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Montag, 8. Februar 2010

Heimspiel in Dortmund


Vielleicht wurde der Grundstein für eine erfolgreiche Auswärtsfahrt schon in der Nacht zuvor gelegt, als Pia und ich mit der Straßenbahn vom Nordend nach Sachsenhausen ruckelten um im Fritsche dem Jugendtreff für Erwachsene beizuwohnen. DJ Ergänzungsspieler aka Murmeltier hatte gerufen und wir waren dem Ruf vertrauensvoll gefolgt: Punkrock, Ska, OI, Psychobilly, Rockabilly, Indipendent - so hieß es vielversprechend in der Vorankündigung und da zudem das Versprechen Klassenfahrt zum Titisee aufzulegen im Raume stand enterten wir erwartungsfroh die Spelunke - und wurden nicht enttäuscht. Im Raucherbereich drehte sich tapfer eine Discokugel an der Decke, während der Ergänzungsspieler sich nicht lumpen ließ und einen Kracher nach dem nächsten auflegte. Neeko wippte fröhlich mit, Charly schneite vorbei; später auch Christian und Tanja, direkt aus der Oper. Frank, ein alter Bekannter Pias, saß am Tresen und so goss sich eine lustige Runde ein paar Schöppchen hinter die Binde. Zwischen ZaZas Zauberstab, Clashs Guns of Brixton oder dem Coffinshakerschen Phantoms of the night sauste die Zeit dahin (Wir sind die Turnschuhgeneration) - und später als gedacht wir durch die Nacht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in Frankfurt mit dem Nachtbus gefahren bin; der Blick zu den anderen Fahrgästen hätte vermuten lassen, dass die Klassenfahrt zum Titisee unmittelbar bevor stand. Bis in die Puppen kramte ich dann in meiner Musiksammlung, um derart inspiriert den Soundtrack für die Fahrt ins Ruhrgebiet zusammen zu stellen.

Sekunden später wachte ich auf. Pia war schon draußen gewesen, während ich den finalen Akt der Musikproduktion vollzog und die gesammelten Files auf CD brannte. Dortmund, wir kommen.

Diesmal waren alle dabei; Golf (silber), Pia (Chucks), Beve (Adidas), Ente (schwarz), während auf der Rückbank unter anderem Sad lovers and giants, Rumble on the beach, The Krewmen, Los Carayos, Red Lorry yellow lorry, Editors, Nim Vind oder Mary goes round Platz nahmen.

Eine illustre Runde machte sich auf den Weg nach Dortmund, an einem grauen Sonntag gegen 10:30 Uhr. Der letzte Sieg beim BVB lag 19 Jahre zurück; es gab finstere 1:6 Klatschen, einen schubsenden Trainer oder dämliche Pokalniederlagen; gefühlter Höhepunkt der letzten Jahre war ein fulminanter Treffer Du-Ri Chas der zu einem Remis gereicht hatte - ansonsten hängende Köpfe. Sechs Siege seit 1963 - das war's.

Schwarz-weißer Schnee türmte sich am Rand der Autobahn, Schmelzwasser spritzte an die Scheibe und weite Teile des Landes lagen unter einer weißen Schneedecke, von Zeit zu Zeit sahen wir in der Ferne Wanderer auf den Feldern, erinnernd an Brueghels Jäger im Schnee.

Siegerland. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Jahren hier auf dem Weg zum Fußball durchgefahren bin und mir wie ein Depp vorgekommen bin, weil die Eintracht vom Siegen so weit entfernt war, wie ich von gesunder Ernährung; Sauerland passte da schon eher.

Ein Auspuff lag am Straßenrand und erzählte schweigend eine Geschichte, schwarz-gelbe Windanzeiger schlafften an der Seite während wir stoisch Meile um Meile abspulten und frohgemut mit den Crackers um die Wette sangen: Mama, schick mir noch Taschengeld. Der Himmel riss auf, die Sonne brach durch und seit gefühlten Ewigkeiten glitt ein Hauch von Frühling durch die Zeit - bis es kurz vor Dortmund wieder grau wurde. Talk about the weather.



Dortmund. Wir gondelten die Ruhrallee hinab, hielten uns links und parkten in einem Wohngebiet nahe des Bahndamms. Da unsere liebgewonnene Kneipe Big Boss am Borsigplatz das Zeitliche gesegnet hatte, mussten wir uns einen neuen Unterschlupf suchen und so spazierten wir durch das Wohnviertel, ausweichend der Hundescheiße und trugen stolz unsere Eintrachtmützen auf dem Kopf; Pia weiß, ich schwarz: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da.

Von einem Fenster hing eine BVB-Fahne nebst Schal herunter, in einem anderen jubelte ein schwarzgelber Gartenzwerg und ob der äußeren Ungemütlichkeit landeten wir innen; in den Wilhelm Busch Stuben Ecke Saarlandstraße/Chemnitzer. Eiche rustikal, passt.
Obgleich die Küche schon geschlossen hatte, gab es für uns die Speisekarte von der freundlichen Bedienung, während uns die übrigen Gäste - Männer, alleinstehend, traumlos - etwas irritiert anblickten, es wird wohl nicht oft vorkommen, dass Gästefans an einem Bundesligaspieltag hier einfallen; wir aber bestellten ein Pilsken und freuten uns, dass wir rauchen durften.

Wenig später kam unser Essen - und ich war begeistert: Futtern wie bei Muttern; Rouladen feat. Kartoffeln, Rotkohl und einer Soße wie es in Gottes großem Rezeptbuch steht. Glücklich schaufelte ich mein Glück in mich hinein und auch Pia war durchaus angetan vom Dortmunder Sonntagmittag in einem Wirtshaus der unprätentiösen Art. Heimlich zückte sie den Fotoapparat und hielt einige still lebenden Momente für die Ewigkeit fest, darunter einen aus einem Baumstamm geschnitzten Hasen.

Ein älter Dortmunder, im Munde glänzte ein einziger metallener Zahn, fragte uns, wann denn das Spiel begänne - früher sei er ja immer hin gegangen, die Zeiten seien aber vorbei meinte er und lachte, wünschte uns viel Glück und marschierte zu seinen Kumpels - irgendwo in Deutschland, Sonntagmittag, halb drei.

Wir zahlten, wurden mit viel Spaß im Stadion bewünscht und machten uns auf den Weg eben dort hin. Unterwegs sprach uns ein nächster älterer Herr an, was wir denn mit Altintop wollten, dieser sei ja wohl ein Altinflop und überhaupt, Funkel die Flöte, der reißt ja auch bei der Hertha nichts. Er selbst sei ja Bochumer, und erinnere sich noch gut an das letzte Spiel der Eintracht dort, als Pröll sich wütend das Trikot zerrissen hatte. Naja, Funkel war uns wurscht, Altintop bliebe abzuwarten. Immerhin wollte der Bochumer uns heute Abend die Daumen drücken, das war ja schon mal was.
Dortmunder waren gleichfalls unterwegs, viele davon besuchten auf dem Messegelände die Messe Jagd und Hund, eingepackt in ein wärmendes grünes Wams kamen uns jede Menge mit Tüten und Päckchen bepackt aus der Halle entgegen. Nebenan warteten die ersten auf den bevorstehenden Rammstein-Auftritt in der Westfalenhalle: wer am hiesigen Sonntag als Jäger auf Rammstein stand und zudem Stadiongänger ist, der hatte volles Programm.

Unser Weg führte uns schnurstracks ins Borusseum, dem Museum des BVB, der ja vor kurzem sein Hundertjähriges gefeiert hatte. Wie in Frankfurt liegt es im Stadion und sechs Euro später wanderten wir durch die Geschichte des Vereins, der in der Gaststätte Zum Wildschütz nahe des Borsigplatzes gegründet wurde. Dass der BVB zunächst in den Vereinsfarben Blau und Weiß spielte, hat einen ganz speziellen Charme.

Das Museum ist weiträumig und in einzelne offene Parzellen gegliedert. Die Ausstellung beginnt mit einem Nachbau der historischen Gründungs-Gaststätte und führt über die ersten Jahre hin zur Oberligageschichte. Über die Bundesligajahre, die Stadiongeschichte, der Europapokalwand, kamen wir zu einem Kino, bestückt mit Schalensitze des alten Stadions. Viele Monitore zeigen zudem Filmausschnitte historischer Spiele, der Europapokalsieg 1966 sicherlich als Höhepunkt der Vereinsgeschichte, deren Helden Siggi Held und Lothar "Emma" Emmerich eigene Vitrinen gewidmet wurden, Fanchoreographien werden in einem großen Fanbereich ebenso gezeigt wie ein Modell des alten Westfalenstadions; eine eigene Station ist der Derbygeschichte gewidmet und bei unserem ersten, notgedrungen oberflächlichen, Besuch fiel uns die Eintracht nur ein einziges Mal auf. Wir entdeckten den Adler in den Tabellen des 37. und 38 Spieltages der Saison 1991/1992. Bedankt.

Ein weiter Skandal schloss sich unmittelbar an. Gedankenverloren betrachtete ich eine Vitrine als ich einen Klapps auf dem Hintern verspürte. Als ich mich umdrehte erkannte ich wider Erwarten nicht Pia, sondern ... Emma.

Emma ist das Dortmunder Plüschmaskottchen, benannt nach Lothar Emmerich und stellt die Biene Maja da. Sieht kreuzdämlich aus und befand sich auf dem Weg zum Spiel. Und haute mir mirnichtsdirnichts auf den Hintern. Ich war zu verdattert, um zu reagieren und gab den Fall weiter an unsere Adler - mit der Bitte um Rache.

Die Schatzkammer mit Kopien der wichtigsten Pokale durfte nicht fehlen, überflüssig die Fan-Karaoke-Box, nett das Quiz: 6 von 10 Fragen richtig beantwortet - seit gestern bin ich offizieller Nachwuchs-Borusse.

Lasst mal stecken. Witzig waren die Kickertische; während so ziemlich jeder Kicker mit dem klassischen 2-5-3 agiert, konnte man hier auch mit einem 5-4-1 oder 4-4-2 spielen. Pfiffig.

Vielleicht schreibe ich die Tage noch mal einen ausführlichen Bericht über das Borusseum, in dem man sich schon die Zeit vor dem Spiel vertreiben kann; jetzt aber betrachteten wir aus einem Fenster den Einmarsch der Frankfurter Zugfahrer und verließen die Historie, um uns der Gegenwart zu widmen.

Vor unserem Eingang trafen wir auf Max und Dominik sowie einige andere Ultras und unterhielten uns über den letzten SAW, die Aktionen in Nürnberg: Gut: Mütze. Schlecht: Böller, während Kroni und Celi, Ben und ZoLo zu uns stießen. Ruckzuck näherte sich der Anpfiff und wir schoben uns durch die unspektakuläre Eingangskontrolle. Mit Entsetzen sahen wir, dass sich Menschentrauben um den Eingang 61 scharten; der Block schien voll. Wir quetschten uns dennoch hinein - wurden zunächst durch die Massen hin und her geschubst, trafen Daniel um uns dann nach links oben zu verkrümeln. Prompt trafen wir auf Suse und Mülli sowie propain, der den sonst mitreisenden Arne ersetzt hatte. Auch Donna hatte sich in die Ecke verzogen. Die Sicht war gut, die Hütte ziemlich voll und Emma wackelte über das Spielfeld, als wäre nichts geschehen. Auf dem Platz, der arg ramponiert aussah, schwenkten Hundertschaften Fahnen; aus den Boxen blubberte das unvermeidliche you'll never walk alone, die überschätzteste Kurve der Welt, die gelbe Wand, war auch da und dann ging's los: Die Eintracht ganz in Rot, wobei das Rot der Hosen nicht exakt zum Rot der Trikots passte. Dankenswerter Weise hatte Trainer Skibbe nicht an der Aufstellung des letzten Wochenendes festgehalten. Franz war nach Innen gerückt, Chris auf die Sechs, Jungs nach rechts hinten und Liberopoulos auf die Bank.

Bissig ging es zur Sache, nach acht Minuten schlug Nikolov einen langen Ball nach vorne, Meier verlängerte zu Altintop, dieser passte ihn zu Ochs und dessen gefühlvolle Flanke wuppte Benny Köhler, der sich clever in Stellung gebracht hatte, per Kopf zur Frankurter Führung ins Netz. Wir lagen uns unverhofft in den Armen. Jawoll. Es ging nun Schlag auf Schlag, Altintop hatte eine Chance, doch Ziegler holte ihm den Ball vom Fuß - in der 17. Minute dann der Ausgleich. Zidan hatte abgezogen, der Ball kam zum wenige Meter vor dem Tor völlig frei stehenden Hummels und dieser ließ Nikolov keine Chance.

Köhler hatte die erneute Eintrachtführung auf dem Fuß, Ziegler konnte noch so eben klären, doch nur Sekunden später lag der Ball eigentlich schon im Tor, Altintop hatte alles richtig gemacht, Ziegler war geschlagen und urpötzlich erstarb der Torschrei auf den Lippen; artistisch hatte Hummels einen Ball, der ins Tor gehen musste, noch auf der Line rutschend erwischt.

Kurz danach segelte Altintop durch die Luft, doch leider auch der Ball am Tor vorbei. Nikolov musste dann noch einmal gegen Barrios klären - und so ging es nach einem klasse Spiel mit dem 1:1 in die Pause. Höhepunkt des Dortmunder Support war ein Banner gegen Stadionverbote, ansonsten war die steile Südkurve wie immer schön anzusehen - aber leise.

In der zweiten Hälfte sorgte zunächst der zweite Dortmunder Treffer für Frust. Spycher konnte den Ball nicht gescheit klären, die folgende Flanke von Zidan wurde von Nikolov unterschätzt und im Rücken von Sebastian Jung konnte Barrios einhämmern. Doch wer gedacht hatte die Partie sei gelaufen, der wurde fortan von einer starken Eintracht eines Besseren belehrt. Ochs machte Dampf auf Rechts, Altintop wuselte in der Mitte und Franz trieb die Jungs an, Nikolov rettete gegen Valdez und Chris wurde von jenem Valdez dermaßen rüde gelegt, dass nach Schwegler (Nürnberg) und Korkmaz (Köln) der dritte verletzungsbedingte Ausfall nach einem üblen Foul zu befürchten war. Wieder erhielt der Übeltäter nur Gelb, Chris aber konnte Gott sei Dank weiter machen.

Nach einer Ecke wurde der Ball aus dem Dortmunder Strafraum geköpft - dort hatte Jung viel Platz und dessen strammer Schuss schlug - leicht abgefälscht - zum verdienten Ausgleich ins Netz. Der erste Treffer von Jung in der Bundesliga - wir konnten unser Glück kaum fassen. Doch damit nicht genug: Kurz danach setzte sich Altintop schön mit der Hacke durch, der Ball kam zu Teber, der sofort zu Meier passte. Owomoyela trat über den Ball und im Fallen gefühlvollte Alex Meier die Kugel zur erneuten Eintrachtführung ins Dortmunder Herz. Wahnsinn, wir drehten schier durch, von den Dortmundern war jetzt nichts mehr zu hören, umso mehr von uns. Wo ist denn die gelbe Wand donnerte es durchs Stadion und Eintracht, Eintracht. Und tatsächlich, es galt zwar noch ein paar bange Minuten zu überstehen, die Dortmunder verließen in Scharen das Stadion - aber dann war es vollbracht. Der erste Auswärtssieg beim BVB seit 19 Jahren war Wirklichkeit geworden - und zum ersten Mal musste ich meiner Dortmunder Freundin Susi nach einem Spiel hier nicht gratulieren.
Wie geil.
Franz hüpfte vor Freude wie Rumpelstilzchen auf dem Acker herum und wir skandierten Auswärtssieg - nicht als Wunsch, sondern als Gewissheit.
Wie geil.

Wir blieben noch eine ganze Weile im Stadion, genossen das seltene Gefühl des Triumphes und freuten uns über die Rache der Eintracht an Emma. Kein Maskottchen der Welt haut mir ungestraft auf den Hintern. Danke Eintracht.

Auf dem Rückweg warteten lange Schlangen auf den Einlass zu Rammstein, wir verschenkten ein paar Blättchen an ein paar Dortmunder denen zunächst gar nicht auffiel, dass wir Frankfurter sind und marschierten gut gelaunt Richtung Auto. An der U-Bahnstation enterten die Frankfurter den Eingang, ein paar Dortmunder pöbelten von Oben herunter und einer davon war gerade dabei seinen Schniedel auszupacken, als ihm Pia zurief: Lass mal stecken. Der Rudeboy gehorchte aufs Wort.

Kalt war's nur außen, innen wärmte das Glück über einen unerwarteten Auswärtssieg. Der Golf parkte noch brav dort, wo wir ihn verlassen hatten; wir warfen die Jacken auf den Rücksitz und starteten durch. Kurz vor der Autobahn staute sich der Verkehr, doch schon bald ging es zügig weiter. Dunkel die Nacht, die Lichter der Gemeinden neben der Autobahn funkelten wie Glückssterne in die Finsternis, während wir zufrieden als Sieger durchs Siegerland rauschten. Wir überholten hupend den Bus des EFC Stadtallendorf, drehten einem Dortmunder Fanbus eine lange Nase, überquerten die Grenze zu Hessen und sangen zur Musik von Cock Sparrer It's time to make your move.

Frankfurt hatte uns gegen Elf wieder. Zu allem Überschwang hatte ich im Tippspiel des Blog-G das erste Mal den Tagessieg errungen. Ein geiler Tag. Pia konnte sich gar nicht mehr einkriegen, im DSF lief die Zusammenfassung des Spiels und sie hüpfte durch die Wohnung: Wie geil.

Genau das war es.



Fotos: Pia und Beve

Sonntag, 16. November 2008

Heimspiel in Dortmund - 15.11.2008

Grau.

Grau.

Grau.

Der Morgen. Der Tag. Das Spiel. Der Morgen danach. Volkstrauertag.

Doch der Reihe nach: Samstag morgen um 8:45 wurde ich geweckt - und war erstaunlich frisch für die Zeit. Pia war schon unterwegs gewesen, Brötchen kaufen - und die Rundschau, die mich letzte Woche geärgert hatte, bezeichnete die Frankfurter Zeitung doch das Eintracht-Museum als zweitwichtigste Pilgerstätte für historisch interessierte Fußballfans nach dem Hermann-Nuber-Denkmal in Oxxenbach. Leider finde ich keinen Online-Beleg für jene Worte der zweitwichtigsten Zeitung für Frankfurt, Premiumpartner der Eintracht ist ja bekanntlich die Frankfurter Neue Presse.

Gegen halb zehn marschieren Pia und ich zur stillgelegten Shell-Tankstelle am Nibelungenplatz, wo Peter schon auf uns wartete; ein Hallo und ein Morsche und nach Begutachtung der modernen Front-Kamera am Auswärts-Toyota ging's los auf die A661, auf die A5 - die üblichen Highways auf dem Weg Richtung Westen. Diesig der Tag, das schwere Grau drückte die Farbe aus dem Tag, mal zügelte eine blaue U-Bahn nebenan durch die Gegend, mal eine rote Eisenbahn, ansonsten hing der Dunst schwer in den Tälern der Republik. Blattlos die Bäume, deren Gerippe in den Tag ragten, als reckten sich knochige Finger in die feuchte Luft.

Einen letzten Hessen-Italo-Kaffee nahmen wir an der Raste Herborn für den Preis eines Kleinwagens, eine Cigarette vor der Tür dazu Dann: A45, Sauerland, Lüdenscheid-Süd. Wir wurden ehrenhalber fotografiert, ein Wagen stand an der Seite und begrüßte hurtige Neuankömmlinge und ich schickte meiner Dortmunder Freundin Susi traditionsgemäß eine SMS mit dem Text: Heute gibbet auffe Öhrchen, die SGE ist da.

Wir rollten an der Eintrachtstraße vorbei Richtung Stadtmitte, passierten den Adlerturm und folgten dem Navigationssystem, welches uns exakt die zu fahrenden Kilometer und die zu fahrende Zeit bis zum Ziel angezeigt hatte: Dortmund, Borsigplatz, den wir gegen 12:15 erreichten, die letzten Kilometer begleiteten uns Led Zeppelin, nicht neu, aber gut. Wanna whole lotta love?

Ärmlich wirkt die alte Heimat der Borussia, beim letzten Ausflug anlässlich des Pokalspiels vor fast genau einem Jahr hatten wir hier eine Kneipe namens Big Boss entdeckt und freuten uns schon auf die Einkehr. Schon beim Öffnen der Tür erkannte uns die Wirtin und begrüßte uns herzlich mit den Worten ah, die Frankfurter. Sie lachte Pia an: Ich habe sie gleich erkannt. Wir bestellten zwei Schöppchen und einen Apfelwein, der sich für Peter zwecks Fahrerei in eine Cola verwandelte. Leer war der Big Boss, einzig Anni saß am Tresen, rauchte Cigaretten mit Spitze und erzählte uns, dass Verwandschaft in Stadtallendorf wohnt. Kennt ihr Stadtallendorf, das Hotel da, da war ich schon. Wir kannten Stadtallendorf, dass Hotel da allerdings nicht und bestellten weitere Schöppchen. Wir erfuhren, dass die gehäkelten WM-Fähnchen, die uns letztes Mal noch schwer beeindruckt hatten, noch in der Wäsche waren - und das der Big Boss im nächsten Jahr schließen wird, zuwenig sei los, wenig Jugend und die Älteren stürben weg oder hätten kein Geld. Ein BVB-Dackel wachte auf dem Musikautomaten, den ich mit ein paar Münzen fütterte, und drückte Lieder wie Erna Schybulski oder auf besonderen Wunsch Annis Freddie Brecks Rote Rosen. Anni stand zudem auf Schalke. Ein Dortmunder Original quasi.

Zwei weitere Gäste enterten den Big Boss, wir schwatzten und lachten, bis uns der Hunger in die Nahe gelegene Pommes-Bude im Gründungshaus der Borussia trieb. Currywurst, Pommes, Bier - es ist das einfache Leben, das uns erfreut, und das doch peu a peu ausstirbt; vielleicht ist die aktuelle Bundesligatabelle ein Spiegelbild gesellschaftlichen Lebens: Entweder bist du oben dabei - oder Bodensatz, jederzeit in der Lage, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Wir verließen das Herz Dortmunds und suchten unseren Weg via PKW zu den Parkplätzen am Stadion, bei Eintracht Dortmund wurden wir fündig. Da wir nicht die einzigen waren, reihte sich Peter in die Schlange ein, während Pia und ich uns Richtung Gästeblock aufmachten, und für unseren Fahrer noch eine Karte erstanden. Gegen die üblichen Gepflogenheiten, gab es dann im Stadion noch einen Schoppen, schließlich hatten wir dem GründelHeinz versprochen, noch einen BVB-Becher mit zu bringen, und so hielt ich den Herrn Metzelder in der Hand, 3,50 + Porto.
Im 61er war es dann recht voll, die Sicht von unserem Platz ganz ordentlich, gegenüber die gelbe Wand, jede Menge gelbe Fahnen auf dem Platz und dazu das übliche You'll never walk alone.



Kaum war das Spiel angepfiffen, hüpfte Nikolov nach einer Ecke an der Kugel vorbei und Subotic köpfte zum 0:1 ein. In der 19.Minute klingelte es zum zweiten Mal, Fink verlor den Ball im Mittelfeld, zackig kombinierten die in schwarzen Trikots und gelben Hosen kickenden Dortmunder nach vorne, Blaszczykowski umkurvte Galindo, passte zu Hajnal, der keine Mühe hatte, den Ball ins Tor zu kicken. Zeit zum Ärgern blieb nicht viel, denn schon sieben Minuten später flankte Hajnal auf Subtoic, der zum zweiten Mal ins Tor köpfte.

26. Spielminute - 3:0 für Dortmund.

Oleeeeeeee super BeeVauBee tönte es über die Lautsprecher - und der Drops war gelutscht. So ganz wollte ich die Hoffnung jedoch nicht aufgeben - jetzt noch den Anschlusstreffer,und alles wäre noch drin, so hoffte ich, zumal erst Kehl und dann Valdez auf Dortmunder Seite den Platz verletzungsbedingt verlassen mussten - vergeblich.

In der Zweiten Halbzeit vehinderte Nikolov mehrmals in letzter Sekunde ein weiteres Tor, das dann in der 69. Minute doch noch fiel. Zum dritten Mal bereitete Hajnal einen Treffer vor, diesmal hieß der Torschütze Santana. Was folgte war eine Einwechslung Caios, mehrere Hinfaller Fenins, ein nicht gegebener Abseitstreffer der Gastgeber und dann Torjubel der Eintrachtfans; gleich fünfmal wurden imaginäre Treffer gefeiert - allein die beiden Anzeigetafeln verkündeten einen 4:0 Heimsieg der Borussia gegen die Eintracht.

Wir verließen den Block, Dortmunder und Frankfurter mengten sich friedlich beim Abgang, ich entdeckte einen handgestrickten Schal aus den Siebzigern, und so trieben wir mit der Menge mäßig gelaunt Richtung Parkplatz. Ein Weilchen standen wir im Stau und alsbald lösten sich die roten Lichter vor uns auf und wir schossen ins frühe Dunkel der Nacht.

Knapp zwei Stunden später hielten wir an der Shell-Tanke, an der wir aufgebrochen waren. Shake Hands, Danke und Gute Nacht. Peter hatte noch ein paar Kilometer vor sich, während Pia und ich Richtung Heimat marschierten. Ich hasse 0:4 Niederlagen in Dortmund. Vor allem, weil mein Handy piepte. Susi fragte nach, wie das mit auffe Öhrchen gemeint war.

So nicht!


Donnerstag, 1. November 2007

Heimspiel in Dortmund 31.10.2007

2. Runde im DFB-Pokal

Mittwoch, 13:00 – Die Sonne beschien die Autobahn A5 aufs herbstlichste, aus den Lautsprechern rockte Phillip Boa Drinking and belonging to the sea und wir fuhren gemächlich Richtung Gambacher Kreuz.
Seit Wochen grüßen uns die braun-orange-grünen Blätter der Bäume entlang der Schnellstraßen, ab und an steigt leichter Nebel aus den Tälern – und aus der Distanz betrachtet wirkt dieses Land wie ein Nachbau aus der Märklin-Modell-Landschaft. Wetterau, Siegerland, Sauerland – wenn du auf der Autobahn dahinsaust und in die Wälder blickst, kommt schon der Wunsch auf, sich in diesen Wäldern zu versenken und sich einem romantisierendem Weltbild hinzugeben, das nicht von den Wirklichkeiten des Alltages dominiert wird, sondern von erhabenen Naturgefühlen aus einer Zeit, in der die Waldgeister noch lebendiger waren als die Spiele der Frankfurter Eintracht, die seit Wochen keine Träume mehr zulassen.

Bei Hagen standen wir in einem Stau, der sich nach wenigen Kilometern auflöste und so rollten wir nach etwas über zwei Stunden an den Westfalenhallen vorbei in Dortmund ein. In einem Wohngebiet zwischen City und Stadion fanden wir schnell einen Parkplatz und marschierten frohen Mutes Richtung Innenstadt, vorbei am Fanshop der Borussia, vorbei an zu vermietenden Ladengeschäften und wunderten uns über die Ampeln, die nicht nur rote und grüne Männchen präsentierten, sondern auch einen bei rot blinkenden Schriftzug: Warte.

In der Innenstadt war Mittelaltermarkt, Händler in mittelalterlicher Kleidung boten nicht nur Hüte aus der Zeit der Waldläufer an, sondern auch Lebensmittel und Schmuck, die sie sich in Talern oder Goldstücken bezahlen ließen, auch getrocknete Wildlilien (orange) und die Rose von Jericho, ein getrocknetes Etwas, dass sich bei Wasserberührung grün färbt und wie eine lebendige Pflanze aussieht, wurde feil geboten. Eine Musikkapelle rockte zu Schalmeienklängen, in einem Gatter tummelte sich eine Wollsau, daneben schnatterten einige Gänse und weiter hinten lag eine schwarz-weiße Sau, an deren Zitzen sechs schwarz-weiße Ferkel um die Wette nuckelten. Direkt daneben gab es die Einzelteile einer anderen Sau zu kaufen. Fische wurden nach alter Art auf Buche geräuchert und an einem weiteren Stand wurde demonstriert, wie aus Flachs gesponnenes Garn produziert wurde. Riffeln, rotten, schäben, hecheln, spinnen. So wurde geflachst. Ein Mann raunte mir (der einen schwarz-roten Schal trägt) zu: Hautse weg, die schwarz-gelben und der Verkäufer der getrockneten Pflanzen verspricht Pia bei einem Sieg der Eintracht einen Fünf-Euro-Gutschein – so ganz scheint selbst Dortmund nicht in schwarz-gelben Händen zu sein.

Irgendwann ruft es Beve, und im Glauben, mich verhört zu haben drehte ich mich um – und erkannte tatsächlich Andy und Dirk, meine ehemaligen Mitstreiter von eintrachtfans.tv, an der Trambahnhaltestelle, die mit einem Prospekt der Dortmunder Fan- und Förderabteilung wedelten. Geboren am Borsigplatz heißt das neue Vereinslied des BVB, für welches geworben wurde und so machten wir uns auf, die Spuren der Geschichte der Dortmunder Borussia zu atmen. Auf zum Borsigplatz.

Die Straßenbahn 404 ruckelte durch die Straßen, der Blick aus dem Fenster gemahnte an Offenbach und ein Fahrgast, der einer Mutter samt Kinderwagen in die Bahn geholfen hatte, gab sich als Aachener zu erkennen und stieg mit uns am Borsigplatz aus. Direkt am Eck entdeckten wir die Kneipe Big Boss und sahen aus den Augenwinkeln durch den offenen Eingang zu Schlagermusik tanzende ältere Menschen – na, wenn das nicht das Herz Dortmunds ist. Wir marschierten hinein, orderten vier Bier, die von der freundlichen Bedienung mit osteuropäischem Akzent sofort gezapft wurden und sahen uns um.

Am Stammtisch saßen einige Leute, Männlein wie Weiblein, allen war das gelebte Leben ins Gesicht geschrieben und alle strahlten ein gleiches aus, nämlich: Das Leben beißt – und wir lassen uns dennoch nicht die Lust verderben, und wenn es nur ein paar Stunden in unserer Kneipe sind, bei Bier und Zigarettenrauch und Schlagern, die von Heimat und Paradies handeln – und manchmal auch davon, dass du schön bist, wenn ich voll bin.

Durch den Raum waren die Fähnchen der WM - Teilnehmer von 2006 gespannt, gehäkelt von den anwesenden Damen während des Sommermärchens, vier weitere kleine Bier und wir kamen mit dem ein oder anderem ins Gespräch und es schien, als hätte der liebe Gott uns einen Platz gezeigt, in dem der Text des alten Peter Alexander-Schlagers Die kleine Kneipe erfunden wurde. Hier fragt dich keiner, was du hast oder bist.

Auf dem Herrenklo hing neben den Urinalen ein weiteres Becken an der Wand, zu hoch, zum pieseln, ohne Wasserhahn und Dirk und ich kamen überein, dass es sich um ein Kotzbecken handeln muss – dieser Gedanke hüpfte einem geradezu ins Hirn und entlockte uns ein breites Grinsen. Nach weiteren vier Bier drängte die Zeit, doch als wir uns grad zum Aufbruch bereit machten, erklärte uns ein freundlicher Dortmunder, dass rund um den Borsigplatz nicht nur Messingplatten mit den Namen verdienter Sportler in die Bürgersteige eingelassen waren, sondern sich nur wenige Meter davon entfernt das Gründungshaus der Borussia befindet. Da wo jetzt die Bude „Pommes Rot-Weiß“ ist.

Wir zahlten sechzehn Euro für sechzehn Schöppchen und dackelten hinaus in die Borussenwelt und fanden einige Messingplatten – unter anderem von der Leichtathletik-Ikone Annegret Richter und von Hans Jürgen Bäumler und Marika Kilius. Marika Kilius? In Dortmund? Hallo, Marika Kilius ist ein Frankfurter Mädchen – da gibt’s mal gar keine Diskussionen. Aber was willst du erwarten in einer Stadt, die sogar eine Möllerbrücke hat.

Die Verkäuferin bei Pommes rot-weiß war nett und bewies Humor. Auf die Frage, wieso es denn hier Essener Pommes gibt, antwortete sie: ich kann sie auch ein bisschen länger drin lassen, dann habter schwarz-gelbe. Wir lachten und lehnten dankend ab.

Neben der Pommes-Bude hing am Haus eine gravierte Metallplatte, durch welche auf die Gründung der Borussia im Gasthaus Wildschütz im Jahre 1909 durch 18 Männer, darunter der Gastwirt Heinrich Trott, hingewiesen wurde.

Dunkel war es derweil geworden, mit der Straßenbahn 404 ging’s zurück in die City und die U-Bahn Linie 42 brachte hunderte Dortmunder und uns Frankfurter Richtung Stadion. Dort kostete das Bier dann drei Euro dreißig, ausgeschenkt vom nächsten Massencaterer und ich fragte mich, wie die Menschen, die am Borsigplatz die Stellung halten, jemals so viel Geld für nen lauwarmen Schoppen aufbringen sollen – gerade in Dortmund, einer Stadt, die lange durch Kohle und Hoesch geprägt wurde, und noch immer im Gegensatz zu München oder Frankfurt als Arbeiterstadt gilt. Ich weigerte mich, eins zu kaufen und werde dies auch fürderhin so handhaben. Egal ob Karte oder bar – ich lass mir doch nicht von den großen Institutionen die paar Märker aus der Tasche ziehen, die so mühsamverdient werden.

Während Dirk und Andy noch zu deren Auto mussten, marschierten Pia und ich zu den Gästeeingängen. Hier ein Hallo, dort ein Guude und bald standen wir im Block 61 und blickten auf die Gelbe Wand. Auf dem Platz wurden große Fahnen geschwenkt, aus den Lautsprechern dröhnte – weshalb auch immer - You’ll never walk alone und wir nahmen zur Kenntnis, dass weder Meier noch Inamoto von Beginn an spielen sollten, dafür Takahara und der wieder genesene Spycher.

Flott ging es los und prompt köpfte Amanatidis nach schöner Vorarbeit durch Spycher in der 10. Minute das 1:0 für unsere Eintracht, die in der Folgezeit noch zwei Chancen hatte. Zudem wurde ein ziemlich eindeutiger Elfmeter für uns verweigert, wie Öri im Stadion deutlich behauptete – und später im TV bestätigt wurde. Pröll musste einmal in höchster Not klären, Kyrgiakos rette auf der Linie und schon in der ersten Hälfte zeichnete sich ab, was später Gewissheit werden sollte. Dede und Tinga rannten, als ging es um ihr Leben, während die Eintracht für meinen Geschmack einen Tuck zu schablonenhaft spielte.

Sekunden nach dem Anpfiff zur zweiten Hälfte fiel der Ausgleich, Pröll hatte einen Ball auf Brzenska abgeklatscht und von diesem hoppelte der Ball ins Netz. Irgendwie fühlte ich mich an das Spiel in Istanbul erinnert – bis auf den gravierenden Unterschied, dass unser Support in der Türkei das Wörtchen anfeuern verdient hatte. Hier feuerte gar nichts – weder auf dem Platz, noch auf den Rängen. Die Dortmunder suchten den Sieg und die Eintracht spielte nicht wirklich so, als stünde der Einzug in die nächste Runde auf dem Spiel und die damit verbundene Hoffnung auf ein erneutes Endspiel in Berlin. Da war kein unbedingter Wille zu erkennen, kein Aufbäumen, keine Leidenschaft, kein auf geht’s, da war nur ein laues Spiel der SGE, das Petric nach etwas über einer Stunde mit einem Distanzschuss entschied, nachdem er sich schon den Ball zehn Meter vorgelegt hatte und kein Frankfurter sich daran störte oder gar eingriff.

Was ebenfalls überhaupt nicht funktionierte, war die Kommunikation zwischen dem Spiel und den Rängen. Lieder singen ist ja gut und schön – von mir aus, wenn wir dreieins führen, auch die Pipi Langstrumpf ist ne prima Sache. Bei einer netten Führung in der zweiten Halbzeit. Aber doch nicht in einem Spiel, dass auf Messers Schneide steht, da will ich Eintracht, Eintracht hören oder Kämpfen und Siegen oder die Hurensöhne, von mir aus Pfiffe gegen den BVB oder einfach nur Eintracht Frankfurt. Ich bin hier nicht beim Arbeitergesangsverein, oder bei der Theatergruppe „Choreographie fürs Auge des Gegners“ – und schon gar nicht will ich mir die Spannung des Spiels nehmen lassen, indem meine Aufmerksamkeit auf das nächste Lied gerichtet wird. Und wenn wieder jemand hinter mir rummault, dass ein paar Leute nicht supporten werde ich grantig.

Wenn ihr Liedchen singen wollt, dann fahrt mit dem Kirchenchor. Unser Support muss gerade bei einem Pokalspiel Einfluss auf dass Spielgeschehen nehmen, muss unsere Jungs pushen und den Gegner verunsichern. Da scheiße ich darauf, dass im Nachhinein irgendjemand was von sah toll aus, wie die Kurve gehüpft ist faselt. Wie kann man bei einem Eckball für uns damit beschäftigt sein, die Arme in der Luft zu koordinieren? Wir sollten den Ball ins Tor blasen, fertig ab.

Weshalb dann Meier für Weissenberger kam und nicht Thurk, dessen beherztes Spiel möglicherweise irgendwann einmal auf seiner Wunschposition hinter den Spitzen für Belebung sorgen wird, bleibt Noch-Trainer Funkels Geheimnis. Es war einfach nur ärgerlich.

Naja, aus der schweigenden gelben Wand wurde gegen Spielende, genauer gesagt: nach deren Führung durchaus eine lautere Wand, der wir wenig entgegen zu setzen hatten, genau wie die Eintracht auf dem Platz – und somit zog der BVB durch dieses 2:1 verdient in die nächste Runde ein – und wir haben leichtfertig ein Spiel und Berlin aus der Hand gegeben, weil Feuer und Leidenschaft fehlten.

Zurück ging es mit der U-Bahn zur Haltestelle Saarlandstraße und zum Auto. Von dort fuhren wir flugs Richtung Autobahn, standen eine dreiviertel Stunde im Stau und sausten dann mit den Klängen der neuen Platte von And also the trees durch die Dunkelheit und stellenweise Nebel nach Frankfurt, vorbei an den Bussen der Griesheimer und Per sempre und landeten müde aber unglücklich im Herzen von Europa.

Schön war der Ausflug – sieht man einmal vom Fußball ab. Und von der Tatsache, dass die violetten Farben des Dortmunder Hauptsponsors im Verhältnis zum dortigen Gelb einfach nur grausam aussehen. Nächste Woche spielt die Eintracht bei den Bayern. Das macht sie dann ohne mich. Da bin ich dann wirklich im Wald. Aber das ist eine andereGeschichte.

Samstag, 4. Oktober 2003

Als Herr Hoffmann und Herr Rosicky Geburtstag hatten

Der Blick aus dem Fenster zeigte Sonnenschein. Selten genug an einem vierten Oktober – schließlich befinden wir uns definitiv im Herbst und im Herbst regnet es. Die Blätter an den Bäumen färben sich gold-rot, die Äpfel wandeln sich zu Süßem, später zu Apfelwein und die Gedanken werden manchmal melancholisch, denn „ ... wer jetzt kein Haus hat, der baut sich keines mehr.“ (Rilke)

An einem anderen Haus wird sehr wohl gebaut, nämlich am „größten Cabrio der Welt “. Und das hat Folgen. Zum Einen wird alles schöner, höher, größer; zum Anderen sind liebgewonnene Gewohnheiten auf den Müllhaufen der Geschichte gewandert, insbesondere diese, sich mit Freunden irgendwo im Block zu treffen.
Wer heute zur Eintracht will, muss vorsorgen, muss Karten „organisieren“ – und sitzt, wenn er Pech hat, meilenweit von seinen Kumpels entfernt. Wenn man noch mehr Pech hat, sitzt man neben „Eintracht-Fans“ alten Schlages, doch dazu später mehr.

Der Autor des Artikels allerdings hat durch eine seltsame Fügung des Schicksals eine Dauerkarte, - zum ersten Mal seit seinem ersten Stadionbesuch Mitte der Siebziger. Und er hat sich diese Dauerkarte erarbeitet. Ich will genau sein: Ich hatte sogar zwei Dauerkarten: Ostkurve, Block 148. Leider ist mein Kumpel Andi dieses Jahr selten in Frankfurt, genau wie Michael oder Holger; die Jungs studieren oder arbeiten in der Republik – und sind die Leidtragenden der aktuellen Situation, denn wer wenig Geld hat, kauft sich keine Dauerkarte auf Verdacht, um am End’ drei, vier Heimspiele sehen zu können. Und wer kurzfristig erkennt, dass es die Zeit zuließe, der könnte sich zwar eine Karte kaufen - und sitzt dann einsam und vereinzelt im weiten Rund. Macht das Spaß? Nicht wirklich, oder?

So landete meine zweite Dauerkarte in den Händen meines ... Vaters. Das ist natürlich klasse, denn es bringt auch im zarten Alter von 39 Jahren noch Freude, mit seinem Daddy ins Stadion zu gehen. Schließlich beginnen die meisten Stories über „seinen Verein“ mit den Worten:

„Na ich muss so ungefähr zehn gewesen sein, als mich mein Papa zum ersten Mal mit ins Stadion genommen hat...“

Und jeder, wirklich jeder kann sich an seinen ersten Stadionbesuch erinnern. Und so ist die Geschichte des Fußballvereins, in meinem Falle der Eintracht, untrennbar verknüpft mit der eigenen Geschichte, mit einer „guten alten Zeit“, in der alles begann ... derweil Muttern zu Hause Kuchen backte, um die Helden zu stärken.

Ich glaube, dass dies mit ein Grund ist, weshalb die Bindung zum Lieblingsverein eine sehr emotionale ist – es ist die Erinnerung an die innigen Momente der Kindheit, in denen man mit seinem Daddy alleine war. Wie oft sind schon Kids mit ihrem Daddy alleine - und machen etwas, woran sie sich ein Leben erinnern? Eben.

Als wir uns um halbdrei an der Louisa trafen, schien die Sonne; der Weg ins Stadion und die Bratwurst schafften wir trockenen Fußes – und hey, ich hatte Geburtstag, da regnet es doch nicht und die Eintracht gewinnt. Auch als Billy Reina das Dortmunder einsnull erzielte, waren wir noch frohen Mutes, schließlich spielte die Eintracht mit zwei, na sagen wir: Stürmern – und wir hatten noch mindestens 78 Minuten Zeit. Außerdem hatte ich mir zum Geburtstag ein Tor gewünscht.

Es tröpfelte.

Nicht viel, aber der Blick hinters Stadion verhieß nichts Gutes. Ich kann mich noch gut an ein 2:2 gegen Waldhof erinnern; auch damals war Daddy dabei, ebenso mein Schwesterchen - und wir standen 90 Minuten im strömenden Regen, nass bis auf die Knochen – trotz Regenschirm. Aber: Unentschieden! Also ...

Es tröpfelte stärker.

Einer der unschätzbaren Vorteile wenn du mit deinem Dad ins Stadion gehst, ist der väterliche Rucksack. Fanden sich gegen Leverkusen (bei 35 Grad im Schatten) Plastikbecher und eine Pet-Flasche Wasser darin, - damals war dies noch erlaubt -, so packte Vater heuer zwei Regenponchos aus. Diese waren zwar nicht schwarz-rot, und wir sahen aus wie zwei Gartenzwerge auf Abwegen – aber wir blieben halbwegs trocken, während vor, neben und hinter uns kein Mensch mehr auf seinem Platz hockte.

Ein Bild für die Ewigkeit: Zwei Frankfurter Buben im strömenden Regen, einer davon permanent Sachen plärrend wie: „Auf geht’s“, „weiter“ und „Außen“, der andere abgeklärt und souverän.

Als der Regen in der zweiten Halbzeit nachließ, kamen die anderen alle wieder und wurschtelten sich umständlich auf die patschnassen blauen Sitzschalen. Und wenn dann von der feinen Gesellschaft einer den Mund aufmachte, dann kamen Sätze wie „Kreuz, der kann nix“ und „Wiedener muss raus“. Oder „Bindewald rennt rum wie Falschgeld“. Sonst nichts!

Klar spielen hier nicht mehr Grabowski oder (Hölzen)Bein – aber die Eintracht hat dieses Jahr nur eine Chance, wenn alle an einem Strang ziehen; wenn wir bis zum Schluss daran Glauben, die Klasse zu halten und unsere Jungs auch bei Fehlern unterstützen. Und wir werden uns daran gewöhnen müssen: Fehler sind Standard, alles was darüber hinaus geht, ist Anlass zu Jubel. Ich würde auch gern „Fußball 3000“ sehen, aber kann ich von einer Drehtür erwarten, dass sie ins Schloss fällt??? Nein, - aber solange sie sich dreht, kann ich damit leben, oder?

Höhepunkt der Vorstellung war der „Fan“, der jedes Mal wenn ich brüllte, mich von der Seite ansah, als hätte ich bei Don Giovanni gefurzt.

Ich meine, das Foul an Cha im Strafraum war selbstverständlich ein Elfmeter, zumindest aus meiner Wahrnehmung, und wer diesen nicht pfeift, der ist halt ein Arschloch. Und das muss gesagt werden. Doch dies blieb meine einzige Pöbelei, ansonsten beschränkte ich mich auf „bewegt euch“ und so was, aber der Kerl blickte mich bei wirklich jeder Äußerung schräg von der Seite an.

Wegen solchen Knalltüten, können meine Freunde nicht neben mir sitzen. Schlimm ...
Unten brachten Lexa und Jones frischen Wind. Jetzt geht was.

Noch zehn Minuten.
Noch fünf Minuten.
Noch drei Minuten.
Wann fällt endlich der Ausgleich? Ich habe mir doch ein Tor gewünscht, dass muss doch noch fallen.
Noch eine Minute: Kopfball Chris, ich springe auf, - scheiße, auf der Linie geklärt.
Och menno ...
Schlusspfiff.
Verloren.
Weiter geht’s.

Auf dem Treppenabgang sang ein Dortmunder „die Frankfurter sind scheiße“. Ich pfefferte ihm ein „Benimm dich“ entgegen – und er war tatsächlich ruhig.

Wie blöde kann man eigentlich sein? Ich meine, wenn statt meiner (aufgeklärt, humanistisch und nüchtern) ein anderer gelaufen wäre, der hätte der Biene Maja kurz und schmerzlos eine übergebraten. Wie in jedem anderen Stadion der Welt. Glück gehabt, Kollege.

Und so sind wir durch den Wald zurück zum Auto gelaufen, (Daddy schenkte mir noch ein „Werther’s Echtes“), haben die Ponchos gut verpackt - und abends meinen Geburtstag gefeiert. Denn da weder die Hertha, noch Gladbach, noch Lautern, (später noch Rostock) gewonnen hatte, sah doch alles halb so wild aus. Und das Tor, dass ich mir sooo gewünscht hatte, fällt. Da bin ich sicher. Und wenn nicht gegen die Löwen (Endstand 0:0), dann gegen Köln.

Übrigens hatte auch Tomas Rosicky Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch.