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Montag, 4. Oktober 2010

Heimspiel in Stuttgart


Red is the colour of the new republic
Blue is the colour of the sea
White is the colour of my innocence
Not surrender to your mercy
(The Men they couldn't hang - The Colours)


Sonntag, 3.Oktober 2010 - kein guter Tag, um nach Stuttgart zu fahren. Zum einen tobt dort seit Wochen ein Kampf Bürger gegen Staat um die Tieferlegung des Bahnhofs, zum anderen tobt dort die sogenannte Wasen und zum dritten hat die Eintracht dort in den letzten Jahren seltenst gut ausgesehen. Letzteres allerdings macht mir weniger Sorgen, der VfB ist derzeit Tabellenletzter und die Eintracht hat letztes Jahr auch die Hertha in vergleichbarer Situation besiegt - also geht es gegen zehn am Morgen los. Pia, der silberne Golf, die Ente und ich machen uns auf Richtung Riederwald, um Stefan R. abzuholen, der zur verabredeten Zeit brav am Treffpunkt wartet. Ein U-Turn später fahren wir am Bornheimer Hang vorbei und landen hinter dem Bus von Energie Cottbus, dem sogenannten Cott-Bus. Energie kickte heute beim FSV, während wir auf die A 661 rollten, am Offenbacher Kreuz auf die A3 und am Frankfurter Kreuz auf die A5. Sonnig der Tag, rotgrün die Blätter, blau der Himmel und leise die Musik, vorwiegend The Men they couldn't hang, dazu ein buntes Sammelsurium an Songs, die uns schon in den letzten Wochen begleitet haben - neu in Beves Charts: Dashboard Confessional - Everybody learns from desaster; ein frommer Wunsch.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, Hockenheim, Hoffenheim, Heilbronn - ab und an ein Eintrachtler, ansonsten gepflegtes Reisen, wie es sich für einen schönen Herbstsonntag gehört. Bei Stuttgart Zuffenhausen verließen wir die Autobahn, schafften auch die Radarkontrolle ohne Probleme, um uns in Zuffenhausen selbst in die Schlange stehender PKWs einzureihen.

Nun ist seit der Zeit der Untertunnelung des Pragsattels der Verkehr in Stuttgart meines Wissens etwas kontrollierter als die Jahre zuvor, von daher ließen wir uns durch eine Spurverengung nicht ins Bockshorn jagen und quälten uns Meter für Meter nach vorne, auch passierten wir einen Edekamarkt, der stark an das Düsseldorfer Stadion erinnerte. Nach einer Weile erblickten wir den Boschturm und dachten: Nu gehts aber gleich vorwärts. Falsch gedacht; aus Metern wurden Zentimeter, Tunnel hin, Tunnel her - es ging nur äußerst gemächlich vorwärts, der Eingeborene sagt hierzu: gschwind. Wir holperten nach einer gefühlten Ewigkeit aus dem Tunnel - und meine Laune sank merklich. Die im Kopf gefasste Entscheidung, in Cannstadt nahe eines Industriewerks zu parken wurde durch die Schlange dort wartender Fahrzeuge torpediert - jedoch sprenkelte sofort ein Hoffnungsschimmer als wir an den Parkplatz der vergangenen Partie beim VfB dachten: Yep, dort geht es hin - nah der Mineralbäder, unweit des Neckars - dort wird sicher noch ein Plätzlein für uns sein.
Die Idee schien gut; allein Stuttgart nicht bereit; kaum bogen wir in das Sackgässlein ein, erblickten wir ein Polizeiauto samt Inhalt, der sich gerade um einen anderen PKW kümmerte; da schien es keine gute Idee, sich gegen die Fahrtrichtung ins Parkverbot in einer Anlieger-Frei-Zone zu stellen. Dies sah ein anderer Eintrachtler genau so, den wir schon auf der Autobahn entdeckt hatten. Also Kehrtwende Marsch und ab ins Bädergebiet - eine Idee, die zuvor schon Milliarden vor uns hatten, jeder Flecken, ob erlaubt oder verboten war durch PKWs in Beschlag genommen; wir schlichen durch schmale Gässchen, knoteten uns ein Endlosknoten in den Golf und als die Verzweiflung uns zu übermannen drohte fanden wir einen völlig legalen Parkplatz, in den der vor uns fahrende Mercedes nicht hinein passte; Oh heiliger Golf, gebenedeit bist du unter den Autos.

Nichts wie raus und hinein in die Freiheit. Die Sonne brannte und wir marschierten über den Berger Steg in Richtung Wasen, welche nicht unser primäres Ziel war, aber in unmittelbarer Nähe des Neckarstadions liegt. Die Fahrgeschäfte wirbelten Menschen in die Luft, die kreischend in ihren Sitzen hingen; Massen schoben sich auf dem Hort der Gemütlichkeit entlang - und wir sahen zu, dass wir den Platz des Vergnügens so schnell wie möglich verließen. Unmengen von Dirndls, Krachledernen und Sepplhüten waren unterwegs - man hätten meinen können, man sei in München. Oktoberfest in Deutschland - und die ganze Republik zeigt sich weiß-blau; neulich gabs sogar im Solzer, einer altehrwürdigen Ebbelwoiwirtschaft in Bornheim weiß-blaue Servietten und eine Ankündigung für zünftige Wochen. Als ob in einem Münchner Biergarten irgendjemand auf die Idee kommt, Frankfurter Wochen im Oktober einzuführen; völlig zu Recht natürlich nicht. Angesichts der Debatten um Sarrazin und der vermeintlichen Islamisierung der Republik, sollten die Deutschen ihr Augenmerk eher auf die drohende Verseppelung richten.

Wie auch immer, wir orderten an einer Tanke ein Schöppchen und marschierten auf der gesperrten Straße in Richtung Stadion. Die ersten Busse waren schon dort, Buffo hockte am Zaun und wartete auf die Geiselgangster und da es noch früh war, kehrten wir im PSV-Heim ein, futterten eine Rote und hockten uns in die Sonne. Auf dem Sportplatz machten sich ein paar Bezirksligakicker warm, ein paar Jungs ballerten auf eine Torwand und der Wirt der Gaststätte hatte einen eigenen Parkplatz auf dem Gelände; ein Schild verkündete: Wirt.

Zu angemessener Zeit verließen wir den gastlichen Ort und marschierten zum finsteren Gästeeingang, wie gehabt nicht auf direktem Weg - es könnte so einfach sein - sondern um vier Ecken und stellten uns in die wartende Menge. Pia machte sich zum Fraueneingang auf, während Stefan und ich uns inmitten männlicher Leiber Stück für Stück voran schoben. Obgleich es jetzt keine Unmengen an Frankfurter waren, dauerte der Einlass ewig; jeweils nur eine Person durfte den Eingang passieren und erst nach der Durchsuchung, die fairerweise gesagt moderat war, kam der nächste dran. Dies sah bei den Frauen nicht anders aus. Und blöde ist, wer sich hinten anstellt, Pia und ich machten dabei die gleiche Erfahrung: Stets kommt von irgendwoher ein Trupp sich selbst höchst wichtig fühlender und auf die Allgemeinheit scheißender Fans an und stellt sich dummdreist vor die wartenden Deppen; in der Regel kleinere Grüppchen, die Solidarität stets einfordern, wenn es um ihre Belange geht, ansonsten aber den gewöhnlichen Fan für strunzblöde halten. Es wird der Tag kommen, an dem ich ein SV ob der eigenen Leute riskiere und auch für Pia lege ich nicht die Hand ins Feuer, dass es demnächst bei vergleichbarer Situation nur bei Worten bleibt.

Wir wanderten in den gut gefüllten Gästeblock und schlugen uns nach oben durch. Ein Blick in den Oberrang zeigte uns, dass dort Stuttgarter sitzen - und auch dies ist stets ein Quell wiederkehrender Freude: Man braucht bloß nach unten zu rotzen oder Bier zu schütten und hat schon die Gästefans am Wickel. Von daher wanderten wir noch weiter nach oben, um geschützt unter dem Rang zu stehen. Es dauerte nicht lange, bis der erste zu uns kam und allen Ernstes meinte, dies sei sein Platz. Das ist mir bei einem Auswärtsspiel noch höchst selten passiert; in einem Sitzplatzbereich, der von allen nur zum Stehen genutzt wird, aufgefordert zu werden, den Platz zu verlassen, zumal ich den Kerl kannte. Und zumal es generell keine Stehplätze, sondern nur verkappte Sitzplätze gibt. Aber gut, wir dackelten ein paar Stufen nach unten und mir ging so langsam alles auf den Sack; immerhin standen wir noch immer geschützt unter dem Oberrang.

Die Cannstatter hatten es sich am anderen Ende der Kurve bequem gemacht, die hauseigene Kurve war zwecks Stadionumbaus abgerissen und so gähnte dort, wo die Cannstätter Kurve ihr einstiges Zuhause hatte ein riesiges Loch. Die Sonne beschien die Anzeigetafel, dass man nichts lesen konnte, was aber nicht weiter tragisch war.

Anpfiff.

Kaum hatte ich mich sortiert, knallte die Kugel von der Latte des Frankfurter Tores zurück ins Spielfeld; erstes Durchatmen. Weitere folgten, der VfB vergab reihenweise gute Möglichkeiten und wie aus dem Nichts erzielte Gekas den Führungstreffer der Eintracht. Ungläubiger Jubel, wir nehmen doch gerne eine unverdiente Führung in Stuttgart an.

Auf der linken Abwehrseite war der dafür vorgesehene Tzavellas nur höchst selten zu finden - und trotz der Räume schaffte der VfB bis zur Pause kein Tor, ein höchst glücklicher Umstand für die teils zu schlafmützig agierende Eintracht, bei der Ochs wieder für Caio von Beginn an dabei war.

Die zweite Halbzeit brachte eine aufgewecktere Frankfurter Mannschaft, während den Stuttgarter gar nichts gelang; folgerichtig dann der zweite Frankfurter Treffer durch Chris. Zwischendrin flogen ein paar Becher durch den Block, einige scharmützelten sich mit den Stuttgarter Fans drumrum und richtig heiß ging es erst wieder in den letzten zehn Minuten her. Flog zunächst Delpierre nach einer rüden Attacke an Ochs vom Platz, schaffte der VfB Sekunden danach den Anschlusstreffer. Zehn Schwaben warfen nun alles nach vorne, die Eintracht taumelte - und fiel: Das 2:2 kurz vor Ende bedeutete zunächst das Ende aller Träume vom ersehnten Auswärtssieg. Die Stuttgarter Kurve johlte, die Frankfurter erkannten das nach oben geschwungene Fähnchen des Linienrichters und es dauerte ein Weilchen, bis der VfB-Anhang realisierte, dass das Tor nicht zählte. Schadenfreude, Schadenfreude hey hey hey. Mit Hängen und Würgen retten 11 Frankfurter den hauchdünnen Vorsprung bis zum Schlusspfiff und ich entkam einem Herzinfarkt nur um Haaresbreite. Mag sein, dass der Sieg unverdient war, mag sein, dass Schiri Brych den vermeintlichen Ausgleich zu Unrecht aberkannte - was zählt sind dreckige drei Punkte.

Aber bei aller Liebe; so wie die Eintracht heute aufgetreten ist, wird sie wenn überhaupt nur dreckige Siege einfahren. Zu wenig Bewegung, kaum Pressing, eine schwimmende Hintermannschaft und mangelnde Laufbereitschaft prägten das Spiel der SGE, die nun auf den zehnten Platz geklettert ist; immerhin.

Wir wurden dann von den Ordnern aus dem Block geschickt, durchbrachen zwei Polizeisperren auf dem Weg zum Auto, wo uns Flo noch eine Weilchen begleitete; löschten den Durst an der Tanke und marschierten über die Sepplwasen zurück zum Golf, der brav auf uns gewartet hatte.

Und dann fing das Elend erst richtig an. Milliarden Fahrzeuge waren unterwegs; wir quälten uns aus dem Parkplatz, reihten uns in den stehenden Verkehr ein und tröpfelten Stück für Stück dem Tunnel entgegen. Dort tröpfelten wir Stück für Stück durch den Tunnel, um anschließend Stück für Stück Richtung Autobahn zu tröpfeln. Es war grausam. Noch am gleichen Abend erreichten wir auf die Autobahn und verließen sie alsbald, um feste Nahrung zu uns zu nehmen; der liebe Gott wollte, dass wir in Mundelsheim landeten - und dort in der Gastwirtschaft zur Sonne. Wenn ihr Käsespätzle mögt, dann fahrt dorthin; wer jedoch Jägerschnitzel mag, der möge um dieses Location einen großen Bogen machen. Zwei zähe unpanierte Schnitzelläppchen schwammen in einer Soße, die in den frühen Siebziger zu Nierchen gereicht wurde, darin schwammen uninspiriert vorgeschnittene Dosenchampignons. Herrschaftszeiten, wie kann man den in einem gutbürgerlichen Restaurant in Zeiten von Aldi und Co noch Dosenchampignons servieren. Immerhin, die Pommes waren ok und es waren auch keine Erbsen in der Soße. Vielleicht war dies aber auch die Strafe dafür, dass wir uns zunächst ungefragt an den Stammtisch gesetzt hatten - der jedoch als solcher nicht ausgewiesen war.

Wir beglichen die Rechnung, schmissen den Golf an und rollten zurück auf den Highway - um in den nächsten Stunden nicht wirklich vom Fleck zu kommen. Abends um halbzehn steckten wir in einem Stau, der sich gewaschen hatte. Nach einer schier endlosen Zeit ließ sich der Grund erahnen; Fahrbahnverengung, aus vier Spuren wurden zwei. Doch wer gedacht hatte, dass es nun flüssiger vorwärts ging, wurde bitterlich enttäuscht. Rote Bremslichter, wohin das Auge blickte. Am Rande der Autobahn Verkehrsschilder mit dem Hinweis: Stau. Ach nee. Stefans Idee dem Verkehrsfunk zu lauschen, brachte Klarheit: 12 km Stau wg Baustelle folgten 16 km Stau wegen eines Unfalls. Doch nicht mit uns; 300 Meter später verließen wir die Autobahn, warfen einen Blick in die Straßenkarte und sausten durch menschenleere Landstraßen Richtung Sinsheim. Von Zeit zu Zeit erkannten wir die roten Bremslichter nebenan, und als ersichtlich war, dass wir nach knappen 20 km den Stau hinter uns gelassen hatten, enterten wir erneut den Highway; nie war ich glücklicher, das Stadion der TSG Hoffenheim zu passieren. Über die A67 und 14 km Baustelle auf der A5 erreichten wir kurz vor Mitternacht endlich Frankfurt; hätte die Eintracht das Spiel noch aus der Hand gegeben, hätten wir wohl irgendwann den Golf mitten auf der Autobahn geparkt.

Wir lieferten Stefan brav zu Hause ab und da punkt Mitternacht ein Grund zu feiern anlag, die Uhr 23:59 anzeigte und wir mitten im Stadtteil Riederwald waren, bogen wir kurzerhand zum Eintrachtstadion ab, wo der Neubau des Leistungszentrums seiner Vollendung entgegensieht - und stießen Punkt zwölf auf dem Heimatgelände der Eintracht imaginär an. Wenig später trudelten wir im Nordend ein; Pia musste noch Muffins backen, doch so langsam neigte sich ein langer Tag dem Ende entgegen. Von mir aus können sie den Bahnhof oben lassen - dafür ganz Stuttgart unter die Erde bringen. Aber Hauptsache gewonnen. Auswärtssieg! Schnarch.

Einen fundierten Spielbericht findet ihr wie immer bei Kid, tolle Fotos bei Stefan.


Fotos: Pia und Beve

Montag, 16. August 2010

Heimspiel in Wilhelmshaven


Moin. Unter der Woche kam ich in den Genuss, dem Auftritt von U2 in der Arena beizuwohnen, deren Bühne über eine Woche lang auf dem heiligen Rasen aufgebaut wurde. Tag für Tag wuchs ein riesiges Etwas in die Höhe - die Space Station, die nun bunt beleuchtet ein imposantes Bild abgab. Sogar der überdimensionale Videowürfel wirkte wie ein kleiner Fernseher neben dem gigantischen Bau. Musikalisch war U2 zwar seit 1987 nicht mehr so mein Ding - mal abgesehen von dem wunderbaren One, das in der Version von Johnny Cash noch intensiver klingt. Die alten Songs aber sind immer noch hörenswert und so rauschten wir (Pia, der silberne Golf und ich) am Freitag in rechter Frühe über die Autobahn, während Bono wohl über Offenbach sang: Where the streets have no name.

Unser Ziel war erstmalig in der Geschichte Wilhelmshaven, wir folgten sozusagen den Spuren der Herren Cengiz, Famewo und Kryszalowicz, die allesamt sowohl für die Eintracht als auch für den SV Wilhelmshaven die Fußballstiefel geschnürt hatten - heute jedoch nicht mehr in WHV aktiv sind.

Während mein altes Notebook noch am Morgen schwächelte und somit den düsteren Anforderungen eines Freitag den 13. genüge getan wurde, brach auf dem Highway die Sonne durch und leitete uns wohlwollend Richtung Norden. Wir zogen an den Kumpanen vorbei, die auf einem Hügel stehend die Autobahn beobachteten, stotterten uns über etliche Baustellen und stellten fest, dass auf der A45 nahezu alle kleinen Parkplätze als Baustelle ausgewiesen und zum Rasten denkbar ungeeignet waren.

Die Talbrücke Brunsbecke trägt einen eher ungewöhnlichen Namen während wir auf dem Rastplatz Im Mersch auf die munteren Gesellen John, Marc, Niko und Olli trafen, die gut gelaunt der Espresso-Verkäuferin nachschauten. Bei Cloppenburg gedachten wir Ansgar Brinkmann, der vor seinem Wechsel zur Eintracht hier unterklassig kickte, und sausten später an Großenkneten vorbei - ein Ort, welcher untrennbar mit der Kapelle Trio in Verbindung steht - und ansonsten ähnlich unbekannt geblieben wäre wie bspw. Colnrade ein paar Meter daneben.

Auf den Feldern am Rande der Autobahn kackte eine Kuh, die obligatorischen Windräder drehten sich majestätisch und nach knapp fünf Stunden Fahrzeit verließen wir die A29 bei Sande und rollten durch Friesland gen Wilhelmshaven zum Pumpwerk.

Die Jungs von der Bembelbar hatten diese fantastische Location nicht nur als Veranstaltungsort der abendlichen Sause ausgewählt sondern gleichfalls dafür gesorgt, dass auf einem ehemaligen Militärgelände, auf dem nun die Interessensgemeinschaft zur Erhaltung historischer Fahrzeuge ihr Domizil hat, gezeltet werden durfte. Und wir waren beileibe nicht die ersten; zig kleine Zelte säumten das Gelände, linker Hand der Ems-Jade-Kanal, in dem einige Schiffe allem Anschein nach schon länger vor sich hin dümpelten; weiter vorne wuchs das schicke Hotel Columbia in die Höhe.

Erste Runde im DFB-Pokal; es ist eines dieser Spiele, die den ganzen Wahnsinn der Eintracht Fans zeigen: Tausende hatten sich auf den den knapp 500 km langen Weg gemacht um fernab der Heimat zu zelten, zu feiern und die Eintracht zu sehen: Hier winkte Busi, dort hockten Presi und Holger, überall gab's ein großes Hallo, während wir geübt das kleine Zelt direkt unter einem Apfelbäumchen aufbauten und Schlafsack nebst Decken darin verstauten. Mittlerweile waren auch die Jungs vom Rastplatz Im Mersch eingetroffen, Apfelwein wurde getrunken, Scherze und Gelächter allenthalben zeichneten ein freundliches Bild.

Nach einem kleinen Spaziergang brachen wir auf Richtung Jadestadion - schon vor der Abfahrt hatte ich mir ausgemalt, wie ich Krabben pulend bei strahlender Sonne durch Wilhelmshaven schlendere - nun fehlten nur noch die Krabben. Wir überquerten eine kleine Brücke, trafen auf Filzi der es sich neben vielen anderen an einer Wirtschaft, der Deichbrücke, bequem gemacht hatte und wanderten in die Fußgängerzone. Dort erwartete uns ein gigantisches Einkaufszentrum, die Nordsee-Passage und dort trafen wir zunächst noch nicht auf Krabben, dafür aber auf Gerold und Käthe; zwei Eintracht-Urgesteine die wahrscheinlich mehr Geschichten erzählen können, als wir alle zusammen - und so war es dann auch; Gerold ist in Wilhelmshaven aufgewachsen; kannte die Straßen und Sehenswürdigkeiten und saß neben einer Schulfreundin, die uns natürlich genau sagen konnte, wo wir denn hier Krabben bekommen - die in dort der Gegend übrigens Granat genannt werden.

Nur wenig später hielt ich einen großen Beutel in meinen Fingern und stopfte die kleinen Kerlchen pulend ich mich hinein. Pia hingegen hielt dezent Abstand - von dem Meeresgetier, aber auch von mir.

An allen Ecken und Enden trafen wir auf Frankfurter, die sich auf den Weg ins Jadestadion gemacht hatten. Wir legten am Börsenplatz eine kleine Pause ein und während Pia mit den Jungs ein Bierchen trank, hockte ich einige Meter abseits und pulte Krabbe um Krabbe. Später warf ich meine gesammelten Abfälle in einen Mülleimer am Platz und fing mir das erste Mal in meinem Leben einen Anpfiff dafür ein, ein penibler Einheimischer sah Fischabfälle im Mülleimer gar nicht gerne - doch wohin sonst damit?

Pia und ich marschierten am Rathaus vorbei, einem eigenwilligen Klinkerbau und wunderten uns über die Leere der Straßen; kaum einer Menschenseele begegneten wir, viele Geschäfte standen leer - der Niedergang der Schifffahrt hatte gerade hier in dieser Stadt, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts als vorgelagerter Hafen Oldenburgs gegründet wurde, tiefe Spuren hinterlassen. Wir wanderten durch Wohnsiedlungen, fragten hier und da nach dem Weg und noch immer zerknackte ich die Panzer der Tierchen und schob eines nach dem anderen in den Mund bis wir nach einer ganzen Weile am Stadion ankamen.

Schon aus der Ferne erkannten wir die skurrilen Flutlichtmasten, die auf die Dächer der Tribünen montiert auf den Rasen ragten. Nun begann ein großes Hallo, die Eintrachtler trudelten peu a a peu ein; Shakehands und high five; hier winkte Yves aus Berlin, dort kämpfte sich Adi seines Wegs und alsbald standen wir in einer dichten Menschenmenge, um den arg engen Einlass zu passieren. Dies dauerte ein Weilchen, alle naslang fiel das Stichwort Duisburg und nichts gelernt aber im End wurden wir durch gewunken, bekamen ein kleines Stadionmagazin geschenkt und liefen noch ein paar Meter zur Gästetribüne. In der Containerdamentoilette nutzte ich die Gelegenheit, meine Hände mit Seife von den letzten Granatresten zu befreien, und riechend wie ein Mensch enterten wir die Metallkonstruktion und suchten ein brauchbares Plätzlein. Werner von Stadtallendorf war ebenso in unserer Nähe wie Thor und Siggi und nur wenige Meter vom Spielfeldrand blickten wir uns um. Die Sonne tauchte das Stadion in ein sommerliches Licht, die teuren Plätze der Haupttribüne befanden sich hinter einer Glaswand, die Reklame war durch grüne DFB-Banner überklebt und der Spielball von einem örtlichen Sponsor gestiftet.

Die Ersatzspieler der Eintracht platzierten sich auf einer Art Bierbank vor der Gegentribüne und schon ging's los. Die Eintrachtfans präsentierten eine feine Choreo doch erstaunlicherweise übernahm der SV Wilhelmshaven das Kommando, zwei rasante Flankenläufe des wieselflinken 14ers brachte höchste Gefahr - doch mit Glück und Geschick überstand die Eintracht die ersten Minuten, um anschließend das Heft selbst in die Hand zu nehmen.

Scheiterte Altintop noch an einer tollen Reaktion des Wilhelmshavener Schlussmanns Meyer, so machte es Amanatidis wenig später besser - und schob eine Vorlage Altintops überlegt zur verdienten Führung ins Netz. Meyer entwickelte sich fortan zum besten Friesen- doch das 2:0 durch einen Freistoß von Tzavellas konnte auch er nicht verhindern. Weitere Höhepunkte des Spiels waren eine Möwe, die verschreckt einem hohen Ball ausweichen musste; ein Gleitflieger, der über dem Stadion seine Runde drehte, sowie die sitzenden Eintrachtfans, die urplötzlich zum Erstaunen von Dino und Martin das Supportkommando übernahmen.

Während die Sonne langsam versank, trafen Ochs und Altintop zum 4:0 Endstand, die Eintracht überstand auch die Schlussoffensive des SVW schadlos und schaffte somit den Einzug in die zweite Runde problemlos. Wir sahen eine tolle Partie von Sebastian Jung, der immer stärker wird sowie Caio, auf den dies im Moment leider nicht zutrifft und zudem einen Auswärtsblock, der die schöne Stimmung wahrlich genoss. Einzig die Auswechslung Köhlers, die von einem Eintracht-Vogel mit schwuler Köhler Pfui kommentiert wurde trübte das sonnige Ereignis ein wenig. Traurig - aber versöhnlich stimmten die freundlichen Worte des Stadionsprechers, der auf die Shuttle-Busse hinwies, die die Eintrachtler zum Pumpwerk bringen sollten.

Mit dem Schlusspfiff enterten etliche Fans den Rasen während wir uns zum Kassenhäuschen aufmachten und die zwei letzten Pins sowie einen Schal des heutigen Spiels erwarben. Derart ausgerüstet spazierten wir gut gelaunt durch die City, futterten Sandwiches und machten einen kurzen Abstecher an den Jadebusen, nur wenige Meter vom Camping-Areal entfernt. Das Wasser hatte sich kurzfristig zurückgezogen; wir überließen einige Eintrachtluftballons sich selbst und machten uns auf in die Bembelbar im Pumpwerk um zu feiern und zu quatschen. Bis in die frühen Morgenstunden rockten die Eintrachtler das Gelände, tanzten, sangen die Frankfurter, auch etliche Wilhelmshavener schauten vorbei und wunderten sich über das muntere Völkchen und dessen seltsam Getränk.

Spät in der Nacht plumpsten wir ins Zelt und nach einigen wenigen Stunden traumlosen Schlaf weckte uns das Treiben der Camper. Die ersten hatten den Platz schon verlassen, andere schnorchelten noch vor sich hin, während wir den Rest Schlaf aus den Augen wischten und Pia erstmal im nahe gelegenen Café einen Kaffee besorgte. Die vergangene Nacht stand etlichen ins Gesicht geschrieben doch schon kreiste der erste Apfelwein, während ich brav unser Zelt abbaute und das Gelersch im Golf verstaute. Und da dämmerte es mir: Es ist ja gar nicht Sonntag, es ist Samstag. Und das bedeutet, ich kann mir eine weitere Tüte Granat kaufen. Das Leben ist schön, zumindest manchmal und alsbald wanderten wir mit einer Tüte in der Hand Richtung Jadebusen. Vielmehr ich, Pia war für das Meeresgetier noch immer nicht zu begeistern. Wir trafen unterwegs selbstverständlich auf den ein oder anderen Frankfurter, der sich gleichfalls eine leichte Brise um die Nase wehen lassen wollte, marschierten zum Südstrand, beguckten dort Möwen, Strandkörbe und Touristen und ließen uns über die bekannte Kaiser Wilhelm Brücke treiben. Am Rande des Ems-Jade-Kanals spazierten wir zurück zum Campingplatz; bewunderten noch einige Schiffe und versorgten uns mit Reiseproviant. Am Zeltplatz, der sich schon merklich geleert hatte, verabschiedeten wir uns vom Bembelbarteam, bei dem ich mich auch an dieser Stelle ganz herzlich für die lässige Location bedanken möchte, und setzten den Golf in Gang. Ein kurzer Stopp in Sande brachte Benzin für die Rückfahrt und schon rollten wir auf den Highway. Langsam kroch die Müdigkeit in uns, doch bewegende Sportreportagen aus dem Autoradio hielten uns wach. So führte Leverkusen in Pirmasens zur Halbzeit mit 1:0 um am Ende mit 11:1 zu siegen, während St. Pauli in Chemnitz die Segel streichen musste. Auch waren wir live dabei, als bei den Schwimmeuropameisterschaften die junge Silke Lippok zu Silber kraulte und der Reporter fast einem Herzinfarkt erlegen wäre.

Nach vier Stunden unaufgeregter Fahrt erreichten wir Frankfurt müde aber glücklich und nur wenig später rollte ich mit dem Golf in die untergehende Sonne Richtung Westen, um den Abend auf der Terrasse eines anderen Eintrachtlers ausklingen zu lassen. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Freitag, 8. Januar 2010

Golf. Silber. Winterpause.





















Foto: Pia G.