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Sonntag, 11. April 2010

Heimspiel in Gladbach


Die Frühlingssonne lachte mir keck ins Gesicht, als ich am Freitag-Nachmittag den Alleenring entlang spazierte. Osterglocken schossen wie Polizeipräsidien aus dem Boden, die Oberfinanzdirektion stand stramm in der Sonne und der Feierabendverkehr rauschte an mir vorbei. An der viel befahrenen Straße werkelte eine Frau im Vorgärtchen, um dem brausenden Verkehr ein Feinstaub-Idyll entgegen zu setzen; rechter Hand der Hauptfriedhof - und weiter vorne die U-Bahn Haltestelle Adickesallee. Adickes war ganz nebenbei bemerkt Bürgermeister der Stadt Frankfurt, als die Eintracht unter dem Namen Victoria gegründet wurde - ob er jemals in Mönchengladbach gewesen ist, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

Auch die U2 war noch nicht in Mönchengladbach - dafür aber in Kalbach, dem ersten Etappenziel meines Ausflugs. Keine zwei Minuten nach meiner Ankunft in der Tiefebene rauschte die Bahn an, pickte mich auf und glitt über die Eschersheimer Landstraße und Heddernheim Richtung Bahnhof Kalbach, im Ohr blubberte chillige Housemusik des MP3-Players. Ihr merkt schon, zwei wesentliche Aspekte einer Auswärtsfahrt fehlen bereits. Natürlich Pia, die heute im Museum arbeitete und dann auch der silberne Golf, der ebenfalls im Museum zu Gange war.

Kalbach Bahnhof. Da ich recht früh dran war, drehte ich eine Runde im gegenüberliegenden Park; zwei metallne Fußballtore begrenzten ein Spielfeld, durch dessen Mitte ein Trampelpfad in die nahe gelegene Wohnsiedlung führte. Nur wenig später gabelte mich Stefan auf und wir rollten durch den Taunus, um in Brehmtal noch einen Mitfahrer aufzugabeln - gegen 15:45 ging's weiter, Stefan, Marius und der Herr Beverungen auf dem Weg nach Gladbach.

Wir nahmen die Autobahn Richtung Koblenz und rollten stressfrei durch den sonnigen Tag. Auf einem Parkplatz trafen wir auf die Binding-Szene, auch die Ultra Busse rollten an; Guude hier, guude da, eine Zigarette später wurden die letzten Kilometer in Angriff genommen.

Ruckzuck erreichten wir Mönchengladbach, es war noch nicht mal halb sieben, als wir am Nordpark die Autobahn verließen und auf dem Parkplatz P4 parkten - 5 Euro zahlten wir dafür, ein Heidengeld - es ist noch gar nicht so lange her, da konnte man für diesen Betrag ein Bundesligaspiel sehen.

In unmittelbarer Nähe des Parkplatzes befindet sich das Hockeystadion, Drehkreuze stehen mitten im Weg, wer möchte, spaziert einfach links und rechts davon daran vorbei. Bunte Plastiksitze prägen das Bild des Stadions, während auf dem Kunstrasen unbeachtet von der Öffentlichkeit ein Nachwuchsfootball-Team trainierte. Wir drehten eine Runde und entdeckten dahinter einen großen Supermarkt, in dem sich die eintrudelnden Fans mit Getränken versorgten und bei Bedarf auch das Maskottchen Jünter kaufen konnten; ein Grillwurststand davor rundete das Bild ab.

Hinter dem Fußball-Stadion im Borussia-Park, dessen Konturen im Gegenlicht in den Himmel wuchsen, versank schweigend die Abendsonne, von überall strömten nun die Fans zu den Eingängen, Gladbacher, Frankfurter - eine relative Ruhe lag über der Szenerie und wir begrüßten alle naslang bekannte Gesichter. Hier Steff, dort Michael und Gabi, Öri, Stefan, Kine und noch viele mehr - all die, die (fast) immer dabei sind - und es sind viele, die fast immer dabei sind. Und es sind viele, die schon lange dabei sind.

Nach drei Siegen in Folge war die Stimmung verhalten optimistisch, weshalb sollte es der Eintracht nicht gelingen, hier zu punkten? - obgleich Sebastian Jung und Pirmin Schwegler verletzt ausfielen und Maik Franz ob der zehnten gelben Karte gesperrt war.

Wir passierten die Einlasskontrolle unkompliziert und marschierten im Stehblock ganz nach oben. Dort hielten schon André und Sandy die Stellung und wir gesellten uns dazu.

Auch hier in Gladbach fristet ein Plüschmaskottchen sein Dasein, ein Fohlen soll es darstellen, Jünter - benannt nach Günter Netzer, der einst mit wehenden Haaren, flotten Autos und einer Discothek namens Lovers Lane Glamour in eine Stadt brachte, die ohne Fußball selbst in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben wäre. Jünter hüpfte also über das Spielfeld und mit der Elf vom Niederrhein spazierten die Teams auf den Rasen; Gladbach in Dunkelgrün, die Eintracht ganz in Weiß.

Grüne Neonlampen beleuchteten die Ränge, und die Eintrachtler sangen schon vor Beginn das Lied, mit dem wir in Bochum noch lange nach Spielende gefeiert hatten. Allezalleeezaalleeezooo - so ging los.

Zu feiern gab es allerdings hier wenig. Sauste der erste Schuss der Gladbacher noch über das Tor, so durfte Nikolov nach sechs Minuten das erste Mal hinter sich greifen, Marco Reus hatte aus kurzer Entfernung eingenickt, nachdem Bobadilla unseren Torhüter überlupft hatte. Einkommende SMSse berichteten von Abseits, allein der Treffer zählte und die Eintracht lag traditionell in dieser Saison mit 0:1 hinten. Stefan meinte noch kurz zuvor: Auf den Reus müssen wir aufpassen.

Döpp döpp döpp dedödöppdöppdöpp - ich hasse sie. Die Tormusik der Borussia.

Wer gedacht hatte, dass die Eintracht nun gepflegt auf den Ausgleich spielte, der wurde arg enttäuscht - das Spiel entwickelte sich in eine Richtung, in der einem schon bald das Gefühl beschleicht, hier geht heute nichts. Das ist natürlich Unsinn, ein überraschendes Tor und ein Fußballspiel kann eine ganz andere Wendung nehmen - sogar in den letzten Minuten - aber für heute stand im Buch der Geschichte: Rien ne va plus.

Zu allem Überfluss verdrehte sich der ins Team zurück gekehrte Spycher das Knie und wurde noch vor der Pause gegen Marcel Heller ausgewechselt (Auch Petkovic hatte sich erstaunlicher Weise warm gelaufen). Köhler übernahm Spychers Position und sollte fortan zum besten Eintrachtler werden - obwohl auch ihm keineswegs alles gelang. Gladbach stand gut im Raum, Dante organisierte die Abwehr und Nikolov hielt nun, was zu halten war - nach vorne aber ging bei der Eintracht gar nichts.

Und das sollte auch in Halbzeit zwei so bleiben. In der 56.Minute fiel der zweite Treffer für die Gladbacher, Dante schob nach einem Freistoß unbedrängt ein. Das wars, bis zum Schlusspfiff zeigten sich die Adler zwar bemüht - aber es gelang nichts. Meier, Caio, Altintop - sie alle spielten weit unter ihren Möglichkeiten, während Gladbach dankenswerterweise Chance um Chance versemmelte, so dass es am Ende nur 2:0 stand - es hätte ein Debakel werden können; daran änderten auch die Einwechslungen von Fenin und Tsoumou nichts. Gegen Ende feierten dann die Borussenfans, die sich während der Partie zunächst nur verhalten bemerkbar machten. Der harte Kern platziert sich im Stadion in zwei unterschiedliche Bereichen, die einen unten hinter dem Tor, die anderen im Oberrang in der Ecke - und für alle stand nun definitiv fest: Borussia Mönchengladbach bleibt auch in der kommenden Saison erstklassig.

Nach Spielende ein schnelles Tschüss, ein Umrunden des Stadions und schon rollten wir wieder auf die Autobahn. Ausgeträumt, die zaghaften Träume von Europa. Wir röhrten durch die Nacht, passierten den Parkplatz In Dürpel, hielten für eine kurze Pause an einer Hamburger Braterei und erreichten gegen 2:00 Frankfurt, nachdem wir zuvor Marius noch in Brehmtal abgesetzt hatten und durch den Taunus gerollt sind.

Am End stand ein schöner Ausflug zu Buche, der einen völlig verdienten Sieg der Borussia gebracht hatte. Freitag Nacht - das Wochenende ist gelaufen. Wass'n Mist.

Sonntag, 28. März 2010

Heimspiel in Bochum


Auf vielfachen Wunsch und mit einem seufzenden Nagut:

Eben noch tappste der Frühling sonnig in den Tag - und jetzt regnete es. Die Badeente, die noch vor wenigen Tagen im Roten Meer gebadet hatte, hockte nun auf dem Armaturenbrett und lugte neugierig aus der Windschutzscheibe auf die Autobahn. Die Scheibenwischer schoben die Tropfen und den Schmutz beiseite und aus der Anlage perlten zunächst leise die chilligen Klänge eines alten Buddha Bar Samplers. Der silberne Golf war wieder auf Tour, Pia dabei und auch Christian und Stefan, den wir zuletzt noch in Kalbach aufgegabelt hatten. Die Nähe Ikeas ließ Pia unruhig werden, doch sie blieb standhaft.

Kaum rollten wir von der A661 auf die A5, steckten wir im ersten Stau, beginnender Berufsverkehr sowie der Ferienbeginn lockte die Autos auf die grauen Handtücher und bis Friedberg sollte es nicht besser werden, erst danach floss der Verkehr nach Plan.

Ungewohnt das grau nach all den Fahrten durch das verschneite Deutschland; weniger ungewohnt die Strecke - zuletzt schnurrten wir ja vor wenigen Wochen auf dem Weg nach Dortmund durch das Siegerland - und kehrten bekanntermaßen als Sieger zurück; da fährt es sich heutzutage doch mit ganz anderem Selbstbewusstsein.

Aus den grünen Hügel dampfte der Nebel, der Soundtrack gab uns die Melodie der Straßen von San Francisco bis kurz vor Hagen ein Stau Stillstand bedeutete - und ihr wisst: Stillstand ist Rückschritt. Vergeudete Zeit. Was will man machen, außer das beste daraus? Genau: Fluchen.

Hinter dem Westhofener Kreuz lief es dann wieder flüssig, auch der Verkehr ließ nach und in der großen Serie der tollsten Parkplatznamen findet heute der Parkplatz Johannes Erbstollen seinen Eingang in die Annalen. Der St.-Johannes-Erbstollen ist auch heute noch in Betrieb; er entwässert nach wie vor das Bergbaurevier um die Burgruine Hardenstein. Das Mundloch des Stollens befindet sich direkt unterhalb der Ruine und entwässert in die nahe gelegene Ruhr. so steht es in Wikipedia und nun auch einem Blog über die Frankfurter Eintracht, was sich der Johannes Erbstollen so sicherlich nicht gedacht hätte.

Wir aber folgten der Abfahrt Bochum und verließen die A45, um nach wenigen Kilometern über die A40 mittenmang hinein nach Bochum zu fahren. Opel grüßte freudig rechter Hand, auf einer Brücke skandierten ein paar mäßig frisierte Jugendliche ihren Berufswunsch Hooligans - was uns aber kalt ließ. Wie von Zauberhand geleitet landeten wir ohne Navi und Karte vor dem Bochumer Knast und parkten ohne Angst vor Autodiebstahl genau davor. Ein Begrüßungsschoppen als Belohnung und nach wenigen Metern ein Imbiss, der diesen Namen auch verdient. Bratwurst vom Grill, als Curry 2,10 - und fürwahr, es war eine gute Bochumer Currywurst - vielleicht sogar der Ausgangspunkt für Grönemeyers Song. Als ich zum Würstchen noch ein Bier holen wollte, steckte in meinem Geldbeutel nur ein Fünfzig Euro Schein, zuviel für die Bierbude, die nicht wechseln konnte; ich kratzte meine letzten Münzen zusammen, sortierte die Piaster aus - und tatsächlich bekam ich das Bierchen für 1,65 statt für zwei Euro; es war wie immer: wer wenig hat, verzichtet gerne mal - hart bleibt der, der im Überfluss lebt - ich war gerührt.

Einige Schritte dahinter das Ruhrstadion, dessen Flutlichtmasten in den Abendhimmel ragten. Die Häuser hinter dem Gästeeingang waren blau-weiß gestrichen, die Bratwurstbude nicht viel größer als der Verkäufer und da wir noch jede Menge Zeit hatten, umrundeten wir das Stadion einmal - in Zeiten des modernen Fußballs nahezu eine Sensation für Gästefans. Wir trafen auf Christus, der die Rollifahrer betreute während sich langsam die Dunkelheit über die Blume des Reviers senkte. Gerre und Ralf zogen ihrer Wege, und ich traf auf Ina, die noch eine Karte für mich hatte - somit stand dem Weg ins Stadion außer einem Weg nichts mehr im Weg.

Sorgfältig wurde ich abgetastet, es schienen die Nachwehen der Partie gegen Nürnberg zu wirken und schnurstracks marschierten wir unter das Dach - in Bochum immer ein guter Platz, wenn es im Block zu voll wird. Bochum ist immer eine Reise wert, vielleicht nicht, was das Ergebnis angeht, für die Eintracht gab es in den letzten Jahren wenig zu holen, aber hier handelt es sich zweifelsfrei um Fußball. Man sollte das Stadion unter Denkmalschutz stellen, um zu gewährleisten, dass bauliche Veränderung nur mit Gesetzesänderungen möglich sind; die Nähe zum Spielfeld, die Flutlichtmasten und die Soundkulisse sind einfach klasse.

Die Eintracht, ganz in Rot (zum wiederholten Male passten die Hosen farblich nicht ganz zu den Trikots) Bochum in dreckig blau-weiß. Im Vergleich zum Triumph über die Bayern nahm Ochs Hellers Platz auf Rechts ein, während Korkmaz von Beginn an spielte; Köhler war auf Spychers Position gerutscht. Dieser verhuschte prompt gemeinsam mit Russ das Leder an Hashemian, dessen flache Hereingabe von Leihgabe Holtby humorlos zur VfL-Führung versenkt wurde. Doch die Eintracht ließ sich nicht verunsichern, übernahm sogleich das Kommando und kombinierte gekonnt aus der Abwehr heraus - folgerichtig erfolgte nach einigen Chancen auch der Ausgleich. Köhler platzierte einen Freistoß gekonnt in den Fünfer - dort stieg Kollege Russ in die Luft und hinterköpfelte die Kugel zu unserer großen Freude ins Netz.

Die Kurve nutzte die Akustik des Stadion aufs Trefflichste und sang wie in guten Tagen schon vor dem Spiel bis in die Halbzeit hinein und auch darüber hinaus. Die Belohnung erfolgte nach 64 Minuten durch Caio, der bislang ein hervorragendes Spiel gemacht hatte und nun einige Meter vor dem Strafraum eine Lücke erspähte, wodurch das Bällchen stramm ins Tor sauste. Hochverdient die Führung, die bis zum Schlusspfiff anhalten sollte. Auswärtssieg. 41 Punkte. Stoff für Träume.

Was nun folgte war unbeschreiblich; kaum einer der Eintrachtfans wollte das Stadion verlassen, allezallezallezooo, allezallezallezooo, Eintracht Frankfurt allez, nur die SGE tönte es durchs enge Rund und noch als die Bochumer zum Auslaufen aufs Spielfeld zurückkehrten sangen und trommelten die Eintrachtler zum Erstaunen der unterlegenen Spieler - eine dreiviertel lang ununterbrochen, bis - ja bis tatsächlich die Mannschaft der Eintracht noch einmal frisch geduscht und geföhnt auf das Spielfeld zurückkehrte, um uns zu winken. Damit nicht genug ertönte Im Herzen von Europa durchs Stadion, gesungen aus Tausend heiseren Eintrachtkehlen - es war großartig.

Beglückt verließen wir das Ruhrstadion, tranken noch eine Cola - wiederum überforderte ich die Bedienung mit meinem Fuffi und alsbald rollte der Golf wieder auf die Autobahn. Vorbei am Parkplatz Johannes Erbstollen, vorbei an Lüdenscheid und erhobenen Hauptes ließen wir das Siegerland hinter uns und erreichten wohlbehalten Hessen und später Frankfurt. Jetzt fehlt nur noch, dass wir auch nach einem Spiel in Gelsenkirchen als Sieger durchs Siegerland fahren. Aber dies wird eine andere Geschichte.


Allezallez-allezooo

Sonntag, 28. Februar 2010

Heimspiel in Stuttgart


Eben noch Dortmund, dann Hamburg und nun schon Stuttgart - das dritte Auswärtsspiel im Februar lag an; eigentlich war sogar die Partie der U17 beim gleichen Gegner am Samstag terminiert, so dass Interessierte sich quasi ein Vorspiel hätten anschauen können - wenn es nicht kurz zuvor aus obskuren Sicherheitsgründen auf den Sonntag verlegt worden wäre. Die Eintracht gewann dieses Spiel heute sogar mit 2:1 und hielt damit den direkten Konkurrenten in Schach, soviel vorneweg.

Da Pia am Samstag im Museum die Stellung hielt, hatte ich mich mit Stefan verabredet, der nicht nur eine Eintrittskarte für mich hatte, sondern auch eine Mitfahrtgelegenheit anbot. Und so trafen wir uns um 11 Uhr an der Rothschildallee unweit vom Backstage. Eifrige Ordnungshüter notierten emsig Strafzettel für Falschparker; dass der Wagen der Aufpasser ebenfalls im Halteverbot parkte, sei hier nur als Randnotiz angemerkt.

Die Wege waren seit gefühlten Jahrzehnten von Schnee und Eis befreit, die Sonne blinzelte durch den aufplatzenden Himmel und wir rollten auf die Autobahn. Noch am Donnerstag hatten wir uns im Museum gesehen, als die Veranstaltung zur Fanszene der neunziger Jahre anstand - was natürlich für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Demnächst werde ich mich sicher an die Arbeit machen, und über den Abend hier in aller Ausführlichkeit berichten; immerhin war es ein spannendes Jahrzehnt: Fußball 2000, Uefa-Cup-Reisen, Rostock, Heynckes, Abstieg, Gründung der UF97, beginnendes Internet, Aufstieg, Fjörtoft - einige Stichworte mögen an dieser Stelle genügen.

Nach all den Wochen des Eises und Schnees hüpfte das Herz im Leibe, als Frühlingsboten durch die Luft flatterten obwohl wir an Mannheim (SAP-Arena) und Sinsheim (SAP-Arena) vorbei rauschten. Weinberge vor Heilbronn, Abfahrt zur A81, Zuffenhausen, Stuttgart, Stau.

Noch vor wenigen Jahren mussten sich die Autofahrer über den berühmt-berüchtigten Pragsattel nach Cannstatt quälen, nun führte uns ein Tunnel flott hindurch. Kurz vor der Wilhelma erblickten wir Tageslicht und fuhren nun an Stuttgarts Zoo entlang. Lange Schlangen vor den Kassen zeigten, dass die Schwaben den Frühlingsanfang aktiv verbringen wollten, während wir nach einigen Kilometern in Sichtweise zum Stadion den Wagen an einem Aktivspielpatz parkten und uns zu Fuß in Richtung Fußball aufmachten.

Der Neckar floss trübe durch die Stadt, ein Kanute in rotem Kanu paddelte einsam im Wasser, während wir durch die freundliche Sonne marschierten um über die Brücke zum Stadiongelände zu gelangen. Stuttgart und Mercedes Benz - Straßen, Stadien, Autos und sogar die Kinder dürfen hier diesen Namen tragen. Und wer nicht Gottlieb, Daimler, Mercedes oder Benz heißt, der heißt Fritzle. Oder Thorschten - wie sich später zeigen sollte.

Zunächst aber zeigten die Parkplätze eine rechte Leere und das Stadiongelände sich als irgendwie steril. Die Porsche-Arena protzte neben dem Stadion, dazwischen das Carl-Benz-Center - Hochglanzödnis ohne Charme; ähnlich die Gastronomie - scharf bewacht durch Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Wir begannen, das Stadion zu umrunden, wanderten an Souvenirständen vorbei und erkannten nun die Baustelle der Untertürkheimer Kurve im Süden des Stadions.

Gegenüber lag ein Imbiss, im Angebot Worscht und Bier und dort trafen wir auf Stefans Freunde, die extra aus Zürich angereist waren. Ich versuchte ein paar Stuttgarter in ein freundliches Geplauder zu verwickeln - und was noch in Hamburg quasi Pflicht war, führte hier zu Blicken, als hätte ich vorgeschlagen, kleine Kinder zu verprügeln. So isser, der Schwob.

Wir verlagerten nun den Ort des Geschehens ein paar Meter weiter zur Gaststätte des Polizeisportvereins und beobachteten ein munteres Treiben von Stuttgarter und Frankfurtern Fans, während zwei Jugendmannschaften, sich ihren Weg zum angrenzenden Sportplatz bahnten. Später sollten wir erfahren, dass der Zutritt für Frankfurter hier nahezu erkämpft werden musste; hieß es noch in der offiziellen Mitteilung seitens der Polizei, dass jene Gaststätte explizit als Treffpunkt für Eintrachtler ohne Karte ausgewiesen wurde, so wollten die Kollegen vor Ort davon nichts wissen. Heidenei.

Ab nun begann Auswärtsfußball, will sagen, dass der kurze Weg zum Gästeeingang künstlich versperrt war. Wir mussten statt dessen einmal im Karrée laufen, um nur wenige Meter vom Ausgangspunkt entfernt hinter einem Zaun zu landen. Schattig war's, ungemütlich dazu und der Zugang zum Stadionbereich nur mit gültiger Eintrittskarte möglich. Vor den wenigen Eingängen stapelten sich die Eintrachtfans, die nach intensiver Kontrolle unterhalb der Gegentribüne zu ihrem Bereich geführt wurden, der ob des Umbaus sich am äußersten Rand der Cannstatter Kurve befand. Der VfB hatte Karten zu unterschiedlichen Preisen verkauft, die einen als Sitz-, die anderen als Stehplätze; dem Ordnungsdienst aber war es egal, wer wo hin ging. Dass alle stehen würden, war klar - dass die einen aber 15, die anderen 25 Euro dafür gezahlt hatten eine Frechheit.

Und damit sind wir schon bei einem der zentralen Themen, die ein Auswärtsspiel in Stuttgart charakterisieren. Frechheit. Und da will ich das Maskottchen Fritzle sogar ungeschoren davon kommen lassen, ihr wisst, seit Emma sehe ich die Dinge gelassener.

Eine Frechheit sind nicht nur unterschiedliche Preise für die gleichen Plätze oder die Divergenz zwischen Ansage und Ausübung polizeilicher Handhabung. Eine Frechheit ist es, nahezu während des gesamten Spieles über die Anzeigetafel Werbung laufen zu lassen (Spätzlepartner des VfB ist...) sondern auch der Stadionsprecher, der gegen Ende des Spiels gleich einem Marktschreier die Fans zum aktivem Mitmachen bewegen wollte. Hoch interessant war auch die Durchsage nach wiederholtem Böllerwurf. Dass die Dinge nichts beim Fußball verloren haben ist klar; wenn der Stadionsprecher aber darauf hinweist, diese bitteschön nicht in den Innenraum zu werfen, staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, denn was bliebe übrig? Genau, die gegnerische Kurve - oder die eigene. Na denn ...

Sport:

Die Eintracht begann mit Jung an Stelle von Franz, dessen Trainingsverletzung einen Einsatz nicht zugelassen hatte und statt dem gelbgesperrten Teber lief Caio von Beginn an auf. Schon nach wenigen Sekunden hatte Jung die Führung auf dem Schlappen, verzog aber. Fortan entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel ohne zwingende Chancen. Die Eintracht zeigte sich insgesamt zu fahrig, Altintop zog weite Kreise und Caio? Der setzte im Strafraum der Schwaben nach, eroberte sich das Leder, schaute kurz auf und passte zum freistehenden Köhler, der problemlos zu unser aller Freude einschob.

Die letzten waren noch am Jubeln, da hatte Cacau schon für den Ausgleich gesorgt. Nikolov ging bei einer Flanke nicht aus dem Kasten und der Brasilianer köpfte unbedrängt sein sechstes Tor im dritten Spiel im Laufe der Woche für den VfB. Die Cannstatter feierten den Treffer mit Rauch und gleißenden Kunstlicht, einige Böller rummsten und es war wie so oft: Wenn es gegen Frankfurt geht, muss jeder zeigen, was er kann. Damit nicht genug zimmerte Cacau nur wenige Minuten später die Kugel sogar zur Stuttgarter Führung ins Netz. Halbzeit.

Über die Anzeigetafel flimmerten kleine Spots, die vor dem Spiel gedreht wurden; Stichwort: Fan des Tages. I bin de Thorschten und i bin dr Fen desch Tages weil i denk, das dr VfB heit zweieins gewinne tut.

Schlimm. Schlimmer. Schdurgd.

Die zweite Hälfte brachte eine Eintracht, die zwar durchaus mitspielte ohne aber Lehmann ernsthaft zu Taten zu zwingen. Die gefährlichste Situation entstand durch Korkmaz, der - für Köhler gekommen - schön in den Sechzehner flankte; Meiers Kopfball aber flog knapp am Tor vorbei. Die größeren Chancen besaß zweifelsohne der VfB, bei dem Hleb nach einer Stunde vom Feld geholt wurde. Nikolov musste kurz vor Schluss innerhalb von wenigen Sekunden gleich drei Mal bravourös reagieren, um die Eintracht im Spiel zu halten. Eintrachttrainer Skibbe holte Caio vom Feld und brachte aus für viele unerfindlichen Gründen Liberopoulos, später kam noch Heller für Jung. Kurz vor Schluss entschied Schiri Drees an der Strafraumkante auf Freistoß für die Eintracht. Da Steinhöfer in Lautern weilte, Caio und Köhler nunmehr auf der Bank, sah sich Libero veranlasst, den Ball übers Tor zu ballern. Aus. Schluss. Vorbei. Verloren. Scheiße.

Wir verließen den Block 40, dackelten im Schatten an der Gegentribüne entlang, während ein Trupp Turtles an uns vorbei hastete. Hinter den parkenden Bussen sollte unser Weg eigentlich Richtung Neckar gehen - die Polizei aber sperrte die Straße, so dass zunächst niemand hindurch kam - dass der Weg nicht nur zum Auto führte, sondern auch auf den offiziellen Parkplatz spielte keine Rolle. Immerhin gestand eine Polizistin, dass wir nicht alles hinterfragen sollen, was gerade so passiert - wir hätten zu absurden Ergebnissen kommen können. Wenigstens wurde nach wenigen Minuten die Straße geräumt, so dass wir nun ungehindert unseren Weg fortsetzen konnten. Weshalb dies 120 Sekunden zuvor nicht möglich war, ist eines der ungelösten Rätsel des Planeten. Auch die zweite Sperre vor der Brücke löste sich mit unserem Eintreffen und nun stand dem Heimweg nicht mehr viel im Weg. Wir wanderten zum Neckar, warfen einen Blick auf die Teststrecke, die direkt daneben verläuft und marschierten an Stuttgarts Main entlang, bis wir zum geparkten Wagen kamen. Der Heimweg führte uns noch zu einer bekannten Hähnchenbraterei am Rande der Autobahn, deren wesentliches Merkmal darin bestand, dass sich der Raucherbereich in einem amerikanischen Schulbus befand.

Heimwärts ging es flott und ohne Probleme - und ohne Punkte, was den Gesamteindruck ein wenig trübte. Am Backstage verabschiedete ich mich von Stefan, der schnurstracks Richtung Heimat düste. Fußball in Schdurgrd - ein Erlebnis auf dass ich gut und gerne verzichten könnte - wenn nicht die Eintracht von Zeit zu Zeit dort aufläuft. Positiv ist letztlich, dass man schnell wieder in Frankfurt ist. Immerhin. Oder: Heidenei.

Montag, 15. Februar 2010

Maskottchenwochen


Wolfsburg, Bremen, Köln und nun Freiburg - Das vierte Heimspiel in Folge bei eisiger Kälte, dazu der Narrenumzug in Frankfurt und schon schrumpft die Zahl der Zuschauer auf 34.900 - Saisonminusrekord. Da sag mal einer, die Anzahl der Zuschauer steht und fällt mit dem sportlichen Erfolg oder gar der attraktiven Spielweise. Würde es danach gehen, wäre die Hütte nach dem grandiosen Triumph in Dortmund gegen Freiburg ausverkauft gewesen, doch: Pustekuchen. Was auch immer das ist. Ein Pustekuchen.

Doch der Reihe nach. Gegen 16:30 stampften drei warmbejackte Wanderer durch den Winterwald und achteten streng auf die Schrittfolge, der Untergrund war vereist, der Weg holprig. Einem heißen Apfelwein beim Bratwurst-Walter folgte ein flotter Einlass, bei Niels der Erwerb zweier Fan geht vor und der Gang am seit Wochen eingeschneiten Trainingsplatz entlang bis sich unsere Wege kurz trennten. Während Daddy und ich noch im Museum vorbei schneiten, wo Billy außen tapfer die Stellung hielt und Devotionalien, vorwiegend Mützen verkaufte, marschierte Pia zu einem Treffpunkt vor Block 35. Bernd und Gisela achteten am Einlass des Museums darauf, dass alles seine Richtigkeit hat während Steffen wie immer am Tresen sich den Fragen der Gäste widmete. Apropos Museum: Noch am Samstag verbrachte ich höchstselbst den Tag dort und bekam hohen Besuch im Rahmen meiner Maskottchenwochen.
Hatte ich in Dortmund noch unfreiwillig die Bekanntschaft mit Emma geschlossen, so wackelte nun Paule zu mir herein. Paule ist das DFB-Maskottchen und war im Stadion mit einem Filmdreh beschäftigt. Auf meine Frage, weshalb sich der DFB denn einen Raben als Maskottchen hielt wenn doch ein Adler das Wappentier ist, antwortete Paule - oder vielmehr der freundliche junge Mann, der darunter steckte - dass Paule sehr wohl ein Adler sei, dies aber wahrlich nicht zu erkennen ist. Ich drückte Paule eine Apfelschorle in die Hand, half ihm, sich wieder in sein Kostüm zu wickeln und fragte mich, was denn kommende Woche in Hamburg auf mich wartet. Das war am Samstag.

Am Sonntag verließen wir das Museum nach unserer kurzen Runde und marschierten auf unsere Plätze. Schwegler war entgegen der Ankündigung nicht im Kader, die Eintracht begann mit der gleichen Elf wie in Dortmund; das heißt auch mit Sebastian Jung als rechter Verteidiger. Doch bevor es los ging, wurde Mehdi Mahdavikia verabschiedet, der ja in der Winterpause die Eintracht verlassen hatte und extra zum Abschied für dieses Spiel eingeflogen war.

Völlig in die Hose ging zu meinem Entsetzen im Herzen von Europa. Irgendein Held hatte sich das Mikro der Kurve geschnappt und sinnfrei vor sich hinein gebrabbelt, der Unterrang schwenkte zwar hübsch schwarze, rote und weiße Fähnchen schien aber gesanglich mit etwas anderem beschäftigt. Dazu passte es, dass die Aufstellungsverkündung alles andere als synchron mit den Bildern auf dem Videowürfel ablief. Gibt Schlimmeres, war aber nicht schön.

Nicht schön war auch die erste Hälfte, zerfahren das Spiel. Immerhin durften wir Du-Ri Cha auf Seiten der Freiburger begrüßen, der als Rechtsaußen auftrat und einige gute Szenen hatte. Einen Freistoß des SC konnte Nikolov noch aus dem Winkel fischen, ein Schlenzer von Köhler flog knapp über das Freiburger Tor und nur wenig später segelte eine Flanke von Cha zu Nikolov, einen Ball, den dieser souverän fallen ließ, auch im Nachfassen nicht erhaschen konnte und so lautete der Spielstand nach 25 Minuten 0:1; Cissé hatte eingeschoben. Schon zuvor hatte Ralf Fährmann begonnen, sich hinter dem Tor warm zu machen; Towarttrainer Andy Menger schob ihm die Bälle zu.

Auffällig bei der Eintracht war bislang vor allem Benny Köhler, der seine klasse Leistung in der 43. Minute mit einem tollen Freistoß krönte, der zum Ausgleich an Mauer und Torwart vorbei ins Netz segelte. Sekunden später erspähte Altintop einen Rückpassversuch und donnerte das Leder frei stehend an den Außenpfosten, das wäre es gewesen. Halbzeit: 1:1.

In der Pause sahen wir: Einen Hydranten, eine Biene Maya, ein Schwein, einen Seemann mit Papagei auf der Schulter: Helau.

Nach dem Wechsel wollte so recht auch kein erwärmendes Spiel aufkommen, Höhepunkte waren die Einwechslung von Caio, der Sekunden danach von einem Freiburger 20 Meter vor dem Tor den Ball bekam, nicht lange fackelte und Pouplin zu einer Glanztat zwang. Danach befreite sich Freiburg ein wenig, ohne nennenswerte Chancen heraus zu spielen. Korkmaz kam (mit Maske) für Köhler und Caio donnerte einen Ball mit Schmackes an den Pfosten; einen Ball, den ich schon weit im Toraus gesehen hatte und der sich dann doch noch senkte, so dass ich nach dem klatschende Geräusch mit offenem Mund da stand.

Der Freiburger Keeper ließ sich nun bei Abschlägen lange Zeit, ich wünschte ihm die Pest an den Hals und die Kugel ins Netz - doch es schien (wie so oft) vergeblich. Zwei Minuten wurden als offizielle Nachspielzeit angezeigt. Der Ball landete gefährlich nah am Frankfurter Tor; Chris trat darüber. Nicht über das Tor, über den Ball, doch Franz drosch die Kugel nach vorne. Meier verlängerte per Kopf zu Altintop, der auf Pouplin zu flitzte und das Bällchen clever über diesen ins Freiburger Tor lupfte. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa. Da war er, der Siegtreffer. 2:1 in der Nachspielzeit. Sollte die Tage die Meldung durchsickern, dass der Freiburger Keeper die Pest am Hals haben sollte, weise ich jede Schuld von mir. Das klägliche Häuflein mitgereister Freiburger Fans sackte nun vollends in sich zusammen, die Frankfurter feierten und so endete ein eiskalter Spieltag mit einem versöhnlichem Ergebnis und einem tappsigen Heimweg durch den Frankfurter Stadtwald. Blöd nur, dass ich vor lauter Aufregung vergessen habe, den Endstand auf dem Videowürfel zu fotografieren.

Zwei Punkte steht die Eintracht nun hinter den Europapokalplätzen, wer hätte dies vor der Saison gedacht? Die nächsten Spiele in Hamburg, Stuttgart und gegen Schalke werden den Weg weisen. Holt die Eintracht nichts, wäre dies kein Beinbruch - in den vergangenen Jahren normal gewesen. Punkten die Adler aber, so kann alles möglich sein, warten wir's ab. Immerhin hat die Eintracht jetzt schon mehr Punkte erspielt, als in der vergangenen Saison nach 34 Spielen, das ist doch was.

Montag, 8. Februar 2010

Heimspiel in Dortmund


Vielleicht wurde der Grundstein für eine erfolgreiche Auswärtsfahrt schon in der Nacht zuvor gelegt, als Pia und ich mit der Straßenbahn vom Nordend nach Sachsenhausen ruckelten um im Fritsche dem Jugendtreff für Erwachsene beizuwohnen. DJ Ergänzungsspieler aka Murmeltier hatte gerufen und wir waren dem Ruf vertrauensvoll gefolgt: Punkrock, Ska, OI, Psychobilly, Rockabilly, Indipendent - so hieß es vielversprechend in der Vorankündigung und da zudem das Versprechen Klassenfahrt zum Titisee aufzulegen im Raume stand enterten wir erwartungsfroh die Spelunke - und wurden nicht enttäuscht. Im Raucherbereich drehte sich tapfer eine Discokugel an der Decke, während der Ergänzungsspieler sich nicht lumpen ließ und einen Kracher nach dem nächsten auflegte. Neeko wippte fröhlich mit, Charly schneite vorbei; später auch Christian und Tanja, direkt aus der Oper. Frank, ein alter Bekannter Pias, saß am Tresen und so goss sich eine lustige Runde ein paar Schöppchen hinter die Binde. Zwischen ZaZas Zauberstab, Clashs Guns of Brixton oder dem Coffinshakerschen Phantoms of the night sauste die Zeit dahin (Wir sind die Turnschuhgeneration) - und später als gedacht wir durch die Nacht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in Frankfurt mit dem Nachtbus gefahren bin; der Blick zu den anderen Fahrgästen hätte vermuten lassen, dass die Klassenfahrt zum Titisee unmittelbar bevor stand. Bis in die Puppen kramte ich dann in meiner Musiksammlung, um derart inspiriert den Soundtrack für die Fahrt ins Ruhrgebiet zusammen zu stellen.

Sekunden später wachte ich auf. Pia war schon draußen gewesen, während ich den finalen Akt der Musikproduktion vollzog und die gesammelten Files auf CD brannte. Dortmund, wir kommen.

Diesmal waren alle dabei; Golf (silber), Pia (Chucks), Beve (Adidas), Ente (schwarz), während auf der Rückbank unter anderem Sad lovers and giants, Rumble on the beach, The Krewmen, Los Carayos, Red Lorry yellow lorry, Editors, Nim Vind oder Mary goes round Platz nahmen.

Eine illustre Runde machte sich auf den Weg nach Dortmund, an einem grauen Sonntag gegen 10:30 Uhr. Der letzte Sieg beim BVB lag 19 Jahre zurück; es gab finstere 1:6 Klatschen, einen schubsenden Trainer oder dämliche Pokalniederlagen; gefühlter Höhepunkt der letzten Jahre war ein fulminanter Treffer Du-Ri Chas der zu einem Remis gereicht hatte - ansonsten hängende Köpfe. Sechs Siege seit 1963 - das war's.

Schwarz-weißer Schnee türmte sich am Rand der Autobahn, Schmelzwasser spritzte an die Scheibe und weite Teile des Landes lagen unter einer weißen Schneedecke, von Zeit zu Zeit sahen wir in der Ferne Wanderer auf den Feldern, erinnernd an Brueghels Jäger im Schnee.

Siegerland. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Jahren hier auf dem Weg zum Fußball durchgefahren bin und mir wie ein Depp vorgekommen bin, weil die Eintracht vom Siegen so weit entfernt war, wie ich von gesunder Ernährung; Sauerland passte da schon eher.

Ein Auspuff lag am Straßenrand und erzählte schweigend eine Geschichte, schwarz-gelbe Windanzeiger schlafften an der Seite während wir stoisch Meile um Meile abspulten und frohgemut mit den Crackers um die Wette sangen: Mama, schick mir noch Taschengeld. Der Himmel riss auf, die Sonne brach durch und seit gefühlten Ewigkeiten glitt ein Hauch von Frühling durch die Zeit - bis es kurz vor Dortmund wieder grau wurde. Talk about the weather.



Dortmund. Wir gondelten die Ruhrallee hinab, hielten uns links und parkten in einem Wohngebiet nahe des Bahndamms. Da unsere liebgewonnene Kneipe Big Boss am Borsigplatz das Zeitliche gesegnet hatte, mussten wir uns einen neuen Unterschlupf suchen und so spazierten wir durch das Wohnviertel, ausweichend der Hundescheiße und trugen stolz unsere Eintrachtmützen auf dem Kopf; Pia weiß, ich schwarz: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da.

Von einem Fenster hing eine BVB-Fahne nebst Schal herunter, in einem anderen jubelte ein schwarzgelber Gartenzwerg und ob der äußeren Ungemütlichkeit landeten wir innen; in den Wilhelm Busch Stuben Ecke Saarlandstraße/Chemnitzer. Eiche rustikal, passt.
Obgleich die Küche schon geschlossen hatte, gab es für uns die Speisekarte von der freundlichen Bedienung, während uns die übrigen Gäste - Männer, alleinstehend, traumlos - etwas irritiert anblickten, es wird wohl nicht oft vorkommen, dass Gästefans an einem Bundesligaspieltag hier einfallen; wir aber bestellten ein Pilsken und freuten uns, dass wir rauchen durften.

Wenig später kam unser Essen - und ich war begeistert: Futtern wie bei Muttern; Rouladen feat. Kartoffeln, Rotkohl und einer Soße wie es in Gottes großem Rezeptbuch steht. Glücklich schaufelte ich mein Glück in mich hinein und auch Pia war durchaus angetan vom Dortmunder Sonntagmittag in einem Wirtshaus der unprätentiösen Art. Heimlich zückte sie den Fotoapparat und hielt einige still lebenden Momente für die Ewigkeit fest, darunter einen aus einem Baumstamm geschnitzten Hasen.

Ein älter Dortmunder, im Munde glänzte ein einziger metallener Zahn, fragte uns, wann denn das Spiel begänne - früher sei er ja immer hin gegangen, die Zeiten seien aber vorbei meinte er und lachte, wünschte uns viel Glück und marschierte zu seinen Kumpels - irgendwo in Deutschland, Sonntagmittag, halb drei.

Wir zahlten, wurden mit viel Spaß im Stadion bewünscht und machten uns auf den Weg eben dort hin. Unterwegs sprach uns ein nächster älterer Herr an, was wir denn mit Altintop wollten, dieser sei ja wohl ein Altinflop und überhaupt, Funkel die Flöte, der reißt ja auch bei der Hertha nichts. Er selbst sei ja Bochumer, und erinnere sich noch gut an das letzte Spiel der Eintracht dort, als Pröll sich wütend das Trikot zerrissen hatte. Naja, Funkel war uns wurscht, Altintop bliebe abzuwarten. Immerhin wollte der Bochumer uns heute Abend die Daumen drücken, das war ja schon mal was.
Dortmunder waren gleichfalls unterwegs, viele davon besuchten auf dem Messegelände die Messe Jagd und Hund, eingepackt in ein wärmendes grünes Wams kamen uns jede Menge mit Tüten und Päckchen bepackt aus der Halle entgegen. Nebenan warteten die ersten auf den bevorstehenden Rammstein-Auftritt in der Westfalenhalle: wer am hiesigen Sonntag als Jäger auf Rammstein stand und zudem Stadiongänger ist, der hatte volles Programm.

Unser Weg führte uns schnurstracks ins Borusseum, dem Museum des BVB, der ja vor kurzem sein Hundertjähriges gefeiert hatte. Wie in Frankfurt liegt es im Stadion und sechs Euro später wanderten wir durch die Geschichte des Vereins, der in der Gaststätte Zum Wildschütz nahe des Borsigplatzes gegründet wurde. Dass der BVB zunächst in den Vereinsfarben Blau und Weiß spielte, hat einen ganz speziellen Charme.

Das Museum ist weiträumig und in einzelne offene Parzellen gegliedert. Die Ausstellung beginnt mit einem Nachbau der historischen Gründungs-Gaststätte und führt über die ersten Jahre hin zur Oberligageschichte. Über die Bundesligajahre, die Stadiongeschichte, der Europapokalwand, kamen wir zu einem Kino, bestückt mit Schalensitze des alten Stadions. Viele Monitore zeigen zudem Filmausschnitte historischer Spiele, der Europapokalsieg 1966 sicherlich als Höhepunkt der Vereinsgeschichte, deren Helden Siggi Held und Lothar "Emma" Emmerich eigene Vitrinen gewidmet wurden, Fanchoreographien werden in einem großen Fanbereich ebenso gezeigt wie ein Modell des alten Westfalenstadions; eine eigene Station ist der Derbygeschichte gewidmet und bei unserem ersten, notgedrungen oberflächlichen, Besuch fiel uns die Eintracht nur ein einziges Mal auf. Wir entdeckten den Adler in den Tabellen des 37. und 38 Spieltages der Saison 1991/1992. Bedankt.

Ein weiter Skandal schloss sich unmittelbar an. Gedankenverloren betrachtete ich eine Vitrine als ich einen Klapps auf dem Hintern verspürte. Als ich mich umdrehte erkannte ich wider Erwarten nicht Pia, sondern ... Emma.

Emma ist das Dortmunder Plüschmaskottchen, benannt nach Lothar Emmerich und stellt die Biene Maja da. Sieht kreuzdämlich aus und befand sich auf dem Weg zum Spiel. Und haute mir mirnichtsdirnichts auf den Hintern. Ich war zu verdattert, um zu reagieren und gab den Fall weiter an unsere Adler - mit der Bitte um Rache.

Die Schatzkammer mit Kopien der wichtigsten Pokale durfte nicht fehlen, überflüssig die Fan-Karaoke-Box, nett das Quiz: 6 von 10 Fragen richtig beantwortet - seit gestern bin ich offizieller Nachwuchs-Borusse.

Lasst mal stecken. Witzig waren die Kickertische; während so ziemlich jeder Kicker mit dem klassischen 2-5-3 agiert, konnte man hier auch mit einem 5-4-1 oder 4-4-2 spielen. Pfiffig.

Vielleicht schreibe ich die Tage noch mal einen ausführlichen Bericht über das Borusseum, in dem man sich schon die Zeit vor dem Spiel vertreiben kann; jetzt aber betrachteten wir aus einem Fenster den Einmarsch der Frankfurter Zugfahrer und verließen die Historie, um uns der Gegenwart zu widmen.

Vor unserem Eingang trafen wir auf Max und Dominik sowie einige andere Ultras und unterhielten uns über den letzten SAW, die Aktionen in Nürnberg: Gut: Mütze. Schlecht: Böller, während Kroni und Celi, Ben und ZoLo zu uns stießen. Ruckzuck näherte sich der Anpfiff und wir schoben uns durch die unspektakuläre Eingangskontrolle. Mit Entsetzen sahen wir, dass sich Menschentrauben um den Eingang 61 scharten; der Block schien voll. Wir quetschten uns dennoch hinein - wurden zunächst durch die Massen hin und her geschubst, trafen Daniel um uns dann nach links oben zu verkrümeln. Prompt trafen wir auf Suse und Mülli sowie propain, der den sonst mitreisenden Arne ersetzt hatte. Auch Donna hatte sich in die Ecke verzogen. Die Sicht war gut, die Hütte ziemlich voll und Emma wackelte über das Spielfeld, als wäre nichts geschehen. Auf dem Platz, der arg ramponiert aussah, schwenkten Hundertschaften Fahnen; aus den Boxen blubberte das unvermeidliche you'll never walk alone, die überschätzteste Kurve der Welt, die gelbe Wand, war auch da und dann ging's los: Die Eintracht ganz in Rot, wobei das Rot der Hosen nicht exakt zum Rot der Trikots passte. Dankenswerter Weise hatte Trainer Skibbe nicht an der Aufstellung des letzten Wochenendes festgehalten. Franz war nach Innen gerückt, Chris auf die Sechs, Jungs nach rechts hinten und Liberopoulos auf die Bank.

Bissig ging es zur Sache, nach acht Minuten schlug Nikolov einen langen Ball nach vorne, Meier verlängerte zu Altintop, dieser passte ihn zu Ochs und dessen gefühlvolle Flanke wuppte Benny Köhler, der sich clever in Stellung gebracht hatte, per Kopf zur Frankurter Führung ins Netz. Wir lagen uns unverhofft in den Armen. Jawoll. Es ging nun Schlag auf Schlag, Altintop hatte eine Chance, doch Ziegler holte ihm den Ball vom Fuß - in der 17. Minute dann der Ausgleich. Zidan hatte abgezogen, der Ball kam zum wenige Meter vor dem Tor völlig frei stehenden Hummels und dieser ließ Nikolov keine Chance.

Köhler hatte die erneute Eintrachtführung auf dem Fuß, Ziegler konnte noch so eben klären, doch nur Sekunden später lag der Ball eigentlich schon im Tor, Altintop hatte alles richtig gemacht, Ziegler war geschlagen und urpötzlich erstarb der Torschrei auf den Lippen; artistisch hatte Hummels einen Ball, der ins Tor gehen musste, noch auf der Line rutschend erwischt.

Kurz danach segelte Altintop durch die Luft, doch leider auch der Ball am Tor vorbei. Nikolov musste dann noch einmal gegen Barrios klären - und so ging es nach einem klasse Spiel mit dem 1:1 in die Pause. Höhepunkt des Dortmunder Support war ein Banner gegen Stadionverbote, ansonsten war die steile Südkurve wie immer schön anzusehen - aber leise.

In der zweiten Hälfte sorgte zunächst der zweite Dortmunder Treffer für Frust. Spycher konnte den Ball nicht gescheit klären, die folgende Flanke von Zidan wurde von Nikolov unterschätzt und im Rücken von Sebastian Jung konnte Barrios einhämmern. Doch wer gedacht hatte die Partie sei gelaufen, der wurde fortan von einer starken Eintracht eines Besseren belehrt. Ochs machte Dampf auf Rechts, Altintop wuselte in der Mitte und Franz trieb die Jungs an, Nikolov rettete gegen Valdez und Chris wurde von jenem Valdez dermaßen rüde gelegt, dass nach Schwegler (Nürnberg) und Korkmaz (Köln) der dritte verletzungsbedingte Ausfall nach einem üblen Foul zu befürchten war. Wieder erhielt der Übeltäter nur Gelb, Chris aber konnte Gott sei Dank weiter machen.

Nach einer Ecke wurde der Ball aus dem Dortmunder Strafraum geköpft - dort hatte Jung viel Platz und dessen strammer Schuss schlug - leicht abgefälscht - zum verdienten Ausgleich ins Netz. Der erste Treffer von Jung in der Bundesliga - wir konnten unser Glück kaum fassen. Doch damit nicht genug: Kurz danach setzte sich Altintop schön mit der Hacke durch, der Ball kam zu Teber, der sofort zu Meier passte. Owomoyela trat über den Ball und im Fallen gefühlvollte Alex Meier die Kugel zur erneuten Eintrachtführung ins Dortmunder Herz. Wahnsinn, wir drehten schier durch, von den Dortmundern war jetzt nichts mehr zu hören, umso mehr von uns. Wo ist denn die gelbe Wand donnerte es durchs Stadion und Eintracht, Eintracht. Und tatsächlich, es galt zwar noch ein paar bange Minuten zu überstehen, die Dortmunder verließen in Scharen das Stadion - aber dann war es vollbracht. Der erste Auswärtssieg beim BVB seit 19 Jahren war Wirklichkeit geworden - und zum ersten Mal musste ich meiner Dortmunder Freundin Susi nach einem Spiel hier nicht gratulieren.
Wie geil.
Franz hüpfte vor Freude wie Rumpelstilzchen auf dem Acker herum und wir skandierten Auswärtssieg - nicht als Wunsch, sondern als Gewissheit.
Wie geil.

Wir blieben noch eine ganze Weile im Stadion, genossen das seltene Gefühl des Triumphes und freuten uns über die Rache der Eintracht an Emma. Kein Maskottchen der Welt haut mir ungestraft auf den Hintern. Danke Eintracht.

Auf dem Rückweg warteten lange Schlangen auf den Einlass zu Rammstein, wir verschenkten ein paar Blättchen an ein paar Dortmunder denen zunächst gar nicht auffiel, dass wir Frankfurter sind und marschierten gut gelaunt Richtung Auto. An der U-Bahnstation enterten die Frankfurter den Eingang, ein paar Dortmunder pöbelten von Oben herunter und einer davon war gerade dabei seinen Schniedel auszupacken, als ihm Pia zurief: Lass mal stecken. Der Rudeboy gehorchte aufs Wort.

Kalt war's nur außen, innen wärmte das Glück über einen unerwarteten Auswärtssieg. Der Golf parkte noch brav dort, wo wir ihn verlassen hatten; wir warfen die Jacken auf den Rücksitz und starteten durch. Kurz vor der Autobahn staute sich der Verkehr, doch schon bald ging es zügig weiter. Dunkel die Nacht, die Lichter der Gemeinden neben der Autobahn funkelten wie Glückssterne in die Finsternis, während wir zufrieden als Sieger durchs Siegerland rauschten. Wir überholten hupend den Bus des EFC Stadtallendorf, drehten einem Dortmunder Fanbus eine lange Nase, überquerten die Grenze zu Hessen und sangen zur Musik von Cock Sparrer It's time to make your move.

Frankfurt hatte uns gegen Elf wieder. Zu allem Überschwang hatte ich im Tippspiel des Blog-G das erste Mal den Tagessieg errungen. Ein geiler Tag. Pia konnte sich gar nicht mehr einkriegen, im DSF lief die Zusammenfassung des Spiels und sie hüpfte durch die Wohnung: Wie geil.

Genau das war es.



Fotos: Pia und Beve

Sonntag, 24. Januar 2010

Heimspiel in Nürnberg


Diszipliniert verschob die Abwehr und ließ trotz Unterzahl kaum Chancen zu und was aufs Tor kam hielt der überragende Torhüter; die Konter aber saßen wie Nadelstiche - am Ende stand ein klarer Sieg zu Buche und die Akteure schlichen müde aber glücklich vom Feld. Freitag Abend in einer Turnhalle im Westend.

Keine 12 Stunden später rang ich mit dem Muskelkater, der zwar schwächer als erwartet aber latent vorhanden, meine Bewegungen in Zeitlupe versetzte. Meine Nase schnupperte Kaffee; Pia war schon vor mir wach - und bereitete mich auf den Tag vor: Auswärtsspiel in Nürnberg - und um es gleich vorweg zu nehmen: sowohl Pia als auch der silberne Golf sollten heute im Lande bleiben und ich machte mich gegen halb zehn mutterseelenallein auf in die weite Welt. Müde schleppte ich mich zur Straßenbahn, die prompt angerumpelt kam und mich durch die Stadt zur Südseite des Bahnhofs brachte. Meine Handschuhe hatte ich trotz des dezenten Hinweises Pias zur kommenden Kälte zu Hause gelassen: Die verlier' ich eh nur.

Geiselgangster - immer eine gute Alternative, wenn der silberne Golf in Frankfurt bleibt. Wie immer lungerten schon jede Menge finsterer Frankfurter an der Südseite herum und warteten auf die Busse; Kippchen dampften; Junior Adler hockten brav in ihrem Bus und überall ein großes Hallo. Wenig später rollte auch unser Bus ein; der gleiche mit dem ich schon nach Gelsenkirchen und Leverkusen gefahren bin - astreiner Linienbus; keine Toilette, enge Sitze - aber die Lizenz zum Rauchen. Dafür noch mit Tapedeck: für die Jüngeren: das ist so etwas wie ein analoger mp3Player - irre Oldschool. Bloß läuft das Ding mit Tapes - und die hatte kein Mensch dabei - was nicht unbedingt was Schlechtes sein muss.

Gerre und Buffo waren wieder die Organisatoren, Gabi und Ina die Mütter der Kompanie und zwischendrin hockten wir, André und Sandy, Thor und Tom, Dani und Präsi und wie sie alle heißen. Die, die immer dabei sind; die, die zum ersten Mal dabei sind und die, die so wie ich manchmal dabei sind.

Wir rollten durchs graukalte Frankfurt auf die Autobahn auf die A3 und der erste Parkplatz war unser, wie gesagt: der Bus hatte keine Toilette.

Grauweiß rauschte der Süden Deutschlands an uns vorbei; Aschaffenburg, Würzburg, Frauenaurach: von Zeit zu Zeit machten wir ein Päuslein und ich hing mehr oder weniger groggy in meinem Sitz, löste die Rätsel der Rundschau und schaute aus dem Fenster. Die obligatorische Tombola brachte mir wie immer nichts ein - aber stolz trug ich mein schwarz-weiß gestreiftes Mützlein, wie wir alle schwarz-weiße Mützen trugen; die UF hatte stapelweise Mützen herbeigeschafft und verkauften diese zu einem Spottpreis, auf dass die Frankfurter allesamt ein gleiches Bild abgeben. Netter Nebeneffekt: Wenn du jetzt irgendwas anstellst und die Täterbeschreibung: trägt schwarz-weiße Mütze lautet - dann hast du gute Karten. Tausende sollten später die Kappen tragen.

Nürnberg-Messe, wir erreichten recht früh den Parkplatz am Messegelände und halbwegs warm eingepackt marschierte ich am Historical Cowboy and Indian Club vorbei Richtung Stadion, das wohl einen der grausamsten Namen der Liga trägt und von mir daher konsequent Frankenstadion genannt wird. Stelltafeln erzählen die Geschichte des Stadions, das alte Schwimmbad war um diese Jahreszeit geschlossen, die Stadionordnung gut sichtbar verschraubt. Um mir ein wenig die Zeit zu vetreiben, schlenderte ich am Gästeeingang vorbei und wollte das Umland anschauen, allein es scheiterte am mutigen Einsatz der Polizei: Tapfer stellte sich mir ein Stadtsoldat entgegen und verhinderte mein Eindringen in den menschlichen Bereich Nürnbergs. Obgleich jenseits der Sperre jede Menge Frankfurter unterwegs waren; nämlich alle, die von der anderen Seite angereist waren - für mich gab es kein Durchkommen. Ganze Arbeit der Kollegen in Grün.

Ich kaufte noch ein zweites Mützchen für Pia, schwatzte hier und dort und ließ mich dann am Eingang fröstelnd beim Marsch ins Stadion durchsuchen. Im Unterrang unter dem Überhang fand ich einen Platz, der mir gute Sicht versprach - und nette Gesellschaft dazu. Muelli, Suse und Arndt lehnten am Wellenbrecherchen; langsam füllte sich das WM-Stadion, dessen blaue Träger überhaupt nicht zum Rot des Inneren passen - und mir fiel auf, wie weit ein Tor doch vom Platz entfernt sein kann, wenn rund um das Spielfeld noch eine Aschenbahn verläuft. In der Nürnberg-Kurve wurden kräftig Fähnchen geschwenkt, später spazierten etliche Nürnberger mit riesigen Schwenkfahnen aufs Spielfeld und schwenkten diese im Takt des Vereinsliedes; dankenswerter Weise war die Anlage schön leise eingestellt.

Ein Blick auf die Ersatzspieler der Eintracht zeigte, dass Marcel Titsch-Rivero nicht im Aufgebot stand, dafür aber die Herren Preuß, Alvarez, Caio, Heller, Korkmaz, Tsoumou und Torhüter Fährmann. Recht offensiv für meinen Geschmack, eingedenk der Tatsache, dass Schwegler und Franz leicht angeschlagen ins Spiel gegangen sind. Nuja, der Trainer wird wissen, was er macht.

Aus der Nürnberger Kurve wurde uns nun eine kleine Choreo präsentiert, Ultras Nürnberg 1994 stand auf dem Banner, darunter wurden rote und schwarze Pappen hochgehalten und in der Mitte leuchtete ein Sonne. Begrenzt wurde das Banner auf der einen Seite durch das Adlerwappen Nürnbergs und auf der anderen Seite durch die Comicfigur Willi Wacker, der ein Glas Bier hält. Sah ordentlich aus. Sozusagen: Putzig.

Bei uns in der Kurve trugen jetzt wirklich fast alle die erwähnten Mützen, und noch bevor es losging begann der zweite Teil des inoffiziellen Schwanzvergleichs, Rauchwolken stiegen aus unserem Block in die Höhe, illuminiert von ein paar Bengalos - zwischendrin böllerten ein paar Kanonenschläge: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da. Wenigstens flog keine Leuchtspur, aber selbst die Böller gehen mir auf den Senkel.

Kaum hatten sich die Rauchwolken verzogen, entdeckten wir eine Chance für die Eintracht, der Ball aber landete nicht im Tor - es muss wohl Ochs gewesen sein, der verzogen hatte. Kälte kroch in einen hinein, Handschuhe wären jetzt gut gewesen; aber wer Wolfsburg überlebt hat, der schafft auch Nürnberg. Als die Kurve hüpfte, schwankte der Oberrang bedrohlich - während Wolf unseren Schwegler umsenste und dafür gelb erhielt. Schwegler humpelte und wurde später nach der Pause gegen Christoph Preuß ausgetauscht. Da stand es schon 1:1. Die Nürnberger Führung aus der 27. Minute konnte Köhler in der 40. ausgleichen. Ochs hatte sich schön durchgesetzt und die anschließende Flanke Benni Köhler lässig eingenickt. Jedoch sickerte erst nach einigem Nachfragen der Torschütze durch; zunächst wurden Liberopoulos, Teber oder sogar Chris gehandelt, der aber ob der fünften gelben Karte gar nicht mitspielen durfte und ergo als Torschütze nicht in Frage kam.

In der zweiten Hälfte legten die Junior Adler im Block links neben uns einen mächtigen Support hin; lehnten an der Bande und wedelten mit ihren Junior Adler Fähnchen; es wird nicht mehr lange dauern, und die Kids werden selbst die ersten Rauchbomben zünden; statt Bierbecher werden dann Lutscher aufs Spielfeld geworfen; früh übt sich. Der Nachwuchs lebt.

Die zweite Hälfte brachte zudem ein paar klasse Aktionen von Nikolov, eine Megachance von Preuß und die Erkenntnis, dass ein flotter Spieler in des Sturmes Spitze beim Fußball ein Vorteil sein kann - wenn man ihn denn hat - oder bringt. Jung kann man immer bringen und Chris ist schon ein Mann, der dem Spiel der Eintracht zuträglich ist. Caio kam kurz vor Ende für Liberopoulos, sicher, der Mann ist jung. Dies ist aber auch Stürmer Alvarez, dessen ersten Ligaeinsatz ich gerne gesehen hätte. Unser Trainer kann ja mit Jungen und will gewinnen. Zumindest vor dem Spiel. Der Vorteil reiner Fußballstadien sprang ebenfalls deutlich ins Auge; bis ich gewusst habe, wer bei Nürnberg spielt, war das Spiel vorbei.

Im End wurstelte sich die Eintracht zu einem Punkt, der durchaus verdient war. Die Spieler kamen in die Kurve - und wurden prompt mit den lustigen Mützen versorgt. Preuß schnappte sich das Mikro, Humba für alle und allgemein überwog die Zufriedenheit mit dem Punkt, den die Eintracht ergattert hatte. Schon während des Spiels verkündete eine Stimme, wie der Rücktransport der Gästefans durch den Entlastungszug organisiert wird; nach der fünften Durchsage aber hätte man auf die Idee kommen können, dass es nun auch wirklich jeder begriffen hat.

Ich machte mich auf die Socken und wanderte zu einer Wurstbude fern des Massencaterings, hier ein Schwätzchen, dort ein Guude und auf halbem Weg zum Bus erfuhr ich noch, dass einige Nürnberger samt Frankfurter im Stadion Freispiel hatten, weil die Polizei ... ja was eigentlich ... machte.

Blaulicht der stehenden Einsatzwagen wies den Weg zum Bus, der am äußersten Winkel der Messe parkte. Ich freute mich ob der Wärme und es dauerte nicht lange, bis wir auf die A3 rollten. Ein kurzer Halt folgte bei einer bekannten Hamburger Braterei, später hallten hinter mir muntere Gesänge durch den Bus, während wir uns überlegten, ob es nicht vielleicht doch in Malawi den Stürmer gibt, der in der Rückrunde für 45 Tore gut ist.

Wir plauderten in die Nacht, das Radio dudelte leise vor sich hin; Würzburg, Aschaffenburg, Hessen, Stadion, Bahnhof; die Fahrt verlief problemlos. So verabschiedete ich mich, packte mein Bündel und marschierte in die Nacht; vorbei am Theaterplatz, vorbei am Eintracht-Shop und am Paulsplatz und ließ mich die letzten Meter von der Trambahn Linie 12 zur Rohrbachstraße fahren. Gegenüber im Feinstaub stieg noch eine Fete; ich berichtete Pia von der vergangenen Fahrt und wir hoben die Gläser bis spät in die Nacht. Dass ich jedoch meine Mütze noch heute nach dem Aufwachen getragen haben soll, ist offiziell noch nicht bestätigt.



Mehr zum Spiel: Hier beim Blog-G, dessen Stefan auch das Mützenspielerfoto gemacht hat.



Donnerstag, 23. Oktober 2008

Frustrierte Freude

Abpfiff, 2:1 gewonnen.

Vor dem Spiel marschierte ich mit Pia zum Gleisdreieck, zerwühlt von der derzeitigen Situation bei Eintracht Frankfurt, die seit Monaten kein Spiel mehr gewonnen hat und kraftlos auftritt. Anderes liegt im Argen, dazu demnächst mehr. Gestern freute ich mich, vor dem Spiel einen Apfelwein zu trinken, mit Leuten zu quatschen, die immer da sind - und gleichzeitig graute mir vor dem Spiel. Ich erwartete den immergleichen zähen bewegungsarmen Fußball, erwartete ein frühes Gegentor und die immergleiche Leere. Als die Anfangsaufstellung durchgegeben wurde, war ich geschockt.

Nikolov, Fink, Inamoto, Spycher, Ochs, Chris, Russ für die Defensive, Köhler, Korkmaz, Fenin und Liberopoulos für die Offensive - so standen die Zeichen auch gegen den KSC auf Halten.
Um so erstaunter war ich, dass urplötzlich Bewegung im Spiel war, die Aufstellung stand auf dem Papier, die Menschen selbst rannten, eroberten Bälle und lieferten endlich mal wieder eine der Grundvoraussetzungen für ein Fußballspiel ab. Bewegung.

Leider ergaben sich keine Torchancen, die Eintracht konnte nicht, der KSC wollte und konnte nicht. 44. Minute - Stillstand. Kämpfen und Siegen skandierten die Anhänger schon von der ersten Minute an, einheitlicher als die Monate zuvor, entschlossener.

Die zweite Hälfte brachte wenig erbauliches, der KSC wurde mutiger, was jedoch nicht allzuviel bedeutete, bis zur 70. Minute gab es hüben wie drüben keine nennenswerte Torchance. Die öffentliche Forderung nach dem Spieler Caio wurde ignoriert, man kann dazu stehen, wie man will - später kam der Kapitän, Amanatidis. Dann Chance für Karlsruhe, dann für die Eintracht. Zwischendrin gabs Ecken für uns. Köhler. Köhler. Köhler. Die Bälle flogen hoch in den Sechzehner, niemand von der Eintracht kümmerte sich drum, Verpuffung wirkungslos.

Achtzig Minuten brüllte ich "Eintracht" - in der 82. führte der KSC mit 1:0. Tränen wanderten zum Auge, ich sackte zusammen und fluchte, weshalb dies nicht schon nach drei Minuten geschehen war, ich hätte mir vergeblich Hoffen sparen können. Funkel raus, Funkel raus. Das war ich. Ein Croissant flog mir an den Kopf, zehn Meter von mir entfernt tobte der ehemalige Besitzer, wollte mir an den Kragen, Umfeld und Ordner bändigten ihn. Tausendfach erscholl es nun: Funkel raus.

Biber und Pia riefen Eintracht - und Köhler versenkte die Kugel zum Ausgleich ins Netz.


Wie nun? Was habe ich zu fühlen? Freude? Frust? Frustrierte Freude. 1:1, wenigstens mein Tipp; zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Erstaunlicherweise hallte auch nun Funkel raus durchs Stadion, ein etwas unpassender Moment der Meinungsäußerung - wobei ich inhaltlich nicht widersprechen würde. Aber doch nicht nach einem Tor der Eintracht.

Sekunden später rauschte der Ball Millimeter an unserem Pfosten vorbei, der KSC hatte den Sieg verschossen. Nachspielzeit zwei Minuten. Das wars. Ein Pünktchen gegen grottige Karlsruher; wenn du gegen die nicht gewinnst, gegen wen dann? Aber besser als verloren.

Nicht ganz: Freistoß Steinhöfer, irgendwie dann Amanatids, Amanatidis. Tor. Tooooooooor für die Eintracht. High Five - ausgelassen geht anders.

Freude, Erleichterung, Fragezeichen. Und nun?

Der Croissantwerfer tritt mich beim Abgang, ich bleibe ruhig, andere springen in die Bresche, halten ihn zurück, verteidigen mich. Ich gehe mit Pia zum Ausgang, Biber ist schon weg, am Gleisdreieck treffe ich sie wieder. Viele treffe ich dort, Stimmengewirr, Apfelwein, Arndt sogt für uns - Danke dafür.

Müßig sind Platzierungen, gewinnst du die letzten beiden Spiele hast du sechs Punkte, wirst neunter, pfeift der Schiri zwei, dreimal gegen dich, verlierst du die letzten beiden Spiele und wirst fünfzehnter. Mit Pech sechzehnter. Abstieg, von mir aus Relegation. Kleinigkeiten entscheiden - Und die Eintracht wird stets gegen den Abstieg spielen, was beileibe keine Schande ist - dies Los trifft beinahe zehn Teams. Die Frage ist: Wie.

Sie wird erst dann nicht gegen den Abstieg spielen, wenn sie finanziell auf Augenhöhe mit Schalke, Hamburg, Bremen, Wolfsburg steht. Dies ist ein weiter Weg und bedeutet Gazprom, VW oder so. Will ich das? Nein.

Wie nun?

Cottbus steht an. Ein weiterer Prüfstein. Für das Team. Für uns. Für den Trainer. Für den Vorstand. Heribert Bruchhagen dürfte ein Glas Rotwein getrunken haben.

Viele sind sich uneins. Verwischt der Sieg gegen den KSC die Verhältnisse und übertüncht die Wirklichkeit. Oder war er der Startschuss hin zu einer Eintracht, die wir sehen wollen. Über den Kampf zum Spiel, über das Spiel zum Sieg? Zuhause liegen zwei Tickets für die Partie in der Lausitz, wie ich hinkomme, weiß ich noch nicht. Aber ich werde dasein. Was soll man sonst machen, mit einem angebrochenen Leben?

Eines ist sicher:

Worte schießen keine Tore.

Abends verließen Pia und ich als letzte das Gleisdreieck. Aßen Pizza in Sachsenhausen. Schön, dass wir uns haben.



Das Foto des fliegenden Balles stammt von Stefan Krieger. Danke