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Montag, 8. November 2010

Schwarzweißbunt


Es regnet. Nicht überraschend aber so ist es nunmal im November. Als Pia und ich Richtung Straßenbahn laufen, bimmelt in meiner Straße eine Glocke, der Kartoffelmann ist da. Doch er ruft nicht etwa ein schnödes Kaddoffel in den Tag, nein er singt förmlich: Kartoffeln, dicke gelbe Kartoffeln - und auch Äpfel und wir marschieren lachend vorbei.

Schon in der Straßenbahn die durch Oberrad rumpelt sitzen Eintrachtler, Schals um die Hälse gebunden - alle mit dem gleichen Ziel, das Bundesligaspiel gegen Wolfsburg zu sehen. Am Mühlberg steigen wir in die S-Bahn um und mit jeder Station steigen mehr Eintrachtfans zu, Mütter mit Kinder rücken zusammen, ab und an ertönt ein Schlachtruf, klimpert Flaschenbier, bis wir am Bahnhof Stadion ausgespuckt werden, der bis zur WM 2006 noch Sportfeld hieß; ein Begriff aus der NS-Zeit. Auf dem Weg zum Parkplatz treffen wir Carola und Stefan, die Stimmung ist gut, der Regen juckt nicht und ich hole am UF-Container unser Schwarze-Bembel-Banner ab, das wir anlässlich des Pokalspiels gegen den HSV wie andere EFCs auch über die Ultras haben anfertigen lassen. Groß ist es - unser erstes eigenes Banner.

Auf dem Parkplatz am Gleisdreieck treffen sich seit Jahren jede Menge Eintrachtler, die sich überwiegend über das Eintrachtforum kennen gelernt haben. Arndt bringt meist frisch gekelterten Abbelwein mit, wenn er nicht da ist, springen Richi und Laura in die Bresche, dazu schleppen die Fans von Spundekäs bis Grillgut je nach Lust und Laune alles mögliche zum Verzehr herbei, verhungert oder verdurstet ist hier noch niemand. Als Begrüßungstrunk wird in der Regel ein Boni gereicht, ein kleiner Kräuterschnaps, der dir alles zusammenzieht und den ich hier und nur hier trinke.

Als ich ankomme, stehen schon jede Menge Leute vor Ort und quatschen, sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen aber es ist immer so, dass die Zeit verfliegt. Pedro, der sich ein bisschen über das Banner beschwert hat, kommt spät - ich drücke es ihm in die Hand und wir lassen ein Foto machen, soviel Spaß muss sein. Schon geht es durch die Unterführung Richtung Stadion, hier steht Sigi und verkauft die Fan geht vor, in digitalen Zeiten ein Fossil. Nicht der Sigi, die Zeitung. Wenn aber all die geschriebenen Worte, die Fotos in den Tiefen der virtuellen Welt verschwunden sind, dann liegt vielleicht noch irgendwo eine alte Zeitung herum - und wir können nachlesen, wie es damals wirklich war. Gerne wird gesagt, dass das Internet nichts vergisst - doch viele Links, die vor Jahren erstellt wurden, funktionieren heute nicht mehr; die Inhalte sind verschwunden - so sie nicht irgend jemand gespeichert hat.

Der Einlass am Stadion geht relativ schnell, mein Banner interessiert niemanden, ich will es ja auch nicht aufhängen - nur aufbewahren. Dann nehme ich die Stufen, um auf meinen Platz zu kommen, Reihe 14 im Oberrang, das ist ganz schön steil und als ich oben ankomme, sind sie schon da: Pia, die sich ein bisschen früher aufgemacht hat und Daddy, der wie immer über die Louisa durch den Wald ins Stadion marschiert ist.

Kaum sitze ich, geht es auch schon los; die Eintracht ohne Chris und Meier - dafür aber mit einem tollen Tor nach 26 Minuten; Gekas hat kurz vor dem Strafraum abgezogen und Benaglio keine Chance gelassen. Wolfsburg, mit den vermeintlichen Stars Diego, Dzeko, Grafite sieht blass aus; die Eintracht kämpft, spielt. Jung und Ochs auf rechts, Köhler und Schwegler in der Mitte und hinten spielt Nikolov die Saison seines Lebens. Tzavellas und Altintop beackern die linke Seite, während mittig hinten Franz und Russ nichts anbrennen lassen. Caio ist auch dabei.

Sensationell das 2:0, aus nahezu 30 Metern donnert Schwegler die Kugel ins Netz, High Five, Staunen, Jubel.

Nach der Pause dann das 3:0, Franz wird im Strafraum umgerupft, Elfmeter für die Eintracht. Durfte Altintop noch gegen den HSV antreten, während Gekas sich die Kugel in St. Pauli schnappte, obgleich Altintop auch schießen wollte, so war die Situation heuer deutlich; Altintop überlässt Gekas den Ball und dieser verwandelt zum 3:0, Benaglio war fast noch dran, hätte er die Arme lang gemacht, hätte er den Ball gehalten - aber wenn es läuft, dann läuft es. Wahnsinn.

Wolfsburg ist keine schlechte Mannschaft, dies kann man nach dem dritten Treffer erkennen, humorlos der erste Treffer für die Gäste. Die Eintracht wankte, aber sie fiel nicht. Nikolov hält die Adler im Spiel, entschärft einige Bälle, während andererseits Benaglio gegen Jung und Fenin klären kann. Skurril die Szene, als Ochs an der Außenbahn nach einem Zweikampf mit Mandzukic vor diesem steht und Wolfsburgs 18 völlig sinnfrei auf dem Boden zusammenbricht, um eine Karte zu provozieren. Er wird wissen müssen, dass wir uns seinen Namen gemerkt haben. So endet ein tolles Fußballspiel mit einem völlig verdienten 3:1 für die Eintracht, die kurzzeitig auf den dritten Platz hüpft, Seligkeit allenthalben. Nikolov und Gekas werden besonders gefeiert, selbst Attila hebt die Flügel zur Feier des Tages und ein großer Applaus prasselt von den Rängen hernieder

Während Pia und Daddy zum Auto marschieren, wandere ich noch einmal ans Gleisdreieck, trinke einen Abbelwein und freue mich mit all den anderen über eine bislang überragende Saison. Es ist schon recht ruhig, als ich dann zur S-Bahn-Station aufbreche; Blaulicht kreist ins Dunkel - ich denke mir nichts dabei. Erst spät am Abend erfahre ich, dass hier nach dem Spiel ein junger Eintrachtfan über die Gleise laufend von einem Zug erwischt wurde und gestorben ist. Welch ein tragisches Ende für ein so dollen Nachmittag.

Die S-Bahn rollt ein, ich gucke aus dem Fenster; Menschen kommen und gehen, während ich ein paar Fotos mache. Mittlerweile bin ich ja quasi nackig, wenn ich nicht zumindest meine kleine Lumix dabei habe. Keine Ahnung, was ich mit all den Bildern machen soll, ein paar habt ihr ja sicherlich schon hier entdecken können - aber es macht alleine schon Spaß, mit den Augen der Kamera zu denken.

Am Mühlberg steige ich aus, die Linie 16 kommt schon angerollt und bringt mich ins dunkle Oberrad. Eigentlich will ich ja nur kurz meinen Ausweis für das sonntägliche U23-Spiel holen um dann gleich weiter ins Nordend zu fahren - doch die Straßenbahn fährt mir vor der Nase weg. Und so entscheide ich mich, am Main über die Schleuse zum Kaiserlei zu laufen; kaum ein Mensch ist unterwegs, Die Lichter der Schleuse spiegelen sich im Fluss, ab und an schippert ein Kahn vorbei und die Nacht wirkt schwarz-weiß. In der Ferne rauscht der Verkehr.

Ich wandere über die Kaiserleibrücke und durch die Unterführung an der Hanauer Landstraße. Ein fantastischer Ort unter dieser gigantischen Kreuzung. Tunnels voller Graffiti in jede Richtung, Neonlicht dazu. Am Ostpark vorbei geht es zur Eissporthalle und da kommt auch schon Pia angesaust, die mich für die letzten Meter ins Nordend mit dem Golf abholt. Nun ist es warm und wieder bunt; ein seltsamer Tag geht zu Ende, schwarzweißbunt mit tollen Eindrücken, traurigen Momenten und einem grandiosen Sieg der Eintracht.

Wie immer könnt ihr den Spielbericht bei Kid nachlesen und den Spieler des Tages wählen, beim Stefan gibt es die passenden Fotos dazu.




Foto 1: Wib

Fotos 2-6: Beve

Mittwoch, 3. November 2010

Vo Mello bis ge Schoppornou


Vor Jahren, als die Eintracht dank des überragenden Oka Nikolov bei den Bayern ein 0:0 erreichte, folgte ich in der legendären Hütte im Wald bei Rosbach dem Spiel mit zwei Handvoll Eintrachtlern mittels eines Transistorradios - ein wahrhaft erinnerungswürdiges Erlebnis, zumal ich ja meist bei Auswärtsspielen der Eintracht vor Ort bin. Nun spielte beim 3:1 der Eintracht bei St.Pauli erneut ein Transistorradio eine wesentliche Rolle - fernab der Heimat und fernab von Hamburg.

Chris und Petra fahren seit Jahren nach Österreich auf eine Hütte in den Bergen und beim Apfelwein auf dem Erzeugermarkt wurde die Idee geboren, dass ich doch einmal mitkommen möge. Gestählt durch die Tage auf der Rosbacher Hütte sagte ich freudig zu - und so kam es, dass ich letzten Donnerstag mit vier Gleichgesinnten von Hofheim über Würzburg, Rothenburg und Heidenheim Richtung Bodensee rollte, jedoch ohne den silbernen Golf und ohne Pia - und da dämmerte es mir: So wir aussteigen, wird kein Stadion in der Nähe sein; ungewöhnlich für einen Aufenthalt auf deutschen Autobahnen kurz vor einem Eintrachtspiel.

Bei Bregenz gedachten wir Bruno Pezzey und während sich die Dunkelheit über Voralberg legte, rollte der allradgetriebene RAV durch Tunnels und kletterte in die Höhe, bis wir unser Ziel erreichten. Naja fast; die allerletzten Meter mussten wir laufen; 200 Meter - in die Höhe und alles, was oben benötigt wird, zudem in den Händen tragen. Das hört sich simpel an, bedingt aber einen steilen Marsch durch in diesem Falle verschneites Gelände; auf dem Buckel das Gepäck, in der einen Hand einen Kanister Apfelwein in der anderen eine Taschenlampe und schon nach wenigen Schritten fängst du an zu keuchen. Die Wanderschuhe finden keinen Halt, es ist dunkel und rutschig und verdammt steil. Schritt für Schritt quälst du dich den Berg hinauf, der Atem geht kurz und du schaust nur auf den Weg, dann vezweifelt in die Höhe und du sehnst dich nach einem Ankommen, an das du selbst nicht mehr glaubst. Selbst als mir Chris nach gefühlten Stunden den Apfelweinkanister abnimmt geht es kaum merklich voran; eine Ahnung steigt in mir hoch, wie es ist, wenn du das Ziel greifen kannst und doch davor liegen bliebst, weil alle Kraft am Ende ist. Doch irgendwann war es geschafft, ich war oben, warf mich auf eine Bank und japste wie Caio nach dem Laktattest.

Drei wilde Gesellen aus Hofheim hatten sich schon am Vormittag aufgemacht und die Stube geheizt, so dass der Empfang ein warmer war. Auf dem Ofen im Vorraum kochte Wasser für Nudeln; Wasser, das aus einer Quelle ständig in einen hölzernen Trog lief und die Getränke kühlte. Im Sommer sind die Kühe des Landwirtes hier oben im angrenzenden Stall, nun ist's dafür zu kalt; wir waren alleine. Über knarzende Stufen führt der Weg nach oben in die Schlafräume, einfache Matratzen liegen auf einem Lattenrost, dazu eine Decke und einen Schlafsack, fertig ist das Lager für die Nacht: Wichtig ist eine Taschenlampe, denn es kann dunkel werden. Sehr dunkel.

Nach Errichten des Schlaflagers, nach einer warmen Mahlzeit und einem Schluck Abbelwein kehrten die Lebensgeister zurück und durch einen Blick durch das Fenster wurde mir bewusst, wo ich gelandet war: Der Mond beschien die umliegenden Berge, die verschneit und steinig den Blick begrenzten; mächtig ragten die Kolosse in den Sternenhimmel und zeigten, wie klein und schwach der Mensch angesichts der mächtigen Natur sein kann. In der Stube hing ein Eintrachtfähnchen sowie ein Foto des Endpiels von 1960, dazu Bilder des Heiland am Kreuze, drunten im Tal glimmten die Lämpchen der Häuser. Stille.

Der nächste Morgen sollte das Panorama in aller Klarheit zeigen, die Höhensonne gleißte auf den schneebedeckten Hang, die Berge ragten in die Höhe und wir genossen den Tag; später ging es zu Fuß hinab ins Tal zum Auto, Einkäufe wollten getätigt werden - es wartete also später ein erneuter Aufstieg auf uns. Durch die Sonne schmolz der Schnee recht schnell, Wildbäche rauschten die Felsen hinab, während wir durch Orte wie Au fuhren und Lebensmittel besorgten. Der Rückweg mit Rucksack schien zwar etwas leichter als am Vorabend, aber einfach geht anders - immerhin: wir hatten, was wir brauchten und die Belohnung ist stets ein herrliches Panorama. Und ein Abbelwein dazu.

Matchday. Wir nutzten den Sonnenschein für einen Rundweg, der über die ein oder andere Alm über Schnee und Gras, über Abhänge und Stein durch den Berg führte. Rinnen zeugten von Lawinenabgängen, Spuren von Gemsen, die ich jedoch nicht zu Gesicht bekam. Dafür aber alle paar Meter ein neues Bild von Schnee, Bergen, Licht und Schatten. Als wir zurückkehrten machten die Spieler der Eintracht sich am Millerntor warm, wir aber tauschten den alten, vermoderten Trog gegen einen neuen aus, den der Bauer aus einem Baumstamm herausgearbeitet hatte. Alsbald rauschte das Wasser durch den neuen Trog, während draußen auf einem Tisch das Transistorradio das 1:0 für St. Pauli verkündete. Michi aber war überzeugt, dass die Eintracht mit 3:1 gewinnt. Delta, der während der letzten Tage obgleich Eintrachtler eine St. Pauli Mütze getragen hatte, legte diese während des Spiels ab, es sollte eine weise Entscheidung gewesen sein. Kurz vor der Halbzeit gab es in den Bergen Elfmeter für die Eintracht - und Gekas - wer sonst - verwandelte zum Ausgleich. High Five im Schnee, in dem wenig später ein Grill stand, worin Holzscheite verbrannten.

Erst flog Asamoah vom Platz, dann folgte eine SMS von Roland, der uns mitteilte, das die kleine Eintracht in Darmstadt in den letzten Minuten noch mit 1:2 verloren hatte und dann traf Gekas zum 2:1 für die große Eintracht. Während wir mit dem Ergebnis hochzufrieden waren, wartete Michi in Seelenruhe auf den dritten Treffer und tatsächlich: Sekunden vor Schluss traf Caio - selten habe dann ich einen Mann gesehen, dessen ganzer Körper mehr ich habs doch gewusst ausstrahlte, als der Geselle mit der Kappe und dem Eintrachtshirt neben mir. Wahnsinn, die Eintracht war auf den dritten Tabellenplatz gehüpft und wir grillten Steaks in einer Höhe von 1500 Metern.

Wir feierten ausgiebig bei Kartenspiel und Abbelwein, schwatzten lustigen Unfug und von Zeit zu Zeit marschierte ich aus der Hütte, um in die Nacht, den Schnee und die mächtigen Berge zu blicken, während in der Stube der Ofen bollerte und im Vorraum Wasser in den neuen Trog lief. Die Sterne standen gut.

Am Sonntag war der Schnee fast vollständig geschmolzen, gräserne Abhänge umgaben uns nun, die im Sommer vom Bauern per Hand gemäht wurden. Nach Kaffee und Aufräumen packten wir unsere Sachen zusammen und wanderten zurück zum Auto. beim Bauern gab es noch einen Kaffee, dazu ein Stück Käsekuchen und einen Eintrag ins Gästebuch. Nebenan rumorten die Kühe, die während des Winters ihr Dasein im Stall fristen müssen; erst im Frühling geht es wieder hinaus in die Höhe.

Wir erfuhren, dass ein paar Jungs aus der Gegend gerade einen Riesenhit in den österreichischen Charts hatten, verabschiedeten uns und rollten die Berge hinunter. Chris und Petra, Michi, Andrea und ich im Allrad, während Holger, Delta und Maxi im Fünfundachtziger Peugeot 306 saßen. Ein letzter Halt an einer Tanke und schon verließen wir die Berge, tuckerten auf die Autobahn und hörten, wie Mainz 05 gegen Dortmund verlor. Aus dem Autoradio erklangen Klassiker von Bruce Springsteen oder Fleetwood Mac und gegen Acht erreichten wir Frankfurt in der hessischen Dunkelheit. Ich verabschiedete mich von meinen Mitfahrern, bei denen ich mich ganz artig für das großartige Wochenende bedankte und marschierte noch ein paar Meter auf ebenen Straßen, bis ich mich wohlbehalten bei Pia zurück meldete. Solltet ihr irgendwann in diesem Leben mit roten Wurfteufeln konfrontiert werden, dann denkt an Beves Wochenende in den Bergen. Und an die Jungs im 40er, die den Text von Im Herzen von Europa nicht kennen geht der dezente Hinweis: Lernt singen. Wie die Buben aus dem Bregenzer Wald:



Montag, 18. Oktober 2010

Heimspiel in Lautern


Sonntag, 17.10.2010 - Matchday

Nach den Aufregungen der letzten Tage, als vor allem die Stunde der wohlgenährten Entrüstungsbedenkenträger schlug und in vielen Medien ein Bild der Eintrachtfans gezeichnet wurde, das uns klar machen wollte, Genua sei in Wirklichkeit in Frankfurt, schlug nun die Stunde der Wirklichkeit. Der silberne Golf durfte auch mitspielen, allerdings nur kurz: Durch den grauen Sonntagmorgen rollten Pia und ich vom Nordend Richtung Kaiserlei und parkten im angrenzenden Büroviertel. Da wir zu fünft fahren wollten, erschien der tapfere kleine Golf doch etwas zu beengt und hatte folglich frei. Wenige Meter entfernt entdeckten wir schon Stefan R. und Thomas, bald darauf stieß auch Daniel zu uns - und so rollten wir auf die Autobahn. Der Herbst hatte das Land im Griff, die Scheiben beschlugen von innen - und nun werden sie folgen, die Spiele in der Kälte, im Regen; vorbei die Sonnentage. War es nicht eben erst, als wir durch Wilhelmshaven geschlendert sind? Nun also Kaiserslautern.

In des Tages Gräue verspielten sich die bunten Herbstfarben der Bäume am Straßenrand, plaudernd überquerten wir Vater Rhein, rollten durch die Pfalz, sahen Hügel, Täler und Weinberge, bis wir nach knapp anderthalb Stunden in Kaiserslautern einrollten. Nahe eines Volksfestes parkten wir kostengünstig, nahmen Schlachtermesser und Hackebeilchen in die Hand und machten uns auf den Weg zu morden und zu brandschatzen. Die Vögel grunzten in den frühen Mittag, derweil wir nach Opfern Ausschau haltend Richtung City marschierten. Der 1.FCK war präsent, ausgeblichene Fahnen hingen aus Fenstern, viele Aufkleber pappten an Verkehrsschildern, die Kneipen hießen Rote Teufel oder Walter 11 - und dort wo die Walter11 zu Speis und Trank einlud, wurden einst zwei Brüder geboren, die den 1.FCK in den Fünfziger Jahren zu Ruhm und Ehre geschossen hatten; Fritz und Ottmar Walter wurden in der Bismarckstraße 24 geboren; eine Gedenktafel erinnerte an die einheimischen Helden.

Kaltes Grausen packte uns, als wir an der Tanzschule Metzger vorbeiliefen, zuvor marschierten wir an der Gasanstalt vorbei; Stefans Kommentar lautete schlicht: Ewiggestrig.

Wir wanderten durch die Fußgängerzone und begegneten einer Bronzestatue des Brezel-Adams, der einen (ebenfalls bronzenen) Bub zwischen den Beinen eingeklemmt hatte - ein freundlicher Einheimischer erzählte uns die Geschichte des Mannes, der als Lauterer Original gilt - zum Dank ließen wir ihn am Leben. Die Geschäfte richteten sich derweil für den verkaufsoffenen Sonntagnachmittag und wir fanden uns in einer Wirtschaft Zum Bitburger nieder. Neben uns platzierten sich schwäbische Fans des FCK, die Bedienung kam aus Reutlingen und wir plauderten gutgelaunt in freudiger Erwartung einer warmen Mahlzeit - die dann auch kam. Zwar schien die Bedienung angesichts der Massen etwas irritiert, aber dann stand er vor mir, der Pfälzer Teller: Saumagen, Bratwurst, Leberknödel - etwas anderes als eine Art Schlachtplatte kam mir hier nicht auf den Tisch.

Später am Büdchen noch einen schnellen Schoppen als Wegzehrung besorgt, den Blaulicht beleuchteten Bahnhofsausgang flugs umlaufen und kurzer Stopp vor der Unterführung. Hunderte Lauterer marschierten hindurch, es sah aus, als seien sie der Gästemob und als dieser im Tunnel verschwunden war, folgten wir ihnen in den buntbeleuchteten Schacht. De Fußball kummt häm. Wieder im Lichte sahen wir den Kreisel, in dessen Mitte uns Fußballfiguren bewachten, 11 trugen rote Trikots, der Rest grüne - und dazu sei gesagt, dass die Polizei insgesamt recht präsent war, sich aber wohltuend zurückhaltend zeigte.

Auf dem Weg nach oben mengten sich Pfälzer und Hessen; wir kauften die letzten Bierdosen zuvor nie gesehener Marken (Baron), entdeckten mit Adler versehene Metzgerschürzenattrappen und hatten es letztlich geschafft - ganz ohne Sauerstoffgerät hatten wir Deutschlands höchsten Fußballberg erklommen, den Betzenberg. Nun trennten sich unsere Wege; während Daniel, Stefan und Thomas den Stehplatzbereich enterten, steckten in Pias und meiner Tasche Karten für Block 18. Obgleich ich es nicht zwingend vor hatte, erwarb ich bei Gabi noch den letzten Schal und solcherart geschmückt, trafen wir nun auf jede Menge bekannter Gesichter, überall ein großes Hallo und große Vorfreude. Nicht dabei war allerdings Charly, der sich Tage zuvor den Unterarm gebrochen hatte, wie ich erst am Samstag erfahren hatte und dem ich an dieser Stelle gute Besserung wünsche. Ich quatschte eine zeitlang mit Tom, dann fiel mir Arndt um den Hals, dort winkte Cardoso - Familientreffen in der Pfalz.

Der Einlass ging flott, viele Frankfurter Ordner waren präsent und wir hockten uns alsbald auf unsere Plätze mit schöner Sicht auf das Spielfeld. Um uns die Geiselgangster, André und Sandy, Siggi und Gerre, Dani und Presi; es war angerichtet. Zwei kleine Rauchwölkchen stiegen in die Luft und die Mannschaftsaufstellung zeigte, dass sich zum Spiel in Stuttgart personell nichts geändert hatte. Interessanterweise stand Markus Steinhöfer im 18er Kader, der ja in der letzten Saison eine Halbserie für den FCK gespielt hatte - wie zuvor schon Amanatidis und Altintop in Reihen der Eintracht.

Zum Einmarsch der Mannschaften präsentierten die Frankfurter ihre Schals, während die Lauterer eine Choreo nach oben zogen und mit Pilskronen garnierten. Zuvor verkündeten Banner der Lauterer Kurve, dass man a: noch nicht werfen sollte und b: nun das Material bereithalten möge. Chaotisch, Fanatisch, Lauter(n) konnten wir lesen- und es sah nicht schlecht aus.

Lautern erschien in den ersten Minuten wendiger, das mag vielleicht an der Trikotwerbung gelegen haben: Allgäuer Latschenkiefer. Doch dieses konnte auch in der 26. Minute nicht helfen, einem spektakulären Flug von Lakic nach leichter Klammer von Tzavellas folgte ein Elfmeterpfiff - und der Gefoulte trat selbst an. Wieder einmal bewies Nikolov seine Klasse auf der Linie und konnte den Elfer halten; während die Eintracht bislang sich noch keine zwingende Chance erspielt hatte. Dies änderte sich kurz vor dem Pausenpfiff, als ich Ochs und Jung per Doppelpass durch die Abwehr spielten und Gekas die Hereingabe von Jung zum 1:0 verwerten konnte.

Es lief also alles nach Plan; vor allem weil die Eintracht in der zweiten Hälfte den 1.FCK auch spielerisch dominieren konnte. Jung machte Druck über außen, Oka den ein oder anderen riskanten Abschlag und letztlich segelte eine schöne Flanke von Tzavellas kurz vor das von Sippel ordentlich gehütete Tor, und Gekas erzielte mit seinem zweiten Treffer das 2:0. Nahezu 8.000 Frankfurter feierten den Torschützen, der wenig später für Meier unter großem Applaus das Feld verließ. Zuvor sahen wir noch einen strammen Schuss von Jung, den Sippel parieren konnte und Köhler, der für den schon geschlagenen Nikolov auf der Linie klärte.

Als Meier nach einem schönen Zusammenspiel zwischen Schwegler und Jung und der passgenauen Hereingabe von Jung auf 3:0 erhöhte, war die Messe gelesen. Lauterer Anhänger verließen enttäuscht das Stadion, wir aber freuten uns überglücklich über den bevorstehenden Auswärtssieg. In Kaiserslautern, das gab es in der Historie nicht allzuoft. Der Jubel Meiers jedoch schien eher zurückhaltend - das ist der Stoff, der unserem Vorstandsvorsitzenden gefällt.

Für Lautern wird die Luft allmählich dünner, ich aber wünsche ihnen den Klassenerhalt von ganzem Herzen; das Stadion ist ordentlich und trotz der Umbauten anlässlich der WM 2006 noch immer originell, die Kapazität ist ausreichend, die Fahrtstrecke kurz und die Stimmung prickelnd - kurz, hier handelt sich um eine Fußballmannschaft mit gewachsener Fanstruktur und Herzblut einer ganzen Region und nicht um einen Kasperleverein, der zwar von den Medien liebgewonnen wird aber ansonsten nicht ernst zu nehmen ist, egal auf welchem Tabellenplatz sie stehen.

Auf dem Rückweg mussten wir noch kurz vor dem Ausgang der Pfälzer warten, marschierten dann Richtung Tunnel - dort jedoch erwartete uns eine nächste Polizeisperre. Da am nahegelgenenen Bahnhof jedoch ebenfalls kein Durchkommen war - und wir auch gar nicht dort hin wollten, wanderten wir auf Empfehlung eines Polizisten zurück zum Tunnel - der noch immer versperrt war. Nach einigem Genöle wurde der Durchgang geöffnet - und kaum waren wir auf der anderen Seite krachte ein Böller und ein paar Lauterer flitzten heran, um Frankfurter Schals zu ziehen. Kurze Irritation, Blaulicht und alsbald war wieder Ruhe.

Wir wanderten zurück zum Auto, reihten uns in den tröpfelnden Verkehr ein, überholten etliche Eintrachtbusse und flogen über die Autobahn zurück zum Kaiserlei. Kein Stau. Nirgends. Wohlbehalten landeten wir wieder in ähem Offenbach, verabschiedeten uns von Daniel, Stefan und Tom und rollten mit dem Golf (silber) durchs abendliche Frankfurt. Auswärtssieg in Lautern. Geil. Näheres zum Spiel wie immer bei Kid. Wie es sonst so war, lest ihr hier.

Schlachtfest in Lautern

Montag, 4. Oktober 2010

Heimspiel in Stuttgart


Red is the colour of the new republic
Blue is the colour of the sea
White is the colour of my innocence
Not surrender to your mercy
(The Men they couldn't hang - The Colours)


Sonntag, 3.Oktober 2010 - kein guter Tag, um nach Stuttgart zu fahren. Zum einen tobt dort seit Wochen ein Kampf Bürger gegen Staat um die Tieferlegung des Bahnhofs, zum anderen tobt dort die sogenannte Wasen und zum dritten hat die Eintracht dort in den letzten Jahren seltenst gut ausgesehen. Letzteres allerdings macht mir weniger Sorgen, der VfB ist derzeit Tabellenletzter und die Eintracht hat letztes Jahr auch die Hertha in vergleichbarer Situation besiegt - also geht es gegen zehn am Morgen los. Pia, der silberne Golf, die Ente und ich machen uns auf Richtung Riederwald, um Stefan R. abzuholen, der zur verabredeten Zeit brav am Treffpunkt wartet. Ein U-Turn später fahren wir am Bornheimer Hang vorbei und landen hinter dem Bus von Energie Cottbus, dem sogenannten Cott-Bus. Energie kickte heute beim FSV, während wir auf die A 661 rollten, am Offenbacher Kreuz auf die A3 und am Frankfurter Kreuz auf die A5. Sonnig der Tag, rotgrün die Blätter, blau der Himmel und leise die Musik, vorwiegend The Men they couldn't hang, dazu ein buntes Sammelsurium an Songs, die uns schon in den letzten Wochen begleitet haben - neu in Beves Charts: Dashboard Confessional - Everybody learns from desaster; ein frommer Wunsch.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, Hockenheim, Hoffenheim, Heilbronn - ab und an ein Eintrachtler, ansonsten gepflegtes Reisen, wie es sich für einen schönen Herbstsonntag gehört. Bei Stuttgart Zuffenhausen verließen wir die Autobahn, schafften auch die Radarkontrolle ohne Probleme, um uns in Zuffenhausen selbst in die Schlange stehender PKWs einzureihen.

Nun ist seit der Zeit der Untertunnelung des Pragsattels der Verkehr in Stuttgart meines Wissens etwas kontrollierter als die Jahre zuvor, von daher ließen wir uns durch eine Spurverengung nicht ins Bockshorn jagen und quälten uns Meter für Meter nach vorne, auch passierten wir einen Edekamarkt, der stark an das Düsseldorfer Stadion erinnerte. Nach einer Weile erblickten wir den Boschturm und dachten: Nu gehts aber gleich vorwärts. Falsch gedacht; aus Metern wurden Zentimeter, Tunnel hin, Tunnel her - es ging nur äußerst gemächlich vorwärts, der Eingeborene sagt hierzu: gschwind. Wir holperten nach einer gefühlten Ewigkeit aus dem Tunnel - und meine Laune sank merklich. Die im Kopf gefasste Entscheidung, in Cannstadt nahe eines Industriewerks zu parken wurde durch die Schlange dort wartender Fahrzeuge torpediert - jedoch sprenkelte sofort ein Hoffnungsschimmer als wir an den Parkplatz der vergangenen Partie beim VfB dachten: Yep, dort geht es hin - nah der Mineralbäder, unweit des Neckars - dort wird sicher noch ein Plätzlein für uns sein.
Die Idee schien gut; allein Stuttgart nicht bereit; kaum bogen wir in das Sackgässlein ein, erblickten wir ein Polizeiauto samt Inhalt, der sich gerade um einen anderen PKW kümmerte; da schien es keine gute Idee, sich gegen die Fahrtrichtung ins Parkverbot in einer Anlieger-Frei-Zone zu stellen. Dies sah ein anderer Eintrachtler genau so, den wir schon auf der Autobahn entdeckt hatten. Also Kehrtwende Marsch und ab ins Bädergebiet - eine Idee, die zuvor schon Milliarden vor uns hatten, jeder Flecken, ob erlaubt oder verboten war durch PKWs in Beschlag genommen; wir schlichen durch schmale Gässchen, knoteten uns ein Endlosknoten in den Golf und als die Verzweiflung uns zu übermannen drohte fanden wir einen völlig legalen Parkplatz, in den der vor uns fahrende Mercedes nicht hinein passte; Oh heiliger Golf, gebenedeit bist du unter den Autos.

Nichts wie raus und hinein in die Freiheit. Die Sonne brannte und wir marschierten über den Berger Steg in Richtung Wasen, welche nicht unser primäres Ziel war, aber in unmittelbarer Nähe des Neckarstadions liegt. Die Fahrgeschäfte wirbelten Menschen in die Luft, die kreischend in ihren Sitzen hingen; Massen schoben sich auf dem Hort der Gemütlichkeit entlang - und wir sahen zu, dass wir den Platz des Vergnügens so schnell wie möglich verließen. Unmengen von Dirndls, Krachledernen und Sepplhüten waren unterwegs - man hätten meinen können, man sei in München. Oktoberfest in Deutschland - und die ganze Republik zeigt sich weiß-blau; neulich gabs sogar im Solzer, einer altehrwürdigen Ebbelwoiwirtschaft in Bornheim weiß-blaue Servietten und eine Ankündigung für zünftige Wochen. Als ob in einem Münchner Biergarten irgendjemand auf die Idee kommt, Frankfurter Wochen im Oktober einzuführen; völlig zu Recht natürlich nicht. Angesichts der Debatten um Sarrazin und der vermeintlichen Islamisierung der Republik, sollten die Deutschen ihr Augenmerk eher auf die drohende Verseppelung richten.

Wie auch immer, wir orderten an einer Tanke ein Schöppchen und marschierten auf der gesperrten Straße in Richtung Stadion. Die ersten Busse waren schon dort, Buffo hockte am Zaun und wartete auf die Geiselgangster und da es noch früh war, kehrten wir im PSV-Heim ein, futterten eine Rote und hockten uns in die Sonne. Auf dem Sportplatz machten sich ein paar Bezirksligakicker warm, ein paar Jungs ballerten auf eine Torwand und der Wirt der Gaststätte hatte einen eigenen Parkplatz auf dem Gelände; ein Schild verkündete: Wirt.

Zu angemessener Zeit verließen wir den gastlichen Ort und marschierten zum finsteren Gästeeingang, wie gehabt nicht auf direktem Weg - es könnte so einfach sein - sondern um vier Ecken und stellten uns in die wartende Menge. Pia machte sich zum Fraueneingang auf, während Stefan und ich uns inmitten männlicher Leiber Stück für Stück voran schoben. Obgleich es jetzt keine Unmengen an Frankfurter waren, dauerte der Einlass ewig; jeweils nur eine Person durfte den Eingang passieren und erst nach der Durchsuchung, die fairerweise gesagt moderat war, kam der nächste dran. Dies sah bei den Frauen nicht anders aus. Und blöde ist, wer sich hinten anstellt, Pia und ich machten dabei die gleiche Erfahrung: Stets kommt von irgendwoher ein Trupp sich selbst höchst wichtig fühlender und auf die Allgemeinheit scheißender Fans an und stellt sich dummdreist vor die wartenden Deppen; in der Regel kleinere Grüppchen, die Solidarität stets einfordern, wenn es um ihre Belange geht, ansonsten aber den gewöhnlichen Fan für strunzblöde halten. Es wird der Tag kommen, an dem ich ein SV ob der eigenen Leute riskiere und auch für Pia lege ich nicht die Hand ins Feuer, dass es demnächst bei vergleichbarer Situation nur bei Worten bleibt.

Wir wanderten in den gut gefüllten Gästeblock und schlugen uns nach oben durch. Ein Blick in den Oberrang zeigte uns, dass dort Stuttgarter sitzen - und auch dies ist stets ein Quell wiederkehrender Freude: Man braucht bloß nach unten zu rotzen oder Bier zu schütten und hat schon die Gästefans am Wickel. Von daher wanderten wir noch weiter nach oben, um geschützt unter dem Rang zu stehen. Es dauerte nicht lange, bis der erste zu uns kam und allen Ernstes meinte, dies sei sein Platz. Das ist mir bei einem Auswärtsspiel noch höchst selten passiert; in einem Sitzplatzbereich, der von allen nur zum Stehen genutzt wird, aufgefordert zu werden, den Platz zu verlassen, zumal ich den Kerl kannte. Und zumal es generell keine Stehplätze, sondern nur verkappte Sitzplätze gibt. Aber gut, wir dackelten ein paar Stufen nach unten und mir ging so langsam alles auf den Sack; immerhin standen wir noch immer geschützt unter dem Oberrang.

Die Cannstatter hatten es sich am anderen Ende der Kurve bequem gemacht, die hauseigene Kurve war zwecks Stadionumbaus abgerissen und so gähnte dort, wo die Cannstätter Kurve ihr einstiges Zuhause hatte ein riesiges Loch. Die Sonne beschien die Anzeigetafel, dass man nichts lesen konnte, was aber nicht weiter tragisch war.

Anpfiff.

Kaum hatte ich mich sortiert, knallte die Kugel von der Latte des Frankfurter Tores zurück ins Spielfeld; erstes Durchatmen. Weitere folgten, der VfB vergab reihenweise gute Möglichkeiten und wie aus dem Nichts erzielte Gekas den Führungstreffer der Eintracht. Ungläubiger Jubel, wir nehmen doch gerne eine unverdiente Führung in Stuttgart an.

Auf der linken Abwehrseite war der dafür vorgesehene Tzavellas nur höchst selten zu finden - und trotz der Räume schaffte der VfB bis zur Pause kein Tor, ein höchst glücklicher Umstand für die teils zu schlafmützig agierende Eintracht, bei der Ochs wieder für Caio von Beginn an dabei war.

Die zweite Halbzeit brachte eine aufgewecktere Frankfurter Mannschaft, während den Stuttgarter gar nichts gelang; folgerichtig dann der zweite Frankfurter Treffer durch Chris. Zwischendrin flogen ein paar Becher durch den Block, einige scharmützelten sich mit den Stuttgarter Fans drumrum und richtig heiß ging es erst wieder in den letzten zehn Minuten her. Flog zunächst Delpierre nach einer rüden Attacke an Ochs vom Platz, schaffte der VfB Sekunden danach den Anschlusstreffer. Zehn Schwaben warfen nun alles nach vorne, die Eintracht taumelte - und fiel: Das 2:2 kurz vor Ende bedeutete zunächst das Ende aller Träume vom ersehnten Auswärtssieg. Die Stuttgarter Kurve johlte, die Frankfurter erkannten das nach oben geschwungene Fähnchen des Linienrichters und es dauerte ein Weilchen, bis der VfB-Anhang realisierte, dass das Tor nicht zählte. Schadenfreude, Schadenfreude hey hey hey. Mit Hängen und Würgen retten 11 Frankfurter den hauchdünnen Vorsprung bis zum Schlusspfiff und ich entkam einem Herzinfarkt nur um Haaresbreite. Mag sein, dass der Sieg unverdient war, mag sein, dass Schiri Brych den vermeintlichen Ausgleich zu Unrecht aberkannte - was zählt sind dreckige drei Punkte.

Aber bei aller Liebe; so wie die Eintracht heute aufgetreten ist, wird sie wenn überhaupt nur dreckige Siege einfahren. Zu wenig Bewegung, kaum Pressing, eine schwimmende Hintermannschaft und mangelnde Laufbereitschaft prägten das Spiel der SGE, die nun auf den zehnten Platz geklettert ist; immerhin.

Wir wurden dann von den Ordnern aus dem Block geschickt, durchbrachen zwei Polizeisperren auf dem Weg zum Auto, wo uns Flo noch eine Weilchen begleitete; löschten den Durst an der Tanke und marschierten über die Sepplwasen zurück zum Golf, der brav auf uns gewartet hatte.

Und dann fing das Elend erst richtig an. Milliarden Fahrzeuge waren unterwegs; wir quälten uns aus dem Parkplatz, reihten uns in den stehenden Verkehr ein und tröpfelten Stück für Stück dem Tunnel entgegen. Dort tröpfelten wir Stück für Stück durch den Tunnel, um anschließend Stück für Stück Richtung Autobahn zu tröpfeln. Es war grausam. Noch am gleichen Abend erreichten wir auf die Autobahn und verließen sie alsbald, um feste Nahrung zu uns zu nehmen; der liebe Gott wollte, dass wir in Mundelsheim landeten - und dort in der Gastwirtschaft zur Sonne. Wenn ihr Käsespätzle mögt, dann fahrt dorthin; wer jedoch Jägerschnitzel mag, der möge um dieses Location einen großen Bogen machen. Zwei zähe unpanierte Schnitzelläppchen schwammen in einer Soße, die in den frühen Siebziger zu Nierchen gereicht wurde, darin schwammen uninspiriert vorgeschnittene Dosenchampignons. Herrschaftszeiten, wie kann man den in einem gutbürgerlichen Restaurant in Zeiten von Aldi und Co noch Dosenchampignons servieren. Immerhin, die Pommes waren ok und es waren auch keine Erbsen in der Soße. Vielleicht war dies aber auch die Strafe dafür, dass wir uns zunächst ungefragt an den Stammtisch gesetzt hatten - der jedoch als solcher nicht ausgewiesen war.

Wir beglichen die Rechnung, schmissen den Golf an und rollten zurück auf den Highway - um in den nächsten Stunden nicht wirklich vom Fleck zu kommen. Abends um halbzehn steckten wir in einem Stau, der sich gewaschen hatte. Nach einer schier endlosen Zeit ließ sich der Grund erahnen; Fahrbahnverengung, aus vier Spuren wurden zwei. Doch wer gedacht hatte, dass es nun flüssiger vorwärts ging, wurde bitterlich enttäuscht. Rote Bremslichter, wohin das Auge blickte. Am Rande der Autobahn Verkehrsschilder mit dem Hinweis: Stau. Ach nee. Stefans Idee dem Verkehrsfunk zu lauschen, brachte Klarheit: 12 km Stau wg Baustelle folgten 16 km Stau wegen eines Unfalls. Doch nicht mit uns; 300 Meter später verließen wir die Autobahn, warfen einen Blick in die Straßenkarte und sausten durch menschenleere Landstraßen Richtung Sinsheim. Von Zeit zu Zeit erkannten wir die roten Bremslichter nebenan, und als ersichtlich war, dass wir nach knappen 20 km den Stau hinter uns gelassen hatten, enterten wir erneut den Highway; nie war ich glücklicher, das Stadion der TSG Hoffenheim zu passieren. Über die A67 und 14 km Baustelle auf der A5 erreichten wir kurz vor Mitternacht endlich Frankfurt; hätte die Eintracht das Spiel noch aus der Hand gegeben, hätten wir wohl irgendwann den Golf mitten auf der Autobahn geparkt.

Wir lieferten Stefan brav zu Hause ab und da punkt Mitternacht ein Grund zu feiern anlag, die Uhr 23:59 anzeigte und wir mitten im Stadtteil Riederwald waren, bogen wir kurzerhand zum Eintrachtstadion ab, wo der Neubau des Leistungszentrums seiner Vollendung entgegensieht - und stießen Punkt zwölf auf dem Heimatgelände der Eintracht imaginär an. Wenig später trudelten wir im Nordend ein; Pia musste noch Muffins backen, doch so langsam neigte sich ein langer Tag dem Ende entgegen. Von mir aus können sie den Bahnhof oben lassen - dafür ganz Stuttgart unter die Erde bringen. Aber Hauptsache gewonnen. Auswärtssieg! Schnarch.

Einen fundierten Spielbericht findet ihr wie immer bei Kid, tolle Fotos bei Stefan.


Fotos: Pia und Beve

Montag, 13. September 2010

Heimspiel in Gladbach


Fünf endlose Monate lang, was in diesem Falle ob der Sommerpause sieben Punktspiele in Folge bedeutet, war die Eintracht ohne Sieg. Begonnen hat der fußballerische Ramadan in Mönchengladbach, just als die Riederwälder nach den Sternen, sprich internationalen Plätzen, greifen konnten. Und nun also wieder Gladbach, jenes Team, welches am letzten Spieltag in Leverkusen mit 6:3 triumphierte - gegen die wiederum die Eintracht den letzten Sieg im März eingefahren hatte.

Alles hat ein Ende, nur der Tod nicht. Glaub ich und so war ich eigentlich guten Mutes obgleich ein Gutteil der Eintrachtfans nach den beiden Auftaktniederlagen eigentlich der Überzeugung war, dass wir haltlos Richtung Abstieg taumeln. Nuja, entschieden wird eine Saison nach dem letzten Spieltag und so waren wir sicher, dass auch heute nichts definitiv geklärt würde.

Bei strahlendem Sonnenschein treffen wir uns unten an der Günthersburgallee; Pia, Christian, Tanja, ich sowie der silberne Golf samt Eintrachtbadeente; der Badeadler dient ja höchstens als Mitbringsel für jene, die schon alles haben und bleibt zunächst im Fanshop. Für Tanja sollte es das erste Fußballspiel überhaupt werden und so versucht Christian ihr während der Fahrt beizubringen, dass ein Großteil der Zeit aus Leiden besteht, aus vergorenen Hoffnungen und trotziger Zuversicht und das Spiel ja nicht alles sei, da der Erlebnisfaktor "Auswärts" gleichwohl seinen Teil zu einem gelungenem Tag beiträgt.

Nach einem kurzen Stopp an der Tanke rollen wir auf die A66, die Uhr zeigt halbelf; Deutschland geht einkaufen und wir lauschen dem Rauschen der Motoren, derweil Arcade Fire, Iron Maiden oder Michael Holm für kurzweilige Unterhaltung sorgen; großartig auch die deutsche Version des Hermans Hermits Klassikers No milk today von den Four Kings; betitelt: Brötchen und Milch.



Derart beschwingt sausen wir über die A3 an Köln vorbei, überqueren den Rhein, folgen der A4 und sehen die Fabrik, in der Wolken gemacht werden, um dann auf der A61 in Mönchengladbach Holt die Autobahn zu verlassen. Erstaunlicherweise staut sich dort der Verkehr nicht in Richtung Stadion, sondern in Richtung Stadtmitte - und da wir etwas entfernt vom Stadion parken wollen, reihen wir uns brav ein. Nach ein paar Metern wird der Grund ersichtlich - eine Baustelle versperrt den klaren Weg, so parken wir den Golf am Straßenrand (völlig legal) mopsen uns einen Apfel und eine Brombeere und spazieren unter der lachenden Sonne durch eine Stadt, die ich ohne Fußball wohl nicht kennen würde.

Beim örtlichen Altbierhändler besorgen wir uns Wegzehrung und staunen über die hiesigen Bräuche; ein Zettel am Kiosk verkündet, dass gebrauchte Zeitungen nicht mehr umgetauscht werden können - auf Nachfrage erklärt der Verkäufer, dass es eine zeitlang Usus war, abgelaufene Fernsehzeitungen mit dem Argument hab nicht aufs Datum geachtet gegen eine aktuelle tauschen zu wollen. Sachen gibt's.

Fröhlich wandern wir an Peter Fischers Bäckerei vorbei und reihen uns in den Strom einlaufender Gladbachfans ein. Borussenfähnchen flattern an den Häusern, an einer Eckkneipe stehen ein paar Frankfurter und Gladbacher zusammen, trinken Bier - im Zweifel Kölsch.

Wir marschieren über die Autobahnbrücke, passieren den Friedhof mit angrenzender Totenhalle; dahinter ragen Flutlichtmasten in die Höhe; sie beleuchten wenn nötig das Hockeystadion, das unsere nächste Station ist. Grüner Kunstrasen umrandet von schwimmbadblauem Kunstrasen liegt torlos auf dem Boden, auf buntbestuhlten Rängen genießen wir die Sonne, bis wir nach einem Rundgang bei einem Supermarkt landen und Nachschub ordern; Astra und Brause - es ist ein schöner Tag irgendwo in Deutschland. Der Supermarkt liegt übrigens in der Helmut-Grashoff-Straße, benannt nach dem ehemaligen Manager der Borussia; in Frankfurt ist keine einzige Straße nach einem Eintrachtler benannt, sieht man einmal von der Rohrbachstraße und der Schaubstraße ab, deren Namen allerdings ursprünglich nicht mit den Kickern zu tun haben. Noch nicht einmal eine Alfred-Pfaff-Allee gibt es hier. Eine Schande.

Wir bewegen uns allmählich Richtung Fußballstadion, die Parkplätze sind voll, die Gladbacher tragen Trikots, auf denen entweder Marvin oder Marin steht und so langsam kommt mir das Spiel in den Sinn. Eigentlich erwarte ich nichts, noch nicht einmal schlechte Laune. Der Einlass geht flott, ich gehe ungehindert zwischen den Ordnern hindurch und treffe wie stets auf jede Menge Leute, wir quatschen über die Aussichten, über die Anfahrt und mit Max über unterschiedliche Ansichten über die ein oder andere Aktion. Dabei saust die Zeit voran und ich kämpfe mich händeschüttelnd durch den Block zu meinen Begleitern. Es sind ne ganze Menge Frankfurter im Block, hier klopft mir Cino auf die Schulter, dort stehen die Geiselgängster, da die Sossenheimer; überall ein großes Hallo, bis ich Pia, Christian und Tanja erreiche; Marc steht dabei; jetzt kann's los gehen - und es geht los. Die Eintracht in Schwarz-Rot mit Nikolov im Tor und Altintop samt Gekas vorne; Gladbach in weiß - und schon nach wenigen Minuten mit dem Rücken anderwand.

Es ist Bewegung im Spiel; Tzavellas verteidigt links hinten gegen Idrissou, Köhler diesmal wieder weiter vorne - und nach 24 Minuten ganz weit vorne: einen von Bailly abgewehrten Kopfball schiebt unsere Nummer 7 überlegt zur Führung ins Netz. Na also, geht doch. Der Block raucht vor Freude, doch nicht allzulange; keine zehn Minuten später hat Idrissou gegen Nikolov den Ausgleich erzielt - denken alle. Doch Schiri Drees entscheidet auf Foul und annulliert den Treffer, das hat er fein gemacht. Denkt sich Oka.

Als dann noch vor der Pause Alex Meier einen schon fast verlorenen Ball von Torhüter Bailly erobert und ihn keck nach innen spielt, woraufhin Gekas recht mühelos das 0:2 erzielt, hat die Eintracht geschafft, was ihr in Hannover nicht gelungen war: einen schönen Vorsprung auf Grund überlegener Spielweise. Aber wir haben vor gar nicht allzulanger Zeit hier völlig verdient mit 2:0 geführt - um am Ende mit 3:4 die Segel zu streichen. Obacht also. Bitte kein Döppdöppdöppdödödöppdöppdöpp. Selbst das 3:0 nach der Pause durch einen fabelhaften Treffer des agilen Ochs nach einem tollen Pass von Schwegler lässt mich zwar ungläubig die Fäuste nach oben reißen - aber keineswegs an sichere drei Punkte denken. Pia hingegen bläst Luftballon um Luftballon auf und schickt den Adler auf die Reise; wenn er weiter in der Luft gehalten wird, freuen wir uns.

Gladbach hätte in diesem Spiel noch Stunden spielen können, es gelang nichts zwingendes, während die Eintracht durch eine fabelhafte Aktion und sauberem Zuspiel von Altintop auf Gekas noch den vierten Treffer erzielt. Der Block grinst und hüpft und freut sich - und dann kam Martins großer Einsatz: Hallo Gladbach, hallo Gladbach wisst ihr noch, wisst ihr noch, könnt ihr euch erinnern ruft er durchs Megafon- und keiner weiß, was jetzt kommen soll. Doch die gedanklichen Fragezeichen zerrinnen zu Staub als die Antwort kommt: Döppdöppdöppdödödöppdöppdöpp. Fangesänge können schön sein.

0:4 zeigt die Anzeigetafel auch nach Spielende. Wir feiern die Mannschaft, die sich allerdings alsbald verkrümeln will und wieder zurück geholt wird und bleiben, bis sich das Stadion fast ganz geleert hat. Und wir sollten belohnt werden, ein Flitzer eilt über den Rasen macht ein paar Faxen, wird von einem Ordner eingeholt, büxt wieder aus und sorgt für Gelächter. Hoffentlich passiert dem Kerl nichts. Jünter, dass Gladbacher Maskottchen trottet bedröppelt über den Rasen. Geil, 4:0 in Gladbach - das bringt Ruhe; zumindest bis zum nächsten Spiel. Aber heute ist heute, morgen ist ein andrer Tag. Und so verlassen wir gemächlich den Block und wandern durch den Gladbacher Spätsommerabend. Erbarme, zu spät: die Hesse komme.

Vor einer Wirtschaft parkt ein Reisebus der Odenwälder Fohlen, im Biergarten ist noch Platz und so entern wir den Laden, in dem DJ Norbert später für DJ-Norbertige Musik sorgen wird und stärken uns für die kommende Heimfahrt, während wir Tanja erklären, dass das heutige Spiel keineswegs das angekündigte Leiden bedeutet. Glaub ja nicht, dass das immer so ist. So recht will uns nicht einfallen, wann die Eintracht zum letzten Mal ein Punktspiel in der Bundesliga auswärts mit vier Toren Unterschied gewonnen hat, die Erinnerung trägt uns zum Beginn der 90er, aber so ganz genau wissen wir das nicht mehr. Aue war Zweite Liga. Christian murmelt was von einem 4:0 in Gladbach, das lassen wir mal so stehen.

Die Odenwälder Fohlen verlassen die Wirtschaft, wir folgen ihnen alsbald und wundern uns, dass auf dem Weg zum Auto echter Hopfen am Straßenrand wächst. Bald sitzen wir wieder im silbernen Golf, der uns so brav durch die Republik kutschiert und tuckern nach wenigen Metern wieder auf die Autobahn. Im Westen versinkt die Sonne, zaubert einen malerischen Himmel zur anbrechenden Nacht und während der leider im Januar verstorbenen Alistair Hulett uns musikalisch daran erinnert, dass immer mehr die einstigen ärmeren Stadtteile in Yuppietown verwandelt werden, spulen wir unspektakulär Kilometer um Kilometer ab. Als wir Hessen erreichen stellen wir fest, dass das jahrzehntelang warnende Schild mit der auffälligen Katze am Elzer Berg verschwunden ist, geahnt haben wir es ja schon länger, doch diesmal haben wir genau darauf geachtet. Wir fahren dennoch langsam, sehen rechts den Limburger Dom, geradeaus Frankfurt und genau dort landen wir nach etwas mehr als zwei Stunden. Nach dem Abschied von Christian und Tanja und rechtzeitig zum Sportstudio rollen wir wieder im Nordend ein, während draußen im Stadion Wladimir Klitschko gerade den Samuel Peter verprügelt; hoffentlich ist der Rasen bis zum nächsten Spiel gegen Freiburg wieder fit.

Drei Punkte hat die Eintracht nun auf dem Konto; 50 sollen es werden - was im End aber auch niemanden mehr interessieren wird. Egal ob es so kommt oder auch nicht. Während in den letzten Wochen Gekas quasi schon als Fehleinkauf klassifiziert wurde, so dürfte nun Amanatidis der nächste Sündenbock sein, der verletzungsbedingt ausfiel und sich jetzt erstmal wieder ins Team kämpfen muss. Wie auch immer, ein 4:0 in Gladbach fühlt sich geil an. Und hier könnt ihr mehr über den sportlichen Aspekt nachlesen. Auswärtssieg!