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Montag, 13. September 2010

Heimspiel in Gladbach


Fünf endlose Monate lang, was in diesem Falle ob der Sommerpause sieben Punktspiele in Folge bedeutet, war die Eintracht ohne Sieg. Begonnen hat der fußballerische Ramadan in Mönchengladbach, just als die Riederwälder nach den Sternen, sprich internationalen Plätzen, greifen konnten. Und nun also wieder Gladbach, jenes Team, welches am letzten Spieltag in Leverkusen mit 6:3 triumphierte - gegen die wiederum die Eintracht den letzten Sieg im März eingefahren hatte.

Alles hat ein Ende, nur der Tod nicht. Glaub ich und so war ich eigentlich guten Mutes obgleich ein Gutteil der Eintrachtfans nach den beiden Auftaktniederlagen eigentlich der Überzeugung war, dass wir haltlos Richtung Abstieg taumeln. Nuja, entschieden wird eine Saison nach dem letzten Spieltag und so waren wir sicher, dass auch heute nichts definitiv geklärt würde.

Bei strahlendem Sonnenschein treffen wir uns unten an der Günthersburgallee; Pia, Christian, Tanja, ich sowie der silberne Golf samt Eintrachtbadeente; der Badeadler dient ja höchstens als Mitbringsel für jene, die schon alles haben und bleibt zunächst im Fanshop. Für Tanja sollte es das erste Fußballspiel überhaupt werden und so versucht Christian ihr während der Fahrt beizubringen, dass ein Großteil der Zeit aus Leiden besteht, aus vergorenen Hoffnungen und trotziger Zuversicht und das Spiel ja nicht alles sei, da der Erlebnisfaktor "Auswärts" gleichwohl seinen Teil zu einem gelungenem Tag beiträgt.

Nach einem kurzen Stopp an der Tanke rollen wir auf die A66, die Uhr zeigt halbelf; Deutschland geht einkaufen und wir lauschen dem Rauschen der Motoren, derweil Arcade Fire, Iron Maiden oder Michael Holm für kurzweilige Unterhaltung sorgen; großartig auch die deutsche Version des Hermans Hermits Klassikers No milk today von den Four Kings; betitelt: Brötchen und Milch.



Derart beschwingt sausen wir über die A3 an Köln vorbei, überqueren den Rhein, folgen der A4 und sehen die Fabrik, in der Wolken gemacht werden, um dann auf der A61 in Mönchengladbach Holt die Autobahn zu verlassen. Erstaunlicherweise staut sich dort der Verkehr nicht in Richtung Stadion, sondern in Richtung Stadtmitte - und da wir etwas entfernt vom Stadion parken wollen, reihen wir uns brav ein. Nach ein paar Metern wird der Grund ersichtlich - eine Baustelle versperrt den klaren Weg, so parken wir den Golf am Straßenrand (völlig legal) mopsen uns einen Apfel und eine Brombeere und spazieren unter der lachenden Sonne durch eine Stadt, die ich ohne Fußball wohl nicht kennen würde.

Beim örtlichen Altbierhändler besorgen wir uns Wegzehrung und staunen über die hiesigen Bräuche; ein Zettel am Kiosk verkündet, dass gebrauchte Zeitungen nicht mehr umgetauscht werden können - auf Nachfrage erklärt der Verkäufer, dass es eine zeitlang Usus war, abgelaufene Fernsehzeitungen mit dem Argument hab nicht aufs Datum geachtet gegen eine aktuelle tauschen zu wollen. Sachen gibt's.

Fröhlich wandern wir an Peter Fischers Bäckerei vorbei und reihen uns in den Strom einlaufender Gladbachfans ein. Borussenfähnchen flattern an den Häusern, an einer Eckkneipe stehen ein paar Frankfurter und Gladbacher zusammen, trinken Bier - im Zweifel Kölsch.

Wir marschieren über die Autobahnbrücke, passieren den Friedhof mit angrenzender Totenhalle; dahinter ragen Flutlichtmasten in die Höhe; sie beleuchten wenn nötig das Hockeystadion, das unsere nächste Station ist. Grüner Kunstrasen umrandet von schwimmbadblauem Kunstrasen liegt torlos auf dem Boden, auf buntbestuhlten Rängen genießen wir die Sonne, bis wir nach einem Rundgang bei einem Supermarkt landen und Nachschub ordern; Astra und Brause - es ist ein schöner Tag irgendwo in Deutschland. Der Supermarkt liegt übrigens in der Helmut-Grashoff-Straße, benannt nach dem ehemaligen Manager der Borussia; in Frankfurt ist keine einzige Straße nach einem Eintrachtler benannt, sieht man einmal von der Rohrbachstraße und der Schaubstraße ab, deren Namen allerdings ursprünglich nicht mit den Kickern zu tun haben. Noch nicht einmal eine Alfred-Pfaff-Allee gibt es hier. Eine Schande.

Wir bewegen uns allmählich Richtung Fußballstadion, die Parkplätze sind voll, die Gladbacher tragen Trikots, auf denen entweder Marvin oder Marin steht und so langsam kommt mir das Spiel in den Sinn. Eigentlich erwarte ich nichts, noch nicht einmal schlechte Laune. Der Einlass geht flott, ich gehe ungehindert zwischen den Ordnern hindurch und treffe wie stets auf jede Menge Leute, wir quatschen über die Aussichten, über die Anfahrt und mit Max über unterschiedliche Ansichten über die ein oder andere Aktion. Dabei saust die Zeit voran und ich kämpfe mich händeschüttelnd durch den Block zu meinen Begleitern. Es sind ne ganze Menge Frankfurter im Block, hier klopft mir Cino auf die Schulter, dort stehen die Geiselgängster, da die Sossenheimer; überall ein großes Hallo, bis ich Pia, Christian und Tanja erreiche; Marc steht dabei; jetzt kann's los gehen - und es geht los. Die Eintracht in Schwarz-Rot mit Nikolov im Tor und Altintop samt Gekas vorne; Gladbach in weiß - und schon nach wenigen Minuten mit dem Rücken anderwand.

Es ist Bewegung im Spiel; Tzavellas verteidigt links hinten gegen Idrissou, Köhler diesmal wieder weiter vorne - und nach 24 Minuten ganz weit vorne: einen von Bailly abgewehrten Kopfball schiebt unsere Nummer 7 überlegt zur Führung ins Netz. Na also, geht doch. Der Block raucht vor Freude, doch nicht allzulange; keine zehn Minuten später hat Idrissou gegen Nikolov den Ausgleich erzielt - denken alle. Doch Schiri Drees entscheidet auf Foul und annulliert den Treffer, das hat er fein gemacht. Denkt sich Oka.

Als dann noch vor der Pause Alex Meier einen schon fast verlorenen Ball von Torhüter Bailly erobert und ihn keck nach innen spielt, woraufhin Gekas recht mühelos das 0:2 erzielt, hat die Eintracht geschafft, was ihr in Hannover nicht gelungen war: einen schönen Vorsprung auf Grund überlegener Spielweise. Aber wir haben vor gar nicht allzulanger Zeit hier völlig verdient mit 2:0 geführt - um am Ende mit 3:4 die Segel zu streichen. Obacht also. Bitte kein Döppdöppdöppdödödöppdöppdöpp. Selbst das 3:0 nach der Pause durch einen fabelhaften Treffer des agilen Ochs nach einem tollen Pass von Schwegler lässt mich zwar ungläubig die Fäuste nach oben reißen - aber keineswegs an sichere drei Punkte denken. Pia hingegen bläst Luftballon um Luftballon auf und schickt den Adler auf die Reise; wenn er weiter in der Luft gehalten wird, freuen wir uns.

Gladbach hätte in diesem Spiel noch Stunden spielen können, es gelang nichts zwingendes, während die Eintracht durch eine fabelhafte Aktion und sauberem Zuspiel von Altintop auf Gekas noch den vierten Treffer erzielt. Der Block grinst und hüpft und freut sich - und dann kam Martins großer Einsatz: Hallo Gladbach, hallo Gladbach wisst ihr noch, wisst ihr noch, könnt ihr euch erinnern ruft er durchs Megafon- und keiner weiß, was jetzt kommen soll. Doch die gedanklichen Fragezeichen zerrinnen zu Staub als die Antwort kommt: Döppdöppdöppdödödöppdöppdöpp. Fangesänge können schön sein.

0:4 zeigt die Anzeigetafel auch nach Spielende. Wir feiern die Mannschaft, die sich allerdings alsbald verkrümeln will und wieder zurück geholt wird und bleiben, bis sich das Stadion fast ganz geleert hat. Und wir sollten belohnt werden, ein Flitzer eilt über den Rasen macht ein paar Faxen, wird von einem Ordner eingeholt, büxt wieder aus und sorgt für Gelächter. Hoffentlich passiert dem Kerl nichts. Jünter, dass Gladbacher Maskottchen trottet bedröppelt über den Rasen. Geil, 4:0 in Gladbach - das bringt Ruhe; zumindest bis zum nächsten Spiel. Aber heute ist heute, morgen ist ein andrer Tag. Und so verlassen wir gemächlich den Block und wandern durch den Gladbacher Spätsommerabend. Erbarme, zu spät: die Hesse komme.

Vor einer Wirtschaft parkt ein Reisebus der Odenwälder Fohlen, im Biergarten ist noch Platz und so entern wir den Laden, in dem DJ Norbert später für DJ-Norbertige Musik sorgen wird und stärken uns für die kommende Heimfahrt, während wir Tanja erklären, dass das heutige Spiel keineswegs das angekündigte Leiden bedeutet. Glaub ja nicht, dass das immer so ist. So recht will uns nicht einfallen, wann die Eintracht zum letzten Mal ein Punktspiel in der Bundesliga auswärts mit vier Toren Unterschied gewonnen hat, die Erinnerung trägt uns zum Beginn der 90er, aber so ganz genau wissen wir das nicht mehr. Aue war Zweite Liga. Christian murmelt was von einem 4:0 in Gladbach, das lassen wir mal so stehen.

Die Odenwälder Fohlen verlassen die Wirtschaft, wir folgen ihnen alsbald und wundern uns, dass auf dem Weg zum Auto echter Hopfen am Straßenrand wächst. Bald sitzen wir wieder im silbernen Golf, der uns so brav durch die Republik kutschiert und tuckern nach wenigen Metern wieder auf die Autobahn. Im Westen versinkt die Sonne, zaubert einen malerischen Himmel zur anbrechenden Nacht und während der leider im Januar verstorbenen Alistair Hulett uns musikalisch daran erinnert, dass immer mehr die einstigen ärmeren Stadtteile in Yuppietown verwandelt werden, spulen wir unspektakulär Kilometer um Kilometer ab. Als wir Hessen erreichen stellen wir fest, dass das jahrzehntelang warnende Schild mit der auffälligen Katze am Elzer Berg verschwunden ist, geahnt haben wir es ja schon länger, doch diesmal haben wir genau darauf geachtet. Wir fahren dennoch langsam, sehen rechts den Limburger Dom, geradeaus Frankfurt und genau dort landen wir nach etwas mehr als zwei Stunden. Nach dem Abschied von Christian und Tanja und rechtzeitig zum Sportstudio rollen wir wieder im Nordend ein, während draußen im Stadion Wladimir Klitschko gerade den Samuel Peter verprügelt; hoffentlich ist der Rasen bis zum nächsten Spiel gegen Freiburg wieder fit.

Drei Punkte hat die Eintracht nun auf dem Konto; 50 sollen es werden - was im End aber auch niemanden mehr interessieren wird. Egal ob es so kommt oder auch nicht. Während in den letzten Wochen Gekas quasi schon als Fehleinkauf klassifiziert wurde, so dürfte nun Amanatidis der nächste Sündenbock sein, der verletzungsbedingt ausfiel und sich jetzt erstmal wieder ins Team kämpfen muss. Wie auch immer, ein 4:0 in Gladbach fühlt sich geil an. Und hier könnt ihr mehr über den sportlichen Aspekt nachlesen. Auswärtssieg!




Montag, 22. Februar 2010

Heimspiel in Hamburg


Die Strafe einer durchzechten Nacht folgt auf dem Fuß; die Augen getrübt, der Orientierungssinn dezent verwirrt und alles ist zu früh. Tue Buße und schweige sprach eine Stimme zu mir und ich folgte. Willenlos. Im mentalen Nebel des anbrechenden Tags hielt ich in der einen zittrigen Hand einen Becher Kaffee, die andere kreiste über das Touchpad des Notebooks und versuchte aus dem Sammelsurium an Files eine CD zu brennen. Einem Chillhouse-Sampler folgte eine wüste Zusammenstellung, die uns auf dem Weg nach Hamburg begleiten sollte; Sekunden nachdem die CD fertig gebrannt war, hatte ich vergessen, welche Stücke es letztlich geschafft hatten: Nach dem noch offenen Endergebnis des Spiels der Eintracht beim HSV die zweite Wundertüte, die im spärlichen Gepäck landete.

Da noch am gestrigen Abend eine SMS eingegangen war, welche mir mitteilte, dass mein defekter Fotoapparat repariert und abholfertig war, folgte noch der Weg in einen bekannten Elektronikmarkt - die Reparatur schien erfolgreich, allein zwei Kratzer waren hinzugekommen und so marschierten wir unverrichteter Dinge wieder ab. Das Frühstück resp. Mittagessen erfolgte stantepede an einer Imbissbude am Uhrtürmchen in Bornheim, wo die beste Currywurst Frankfurts offeriert wird. Nichts gegen die selbsternannten Kultimbisse mit der nach oben offenen Scovilleskala - Leute, kommt ans Uhrtürmchen gegenüber vom Spielzeug-Meder und alles wird gut.

Freitagmittag, 13:00. Unterwegs. Wieder Unterwegs. (Herwig Mitteregger). Öl und Sprit fürs Auto, dazu gesäuberte Scheiben und schon schnurrte das Motörchen, Pia am Steuer; ich zusammen gekauert auf dem Beifahrersitz des silbernen Golfs.

Noch immer hatte der Schneewinter das Land im Griff, weiß die Felder in deren Mitte von Zeit zu Zeit ein Hochsitz dem Jägersmann harrte, grau der Überbau, sommriger Chillhouse blubberte zunächst aus den Boxen, während Hessen an uns vorbei sauste. Ich gebe es zu, der Sound ist nicht wirklich Pias Musik und so war sie nicht undankbar, als ein Wechsel anlag; fortan begleiteten uns die Tindersticks, auch Tocotronic waren dabei, die mit ihrem Macht es nicht selbst zumindest das Motto für den meinigen Tag vorgaben. Red Lorry Yellow Lorry durften rocken, Jimmy Cliff sang von Vietnam und wenig später groovte original 70s disco-sound durch den Tag. Eine Mischung, welche exakt meinen Geisteszustand widerspiegelte.



Hildesheimer Börde; Zeit für Kaffee. Konfrontiert mit der deutschen Freundlichkeit an Raststätten (Eine Verkäuferin pampte einer Kundin ihr unzufriedenes Leben ins Gesicht, dass sogar die Milch sauer wurde) trafen wir auf die ersten Vorboten des bevorstehenden Spiels: Ein Scheiß HSV Aufkleber pappte auf einem Verkehrsschild, während wir auf den Highway zurückkehrten. Nichts ist trauriger als schmutziger, schwarzer Schnee. Wenig später überholten wir Holger von der Bembelbar, der mit seinem Kombi und zig Litern Apfelwein im Gepäck gleichfalls Richtung Norden unterwegs war.

Unterwegs. Wieder Unterwegs.

Immer eine große Freude sind die Parkplatznamen am Rande der Autobahn, mein Liebling des Tages hieß Horstspring. Im nächsten Leben werde ich von Beruf Parkplatznamensgeber, das muss Spaß machen. Apropos Spaß: Wie nennt man eigentliche einen kleinen, krummbeinigen Hund, der auf die Straße scheißt?

Genau: Kackel.

Je mehr wir uns dem Norden näherten, um so gewaltiger schienen die Schneemassen, Windräder verjagten das Grau, dass urplötzlich sogar die Sonne ins Land lugte; Hamburg jedoch erreichten wir in der Dunkelheit; Stau vor dem Elbtunnel, Abfahrt Schnelsen ging's raus und nach wenigen Kilometern erreichten wir unser Ziel. Hasloh, ein kleiner Ort, in dessen Straßen sich noch unvorstellbare vereiste Schneemassen am Straßenrand türmten.

Ingo und Silke begrüßten uns herzlich, die Kids waren ebenfalls alle zuhause und bei einem Tee erzählten wir uns am Kamin Geschichten vom angebrochenen Leben. Wenig später schaute ich in der Küche Ingo über die Schulter, der extra für uns ein in Hessen wenig bekanntes Gericht performte: Scholle - Finkenwerder Art.

Man nehme eine Scholle, enthaupte sie und befreie diese von den Innereien. Eingerieben mit Zitronensaft, gewendet in Salz und Mehl, lege man sie zur Seite und brate Speckwürfel an. Die Scholle wird nun von beiden Seiten in reichlich schmurgelnder Butter ebenfalls angebraten und zusammen mit dem Speck und Kartoffelsalat serviert. Gerne kann man sie auch ein wenig mit Nordeseekrabben befüllen, aber nur wenn es die Kutter auf See gepackt hatten, was angesichts der hiesigen Wetterbedingungen nicht immer der Fall ist. Wenn nun die Scholle nach dem Braten noch ein wenig mit Zitronensaft beträufelt wird, sollte man die Tellerdeko mit Tomatenscheibe und Salatblatt nicht vergessen et voilá: Guten Appetit. Doch Obacht: Die Gräten.

Ganz interessant ist die Geschichte der Hamburger Begrüßung Hummel Hummel Mors Mors, die auf einen ehemaligen Wasserträger zurück zu führen ist. Die Kinder neckten ihn und riefen ihm zu: Hummel Hummel - und da dieser sich nicht mit Händen wehren konnte, antwortete er: Mors Mors, was verkürzt Klei mi an Mors also Leckt mich bedeutet. Traditionell wird dieser Gruß auch im Hamburger Stadion nach Toren des HSV gerufen - alleine, ich war überzeugt, davon, dass wir ihn heuer nicht hören würden. Ingo hatte mir noch ein Stadionheft für das morgige Spiel in die Hand gedrückt und ich rufe den Machern zu: Nein, Freunde, Frankfurt ist nicht die Landeshauptstadt Hessens - auch wenn es das Natürlichste der Welt wäre.

Nacht, traumlos der Schlaf, Er. Ho. Lung.

Morgen. Der Duft frischen Kaffees zog durch die Räume, sechs Schneemänner schauten uns beim Frühstück zu und so langsam kehrten meine Lebensgeister zurück. Dafür verließ mich ein lieb gewonnener Teil meines Backenzahnes. Machs gut, wir hatten eine schöne Zeit.

Pia hatte mittlerweile von Olli eine SMS bekommen, dass dieser Karten für uns organisiert hatte, das letzte Problem war gelöst und so marschierten wir gegen halbeins in Richtung S-Bahn. Ingo und Enno, deren Herz bekanntlich für den SV Finkenwerder Bremen schlägt, wollten später nachkommen. Unterwegs. Wieder Unterwegs.

Die S-Bahn-Station Hasloh sieht aus, wie eine Bahnstation in Deutschland idealerweise aussieht, mittig der Bahnsteig incl. Bahnhofsuhr links und rechts davon die Gleise, auf denen auch bald die Bahn nach Hamburg heran rollte. Bönnigstedt - Burgwedel - Schnelsen - Hörgensweg - Eidelstedt/Zentrum - Eidelstedt. Endstation. Wir hätten zwar noch in Richtung Stellingen umsteigen können, entschieden uns aber für einen kleinen Fußmarsch in Richtung Stadion. Die Wege waren vereist, alle naslang standen schon Menschen, die meisten HSV-Fans, an kleinen Buden, tranken Glühwein oder Astrabier, Bratwürste dampften auf den Grills, und Musik bollerte aus den Boxen: Lotusblume hab ich dich genannt sang jemand zum grausigen BummBatschSound; wir aber holten uns ebenfalls ein Astrabierchen und erreichten bald das Stadion, das wir umrundeten.

Den Museumsbesuch hatten wir für den kommenden Tag aufgehoben, und so schoben wir uns gegen den Strom ankommender Fans in Richtung Bahnhof Stellingen. Einkaufswagen, an Laternen angekettet, harrten der leeren Pfandflaschen derweil wir am Fantreff eine Wurst futterten und an der S-Bahnstation auf Olli und Verena trafen.

Frankfurter mengten sich mit Hamburgern, ein muntres Geschnacke hub an, Freundlichkeit allenthalben und hätte nicht ein Fußballspiel auf dem Plan gestanden, wir hätten den Nachmittag auch hier verbringen können. Die Zeit sauste ins Land, eigentlich wollten wir noch auf Christian und Uwe treffen, die jedoch schon im Stadion waren, als wir dort ankamen. Ben und ZoLo hielten warm eingepackt die Stellung; hier ein Hallo, dort ein Guude - auch Ingo und Enno waren nun eingetroffen und hatten noch Karten ergattern können. Ein Blick auf die Uhr zeigte 15:11. Stimmt, die Eintracht, da war doch was.

Der Einlass ging flott, und eh wir uns versahen trafen wir im Block 14A auf Christian und Uwe und auf ein paar Tausend andere Eintrachtler. Lotto King Karl sang in den letzten Zügen Hamburg meine Perle, ein schneller Blick aufs Spielfeld zeigte uns, dass Schwegler für Jung ins Team gerutscht war und schon ging's los. Die Eintrachtfahnen flatterten streng im Wind, der uns gehörig um die Nase pfiff, das Stadion schien ziemlich ausverkauft und die Hamburger Ultras standen nicht direkt hinter dem Tor wie sich vermuten ließ, sondern hatten sich auf die Sitzplätze aus unserer Sicht links daneben verzogen. Neu-Hamburger Ruud van Nistelrooy, der in Wahrheit Rutgerus Johannes Martinus van Nistelrooij heisst, stand nicht im Kader, angesichts der Massenhysterie um den Doppeltorschützen des vergangenen Wochenendes kein schlechtes Omen für die Eintracht. Sebastian Jung begann sich schon wenige Minuten nach Spielbeginn warm zu laufen.

Die Hamburger schienen noch etwas müde vom Europapokal, die Eintracht loderte nicht ganz so stark, wie noch in Dortmund und so stand es zur Halbzeit verdientermaßen 0:0. Der HSV, bei dem Zé Roberto nach langer Zeit wieder mit von der Partie war, hatte zwar die besseren Chancen doch auch Glück, dass ein Distanzschuss von Teber nur ganz knapp am Tor vorbei rauschte.

Die zweite Hälfte, in der sich Charly zu uns gesellte, zeigte eine kämpferische Eintracht, ohne die ganz großen Chancen. Der HSV enttäuschte, auch die hochgelobten Jansen, Trochowski oder Petric konnten nicht wirklich überzeugen und so lief alles auf ein torloses Unentschieden hinaus, woran auch Bundesliganeuling Schiedsrichter Markus Wingenbach seinen Anteil hatte, der nicht auf eine Schwalbe von Demel im Strafraum der Eintracht herein fiel - was mir aber erst später Andi am Telefon (Herzlichen Glückwunsch) und kurz darauf die Bilder der Sportschau bestätigten. Korkmaz war für Köhler gekommen, später noch Caio für Altintop; Eintracht, Eintracht hallten die Rufe durch die Arena und am End stand tatsächlich ein Punktgewinn im hohen Norden. Derweil hatten sich die Kölner gegen Stuttgart mit 1:5 das Fell über die Ohren ziehen lassen.

Die Bremer Ingo und Enno hatten ebenfalls ihren Spaß gehabt - sie wollten sogar noch die Frankfurter Mannschaft sehen, die sich aber leider nicht mehr blicken ließ.

Da Christian und Uwe vor dem Spiel noch ein Bierchen für uns gekauft, dies aber mangels Treffen nicht weiterreichen konnten und die Schoppen deshalb auf dem Friedhof vor dem Stadion gut gekühlt versteckt hatten, tranken wir auf den Punktgewinn einen guten Schluck, einige Hamburger gesellten sich zu uns, Foto hier, Foto da und ein Lachen im Gesicht. Später ließen wir uns von Uwe, der schon lange in Hamburg wohnt, zu einer Bushaltestelle führen, von wo aus wir gemeinsam zum Bahnhof in Altona fuhren. Von dort führte der Weg schnurstracks in eine Bar, welche nicht nur die Sportschau zeigte, sondern auch etliche Waschmaschinen beherbergte und als Waschsalon fungiert. Extra für uns wurde trotz beginnendem Barbeginn der Ton des Fernsehers angestellt und so konnten wir uns davon überzeugen, dass der Fall Demels im Strafraum tatsächlich eine Schwalbe war und wir guten Gewissens unseren Punkt feiern konnten. Die Bedienung war sehr freundlich, wir auch und so verabschiedeten wir uns schweren Herzens - zunächst auch von Christian und Uwe, um uns später im Jolly Roger wieder zu sehen.

Pia und ich nahmen die S-Bahn in Richtung Sternschanze, wo Ingo uns abholte, um zum gepflegten Teil des Abends über zu gehen. Ein reservierter Tisch beim Italiener, Silke und Ingo, Pia und Beve, schwarze Ravioli und Carbonara ohne Sahne und ein Spaziergang durch die Hamburg Nacht zur Bembelbar im Jolly Roger, der sich ein wenig zog - ihr wisst: Mädels und Schaufenster in der Großstadt.

Vor dem Jolly Roger harrten schon etliche Eintrachtfans, im Laden selbst herrschte eine übliche Enge; Christian und Uwe waren schon dort - und ich geb's zu: Mir war es einfach zu voll. Wir plauderten noch eine ganze Weile vor der Tür und machten uns alsbald auf den Weg zurück Richtung Bahnhof Sternschanze, wo wir uns herzlich von Christian und Uwe verabschiedeten. Ingos Volvo parkte nicht weit davon entfernt und bald cruisten wir durch die Hansestadt. Wir tuckerten über die Reeperbahn, vorbei an der Davidswache und an warm eingepackten jungen Damen in Moonboots und rollten zur Musik der Straßen von San Francisco und Miss Marple durch den Hamburger Hafen zur Elbe. Eisschollen trieben massenhaft im Fluss, wir ließen uns den Wind um die Nase wehen und dachten daran, wie es ist, wenn der Fischmarkt erst nach Handkäs stinkt.

Als wir das Hafengelände verlassen wollten, gerieten wir kurz in die Fänge der örtlichen Polizei. Schon zuvor war uns permanentes Blaulicht und die massive Präsenz rund um St. Pauli aufgefallen; nun aber wollten sich einige Frankfurter Busse auf den Heimweg machen und eine Polizistin beugte sich zu uns mit den Worten Wir wollten nur wissen, wer sie sind ins Auto. Eine gute Frage, auf die ich meist selbst keine Antwort habe. In diesem Falle reichte aber eine Eintracht-Mütze zum freien Geleit, die Polizei wollte eine Konfrontation der abreisenden Frankfurter mit abenteuerlustigen Hamburgern verhindern, was Ingo zu den Bemerkung veranlasste; das sei auch richtig so und das machen sie aber gut. Statt Ausweiskontrolle gab es freie Fahrt, vielen Dank.

Spät in der Nacht lagen wir nach einem finalen Malzbier im warmen Bettchen und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Wir vertüddelten den Sonntag Morgen, frühstückten und quatschten wie es sich gehört. Später räumten wir den Weg zum Haus mit Axt und Spaten von Schnee und Eis, hörten Musik einer noch unbekannten Kapelle aus den Achtzigern mit dem Namen Changing Faces und verabschiedeten uns von unsren Gastgebern mit den besten Wünschen und auf Bald.

Der Golf schnurrte und wir gondelten nach Hamburg, um vor dem Stadion am Volkspark vor dem Museum und Uwe Seelers Fuß zu parken. Immerhin gibt es hier im Stadion ein Restaurant (die Raute) direkt neben dem Museum. Im TV schickte sich die Hertha an, in Freiburg zu gewinnen, wir aber lösten eine Eintrittskarte für das HSV-Museum und schlenderten durch die Geschichte des Bundesligagründungsmitglieds. Ein Gang führt dich zunächst zur Stadiongeschichte, Rothenbaum, Volksparkstadion, Arena. Ein nachgebautes Kassenhäuschen aus vergangenen Zeiten war ausgestellt, Kutten hingen in Vitrinen, Spinde ehemaliger Helden darunter von Uli Stein wurden präsentiert und über ein Kino, welches permanent die Kurzfassung der Historie des HSV zeigt, gelangten wir in die Schatzkammer, die in etlichen Vitrinen nicht nur die großen Pokale, sondern jede Menge Exponate der vergangenen Jahrzehnte zeigt. Trikots genau so wie Fußballschuhe, Spielplakate aber auch Erinnerungen an die dunklen Jahre von 1933 bis 1945. Bemerkenswert, dass eine ehemalige Legende der damaligen Zeit heute quasi geächtet wird; Tull Harder. Der zweimalige Deutsche Meister 1923 und 1928 trat 1932 in die NSDAP ein und avancierte während des Krieges zum Aufseher in mehreren KZs. Andere Vereinskameraden agierten auf der anderen Seite, so der Norweger Asbjørn Halvorsen, genannt Assi, der später im KZ Grini bei Oslo in Gefangenschaft saß und 1955 an den Spätfolgen verstarb. Ein aus dem KZ geschmuggeltes Kassiber ist im Museum zu sehen.

Der HSV, der ähnlich wie die Eintracht aus Fusionen mehrerer Vereine hervorging, ist wohl der einzige Verein, dessen Farben Blau, Weiß und Schwarz sind und der dennoch Rothosen genannt wird. Die Eintracht taucht mehrmals im Museum auf; ein Spielplakat des Pokalendspiels 1974 ist ebenso wie ein Wimpel anlässlich der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1961 zu sehen. 1976 wurde der HSV in Frankfurt Pokalsieger und natürlich gibt es auch etliche Spieler, welche beide Trikots trugen, allen voran Uli Stein, aber auch Jan Furtok, Heinz Gründel, Horst Heese, Mehdi Mahdavikia oder Alex Meier. Zwei Dinge aber hat der HSV der Eintracht voraus: 1977 gewannen sie den Europapokal der Pokalsieger und 1983 sogar den Europapokal der Landesmeister; entscheidender Akteur in beiden Spielen war ein auch in Frankfurt alter Bekannter: Felix Magath.

Nach einem kurzen Plausch mit der freundlichen Museumsmitarbeiterin verabschiedeten wir uns, warfen aus dem Restaurant einen Blick in das leere Stadion, während die Hertha in Freiburg inzwischen mit 3:0 führte. Ein letzter Gruß nach Hamburg und schon rollten wir auf die Autobahn. Elbtunnel, Kräne, Abschied.

Auf der langen Fahrt nach Hause unterlag Felix Magath mit Schalke 04 beim Vorjahresmeister Wolfsburg (Trainer damals: Felix Magath) während Bremen in letzter Sekunde gegen Leverkusen zur großen Freude von Ingo und Enno noch ein 2:2 erreichte. Wir aber erreichten Frankfurt wohlbehalten gegen 21:30, parkten den Golf, der uns wieder sicher durch die Republik gebracht hatte, irgendwo im Nordend und hatten nicht nur einen Punkt im Gepäck, sondern auch einen prall gefüllten Beutel voller Erlebnisse.

Hummel Hummel. Mors Mors.


Samstag, 22. August 2009

Heimspiel in Köln


Das Spiel begann für mich eigentlich mit einer beeindruckenden Pressekonferenz am Donnerstag; Kölns Torhüter Faryd Mondragon sprach diese Woche vor der versammelten Medienlandschaft Klartext - und nötigte nicht nur mir Respekt ab. Kid hatte dazu einen Bericht verfasst und das Video verlinkt, schaut es euch an. Auch das Schweigen danach.

Köln.

Irgendwas war anders, etwa Entscheidendes fehlte auf dieser Fahrt, nämlich Pia. Sie hatte in den sauren Apfel gebissen und sich bereit erklärt, im Museum zu arbeiten. Irgendjemand muss ja schließlich den Geburtstagskindern, die dort feiern, die Geschichte der Eintracht erläutern und sie durchs Stadion führen - und zudem dafür sorgen, dass sie auch ihre Freude daran haben. Das ist auch gut für die Kids, welche ja die Hools von morgen sind.

Und so holten wir noch vor zehn Christian ab und steuerten den silbernen Golf auf das ruhige Gelände des Frankfurter Stadions. Ganz alleine waren wir jedoch nicht, Habib Bellaid und Pirmin Schwegler drehten ihre Runden um den Trainingsplatz während Mehdi Mahdavikia mit Ralf Fährmann sich das Bällchen zu spielte; Momentaufnahmen zu einem Zeitpunkt, als der Rest der Mannschaft schon in Köln weilte.

Ich marschierte noch kurz in den Fanshop und besorgte ein neues Maskottchen, die graue Maus muss sich ja noch von der letzten Saison erholen und nach einem Museumskaffee ließen wir Pia schweren Herzens in Frankfurt zurück und rollten auf die Autobahn, um nach wenigen Kilometern im Stau zu stehen. Schon von hinten erkannten wir die kreisenden Lichter des ADAC-Wagens und entdeckten bald die Ursache des Staus: eine Karambolage. Danach ging's zwar etwas flotter voran, jedoch waren die Straßen ob des Reiseverkehrs zum Ende der hessischen Sommerferien gut gefüllt. Eines jedoch sei euch in der Mitte träumenden Autofahrern ins Stammbuch geschrieben: Es ist kein Armutszeugnis, die rechte Spur zu benutzen; es wird nicht bestraft und es ist auch kein Verlust des Sozialprestiges. Aber was soll ich sagen: Wenn die vorhandenen Räume nicht genutzt werden seid ihr in guter Gesellschaft; auch die Eintracht tat es euch später gleich - vielleicht sollte man sich da mal zusammen setzen.

Holprig aber stets ging es voran, wir unterhielten uns über das Phänomen, dass die Hamburger Arena im kommenden Jahr schon wieder einen neuen Namen bekommen wird, den wahrscheinlich ebenso wie den jetzigen Namen kein Mensch erinnert und tuckerten unaufgeregt Richtung Köln, Morrissey sang über den Boy Racer:

He thinks he got the whole world in his hands
Stood at the urinal
He thinks he got the whole world in his hands
And I'm gonna ... kill him !

und wir entschieden uns kurz vor einem Stau, die Autobahn zu wechseln, überquerten den Rhein und rollten nach wenigen Kilometer entspannt auf die Aachener Straße. Statt rechts zum Stadion bogen wir links Richtung City ab und parkten den Golf nach wenigen Minuten in einem gepflegten Wohngebiet. In den Taschen steckten Stehplatztickets für die Gästekurve, umgerechnet kostete eines an die 40 DM. Stehplatz in Köln. Poldi-Zuschlag. Frechheit.

Wir wanderten die Straße entlang, gönnten uns ein Schöppchen und wurden trotz der relativ frühen Stunde von etlichen Autos mit Frankfurt-Aufklebern überholt; auch waren schon etliche Kölner unterwegs; die Sonne hielt, was der Sommer verspricht, linker Hand ragten die Gebäude eines Fernsehsenders in die Höhe, ein findiger Tankstellenbesitzer vermietete Parkplätze für fünf Euro, dahinter lag die Sporthochschule im Grün und dahinter wiederum das Kölner Stadion.

Die großen Wiese davor lud zu gepflegtem Rumlungern ein und mit einer Stadionwurst bewaffnet, machten wir es uns dort bequem. Die Musik aus den umliegenden Buden war grauenhaft schunkelig, der Rasen noch ein wenig feucht und wir beobachteten, wer denn so alles des Weges kam. Die Geiselgangster-Crew war inzwischen gelandet, Celi und Kroni hockten sich zu uns, André kam vobei - und war sich sicher, dass heute viele Tore fallen würden - und dass Bajramovic nicht von Beginn an spielen würde; da Schwegler ja in Frankfurt geblieben war, tippten wir auf Benny Köhler auf links. Die Stimmung war freundlich, nur wenig Polizei ließ sich im Hintergrund blicken, Frankfurter und Kölner mengten sich problemlos und auch die Einlasskontrolle war entspannt. Eine Gruppe Kölner zog ein Wägelchen mit Musik hinter sich her, irgendwer flog, flog, flog - ach, es ist ein Elend mit dem öffentlich zur Schau gestellten Musikgeschmack hier in Köln; selbst ein Fußballspiel mutiert zu einem verkappten Junggesellen-Abschied, der am Ballermann sicher besser aufgehoben wäre.

Ich traf Henning, der mich auf die bevorstehende Choreo aufmerksam machte - und auf die Tatsache, dass es kein Problem gewesen sei, Hunderte von Stock-Fähnchen im Block auszulegen, in Bremen wird man schon für weniger verhaftet - und es ist wie immer: Wenn die Spieltagsorganisation den Fans Spielraum lässt, bannt man die Gefahr gelebter Aggressionen, wenn die Fans aber gegängelt und drangsaliert werden, fördert man eben diese. Von daher haben die Kölner alles richtig gemacht. Danke dafür.

Wir suchten unseren Platz im Unterrang direkt unter dem Dächelchen, Bierbecherwurf-geschützt und umgeben von all denen, die immer dabei sind, die Geiselgangster, die Sossenheimer, Per-Sempre und wie sie alle heißen. Ein Spruchband der Kölner Fans verwies auf die Brandrede von Mondragon, sie bedankten sich für die offenen Worte und ein anderes zielte offensichtlich auf die reaktionäre Initiative Pro Köln, die nit gebrucht wird. Gut so.

Die Mannschaftsaufstellung der Eintracht brachte die erste Überraschung; mit Caio, Liberopoulos und Meier tummelten sich nominell gleich drei Spieler in der Mitte, davor noch Amanatidis - wir gingen also davon aus, dass über die Flügel nicht viel gehen würde - und waren ein wenig verwundert. Verwundert blickten wir auch auf die Cheerleader, die auf dem Rasen rumturnten und zu - wie soll es anders sein - grauenhafter Musik Übungen vollführten. Später lief dann noch der Song der Kölner, eine Adaption des schottischen Traditionals Loch Lomond, am bekanntesten vielleicht in der Version von Runrig - und ich muss sagen, dass dies noch eines der besseren war. Das will was heißen: Durch dick un durch dünn janz ejal wohin, nur zesamme simmer stark, FC Kölle. Na meinetwegen.

Und dann ging's los, wir schwenkten die Fähnchen, eine Blockfahne wurde hochgezogen, von oben flogen Kreppbänder - leider ein wenig zu früh, denn diese sollten erst beim Einlauf der Mannschaften geworfen werden was aber nicht jeder wusste. Martin beschwerte sich - aber was soll's, es hat sicherlich gut ausgesehen, auch wenn nicht alles geklappt hat.

Der 1.FC Podolski startete flott, ein vom Prinz nach innen gezogener Ball wurde von Novakovic nur knapp verpasst, nur wenig später setzte sich auf der anderen Seite Amanatidis durch, dessen Schuss aber abgefälscht wurde, wodurch der Ball über das Tor segelte.

Nach einem Gerangel bei einem Freistoß für die Kölner erhielten die Stürmer Amanatidis und Liberopoulos am eigenen Strafraum gelb, Ama schimpfte wie ein Rohrspatz - und damit haben wir auch schon die auffälligsten Szenen unserer Nummer 18 geschildert- es wäre wohl besser gewesen, er hätte nicht durchgespielt, auffällig viele Fehler bei der Ballannahme und kaum in Ballbesitz schon wieder ohne, das war zu wenig, Ama wird es selbst am besten wissen. Auch Caio, Liberopoulos und Meier spielten dezent unauffällig, Teber verhedderte sich mehrmals, allein die Defensive um Nikolov, Ochs, Russ, Vasoski, Spycher und Chris hielt den Laden halbwegs zusammen. Bei den Kölner konnte Podolski nicht überzeugen, auffällig hingegen spielte für meine Augen Maniche, der gut die Bälle verteilte und dem ÄffZäh sicher noch weiter helfen wird. Novakovic braucht noch Spielpraxis, gegen die Eintracht hielt er sich Gottseisgdankt noch zurück.

Unser Support war laut, an Texten wie Wo ist euer Stadtarchiv schieden sich die Geister, wer aber DinA4-Zettelchen mit der Aufschrift 100% Hetero hochhält, der muss sich die Frage gefallen lassen, ob dies denn wirklich eine dolle Leistung ist und was er eigentlich damit vermitteln will. Eintracht, Eintracht hallte es durch Stadion - und auch das war gut so. Mainz führte derweil gegen die Bayern mit 2:0, heilige Scheiße, blühen uns jetzt wieder dolle Mainzer Wochen? Lieber Gott, lass die Herren Gomez und Co treffen. Mindestens dreimal.

Halbzeit, fiese Fanbox und langweilige Unterhaltungen auf dem Rasen; das Kölner Unterhaltungsprogramm für die ganze Familie kommt dermaßen bieder daher, dass ich für die Inszenierung von Frankfurter Heimspielen eigentlich ganz dankbar bin. Das fällt auch erst auf, wen du dir mal genauer anschaust, was die anderen so machen. Aber die tragen ja auch Einkaufstüten statt Trikots am Leib. Anika schickte mir aus Frankfurt eine SMS, dass am Geburtstag von Pia unsere Lieblingsband in Frankfurt ein Konzert geben wird- ein Grund zur Freude, den ich gleich ins Museum weiter leitete.

Der große Aufreger der zweiten Halbzeit begann mit einem Katastrophenpass von Meier, der von Ehret abgefangen wurde. Ochs stürmte heran und erwischte von der Seite nicht den Ball sondern die Beine des Kölners, klares Foul und prompt leuchtete das rote Kärtlein in die Kölner Sonne, und von nun an mussten sich zehn Frankfurter gegen elf Kölner erwehren. Franz kam ins Spiel und rückte auf Ochs´Position, dafür musste Liberopoulos gehen, später wurden Caio und Teber durch Bajramovic und Köhler ersetzt; die Kölner drückten die Eintracht in die eigene Hälfte - kamen aber kaum zu zwingenden Torchancen. Die Eintracht hatte ab und an Raum für Konter, aber weder Caio noch Meier noch Köhler und schon gar nicht Amanatidis konnten sich durchsetzen. Zwischenzeitlich pöbelte ein älterer Kölner in Richtung Eintrachtkurve und wollte sich dann über das dargereichte Bier nicht bedanken, während Franz im Kölner Strafraum umgeschubst wurde. So zitterten wir, auf dass uns ein Punkt erhalten bleiben möge - und beinahe wären es doch noch deren drei geworden, doch Meier brachte den Ball in aussichtsreicher Position nicht unter Kontrolle.

0:0, aus dem weisgesagten torreichen Spiel wurde nichts, aber immerhin nicht verloren. Und schon wieder ungeschlagen SGE tönte es aus unserem Block, etliche Spieler feuerten ihre Trikots in die Kurve und als Fazit bleibt, dass gut gemeinte Worte des Trainers guten Fußball nicht ersetzen. Wir werden sehen, was fürderhin passiert - immerhin wird Ama kein zweites Spiel dieser Art hintereinander abliefern, Schwegler gegen Dortmund wieder dabei sein und Ochs einige Wochen gesperrt sein - wird das die Chance für Jung, der mit der U23 beim KSC II ebenfalls ein 0:0 erreichte?

Christian und ich verließen nach Bekanntgabe der anderen Ergebnisse (Mainz-München 2:1) das Stadion, trafen auf die Familie Podolski und auf Hans-Peter und Beate, erreichten den Golf und fuhren in Richtung Köln-Sürth, um aus persönlichen Gründen dem dortigen Friedhof einen Besuch abzustatten. Still war es, und recht traurig wurden wir, als wir per Zufall an einem Grab eines mit vier Jahren verstorbenen Kindes verweilten, Spielzeuge lagen obenauf, Kerzlein brannten und wir wussten, das es etwas Besonderes ist, an einem Sonnentag unbeschwert durch die Lande zu reisen. Eben stehst du noch hier, bald liegst du hier und bald ist alles vergessen und vergangen und übrig bleibt vielleicht ein Gedanke von dir, den irgend jemand denkt, der dich nie gesehen hat.

Nachdenklich rollten wir auf den Highway, Bonn vor uns, die Sonne im Rücken, und im Cd-Player wechselten sich Kasabian, Green Day und 2Raumwohnung ab. Wir werden sehen sang Inga Humpe - und sie wird Recht behalten. Durch die Eifel rollten wir nach Koblenz, die Hügel trugen Gipfelkreuze, der Rhein floss mächtig wie stets, Montabaur, Limburg, Funkturm Frankfurt, Heimat.



Wieder einmal ist alles gut gegangen, wieder einmal war ein Auswärtsspiel mehr als nur Fußball und wir besprachen die Einzelheiten des Tages bei einem Schoppen im Backstage. Charly war dort, auch Horsti - und manchmal ist es ein gutes Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Hoffentlich wird es nicht lange dauern, bis wir wieder unterwegs sind. Und dann ist Pia auch wieder dabei. Und unser neues Maskottchen. Denn wenn die Eintracht schon baden geht, dann bitte mit Ente.



Sonntag, 17. Mai 2009

Heimspiel in Bochum - 16.05.2009


Auf den Tag siebzehn Jahre nach dem deprimierensten Spiel der Vereinsgeschichte hatte die Eintracht in Bochum anzutreten, beide Teams konnten aus eigener Kraft den Klassenerhalt sichern - und die Eintracht hatte nach dem Desaster gegen Werder Bremen am Mittwoch zuvor noch etwas gut zu machen. Noch in der Woche zuvor konnten Pia und ich Sitzplatzkarten ergattern, was in Anbetracht von Pias Verletzung am Bein diesmal auch Sinn machte. Am End standen wir doch - aber dies ist eine andere Geschichte.

Traditionell machten wie uns relativ früh auf den Weg ins Revier, traditionell tuckerte der silberne Golf über die Friedberger Landstraße auf die A661 um am Bad Homburger Kreuz auf die A5 abzubiegen. Musikalisch hielten wir uns diesmal an Psychobilly (The Meteors), an Reggae (Hopetown Lewis) und an den gute alten Indiesound (von British Sea Power über Phillip Boa bis hin zu Cock Sparrer) - wenn schon die Auftritte der Eintracht nichts Gutes erwarten lassen, dann wenigstens die Musik, oder?



The Meteors - 3 against 1


Der Himmel wurde von Wolkenballen bedeckt, ab und an blinkte ein leuchtendes Blau in den Tag, Kilometer um Kilometer wurde abgespult, Manu Chao sang vom Regen im Paradies, was ein paar Kühe so gar nicht interessierte, sie lagen im Grün neben dem Highway - und schliefen. Da wir recht früh unterwegs waren, sahen wir nur wenige Busse oder flatternde Schals, Menschen fuhren in den Tag und wir nach Bochum: Gambacher Kreuz, A45, Gießen, Siegen und irgendwann ging es ab nach Iserlohn, eine graue Maus unter Deutschlands Städten, die vielleicht doch mal einen Besuch wert wäre, wer weiß.

Die Parkplätze hießen nun Flöz Mausegatt, die Orte Lüdenscheid und bei Dortmund West rollten wir auf die A40 welche wir in Bochum verließen um hinter dem Ruhrstadion direkt vor der Justizvollzugsanstalt zu parken.

Frisch war's - aber wir sind Härteres gewohnt - und so wanderten wir durch Grönemeyers Bochum, sahen die Schrebergärten, die unwirtliche Fußgängerzone und die im Ruhrgebiet üblichen ostzonalen Schaufensterauslagen. Wir machten eine Pause inmitten von Gänseblümchen, ab und an bewachte ein Polizeiwagen das Treiben, von irgendwo erklang: Hurra, hurra die Frankfurter sind da, ansonsten war Samstag-Nachmittag. Ein Fiege-Bier später hockten wir vor dem Planetarium auf einem grasgrünen Hügel und betrachteten das Treiben unten auf der Straße. Gegenüber war ein Kiosk, ab und an kam ein Grüppchen Eintrachtler vorbei, einige Bochumer zogen vorüber und es dauerte nicht lange, bis sich einige Frankfurter unterhalb von uns ebenfalls in Gras warfen. Sie lieferten sich mit den Jungs am Kiosk einen munteren Wechselgesang, wir lachten und rauchten und waren eigentlich ganz guter Dinge: hatte die Eintracht in dieser Saison zwar des Öfteren grandios versagt, so hatten sie sich noch immer daraufhin berappelt - zumal Teams wie Cottbus oder Bielefeld ihre Spiele gewinnen mussten, um unabhängig von unserer Partie überhaupt noch vom Klassenerhalt träumen zu dürfen.


Ein Polizeibus hatte sich mittlerweile an der Kreuzung positioniert, Polizisten rüsteten sich mit Kabelbinder und Helm aus und beobachteten nun die singenden Frankfurter. Nur wenig später marschierte ein sonderbarer Trupp an uns vorbei: Angeführt von einigen Polizeiautos mit Blaulicht aber ohne Sirene folgten die Bahnfahrer. Zunächst die Ultras, schweigend und schwarz, dahinter die Trikots, schweigend und rotschwarz und wiederum dahinter folgten annähernd zig Polizeibusse, ebenfalls eher leise. Man hätte meinen können, wir beobachteten einen Trauermarsch.

Langsam machten wir uns gleichfalls auf in Richtung Stadion an der Castroper Straße. Der ehemalige Bochumer und - ähem - Frankfurter Thorsten Legat wurde einst gefragt, wie er denn zum Bodybuilding gekommen sei. Die Antwort ist ebenso schlicht wie legendär: Immer Castroper Straße rauf. Wir taten es ihm gleich, bis wir die sich in den Himmel reckenden Flutlichtmasten erkannten; die Tribüne ragte wie ein nackter Betonhintern auf einem Donnerbalken auf die Straße und wir trafen auf den alten Haudegen Thommy vom EFC Bockenheim, während wir uns noch ein Hansapils gönnten. Von überall strömten die Frankfurter ins Stadion, viele Bochumer trugen gelbe Shirts mit der Aufschrift: Wir sind Opel; die Wirtschaftskrise trifft natürlich die Opelianer in der strukturschwachen Stadt Bochum immens, ohne Opel gehen hier die Lichter aus. Später saßen viele im Block beieinander; der Unbeleckte hätte auf Dortmunder getippt - die Blockfahne verriet aber spätestens jetzt: Opel.

Vor dem Stadion Gespräche: Holen wir einen Punkt? oder Wann geht der Trainer? Hier trafen wir auf Hans-Peter und Beate, dort standen die Ultras, hier das Pferd dort Donna und im Großen und Ganzen ließ sich der Tag doch recht entspannt an, zumal es nun deutlich wärmer wurde. Die Vogelscheuche sagte Hallo, der EFC Black & White war zum 30-jährigen Jubiläum in Sträflingskleidung erschienen, ein Polizist wechselte einem Fan Geld, auf dass sich dieser eine Karte kaufen konnte und wir erfuhren, dass Christian, der uns in dieser Saison schon des Öfteren begleitet hatte ebenfalls in Bochum war; seine Begleiter allerdings verweilten nun im örtlichen Krankenhaus - Ein Vollidiot Frankfurter Herkunft hatte direkt vor dem Stadion einen Asso-Böller inmitten einer Gruppe von Eintracht-Fans fallen lassen; in einer Gruppe, in der sich auch Gerd mit seinem Sohn aufhielt. Böller in einer Gruppe mit Kindern zu werfen - wie krank kann man sein?

Diese Nachricht betrübte unsere Laune, die sich erst wieder aufhellte, als wir Anno und Kroni trafen, mit denen wir auch ins Stadion marschierten, kurzes Abtasten, kurzes Begrüßen von ZoLo und Ben, unseren neuen Fanbetreuer - und schon ging es hinein: Block F - links. Ich verschwand im Klo und als ich wieder hinausging fragte ich den Mann, der hinter mir die Toilette verließ, ob er gerade die Hände gewaschen habe? Er guckte mich an und meinte: Ja, wieso? Ich antwortete zwinkernd: Gut. Sonst hätte ich nämlich Pisse an der Wade.

Pia und ich kämpften uns auf einen freien Platz und schnell war klar: An Sitzen war nicht zu denken, alles stand - normalerweise ist das auch gut so - nur in unserem Falle etwas doof, da Pia wegen des Beines nicht die ganze Zeit stehen wollte. Aber: Was soll man machen?

Das Bochumer Stadion kommt oldschool daher, inmitten der Stadt gelegen prangte am gegenüberliegenden Eingang noch immer der Name Ruhrstadion - obgleich es auch heute offiziell ganz anders heißt; die Tribünen sind noch Tribünen und das Flutlicht verdient diesen Namen. Gut, wenn dieses Team nicht absteigt und wir im kommenden Jahr wieder hierher kommen können. Dazu sollte auch die Eintracht drin bleiben, wobei ich mir diesbezüglich keine Sorgen machte. Etwas neben uns standen einige Geiselgangster, André hoffte auf Wiedergutmachung (er sollte arg enttäuscht werden) während Gerre seinen Geburtstag schon gefeiert hatte.

Anpfiff, die Eintracht begann forsch und mit Liberopoulos auf der Bank, an Stelle vom gesperrten Ochs beackerte Sebastian Jung die rechte Seite und Chris rückte für Bellaid in die Innenverteidigung. Steinhöfer begann auf links im Mittelfeld, Mahdavikia auf rechts.

Nach einer vergebenen Chance von Meier nach Vorarbeit von Mahdavikia erzielte der VfL nur wenig später das 1:0 und wer gedacht hätte, die Eintracht würde sich gegen die drohende Niederlage stemmen, der wurde enttäuscht. Der selbsternannte Führungsspieler Fink irrte sinnfrei umher, Steinhöfers Phlegma stand sinnbildlich für das gesamte Team alleine Markus Pröll zeigt sich präsent, während Jung von seinen Kameraden sträflich im Stich gelassen wurde.

War der Support bislang ganz anständig, verlor ich nun langsam den Glauben: An das Team und an die Kurve. Neben uns grölte ein junger Mann mit Pissflecken auf der Hose und Bierbauch über dem Gürtel: Funkel Raus, wurde von seinen nicht minder elganten Freunden gefeiert, ab und an kotzte er ein Caio in den Tag und wir ahnten, was noch kommen würde.

Machen wir es kurz, nach dem 2:0 brachen alle Dämme, Funkel raus tönte es durchs Stadion, Caio kam später tatsächlich (für den angeschlagenen Spycher), konnte das Spiel aber ebensowenig herumreißen wie Amanatidis, der nach siebenmonatiger Verletzungspause weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit in der 79. Minute für Fenin eingewechselt wurde. Sicher, es gab vorher einige Amanatidis-Sprechchöre, aber der Unwille über den Trainer übertönte alles. Während die Bochumer Nie mehr Zweite Liga skandierten fielen unsere enthemmt ein: Nie mehr Friedhelm Funkel, nie mehr, nie mehr. Das war kein Galgenhumor, das war das Tönen von Geistern, deren Lust an der Demontage alles überstrahlte. Sicher, man kann seinem Unmut über die desaströse Leistung Luft machen, Verzweiflung in unflätige Worte verwandeln - allein ich hatte den Eindruck, dass von vielen [edit: einigen] die Lust an der Destruktion nicht einem Leidensdruck geschuldet wurde, sondern von einer blöden, glotzenden Massenhysterie herkam, die auch zehn nackte Frisösen gebiert. Mein Gott, was musste ich in Fressen gucken: Besoffenes unteres Mittelmaß mit Hang zur völligen Selbstaufgabe; Gestern Ballermann - heute Funkel raus. Eklig. Wenn einer von denen attraktiven Fußball fordern sollte, ginge das nur mit Fettabsaugen oder Hirnimplantation. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass es vor dem Spiel außerhalb des Stadions zu Sprechchören: Funkel du Zigeuner kam?

Ich weiß, ich tue einer ganzen Menge Menschen unrecht, die das Maß für voll halten, die völlig zu Recht ihrem Unmut Luft verschaffen - aber was da bei uns teilweise in der Kurve steht, das ist in seiner Gesamtheit unerträglich geworden; genauso unerträglich wie das Gekicke unten und eine Stellungnahme des Trainers, der noch nach dem Spiel von sich gab: Es sei alles okay.

Im End hatten beide Teams die Klasse gehalten, die Bochumer feierten und unsere Kurve forderte von den Spielern Komm, Komm und als sie kamen hagelte es Häme. Pröll zeriss sich vor Wut über den katastrophalen Auftritt seiner Kollegen sein Trikot - der Rest war Schweigen. Bis sich unser Kapitän gegenüber der Presse äußerte:

"Das ist alles zu wenig, alles zu schwach. Es ist völlig in Ordnung, dass die Fans sauer sind", sagte der Stürmer: "Ob wir Spieler oder das Trainerteam - jeder muss sich mal hinterfragen, wo er mit der Eintracht hin will." Der stolze Grieche betonte, er finde es "erbärmlich", dass 33 Punkte der Eintracht schon zum Klassenerhalt verhalfen.


Wir warteten vor dem Eingang noch auf Christian, der mit uns nach Hause fahren sollte, Pia war arg sauer ob des Erlebten und es dauerte ein Weilchen, bis sie wieder lächeln konnte. Noch bevor Christian vorbeikam schwatzten wir mit Regina und der Filzlaus, die sich dann auf ein Bänkchen in die Sonne hockten. An der Castroper Straße trafen wir auf unseren EFC Kumpel Johannes, der wohl vergeblich versuchte, in seiner Bochumer Stammkneipe seinen Frust zu ertränken und wir verkrümelten uns ein paar Meter dahinter ins Café Treibsand auf ein Chili con Carne. Draußen sauste Blaulicht die Straße hinunter, drinnen blubberte ein softer Techno-Sound und wir ärgerten uns über hirnlose Masse genau so wie über den Eintracht-Fußball und den Böller. Lust auf den Saisonabschluss? Ich werde da sein, aber Lust ist etwas anderes. Etwas ganz anderes.

Später marschierten wir zum Golf, linker Hand der Knast, rechter Hand der Papageienpark und so wir rollten am Starlight-Express vorbei auf den Ruhrschnellweg und die A45. Bei chilliger Musik überholten wir etliche Eintracht-Busse, freuten uns ob der relativen Stille und diskutierten den Tag und den kommenden Trainer. So recht wollte uns niemand einfallen - außer Jürgen Klopp. Aber der wird wohl eher Real Madrid trainieren, als sich vom derzeitigen Gebilde Eintracht Frankfurt verbrennen zu lassen.

SGE - wir sind da
Jedes Spiel - ist doch klar
Erste Liga - tut schon weh.
Scheißegal - Oh SGE.





Sonntag, 22. März 2009

Heimspiel in Düsseldorf feat. Dreck-weg-Tag


Die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes, gefühlte 6 Grad im Rheinland für den 21. März 2009, den traditionellen Frühlingsanfang waren angesagt. Da sich aber im Laufe der Jahre die Zwiebeltaktik bezahlt gemacht hat, sollten Shirt, Hoodie und Jacke reichen, um sich adäquat gegen die drohende Kälte zu wappnen. Zum ersten Mal seit Jahren trug ich nichts von Eintracht Frankfurt, keinen Adler, keinen Button, keinen Schal - Nichts. Sieht man einmal von meinem Shirt Vereint in den Farben, getrennt in der Sache ab, aber das ist ja nicht wirklich Eintracht. Sondern Frankfurt. Pia erging es relativ ähnlich. Und so rollten wir im silbernen Golf Richtung Berger Straße, um Christian einzusammeln, der dort schon auf uns wartete. Mit Schal.

Samstag morgen, 9:45 in Deutschland; knappe 240 km liegen vor uns, die Eintracht spielt gegen Leverkusen und zwar in Düsseldorf; einer Stadt, die zwar eine bundesligataugliche Messehalle besitzt (LTU-Arena) aber keine Mannschaft in der ersten oder zweiten Liga. Da das Leverkusener Stadion derzeit vergrößert wird, spielt die Werkself zur Zeit in jener Messehalle und hatte sich bislang standhaft geweigert, ein Bundesligaspiel dort zu gewinnen. Ob dies auch heute so bleiben wird? Nun, wir werden sehen.

Über die Friedberger Landstraße und den Alleenring fuhren wir auf die A66 und betankten den Golf; Super 1.19´9. Schon seit Jahren frage ich mich, wie es zu dieser Stelle hinter dem Komma in Bezug auf Benzin-Preise gekommen ist und weshalb ich für alle Fälle 0,9 Cent in der Tasche haben sollte, aber ich frage mich im Laufe der Zeit vieles und erhalte nicht immer erhellende Antworten, dazu später mehr.

Wiesbadener Kreuz, A3, blauer Himmel. Der noch am frühen Morgen zusammengestellte Soundtrack rotierte in der Anlage, Thomas D. sang die folgenden Zeilen:

Alle Dinge haben Zeiten des Vorangehens und Zeiten des Folgens,
Zeiten des Flammens und Zeiten des Erkaltens,
Zeiten der Kraft und Zeiten der Schwäche,
Zeiten des Gewinnens und Zeiten des Verlierens

und ich wusste nicht so recht, welches die jetzigen Zeiten sind.

Thomas D. sang weiterhin: Die Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus (Laotse) und ich denke, die Lüge auch. Dazu später mehr. Surfversionen von Clashsongs folgten (Death or Glory), The Exploited mit den Troops of tomorrow - ein schöner Tipp vom Ergänzungsspieler während der letzten Woche - oder die Toy Dolls, Ramones, Pogues, Stage Bottles bis hin zu Mano Negra - ein deutliches Zeichen, den Kampf anzunehmen.

entdeckt unter der Theodor Heuss Brücke in Düsseldorf

Ab und an sahen wir ein Auto mit Eintracht Aufkleber, wir überholten zwei Neunsitzer und schnurrten durch den Tag. Beat on the brat, Beat on the brat, Beat on the brat with a baseball bat- Oh yeah, oh yeah, uh-oh.

Idstein, Limburg, Montabaur, Parkplatz Epgert, Zeit für einen Zwischenstopp. Berlin 650 km. Der Bus der Binding Szene hatte sich den gleichen Halt ausgewählt, Dino kam auf einen Schwatz herüber, Musik wummerte aus den offenen Türen des Golfes und dennoch war die Stimmung keineswegs euphorisch; zuviel war passiert in den letzten Wochen, zu viele Worte mit zu wenigen Ergebnissen gewechselt, zuviel Seltsames spielt sich ab rund um den modernen Fußball, rund um die Eintracht. Christian telefonierte mit einem Kumpel, der kurzfristig doch noch nach Düsseldorf gefahren war und sich just im Moment des Telefonats nur wenige Meter vor dem Parkplatz befand und also die Chance nutzte, auf einen kurzen Abstecher vorbeizuschneien.

Ein kurzes Hallo im Frühlingsblau und schon ging's weiter, zurück auf die Straße. Fragt mich jemand, was mir lieber sei, das Fortfahren oder das Ankommen, würde ich immer sagen: Das Unterwegssein.

Auch Stefan, unser Freund vom Blog-G war gegen alle Erwartungen unterwegs; er telefonierte mit Pia und ließ ausrichten, dass alles gut werde; allein ich bin mir nicht sicher - doch tröstlich sind solche Worte allemal. Hier könnt ihr seine Erlebnisse des Tages nachlesen und tolle Fotos vom Spiel anschauen.

Industriedenkmal Grube Georg, dahinter irgendwo Reklametafeln auf einem Hügel, die größte davon bewarb ein Sonnenstudio, dazu Warnhinweise: Stau hinter Leverkusen, 6 km.

Ich bin Oldschool, ich besitze kein Navi, ich will auch keines; bislang kam ich noch überall an, in Deutschland, Spanien, Portugal in England, Frankreich, Indien; ob mit privatem PKW, ob mit dem Taxi; ich vertraue da ganz auf meine Fähigkeiten, auf mein Mundwerk und auf die guten alten Straßenkarten.

Köln, Leverkusen, allerorten freie Fahrt - jedoch verdichteten sich die Warnhinweise und alsbald zeigten die Bremslichter vor uns den angekündigten Stau, wenige Meter hinter der Ausfahrt 22 Richtung B8 - Richtung Düsseldorf.

Wir verließen die Autobahn bei der Abfahrt 22 noch bevor wir den Stau wirklich erreichten und rollten durch den deutschen Samstag-Mittag-Vorort-Verkehr; Ampeln, Einkaufsparadiese, Baumärkte - das Land rüstet sich für den bevorstehenden Frühling; Sonderangebote für Blumenerde, Rasenmäher und Terracotta-Fliesen; wer dafür kein Auge hat - oder kein Geld, der beginnt halt jetzt schon mit dem Trinken oder dem Verzweifeln; die Wirtschaftskrise trifft eh nur diejenigen, die sich davon kirre machen lassen; der Rest kauft ein, bis es soweit ist.

Langenfeld, Düsseldorf, Dreck-weg-Tag.

Wir konnten zunächst nichts mit den Massen anfangen, die an den Straßenrändern Müll aufklaubten, dachten an die üblichen Ein-Euro-Jobber, ohne die das Land zwar nicht leben könnte, die aber dennoch nicht von ihrem Lohn leben können, - bis wir durch Plakate eines Besseren belehrt wurden. Heute, bzw. gestern war in Düsseldorf Dreck-weg-Tag, ganze Heerscharen Gutmeinender zogen durch die Landeshauptstadt und sammelten ein, was sie in der restlichen Zeit auf die Straße werfen; wir hofften, unseren Beitrag in Bezug auf Leverkusen zu leisten und bestaunten aus dem Fenster Radfahrer in T-Shirts, welche die Wettervorhersage incl. gefühlten sechs Grad ignorierten. Bald durchquerten wir den Stadtteil Bilk, Jugendliche saßen in einem Fahrradanhänger und ließen sich gutgelaunt vom Radler ziehen, eine Angel in der Hand. Ein kleiner Stau in der Stadt zeigte sich generös und entließ uns ohne längere Wartezeiten, wir verknoteten uns kurz in Unterbilk vor der Rheinkniebrücke, über die wir kurz darauf den breit und träge dahin mäandernden Rhein überquerten.

Noch von früher wusste ich, dass auf der anderen Rheinseite im Stadtteil Oberkassel zum einen die Schönen und Reichen wohnen und wir zum anderen hier nur durch eine Brücke von der Altstadt entfernt dem Gewimmel und Gewusel aus dem Weg gehen konnten. Flugs parkten wir den Golf vor einer Reihe edler Altbauten, packten alles notwendige in die Hosensäckel und marschierten los. Ein blauer Himmel wachte über uns, die Sonne beschien die Rheinwiesen und die Düsseldorfer machten an ihrem Fluss das, was jeder in solchen Momenten machen würde: Kinder erlernten das Radfahren, Hunde kackten auf die Wiesen und Liebende schlenderten Hand in Hand am Wasser entlang.

Auf dem Rücksitz hatten wir noch eine Flasche Apfelwein entdeckt, die wir zur Feier des Tages kreisen ließen und so näherten wir uns Meter um Meter dem heutigen Ziel. Ein Grüppchen Fortuna-Fans hatte es sich im Gras gemütlich gemacht, Lastkähne und Ausflugsdampfer schipperten den Rhein entlang und in der Ferne würmelten Straßenbahnen über die Oberkasseler Brücke, die wir unterquerten bis wir nach weiteren zwei Kilometern erst die Theodor Heuss Brücke per pedes überquerten.

Wir marschierten am Yachthafen vorbei weiter am Rhein entlang, rechts neben uns die Hauptstraße, die Richtung Stadion führt und noch war weit und breit nichts von dem zu spüren, was gemeinhin einen Bundesliga-Samstagnachmittag in der Großstadt ausmacht, nämlich Fußballfans. Gott sei's gedankt auch wenig Polizei. Und irgendwie beschlich mich der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht schlecht wäre, sich mit Transistorradio an den Rhein in die Sonne zu legen, Gott einen guten Mann sein zu lassen, ein paar Würstchen auf einen imaginären Grill zu schmeißen und ein paar Schöppchen in den kommenden Sonnenuntergang zu trinken.

Mal im Ernst, so ein bisschen bin ich den ganzen Zirkus rund um den Profifußball leid; fliegendes Glas, sinnlos brabbelnde Vollalkoholisierte, Stacheldraht und Zaunverhäue, martialische Polizei, schlecht recherchierende Journalisten, katastrophal organisierte An- und Abfahrtswege, Kontrollen, Fußballmafia DFB und stets die gleichen Spieler im Abstiegskampf, Jahr für Jahr in unterschiedlichen Mannschaften. In jedem Stadion die gleichen Gesänge, Ordner, Einlasskontrollen, Lieder, Reklametafeln, Deppenmaskottchen - erstickt jegliche Individualisierung, bekämpft jeglicher Versuch, der Zeit ein eigenes Gesicht zu geben.

Wir drehten eine Ehrenrunde durch einen Park, Blümchen sprossen aus der Frühlingserde, Krokusse und Osterglocken, und alsbald erreichten wir die Messe Düsseldorf. Aus den Messehallen strömten Heilpraktiker, welche der tatsächlich stattfindenden Messe entwichen und wir erkannten die ersten Parkplätze. Das Überqueren der Straße wurde durch ein wirres Zeug salbaderndes Ordnerlein erleichtert und so wuchs vor unseren Augen die Messehalle LTU-Arena in die Höhe. Es hätte auch ein Parkhaus sein können oder ein Einkaufszentrum. Auf die Idee, dass in dem Kasten Fußball gespielt wird, kommen nur Eingeweihte; wie anders doch früher, als in den Himmel ragende Flutlichtmasten auch dem Ortsfremden signalisierten: Obacht, hier gibt's Fußball. Einfach nur Fußball.

Leverkusener waren bislang noch immer Mangelware; erst am Messebahnof wurden wir jener Spezies gewahr, welche die Werkself für sich entdeckt hatten. Leverkusener rechts, Frankfurter geradeaus über den Platz tönte eine Lautsprecherstimme durch den Bahnhof, und da wir definitiv Frankfurter sind, schoben wir uns im Pulk mehr oder minder fröhlicher Hessen vorbei an einem komplett geschlossenem Eingang, vorbei an jenem Metallungetüm bis hin zum Eingang Nord-Ost.

Dort stauten sich erwartungsgemäß die Frankfurter, passierten zwei Kontrollen und eierten dann Stück für Stück in die ausgewiesenen Blöcke. Unterwegs trafen wir auf Gabi und Michael, die auch immer dabei sind, dort winkten wir Dani und Präsi und schon suchten wir im/n Stadion/Arena/Messehalle einen brauchbaren Platz. Ein kurzes Hallo an die Nieder Buben, die zum Teil auch Mädels waren und nach einigem Hin und Her standen wir irgendwo in diesem Sitzplatz-Areal inmitten Tausender knallbunter Sitze und ebenso vielen Eintracht Fans und harrten der Dinge, die nun kommen würden.

Zunächst erkannten wir Stefan, der uns im Pulk gleichfalls entdeckte, freundlich winkte und vom Spielfeldrand zielgenau ein Foto von uns schoss; wir erkannten ein genmanipuliertes Plüschtiermaskottchen, welches fatal an einen Fehlversuch der Firma Bayer erinnerte und wir erkannten, dass Sebastian Jung nicht im Kader war, Benjamin Köhler spielte linker Verteidiger und Petkovic saß auf der Bank. Korkmaz durfte von Beginn an ran, im Tor stand Markus Pröll; die Eintracht ganz in schwarz, Leverkusen in tablettenfarbenen gestreiften Trikots und los ging's. Naja, nicht ganz - der Stadionsprecher verkündete zuvor beim Verlesen der Ersatzspieler stolz: mit der Nummer Dreißig: Tschau.


Ihr wisst ja, wie er richtig heißt, ihr ruft's ja oft genug.

Die Mannschaften liefen zu Bitter Sweet Symphony von The Verve ein, einem tollen Song, der vor allem Pia am Herzen liegt, aber als Einlaufmusik ähnlich ungeeignet scheint wie Let it be von den Beatles, aber was soll's; besser diesen Song zu hören, als ein zweites Mal die Hymne von Leverkusen, die genausogut Laa la laaa la heißen könnte; zusammengeschustert von Zusammenschusterern, die mit der gleichen Leidenschaft auch einen Song über ein Mittel gegen Blasenschwäche konstruieren könnten. Laa la laaa la ; gotterbärmlich. Vom Plastikclub zur Werkself, das war kein leichter Weg. Das singen die, ehrlich ...

Vor uns hauten zwei Jungs auf die Trommel, Fahnen gab's hüben wie drüben keine, und ob es auf Leverkusener Seite wie bei uns ebenfalls ein Supportboykott gab, war mir nicht bekannt. Von der Nordkurve war nicht viel zu sehen oder gar zu hören, bei uns wurde die Eintracht angefeuert, mal ging es von jener Seite der Kurve los, mal von einer anderen. Die Ultras blieben weitestgehend bei ihrem Supportboykott, der sie wohl mehr selbst schmerzt als den Verein - zumindest solange die Eintracht nicht in Rückstand gerät. Ein Fehlpass von Fink wurde von meinem Hintermann mit den Worten Köhler du Arschloch abgearbeitet, das ist bei einem Rückstand noch ausbaufähig. Ein schöner Einsatz von Steinhöfer brachte ein feines Zuspiel auf Fenin, der nach vorne flitzte, während Alex Meier in der Mitte mitlief. Ich beobachtete ihn, sprach Meier, Meier, Meier, Meier, MEIER - und so ging die Eintracht mit 1:0 in Führung, als hätte ich es im Moment geahnt.

Sonst blieb ich weitestgehend still, sieht man einmal davon ab, dass ich beschwichtigend eingriff, als ein Supporter aus dem Odenwald einen Nichtsupporter auffordern wollte, es ihm gleich zu tun - worauf dieser dann leicht grantig wurde. Nun ja, nicht jeder wedelt gerne mit Schals an den Handgelenken in anderer Leute Gesicht herum; nicht jeder mag es, anderer Leute Schals alle naslang durchs Gesicht gestreift zu bekommen, was soll's.

Kurz vor der Halbzeit versenkte Kadlec im Anschluss an eine Ecke das Bällchen zum Ausgleich im Netz und hätte die Latte im Gegensatz zu Russ nicht aufgepasst, dann hätte es kurz darauf sogar 2:1 für die Werkself gehießen. So ging's mit dem 1:1 in die Halbzeit, die auch irgendwie rumging.

Später machten die Ultras kurz auf sich aufmerksam, während die Herren hinter mir ungefragt ihre Ansichten über die Herren Köhler und Meier sowie später Kweuke mitteilten.
Als Fenin, der sich kurz zuvor verletzte, gegen eben jenen Kweuke ausgewechselt wurde, blökte es uns von hinten in die Ohren: Wiesoholtenderdenjetztrunner? Der kurze Hinweis, dass Fenin verletzt sei, irritierte zwar, doch dann kam: Wiesobringtnderdenkweukeunkeinannernstürmer. Der wiederum kurze Hinweis, dass die Herren Amanatidis, Tsoumou und Liberopoulos verletzt seien und der Herr Heller derzeit für Duisburg spielt, sorgte nur erneut nur für schwache Irritation; es folgte ein egal, halt irgendwie anders.

Sorry Freunde, lieber zehn Bengalos, als solch einen Hirnriss - das meine ich ernst. Dafür wurde dann auch im Stadion Reklame gemacht. WeCo Feuerwerk lief die drehbare Werbebande rauf und runter, so ist's angesichts de momentanen Debatten ganz recht. Vornerum den Werksclub geben und hintenrum den Pyromanen raushängen lassen, sagenhaft.

Ab und an schwappte ein Eintracht, Eintracht durch die Messehalle, ab und an ein Caio, Caio, der dann auch tatsächlich für Korkmaz eingewechselt wurde (O-Ton Stadionsprecher: Mit der Nummer 30: Tschau) und ein paar gute Szenen hatte, hier einen Flankenwechsel und vor allem einen 40-Meter Freistoß, welchen Adler nur abklatschen konnte; auch das Nachsetzen von Bellaid konnte Adler abwehren, allerdings um den Preis einer Verletzung. Zuvor wurde nach zwei langen Jahren des Wartens und der Verletzung Zlatan Bajramovic für den umgeknickten Kweuke eingewechselt. Einige Umstehende freuten sich über die Höchststrafe für Kweuke (Ein- und Auswechslung), ignorierten dessen Verletzung (sein Spiel aber war tatsächlich grausam) und ignorierten auch Bajramovis Freudentag. Es folgten noch drei Ecken für die Eintracht, die folgenlos blieben, eine hysterische Aufforderung des Stadionsprechers an die Leverkusener, ihre Mannschaft zu unterstützen, die ebenso folgenlos blieb und so blieb es am Ende beim 1:1 unentschieden.

Leverkusen kann in Düsseldorf nicht gewinnen und die Eintracht nicht gegen Teams, die über ihr stehen - so will es der Brauch und irgendwie wohl auch unser Trainer, der vor dem Spiel sinngemäß sagte, wenn er das sagt, was er über Leverkusen denke, rede er die eigene Mannschaft schwach. Wohlgemerkt über jene Leverkusener, die in der Rückrundentabelle auch jetzt noch hinter der Eintracht stehen.

Nach dem Spiel verschenkte Fenin sein Trikot an ein Häuflein Fans mit tschechischer Fahne, die Mannschaft wurde gefeiert und alsbald blieben in der Messehalle über 50.000 bunte Sitzschalen zurück und die Gewissheit, dass diese Halle demnächst Esprit-Arena heißen wird; ob's nützt wissen die Geier. Ob die Straße, die derzeit LTU-Arena-Straße heißt, dann gleichfalls in Esprit-Arena-Straße umbenannt wird auch. Dabei gibt es so schöne Straßennamen.


Traditionell ließ uns die Polizei nicht in Richtung Auto laufen, traditionell eierten wir sinnfrei in die Umgegend, erkannten annähernd eine Million Menschen in der Nähe der Sonderzüge, kämpften uns irgendwie durch und wanderten am End doch wieder am Rhein entlang Richtung Altstadt. Zuvor umrundeten wir das Stadion einmal, entdeckten den Mannschaftsbus der Eintracht und konnten dank der tätigen Mithilfe des schwatzenden Ordners vom Nachmittag erneut sicher eine Kreuzung überqueren. In der wirklichen Welt trafen die Messebesucher auf Fußballfans; die einen trugen Tüten mit Messeerungenschaften in der Hand, die anderen trugen Pappbecher.

Es ist auf die Dauer wahrlich ermüdend, den Kampf um den geraden Weg aufzunehmen und doch wirst du Woche für Woche dazu genötigt. Und Woche für Woche kommst du auf kleinen Umwegen dorthin, wo du hin willst. Außer in Stuttgart, wo wir seinerzeit von den Freunden und Helfern zu Fuß auf einen Autobahnzubringer geschickt wurden.

Auf der anderen Rheinseite konnten wir einen mächtigen Sonnenuntergang bewundern; wir mengten uns unter die Abendflaneure und schlenderten in den untergehenden Tag. Vor den Toren der Altstadt grillten die Menschen Würstchen und Tomaten auf der Ufermauer, weiter unten parkten die Wohnmobile direkt am Wasser, der Tag 12 Euro; farbige Leuchtpunkte kletterten den Fernsehturm hinauf und jede Menge Punker trafen sich vor der Düsseldorfer Altstadt, dem rheinischen Ballermann.

Der Hunger trieb uns ins Gewimmel, Ausflügler, Punker und Fußballfans schoben sich die Gassen entlang, dazwischen ein Schlips und jede Menge Polizei, wir trafen auf Anno und Oli, auf Doreen und Andi und bestellten uns eine Pizza, maximal drei Beläge, 4 Euro, Knoblauch und Scharf umsonst. Da uns allgemein die Lust auf das nächtliche Massentreiben abgeht, zumal die Mischung aus stark alkoholisierten Fußballfans und nüchterner Massenpolizei nichts wirklich Gutes verheißt, verließen wir die längste Theke der Welt und wanderten über die Rheinkniebrücke zurück ins beschauliche Oberkassel.

Als wir uns dem Golf näherten, meinte Pia, dass doch die Lämpchen noch schwächelnd brennen würden, ich wiegelte zunächst ab, doch näheres Hinsehen brachte Gewissheit: Die Lampen glimmten noch; Pia steckte den Schlüssel ins Zündschloss und sofort tat sich: nichts.

Ich hatte, weshalb auch immer, das Licht am helllichten Tag brennen lassen und folgerichtig gab die Batterie keinen Mucks mehr von sich. Da wir uns aber zu helfen wissen, stoppten wir das nächste Fahrzeug; ein freundlicher Pole hielt an. Zunächst versagte mein Starthilfekabel den Dienst, da unser freundlicher Helfer jedoch selbst ein Kabel dabei hatte, packte er dies kurzerhand aus dem Kofferraum, schon blinkten die Warnlämpchen und ebenso schon lief der Motor unseres Golfs wieder rund. Der helfende Pole wollte nichts für seine Hilfe annehmen und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns herzlich zu bedanken. Auch von hier aus noch einmal herzlichen Dank, ohne dich würden wir wohl jetzt noch in Düsseldorf-Oberkassel stehen; umsäumt von Bayer-Maskottchen Brian the Lion und Polizisten in tablettenfarbenen Uniformen sowie bunten Plastikstühlen, die uns im Reigen umtanzen und gemeinsam La laa laaa la singen. Jetzt bloß nicht abwürgen dachte ich - und soviel sei gesagt: unser Autochen tat uns den Gefallen. Bilk, Universität, Autobahn - Home, sweet home, wir kommen.

Dachten wir, denn zunächst kamen wir nach: Köln.

Irgendwie hatten wir die richtige Abfahrt verpasst, überquerten zum sechsten mal eine Rheinbrücke, schossen alsbald auf die A3 Richtung Frankfurt und sausten durch die Nacht. Aus den Lautsprecher erzählte uns Robert Johnson vom Sweet Home Chicago. Pia und Christian schlummerten nach gefühlten fünfzig Kilometern Fußmarsch den Schlaf der Gerechten, ich lenkte gedankenverloren den Wagen durch den Westerwald, vorbei an Montabaur, Limburg, Wiesbaden auf die Miquelallee - und so rollten wir gegen elf in Frankfurt ein. Wir verabschiedeten uns von Christian, der im siebten Auswärtsspiel den achten Punkt geholt hatte und hockten bald auf dem Sofa, passend zum aktuellen Sportstudio, dem wir dann noch die Erkenntnis verdankten, dass der kommende Torschützenkönig nicht wie jeder Kommentator behauptet Graffitsch ausgesprochen wird, sondern so, wie er sich schreibt Grafite.

Aber dies sei nur am Rande erwähnt.

Und denkt dran: Die Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus. (Laotse)

Die Lüge auch. (Beve)


Nachtrag: Vergessen habe ich zum einen, dass wir in Düsseldorf an der Autobahn 59 vorbeigefahren sind (wann wurde die Eintracht Deutscher Meister) und vergessen habe ich auch, dass es in Düsseldorf eine Kreuzung Frankfurter Straße Ecke Rostocker Straße gibt. Wir haben es unfallfrei überstanden.


Die Fotos sind von Pia und mir. Dort wo wir alle drei zu sehen sind, erkannte uns Stefan Krieger.