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Montag, 20. Dezember 2010

Nicht so hastig

Die Eintracht besiegte also Dortmund mit 1:0, die Kommentare, Blogeinträge und Artikel sind verfasst, alles wichtige aber auch belanglose ist gesagt, gebloggt, weiter im Text. Immer weiter.

Doch ganz so schnell wollen wir aber nicht vorwärts stolpern - und dies liegt nicht nur am Tief Petra, dessen Schneeverwehungen eine Melange zwischen Chaos und Winterfreuden hinterlassen haben. Halten wir inne und sehen:

Bewegend der Nachruf von Horst Reber auf Hans Joachim Rauschenbach, der vorige Woche gestorben ist. Verarmt, alleine - doch nicht vergessen: Wolfgang Avenarius, Klaus Mank und Horst Reber hatten ihn noch wenige Wochen vor seinem Tod im Pflegeheim besucht. Freunde, habt Dank für Euren Besuch, aber mit mir geht es zu Ende. Ich will auch nicht mehr, mein Leben ist trostlos geworden. Man muss im Leben wissen, wann man verloren hat. Aber ich bin nicht böse, denn ich habe in meiner Karriere viel gewonnen, viel Glanz erlebt – und zuletzt auch manches verloren.

Nun ist es vorbei, das Leben eines Mannes von dem Kid einst schrieb, dass er ihm unvorbereitet eine informativere oder wenigstens unterhaltsamere Sportsendung zutraue als seinen Nachfolgern beim Hessischen Rundfunk.


Als Fan der Eintracht ist man ja so gut wie nie den Einlasskontrollen für Gästefans im heimischen Stadion unterworfen. Was die Dortmunder jedoch schildern, erinnert fatal an das Procedere in Leverkusen - mit dem Unterschied, dass es kaum jemanden juckt. Vereinzelt wurden männliche und weibliche Borussen nach Betreten des Stadions herausgepickt, in abgetrennte Räume geführt und vor die Wahl gestellt: Ausziehen oder nach Hause fahren, eindrucksvoll untermauert mit dem Verweis auf die Hausordnung. Die Intensität des Entkleidens reichte dabei vom Lüften der Jacke bis hin zum (annähernden) Ganzkörperstrip, inklusive ordentlichen Befummelns sämtlicher Geschlechtsteile - so schildern die Kollegen von Schwatzgelb die Situation vor Ort. Im Stadion hat es dennoch Bumm gemacht. Welch Illusion zu glauben, verschärfte Kontrollen würden irgend etwas verhindern. Und immer wieder nett zu sehen, wie zuvorkommend die Kundschaft gerade zur Weihnachtszeit behandelt wird.

Zu guter Letzt doch noch ein Blick aufs Sportliche. Da fallen mit Nikolov, Chris, Franz und Russ vier gesetzte Defensivspezialisten aus und mit Tzavellas geht zudem noch ein Akteur gehandicapt ins Spiel. Und was passiert? Zu Null Sieg gegen den 15 Spieltage ungeschlagenen souveränen Spitzenreiter. Dadurch steht die Eintracht auf Platz sieben mit 26 erreichten Punkten. Und somit wissen wir nun, gegen wen die Mannschaft fünfzig Punkte holen kann. Aber, um genau zu sein, wissen wir dies ja schon länger. Gegen die anderen nämlich.

Neben dem Sieg gegen den BVB gab es am Samstag noch einen weiteren Grund zum Feiern. Die Fan und Förderabteilung kurz Fufa besteht nun schon seit 10 Jahren. Gefeiert wurde im Tanzhaus West unter anderem mit den Straßenjungs und der Bembelbar bei flotter Musik. Herzlichen Glückwunsch auch von dieser Stelle.

Und jetzt: Auf nach Aachen.




Foto 1: Daniel Trares

Foto2 + 3: Beve

Dienstag, 19. Oktober 2010

Donnerstag, 21. Oktober, 19.30 Uhr: Tradition zum Anfassen: Die Mauer umspielt


Vor zwei Jahrzehnten, im Oktober 1990 feierte Deutschland seine Wiedervereinigung. Mehr als vierzig Jahre hatten zwei deutsche Staaten existiert, die als Folge des Ost-West-Konflikts durch eine hochgesicherte Grenze voneinander getrennt waren. „Westkontakte“ waren in der DDR nicht gern gesehen, und eine Reise ins „kapitalistische Ausland“ war in der Regel nur Spitzenfunktionären und Rentnern erlaubt – oder eben den Leistungssportlern, die bei internationalen Wettbewerben den Ruf der DDR als Sportnation mehren sollten.

Bis zum Mauerfall 1989 sorgte es immer wieder für Aufsehen, wenn DDR-Fußballer sich bei internationalen Spielen von ihren Mannschaften absetzten und – oftmals über die jeweilige Botschaft der Bundesrepublik – ihr Glück im vermeintlich „goldenen Westen“ suchten.

Jürgen Pahl und Norbert Nachtweih nutzten im November 1976 ein U21-Länderspiel in der Türkei zur Flucht und landeten bei der Eintracht. Nach Ablauf der damals noch üblichen Sperre, die die FIFA mangels Freigabe durch den „abgebenden“ Verein für geflüchtete Spieler des Ostblocks verhängte, machten Pahl und Nachtweih am Riederwald Karriere. Beide feierten den DFB-Pokalsieg 1981 und beide gehörten zu den UEFA-Cup-Siegern 1980.
Jürgen Sparwasser wurde 1974 weltbekannt. Der vielfache DDR-Meister und Pokalsieger vom FC Magdeburg erzielte bei der WM 1974 im einzigen Länderspiel zwischen der DDR und der BRD den 1:0-Siegtreffer für die DDR.
1988 nutzte Sparwasser ein „Altherrenspiel“ des 1. FC Magdeburg in Saarbrücken zur Flucht in den Westen. Und auch Jürgen Sparwasser kam zur Eintracht, ab 1988 war er Co-Trainer am Riederwald. Im 14. Teil der Veranstaltungsreihe „Tradition zum Anfassen“ beschäftigen wir uns zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung mit Fußballern, die die Mauer umspielten und bei der Eintracht landeten.
Wir freuen uns auf spannende Berichte, die diesmal weit über den Fußball hinaus gehen;– Lebensgeschichten, in denen unsere Eintracht aber doch eine bedeutende Rolle spielt.

» DONNERSTAG, 21. OKTOBER 2010
» 19.30 UHR» EINTRACHT FRANKFURT MUSEUM
» EINTRITT FREI

Samstag, 18. September 2010

Tradition zum Anfassen: Der Abend mit Markus Pröll, Alex Schur und Andree Wiedener


Es sollte ein langer Tag für mich werden, schon morgens um halb sieben radelte ich am Main entlang, um eine in den letzten Monaten vom Museum konzipierte und produzierte Ausstellung zur kommenden Weltmeisterschaft 2011 im Frauenfußball im Frankfurter Römer aufzubauen; sie ist toll geworden und wird im Laufe des Jahres an verschiedenen Orten gezeigt - aber darüber wird es bei Gelegenheit einen eigenen Blogbeitrag geben. Gegen 15:30 radelte ich zurück nach Hause, warf mich unter die Dusche und fuhr ins Museum. Dort installierte ich die Technik, trank einen Kaffee und freute mich auf den bevorstehenden Abend. Anlässlich des bislang letzten Aufstiegs der Eintracht im Sommer 2005 hatten wir gemeinsam mit der Fan_ und Förderabteilung Markus Pröll, Alex Schur und Andree Wiedener zur Tradition zum Anfassen eingeladen, zudem noch Daniyel Cimen - der jedoch leider nicht kommen konnte.

Zahlreiche Fans trudelten peu a peu ein - insgesamt jedoch nicht ganz so viele wie erhofft; was etwas verblüffend ob der Tatsache war, dass die Ereignisse noch gar nicht allzu lange zurück liegen und von vielen hautnah miterlebt wurden. Dennoch war der hintere Raum gut gefüllt - und die Gekommenen bereuten ihre Anwesenheit keineswegs, ganz im Gegenteil.

Markus Pröll und Andree Wiedener trafen pünktlich ein, während Alex bekanntermaßen der Mann der letzten Minuten ist, daran sollte auch der heutige Abend nichts ändern. Matze Thoma eröffnete die Veranstaltung mit einleitenden Worten, erinnerte an fliegende Schuhe nach einem nahezu skandalösen Elfmeterpfiff beim Spiel gegen 1860 München und Stefan Minden von der FuFa verwies in seiner kurzen Ansprache auf das unglückliche Ende der Aufstiegsfeierlichkeiten, die seitens der Polizei in Alt-Sachsenhausen rustikal gesprengt wurden und noch wochenlang für Aufregung sorgen sollten.

Im Sommer 2004 war die Eintracht zum dritten Mal in ihrer Geschichte abgestiegen, Spieler wie Ioannis Amanatidis, Christoph Preuß oder Ingo Hertzsch verließen das Team und auch Trainer Willi Reimann, der auf Grund einer Sperre fünf Spiele im Container in der Baustelle Waldstadion verbringen wollte, wurde von seinen Aufgaben entbunden. Auch der Vertrag von Legende Uwe Bindewald wurde zu dessen Leidwesen nicht verlängert - er wechselte gezwungener Maßen zum Oberligisten Eschborn.

So ging die Eintracht mit einer neuformierten Truppe in eine ungewisse Zweitliga-Saison. Während der noch gültige Vertrag mit Andree Wiedener gegen dessen Willen aufgelöst werden sollte - und nach Rücksprache mit dem neuen Trainer doch weiterlief, so rang Alex Schur mit Heribert Bruchhagen um einen neuen Kontrakt. Knackpunkt für beide war die Laufzeit; während Schur ob seiner Verdienste und des fortgeschrittenen Alters sich noch für zwei Jahre an die Eintracht binden wollte, beharrte Bruchhagen auf einem Jahr. Wenn man aus dem Büro von Bruchhagen nach Vertragsverhandlungen heraus kommt hat man das Gefühl, man hätte als Landesligaspieler gerade mit Real Madrid verhandelt schilderte Alex die Situation. Letztlich einigte man sich nach langem Hin und her auf einen Einjahresvertrag mit automatischer Verlängerung nach 20 Einsätzen.

Als Trainer sollte nach Willen des Vorstandes Ralf Rangnick die Eintracht betreuen, was dieser jedoch mangels Perspektive dankend ablehnte. Schließlich übernahm der Aufstiegsspezialist Friedhelm Funkel die Mannschaft, die um Nachwuchsspieler Patrick Ochs, der von den Amateuren der Bayern zurück geholt wurde und dem alten Haudegen Arie van Lent neu formiert wurde. Neu im Team waren auch Alexander Meier, Benny Köhler, Torben Hoffmann, Markus Weissenberger, Christian Lenze, Markus Husterer, sowie die vielversprechenden Nachwuchsspieler Christopher Reinhard und Marco Russ. Für einen war die Saison zu Ende, bevor sie begonnen hatte. Als bekannt wurde, dass Funkel neuer Trainer wird, zeigten sich die ehemaligen Kölner Kreuz, Keller und Pröll wenig begeistert; (was der Vorstand der Eintracht nicht gerne sah) doch während sich Keller und Pröll dazu durch rangen, es weiterhin bei der Eintracht zu probieren, verabschiedete sich Markus Kreuz in Richtung Erfurt und zahlte sogar einen Teil der Ablösesumme aus eigener Tasche. Hickhack gab es auch um den Brasilianer Chris, dessen ungeklärte Vertragssituation (neben der Eintracht meldete auch ein brasilianischer Verein Ansprüche an) für einigen Wirbel sorgte und ihm eine viermonatige Sperre einbringen sollte - was den Rest des Teams nicht sonderlich beeindruckte; so isser halt, der Brasilianer meinte Schur; der eine macht länger Urlaub und der andere sorgt sich nicht um die Kleinigkeiten von Vertragsdetails.

Zu Beginn der Saison war klar, Markus Pröll war als Nummer Eins gesetzt - und er sollte sich im Verlauf des Fußballjahres als großer Rückhalt erweisen, in 33 Spielen spielte er 14 Mal zu Null, kassierte in der Rückrunde im heimischen Stadion gar nur einen einzigen Treffer - beim 0:1 gegen Duisburg am 32. Spieltag, der den Aufstieg der Zebras bedeuten sollte. Machtlos war er auch an den beiden Treffern beim 0:2 in Köln am dritten Spieltag, als er zum ersten Mal gegen seinen alten Club antreten durfte; für den kölschen Jung ein ganz besonderes Spiel - obgleich Poldi ihm einen eingeschenkt hatte.

Startete die Eintracht, die sich natürlich als Saisonziel den Wiederaufstieg gesetzt hatte, wie Wiedener betonte, durch ein Unentschieden in Aachen und einem hauchdünnen Sieg gegen den KSC noch ganz ordentlich in die Saison, so setzte es beim Titelfavoriten Köln die erste Niederlage. Knapp wurde Dresden besiegt und deutlich in Saarbrücken verloren; ein Triumph für den ehemaligen Eintracht-Coach und damaligen Trainer der Saarländer, Horst Ehrmantraut, eine Schlappe für den Kapitän Alex Schur, der eine gelb-rote Karte kassierte.

Hatte bis dato der erste Niederländer bei der Eintracht, Arie van Lent, noch keinen Treffer erzielen können, so sorgte das Frankfurter Publikum bei folgenden Heimspiel gegen Oberhausen dafür, dass der Knoten platzte; trotz mehrfacher Chancen, wollte van Lent kein Tor gelingen, doch die unbändigen Arie, Arie Anfeuerungen schrieen den Ball förmlich ins Tor - und in der 68. Minute war es soweit, van Lent hatte den ersten Treffer für die Eintracht erzielt, es war das 5:1 beim 6:2 Endstand, 15 weitere sollten im Verlauf der Saison noch folgen. Spektakulär auch das folgende 4:4 in Essen, zu dem Markus Pröll erklärte, dass das abgesprochenen Abseitskonzept tadellos funktionierte - bis auf Weissenberger, der sich nicht ganz daran gehalten hatte und Pröll sich mehrmals einer ganzen Armada Essener gegenüber sah. Thommy vom EFC Bockenheim erinnerte sich auch an das Szenario nach Spielende, als Fans der Eintracht und der Essener die dritte Halbzeit im Stadion fortsetzten - Waschbecken und Klohäuschen flogen durch die Gegend. Essen ist immer eine Reise wert.

Der Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft wurde in jener Zeit groß geschrieben, auch bei schwachen Leistungen wurde das Team unterstützt, nicht nur Arie van Lent konnte davon profitieren; auch Du-Ri Cha wurde angefeuert - und erzielte beim Rückspiel in Oberhausen zwei Treffer (nebenbei entwickelte sich auch ein bis heute unvergessener Gesang Du Du Du Du - Ri Ri Ri Ri - Du-Ri, Du-Ri Cha) und auch Andree Wiedener, der nicht immer geliebte, schwärmte von der großartigen Unterstützung in Cottbus, die ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

Doch zuvor verlor die Eintracht in der Hinserie vier Spiele am Stück und lag nach der Niederlage in Haching nur auf Grund der besseren Tordifferenz nicht auf einem Abstiegsplatz. Negativer Höhepunkt war sicherlich die 2:3 Heimniederlage gegen den Abstiegskandidaten LR Ahlen. Angeführt von den Leitwölfen Schur und Wiedener traf sich das Team um ohne Trainer bei einem Schoppen Tacheles zu reden - und es fruchtete. Bis zur Winterpause verlor die Eintracht kein Spiel mehr und setzte sich durch ein 3:0 in Burghausen am 17. Spieltag in der oberen Tabellenhälfte fest - doch der Abstand zum Dritten, der Spvgg Fürth, betrug immer noch acht Punkte.

Während in der Winterpause Stürmer Nico Frommer nach Oberhausen wechselte, verpflichtete die Eintracht neben Rückkehrer Jermaine Jones für relativ kleines Geld den hierzulande völlig unbekannten Mazedonier Aleks Vasoski - der in der Rückrunde den Defensivverband kompromisslos zusammen hielt. Spätestens nach der klasse Leistung gegen Podolski beim 1:0 gegen Köln, als der Kölner Jungstar nach 66 Minuten entnervt ausgewechselt wurde, hatte sich Vasoski in die Herzen der Fans gespielt. Doch so richtig kam das Team nicht vom Fleck; knappen Heimsiegen folgten Auswärtsniederlagen und nach der Niederlage in Dresden betrug der Rückstand auf einen Aufstiegsplatz immer noch neun Punkte. Glücklich die Umstände, dass die zuvor besser platzierten Teams der Spvgg Greuther Fürth aber auch Alemannia Aachen kaum noch punkten konnten, während sich die schwach gestarteten Löwen aus München ähnlich wie die Eintracht stabilisierten und zum großen Konkurrenten um den Aufstieg entwickeln sollten. Die Eintracht robbte sich Punkt um Punkt an die Aufstiegsplätze heran, die Niederlage bei 1860 war dabei kein Beinbruch - nach der Niederlage in Ahlen jedoch erhielten die Aufstiegsträume einen merklichen Dämpfer, zumal noch drei Auswärtspartien im Osten der Republik anstanden.

Andree Wiedener konnte sich im Laufe der Saison gegen seinen Konkurrenten auf der linken Verteidigerseite, den jungen Reinhard durchsetzen und entwickelte sich zur großen Stütze - dies sei vor allem extremen Trainingseinsatz zu verdanken; so manches mal hatte sich Andree im Training dermaßen reingehängt, dass er für das Spiel eigentlich zu kaputt war.

Markus Pröll hingegen hatte sich in dieser Saison endgültig gegen Nikolov durchgesetzt und spielte eine nahezu fehlerfreie Runde. Zum vor entscheidenden Spieltag sollte sich der 29. entwickeln; die Eintracht musste in Aue antreten, während 1860 gegen Saarbrücken schon drei Punkte eingeplant hatte. Nach zwei Minuten lag die Eintracht durch Köhler in Führung, um mit dem Pausenpfiff das zweite Tor zu erzielen - doch da stand Alex Schur schon nicht mehr auf dem Platz; ohne Einwirkung des Gegners hatte er sich das Kreuzband gerissen - und so war wieder einmal ein Kapitän der Eintracht außer Gefecht gesetzt; wie zuvor schon Jürgen Grabowski oder Ralf Weber brachte die Binde auch ihm kein Glück. Die Eintracht aber ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und besiegte Aue mit 5:0. Da Fürth gegen Duisburg nicht über ein 0:0 hinaus kam und auch 1860 in letzter Sekunde durch den ehemaligen Frankfurter Örtülü den Ausgleich hinnehmen musste, sprang die Eintracht erstmalig auf einen Aufstiegsplatz - den sie bis zum Saisonfinale nicht mehr abgeben sollte. Hätte Aue die Partie gewonnen, hätten sie um den Aufstieg selbst mitgespielt. Auch Fürth verabschiedete sich vorzeitig aus dem Rennen und kam es am letzten Spieltag zum Fernduell zwischen der Eintracht, die im fast fertig gestellten neuen Stadion gegen Burghausen antreten musste und 1860 München, die im eigenen Stadion auf Ahlen trafen, die noch um den Klassenerhalt kämpften. Da die Eintracht mit einem Punkt Vorsprung ins Finale ging, war ein Sieg gleichbedeutend mit dem Aufstieg. Nach zwölf Minuten lagen die Sechzger zwar gegen Ahlen in Front, doch nur vier Minuten später erzielte Köhler die Führung für die Eintracht, die während des gesamten Spiels nicht in die Gefahr einer Niederlage geriet und am Ende mit einem ungefährdeten 3:0 den Aufstieg perfekt machte. Augenzeuge war übrigens Marko Marin, der bei diesem Spiel Balljunge war. Da zudem Ahlen in München mit 4:3 gesiegt hatte und den Klassenerhalt feiern konnte, hätte in Frankfurt alles so schön sein können, wenn - ja wenn die Polizei nicht den Fan-Block gestürmt hätte. Alex Schur und auch Stefan Lexa versuchten zwar am Zaun, das Schlimmste zu verhindern, doch die Stimmung war angekratzt. Auch ein wenig bei Torben Hoffmann, hatte er zuvor doch einen neuen Vertrag bei 1860 München unterschrieben - und blieb somit in der zweiten Liga.

Waren die Feierlichkeiten der Fans nach Spielende am Römer trotz einsetzendem Regen noch recht ausgelassen (Ein von Frank Wagner eingespielter Film zeigte im Museum neben Spielszenen und den Feierlichkeiten auf dem Rasen auch Szenen vom Römerbalkon, in denen Alex Schur als auch Du-Ri Cha ihr Gesangstalent zum Besten gaben) so eskalierte die Situation in Alt-Sachsenhausen dann vollends. Obgleich kaum Gästefans anwesend waren und die wenigen mit den Eintrachtlern feiern wollten, sperrte die Polizei das ganze Viertel ab und prügelte auf feiernde Fans ein. Es war ein trauriger Abschluss eines tollen Tages.

Zu diesem Zeitpunkt war der Vetrag mit Andree Wiedener noch nicht verlängert; er blieb als Stand-By-Profi noch für ein Jahr bei der Eintracht; sein Nachfolger wurde Christoph Spycher, der in den kommenden fünf Jahren die linke Seite bespielte. Heute besitzt der ehemalige Bremer Wiedener ein Sportgeschäft in Darmstadt Griesheim und schnürt für die Traditionsmannschaft der Eintracht noch von Zeit zu Zeit die Kickschuhe.

Für Alex Schur bedeutete der Kreuzbandriss aus dem Aue-Spiel quasi das Karriereende. Da er zuvor die notwendigen 20 Spiele absolviert hatte, verlängerte sich sein Kontrakt um ein Jahr und er konnte sich auf die Zeit nach dem Profifußball vorbereiten. Alex absolvierte im folgenden Bundesligajahr nach ausgeheilter Verletzung noch einige Einsätze bei der U23 in der Oberliga und wurde von Trainer Funkel in den letzten beiden Spielen der Saison 2005/06 für einige Minuten in der Bundesliga eingewechselt, um sich von den Fans zu verabschieden. Heute trainiert er erfolgreich die U17 der Eintracht und wurde im Sommer mit seiner Mannschaft sogar Deutscher Meister.

Markus Pröll kämpfte bis zur Saison 2009/10 mit Oka Nikolov um den Stammplatz im Tor der Eintracht. Mehrere Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück und er erhielt nach Ablauf der Saison 2009/10 keinen neuen Vertrag mehr in Frankfurt; obgleich er vielleicht der beste der drei Torhüter war. Die Verletzungsanfälligkeit aber auch die Gehaltswünsche und die ein oder andere unglückliche Aussage führten dazu, dass er die Eintracht verlassen musste. Heute trainiert er bei Bayer Leverkusen II und hofft auf ein vernünftiges Angebot; Offerten aus der Türkei, Griechenland und auch aus Osteuropa hatte er abgelehnt, um nicht aus dem Fokus zu geraten. Markus ist mit 31 Jahren noch ein verhältnismäßig junger Torhüter und er brennt noch; für ihn ist es keine Option bspw. wie Lutz Pfannenstiel als Weltenbummler unterwegs zu sein. Das Geschäft ist schnelllebig, die Konkurrenz groß, so teilt er sein Schicksal derzeit mit Michael Rensing oder seinem ehemaligen Kollegen Stefan Wessels, die gleichfalls derzeit vereinslos sind - und auf den einen Anruf hoffen, der alles verändern kann. Zu wünschen wäre es ihm.

Und so endete der Abend mit Autogrammen und Fotos und der Gewissheit, dass es immer etwas Besonderes ist, einen Abend im Rahmen der Tradition zum Anfassen im Museum der Eintracht zu erleben. Für die Spieler, für die Zuschauer - aber auch für mich, der sich ganz herzlich bei allen Anwesenden bedankt.




Fotos: Steffen Ewald, Pia Geiger

Mittwoch, 15. September 2010

Tradition zum Anfassen „Fünf Jahre Liga Eins“

Am 22. Mai 2005 war es vollbracht: Mit einem vielumjubelten 3:0 über Wacker Burghausen verabschiedete sich Eintracht Frankfurt aus der Zweiten Fußball-Bundesliga. Ein bewegtes Jahrzehnt lag hinter dem Verein, der seit seiner Gründung 97 Jahre lang ununterbrochen erstklassig Fußball gespielt hatte. Doch mit dem ersten Abstieg 1996 begann ein Jahrzehnt im Fahrstuhl; sechs Mal wechselte man die Spielklasse.

Heute hat es den Anschein, als habe die Diva an jenem 22. Mai 2005 endgültig den Fahrstuhl verlassen. Die Eintracht gilt als etablierter Erstligist, dessen Klassenerhalt allenfalls in einem richtigen Seuchenjahr noch einmal in Gefahr geraten könnte.
Dabei hat es zu Beginn der letzten Aufstiegssaison gar nicht so großartig ausgesehen. Nachdem die Eintracht im Sommer 2004 zum dritten Mal den bitteren Gang in die Zweite Liga antreten musste, war die Unsicherheit im Umfeld groß. Auf die Entlassung von Willi Reimann folgten Vertragsverhandlungen mit Ralf Rangnick, der nach dem Scheitern behauptete, der Kader sei nicht stark genug für den direkten Wiederaufstieg. So verpflichtete die Eintracht mit Friedhelm Funkel einen Aufstiegsexperten, der für den zurückkehrenden Erfolg sorgen sollte.

Bis zum Frühjahr 2005 sah es lange Zeit nicht nach einem direkten Wiederaufstieg aus. Zur Winterpause hatte man acht Punkte Rückstand auf Platz 3, und nach der 2:3-Niederlage beim Tabellensiebzehnten LR Ahlen am 27. Spieltag belegte die Eintracht Anfang April gerade mal Platz Sieben. Doch dann gab es vier Siege in Folge, unter anderem das unvergessene 5:0 in Aue. Und am 22. Mai bebte die Baustelle des Waldstadions, als 42.500 Fans mit dem 3:0 gegen Wacker Burghausen dann doch die erhoffte Rückkehr ins Oberhaus feierten.

Im Teil 13 der Veranstaltungsreihe „Tradition zum Anfassen“ blicken wir zurück auf ein Jahr in den Niederungen des Zweitligafußballs und erinnern uns an Auswärtsfahrten nach Essen, Oberhausen, Saarbrücken und Greuther Fürth. Wir blicken auf die Entwicklung, die die Eintracht in den letzten fünf Jahren genommen hat. Auf den Tag genau 1943 Tage nach dem Aufstieg freuen wir uns im Museum mit Andree Wiedener, Markus Pröll, Alexander Schur und Daniyel Cimen vier Aufstiegshelden begrüßen zu dürfen. Und die haben sicher einiges zu berichten.

DONNERSTAG, 16. SEPTEMBER 2010
19.30 UHR
EINTRACHT FRANKFURT MUSEUM
EINTRITT FREI

Dienstag, 18. Mai 2010

Tradition zum Anfassen "Wir haben den Pokal"


Die Bundesliga war seinerzeit die absolut dominierende Liga Europas. Schon die beiden Halbfinals waren eine rein deutsche Angelegenheit gewesen. Während Gladbach den VfB Stuttgart ausschaltete, nahm die Eintracht im Waldstadion die Münchner Bayern auseinander.

Als Fred Schaub wenige Minuten vor dem Ende des Final-Rückspiels das erlösende 1:0 für die Eintracht erzielte, kannte der Jubel im Stadion keine Grenzen: Wir haben den Pokal – die Eintracht war UEFA-Cup-Sieger 1980!

Unmittelbar nach Abpfiff feierte das tobende Stadion einen Mann, der beim Finale aufgrund einer Verletzung gar nicht mitwirken konnte: „Gra-bow-ski, Gra-bow-ski“ schallte es durchs Rund. Bernd Hölzenbein, der die Kapitänsbinde von seinem jahrelangen kongenialen Partner übernommen hatte, sorgte für eine bewegende Geste:

Nachdem ihm als Spielführer der Pokal überreicht worden war, suchte er sofort den am Rande auf Krücken stehenden Grabi auf. Nur gemeinsam mit ihm wollte er den Pokal in die Höhe stemmen.

Der 21. Mai 1980 war ein großer Tag für die Eintracht: Im Rückspiel des UEFA-Cup-Finales gegen Borussia Mönchengladbach sollte – zwanzig Jahre nach den glanzvollen Auftritten der Mannschaft um Alfred Pfaff in Glasgow – endlich die erste europäische Trophäe an den Main geholt werden.

Am Vorabend des 30. Jahrestages erinnern wir im zwölften Teil der Veranstaltungsreihe „Tradition zum Anfassen“ noch einmal an legendäre UEFA-Pokalabende. Über die Stationen Aberdeen, Bukarest, Rotterdam und Brünn erreichte die Mannschaft das Halbfinale gegen die Bayern. Nach einem 0:2 in München wuchs das Team von Friedel Rausch im Rückspiel über sich hinaus und bezwang die Bayern in Frankfurt mit 5:1 n.V. Eine knappe 2:3-Niederlage beim Final-Hinspiel in Gladbach bereitete den Boden für den großen Triumph im Rückspiel.

Viele Legenden ranken sich um Hölzenbeins Sitzkopfballtor gegen Bukarest und um den feindseligen Empfang der Eintrachtfans in Rotterdam. Wir zeigen noch einmal die schönsten Tore und begrüßen ehemalige Spieler, Funktionäre und Fans, die den großen Erfolg von 1980 gemeinsam erreicht haben.

DONNERSTAG, 20. Mai 2010
19.30 UHR, EINTRACHT FRANKFURT MUSEUM
EINTRITT FREI

Hinweis: Wegen einer Veranstaltung auf dem Gelände des Stadions bitte auch die Parkplätze in der Tiefgarage nutzen.

Mittwoch, 3. März 2010

Tradition zum Anfassen: Fanszene der Neunziger im Museum


Tatort: Museum der Frankfurter Eintracht
Veranstalter: Museum und FuFa
Thema: Tradition zum Anfassen: Kurvendiskussion - Die Fans der Neunziger Jahre

Nachdem wir im vergangenen Jahr die Fanszene der achtziger Jahre beleuchtet hatten, den verlorenen Kampf um ein Fanhaus, Heysel und die Folgen, erste Fanzeitungen, widmeten wir uns nun der Fanszene der Neunziger. Eingeladen waren der Allesfahrer und langjährige Fansprecher Andreas "Pferd" Hornung, der damalige Leiter des Fanprojektes Dr. Fedor Weiser, die damals aktiven Ultras Sascha Heibel und Kai Kauermann sowie Andreas Klünder, dem die Eintracht so schöne Sachen wie die Traditionstrikots anlässlich des 100jährigen Bestehens oder eine eigene Internetseite zu verdanken hat. Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse, so waren nicht nur etliche Aktivisten aus der damaligen Zeit erschienen, sondern auch junge Leute, die damals gerade das Licht der Welt erblickten und natürlich Kurt E. Schmitt, unser erster Ultra - Anno 1959. Sogar Axel Hellmannn, damals Fan wie wir, heute Vizepräsident des Vereins, wohnte der Veranstaltung bei.

1990 - 1999 das sind zehn Jahre voller Höhen und Tiefen; Jahre voller Emotionen, die für viele bis heute unvergessen sind. Über Fußball 2000 nach Rostock zu Heynckes direkt in die zweite Liga und über Ehrmantraut zum Klassiker gegen Kaiserslautern, als Fjörtofts 5:1 in letzter Sekunde den Klassenerhalt 1999 bescherte - natürlich konnten nicht alle Erlebnisse an einem einzigen Abend erzählt und beleuchtet werden - aber unsere Gäste lieferten einen schönen Überblick über eine Dekade, die noch ohne Handy und Internet begonnen hatte und mit der Angst vor Systemabstürzen anlässlich der Jahreszahl 2000 endete.

Das erste Pflichtspiel der Neunziger bestritt die Eintracht am 24.02.1990 gegen den VfB Stuttgart - und sie siegte mit 5:1; das letzte Pflichtspiel brachte am 18.12.1999 ein 0:3 beim SSV Ulm. Bei beiden Spielen hieß der Trainer Jörg Berger, der jedoch nach dem Spiel in Ulm entlassen wurde, wie zuvor schon im April 1991, als die Eintracht im Waldstadion gegen den HSV mit 0:6 unterlag.

Die Fanszene der Eintracht war zu Beginn des Jahrzehnts überschaubar; Fanclubs und Fanprojekt boten die organisatorische Plattformen und die Ende 1991 gegründete und bis heute existierende Fanzeitung Fan geht vor diente als Sprachrohr. Noch dachte niemand an Logen oder Arenen; die Heimat der altgedienten SGE Fans war der G-Block, in den Blöcken daneben verloren sich die anderen Anhänger auf den Stehplätzen oder auf der Gegentribüne. Die Haupttribüne war schon damals von VIPs besetzt. Die Zahl der Auswärtsfahrer schwankte erheblich - mal waren von Pferd handgezählte 23 Fans in Bremen, mal weit über 10.000 in Rostock. Auch die Zuschauerzahlen bei Heimspielen waren höchst unterschiedlich, ausverkauft waren stets die Spiele gegen die Bayern, ansonsten konnte man ohne Schwierigkeiten Eintrittskarten an der Tageskasse erstehen, um Stein, Bein, Falke oder Yeboah zaubern zu sehen. Man trug Kutte oder Trikot; das Merchandising wurde seitens der Eintracht sträflich vernachlässigt - allein im noch heute existierenden Fanshop in der Bethmannstraße konnten sich die Fans mit Eintrachtutensilien eindecken.

Das Fanprojekt organisierte von Zeit zu Zeit Fußballspiele und Treffen zwischen den Fans der jeweiligen Gegner - überhaupt bestimmten Fanfreundschaften das Bild. So kam es zu vielen Treffen zwischen Frankfurter und Duisburger Anhängern - aber auch mit Fans von Dynamo Dresden oder Hansa Rostock - wir erinnern uns: Die Wiedervereinigung steckte noch in den Kinderschuhen; bis vor wenigen Wochen war die DDR für uns noch Ausland gewesen. Auch Bildungsurlaube wurden vom Fanprojekt organisiert.

Fedor betonte, dass die Fanszene zu Beginn der Neunziger von einzelnen Köpfen gelebt hatte - Anjo Scheel, Pferd, Axel Gonther, Rainer Kaufmann, Thommy Kummetat um einzelne Aktivisten zu nennen. Die Adlerfront hatte den ganz großen Reiz verloren - obwohl noch immer im Stadion präsent - Fanpolitik wurde vorwiegend in Gremien gemacht, Fanvertreterversammlungen oder der Fanbeirat als wesentliche Institutionen. Eine dynamische Fanszene wie wir sie heute kennen gab es nicht, die Stimmung mit der Situation nach dem ersten Abstieg 1996 nicht vergleichbar.

Die ersten Fahnenpässe wurden eingeführt, nachdem große Fahnenstöcke zwischenzeitlich sogar verboten waren. Mit Reiner Schäfer, Geschäftsführer der Eintracht zu Beginn der 90er, hatten die aktiven Fans einen verständigen Ansprechpartner.

Während heute vielfältige Informationen jederzeit über das Internet abrufbar sind, bestand die Öffentlichkeitsarbeit mehr oder weniger aus Leserbriefen an die großen Zeitungen. Eigene Kommunikationsstrukturen funktionierten von Mund zu Mund - und erreichten natürlich nur einen Bruchteil der Fans - bis es nach dem Bockenheimer Bembel und dem Fußball-Fan-Kurier mit der Fan geht vor die in den Neunzigern dominierende Fanzeitung geben sollte.

Höhepunkte in den frühen Neunzigern waren sicherlich die Reisen nach Europa. Lodz, Moskau, Dnepropetrowsk, Ljubljana, Bukarest - erlebnisreiche Fahrten standen auf dem Programm - vor allem die Fahrt in die Ukraine blieb in nachhaltiger Erinnerung. Dnepropetrowsk, die Heimatstadt von Leonid Breschnew war ein Zentrum der Rüstungsindustrie und somit militärisches Sperrgebiet. Der Eintrachtflieger war im Zeichen von Glasnost und Perestroika die erste westliche Maschine, die dort landen durfte. Mannschaft, Journalisten und auch die Fans (genau 23 an der Zahl) - sie alle saßen im gleichen Flugzeug; Pferd hatte damals dafür gesorgt, dass auch die Fans mitfliegen durften und der erste der damals dem Flugzeug entstieg war kein Geringerer als Fanurgestein Adi Adelmann - in der Hand einen Kanister Apfelwein. Die Landung wurde live TV übertragen. Auf dem Rückflug spielten Fans und Spieler gemeinsam Karten - heute kaum vorstellbar. Als großer Vorteil erwies sich zudem, dass mit Adrian stets ein Eintrachtfan als Dolmetscher dabei gewesen ist.

In Moskau wurde über das Fanprojekt versucht, ein Treffen mit Fans zu organisieren - was daran scheiterte, dass es bei Dynamo Moskau offiziell keine Fans gab. In einer Halle kam es dann zu einem Fußballspiel zwischen Fans der Eintracht (bestehend aus Fanclubmitgliedern, Reiseveranstalter und Hools) gegen eine Moskauer Traditionsmannschaft, deren Innenverteidigung aus Altinternationalen bestand, die 1958 bei der WM gegen Pelé gespielt hatten. Nach dieser Partie (0:4) kam es zu einem Bankett. Flüssig. Die Eintracht aber sollte siegreich in Moskau bestehen. 6:0 lautete das Endresultat damals.

Für Furore sorgte die Aktion United colors of Bembeltown gegen den alltäglichen Rassismus. Initiiert von Anjo, ausgeführt von Rainer Kaufmann trug halb Frankfurt die legendären T-Shirts, die bis heute im Stadion zu sehen sind. Noch vor anderthalb Jahren ließen die Fanclubs diese Aktion erneut aufleben, sogar die Mannschaft spielte zu Beginn der Saison 2008/09 statt mit Werbeflock mit dem Slogan United Colors of Frankfurt auf der Brust. In den Neunzigern sorgte diese Aktion für großes Aufsehen, der griffige Slogan wurde gerne von den Medien aufgegriffen und die Eintrachtfans waren positiv in aller Munde. Bildlich gesprochen.

Brisant waren die Partien im Uefa-Cup gegen Galatasaray Istanbul; in Frankfurt dominierten die Fans von Galatasaray und verwandelten das Heimspiel in eine Auswärtspartie für die Eintracht. Am End brannte eine türkische Fahne im Frankfurter Block, was naturgemäß die Fans von Gala zur Weißglut brachte. In der Türkei wurden die Eintrachtler heiß empfangen, ein Auto mit einem Sarg obenauf parkte vor dem Hotel und auch die Situation im und vor dem Stadion glich einem Spießrutenlauf.

Pferd betonte, dass vor allem der Wechselgesang der Istanbuler beim Rückspiel die Eintrachtler schwer beeindruckt hatte, bislang waren solche Formen des Supports in Frankfurt gänzlich unbekannt gewesen: auch aus Lodz wurden Formen des Supports übernommen: Das Einhaken der Fans und das gesamte Hüpfen des Blocks kannten die Eintrachtfans von dort.

Wenige Monate zuvor kam es zu einem der dramatischsten aber auch traumatischsten Erlebnis in der Historie der Eintracht. Fuhr das Team und mit ihm über 10.000 Fans am letzten Spieltag als Tabellenführer nach Rostock so kehrten sie geschlagen als Dritter nach Hause zurück. Die Eintrachtler befanden sich in einem Meer der Tränen, zumal die Mannschaft noch in der Woche zuvor es nicht geschafft hatte, europapokaltrunkene Bremer im Waldstadion zu besiegen. Selbst bei einem der wichtigsten Spiele der Vereinsgeschichte war das Stadion damals nicht ausverkauft. Eine Situation, die heute undenkbar wäre.

Bis 1995 spielte die Eintracht regelmäßig international, eines der skandalösesten Spiele trug sich dabei in Wien zu, als die Eintracht dort auf Austria Salzburg traf: Es war nicht nur ein Spiel zweier Fußballmannschaften, es war ein Spiel Deutschland gegen Österreich und der Zorn der Österreicher richtete sich nicht nur gegen die Deutschen, sondern vor allem gegen Tony Yeboah, der nahezu von allen Österreichern rassistisch verhöhnt wurde. Sogar der Trainer von Salzburg, Otto Baric, fiel aus der Rolle und hatte Kachaber Zchadadse bespuckt. 2000 Frankfurter skandierten Nazis raus.

La Coruna, Napoli, Juventus - etliche Reisen brachten dolle Erinnerungen; die letzten internationalen Fahrten führten die Eintracht im UI-Cup nach Plovdiv, Vilnius und Bordeaux; ein 0:3 gegen Zidane und Co besiegelten das Ende im Wettbewerb 95/96. Zehn Jahre sollte es dauern, bis es wieder auf internationales Parkett ging.

Sechs Eintrachtler, machten sich auf nach Plovdiv, 37 waren in Vilnius dabei - Zahlen und Erlebnisse aus einer vergangenen Zeit. Letztlich waren es aber auch diese Reisen, welche die Eintrachtfans zusammen geführt haben; gemeinsame Erfahrungen von Hools und Kutten, Normalos und Fanclubmitgliedern legten den Grundstein für das, was nun folgen sollte; verbindend die Sehnsucht nach gemeinschaftlichen Erlebnissen.

Generell hatten die Eintrachtfans zur damaligen Zeit bundesweit keinen allzuguten Ruf. Wenig Stimmung, wenig Leute, kaum Kreativität, sieht man von einigen wenigen Geschichten ab; dazu das große Waldstadion, unüberdacht in den Kurven, das auch nur wenig an Stimmung zugelassen hatte.

Noch vor dem ersten Abstieg zogen die ersten Fans von der Kurve auf die Gegentribüne; zunächst vereinzelt, wurden es mit den Jahren immer mehr Fans, die unter dem Tribünendach dafür sorgten, dass es auch im Waldstadion immer lauter wurde.

Gerade die jungen Fans, die bei den älteren nur schwer Fuß fassen konnten, begannen sich in neuen Fanclubs, vorwiegend im Umland, zu organisieren. Der EFC Wiesbaden und die Bembelraver gründeten sich und wurden zunächst argwöhnisch beobachtet. Die ersten Schwenkfahnen hielten Einzug und mit ihnen zogen peu a peu die Insignien moderner Fankultur ins Waldstadion ein; Rauch und Pyro, Choreos und Support.

Binding Szene, Inferno Schwalbach, Brigade Nassau hießen neben den schon erwähnten Bembelravern und dem EFC Wiesbaden die neuen Fanclubs einer Eintracht, die ab Sommer 96 nicht mehr nach Neapel oder Moskau fuhr, sondern nach Gütersloh, Meppen und Lübeck - zu sonntäglichen Zweitliga-Partien. Dem sportlichen Niedergang folgte das erste Aufkeimen der Fanszene - und die Gründung der Ultras; der UF97.

Die alten Fanclubs standen den jungen Wilden zunächst distanziert gegenüber; Griesheim, Sossenheim, Hessen 90 fuhren zwar noch auswärts - der Jugend aber fehlte der Bezug und so begannen sie sich selbst zu organisieren. Erstaunlicherweise inspiriert von den Fans des KSC, die sich wiederum am französischen Style (Straßbourg) orientierten, wandelte sich der Begriff Stimmung zum Support.

Die Ultras waren im Grunde ein Zusammenschluss der neuen Fanclubs, deren Logistikzentrum der EFC Wiesbaden bildete. Nun fuhren etliche Busse in die Lande; über 1000 Fans wollten die Eintracht beim ersten Spiel in Lübeck begleiten. Federführend in Frankfurt war dabei Daniel Reith, dessen Wirken auch die Brücke zu den Älteren baute und der maßgeblich den Gedanken von Choreografien in die Kurve hinein trug. Zu dieser Zeit begann auch die Rivalität zu Mainz 05; einem Verein, der bis dato für die Eintrachtfans höchstens eine Rolle gespielt hatte, als dass diese selbst Spiele der Mainzer besucht hatten. Dem Nachwuchs, der Spiele gegen Offenbach nur vom Hörensagen kannte, war nun ein Gegner in unmittelbarer Nähe gegeben.

Nicht nur die Fanszene, auch die Zweite Liga gewann an Bedeutung. Neben der Eintracht war mit dem 1.FC Kaiserslautern auch ein weiteres Gründungsmitglied der Bundesliga abgestiegen; die Zuschauerzahlen schnellten in die Höhe und das Fernsehen nutzte in Form des DSF die Gelegenheit, einzelne Spiele live im TV zu zeigen. Montag abends konnten die Fans nicht nur die Eintracht sehen, sondern auch sich selbst und ihre Aktionen. Rauch und Feuerwerk, auch Choreografien wurden nun bundesweit bekannt - und zogen immer mehr Jugendliche in den Bann. Martin Stein etablierte sich als Vorsänger und gab in der Kurve den Ton vor; nicht jeder war damit einverstanden - die heutige Akzeptanz in der Kurve musste sich erkämpft werden.

Ein wesentlicher Faktor der Bewegung war der Spaßfaktor. Nicht immer wurde das Erlebnis am Ergebnis des Spiels festgemacht; ein vor allem für Ältere irritierendes Moment. Die Bewegungsfreiheit war zu diesem Zeitpunkt für alle gegeben; vom Schwimmbad- bis zum Biergartenbesuch wurden vielfältige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung im Rahmen von Fußballspielen genutzt.

Die Ultrabewegung der Eintracht war eine Jugendbewegung mit Kern im Umland, die sich zunächst eher unpolitisch sah. Die großen Veränderungen auch im Bereich der Sicherheit, die im Wesentlichen in der WM 2006 manifestierten, lagen noch in einiger Entfernung; noch war Fußball oldschool - das Manifest der Ultras des AS Rom aber spielte in Frankfurt keine tragende Rolle. Dennoch erhielt die Gruppierung der Ultras zunächst nicht die Zulassung als Fanclub. Über diverse Umwege und Fanclubgründungen erhielten die Ultras dann doch noch vergünstigte Dauerkarten. Kai betonte, dass es ihn mit Stolz erfüllt, wenn er nun die Eintrachtkurve mit ihren Fahnen und Doppelhaltern, mit Choreos und den großen Schwenkfahnen sieht - und er daran denkt, wie klein alles angefangen hat; nicht zuletzt durch Leute wie ihn.

Brachte Rostock 1992 uns das Leiden bei, so lehrte uns der Abstieg, dass in der Not eine Kraft liegt, welche Neues gebären kann. Und wenn die Gegenwart trostlos daher kommt, besinnt man sich der Tradition, der Vergangenheit. Hatte sich bei den Verantwortlichen der Eintracht jahrelang niemand um das historische Erbe gekümmert, so brachten die Bemühungen von Leuten wie Andy Klünder oder Matthias Scheurer nicht nur die Gründungsurkunde ans Tageslicht, woraufhin das offizielle Gründungsdatum vom 1. Mai 1899 zum 8. März 1899 geändert wurde. Im Rahmen der Vorbereitungen zum 100jährigen Jubiläum fand Thomas Bauer den Wimpel zur Deutschen Meisterschaft eingestaubt nach längerer Suche in einem verbautem Schrank am Riederwald. Nicht nur bei Andy Klünder hing dieser Wimpel einige Zeit zuhause. Nun hat er seinen Platz im Museum.

Andy Klünder und Matthias Scheurer kümmerten sich nicht nur mit anderen um das Eintracht-Archiv, sondern schenkten der Eintracht auch mit Dirk Chung eine Homepage und das erste Forum. Als sich erste Erfolge einstellten und das Internet immer mehr an Bedeutung gewann, wurden mit dem Einstieg von Octagon die drei jedoch von Seiten der Eintracht ins Abseits manöveriert. Zuvor wollten die Fans aber auch bei der Eintracht Kontakte knüpfen und ihre Interessen formulieren - die Anfänge der Fan- und Förderabteilung, welche sich dann 2000 gründete, sind in dieser Zeit begründet. Als sich die Fans in den Verein begaben, verabschiedete sich der Profifußball von jenem - dies aber sind Themen der nächsten Kurvendiskussion, wenn es um die Jahre 2000 bis 2010 gehen wird.

Das Team belohnte die Fans mit dem Aufstieg 1998. Legendär wurde die erste Bundesligasaison nach dem Wiederaufstieg, als über 60.000 Zuschauer Zeuge wurden, wie Jan Aage Fjörtoft mit seinem Übersteiger der Eintracht sensationell den Klassenerhalt sicherte. Ein halbes Jahr später zierte die Eintracht abgeschlagen das Tabellenende. Für Salou, Guie-Mien, Heldt, Bulut oder Kracht wurden Millionen ausgegeben und nach der Ehrmantrautschen Bescheidenheit auf dem Gartenstuhl wurde auch dank der ISPR-Millionen wieder geklotzt und nicht gekleckert; Retter Jörg Berger wurde im Anschluss an das letzte Spiel in Ulm gefeuert und durch Felix Magath ersetzt; die Eintracht aber, deren Zukunft noch im Sommer rosig ausgesehen hatte, stand an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend wieder einmal am Abgrund.

Es war wie immer, die sportliche Bilanz konnte mit den Ausgaben nicht mit halten; aber eines konnte die Eintracht nun aufweisen: eine Fanszene die ihresgleichen suchte. Innerhalb weniger Jahre war aus einem mehr oder minder belächelten Haufen in Zeiten von Fußball 2000 eine der angesagtesten Szenen der Liga geworden. Und das, obwohl sich die Eintracht sportlich so desaströs zeigte, wie selten zuvor. Legendäre und typische Momente lieferte die Eintracht anlässlich des vermeintlich ausverkauften Uefa-Cup-Spiels gegen Neapel, als eine ganze Menge Eintrittskarten nach dem Spiel am Riederwald gefunden wurden oder das erste Heimspiel der Zweiten Liga gegen den FSV Zwickau, als die Eintracht nicht genügend Eintrittskarten gedruckt hatte und es zu leichten Tumulten an den Kassen kam.

So waren sie, die Neunziger - und so waren sie auch doch nicht. Jeder hat seine eigene Sichtweise auf die Zeit und es ist unmöglich jeden Sachverhalt im Detail zu durchdringen. Eines aber ist klar; die Fanszene der Eintracht hatte sich in zehn Jahren unglaublich gewandelt; wie sich auch die Inszenierung des Fußballs gewandelt hat. Wie schon angedeutet, richtete sich vieles auf die WM 2006 aus - und mit dem Aufkommen einer neuen Fankultur ging die Schwierigkeit seitens der Vereine, die immer mehr zu Unternehmen wurden, damit zu Recht zu kommen, Hand in Hand. Aber auch der DFB und die Polizei reagierten zunehmend repressiv - aus dem Fan wurde ein Sicherheitsrisiko. Dies aber wird wie so manch anderes Thema der nächsten Veranstaltung zur Fanszene sein. Die Kurvendiskussion geht weiter. Ganz sicher.


Um sich auch über Spiele und Tore der Eintracht in der damaligen Zeit einen Überblick zu verschaffen, empfehle ich euch: klickt euch durch Franks Eintracht-Archiv - das wir sicherlich auch in der nächsten Kurvendiskussion beleuchten werden.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Kurvendiskussion Teil II. Die 1990er im Museum


Fans sind seit jeher ein zentraler Bestandteil des Fußballs. Die Leidenschaft, mit der Fußballfans ihren Verein begleiten, macht einen großen Teil der Faszination des Fußballs aus. Fankultur ist ein Teil der Vereinskultur und Fangeschichte ein Teil der Vereinsgeschichte.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Tradition zum Anfassen, wollen wir den Wandel der Fanszene vom G-Block über die Gegengerade zur heutigen Nordwestkurve nachzeichnen. Im zweiten Teil der Kurvendiskussion nehmen wir die 90er Jahre in den Blick, weitere Abende werden folgen.

Anfang der 90er Jahre verzaubert die Eintracht ihre Fans mit dem Fußball 2000, doch trotz der großartigen Auftritte gelingt es dem Verein nicht, eine zweite Deutsche Meisterschaft an den Main zu holen. Aber die Reisen zu internationalen Spielen quer durch Europa sind unvergessliche Erlebnisse, von denen viele heute noch schwärmen.

Mitte der 90er Jahre wird die Eintracht sportlich schwächer, 1996 steigt die Mannschaft erstmals aus der Bundesliga ab. Was für den Verein eine sportliche Katastrophe ist, gestaltet sich für die Fanszene als Wendepunkt. Verein, Mannschaft und Fans rücken eng zusammen, und mit kreativem Einsatz geben die Anhänger dem Verein neuen Glanz. Die Zeit des sportlichen Misserfolgs ist auch die Zeit, in der große Ideen geboren werden. Die Ultras gründen sich als übergreifende Fangruppe, Fans initiieren die erste Homepage des Vereins und auch die Geschichte der Adlerträger wird von den Anhängern erstmals genauer erforscht.

Im 10. Teil der Veranstaltungsreihe Tradition zum Anfassen blicken wir auf diese bewegenden Zeiten zurück. Im Museum begrüßen wir am Abend des 25. Februar 2010 um 19:30 Uhr Menschen, die die Eintracht in den 90er Jahren mit viel Engagement begleitet haben.

Dr. Fedor Weiser leitete in den 90er Jahren das Frankfurter Fanprojekt und steht noch heute bei Wind und Wetter im Block 38B. Andreas „Pferd“ Hornung, seit Kindheit Eintrachtfan, engagierte sich seit den 90er Jahren als Fansprecher bei der Eintracht. Andreas Klünder ist einer der kreativen Köpfe der Fanszene. Vereinsarchiv, Internetauftritt, EintrachtfansTV, diese und viele weitere Projekte gehen auf den Ideenreichtum von „Andy“ zurück. Mit Kai Kauermann und Sascha Heibel begrüßen wir auch zwei Anhänger, die die aktive Fanszene der 90er Jahre geprägt haben.

Wir freuen uns, dass darüber hinaus auch viele weitere Protagonisten der 90er Jahre ihr Kommen bereits zugesagt haben, sodass wir auf eine lebhafte Kurvendiskussion aus und mit dem Publikum hoffen dürfen.

Dienstag, 24. November 2009

Der Tag, als Charly Körbel im Museum war


602 Bundesligaspiele, 45 Tore, sechs Länderspiele, 70 Pokalspiele, vier Pokalsiege, ein Uefa-Cup-Sieg, Ehrenspielführer - das sind die nackten Zahlen einer leuchtenden Karriere - aber wie erlebte Karl-Heinz Körbel, genannt Charly diese Zeit? Im Museum der Eintracht hat er vor annähernd 150 Gästen, darunter die langjährigen Eintracht-Begleiter Kurt Schmidt und Sonny aber auch der Co-Trainer der U23, Oscar Corrochano sowie mein Vater, darüber berichtet - und still wurde es im Raum.

Eröffnet wurde die Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen zunächst durch eine Anekdote von Matze Thoma, der den damaligen Co-Trainer Körbel auf dem Flug zum Uefa-Cup-Spiel nach Lodz kennen lernte. Körbel bot Matze an, mit der Mannschaft zu fahren - obgleich dieser eigentlich zunächst nach Oppeln wollte, Verwandtschaft besuchen, nahm Matze das Angebot an. Einem Charly Körbel schlägt man nichts ab - und so kam es, dass unser jetziger Museumsdirektor nur wenig später eine Nacht an einem Bahnhof in Polen verbrachte - die Nähe zum Team war es wert.

Geboren am 1.12.1954 in Dossenheim nahe Heidelberg war Charly schon als Kind fußballverrückt, sowohl nach der Schule als auch beim FC Dossenheim gab es nichts Schöneres, als dem runden Leder nach zu jagen. Obgleich sein Vater Eintracht-Fan war, interessierte sich der junge Charly eher für die Teams aus dem nordbadischen Raum wie den KSC, Waldhof oder den VfR Mannheim.

Im September 1964 war Körbel dann bei einem denkwürdigem Spiel zu Gast; im heimischen Waldstadion unterlag die Eintracht dem KSC trotz Egon Loy im Tor mit sage und schreibe 0:7 - bis heute die höchste Niederlage der Bundesligageschichte; schon nach 13 Minuten führten die Gäste mit 3:0. Charlies Reaktion war eindeutig: Zu so einem Verein gehst du nicht - obgleich er schon früh den Traum hatte, Bundesligaspieler zu werden

In der Jugend durchlief Körbel viele Auswahlmannschaften, über Nordbaden, Baden bis hin zur Jugendnationalmannschaft des DFB; begleitet hat ihn dabei der nahezu gleichaltrige Uli Stielike, der nur wenige Kilometer entfernt in Ketsch aufwuchs und Fußball spielte. Auf die Frage, wie denn der DFB auf Spieler in der fußballerischen Provinz aufmerksam wurde, antwortete Körbel kurz und prägnant: Qualität.

Trainer der Jugendnationalmannschaft war zu Beginn der Siebziger Herbert Widmayer unter dessen Fittichen Körbel und Stielike aber auch Dieter Kastner, später Müller, Bernd Dürnberger, Jürgen Glowacz oder Harald Schumacher zu gestandenen Bundesligaspielen reiften. Natürlich wurden auch die großen Vereine auf die Spieler, die bei vielen internationalen Spielen auch im Ausland Erfahrungen sammelten, aufmerksam. Körbel absolvierte nebenbei noch eine kaufmännische Ausbildung; wie ich die bestanden habe, weiß ich bis heute nicht.

Der erste Verein, der nachhaltiges Interesse an der Verpflichtung von Charly Körbel zeigte, war der VfB Stuttgart. Ein Vertreter des VfB, der noch heute dort als graue Eminenz tätig ist, kam ins Geschäft, fragte Körbel, ob er nicht wechseln wolle - und drückte ihm 100 Mark in die Hand; Charly nahm das Geld und bat sich Bedenkzeit aus. Später sagte er ab; das Geld aber hat er behalten erzählte er lachend.

Das Konzept mit Jugendnationalspielern eine Mannschaft aufzubauen sollte auch beim HSV aufgehen; Talentspäher Gerhard Heid sichtete die jungen Spieler und bewies ein glückliches Händchen, schon Rudi Kargus (Worms) und Manni Kaltz (Ludwigshafen) waren dem Ruf gefolgt, Charly Körbel sollte der nächste sein. Der erste Flug seines Lebens führte ihn in den Norden, um ein Probetraining zu absolvieren - sein Trainingspartner war kein Geringerer als Uwe Seeler, der nach einer langwierigen Achillessehnenverletzung langsam wieder in Tritt kam. Trainer Klaus Ochs schlug die Bälle nach vorne und Körbel sollte sich im Duell mit Seeler beweisen; keine einfache Aufgabe für den Bub aus Dossenheim, wollte er auf der einen Seite sich beweisen, so zeigte er doch Respekt vor Seeler und bemühte sich, ihn nicht erneut zu verletzen. Ich war ja auch später einer der fairsten Bundesligaspieler. Diese Aufgabe gelang ihm derart bravourös, dass er mit einem unterschriftsreifen Zwei-Jahres-Vertrag wieder in Dossenheim landete. Nicht nur die Bemühungen seitens der Hamburger Verantwortlichen hatten ihn beeindruckt, auch Uwe Seeler selbst setzte sich dafür ein, dass Körbel zum HSV wechseln solle.

Abends saß ich mit meinen Kumpels zusammen und sagte: Ich geh zum HSV.

Die Kumpels aber waren gar nicht begeistert, so weit weg, bist du wahnsinnig war die einhellige Meinung, zumal die A-Jugend des FC Dossenheim auf hohem Niveau spielte. Wir haben gegen gegen den KSC 3:0 gewonnen, auf dem Hartplatz in Dossenheim.

Letzlich war dem jungen Charly alles zuviel, das Abwerben, der optionale Verlust seines Umfeldes; wisst ihr was, ich bleibe noch ein Jahr in Dossenheim - und habe dem HSV abgesagt. Trotz mehrfacher Bemühungen seitens der Hamburger (Hast du ne Meise) hielt Charly Wort - und blieb im Alter von sechzehn Jahren zunächst in Dossenheim.

Sein Kollege in der Nationalmannschaft war zu der Zeit auch Wolfgang "Scheppe" Kraus, der bei der Frankfurter Eintracht spielte - und der ihm langsam die Eintracht schmackhaft machte. Die Anwerbung verlief schleichend und unaufdringlich, Geschäftsführer Jürgen Gerhardt besuchte später die Körbels, brachte Blumen für die Mama und umgarnte die Körbels bei Kaffee und Kuchen. Ernst Berger lud Körbel dann ein, einmal ein Spiel der Eintracht im Waldstadion zu besuchen. Im alten Oval gab es eine Ecke mit Clubsessel und Keksen, dort nahm Charly Platz, auch der damalige Trainer Erich Ribbeck stellte sich vor; jünger als manch Spieler und gewillt, dem Nachwuchs eine Chance zu geben - und dies imponierte dem jungen Mann aus Dossenheim, der zwar noch ein Jahr in der A-Jugend spielen konnte - aber mit der ersten Mannschaft trainieren wollte. So unterschrieb er einen Vertrag als Olympiaamateur, eine Konstruktion, die es ihm ermöglichte, sowohl für die A-Jugend, aber auch für die Amateure und die Profis spielberechtigt zu sein.

Trainer der Amateure waren seinerzeit die Deutschen Meister von 1959, Hermann Höfer und Dieter Stinka; ein weiterer Spieler der Meisterelf von 1959 stand sogar noch im Kader der Saison 1972/73; Friedel Lutz, den Charly als seinen Lehrmeister bezeichnete, ebenso wie er viel von den alten Recken Kalla Wirth oder Lothar Schämer lernen konnte. Ich habe geguckt, was die älteren Spieler machen, was die heutigen Spieler nicht machen, die gehen an dir vorbei.


Der Wille zum Lernen und das Beachten der Älteren brachten Charly neben seinem außerordenlichem Talent den ersten Pflichtspieleinsatz im Trikot der Frankfurter Eintracht. Am 11.08.1972 besiegte die Eintracht den 1.FC Kaiserslautern am Betzenberg mit 3:1; es war ein Spiel im Ligapokal, der Gegenspieler war Klaus Toppmöller - und der Trainer des 1.FCK der spätere Eintracht-Trainer Dietrich Weise. Die Bundesligapremiere erfolgte am 7. Spieltag im Heimspiel gegen Bayern München. Ausfälle von Lutz und Wirth bewogen Trainer Ribbeck dazu, den 17jährigen Körbel gegen den erfolgreichsten Stürmer der Bundesligageschichte zu stellen, gegen Gerd Müller. Müller traf zwar zum 1:2 Anschlusstreffer wenige Minuten vor Spielende, das Lob aber gebührte dem Neuling und der Sieg der Eintracht.

Dabei war Körbel in der Annahme, nicht zum Kader zu gehören, schon vor dem Wochenende mit dem Zug in seine Heimat gefahren, um mit seinen Jungs zu trainieren. Die Eintracht telefonierte ihm hinterher, da zunächst niemand wusste, wo er sich aufhielt. Ribbeck höchstselbst kutschierte ihn nach Frankfurt zurück, Körbel hatte ja noch keinen Führerschein.

Seine erste Heimat in Frankfurt war der Riederwald, er bezog zusammen mit Raimund Krauth die Wohnung am Trainingsgelände der Eintracht als Nachfolger von Bernd Nickel und Jürgen Kalb, die zuvor ihren Spaß dort gehabt hatten. Während sich Spieler wie Thommy Rohrbach oder Gerd Trinklein ins Nachtleben stürzten und sich geschickt den Kontrollversuchen des Trainers Ribbeck entzogen, der mit seinem schwarzen Ledermantel alle Register der Überwachung zog, war es für Körbel schon ein Privileg, auszuschlafen.

Wie für einige andere, sorgten Ribbecks Angewohnheiten für Irritationen. So durften die Spieler im Trainingslager in Grünberg nur wenig bis nichts trinken. Selbst nach intensiven Laufeinheiten gab es beim Mittagessen nichts; in der Folge drehten die Spieler die Dusche auf und wollten das kalte Wasser zu sich nehmen - bis Ribbeck hinter ihnen auftauchte, sie von der Dusche weg zog und das Wasser abstellte. Das muss man sich mal vorstellen. Ich habe ihn neulich mal daraufhin angesprochen, heute will er davon nichts mehr wissen erzählte Charly lachend.


Körbel absolvierte in seiner ersten Saison 18 von 34 möglichen Ligaspielen - bis 1991 stand er von 646 möglichen Spielen 602 mal auf dem Platz - und dies trotz einem Schienbeinbruch; eine schier unvorstellbare Leistung. Knapp zwei Jahre nach seinem Debut wurde Körbel zum ersten Mal Pokalsieger durch ein 3:1 gegen den HSV, ein weiteres Jahr später erzielte er selbst den 1:0 Siegtreffer gegen den MSV Duisburg und stemmte den DFB-Pokal erneut in die Höhe; mit gerade mal 20 Jahren eine erstaunliche Bilanz, zudem er sich als Spieler in der Liga etabliert hatte und außerdem im 40er Kader für die WM 1974 gelistet wurde. Beharrlicher Wille zum Lernen und der Respekt vor den Älteren hatten sich schon früh ausgezahlt - und dabei stand er erst am Beginn einer einzigartigen Karriere.

Hat er zu Beginn seiner Karriere häufig im defensiven Mittelfeld den Terrier geben müssen, zu dessen Aufgaben das Ausschalten des gegnerischen Spielmachers (Overath, Netzer) gehörte, nebst Verbot über die Mittellinie zu gehen (Nickel hat immer zu mir gesagt: Ausschalten, marschieren, mir den Ball geben), so etablierte sich Körbel nach dem Wechsel von Uwe Kliemann zur Hertha im Sommer 1974 als Vorstopper mit der Nummer vier. Während vorne Grabi, Nickel und Hölzenbein (die wären ja heute unbezahlbar) in der gegnerischen Hälfte zauberten, war für Spieler wie Roland Weidle oder Körbel an der Mittellinie Schluss. Gerd Trinklein hatte sich im Finale des DFB-Pokals 1974 darüber hinweg gesetzt - und prompt einen Treffer erzielt.

Körbel bekannte, dass er die ersten Jahre bei der Eintracht mitgeschwommen sei, da die anderen Kameraden ihn führten. Die Spieler zeigten sich verantwortlich für das gesamte Team - und die Jungen Respekt vor den Älteren. Lag ein Älterer auf der Massagebank, so reichte ein Blick - und die Jungen trollten sich. Deswegen habe ich mich auch kaum massieren lassen.

Charly etablierte sich in der Bundesliga - und heiratete in Dossenheim seine Margarethe. Die Hochzeit brachte einige Schwierigkeiten mit sich, Charly ist evangelisch, seine Frau katholisch und die jeweiligen Pfarrer weigerten sich zunächst, eine gemeinsame Trauung zu vollziehen. Dies hatte zur Folge, dass nach einigem Hin und Her der katholische Pfarrer (der immerhin Fußballfan war und sich für den 1.FC Nürnberg begeisterte) sich bereit erklärte, an einer ökumenischen Zeremonie teil zu nehmen; der Preis war: Charly Körbel, DFB-Pokalsieger und Nationalspieler musste Eheunterricht nehmen und unterschreiben, dass der Nachwuchs katholisch getauft wird. Nach Eheschließung trat Körbel aus der Kirche aus, was zur Folge hatte, dass der evangelische Pfarrer zum Entsetzen der Mutter den Austritt öffentlich über die Kanzel verkündete.

Zu seinem ersten Länderspiel kam Körbel am 22.Dezember 1974 in Malta; das Spiel fand in La Valetta auf dem berüchtigten Hartplatz stand und der Weltmeister kam zu einem mühevollen 1:0; neben Körbel standen auch Hölzenbein und ab der 46. Minute Bernd Nickel auf dem Platz. Dazu stürmte der Offenbacher Erwin Kostedde. Schon im Oktober 1975 endete nach dem sechsten Spiel die Karriere als Nationalspieler; zu stark dominierte der Bayern Block mit Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck und Hoeneß die Nationalelf - und als Körbel gegen Griechenland die Defensive vernachlässigte, da die Spanier Netzer und Breitner außer Form waren und Beckenbauer bei einem Gegentor auf sich alleine gestellt war, da kam der Abpfiff - mit 22 Jahren. Der Franz hat mich nicht mehr angeguggt, da wusste ich schon, was los war.

Dennoch absolvierte Körbel im Trikot der Eintracht im Europacup der Pokalsieger und im Uefa-Cup 48 internationale Spiele und errang 1980 den Uefa-Cup. Zu den besten Spielen zählen dabei die Partien gegen die Bayern. 1980 bezwang die Eintracht die Münchner im Rückspiel des Halbfinales mit 5:1, schon 1977 standen sich beide Teams im gleichen Wettbewerb gegenüber; 4:0 siegte die Eintracht in Frankfurt, 2:1 in München. Aber auch die Partie gegen Feyennoord Rotterdam blieb Körbel in nachhaltiger Erinnerung, eines der besten Spiele der Eintracht - mit 4:1 fegten die Adler (in grünen Trikots) Rotterdam vom Platz; Cha und Pezzey, Grabi und Holz, Neuberger und Körbel, Nickel und Nachtweih - ein großartiges Team begeisterte ganz Deutschland.


Cha Bum, einer der großartigsten Spieler, der je für die Eintracht aufgelaufen ist, stand unter dem besonderen Schutz von Charly Körbel - aber auch dem ganzen Team. Als Cha aus Südkorea nach Deutschland kam, landete er in einem anderen Universum. Unbekannte Schriftzeichen oder unbekanntes Essen bereiteten dem gläubigen Cha erhebliche Probleme, über die ihm die gesamte Mannschaft hinweg half - wie Körbel seinerzeit von einem funktionierendem Team geleitet wurde; eine Erfahrung, die Charly bis heute als sein Kapital bezeichnet. Gerade im Vergleich zur heutigen Zeit, da bspw. ein Spieler wie Caio mehr oder minder auf sich alleine gestellt ist, zeigt sich, wie wertvoll die Einflüsse erfahrener Spieler auf die Qualität einzelner Spieler sein kann. So haben wir den Cha aufgebaut. Heute ist alles ganz anders, man kümmert sich nicht darum.

Legendär wurden die Sitzungen im Hinterzimmer beim Ruppe Karl in Ober-Erlenbach (wenn wir einmal in der Saison schlecht gespielt haben). Der Gastwirt, der in diesem Jahr leider verstorben ist, öffnete sein Reich für die Spieler, stellte Wodka hin, verschloss die Türe und klopfte auch dem Anti-Alkoholiker Cha auf die Schulter: Sauf, Cha. Sauf.

So wurden unglaublich viele Probleme intern geklärt. Heute geht jeder seine eigenen Wege, die Zeit ist schnelllebiger, früher gab es einen Reporter der Bild, die Abendpost/Nachtausgabe und die Rundschau - heute steht überall eine Kamera.

Jürgen Grabowski musste 1980 nach einem Tritt von Lothar Matthäus seine Karriere beenden, Holz zog es ein Jahr später nach Amerika (nach dem dritten Pokalsieg der Eintracht mit Charly Körbel) und im Jahr 1983 beendeten nicht nur Willi Neuberger und Bernd Nickel ihre Karrieren im Eintracht-Trikot; Cha wurde nach Leverkusen transferiert und Bruno Pezzey nach Bremen. Gerade der Verkauf von Pezzey erregte die Gemüter. Pezzey, der während der Halbzeit in Düsseldorf (dem letzten Saisonspiel 82/83) von seinem bevorstehenden Verkauf erfuhr, wurde in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt zu einem Freund Körbels. Körbel wiederum hatte zwar kurz zuvor seinen Vertrag bei der Eintracht verlängert, jedoch waren mit dem Verkauf von Cha und Pezzey nicht mehr die Bedingungen gegeben, unter denen er unterschrieben hatte. Abends saßen Pezzey, der das Angebot von Werder Bremen vorliegen hatte und Körbel beisammen - und Pezzey sagte: Weißt du was, du gehst mit nach Bremen.

Pezzey, Nickel und Körbel flogen gemeinsam in Urlaub nach Forida, derweil Werder Bremen Bereitschaft signalisierte, auch Körbel zu nehmen. Letzlich aber hatte Eintracht Frankfurt in der Sommerpause den Schweden Jan Svensson verpflichtet, aus Berlin kam Jürgen Mohr, so siegte letztlich doch Charlies Einstellung und sein großes Herz für die Eintracht: Ich kann die jungen Spieler nicht im Stich lassen. Wenn ich jetzt auch noch gehe, fällt alles zusammen - und das wollte ich nicht sagte Charly - und bewies das richtige Gespür.

Mit Falkenmayer, Kraaz und Berthold ging die Eintracht in die neue Saison 83/84 und die Qualitäten eines Charly Körbels waren gefragter denn je. Die Mannschaft stemmte sich gegen den Abstieg, alleine gelassen von Trainer Zebec, der einen Kampf gegen sich und den Alkohol führte und blieb vom 03. September 1983 (3:0 gegen Düsseldorf) bis zum 25. Februar 1984 (3:0 gegen Kickers Offenbach) 174 Tage ohne Sieg. Mittlerweile hatte Dietrich Weise erneut das Traineramt inne und schaffte letztendlich den 16. Platz, welcher immerhin zu Relegationsspielen gegen den Dritten der Zweiten Liga, den MSV Duisburg berechtigte. Zuvor, am 31. Spieltag, verlor die Eintracht ihren Kapitän. Körbel hatte im Spiel gegen den 1.FC Nürnberg zwei Treffer erzielt, als es kurz nach dem Anstoß im Anschluss an den zweiten Treffer zu einem folgenschweren Zusammenprall mit Rüdiger Abramczik kam - und Charly Körbel sich das Schienbein brach. Die Eintracht aber spielte für ihren Kapitän, besiegte den Club mit 3:1 und holte auch in den letzten drei Spielen fünf von sechs möglichen Punkten. Nach einem 5:0 in Duisburg stand der Klassenerhalt nahezu fest, das Rückspiel endete 1:1 und somit blieb die Eintracht erstklassig. Schon am dritten Spieltag der Folgesaison stand Körbel wieder auf dem Platz, im Bein steckte zweieinhalb Jahre lang ein langer Nagel, der den Knochen stabilisierte und der heute im Museum zu bewundern ist.

Die Eintracht, die ein Jahrzehnt lang durch spielstarken Fußball geglänzt hatte, befand sich fortan in den unteren Tabellenregionen; andere Tugenden waren gefragt, die einstige Qualität nur im Ansatz vorhanden. Charly Körbel, Nummer vier und Kapitän marschierte vorneweg - und besaß einen großen Bonus bei den Fans, gerade in den seltenen Fällen, als er schlecht spielte.

Eine schwierige Phase hatte Körbel unter Trainer Feldkamp zu überstehen der ihn - ohne mit ihm gesprochen zu haben - als Kapitän absetzen wollte. Natürlich war Körbel gekränkt und wenig begeistert - und kann daher sehr gut nachvollziehen, wie es Ioannis Amanatidis ergangen ist, welchen durch den neuen Trainer Michael Skibbe im vergangenen Sommer das gleiche Schicksal ereilte. Körbel sprach damals mit Ama, sagte: mir ist das auch passiert, bleib besonnen - und überlege dir, was du sagst. Körbel selbst führte die Mannschaft damals mit Blick auf Feldkamp auf das Feld und dachte sich: Du kriegst mich nicht kaputt - bevor ich gehe, gehst du. - und sollte trotz des folgenden Pokalsieges, dem nunmehr vierten mit Körbel, Recht behalten. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir hätten den Pokal nicht geholt und mehr Ruhe im Verein gehabt. Für Feldkamp war Geld wichtig, Geld, Geld, Geld - das hat nicht gepasst.

Feldkamp verließ die Eintracht, ebenso wie zuvor Lajos Detari, den Siegtorschützen des bislang letzten Pokalerfolges. Körbel blieb es vorbehalten, in der Saison 88/89 im letzten Saisonspiel gegen Hannover 96 einen Treffer zu erzielen, der die Eintracht immerhin erneut in die Relegation brachte - um diese mit 2:0 und 1:2 gegen den 1.FC Saarbrücken knapp zu überstehen.

Mit der Rückkehr von Ralf Falkenmayer und der Verpflichtung von Uwe Bein begann die Aera des Fußballs 2000, die mit Tony Yeboah einen weiteren Schub erfuhr - auch wenn Bein unter der Woche phasenweise kaum trainierte. Sicherer Rückhalt in jenen Jahren war Torhüter Uli Stein, der alleine für mindestens 10 Punkte gut war.

Große Stücke hielt Körbel, wie so viele, auf Ralf Falkenmayer, der für die Mannschaft unglaublich wichtig war.

Seine letzte Saison spielte Charly Körbel 1990/91. Am vorletzten Spieltag absolvierte er sein 602tes und letztes Bundesligaspiel, eine gelbe Karte führte zu einer Sperre, so dass sich Charly nicht mehr aktiv vor heimischen Publikum verabschieden durfte. Obgleich er körperlich durchaus noch in der Lage gewesen wäre, weiter aktiv zu spielen, wollte er abtreten, wie er begonnen hatte; in einem Team, das ganz oben steht, dass die Leute mich in guter Erinnerung behalten.

Lange Jahre hat Körbel seinen Körper gepflegt, machte Urlaub in den Heilbädern von Ischia, während seine Kollegen auf Ibiza oder Mallorca weilten. Der Lohn waren jene 602 Spiele - dies bedeutet, dass ein junger Spieler ab heute 20 Jahre lang 30 Spiele pro Saison absolvieren müsste - und selbst dann diesen Rekord nicht eingestellt hätte, wie Stefan Minden von der FuFA anmerkte - eine unglaubliche Leistung, die auch jene Spieler immer wieder verblüfft, die neu zur Eintracht stoßen.

Auch nach seinem Karriereende blieb Charly Körbel der Eintracht gewogen, zunächst als Co-Trainer, dann als Trainer, später als Scout und jetzt als Vorstandsberater und Leiter der Fußballschule. Doch diese Zeit wird sicherlich in einer weiteren Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen näher beleuchtet. Eine Tradition, die kaum jemand besser verkörpert und auch fördert als Charly Körbel.

Danke dafür.


Matze Thoma, Charly Körbel, Stefan Minden, Beve



Die Portraitfotos sind von Stefan Krieger, das Gruppenbild von Steffen Ewald und die kleinen Bilder vom Eintracht-Archiv. Danke.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Der Tag als Bernd Hölzenbeín im Museum war - Teil II


Nach dem zweiten Pokalsieg 1975 spielte Eintracht Frankfurt eine höchst erfolgreiche Serie im Europapokal. Durch zwei Tore von Hölzenbein siegte die Eintracht unter anderem bei Atletico Madrid mit 2:1 und scheiterte erst unglücklich im Halbfinale bei West Ham United. Ein Tor hatte gefehlt, um in das Finale einzuziehen.

Die stärkste Eintracht jedoch sah Holz nach Übernahme des Traineramtes durch Guyla Lorant 1976/77. 21 Spiele, Saisonübergreifend sogar 22 blieb das Team ungeschlagen, am Ende fehlten zwei Punkte zur Meisterschaft. Wer weiß, was geschehen wäre, so Lorant die Mannschaft nur etwas früher übernommen hätte. Andererseits schaffte es Eintracht Frankfurt nicht, bei Tennis Borussia Berlin zu gewinnen - einem designierten Absteiger. Hölzenbein erzielte in jenem Jahr 26 Treffer; für den Titel des Bundesligatorschützenkönig jedoch in dieser Saison zu wenig; Dieter Müller traf 34 mal. Später sollten Jörn Andersen und Tony Yeboah im Trikot der Frankfurter Eintracht diesen Titel erringen - mit 18 resp. 20 Treffern. Doch woran hat es gelegen, dass Eintracht Frankfurt niemals bis ganz nach vorne dringen konnte? Vielleicht hatten die Riederwälder nie 10 bis 11 gleichstarke Spieler auf allen Positionen; als Pezzey und Cha (der war eine Granate) zur Eintracht gestoßen sind, waren auch Holz und Nickel schon etwas in die Jahre gekommen. Womöglich spielte damals die vielleicht stärkste Eintracht der letzten Jahrzehnte, abgesehen von dem Team, das später Fußall 2000 zelebrieren sollte - und doch nicht Meister wurde.

Bernd Hölzenbein wurde 1976 in Jugoslawien Vize-Europameister, als Uli Hoeneß im Elfmeterschießen einen Elfmeter in den berühmten Nachthimmel von Belgrad gedroschen hatte. Zuvor hatte Hölzenbein per Kopfball in der letzten Minute der regulären Spielzeit per Kopf den 2:2 Ausgleich gegen den Überraschungsfinalisten Tschechoslowakei erzielt. Einen besonderen Stellenwert hat dieses Ereignis allerdings nicht in Holz' Vita, zumal seinerzeit die Endrunde nur mit vier Mannschaften ausgespielt wurde. Erst kurz vor Spielbeginn des Finales wurde beschlossen, dass es im Falle eines Unentschiedens kein Wiederholungsspiel geben würde, sondern ein Elfmeterschießen - auf das niemand so recht vorbereitet war. Im End war Hölzenbein ganz froh, dass er keinen Elfmeter schießen musste. Das war eine Anspannung - Unfassbar.

Seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte Hölzenbein nach der WM 1978 in Argentinien - als Deutschland die Chance auf ein Finale oder zumindest das kleine Finale durch ein 2:3 gegen Österreich in Cordoba verspielte - und das obgleich Holz die Mannschaft durch den Ausgleichstreffer zum 2:2 wieder ins Spiel gebracht hatte. Sogar mit seinem großen Förderer Helmut Schön geriet Holz ohne Not aneinander, als er nach dem Finale einige unbedachte Äußerungen gegenüber der Presse machte. Wir blamieren uns vor der ganzen Welt gegen so eine Mannschaft und dann kommen die Funktionäre in die Kabine und haben nur eins im Sinn: Die Kleiderordnung für die Heimreise; Welche Schuhe, welches Unterhemd, welche Farbe. Und in meiner Wut habe ich geschimpft, dass wir nie ein Team waren. Die jungen Spieler hatten Bravoverträge und schon Bücher geschrieben; Hansi Müller, Abramczik, Rummenigge - das waren Kinder, Kindsköpfe, die haben damals überhaupt nicht den Ernst der Lage erkannt. Berti Vogts war überfordert, Bonhof musste verletzt spielen und Grabi war leider nicht dabei.
Damit habe ich natürlich Helmut Schön brüskiert und menschlich enttäuscht. Wenn er schimpft oder dir eine Ohrfeige gibt, ok - aber wenn er dich nur traurig anschaut und dann weiter geht, das war schlimm, wenn dieser Mann nur durch dich durchguckt. Das war unfassbar.

Selbst die Mannschaft hat Holz auf dem Heimweg ignoriert und angekommen auf dem Frankfurter Flughafen machte sich Hölzenbein aus dem Staub - es gab ja auch keinen Empfang auf dem Römer. Erst zwei Jahre später fasste Bernd Hölzenbein den Mut, sich bei Helmut Schön im Hotel Kempinski zu entschuldigen (ich bin da angeschlichen). Schön nahm ihn in die Arme - und da war das wieder ok.

Es war ihm unfair gegenüber, was ich gemacht hatte, obwohl ich es gar nicht wollte: Schön war ein großer Mann, ehrlich und hat zu mir gestanden, selbst als Jupp Derwall (Co-Trainer) und die Presse ihn 1974 überzeugen wollten, dass ich doch nicht der Richtige bin.

Es war Holz eine Herzensangelegenheit, sich bei seinem Mentor Helmut Schön zu entschuldigen, noch heute war spürbar, dass Hölzenbein sichtlich unter der Situation gelitten hatte. Sieht man sich heute das Interview von damals an, fällt vor allem die relative Harmlosigkeit seiner Worte auf - die doch so große Konsequenzen hatten.

Doch nicht nur das unrühmliche Ausscheiden aus dem Turnier prägte die WM 1978. Hatte 1974 zumindest die Tischtennisplatte für Abwechslung gesorgt, so herrschte im Quartier in Ascochinga (Toter Hund) ein strenges Regiment. Während Franz Lambert mit seiner Orgel die Stimmung zu beleben versuchte, was nicht immer gelang, so wurden die Spieler phasenweise wie Schulbuben behandelt. Wollte jemand nach Hause telefonieren, musste er ins Büro. Dort stand ein Telefon und eine Stoppuhr; die entstandenen Kosten wurden dann von der Spesenrechnung abgezogen. Meine Frau erwartete zu der Zeit ein Kind - und ist nicht zu mir durchgedrungen, na gut, das war vielleicht auch nicht so wichtig ... ich bin halt Vater geworden. Erst über die Bild habe ich es doch noch erfahren.

Übrig blieben für Hölzenbein aus seiner Länderspielkarriere neben dem WM-Titel 1974 und der Tischtennismünze auch zwei goldenen Schallplatten; eingespielt 1974 und 1978. Fußball ist unser Leben und Buenos Dias Argentinia lauteten die WM-Songs jener Jahre, bei denen Holz kräftig mitgeschmettert hatte.



Die Saison 1979/80
endete für die Eintracht mit dem ersten internationalen Titel: mit dem Gewinn des Uefa-Cups. Unvergessen dabei das Sitzkopfballtor von Bernd Hölzenbein gegen Dynamo Bukarest. Die Eintracht hatte das Hinspiel in Bukarest mit 0:2 verloren; kurz vor Ende führten sie mit 1:0. Auf Nachfrage erfuhren die Spieler, dass noch 20 Sekunden zu spielen waren, als es einen Freistoß gab. Willi Neuberger führte aus, der Schiedsrichter führte die Pfeife an den Mund - er zögerte noch einen Moment, als der Ball über Körbel in den Armen des Bukarester Torhüters landete und er zögerte noch einen Moment länger, als diesem das Leder aus den Händen glitt und nach unten plumpste, wo der zuvor ausgerutschte Hölzenbein auf dem Boden saß, seinen Kopf ein wenig reckte und tatsächlich in der allerletzten Sekunde die Verlängerung erzwang. Nickel erzielte in jener Verlängerung das 3:0 - und die Eintracht erreichte die nächste Runde. Das ist so ein Zufall, dass man da mitrutscht, blöd da sitzt und das Ding dann reinmacht. Das gibts nur im Fußball, deshalb gehen wir da immer wieder hin.

Bei den Endspielen gegen Borussia Mönchengladbach fehlte Jürgen Grabowski; im Punktspiel gegen Gladbach hatte ein Tritt des Lothar Matthäus für das vorzeitige Karriereende gesorgt. In Mönchengladbach unterlag die Eintracht mit 2:3, das 1:0 durch Fred Schaub in der 81. Minute im Rückspiel reichte auf Grund der mehr auswärts erzielten Tore zum Titel. Als Kapitän Bernd Hölzenbein den Uefa-Cup in Empfang nahm, gab er diesen unter dem Jubel des vollbesetzten Waldstadions an den verletzten Grabi weiter. Beim abschließenden Bankett erfuhr Holz, dass Trainer Rausch ihn eigentlich auswechseln wollte - was den Kapitän wiederum sehr geärgert hatte. Ich war Kapitän, war immer für ein Tor in der letzten Minute gut, wie kann der das machen.

Als Hölzenbein angesäuert die Feier verlassen wollte, entdeckte er den Uefa-Cup - und nahm ihn mit nach Hause. Jürgen Gerhardt, seinerzeit Geschäftsführer der Frankfurter Eintracht erkundigte sich am nächsten Morgen aufgeregt nach dem Verbleib des Pokals, Holz jedoch gab sich ahnungslos. Zwei Stunden ließ er die Verantwortlichen hängen, erst dann löste er das Rätsel auf. Als Jürgen Gerhardt den Pokal abholen wollte, bewaffnete sich Hölzenbein mit einer Videokamera und filmte die Aktion. Heute ärgere ich mich, stellt euch vor, ich hätte heute noch das Original und wir würden es hier ausstellen meinte er scherzhaft .

A propos Rausch: Grabi war eh sauer auf den Trainer; wir waren im Trainingslager als Rausch abends die Zimmer inspizierte. Nachtweih war nicht da, vielleicht irgendwo was zu trinken holen. Rausch war sauer und meinte, wenn er wieder kommt, kannst du ihm sagen, er kann seine Koffer packen und nach Hause fahren. Als Rausch bemerkte, dass Grabi und Nickel ebenfalls nicht auf ihren Zimmern waren, kam er zurück und meinte: Das mit Nachtweih hat sich erledigt.

Es folgte das letzte Jahr von Bernd Hölzenbein bei Eintracht Frankfurt - und es endete mit einem weiteren Pokalsieg, dem dritten für Holz und die Eintracht; in Stuttgart besiegten die Frankfurter den 1.FC Kaiserslautern mit 3:1; es war das finale Spiel von Holz für Eintracht Frankfurt. Schon im Winter hatte er einen Vertrag bei Fort Lauderdale, dem neuen Club von Gerd Müller unterschrieben. Vielleicht etwas überstürzt, da die Eintracht einer Vertragsverlängerung nur unter erheblichen Gehaltseinbußen seitens Holz zustimmen wollte und ihm zudem nicht das Gefühl gegeben hatte, ihn wirklich zu wollen. Im Nachhinein wechselte Holz doch zum richtigen Zeitpunkt, immerhin war er schon 35 (Die Amis glaubten 33 - aber das ist eine andere Geschichte) - und der Abtritt mit dem Gewinn des DFB-Pokals ein triumphaler. Als sich die Mannschaft mit dem Pokal am Römer präsentierte und die Fans ihnen zujubelten, war es auch für Holz ein großer Moment. (Die (Amerikaner) haben alle gedacht, die feiern hier meinen Abschied, also haben wir die auch im Glauben gelassen) - schon am nächsten Tag brach er nach Florida auf, die letzten Punktspiele fanden ohne den Kapitän statt.

Nach Grabis Karriereende im Jahr zuvor war nun auch der zweite Weltmeister von Bord gegangen. Beinahe wäre Hölzenbein jedoch bei Beckenbauers Ex-Club Cosmos New York gelandet; ein Anruf des Trainers Hennes Weisweiler zeugte von Interesse. Als Holz jedoch zurückrief übersah er allerdings den Zeitunterschied von sechs Stunden; Nachts um drei klingelte in New York bei Weisweiler das Telefon, woraufhin dieser arg sauer wurde. Am folgenden Tag murmelte er noch ein paar Worte ins Telefon, das Interesse von Cosmos aber war schlagartig erloschen. Immerhin sorgte der Kontakt dafür, dass Fort Lauderdale das gleiche Gehalt wie Cosmos New York zahlen sollte. Wir haben natürlich so getan, als bestünde das Interesse noch immer ...

Das erste Spiel bei Fort Lauderdale lief an Holz völlig vorbei; dennoch titelte die BILD Frankfurt am folgenden Tag: Amerika feiert Bernd Hölzenbein. Ich habe kaum einen Ball berührt, Amerika kennt mich überhaupt nicht; selbst im Stadion kannte mich so gut wie keiner. Da habe ich dann auch gelernt, dass man als Leser der BILD-Zeitung nicht alles glauben darf. Am nächsten Tag mussten sie dann wieder was schreiben. Hölzenbeins Sohn im Swimmingpool fast ertrunken. Der Pool war 10 cm hoch. Die mussten ja was bringen, also haben sie was gemacht.

Als der Vertrag in Florida auslief, das zweite Jahr verlief für Holz besser als das erste, stand tatsächlich noch einmal ein Vertrag bei der Eintracht zur Debatte; auch der 1.FC Nürnberg zeigte Interesse; Holz aber entschied sich für die Hallensaison in den USA und kickte für Baltimore.

Nach der Seniorenweltmeisterschaft als Deutschland trotz eines Treffers von Holz Brasilien unterlag, brachte seine Rückkehr nach Deutschland ein kurzes Intermezzo beim FSV Salmrohr mit sich, einem Team das 1986 um den Aufstieg in die zweite Liga kämpfte. Spielertrainer war Klaus Toppmöller und im Sturm lief ein Mann auf, der später auch in der Bundesliga für Furore sorgen sollte: Edgar Schmitt.

Holz verletzte sich beim Training, Achillessehnenentzündung - und konnte fünf Monate nicht spielen. Erst als in der Aufstiegsrunde der Gegner Kickers Offenbach hieß, sollte er dabei sein. Holz meinte zwar, dass er nicht spielen könne; der Trainer aber sagte: Dann setz dich wenigstens auf die Bank und mach denen Angst. Kurz vor Schluss lag Salmrohr mit o:2 hinten, Holz wurde eingewechselt, humpelte auf den Platz und verwirrte die Kickers dermaßen, dass Salmrohr innerhalb weniger Minuten den Ausgleich erzielte - und tatsächlich aufstieg.

Im Sommer 1986 ging dann die große Spielerkarriere von Bernd Hölzenbein zu Ende. Für die Eintracht absolvierte er 420 Bundesligaspiele und erzielte dabei 160 Treffer. Er ist damit mit weitem Abstand Rekordtorschütze der Eintracht und liegt in der ewigen Rangliste der Bundesliga auf Platz 11. In 40 Länderspielen (das erste und das letzte gegen Österreich) erzielte er fünf Treffer und wurde 1974 Weltmeister. Mit den drei Pokalsiegen und dem Uefa-Cup-Sieg ist Bernd Hölzenbein der erfolgreichste Spieler der Eintracht aller Zeiten; wenngleich er selbst sagt, dass die größten Eintrachtspieler Jürgen Grabowski und Alfred Pfaff waren und er in einer optionalen Rangliste mit Platz drei hoch zufrieden wäre.

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1988 kehrte Holz als Vizepräsident zur Eintracht zurück; auf der legendären Hauptversammlung als der Ordner und bekannte Boxer Freddy Wegner von einem Redner, der sich nicht dazu bewegen ließ das Rednerpult zu verlassen, ko geschlagen wurde. Irgendjemand rief meinen Namen - und schon war ich gewählt.

Als später Präsident Wolf zurück treten musste, stand Hölzenbein zunächst in vorderster Front - bis Matthias Ohms Präsident wurde. Die ersten Jahre liefen auch ganz gut, die Einkäufe passten - und die Zeitungen schrieben Holz in den Himmel, was nicht allen gefiel. Neid und Eifersucht gingen mit dem Erfolg Hand in Hand. Stand auf der einen Seite der Fußball 2000 mit Stein, Yeboah und Uwe Bein so folgte der Misserfolg nur wenig später: Der Abstieg, dessen Verschulden sich Bernd Hölzenbein auch auf die eigene Fahne schreibt. Ich habe sehr viel gelernt, zum Beispiel, dass man nicht mehr Geld ausgibt, als man hat. Die Spieler wollten immer mehr, die Finanzierung sollte über zukünftige Einnahmen gewährleistet werden; unnötiges Ausscheiden aus dem Uefa-Cup wie gegen Bröndby machten den Planungen jedoch einen Strich durch die Rechnung. Von daher unterstützt Holz auf Grund seiner Erfahrungen den heutigen Kurs der Frankfurter Eintracht, der durch Heribert Bruchhagens Maxime, nicht mehr auszugeben als man hat, geprägt ist - auch wenn manch einer aus dem Umfeld dies nicht so gerne hört.

Die Verpflichtung von Heynckes 1994 als Trainer wurde von Holz abgenickt; die Suspendierung der Spieler Gaudino, Okocha und Yeboah aber hätte nicht sein müssen; eine Geldstrafe hätte es auch getan - Holz aber konnte sich nicht durchsetzen. Schwer getroffen hat Hölzenbein die Bewährungsstrafe, die er später wegen vermeintlicher Steuerhinterziehung im Falle Yeboah erhalten hatte. Damals hatte ich nur wenig Freunde. Sehr wenig Freunde. Aber: Fehler macht jeder gab Holz zu.

Nach dem Abstieg 1996 und der Debatte um Yeboah verließ Hölzenbein die Eintracht, um 2004 als Vorstandsberater und Leiter der Scoutingabteilung zurück zu kehren. Damit verbunden ist der Aufstieg mit Friedhelm Funkel, Klassenerhalt, DFB-Pokal-Finale 2006 und der Einzug in den Uefa-Cup als Verlierer des Endspieles, da Gegner Bayern München als Meister schon für die Championsleague qualifiziert war.

Die umstrittenste aber auch vermeintlich spektakulärste Neuverpflichtung tätigte die Eintracht mit dem Spieler Caio. Ich bin zu 100% überzeugt, dass er ein klasse Spieler ist. Aber es kann passieren, dass er es vom Kopf her nicht schafft, dass er die Willensstärke nicht hat. Eine Willensstärke, die Jürgen Grabowski einem Bernd Hölzenbein attestierte - und die vielleicht neben den überdurchschnittlichen Fähigkeiten dafür verantwortlich war, dass Holz seinen Weg gemacht hat. Wobei Hölzenbein Caio durchaus noch eine Entwicklung zutraut - oder sich vielmehr erhofft. Wenn die Hälfte im Stadion überzeugt ist, dass dies ein Guter ist, dann ist das noch eine ganze Menge- aber ich kann nicht in seinen Kopf hinein gucken.

Aber: Wer kann das schon?

Und so endete eine tolle Veranstaltung mit der Übergabe eines T-Shirts an Bernd Hölzenbein: Matze hatte schnell reagiert; auf dem Shirt stand: Übersteiger: 29.05.1971.


Stefan Minden, Bernd Hölzenbein, Matthias Thoma, Beve

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Bleibt zunächst ein Dankeschön; ein Dankeschön an Bernd Hölzenbein, der uns allen einen großen Abend beschert hat und schon seine Bereitschaft signalisierte, gemeinsam mit Bernd Nickel und Jürgen Grabowski ein weiteres Mal ins Museum zu kommen - nun müssen Dr. Hammer und Grabi noch überzeugt werden.

Ein Dankeschön geht an die Fan- und Förder-Abteilung, an Stefan Minden, Petra Bärmann und Thomas Nixdorf, die gemeinsam mit dem Eintracht Frankfurt Museum diesen Abend organisiert hat; ein Dankeschön geht an unseren Direktor Matthias Thoma der mir stets die Gelegenheit gibt, solche Veranstaltungen zu moderieren; ein Dankeschön geht an Steffen Ewald und Pia Geiger vom Museum, ohne die solche Veranstaltungen nicht möglich wären; ein Dankeschön geht an Frank Gotta und dessen traumhaftes Eintracht-Archiv ohne dass ich mich noch nicht einmal halb so gut informieren könnte und ein Dankeschön geht an die Filmemacher Frank Wagner und Wolfgang Avenarius, die den Abend so toll visuell untermalten. Dankeschön Kid Klappergass für das Zusammenstellen etlicher Informationen und die schönen Ankündigungen in deinem Blog und das letzte Dankeschön geht an euch; was wäre so eine Veranstaltungen ohne die Fans, die unseren Helden den Tribut zollen, den sie verdient haben.

Damit solche Veranstaltungen auch fürderhin stattfinden können, lege ich euch eine Fördermitgliedschaft des Museums ans Herz; weiter geht's mit Charly Körbel am 19.November 2009 an gewohnter Stelle. Wir sehn uns.


Fotos: Steffen Ewald, Pia Geiger, Frank Wagner, Franks Eintracht-Archiv