW-Fahrer reichte uns auf der Stadtautobahn durch die offene Bustür einige der so beliebten 1 Liter Bierflaschen. Nicht anhalten dürfen macht eben erfinderisch und so neigte sich ein unvergesslicher Abend langsam feuchtfröhlich dem Ende entgegen. Es war mit Sicherheit die beste Nicht-Frankfurt Auswärtsfahrt unsers Lebens.
Zugabe: Fundstück aus dem Web. Aufgenommen von der Haupttribüne am Spieltag mit Blick auf die Boca-Kurve.



Eintracht sein - das Museum unterstützen!



Forumsmoderatur gereizt hatte eine tolle Idee und er hat einen Text zur Umsetzung formuliert, den ich hier gerne weiter leite. Macht mit!



Denn es geht um unsere Tradition, die hier ist und nicht irgendwo in der Zukunft liegt. Ein gutes Museum braucht Unterstützung, wir haben sogar ein sehr gutes Museum mit Aktionen für Kinder, Führungen in der Nacht und immer wieder tollen Veranstaltungen.
Das soll so bleiben!

Nicht jeder kann hin. Aber jeder kann etwas tun. Für das Museum, das unsere Unterstützung nötig hat. Und mit diesem Thread bekommen soll. Mit eurer Hilfe!
Das Ziel ist ein:

Bestimmt hat jeder von euch liebgewonnene Fanartikel, die er nicht mehr nutzt, die verstauben oder die es einfach wert sind, unter die Fans gebracht zu werden.

Wir werden an jedem Tag im Dezember ein Türchen öffnen, hinter dem verschiedene schöne Sachen enthalten sind (z.B. alte Trikots, Spielplakate, Programmhefte, Bälle mit Unterschriften, Eintracht-CDs).

Jeden Tag. An euch. Zugunsten des Eintracht-Museums. Für unsere Tradition. Für uns!

Wir haben bereits einige – auch seltene Sachen – bekommen, tolle Zusagen und Unterstützung für diese Aktion, die uns stolz machen. Auf Eintracht. Bitte helft mit, damit hinter jedem Türchen tolle Sachen zu finden sind, über die andere sich freuen.
Das Museum ist es wert!

Wir bitten euch: schreibt an gereizt im Eintracht Forum eine PN, schickt uns Bilder von den Sachen, von denen ihr euch trennen könnt. Schreibt in diesen Beitrag. Schreibt den Moderatoren.
Erzählt es weiter.
Jedem.
Denn:



Wer es nicht abwarten kann: Das Museum freut sich über jede Spende, auch eine Fördermitgliedschaft für nur 40 EUR pro Jahr (ermäßigt: 25 EUR) ist mehr als herzlich willkommen. Fördern hilft und man hat freien Eintritt zur Tradition unseres Vereins. Für die Steuersparer: Spenden und die Fördermitgliedschaft sind steuerlich absetzbar.

Informationen gibt es hier!

Das Spendenkonto ist:
Förderverein Eintracht Frankfurt Museum,
Konto Nr. 5859509,
Bankleitzahl 50040000 (Commerzbank Frankfurt)


Montag, 8. November 2010

Schwarzweißbunt


Es regnet. Nicht überraschend aber so ist es nunmal im November. Als Pia und ich Richtung Straßenbahn laufen, bimmelt in meiner Straße eine Glocke, der Kartoffelmann ist da. Doch er ruft nicht etwa ein schnödes Kaddoffel in den Tag, nein er singt förmlich: Kartoffeln, dicke gelbe Kartoffeln - und auch Äpfel und wir marschieren lachend vorbei.

Schon in der Straßenbahn die durch Oberrad rumpelt sitzen Eintrachtler, Schals um die Hälse gebunden - alle mit dem gleichen Ziel, das Bundesligaspiel gegen Wolfsburg zu sehen. Am Mühlberg steigen wir in die S-Bahn um und mit jeder Station steigen mehr Eintrachtfans zu, Mütter mit Kinder rücken zusammen, ab und an ertönt ein Schlachtruf, klimpert Flaschenbier, bis wir am Bahnhof Stadion ausgespuckt werden, der bis zur WM 2006 noch Sportfeld hieß; ein Begriff aus der NS-Zeit. Auf dem Weg zum Parkplatz treffen wir Carola und Stefan, die Stimmung ist gut, der Regen juckt nicht und ich hole am UF-Container unser Schwarze-Bembel-Banner ab, das wir anlässlich des Pokalspiels gegen den HSV wie andere EFCs auch über die Ultras haben anfertigen lassen. Groß ist es - unser erstes eigenes Banner.

Auf dem Parkplatz am Gleisdreieck treffen sich seit Jahren jede Menge Eintrachtler, die sich überwiegend über das Eintrachtforum kennen gelernt haben. Arndt bringt meist frisch gekelterten Abbelwein mit, wenn er nicht da ist, springen Richi und Laura in die Bresche, dazu schleppen die Fans von Spundekäs bis Grillgut je nach Lust und Laune alles mögliche zum Verzehr herbei, verhungert oder verdurstet ist hier noch niemand. Als Begrüßungstrunk wird in der Regel ein Boni gereicht, ein kleiner Kräuterschnaps, der dir alles zusammenzieht und den ich hier und nur hier trinke.

Als ich ankomme, stehen schon jede Menge Leute vor Ort und quatschen, sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen aber es ist immer so, dass die Zeit verfliegt. Pedro, der sich ein bisschen über das Banner beschwert hat, kommt spät - ich drücke es ihm in die Hand und wir lassen ein Foto machen, soviel Spaß muss sein. Schon geht es durch die Unterführung Richtung Stadion, hier steht Sigi und verkauft die Fan geht vor, in digitalen Zeiten ein Fossil. Nicht der Sigi, die Zeitung. Wenn aber all die geschriebenen Worte, die Fotos in den Tiefen der virtuellen Welt verschwunden sind, dann liegt vielleicht noch irgendwo eine alte Zeitung herum - und wir können nachlesen, wie es damals wirklich war. Gerne wird gesagt, dass das Internet nichts vergisst - doch viele Links, die vor Jahren erstellt wurden, funktionieren heute nicht mehr; die Inhalte sind verschwunden - so sie nicht irgend jemand gespeichert hat.

Der Einlass am Stadion geht relativ schnell, mein Banner interessiert niemanden, ich will es ja auch nicht aufhängen - nur aufbewahren. Dann nehme ich die Stufen, um auf meinen Platz zu kommen, Reihe 14 im Oberrang, das ist ganz schön steil und als ich oben ankomme, sind sie schon da: Pia, die sich ein bisschen früher aufgemacht hat und Daddy, der wie immer über die Louisa durch den Wald ins Stadion marschiert ist.

Kaum sitze ich, geht es auch schon los; die Eintracht ohne Chris und Meier - dafür aber mit einem tollen Tor nach 26 Minuten; Gekas hat kurz vor dem Strafraum abgezogen und Benaglio keine Chance gelassen. Wolfsburg, mit den vermeintlichen Stars Diego, Dzeko, Grafite sieht blass aus; die Eintracht kämpft, spielt. Jung und Ochs auf rechts, Köhler und Schwegler in der Mitte und hinten spielt Nikolov die Saison seines Lebens. Tzavellas und Altintop beackern die linke Seite, während mittig hinten Franz und Russ nichts anbrennen lassen. Caio ist auch dabei.

Sensationell das 2:0, aus nahezu 30 Metern donnert Schwegler die Kugel ins Netz, High Five, Staunen, Jubel.

Nach der Pause dann das 3:0, Franz wird im Strafraum umgerupft, Elfmeter für die Eintracht. Durfte Altintop noch gegen den HSV antreten, während Gekas sich die Kugel in St. Pauli schnappte, obgleich Altintop auch schießen wollte, so war die Situation heuer deutlich; Altintop überlässt Gekas den Ball und dieser verwandelt zum 3:0, Benaglio war fast noch dran, hätte er die Arme lang gemacht, hätte er den Ball gehalten - aber wenn es läuft, dann läuft es. Wahnsinn.

Wolfsburg ist keine schlechte Mannschaft, dies kann man nach dem dritten Treffer erkennen, humorlos der erste Treffer für die Gäste. Die Eintracht wankte, aber sie fiel nicht. Nikolov hält die Adler im Spiel, entschärft einige Bälle, während andererseits Benaglio gegen Jung und Fenin klären kann. Skurril die Szene, als Ochs an der Außenbahn nach einem Zweikampf mit Mandzukic vor diesem steht und Wolfsburgs 18 völlig sinnfrei auf dem Boden zusammenbricht, um eine Karte zu provozieren. Er wird wissen müssen, dass wir uns seinen Namen gemerkt haben. So endet ein tolles Fußballspiel mit einem völlig verdienten 3:1 für die Eintracht, die kurzzeitig auf den dritten Platz hüpft, Seligkeit allenthalben. Nikolov und Gekas werden besonders gefeiert, selbst Attila hebt die Flügel zur Feier des Tages und ein großer Applaus prasselt von den Rängen hernieder

Während Pia und Daddy zum Auto marschieren, wandere ich noch einmal ans Gleisdreieck, trinke einen Abbelwein und freue mich mit all den anderen über eine bislang überragende Saison. Es ist schon recht ruhig, als ich dann zur S-Bahn-Station aufbreche; Blaulicht kreist ins Dunkel - ich denke mir nichts dabei. Erst spät am Abend erfahre ich, dass hier nach dem Spiel ein junger Eintrachtfan über die Gleise laufend von einem Zug erwischt wurde und gestorben ist. Welch ein tragisches Ende für ein so dollen Nachmittag.

Die S-Bahn rollt ein, ich gucke aus dem Fenster; Menschen kommen und gehen, während ich ein paar Fotos mache. Mittlerweile bin ich ja quasi nackig, wenn ich nicht zumindest meine kleine Lumix dabei habe. Keine Ahnung, was ich mit all den Bildern machen soll, ein paar habt ihr ja sicherlich schon hier entdecken können - aber es macht alleine schon Spaß, mit den Augen der Kamera zu denken.

Am Mühlberg steige ich aus, die Linie 16 kommt schon angerollt und bringt mich ins dunkle Oberrad. Eigentlich will ich ja nur kurz meinen Ausweis für das sonntägliche U23-Spiel holen um dann gleich weiter ins Nordend zu fahren - doch die Straßenbahn fährt mir vor der Nase weg. Und so entscheide ich mich, am Main über die Schleuse zum Kaiserlei zu laufen; kaum ein Mensch ist unterwegs, Die Lichter der Schleuse spiegelen sich im Fluss, ab und an schippert ein Kahn vorbei und die Nacht wirkt schwarz-weiß. In der Ferne rauscht der Verkehr.

Ich wandere über die Kaiserleibrücke und durch die Unterführung an der Hanauer Landstraße. Ein fantastischer Ort unter dieser gigantischen Kreuzung. Tunnels voller Graffiti in jede Richtung, Neonlicht dazu. Am Ostpark vorbei geht es zur Eissporthalle und da kommt auch schon Pia angesaust, die mich für die letzten Meter ins Nordend mit dem Golf abholt. Nun ist es warm und wieder bunt; ein seltsamer Tag geht zu Ende, schwarzweißbunt mit tollen Eindrücken, traurigen Momenten und einem grandiosen Sieg der Eintracht.

Wie immer könnt ihr den Spielbericht bei Kid nachlesen und den Spieler des Tages wählen, beim Stefan gibt es die passenden Fotos dazu.




Foto 1: Wib

Fotos 2-6: Beve

Sonntag, 7. November 2010

Ohne Worte





Mittwoch, 3. November 2010

Vo Mello bis ge Schoppornou


Vor Jahren, als die Eintracht dank des überragenden Oka Nikolov bei den Bayern ein 0:0 erreichte, folgte ich in der legendären Hütte im Wald bei Rosbach dem Spiel mit zwei Handvoll Eintrachtlern mittels eines Transistorradios - ein wahrhaft erinnerungswürdiges Erlebnis, zumal ich ja meist bei Auswärtsspielen der Eintracht vor Ort bin. Nun spielte beim 3:1 der Eintracht bei St.Pauli erneut ein Transistorradio eine wesentliche Rolle - fernab der Heimat und fernab von Hamburg.

Chris und Petra fahren seit Jahren nach Österreich auf eine Hütte in den Bergen und beim Apfelwein auf dem Erzeugermarkt wurde die Idee geboren, dass ich doch einmal mitkommen möge. Gestählt durch die Tage auf der Rosbacher Hütte sagte ich freudig zu - und so kam es, dass ich letzten Donnerstag mit vier Gleichgesinnten von Hofheim über Würzburg, Rothenburg und Heidenheim Richtung Bodensee rollte, jedoch ohne den silbernen Golf und ohne Pia - und da dämmerte es mir: So wir aussteigen, wird kein Stadion in der Nähe sein; ungewöhnlich für einen Aufenthalt auf deutschen Autobahnen kurz vor einem Eintrachtspiel.

Bei Bregenz gedachten wir Bruno Pezzey und während sich die Dunkelheit über Voralberg legte, rollte der allradgetriebene RAV durch Tunnels und kletterte in die Höhe, bis wir unser Ziel erreichten. Naja fast; die allerletzten Meter mussten wir laufen; 200 Meter - in die Höhe und alles, was oben benötigt wird, zudem in den Händen tragen. Das hört sich simpel an, bedingt aber einen steilen Marsch durch in diesem Falle verschneites Gelände; auf dem Buckel das Gepäck, in der einen Hand einen Kanister Apfelwein in der anderen eine Taschenlampe und schon nach wenigen Schritten fängst du an zu keuchen. Die Wanderschuhe finden keinen Halt, es ist dunkel und rutschig und verdammt steil. Schritt für Schritt quälst du dich den Berg hinauf, der Atem geht kurz und du schaust nur auf den Weg, dann vezweifelt in die Höhe und du sehnst dich nach einem Ankommen, an das du selbst nicht mehr glaubst. Selbst als mir Chris nach gefühlten Stunden den Apfelweinkanister abnimmt geht es kaum merklich voran; eine Ahnung steigt in mir hoch, wie es ist, wenn du das Ziel greifen kannst und doch davor liegen bliebst, weil alle Kraft am Ende ist. Doch irgendwann war es geschafft, ich war oben, warf mich auf eine Bank und japste wie Caio nach dem Laktattest.

Drei wilde Gesellen aus Hofheim hatten sich schon am Vormittag aufgemacht und die Stube geheizt, so dass der Empfang ein warmer war. Auf dem Ofen im Vorraum kochte Wasser für Nudeln; Wasser, das aus einer Quelle ständig in einen hölzernen Trog lief und die Getränke kühlte. Im Sommer sind die Kühe des Landwirtes hier oben im angrenzenden Stall, nun ist's dafür zu kalt; wir waren alleine. Über knarzende Stufen führt der Weg nach oben in die Schlafräume, einfache Matratzen liegen auf einem Lattenrost, dazu eine Decke und einen Schlafsack, fertig ist das Lager für die Nacht: Wichtig ist eine Taschenlampe, denn es kann dunkel werden. Sehr dunkel.

Nach Errichten des Schlaflagers, nach einer warmen Mahlzeit und einem Schluck Abbelwein kehrten die Lebensgeister zurück und durch einen Blick durch das Fenster wurde mir bewusst, wo ich gelandet war: Der Mond beschien die umliegenden Berge, die verschneit und steinig den Blick begrenzten; mächtig ragten die Kolosse in den Sternenhimmel und zeigten, wie klein und schwach der Mensch angesichts der mächtigen Natur sein kann. In der Stube hing ein Eintrachtfähnchen sowie ein Foto des Endpiels von 1960, dazu Bilder des Heiland am Kreuze, drunten im Tal glimmten die Lämpchen der Häuser. Stille.

Der nächste Morgen sollte das Panorama in aller Klarheit zeigen, die Höhensonne gleißte auf den schneebedeckten Hang, die Berge ragten in die Höhe und wir genossen den Tag; später ging es zu Fuß hinab ins Tal zum Auto, Einkäufe wollten getätigt werden - es wartete also später ein erneuter Aufstieg auf uns. Durch die Sonne schmolz der Schnee recht schnell, Wildbäche rauschten die Felsen hinab, während wir durch Orte wie Au fuhren und Lebensmittel besorgten. Der Rückweg mit Rucksack schien zwar etwas leichter als am Vorabend, aber einfach geht anders - immerhin: wir hatten, was wir brauchten und die Belohnung ist stets ein herrliches Panorama. Und ein Abbelwein dazu.

Matchday. Wir nutzten den Sonnenschein für einen Rundweg, der über die ein oder andere Alm über Schnee und Gras, über Abhänge und Stein durch den Berg führte. Rinnen zeugten von Lawinenabgängen, Spuren von Gemsen, die ich jedoch nicht zu Gesicht bekam. Dafür aber alle paar Meter ein neues Bild von Schnee, Bergen, Licht und Schatten. Als wir zurückkehrten machten die Spieler der Eintracht sich am Millerntor warm, wir aber tauschten den alten, vermoderten Trog gegen einen neuen aus, den der Bauer aus einem Baumstamm herausgearbeitet hatte. Alsbald rauschte das Wasser durch den neuen Trog, während draußen auf einem Tisch das Transistorradio das 1:0 für St. Pauli verkündete. Michi aber war überzeugt, dass die Eintracht mit 3:1 gewinnt. Delta, der während der letzten Tage obgleich Eintrachtler eine St. Pauli Mütze getragen hatte, legte diese während des Spiels ab, es sollte eine weise Entscheidung gewesen sein. Kurz vor der Halbzeit gab es in den Bergen Elfmeter für die Eintracht - und Gekas - wer sonst - verwandelte zum Ausgleich. High Five im Schnee, in dem wenig später ein Grill stand, worin Holzscheite verbrannten.

Erst flog Asamoah vom Platz, dann folgte eine SMS von Roland, der uns mitteilte, das die kleine Eintracht in Darmstadt in den letzten Minuten noch mit 1:2 verloren hatte und dann traf Gekas zum 2:1 für die große Eintracht. Während wir mit dem Ergebnis hochzufrieden waren, wartete Michi in Seelenruhe auf den dritten Treffer und tatsächlich: Sekunden vor Schluss traf Caio - selten habe dann ich einen Mann gesehen, dessen ganzer Körper mehr ich habs doch gewusst ausstrahlte, als der Geselle mit der Kappe und dem Eintrachtshirt neben mir. Wahnsinn, die Eintracht war auf den dritten Tabellenplatz gehüpft und wir grillten Steaks in einer Höhe von 1500 Metern.

Wir feierten ausgiebig bei Kartenspiel und Abbelwein, schwatzten lustigen Unfug und von Zeit zu Zeit marschierte ich aus der Hütte, um in die Nacht, den Schnee und die mächtigen Berge zu blicken, während in der Stube der Ofen bollerte und im Vorraum Wasser in den neuen Trog lief. Die Sterne standen gut.

Am Sonntag war der Schnee fast vollständig geschmolzen, gräserne Abhänge umgaben uns nun, die im Sommer vom Bauern per Hand gemäht wurden. Nach Kaffee und Aufräumen packten wir unsere Sachen zusammen und wanderten zurück zum Auto. beim Bauern gab es noch einen Kaffee, dazu ein Stück Käsekuchen und einen Eintrag ins Gästebuch. Nebenan rumorten die Kühe, die während des Winters ihr Dasein im Stall fristen müssen; erst im Frühling geht es wieder hinaus in die Höhe.

Wir erfuhren, dass ein paar Jungs aus der Gegend gerade einen Riesenhit in den österreichischen Charts hatten, verabschiedeten uns und rollten die Berge hinunter. Chris und Petra, Michi, Andrea und ich im Allrad, während Holger, Delta und Maxi im Fünfundachtziger Peugeot 306 saßen. Ein letzter Halt an einer Tanke und schon verließen wir die Berge, tuckerten auf die Autobahn und hörten, wie Mainz 05 gegen Dortmund verlor. Aus dem Autoradio erklangen Klassiker von Bruce Springsteen oder Fleetwood Mac und gegen Acht erreichten wir Frankfurt in der hessischen Dunkelheit. Ich verabschiedete mich von meinen Mitfahrern, bei denen ich mich ganz artig für das großartige Wochenende bedankte und marschierte noch ein paar Meter auf ebenen Straßen, bis ich mich wohlbehalten bei Pia zurück meldete. Solltet ihr irgendwann in diesem Leben mit roten Wurfteufeln konfrontiert werden, dann denkt an Beves Wochenende in den Bergen. Und an die Jungs im 40er, die den Text von Im Herzen von Europa nicht kennen geht der dezente Hinweis: Lernt singen. Wie die Buben aus dem Bregenzer Wald: