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Sonntag, 8. Februar 2009

Eintracht Frankfurt - 1.FC Köln 2:2


Da war es also, das erste Heimspiel im Jahr 2009.

Es begann mit Regen, es endete mit Regen. Schon früh machten wir uns vom Nordend in Richtung Oberrad auf; ich brauchte noch ein paar Sachen - eine regenfeste Jacke zum Beispiel - und alsbald rollten Pia und ich durch die Oberräder Gärten über den Sachsenhäuser Berg in Richtung Louisa, dem Ort, an dem nicht nur das Fanhaus der Eintracht steht, sondern auch seit Jahr und Tag unser Auto, wenn die Eintracht spielt. Mit Daddy hatte ich ausgemacht, dass wir uns im Block treffen - so hatten Pia und ich Zeit, uns am Treff Gleisdreieck blicken zu lassen. Wir durchschritten die Unterführung, die sich langsam mit Wasser füllte und marschierten mit schweren Schuhen und leichten Gedanken durch den regennassen Stadtwald - den Weg, den wir schon so oft gegangen sind - man hat machmal das Gefühl, man könnte jeden einzelnen Baum per Handschlag begrüßen. Das Fanhaus hatte geschlossen und bald kamen wir an die Kennedyallee. Scheibenwischer der vorbeifahrenden Autos schwappten mühsam das Wasser von den Scheiben - und ich glaubte mich zu erinnern, dass wir vor gar nicht allzulanger Zeit schon einmal das erste Heimspiel nach der Winterpause gegen den 1.FC Köln hatten. Vor dem damaligen Spiel hieß der Trainer Felix Magath, danach nicht mehr. Heuer wurde der Vertrag mit Friedhelm Funkel, dem derzeitigen Trainer der Eintracht, vorzeitig um ein weiteres Jahr verlängert - und manch einer unter den Fans war nicht so recht glücklich mit der Entscheidung, die nach etlichen kleineren Scharmützeln vom Vorstand vorgelegt und vom Aufsichtsrat im Laufe der Woche einstimmig abgesegnet wurde. Im gleichen Hotel übrigens, in dem meine Schwester vor ein paar Jahren ihre Hochzeit gefeiert hatte. Im Wirtshaus im Spessart.

Wir überquerten die Allee und tapsten die Flughafenstraße entlang, Autos sausten an uns vorbei - und die meisten achteten darauf, dass sie nicht durch die Pfützen fuhren, um die wenigen Fußgänger nicht zu duschen. Viel war noch nicht los, die Ordner in gelben Warnwesten froren im Nass des Tages und wiesen die ankommenden Fahrzeuge durch schweres Geläuf auf die Plätze, die satte 4,50€ kosteten. Schon von weiten erkannten wir den grünen Pavillon, den Arndt bei schlechtem Wetter stets aufbaut, um die muntere Schar halbwegs trocken zu halten. Und da standen sie auch, dicht gedrängt unter dem schützenden Dach, Richi und Laura versorgten uns mit den Bonis, die seit gefühlten Ewigkeiten den Ankommenden zur Begrüßung gereicht wurden, kleine Magenbitter, welche dein Gesicht seltsam verzerrt wirken lassen. Viele User aus dem Forum der Eintracht (und nicht nur) treffen sich hier, trinken Apfelwein und Bier oder essen Frikadellen samt Aioli, welche die Filzlaus unter Zurhilfename etlicher Kilos Knoblauch zuzubereiten versteht. Es ist immer wieder schön, altbekannte Gesichter zu treffen; hier schenkte mir Kine meinen Eintracht-Becher mit Apfelwein ein, (einen Becher, den Pia dankenswerterweise in ihre Tasche gepackt hatte) dort grinste mich Klaus an und sogar Brady wurde gesichtet, für viele ein Phantom aus einer anderen Welt, der Welt des Gebabbels im Forum :-) . Hilde hatte etliche Jungs aus Bröndby im Schlepptau, Bernie seine Tochter - tausend kleine Gespräche und die Zeit vergeht wie im Flug. Richis blauer Focus stand mit geöffneter Heckklappe daneben und der Kofferraum spuckte etliche Schoppen aus; von Zeit zu Zeit wird ein Sparschwein herum gereicht und von den Anwesenden meist ordentlich gefüttert - auf dass auch in der kommenden Woche Speis und Trank parat stehen.

Auffällig ist, dass die Haltung zur Situation der Eintracht; zu Spielweise und Vertragsverlängerung mit dem Trainer unter den regelmäßigen Besuchern der Spiele in der Regel weitaus unaufgeregter gesehen werden, als es sich im Internet darstellt. Wir freuten uns auf das Spiel und zeigten uns zufrieden, dass wir dort waren, wo wir waren. Bald rollte der Zug aus Köln ein, ein paar Sprüche flogen uns aus den geöffneten Fenster entgegen und wir lachten und erhoben unsere Becher und dachten: Fußball!

Ich marschierte etwas später in Richtung Futterkrippe Wach; Matze hatte mich gebeten, eine Videokamera mitzubringen, er wollte die geplante Schweigeminute zu Ehren des im Dezember verstorbenen Alfred Pfaff aufnehmen. Wie immer traf ich noch etliche bekannte Gesichter, ein Guude hier, ein Morsche dort und schon stieß ich auf Matze und drückte ihm die Kamera in die Hand. Am Ultrá-Container vorbei gings zurück über die matschigen Wege Richtung Treffpunkt, ein letzter Schoppen und los gings zum Eingang, der uns wahlweise in die Hölle oder ins Paradies befördern wird - das ist das schöne am Fußball. Hamlet stirbt am Ende immer - die Eintracht aber (und das gilt für jedes Fußballspiel) liefert dir stets ein Schauspiel, dessen Ausgang du nicht kennst. Zugegeben, im Moment läuft das ein wenig durchlässiger: Wir gewinnen gegen die Teams die hinter uns stehen, verlieren gegen die, die über uns stehen und gegen die beiden um uns herum spielen wir unentschieden - von kleinen Ausnahmen einmal abgesehen.

Vor dem Eingang traf ich noch auf Siggi, der im Regen tapfer die Fanzeitung Fan geht vor verkaufte und relativ zügig schlüpfte ich durch die Einlasskontrolle. Pia war schon vorausgegangen und nachdem ich eine Zigmeterbreite Pfütze umrundet hatte trafen wir uns vor dem Block 35, dort schwatzen noch einige Eintrachtler, die über den Rundschau Blog-G zusammen geführt wurden - unter anderem der Spessartadler, den ich vor einiger Zeit irgendwo auf einer Raststätte in Deutschland kennen gelernt hatte - und auch hier freuten sich die Jungs auf das Spiel und waren guter Dinge.

Unsere Heimat ist der Block 41 im Oberrang - und wir machten uns auf den Weg dorthin - just als die ersten Klänge von Im Herzen von Europa ertönten marschierten wir singend die steilen Treppen hinauf und schlängelten uns auf unsere Plätze, Daddy war schon da und auch die Jungs aus Bornheim, die stets vor uns sitzen. Wir begrüßten lautstark unsere Mannschaft (mit der Nummer 29, unser Brasilianer ... CHRIS), gegenüber war der Kölner Block ordentlich gefüllt und schon wurden wir um Ruhe gebeten; die Schweigeminute für Don Alfredo sollte beginnen - ergriffen gedachten wir unserem Ehrenspielführer, sahen einige Bilder seines Lebens auf dem Videowürfel - während die Ultrás eine Choreo vorbereitet hatten. Natürlich pfiffen einige Kölner, was aber der Erhabenheit des Momentes nicht wirklich schaden konnte.


Auf dem Würfel oben wurde dann nicht nur der aktuelle Spielstand eingeblendet, sondern auch ein kleines Bild von Alfred Pfaff, der dann von oben mit ansehen musste, wie ein Eintracht-Fan beim Abhängen der Choreo vom Zaun vier Meter in die Tiefe stürzte - und sich (wie sich später herausstellte) schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzte. Sanitäter eilten herbei, Fotografen versuchten Bilder zu machen, wurden aber von den Fanbetreuern Rudi und ZoLo weggescheucht und es dauerte eine ganze Weile, bis der Verunglückte in einen Krankenwagen gelegt wurde - und bis der Krankenwagen dann losfuhr verging eine weitere Weile.

Dies und der Tod von Don Alfredo drückte natürlich auf die Stimmung und auf den Support; es war recht leise in der Kurve - und die Kölner hatten logischerweise einen gewissen Vorteil. Wobei ich ganz ehrlich der Meinung bin, dass es auf Grund der Häufung unglücklicher Umstände und der damit verbundenen Stille in der Kurve gestattet sein muss, sich grundsätzliche Gedanken zum Thema zu machen. Mir ist völlig klar, dass es zuweilen Wichtigeres als Fußball gibt, viele von uns mussten in den letzten Wochen und Monaten dies schmerzlich erfahren; der Verlust von Freunden und Angehörigen. Und richtig ist auch, dass die Trauer im Rahmen von Eintracht Frankfurt stattfindet, wenn der Anlass gegeben ist. Sei es Banner, Choreos, Schweigeminuten, Video-Einblendungen oder Lied-Einspielungen. Und ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn die Leute aus dem direkten Umfeld, Freunde und Bekannte, nicht willens sind, die Eintracht zu unterstützen; wenn die Gedanken um andere Dinge kreisen und der Support zweitrangig wird. Dennoch bin ich der Ansicht, dass der Support außer in Ausnahmefällen nicht kollektiv unter der Tragik des Einzelnen dauerhaft außer Kraft gesetzt werden soll, schließlich dient die Unterstützung im besten Falle einem Sieg der Eintracht - und die Nachricht, dass die Eintracht gewonnen hat, lässt manche Wunde schneller heilen. Sagen wir es mal so: Wenn ihr erfahren solltet, dass mir irgendetwas zugestoßen ist, dann bitte ich euch darum, neben den obligatorischen Schock-Minuten unsere Jungs lauter als jemals zuvor anzufeuern, peitscht unsere Jungs zum Sieg - und habt kein schlechtes Gewissen dabei; macht die Trauer bunt.

Wir konnten nach dem Unfall des Eintrachtlers die Stille in der Kurve nicht genau deuten. Galt sie Alfred Pfaff - obgleich die Info, dass die ersten 45 Minuten Stille herrschen sollte nicht zu uns durchgedrungen war - galt sie dem Verunfallten, dessen Gesundheitszustand den meisten von uns nicht bekannt war, übrig blieb eine Irritation und zaghafte Supportversuche im Rund die relativ bald verebbten.

Unabhängig davon machte die Eintracht das Spiel, Mondragon, der Kölner Torhüter, konnte einen Schuss Fenins gerade noch so an die Latte lenken und nach einem Freistoß von Steinhöfer (O-Ton Beve: Der ist gut, der ist sehr gut - der ist drin) schlupfte Marco Russ den Ball mit dem Kopf zum 1:0 für die Eintracht ins Kölner Herz. Da von Köln wenig zu sehen war, ging es mit der wohl verdienten Führung in die Halbzeit. Im Gang traf ich schusch, der zum Einen mir berichten konnte, dass der Verunglückte zwar schwere Kopfverletzungen davon getragen hatte, aber ansprechbar war und zum anderen mit mir übereinkam, dass die Zäune unten endlich weg müssen; Banner hin oder her. Im End war es nur eine Frage der Zeit, bis durch die Höhe ein Unfall passiert - der heute leider eingetreten ist. An dieser Stelle gute Besserung und alles Gute dem Eintrachtler, der heute das Gleichgewicht verloren hatte.

Mit Beginn der zweiten Hälfte setzte der Support ein, Martin gab über seine Anlage die Richtung vor und zunächst erscholl aus Hunderten von Kehlen ein Alfred Pfa-aff, Alfred Pfa-aff welches wundersamer jedoch die Kölner zu beflügeln schien - und so kam es, wie es kommen musste. Novakovic nutzte eine Unachtsamkeit der Eintracht-Abwehr und schlenzte die Kugel zum Ausgleich ins Netz. Doch keine fünf Minuten später flankte Steinhöfer auf Fenin und dieser nahm den Ball volley und schickte ihn als Aufsetzer zwischen Mondragon und dem Torgehölz zur erneuten Führung ins Tor der Kölner.

Wenig später konnte Pröll einen Schuss nur in die Mitte des Strafraums abwehren, ein Kölner war zuerst am Ball, Chris stocherte von hinten der Kölner fiel, der Schiri pfiff - zum Entsetzen von uns allen Elfmeter. Und in der Aufregung zeigte der Herr Winkmann gar Chris noch die rote Karte, eine Entscheidung, die weder nachvollziehbar noch begründet war. Der Elfer war ausnahmsweise drin und so wehrten sich zehn Frankfurter gegen elf Kölner und hatten das Glück dann doch noch auf ihrer Seite. Zunächst zoppelten die Herren Russ und Ochs ungeahndet an den Trikots ihrer Gegenspieler und dann tat uns der Herr Ishiaku den Gefallen, eine glasklare Chance zu versemmeln, so dass es am Ende beim 2:2 blieb. Da konnte auch die Einwechslung unserer Nummer neun, Kweuke, nichts daran ändern.

Naja, besser als verloren, dachten wir, beklatschten unsere Jungs und schoben uns dann dem Ausgang entgegen, warfen noch einen kurzen Blick ins Museum, um die Kamera abzuholen und erfuhren, dass sich Frau Pfaff sehr gerührt ob des Gedenkens an ihren verstorbenen Alfred zeigte. Wir erfuhren auch, dass für Don Alfredo sein Lieblingslied gespielt wurde, das kleine Haus am Ende der Welt, leider zu einem Zeitpunkt, als wir noch nicht im Stadion waren.

Und so marschierten wir durch den strömenden Regen zurück, liefen an den regendunklen Autos vorbei, an den Menschenmengen, die sich in die Straßenbahnen schoben und wanderten durch den Stadtwald zurück zu den Autos, Daddy hatte ja auch dort geparkt. BAP sangen einst .. es bleibt länger hell jetzt, obwohl es ist immer noch Februar ... - und wie jedes Jahr dachte ich an den Song Alexandra, nit nor do. Zum einen heißt meine Schwester auch Alexandra, zum anderen blieb es tatsächlich länger hell und zum dritten sind BAP Kölner, was mir aber im Moment völlig egal war.

Die Unterführung an der Louisa war mittig inzwischen völlig unter Wasser, wir wateten hindurch, verabschiedeten uns von Daddy und rollten nach Sachsenhausen, um unsere traditionelle Pizza beim Petro zu verputzen. Dort trafen wir auf Alex, tauschten die letzten Infos aus und tauchten ab ins Dunkel der Nacht. Nächste Woche geht's weiter, ein nächstes Heimspiel wartet auf uns, Wolfsburg kommt - und darf durchaus verlieren. Wir werden das unsrige dafür tun.



Nachtrag:

Pia war nach dem Korrektur-Lesen der Überzeugung, dass die Alfred Pfa-aff Rufe direkt nach der Schweigeminute durchs Rund hallten und nicht erst zu Beginn der zweiten Halbzeit. Dort begann der Support mit Anfeuerungsrufen für die Eintracht. Ganz sicher waren wir beide nicht, falls sich jemand von euch an die Situationen noch genau erinnert, scheut euch nicht, dies hier zu benennen.


Die Fotos sind von Stefan Krieger. Vielen Dank dafür.

Donnerstag, 8. Januar 2009

Der Tag, an dem Alfred Pfaff verabschiedet wurde


Eben noch entzündete ich im Museum nach dem morgendlichen Öffnen das Kerzlein an Alfred Pfaffs Gedenktisch, dann führte ich eine Gruppe Kinder durchs Museum und kurz darauf saß ich im Golf, der nur mühsam ansprang und holte Pia in Niederrad ab. Bedauerlich war nur, dass Rüdiger aka Kid Klappergass nicht mitkommen konnte; sein Rücken schmerzte und zu allem Überfluss hatte ihn eine Grippe erwischt - so dass er, der in seinem Blog aufs Rührendste an Don Alfredo erinnert hatte, leider nicht dabei sein konnte - aber wir haben ihn in Gedanken mitgenommen.

An einer Straßenecke war eine Straßenbahn mit einem PKW kollidiert, an einer anderen gab ein Autofahrer einem anderen Starthilfe und an der nächsten sprang Pia in unser Auto und wir tuckerten über den Sachsenhäuser Berg in Richtung Autobahn A3 Richtung Würzburg. Als uns ein großer Wagen mit Rüdesheimer Kennzeichen überholte, meinte ich spaßeshalber: Jürgen Grabowski - und schon verschwand dieser Wagen weiter vorne am Horizont.

An der Anschlussstelle Stockstadt verließen wir den Highway und rollten auf dem langen Handtuch in Richtung Amorbach im Odenwald. Großostheim, Großwallstadt, Elsenfeld, Klingenberg, Obernburg, Wörth, linker Hand der Main und dazu die verschneiten Hänge des Odenwaldes. Für viele mögen dies bömische Dörfer sein, für mich sind es vertraute Namen meiner Kindheit. Durch den Wald rechter Hand bin ich unzählige Male mit meinem Vater von Mömlingen nach Großwallstadt gelaufen; vom Heimatort meiner Mutter zum Heimatort meiner Tante - und inmitten des Waldes hatte ein Bekannter von uns eine kleine Hütte, wo die Erwachsenen Apfelwein tranken und ich eine Limo bekam.

Heutzutage komme ich selten in diese Gegend - und diesmal war es ein recht trauriger Anlass: In Amorbach sollte heute die Trauerfeier für den verstorbenen Ehrenspielführer der Eintracht Alfred Pfaff stattfinden, jener Pfaff, der noch vor wenigen Wochen im Museum der Eintracht uns allen einen großartigen Abend beschert hatte und am 27. Dezember 2008 verstorben war.

Der Main war im Begriff zuzufrieren und wir erkannten vor uns jenen großen Wagen, der uns schon auf der A3 überholt hatte, ich blickte hinein - und erkannte tatsächlich Jürgen Grabowski am Steuer, der das gleiche Ziel wie wir hatte und sich gewissenhaft an die vorgegebene Geschwindigkeit hielt. Grabi war an jenem Abend im September ebenfalls zu Gast im Museum, ihr werdet euch sicherlich erinnern. Es war ein großer Abend, und für mich sicherlich eines der bedeutensten Eintracht-Erlebnisse aller Zeiten.

Wir kamen wenig später unbeschadet in Amorbach an und erkannten schon von der Bundesstraße aus eine große Kirche mit zwei Türmen, die wir für unseren Zielort hielten. Auf dem Parkplatz des Finanzamtes parkten wir das Auto und marschierten durch den Luftkurort in Richtung jener imposanten Kirche, die wir verschlossen und merkwürdig leer vorfanden - eine ortskundige Dame erklärte uns jedoch den Weg zu einer zweiten Kirche, wenige hundert Meter entfernt - und schon die dort geparkten Wagen verrieten uns, dass wir nun am Ziel waren. Auch ein PKW mit einem Aufkleber der Offenbacher Kickers war zu sehen; jene Offenbacher, die im Endspiel 1959 mit so großer Hoffnung angetreten waren und am Ende doch nur Zweiter wurden. Zeitlebens betonte Alfred Pfaff, dass das Verhältnis der Spieler untereinander außerhalb des Platzes von Freundschaft und Respekt geprägt war und so war es eine besondere Geste, dass Spieler des Erzrivalen vergangener Tage an der Trauerfeier teilnahmen.

War die erste Kirche die katholische St. Gangolf Pfarrkirche, so fand die Trauerfeier in der evangelischen Abteikirche statt. Schon auf dem Weg dorthin begegnete uns Ralf Falkenmayer, auch er einst Gast im Museum, auch er selbstverständlich mit dem gleichen Ziel, wie so viele den Weg in die Barockstadt Amorbach auf sich genommen hatten, um dem Ausnahmefußballer und liebeswerten Menschen Don Alfredo die letzte Ehre zu erweisen.

Vereist waren die Wege und auch in der Abtei klirrte die Kälte und zog streng in die Glieder der Anwesenden, die von Matze Thoma und Billy Ott auf die Plätze geführt wurden. Wir hielten uns zunächst im Hintergrund und betrachteten die Abteikirche, die zwar evangelisch aber keineswegs karg daherkam, im Gegenteil: Prachtvolle Verzierungen an der Decke, Fresken und Stuckarbeiten schmückten den Raum, erinnernd an die Zeit des Rokoko und in der Höhe thronte eine Orgel, die zu den imposantesten ganz Deutschlands gehört. Ein Hut hatte sich ins Weihwasserbecken verirrt, vielleicht hatte ihn Don Alfredos Geist dort abgelegt; Don Alfredo, der im Gegensatz zur prächtigen Kirche allerdings stets bescheiden und mit einem Augenzwinkern aufgetreten ist.

Nun harrten seine staubgewordenen Reste in einer Urne der Dinge, die nun kommen würden; ein freundliches Bild erinnerte an ihn, wie er stets gewesen war: schelmisch lupfte er seine Melone in die Höhe - und er war wohl der einzige, der nicht fror.

Trauerkränze wurden abgelegt, während uns Billy trotz dezenter Weigerung auf einen Platz weiter vorne führte und wir neben Bernd Nickel nebst Gattin und Bernd Hölzenbein auf einer arg wackligen Kirchenbank Platz nahmen. Es waren die Größten der Eintracht Familie, die heute gekommen waren, um sich vom wohl größten Fußballer der Eintracht zu verabschieden. Ich will euch eine vollständige Auflistung nicht zumuten - dies würde zu sehr an name-dropping gemahnen - möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass neben Vorstand und Präsidium auch Vertreter aller Fangruppierungen anwesend waren, selbstverständlich die Mannschaftskameraden von einst - Dieter Lindner sollte später stellvertretend für alle die offiziellen Abschiedsworte sprechen, aber auch ehemalige Präsidenten trauerten mit der Familie, Journalisten, DFB-Vertreter und viele Wegbegleiter aller Altersgruppen froren einträchtig beisammen zu Ehren Don Alfredos.

Eine Pfarrerin führte durch den Lebensweg Alfred Pfaffs, erinnerte an die Jugendjahre des Frankfurter Bubs, den Krieg, der ihn nach LeHavre verschlug und an die Rückkehr nach Frankfurt. In Wirges lernte er seine Edith kennen in Bern wurde er Weltmeister, in Berlin Deutscher Meister - und in Glasgow zauberte die Eintracht unter seiner Regie zunächst im Halbfinale des Europapokals und wenig später gar im Finale, unvergessen das Spiel gegen die Königlichen, das den Ruhm der Eintracht für Jahrzehnte mehren sollte. Nicht unerwähnt blieb die spätere Karriere Don Alfredos als Gastwirt, zunächst in der Weberstraße, dann an der Hauptwache und seit 1971 in Zittenfelden im Odenwald, wo er bis zum letzten Tag lebte und arbeitete. Er, der etliche großartige Ehrungen erfuhr und sogar in die Mannschaft des Jahrhunderts gewählt wurde.

Sie erinnerte an das Gleichnis der Söhne, die vom Vater ein Erbe bekamen und es unterschiedlich verwalteten, Pfaff habe sein Erbe, sein Talent gemehrt und es auf seine Weise genutzt. Mehrmals zauberte die Orgel Melodien aus dem evangelischen Gesangsbuch in die Abtei, gesungen haben wir mehr schlecht als recht, Alfreds Stimme fehlte auch hier an allen Ecken und Enden. Die Familie Pfaff hatte die folgenden Lieder ausgesucht:

Zunächst:

Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer
wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.
Frei sind wir da zu wohnen und zu gehen,
frei sind wir ja zu sagen oder nein.

(Nummer 638 des bayrischen Gesangbuchs)


Später dann:

So nimm denn meine Hände
und führe mich
bis an mein selig Ende
und ewiglich!
Ich mag allein nicht gehen
nicht einen Schritt;
wo Du wirst gehn und stehen,
da nimm mich mit!

(Nummer 376)

und zu guter Letzt das Lied 637:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Zudem ertönte auch eine Melodie, die wohl weniger die christliche als vielmehr die irdische Seite Don Alfredos betonte, ein Lied, welches ihm und seiner Frau sehr am Herzen lag, mir erschien es wie die Melodie von Blueberry Hill, so ich mich nicht vollständig täusche.

Horst R. Schmidt vom DFB erinnerte an die Zeit Pfaffs in der Nationalmannschaft, die wohl erfolgreicher verlaufen wäre, hätte die Größe Fritz Walter nicht auf seiner Position gespielt und Dieter Lindner - wie eingangs erwähnt - an Pfaffs spielerisches und gesellschaftliches Vermögen; er erinnerte an einen Pfaff, der ganze Gesellschaften alleine unterhalten konnte - auch dessen musikalisches Talent tat stets ein Übriges dazu.

Ein Vater Unser folgte und alsbald nahm eine lange Menschenschlange Abschied von Don Alfredo und verabschiedete sich von den Hinterbliebenen mit einem aufrichtigem Beileid.

Dies war er nun, der Abschied von einem Mann, der uns allen in Erinnerung bleiben wird und der den Geist von Eintracht Frankfurt, den spielerischen Glanz und die menschliche Bescheidenheit, die Tragik und Lebenslust gleichermaßen vielleicht mehr verkörperte, als jeder andere Fußballer dieses traditionsreichen Fußballvereins.

Wir stapften gleich vereisten Zapfen zum Wagen, rollten durch den Odenwald und machten noch einen Abstecher in den Heimatort meiner Mutter, nach Mömlingen; warfen einen Blick auf das Haus, in dem der kleine Beve seine Wochenenden verbrachte und auf eine steinerne Mauer mit den Nachbarskindern Fußball spielte und in den Hof des Hauses, wo meine Mutter geboren wurde. Wir folgten den kleinen Gässchen zum Friedhof, wo meine Großmutter wenige Wochen vor meiner Geburt beerdigt wurde und liefen durch die Hauptstraße an der Gastwirtschaft vorbei, zu der mich Großvater stets mit dem Auftrag ein paar Flaschen Bier zu holen hinschickte, wobei selbstverständlich ein Eis für mich dabei abfiel.

Auf dem Rückweg hielten wir in dem Waldstück zwischen Mömlingen und Pflaumheim an einem Mahnmal für einen hier tödlich verunglückten jungen Mann namens Hans Müssig. Es war der 5. November 1971, wir kamen im weißen 68er Opel Kadett meines Vaters wie an fast jedem Freitagabend von Frankfurt hier entlang und wunderten uns über den stockenden Verkehr, bis wir genau an dieser Stelle vorbeikamen und erkannten, dass ein Mensch mit seinem Mofa hier verunglückt war - fünf Tage später sollte er an den Folgen dieses Unfalls versterben. Ich war damals sieben Jahre alt und habe die Bilder jenes kalten Abends nie vergessen.

Später saßen wir in Pflaumheim in einer Wirtschaft, aßen zu Abend und erinnerten uns an den Tag, an dem wir in klirrender Kälte Abschied von Alfred Pfaff genommen haben. Ein weiterer Tag, den wir niemals vergessen werden.

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

So steht es im Psalm 23 und so begann die Trauerfeier in der Abteikirche zu Amorbach im Odenwald. Am 7.Januar 2009.



Das Foto entnahm ich Franks großartigem Eintracht-Archiv.

Sonntag, 28. Dezember 2008

In memoriam Alfred Pfaff



16.07.1926 - 27.12.2008


Foto: Stefan Krieger

Montag, 22. September 2008

Alfred Pfaff und Jürgen Grabowski - Ein Abend im Museum von Eintracht Frankfurt


Es war eine Woche, wie sie nur ganz selten im Leben vorkommt. Zunächst stand Dienstag-Abend ein Heimspiel unserer U23 gegen Hessen Kassel an. Eigentlich nichts so besonderes – bis auf die Tatsache, dass dieses Spiel im Waldstadion ausgetragen wurde – und ich zum ersten Mal nach über sechs Jahren als Stadionsprecher der kleinen Eintracht in der großen Arena übers Mikrofon sprechen durfte. Nervös war ich eigentlich nicht; alleine die logistischen Anforderungen wollten bewältigt werden. Wie klappt die Bedienung des Videowürfels? Wie funktioniert die Musik? Wo ist eigentlich was? Dank Christoph und Air Harry gelang fast alles tadellos, wir sahen ein flottes Spiel, einen Kasseler Trainer, der auch schon für die Eintracht im Uefa-Cup getroffen hatte (Mirko Dickhaut) und letzten Endes einen Ausgleich in der x-ten Minute der Nachspielzeit, der für Kassel eher glücklich zu nennen war. 1200 Fans sahen das Spiel, verteilt in zwei gut gefüllte Blöcke gegenüber sowie in der Mitte der Gegengrade und machten ordentlich Rabatz. Auf der Haupttribüne stand währenddessen ein illustres Grüppchen um Heribert Bruchhagen, Friedhelm Funkel und Bernd Hölzenbein. Weiter unten saß Andi Möller und beobachtete wohl Kandidaten für seinen Club.
Das letzte Mal hatte ich ein Spiel im Innenraum verfolgen dürfen, als Alex Schur in der Nachspielzeit die Eintracht gegen Reutlingen in die erste Liga köpfte – keine fünf Schritte von mir entfernt. Damals hatten der kreuzbuerger Andi und ich auf Grund dubioser Umstände ein Fotografen-Leibchen umhängen und waren kurz vorm Durchdrehen.

So lernte ich letzten Dienstag also die Stadionregie kennen, bin ein bisschen in den Katakomben umher gelaufen und verweilte mit Pia vor dem Spiel ein paar Minuten auf der Eintracht-Trainerbank. War schon groß. Groß war auch die Freude, als irgendwann vor Spielbeginn Motörhead aus den Stadionboxen wummerten, mein klammheimlicher Beitrag zum großen Rock’n’Roll Ding, das immer mehr der durchorganisierten Massenkompatiblen Inszenierung weichen muss. Irgendwann erklang meine Stimme durchs Mikro – nach drei Minuten führte Kassel – am Ende stand ein zweizuzwei durch den eingangs erwähnten Treffer in der überletzten Minute.

Viel Zeit, mich an die Geschehnisse zu erinnern blieb allerdings nicht. Schon zwei Tage später stand die Veranstaltung Der gepflegte Ball aus der vom Museum und FuFa veranstalteten Reihe Tradition zum Anfassen auf dem Programm. Für mich eine große Ehre, wurde ich doch auserkoren, unsere Gäste Don Alfredo Pfaff und Grabi Jürgen Grabowski moderat durch den Abend zu begleiten. Zur Vorbereitung hatte mir Matze noch zwei Ordner mit historischen Dokumenten mitgegeben, die zusammen mit meinen Eintracht-Büchern und den eigenen Erlebnissen das Fundament für eine solide Moderation bilden sollten. Ich las mich durch die Jahre, erinnerte mich an Situationen, die ich gar nicht erlebt hatte (da sie zehn Jahre vor meiner Geburt statt fanden) und tauchte noch einmal in meine Kindheit ein, in der Grabi mein großer Held war. Bergmannsammelbildchen zur WM 1974 kamen mir in den Sinn und eine Zeit, in der ich mit dem viel zu großen Fahrrad meiner zu früh verstorbenen Großmutter in einem kleinen Ort namens Mömlingen Richtung Müllkippe radelte. Normalerweise durchsuchten wir dort ausgediente Fahrradlampen nach brauchbaren Birnchen, doch irgendwann fand ich alte Hör-Zu-Hefte, die ich durchblätterte – und auf Zeichnungen der WM-Teilnehmer Deutschlands stieß. Ich suchte fortan solange, bis ich alle Bildchen hatte – und besonderes Augenmerk richtete ich natürlich auf Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein. Sie waren Frankfurter, so wie ich – und von daher waren wir wir.

Viele Jahre später habe ich die Bilder auf Franks Eintracht-Archiv im Internet entdeckt – und mich riesig gefreut.


Ja und jetzt sollte ich vor versammelten Eintracht-Fans jeglicher Couleur mutterseelenalleine mit Jürgen Grabowski und Alfred Pfaff plaudern, als seien sie gute, vertraute Kumpels – und nicht die größten Spielmacher der Frankfurter Eintracht - zumindest nach dem Krieg. Man muss dazu sagen: Vor Jahren hatte ich einmal die Ehre, Grabi anlässlich der Uefa-Cup-Gala für eintrachtfans.tv zu interviewen. Deutlich zeigt das Videobild meine zittrige Hand in Form eines wackelnden Mikrofons. Und damals hat mir beim Interview niemand zugesehen.

Obgleich ich also inhaltlich gut vorbereitet war, hatte ich doch jede Menge Respekt und hoffte, dass ich nicht inmitten der Helden einen Blackout hinlege, der mich derangiert. Und euch etwas ratlos zurücklässt.

Nachmittags traf ich im Museum ein – und kümmerte mich erst einmal um die Technik, verkabelte Boxen und Mikros, während Pia fleißig Buttons produzierte und Thomas gemeinsam mit Jasmin und Petra das Museum schmückten und vorbereiteten. Matze war damit beschäftigt, die Dinge im Griff zu haben und jeder, der ihn kennt weiß, dass er stets große Sorge in sich trägt, ob die Veranstaltung so läuft, wie er sich das erhofft. Bislang hat’s ja noch immer ganz gut geklappt. Leider kränkelte Steffen - und konnte, wie ich später erfuhr, nicht an der Veranstaltung teilnehmen.

Als endlich die Anlage angeschlossen und der Beamer startklar war, übernahm Pia die Technik und ich beschäftigte mich mit dem kommenden Abend. Das ein oder andere Mal hatte ich den Eindruck, ich hätte alles vergessen, das nur im Entferntesten an Grabi und Pfaff erinnert. Großer Gott, steh mir bei.

Mittlerweile trafen die ersten Besucher ein. Hier ein Hallo zu Frank, dort ein kurzer Gruß, schnell übergab ich Chris und Petra noch zwei Tickets für Rostock und so flogen die Minuten dahin, bis ich von Billy erfuhr: Alfred Pfaff ist da. Oha, Herr Beverungen, jetzt geht es los.

Ich verließ das Museum und marschierte in den Business Bereich, wo Billy mit Alfred Pfaff und dessen Frau Edith beim Kaffee saß. Wir kamen ins Plaudern – und vor allem Frau Pfaff nahm mir die Sorge ab, indem wir uns auch mit Alfred angeregt unterhielten, und sie keinerlei Scheu erkennen ließen. Don Alfredo gab dem HR noch ein Interview – und ich spazierte zurück ins Museum, um nach dem rechten zu sehen. Und eh ich mich versah, kam ER. Jürgen Grabowski, leger in Jeans und Blouson marschierte an uns vorüber. Ich hatte mit Matze abgemacht, dass wir Grabi und Don Alfredo zunächst im Business-Bereich zusammenführen wollten, bevor sie gemeinsam triumphal ins Museum einmarschieren sollten. So fing ich Grabi ab, sprach kurz mit Matze und trat mit Grabi vor die Museumstür. Ein Grüppchen, welches vor der Tür plauderte erstarrte vor Ehrfurcht, während Grabi jedem einzelnen die Hand schüttelte.

Wenig später ging’s wirklich los. An die 180 Eintracht-Fans waren ins Museum gepilgert, um diesem Abend beizuwohnen. Unter ihnen ehemalige Meisterspieler, wie Dieter Lindner, Eintracht-Präsident Peter Fischer, Eintracht-Seele Kurt E. Schmidt. Junge Ultras waren ebenso anwesend, wie Fanclubs oder Mitglieder und Museumsförderer - Eintrachtfans quer durch die Jahre, Forumsleute wie auch Blog-Gler - so Stefan, dessen Fotos schon vielen Freude bereitet haben, einige davon könnt ihr hier sehen. Hier sah ich Ergin, dort begrüßte ich Biber, an der Seite saß Sabine und so weiter, ich könnte noch etliche von euch aufzählen, es war schön, euch gesehen zu haben. Besonders schön fand ich, dass mein Vater, mit dem ich seit Jahren gemeinsam zur Eintracht gehe, auch an diesem Abend anwesend war.

Durch donnernden Applaus bahnten sich Grabi und Pfaff den Weg durch die Eintrachtfans, Alfred Pfaff, standesgemäß im Anzug nebst Krawatte nahm Platz und stützte sich auf seinen Stock, neben ihn setzte sich Grabi, auf der anderen Seite dann euer Beve, vor uns rote Tische und wir wurden von Matze Thoma herzlich begrüßt. Sehr schön von Matze war die Begrüßung auch dreier Eintracht-Fans, die durch ihre Tätigkeit in den letzten Jahren einiges zum Gelingen des Museums getan haben; im Einzelnen Sammlergott Doc Hermann, Archivgott Frank Gotta und die großartige Stimme der leidenschaftlichen Vernunft, Rüdiger Schulz aka Kid Klappergass. Anschließend schwelgte Stefan Minden, Abteilungsleiter der FuFa, in Erinnerungen an seine Kurze-Hosen-Zeit, die im Jahre 1970 eine bedeutende Aufwertung durch den Fußballkünstler Jürgen Grabowski erfuhr – bei der WM in Mexiko als bester Auswechselspieler tituliert. Fortan begleitete Stefan die Eintracht durch die Jahre und begrüßte am heutigen Abend ehrfürchtig unsere Gäste, während er aus einem Text Rüdigers zitierte:

Lasst die angebliche "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer nur als den "Kaiser" durch die Medienlandschaft wandern. Was ist ein "Kaiser" denn anderes, als ein Mensch, der sich über andere Menschen erhebt? Grabi dagegen ist immer einer von uns geblieben, hat uns an seiner Fußballkunst teilhaben lassen und uns so einige wahrhaft göttliche Momente geschenkt.
Danke, Grabi, für jeden einzelnen Augenblick!




Hinter uns drehte sich ein Eintrachtwimpel in einer Vitrine, während wir uns unterhielten, von Zeit zu Zeit flammte ein Blitzlicht auf und oftmals konnte man eine Stecknadel fallen hören.

Alfred Pfaff kam als junger Bub zur Eintracht – zu einem großen Verein wie er sagte. Mit zehn Jahren begann seine Karriere, die ihn über die Kriegsgefangenschaft in Frankreich in den Westerwald führte, wo er seine Gattin Edith kennen lernte. Er kickte für den SC Wirges, (um genau zu sein ein Jahr, wie Frau Pfaff aus der ersten Reihe betonte) ehe das Ehepaar Pfaff nach Frankfurt zurückkehrte. Dort spielte Don Alfredo zunächst ein Jahr für den FC Rödelheim in der Oberliga Süd, um nach dem Abstieg, den auch elf Tore von Pfaff nicht verhindern konnten, anschließend zur Eintracht zurückzukehren. Von 1949 bis 1961 spielte Pfaff 301 mal für die Adler in der Oberliga und traf 103 mal ins gegnerische Netz. Einmal hat er nicht getroffen – im Jahr 1958, als die Eintracht gegen den designierten Absteiger Jahn Regensburg am letzten Spieltag einen Sieg brachte, um als Süddeutscher Meister in die Endrunde einzuziehen. Die Eintracht unterlag 0:1, Pfaff verschoss einen Elfmeter oder wie er sagte: Ich habben net verschosse, der hatten gehalte. Großen Eindruck hinterließ bei ihm nicht nur die Amerika-Reise mit der Eintracht im Jahr 1951, sondern auch die WM im Jahr 1954, als Deutschland Weltmeister wurde und Pfaff beim 3:8 gegen die Ungarn einen Treffer erzielte. Es blieb sein einziger Einsatz bei einer WM, denn Pfaff hatte das Pech, dass ein ganz großer des deutschen Fußballs auf seiner Position spielte – nämlich Fritz Walter. Mit Walter verband Alfred Pfaff ein gutes Verhältnis, ebenso zu Seppl Herberger – der sowohl für ihn, als auch für Grabi ein ganz Großer war – obwohl Pfaff laut Grabi das ein oder andere Mal über Herberger geschimpft hatte. Nicht zuletzt deshalb, weil Alfred Pfaff – hochgelobter Techniker - es unter Herberger nur auf insgesamt sieben Länderspiele mit zwei Treffern gebracht hatte. Wie sagte Herberger über Pfaff? Wenn du den Pfaff aufgestellt hast, kannst du in der Nacht zuvor nicht schlafen. Pfaff antwortete Eija, wenn er des so gesacht hat.

Grabi selbst war zur damaligen Zeit zum einen zu Hause ohne Fernseher und zum anderen Anhänger des 1.FC Kaiserslautern, die zur damaligen Zeit alles beherrschenden Mannschaft in Deutschland. Fritz und Ottmar Walter oder Horst Eckel spielten bei den Roten Teufeln – und so war Fritz Walter das Vorbild des jungen Jürgen Grabowskis.

Wir sahen dann einen Film von Wolfgang Avenarius über die Spielmacher der Frankfurter Eintracht, Pfaff, Grabi, Holz, oder Uwe Bein sausten über den Platz oder lupften die Kugel ins Netz, während Sztani, mit dem Ball zwischen den Beinen durch den gegnerischen Strafraum hüpfte. Möller, Detari, Okochas Zaubertor, Gaudino – sie alle zauberten für die Eintracht und manch einer hätte mit einem eleganterem Abgang an die Tür von Pfaff und Grabowski klopfen können.

Pfaff hingegen hatte schon früh ein Angebot von Atletico Madrid, was dieser aus Heimatverbundenheit ablehnte. Auf meinen Einwand hin, dass dies seine Gattin sicherlich gefreut hatte, antwortete Don Alfredo unter dem Gelächter des Publikums: Finanziell nicht!. In der Tat, es muss ein gutes Angebot gewesen sein.

Natürlich war der Titelgewinn 1959 mit der Eintracht für Pfaff ein Riesen-Erlebnis, seine Frau erzählte, dass sie die Nacht durchgefeiert hatten, um morgens um sechs auf dem Trottoir zu sitzen und Zeitung zu lesen. Don Alfredo pflegte ein gutes Verhältnis zu den Spielern der Offenbacher Kickers – zumindest solange, sie nicht im Spiel aufeinander trafen.

Legendär wurden dann die Halbfinal-Spiele der Eintracht gegen die Glasgow Rangers im Europapokal der Landesmeister. Mit 6:1 und 6:3 behielt die Eintracht sensationell die Oberhand – und die Schotten applaudierten den Eintracht-Spieler Spalier stehend nach Spielende, für Pfaff ein ganz besonderes Ereignis. Im folgenden Endspiel, ebenfalls in Glasgow, unterlag die Eintracht dann dem Seriensieger Real Madrid trotz 1:0 Führung durch Kreß mit 3:7. Laut Pfaff hatte die Eintracht gegen die damals bester Mannschaft der Welt keine Chance – und doch mehrte diese Partie den Ruhm von Eintracht Frankfurt, von dem später auch Jürgen Grabowski zehren konnte.

Für Grabi war dieses Spiel damals natürlich ein Thema. Grabowski, der als Siebzehnjähriger bei seinem ersten Einsatz in der ersten Mannschaft des FV Biebrich mit seinem ersten Schuss gleich ein Tor erzielte. Ich habe den Ball nicht aus einem Meter hinein geschoben, sondern aus 16m ins Tor gehämmert stellte er klar.

Pfaff, der seit 1951 eine Gastwirtschaft betrieb, zunächst in der Weberstraße, dann an der Hauptwache, kaufte im Jahr 1960 einen Landgasthof im Odenwald, genauer in Zittenfelden – und steht diesem bis heute vor. Ob er sich denn über Besuch von Eintrachtlern freue gefragt, antwortete er schelmisch: Isch freu misch über jeden, der vorbei kommt, egal ob Eintrachtler oder nicht.

1961 beendete er seine Karriere bei der Eintracht und siedelte 1971 mit Familie gänzlich in den Odenwald, wo er heute noch lebt. Wenn ihr den Gasthof Morretal findet, so stattet ihm einen Besuch ab – die Pfaffs freut’s.




Im Jahr 1965 wechselte dann Jürgen Grabowski aus Biebrich zur Eintracht. Er hatte zuvor Angebote von Opel Rüsselsheim und SV Alzenborn abgelehnt, beide waren zur damaligen Zeit höherklassige Vereine. Der damalige Eintracht-Präsident Rudi Gramlich, eine formidable Respektsperson, verpflichtete Grabi mit den Worten: Kommen sie zur Eintracht, wir machen einen guten Fußballer aus ihnen. Er sollte mehr als Recht behalten.

Jürgen Grabowski gab sich sehr aufgeschlossen und auskunftsfreudig – und machte es mir unglaublich leicht. Da saß einer der weltbesten Fußballer, Idol einer ganzen Generation von Eintracht-Fans, zweifacher DFB-Pokal-, Uefa-Cup-Sieger und Weltmeister von 1974 neben mir – und zeigte keinerlei Berührungsängste oder herablassende Gesten – im Gegenteil – er zog durch seine offene und ehrliche Art sämtliche Besucher des Museums in seinen Bann.

Gleich in seiner ersten Saison avancierte Grabi zum Stammspieler und traf zehn mal für die Eintracht. Insgesamt sollten es bis 1980 441 Spiele und 109 Tore werden – eine beeindruckende Bilanz. Und dies, obwohl Grabi bis 1974 auf der eher ungeliebten Rechtsaußen-Position zum Einsatz kam – und nicht als Spielmacher – obgleich schon der Knabe Grabowski von der „10“ geträumt hatte.

Mit Grabi kam im Jahr 1965 Trainer Elek Schwartz zur Eintracht, der große Stücke auf den Bub aus Biebrich hielt und ihm das Vertrauen schenkte – im Spiel des Elek Schwartz hatte Grabi seinen Posten auf der rechten Außenbahn und er spielte derart überzeugend, dass Nationaltrainer Helmut Schön ihm im Mai 1966 zum ersten von 44 Länderspielen verhalf – und Grabi mit zur WM nach England nahm. Dort absolvierte Grabi zwar kein Spiel, doch war es für ihn großartig, mit Spielern wie Schnellinger, Seeler, Haller oder Tilkowski im Kader zu stehen, zumal es damals noch keine Ein- bzw Auswechslungen gegeben hatte. Friedel Lutz, Mitglied der Meistermannschaft von 1959, der als weiterer Frankfurter in England dabei war, durfte immerhin einmal ran. Insgesamt kamen wohl bei der WM in England nur 13 Spieler zum Einsatz – die Rotation war noch nicht erfunden.

Grabi erkannte bei der Eintracht schon früh die Hackordnung. Immerhin spielten zu seiner ersten Saison noch die Meister Lindner, Lotz, Loy, Höfer, Eigenbrot, Weilbächer und auch Sztani kehrte zur Eintracht zurück. Ein Lob aus deren Munde galt etwas – und Jürgen Grabowski wusste sich spielerisch durchzusetzen. Grabi, ein Freund flotter Autos, fuhr mit seinem roten Triumph Spitfire gerne offen und holte sich dadurch manch Angina, die ihn dann für eine halbes Jahr außer Gefecht setzte; er kam dadurch in der Saison 67/68 nur zu 17 Einsätzen – und musste knapp vier Jahre auf seinen nächsten Länderspieleinsatz warten.

Pünktlich zur WM in Mexiko besann sich Helmut Schön und griff auf Grabi zurück, dessen ärgster Konkurrent Stan Libuda mit ihm vom Nationaltrainer während der WM auf ein Zimmer gelegt wurde. Grabi und Libuda, begnadete Rechtsaußen, neideten sich nicht die Einsätze und Grabi sprach mit Hochachtung von seinem mittlerweile verstorbenen Kontrahenten.

Libuda spielte von Beginn an – und Grabi erarbeitete sich den für ihn zweifelhaften Titel „Bester Auswechselspieler der Welt.“ Natürlich fuchste es Grabi, nicht zur Nationalhymne auf dem Platz zu stehen – aber die Mannschaft profitierte von seinen Einwechslungen; unter anderem drehten sie im Viertelfinale ein 0:2 gegen England in einen 3:2 Sieg, nachdem der Frankfurter Jürgen Grabowski dabei war.




Als einer der WM-Helden kehrte Grabi aus Mexiko nach Frankfurt zurück und fand sich mit seiner Eintracht in der Saison 70/71 nach siebzehn Spielen und neun geschossenen Toren auf dem letzten Tabellenplatz wieder. Und dies mit seinen kongenialen Mitspielern Bernd Hölzenbein und Bernd Nickel. Damit konfrontiert antwortete Grabi grinsend: Das kann ich mir gar nicht vorstellen.

Nicht zuletzt durch die Reaktivierung Dieter Lindners, gelang es der Eintracht – entscheidend durch ein 2:0 in Offenbach – die Klasse zu halten. Im Sommer flog dann auf, dass etliche Spiele verschoben wurden – der Liga hatten ihren ersten Bundesligaskandal. Dies berührte jedoch nicht die Eintracht, deren Fußballer unter Trainer Erich Ribbeck ordentlich Steigerungsläufe absolvierten. Ribbeck stand bei Auswärtsspielen und Reisen des Öfteren auf der Schwelle und achtete darauf, dass seine Schäfchen nichts anstellten. Auf die Frage Was sie denn hätten anstellen können antwortete Grabi verschmitzt: Das kulturelle Angebot nutzen.

Das Jahr 1974 hielt für Grabi gleich etliche Highlights parat. Da war zunächst die WM im eigenen Land – und gleich zwei Frankfurter waren nominiert. Zum einen natürlich Jürgen Grabowski und zum anderen der treffsichere Stürmer Bernd Hölzenbein. Als die dritte Partie gegen die DDR mit 0:1 in die Adidas-Hose ging, wurde Grabi von Helmut Schön zum Sündenbock erklärt.

Grabi dazu: „Natürlich haben wir schlecht gespielt und ich habe eine Torchance vergeben, dass ich mir das heute gar nicht angucken mag. Aber man hätte die ganze Mannschaft auswechseln können.“

Grabowski wurde gegen Jugoslawien auf die Tribüne verbannt, eine harte Bestrafung für den sensiblen und anständigen, zuweilen von Zweifeln geplagten Frankfurter, der darüber sehr enttäuscht war

Aber es gibt einen Fußballgott – und so wurde Jürgen Grabowski im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden für Dieter Herzog eingewechselt – und erzielte prompt das 3:2, das wichtigste Tor meiner Karriere fügte er hinzu.

Der Lohn waren zwei weitere Spiele, das 1:0 gegen die Polen in der Wasserschlacht von Frankfurt und dann natürlich an seinem 30. Geburtstag am 07.07.1974 in München das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft. Das Ergebnis ist bekannt, Deutschland bezwingt die Niederlande mit 2:1, Holz erarbeitete sich einen Elfmeter – und Deutschland hatte nach Alfred Paff zwei weitere Weltmeister. Der Grabi und der Holz.

Alfred Pfaff hatte bis dato still zugehört – und doch merkte man, dass es für den zweiundachtzigjährigen Don Alfredo mittlerweile anstrengend war, doch er zeigte tadellose Haltung – und dies, obgleich Matze der Familie Pfaff erzählt hatte, dass nach einer Stunde Feierabend sei. Und wir waren weit drüber – und hatten noch ein paar Jährchen mit Grabi zu schildern.

Ein Blick in die Runde zeigte mir, dass ich es wenigstens noch ein paar Minuten versuchen sollte, während Matze mir verzweifelt „Time-Out“ signalisierte.

Grabi hat nach längerer Überlegung dann nach der WM seine Karriere im Nationalteam beendet. Keinerlei Einfluss auf die Entscheidung, hatte die Tatsache, dass am WM-abendlichen Bankett keine Frauen zugelassen waren. Dieser Entschluss sei schon länger bekannt gewesen, die Aufregung darüber künstlich – und er denke auch nicht, dass beispielsweise ein Wolfgang Overath deswegen zurückgetreten sei.

Wenige Wochen nach der WM wurde Grabowski mit der Eintracht Pokalsieger durch ein 3:1 gegen den HSV. Der Kapitän der Eintracht (seit 1969) tauschte nach dem Spiel mit seinem Gegenspieler das Trikot und nahm den Pokal in Empfang. Niemand hatte inmitten all der Freude daran gedacht, dass Grabi durch den Trikottausch bei der Pokalübergabe vor laufender Kamera unfreiwillig Reklame für die Firma Campari machte, dem Sponsor der Hamburger – und eben nicht für den Frankfurter Sponsor Remington. Campari schickte Grabi als Dankeschön anschließend sechs Flaschen Campari – und Grabi ärgerte sich, dass er sie angenommen hatte.

Es war die Zeit, in der Jürgen Grabowski von der eher ungeliebten Rechtsaußenposition ins zentrale Mittelfeld rückte – an die Position, wo er eigentlich immer hatte spielen wollen: Aber ich habe dort gespielt, wo der Trainer mich hingestellt hat, ein Spieler kann sich nicht aussuchen, wo er spielen will antwortete er auf die Frage, ob er vielleicht auch bei der Eintracht auf Außen gespielt hat, um damals seinen Platz im Nationalteam nicht zu gefährden.
Grabi erläuterte, dass der Rechtsaußen in der Nationalmannschaft eine völlig andere Bedeutung hatte, als bei der Eintracht. Konnte Grabi mit dem Ball am Fuß in Frankfurt in die Räume gehen und spielgestaltend wirken, so hieß es bei Helmut Schön: Außen bleiben und bloß nicht in die Mitte gehen, um die Räume für die Mittelfeldheroen nicht zu eng zu machen. Das hieß für die Außenstürmer, dass sie aus dem Spiel waren, sobald sie keine Bälle bekamen. Unbefriedigend für einen Virtuosen wie Jürgen Grabowski.

Nur ein Jahr nach dem Pokalsieg 74 hielt Grabi den Pokal erneut in den Händen, die Eintracht wurde erneut Pokalsieger. Und Grabi wurde der beste Mittelfeldstratege der Liga, brillierte durch Technik und Torgefahr und blieb später unter Trainer Lorant in zweiundzwanzig Bundesliga-Spielen ungeschlagen.

Eher hart verliefen für den Spielmacher der Eintracht die letzten beiden Jahre seiner grandiosen Karriere. Kämpfte er sich nach langwieriger Verletzung wieder ins Team, so schien Trainer Rausch darüber nicht sehr erfreut zu sein, er wollte nicht auf Grabi bauen, kam aber ob dessen gezeigter Leistungen nicht drum herum, bis am 15. März 1980 ein völlig unnötiger Tritt des jungen Ehrgeizling Lothar Matthäus während des Bundesligaspiels gegen Mönchengladbach die Karriere des Jürgen Grabowski beendete. Noch kämpfte Grabi um seine Spielfähigkeit, doch alle Physiotherapie sollte nichts nutzen. Die beiden Endspiele im Uefa-Cup, ebenfalls gegen Gladbach mussten ohne den verletzten Spielführer statt finden. Die Eintracht holte den Cup durch den Treffer des unvergessenen Fred Schaub. Holz bekam als stellvertretenden Kapitän den Pokal in die Hände gedrückt und übergab ihn dem nahestehenden Jürgen Grabowski, während 60.000 Zuschauer im Waldstadion dessen Namen skandierten. Für Grabi bewegend und schmerzhaft zugleich, wie gerne wäre er dabei gewesen. Trauer und Freude verschmolzen zu einem Moment erhabener Traurigkeit.

Auf das neuliche Nachtreten von Matthäus, der ernsthaft behauptet hatte, dass Grabi zum einen gar nicht getroffen wurde und zum anderen eine gute Versicherung abgeschlossen hätte, reagierte dieser, wie nur ein ganz Großer reagieren kann. Er stellte direkt klar, dass er die Versicherung über seine Verletzung nicht informiert hatte, da sein Vertrag in zwei Monaten ohnehin ausgelaufen wäre – und er sich albern dabei vorgekommen wäre, einen auf „Sportinvalide“ zu machen.

Jürgen Grabowski im Museum: Matthäus sportliche Fähigkeiten sind unbestritten, nicht umsonst hat er über hundert Länderspiele. Seine Defizite liegen eher in anderen Bereichen. Der Beifall der Eintrachtler war ihm sicher.

Jürgen Grabowski hatte sich während seiner ganzen Karriere anständig verhalten – und musste dabei manch Tiefschlag einstecken. Auch heute, nach all den Jahren gab sich Grabi, wie wir ihn schätzen gelernt hatten.

Er bedankte sich bei allen Anwesenden für die ihm dargebotene Anerkennung und so ging unter stehenden Ovationen eine Veranstaltung zu Ende, deren Hauptdarsteller Don Alfredo und Jürgen Grabowski großartig gezeigt hatten, weshalb sie wurden, was sie sind. Die wohl größten Fußballer, die die Eintracht jemals hervor gebracht hat.

Matze verteilte noch ein paar Präsente, unter anderem ein Eilpäckchen von Henni Nachtsheim, (der auf Grund eines Auftrittes leider nicht selbst dabei sein konnte) an Grabi und Don Alfredo und verabschiedete sich dann von unseren Gästen. Ein paar offizielle Fotos wurden geschossen und sogleich schnappte sich Frau Pfaff ihren Alfred, während Jürgen Grabowski noch Hunderte von Autogrammen schrieb, geduldig und unprätentiös jede Frage beantwortete und dabei immer wieder freundlich in eine Kameras lächelte. Trikots wurden zum unterschreiben vorgelegt, Bücher, Photos und jeder freute sich, ein Wort oder ein Foto zu erhaschen. Sogar Roland, der es leider nicht zur eigentlichen Veranstaltung geschafft hatte, wartete nun in einer Schlange für eine Unterschrift – und saß auf glühenden Kohlen, weil die Arbeit wartete. Ich schob ihn ein wenig nach vorne und nur wenig später musste ich einen Mann fast zwingen, nach vorne zu Grabi zu kommen. Jemand, der den allergrößten Respekt vor Grabi zeigte, dem der bloße Anblick Gänsehaut verschaffte – und der sich partout nicht bewegen lassen wollte, näher an sein Idol heranzutreten. Doch es gelang mir, Kid Klappergass zu Grabi zu lotsen – und als dieser erfuhr, dass es Kid gewesen war, der die von Stefan zitierten Worte verfasst hatte, bat er Rüdiger um eine Kopie des Textes, ein Autogramm gab es dazu – und ich denke, unseren Kid hat’s gefreut. Er hatte zumindest feuchte Augen in diesem Moment – und ich denke, nicht nur in diesem. Auch wenn er die Lobhudelei gar nicht gerne liest - da muss er jetzt durch.

So langsam begriff ich, was da an diesem Abend vonstatten gegangen war, begrüßte Öri hinter dem Tresen, orderte ein Bier – und war einfach nur glücklich.

Wahnsinn, Jürgen Grabowski und Alfred Pfaff.




Ja, so war’s – damals, als der gepflegte Ball im Museum zu Gast war. Damals, am 18 September 2008. Und wir waren dabei. Vielen Dank.





Die Karikaturen von Grabi und Holz sind dem Archiv von Frank Gotta entnommen, die Fotos von Stefan Krieger vom Blog-G.

Danke dafür.

Mittwoch, 28. November 2007

Das Eintracht Frankfurt Museum


Während sich im November 2007 die Profi-Mannschaft der Frankfurter Eintracht standhaft weigert, ein Pflichtspiel zu gewinnen, wird unweit des Spielfeldes im Frankfurter Waldstadion Geschichte geschrieben. Nach langen Jahren des Sammelns und Archivierens, nach vielen Worten, endlosen Bitten und Kämpfen hat es Matthias Thoma endlich geschafft: Das Museum der Frankfurter Eintracht eröffnet seine Pforten und zeigt in einer Dauerausstellung Exponate von den Anfängen der Eintracht im Jahre 1899 bis Heute, 2007.


Eigentlich hieß die Eintracht anno 1899 noch gar nicht Eintracht, erst im Jahre 1920 taucht der Begriff - Eintracht - offiziell im Namen des Sportvereins auf. Vielleicht begann alles sogar noch viel früher, 1861 nämlich, als Frankfurter Turner die Frankfurter Turngemeinde gründeten oder 1894, als es einen Fußballclub mit dem Namen Germania gab, aus dem heraus sich am 8.März 1899 der Frankfurter Fußball-Club Victoria von 1899 gründete. Erster Vorsitzender des FFV war der Uhrmacher Alfred Pohlenk, der damals in der Eckenheimer Landstraße 57 wohnte und dessen filigranes Werkzeug heute zusammen mit einem alten rot-schwarz-weißen Wimpel und der Gründungsurkunde der Victoria in einer Vitrine im Museum der Eintracht zu bestaunen ist.


Neben der Victoria gründete sich 1899 noch ein weiterer Fußballverein, nämlich der Frankfurter Fußball-Club von 1899, welcher sich kurz darauf mit den Männern der Frankfurter Kickers zu dem Frankfurter Fußball-Club Kickers von 1899 vereinte. Diese wiederum vereinten sich mit der Victoria im Jahre 1911 zu dem Frankfurter Fußballverein (Kickers-Victoria) von 1899, welcher wiederum mit der Turngemeinde von 1861 im Jahre 1920 zu der Turn- und Sportgemeinde Eintracht Frankfurt von 1861 fusionierte - und da haben wir sie also, unsere Eintracht. Ganz schön kompliziert, gell?


Und diese Eintracht, die sich 1927 von den Turnern wieder trennen musste und sich fortan Sportgemeinde Eintracht Frankfurt (F.F.V.) von 1899 nannte, hat nun ein eigenes Museum. Und dieses Museum ist nicht wie manch einer meinen könnte auf umtriebige VereinsBosse zurück zu führen, sondern auf: Fans der Eintracht. Diese nämlich fanden zum Beispiel vor einigen Jahren die Gründungsurkunde und den Wimpel zur Deutschen Meisterschaft auf dem - Müll. Ja, ihr habt richtig gelesen. Und so kam es, dass besagter Wimpel nicht nur einige Wochen über dem Bett des Herrn Kaufmann hing, sondern sich einige Fans Gedanken über ein Archiv machten - und in stillen Nächten sogar von einem eigenem Museum träumten. Mittlerweile hatte sich die Fan- und Förder-Abteilung gegründet und präzisierte den Gedanken des Eintracht-Museums, während sich Matthias Thoma an die Arbeit machte und die Geschichte der Eintracht archivierte. Unterdessen hatten Fans Geld gesammelt - und unter Federführung der FuFa Replikate sowohl der Meisterschale, als auch des DFB-Pokals und des Uefa-Cups herstellen lassen. Die Zeit zog ins Land, eine Museums-Arbeitsgruppe gründete sich, die WM brach über uns herein und brachte uns ein neues Stadion und als die WM Geschichte war, gelang es der Eintracht nach langem hin und her, einen 402 qm² großen Raum anzumieten, der die Heimat des neuen Museums werden sollte. Dies alles liest sich locker fluffig - aber die Entwicklung war holprig und wäre Matze Thoma all die Jahre nicht hartnäckig am Ball geblieben, es gäbe bis heute kein Museum. Und es hätte keine Eröffnung gegeben, die am Abend des kalten 27. Novembers 2007 für geladene Gäste statt fand. Noch kurz vor Erscheinen der Presse war Matze ein Nervenbündel, noch mussten Vitrinen und Pokale geputzt werden, während die freundlichen Fachleute der Firma Holz und Stahl die letzten Schrauben eindrehten. Sogar beim Hemdenbügeln wurden sie gesichtet.


Seit August waren die Jungs am Arbeiten, nachdem sie die Ausschreibung auf Grund des gelungenen Konzeptes gewonnen hatten. Alle Bauteile sind Einzelanfertigungen, jedes Gewinde wurde eigenhändig geschnitten - und so ist schon die Erscheinung des Museums ohne ein einziges Ausstellungsstück bewundernswert.

Am Nachmittag des 27.11 drehte zunächst der HR seine Runden im Museum der Eintracht, interviewte Matthias Thoma und machte bald Platz für die Journalisten der schreibenden Zunft, die - bewaffnet mit Kamera und Notizblock - zunächst den einführenden Worten Matzes lauschten, um danach die Exponate zu fotografieren. Kaum war die Presse außer Haus, trudelten die ersten Gäste ein. Geladen waren vor allem diejenigen, die zum Gelingen des Museums einen Beitrag geleistet haben, sei es finanzieller Natur oder durch Leihgaben aller Art. Die Eintracht hat nicht nur manchmal erstklassige Fußballer in ihren Reihen, sondern auch - und vielleicht vor allem - Menschen, die sich mit Hingabe den kleinen Dingen widmen, die die Eintracht erst zur Eintracht machen. Matze nannte in seiner Rede etwas später beispielhaft Uli Matheja, den Autor des Buches - Schlappekicker und Himmelsstürmer - sowie Doc Hermann und Frank Gotta - uns auch bekannt durch den wunderbaren Bildband -Im Herzen von Europa -, welche sich als leidenschaftliche Sammler erweisen und etliche Exponate ihrer Sammlungen zur Verfügung gestellt haben.

Als es draußen dunkel wurde, füllte sich der Vorraum des Museums mit Legenden der Geschichte der Eintracht. Ich will und kann hier gar nicht alle aufzählen, beispielhaft sei hier Alfred Pfaff genannt, der Kapitän der Meistermannschaft von 1959, der in vertrauter Runde mit Adolf Bechtold und Dieter Lindner plauderte, am Nebentisch Dr. Peter Kunter und unser erster - weißer Brasilianer - Wolgang Solz. Auch Heinz Ulzheimer, erster Medaillengewinner Deutschlands bei Olympischen Spielen nach dem Zweiten Weltkrieg (Bronze im 800 Meter-Lauf 1952 in Helsinki, anschließend nochmal Bronze in der 4*400m Staffel) war anwesend (und stiftete noch am Abend seine Bronzemedaille dem Museum), ebenso wie Alexander Loulakis, dem legendären Besitzer des wohl größten Schellack-Platten Archivs Deutschlands, langjähriges Eintracht Mitglied, der Matze schon bei dessen Recherchen zu seinem Buch - Wir waren die Juddebube - hilfreich zur Seite gestanden hat und der nun im Museum einen Text zur Geschichte der Eintracht während der NS-Zeit gesprochen hat, den die Besucher per Knopfdruck anhören können.


a. loulakis - a pfaff

Einen, oder besser gesagt zwei Texte hat auch Kurt Schmidt gesprochen, diese betreffen die Anfangstage der Frankfurter Kicker auf der Hundswiese, als Muttis mit Kinderwagen noch quer über das Spielfeld gewackelt sind, um sich anschließend bei der Stadt über das rüde Treiben der Fußballer zu beschweren.

Natürlich war auch der Vorstand der Fußball AG ebenso wie das Präsidium des Vereins anwesend - und Peter Fischer, seines Zeichens Präsident der Eintracht, nahm Matze Thoma in den Arm und war sichtlich stolz auf die Arbeit des jetzigen Geschäftführers des Museums. Heiko Beeck erinnerte an die Kosten des Museums und an den Beitrag der Eintracht Frankfurt Fußball AG - die nun auch Einnahmen erwarte, wobei hier gesagt werden muss, dass unser Museum ja keine Geldgenerierungs-Maschine ist, sondern ein Beitrag zur Historie der Eintracht, die im Laufe der Zeit genug Geld für unwichtigere Dinge pulverisiert hat.

Matze bedankte sich u. A. bei dem langjährigen Abteilungsleiter der FuFa, Guido Derckum und sehr herzlich bei den Jungs von Holz und Stahl, überreichte diesen jeweils ein aktuelles Trikot der Eintracht mit ihren Namen und somit waren sowohl das Buffet als auch das Museum eröffnet.


Ich will hier gar nicht zuviel über die ausgestellten Exponate erzählen, schließlich sollt ihr sie euch ja selbst entdecken und den Rundgang mitmachen, der von den Gründungstagen, als auf der Hundswiese gekickt wurde über die Zeit des ersten Weltkrieges führt, weiter zu den Titeln der süddeutschen Meisterschaften, dann über die finstre NS-Zeit hin zu den Wiederbelebungen nach dem Krieg, und über die Deutsche Meisterschaft von 1959 bis hin zum verlorenen Pokal-Endspiel von 2006, als die Eintracht denkbar knapp gegen die Bayern aus München verlor.

Das Museum, ganz in schwarz-rot gehalten erinnert an die WM von 1974, an die Olympischen Spiele von 1936, als es Tilly Fleischer gelang, die bislang einzige Goldmedaille für die Eintracht zu holen und ihr könnt die Goldmedaille von Betty Heidler entdecken, der frischgebackenen Weltmeisterin im Hammerwerfen von Osaka 2007.


Eine Vitrine ist den Fans gewidmet, - so sehen wir z.B. die Kutte von Andy Backer aus den 70gern oder die von Siggi Kasteleiner zehn Jahre später - eine andere dem Endspielball von Glasgow 1960, den sich Richard Kress nach dem Schlusspfiff geschnappt hatte.


Es gibt noch viel mehr zu sehen und zu hören, Ausschnitte aus einem Farbfilm der fünfziger Jahre, Meisterschale, Pokal und Uefa-Cup sowie Hotte Ehrmantrauts Stuhl zum Beispiel, welcher dankenswerter Weise von einem Angestellten der damaligen Stadion GmbH gerettet wurde. Auf über 400 qm² dokumentieren über 300 Details die Geschichte der Eintracht.


Das Museum ist an allen Tagen außer Montags geöffnet. Der Eintritt beträgt fünf Euro, ermäßigt drei Euro fünfzig, fachkundige Führer leiten euch bei Interesse durch die Zeit und erklären euch vielleicht, was ein Kugelfang ist - und das Riederwald vor dem Krieg nicht gleich Riederwald nach dem Krieg ist. - und ihr werdet es nicht bereuen, auch mehrmals im Jahr vorbei zu schauen.

Ich finde es geil - und das, obgleich Matze durchaus Material hat, um einen doppelt so großen Raum zu füllen. Warten wir's ab. Wer das Museum unterstützen will, kann dem Förderverein beitreten und somit sein Scherflein zum Bestehen beitragen.


Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag 10.00 - 18.00 Uhr
Mittwoch 10.00 - 20.00 Uhr
Montag geschlossen


An Heimspieltagen hat das Eintracht Frankfurt Museum ab Stadionöffnung nur für Stadionbesucher mit einer gültigen Eintrittskarte für das Heimspiel geöffnet. Die Eintrittskarte für das Eintracht Frankfurt Museum können Sie auch an Spieltagen wie gewohnt an der Museumskasse erwerben. Das Museum schließt 30 Minuten vor Spielbeginn.