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Montag, 18. Oktober 2010

Heimspiel in Lautern


Sonntag, 17.10.2010 - Matchday

Nach den Aufregungen der letzten Tage, als vor allem die Stunde der wohlgenährten Entrüstungsbedenkenträger schlug und in vielen Medien ein Bild der Eintrachtfans gezeichnet wurde, das uns klar machen wollte, Genua sei in Wirklichkeit in Frankfurt, schlug nun die Stunde der Wirklichkeit. Der silberne Golf durfte auch mitspielen, allerdings nur kurz: Durch den grauen Sonntagmorgen rollten Pia und ich vom Nordend Richtung Kaiserlei und parkten im angrenzenden Büroviertel. Da wir zu fünft fahren wollten, erschien der tapfere kleine Golf doch etwas zu beengt und hatte folglich frei. Wenige Meter entfernt entdeckten wir schon Stefan R. und Thomas, bald darauf stieß auch Daniel zu uns - und so rollten wir auf die Autobahn. Der Herbst hatte das Land im Griff, die Scheiben beschlugen von innen - und nun werden sie folgen, die Spiele in der Kälte, im Regen; vorbei die Sonnentage. War es nicht eben erst, als wir durch Wilhelmshaven geschlendert sind? Nun also Kaiserslautern.

In des Tages Gräue verspielten sich die bunten Herbstfarben der Bäume am Straßenrand, plaudernd überquerten wir Vater Rhein, rollten durch die Pfalz, sahen Hügel, Täler und Weinberge, bis wir nach knapp anderthalb Stunden in Kaiserslautern einrollten. Nahe eines Volksfestes parkten wir kostengünstig, nahmen Schlachtermesser und Hackebeilchen in die Hand und machten uns auf den Weg zu morden und zu brandschatzen. Die Vögel grunzten in den frühen Mittag, derweil wir nach Opfern Ausschau haltend Richtung City marschierten. Der 1.FCK war präsent, ausgeblichene Fahnen hingen aus Fenstern, viele Aufkleber pappten an Verkehrsschildern, die Kneipen hießen Rote Teufel oder Walter 11 - und dort wo die Walter11 zu Speis und Trank einlud, wurden einst zwei Brüder geboren, die den 1.FCK in den Fünfziger Jahren zu Ruhm und Ehre geschossen hatten; Fritz und Ottmar Walter wurden in der Bismarckstraße 24 geboren; eine Gedenktafel erinnerte an die einheimischen Helden.

Kaltes Grausen packte uns, als wir an der Tanzschule Metzger vorbeiliefen, zuvor marschierten wir an der Gasanstalt vorbei; Stefans Kommentar lautete schlicht: Ewiggestrig.

Wir wanderten durch die Fußgängerzone und begegneten einer Bronzestatue des Brezel-Adams, der einen (ebenfalls bronzenen) Bub zwischen den Beinen eingeklemmt hatte - ein freundlicher Einheimischer erzählte uns die Geschichte des Mannes, der als Lauterer Original gilt - zum Dank ließen wir ihn am Leben. Die Geschäfte richteten sich derweil für den verkaufsoffenen Sonntagnachmittag und wir fanden uns in einer Wirtschaft Zum Bitburger nieder. Neben uns platzierten sich schwäbische Fans des FCK, die Bedienung kam aus Reutlingen und wir plauderten gutgelaunt in freudiger Erwartung einer warmen Mahlzeit - die dann auch kam. Zwar schien die Bedienung angesichts der Massen etwas irritiert, aber dann stand er vor mir, der Pfälzer Teller: Saumagen, Bratwurst, Leberknödel - etwas anderes als eine Art Schlachtplatte kam mir hier nicht auf den Tisch.

Später am Büdchen noch einen schnellen Schoppen als Wegzehrung besorgt, den Blaulicht beleuchteten Bahnhofsausgang flugs umlaufen und kurzer Stopp vor der Unterführung. Hunderte Lauterer marschierten hindurch, es sah aus, als seien sie der Gästemob und als dieser im Tunnel verschwunden war, folgten wir ihnen in den buntbeleuchteten Schacht. De Fußball kummt häm. Wieder im Lichte sahen wir den Kreisel, in dessen Mitte uns Fußballfiguren bewachten, 11 trugen rote Trikots, der Rest grüne - und dazu sei gesagt, dass die Polizei insgesamt recht präsent war, sich aber wohltuend zurückhaltend zeigte.

Auf dem Weg nach oben mengten sich Pfälzer und Hessen; wir kauften die letzten Bierdosen zuvor nie gesehener Marken (Baron), entdeckten mit Adler versehene Metzgerschürzenattrappen und hatten es letztlich geschafft - ganz ohne Sauerstoffgerät hatten wir Deutschlands höchsten Fußballberg erklommen, den Betzenberg. Nun trennten sich unsere Wege; während Daniel, Stefan und Thomas den Stehplatzbereich enterten, steckten in Pias und meiner Tasche Karten für Block 18. Obgleich ich es nicht zwingend vor hatte, erwarb ich bei Gabi noch den letzten Schal und solcherart geschmückt, trafen wir nun auf jede Menge bekannter Gesichter, überall ein großes Hallo und große Vorfreude. Nicht dabei war allerdings Charly, der sich Tage zuvor den Unterarm gebrochen hatte, wie ich erst am Samstag erfahren hatte und dem ich an dieser Stelle gute Besserung wünsche. Ich quatschte eine zeitlang mit Tom, dann fiel mir Arndt um den Hals, dort winkte Cardoso - Familientreffen in der Pfalz.

Der Einlass ging flott, viele Frankfurter Ordner waren präsent und wir hockten uns alsbald auf unsere Plätze mit schöner Sicht auf das Spielfeld. Um uns die Geiselgangster, André und Sandy, Siggi und Gerre, Dani und Presi; es war angerichtet. Zwei kleine Rauchwölkchen stiegen in die Luft und die Mannschaftsaufstellung zeigte, dass sich zum Spiel in Stuttgart personell nichts geändert hatte. Interessanterweise stand Markus Steinhöfer im 18er Kader, der ja in der letzten Saison eine Halbserie für den FCK gespielt hatte - wie zuvor schon Amanatidis und Altintop in Reihen der Eintracht.

Zum Einmarsch der Mannschaften präsentierten die Frankfurter ihre Schals, während die Lauterer eine Choreo nach oben zogen und mit Pilskronen garnierten. Zuvor verkündeten Banner der Lauterer Kurve, dass man a: noch nicht werfen sollte und b: nun das Material bereithalten möge. Chaotisch, Fanatisch, Lauter(n) konnten wir lesen- und es sah nicht schlecht aus.

Lautern erschien in den ersten Minuten wendiger, das mag vielleicht an der Trikotwerbung gelegen haben: Allgäuer Latschenkiefer. Doch dieses konnte auch in der 26. Minute nicht helfen, einem spektakulären Flug von Lakic nach leichter Klammer von Tzavellas folgte ein Elfmeterpfiff - und der Gefoulte trat selbst an. Wieder einmal bewies Nikolov seine Klasse auf der Linie und konnte den Elfer halten; während die Eintracht bislang sich noch keine zwingende Chance erspielt hatte. Dies änderte sich kurz vor dem Pausenpfiff, als ich Ochs und Jung per Doppelpass durch die Abwehr spielten und Gekas die Hereingabe von Jung zum 1:0 verwerten konnte.

Es lief also alles nach Plan; vor allem weil die Eintracht in der zweiten Hälfte den 1.FCK auch spielerisch dominieren konnte. Jung machte Druck über außen, Oka den ein oder anderen riskanten Abschlag und letztlich segelte eine schöne Flanke von Tzavellas kurz vor das von Sippel ordentlich gehütete Tor, und Gekas erzielte mit seinem zweiten Treffer das 2:0. Nahezu 8.000 Frankfurter feierten den Torschützen, der wenig später für Meier unter großem Applaus das Feld verließ. Zuvor sahen wir noch einen strammen Schuss von Jung, den Sippel parieren konnte und Köhler, der für den schon geschlagenen Nikolov auf der Linie klärte.

Als Meier nach einem schönen Zusammenspiel zwischen Schwegler und Jung und der passgenauen Hereingabe von Jung auf 3:0 erhöhte, war die Messe gelesen. Lauterer Anhänger verließen enttäuscht das Stadion, wir aber freuten uns überglücklich über den bevorstehenden Auswärtssieg. In Kaiserslautern, das gab es in der Historie nicht allzuoft. Der Jubel Meiers jedoch schien eher zurückhaltend - das ist der Stoff, der unserem Vorstandsvorsitzenden gefällt.

Für Lautern wird die Luft allmählich dünner, ich aber wünsche ihnen den Klassenerhalt von ganzem Herzen; das Stadion ist ordentlich und trotz der Umbauten anlässlich der WM 2006 noch immer originell, die Kapazität ist ausreichend, die Fahrtstrecke kurz und die Stimmung prickelnd - kurz, hier handelt sich um eine Fußballmannschaft mit gewachsener Fanstruktur und Herzblut einer ganzen Region und nicht um einen Kasperleverein, der zwar von den Medien liebgewonnen wird aber ansonsten nicht ernst zu nehmen ist, egal auf welchem Tabellenplatz sie stehen.

Auf dem Rückweg mussten wir noch kurz vor dem Ausgang der Pfälzer warten, marschierten dann Richtung Tunnel - dort jedoch erwartete uns eine nächste Polizeisperre. Da am nahegelgenenen Bahnhof jedoch ebenfalls kein Durchkommen war - und wir auch gar nicht dort hin wollten, wanderten wir auf Empfehlung eines Polizisten zurück zum Tunnel - der noch immer versperrt war. Nach einigem Genöle wurde der Durchgang geöffnet - und kaum waren wir auf der anderen Seite krachte ein Böller und ein paar Lauterer flitzten heran, um Frankfurter Schals zu ziehen. Kurze Irritation, Blaulicht und alsbald war wieder Ruhe.

Wir wanderten zurück zum Auto, reihten uns in den tröpfelnden Verkehr ein, überholten etliche Eintrachtbusse und flogen über die Autobahn zurück zum Kaiserlei. Kein Stau. Nirgends. Wohlbehalten landeten wir wieder in ähem Offenbach, verabschiedeten uns von Daniel, Stefan und Tom und rollten mit dem Golf (silber) durchs abendliche Frankfurt. Auswärtssieg in Lautern. Geil. Näheres zum Spiel wie immer bei Kid. Wie es sonst so war, lest ihr hier.

Schlachtfest in Lautern

Sonntag, 9. Mai 2010

Heimspiel in Wolfsburg


Es ist Nacht. Vor meinem geistigen Auge marschiert ein kleines Teleobjektiv (Canon 55-250mm) vorbei und grinst mich hämisch an. Aus dem Nichts prescht Halil Altintop heran, drischt das Objektiv vorbei an Benaglio, aber auch am Tor. Das Objektiv bleibt vor der Kurve liegen, berappelt sich und flitzt auf kurzen Beinchen davon, bis es in einem sich urplötzlich auftuendem (!) Loch verschwindet. Unterdessen hat sich Halil Altintop neben das Tor gesetzt, aus seinen Hosentaschen fallen Geldscheine, die der Wind spielerisch aus dem Stadion weht.

Grotesk.

Seit Wochen überlegen wir uns, jenes Objektiv zu zu legen, entschieden uns aber dafür, nach Wolfsburg (!) zu fahren, ein Ausflug, der incl. Fahrt-, Eintritts- und Verpflegungskosten und eingedenk der Tatsache, dass Pia auf einen Arbeitsnachmittag im Museum verzichtet hatte (Matze hatte dankenswerterweise die Schicht übernommen) exakt dem Gegenwert des Objektives entspricht. Samstag Punkt 17:20 wussten wir: Dies war ein Fehler, doch der Reihe nach.

Noch im letzten Bericht zum Heimspiel in Mainz schrub (!) ich, dass ich keine Eintrittskarte für das Saisonfinale in Wolfsburg besäße. Daraufhin meldete sich Dominik bei mir und bot mir zwei Tickets und auch zwei Busplätze an. Pia konnte ihren Arbeitstag verlegen und somit stand fest: Wir sind beim Saisonfinale dabei. Unterdessen unterlag die Eintracht gegen Hoffenheim (ein Team, gegen welches die SGE in der ersten Liga noch nie gewonnen hat) und somit stand ein weiteres fest: Der letzte Spieltag hat für Eintracht Frankfurt keine drastische Bedeutung mehr, sieht man einmal davon ab, dass es um drei Punkte in der ewigen Tabelle geht, um den aktuellen Tabellenplatz, der für immer in den Annalen verewigt sein wird und um die simple Möglichkeit, sich in der Saison 2009/2010 vor Mainz zu platzieren - wie es das Zement der Liga eigentlich verlangt. Dazu um das simpelste: Einen Bundesligasieg.

Samstag Morgen, schnell noch die Ergebnisse im Tippspiel getippt, die Regenjacke und das Fahrrad geschnappt und schon radelten wir durch den Frankfurter Morgen, verschlossen die Räder in einem Hof und liefen die letzten Meter zum Bahnhof Südseite. Dort kam uns schon René entgegen, auch die anderen Kumpane waren schon vor Ort und nur wenig später trudelte der letzte Mitfahrer ein; genauer gesagt: der Vorletzte. Der letzte schlummerte noch selig in einer kleinen Stadt mit dem Autokennzeichen HU und wurde später von uns eingesammelt, ein paar Kilometer von der eigentlichen Autobahn, der A5 entfernt.

Und so begab sich endlich ein kleiner Bus mit nahezu zwanzig Insaßen auf die Reise ins 360 km enfernte Wolfsburg zum dortigen VfL - ein Team, bei dem die Eintracht in der Bundesliga noch nie gewinnen konnte.

Die Kumpane hatten CDs zusammngestellt, und so begleiteten uns Ska-P; Placebo, Depeche Mode, Götz Widmann oder Ultra Kaos durch die Zeit, immer wieder unterbrochen von Bill Bo und seine Bande, dem ultimativen Lied der Kumpane, welches aber nach dem siebten Mal nur ganz kurz angespielt wurde.

Deutschland präsentierte sich farbenfroh: braun (die Äcker), gelb (der Raps), grün (die Bäume) und blau (der Himmel); Kilometer um Kilometer spulten wir ab, gaben unsere Tipps zum Spiel ab und sahen an einer Raststätte in Niedersachsen ein Wohnmobil, welches halb eingewachsen vom wuchernden Grün schon seit längerem dort parkte.

Kurz vor Wolfsburg nötigte uns die vorgeschriebene Ruhezeit des Fahrers noch eine halbstündige Zwangspause ab, in Braunschweig führte die Autobahn beinahe durch die Vorgärten der angrenzenden Häuser und in Wolfsburg hielten wir zunächst vor dem alten VfL Stadion um um 15:20 den Busparkplatz der Arena zu erreichen. Ich fragte mich, ob es für den bloßen Besitz eines Opels hier in der Autostadt Strafzettel gibt, derartig war das Stadtbild von VW geprägt.

Wir marschierten schnurstracks zum Gästeeingang, reihten uns brav in die Wartenden ein, trafen auf Arne und Andi und hörten tosenden Jubel; Toooor für die Eintracht. Bald war klar, dass dieser Treffer keine Anerkennung fand, und so schoben wir uns auf den Oberrang und dort bis fast in die letzte Reihe. Der Blick war überzeugend, Jung spielte überraschend neben Franz in der Innenverteidigung, Ochs verteidgte rechts, Köhler links, davor Teber und Heller, Meier und Clark mittig und vorne Fenin nebst Altintop. Im Tor harrte Ralf Fährmann dem Gang der Dinge, der mit einem satten Pfostenschuss Hellers seine Fortsetzung fand.

Damit hatte die Eintracht ihr Pulver verschossen; Wolfsburg flankte zwei Mal ins Herz der Eintracht und Misimovic als auch Riether nutzen die Schwächen in der Innenverteidgung - Wolfsburg führte 2:0. Als nur wenig später Dzeko Jung ausstiegen ließ und zum 3:0 einschob, hatte die Partie für Wolfsburg ihren Zweck erfüllt - der Bosnier hatte seinen 22sten Treffer erzielt und damit die Torjägerkanone errungen. Letztmalig gelang dies einem Eintrachtler in der Saison 93/94, als Yeboah gemeinsam mit Stefan Kuntz die Trophäe einheimste. Wer weiß, vielleicht gelingt dies ja eines Tages auch einem der Spieler der U17, die soeben die Meisterschaft in der Juniorenbundesliga Süd/Südwest durch ein 2:1 gegen Kaiserslautern klar gemacht hatten - wie mir Roland per SMS mitteilte. So gelangte ich auch in Kenntniss, dass die U23 in Weiden mit 4:1 gesiegt hatte.

Nach der Halbzeit, in der ein Reklame-Zeppelin durchs weite Rund schwebte und Wolfsburger kleine Präsente ins Publikum schossen, die aus der Frankfurter Kurve postwendend zurück flogen, kamen die Eintrachtler lachend aus der Kabine, Fenin scherzte mit Dzeko, die sich noch aus Teplicer Zeiten kennen, auch Altintop war mit seinem Gegenspieler im Gespräch vertieft - es war ein kameradschaftlicher Nachmittag bei Sonnenschein, und wir hofften, dass sich niemand weh tut (!), schließlich muss man zu Vertragsverhandlungen topfit sein. Heller war noch der beste Eintrachtler, vielleicht neben Fährmann und Cenk Tosun kam zu seinem ersten Bundesligaeinsatz; dies sei hiermit vermerkt. Auch dass Petkovic Fußball spielen kann.

Im Ernst, Wolfsburg trudelte aus und versäumte, die Treffer vier bis sieben zu erzielen, ließ die Eintracht ein bisschen daddeln und kurz vor Schluss versaute Altintop mit dem Ehrentreffer noch meinen glatten 3:0 Tipp für den VfL. Nach dem Spiel feierte die Kurve noch die grandiosen Leistungen aus den Spielen gegen Gladbach, Hertha, Mainz, Hoffenheim und Wolfsburg, in welchen zwei von 15 möglichen Punkte geholt wurden - was zur Folge hat, dass nicht nur eine mögliche Europapokalplatzierung vergeigt wurde, sondern auch ein einstelliger Tabellenplatz. Dass dies letztlich auch dazu führte, dass Mainz 05 sich in der Endabrechnung vor der Eintracht platzieren konnte, schien in der allgemeinen Feierei unter zu gehen.

Trainer Skibbe musste die Mannschaft doch tatsächlich an die feiernde Kurve schieben, eine gequältes Heyheyhey kam dabei heraus, einzig Franz übersprang barfuß die Absperrung und warf seine Schienbeinschützer den Fans zu. Als das Team den Platz verließ, trugen alle ihre Trikots am Leib, keines war in die Kurve geflogen.

Da war kein Wille, mit allen Mitteln ein Spiel zu gewinnen, da war keine herzliche Nähe zu den Fans, da war nur ein Nachmittag, an dem die Herren, die zum Teil in einem Jahr mehr verdienen als viele von denen, die heute hier waren, sich nicht wirklich weh tuen (!) wollten. Ziel vor der Zeit erreicht, Feierabend. Dass sich Tausende Woche für Woche auf den Weg machen, um die Eintracht zu unterstützen und als einzige Belohnung nur ein paar Tore und Siege verlangen - und vielleicht noch, dass das Team kämpft und alles daran setzt, jedes Spiel zu gewinnen - das scheint nicht bis in jeden Kopf durchgedrungen zu sein. Und wer die Großraumlimousinen der Teilzeitarbeiter finanziert auch nicht.

Dass nach Spielende die Bier- und Bratwurstbuden nichts mehr im Angebot hatten, trug nicht wesentlich zur Erheiterung bei. Pia, Christian und Stefan, Andi und Uwe, Cardoso und Olli - wir standen nach der Partie noch ein Weilchen durstig vor der kleinen Arena, schimpften und wanderten dann zurück zum Bus, der auch bald los rollte.

Aus dem CD-Player pluggerte nun House-Musik, die Sonne lachte in den Bus, bis sich die Nacht über Deutschland legte und wir nach mehreren Zwischenstopps wohlbehalten Frankfurt erreichten. Wir verabschiedeten uns von den Kumpanen, die eine freundliche und sympathische Fahrt organisiert hatten und holten unserere Räder aus dem Hof. Nur wenige Schritte entfernt türmten sich Blumen und Grabkerzen vor einer Discothek; ein junger Mann hatte vor wenigen Tagen sein Leben lassen müssen, als er zwei Frauen zur Hilfe eilen wollte - ein Stich ins Herz - auch der Zivilcourage.

Theaterplatz, Zeil, Sandweg, Berger Straße - Sportstudio. Wolfgang Poschmann erwähnt lachend, dass die Eintracht dem Erzrivalen (!) den Vortritt lassen musste. Mein nicht gekauftes Objektiv hockte neben mir und zeigte mir eine lange Nase. Pia war derartig angefressen, völlig zu Recht angefressen, dass ein Spieler wie Altintop Glück hatte, nicht in ihrer zu Nähe zu sein. Obgleich dies eigentlich ein wunderbarer Platz ist. Der Beste, um genau zu sein.

Dienstag, 23. Februar 2010

Die Stars von morgen waren im Museum


Kurz nach ihrem Eintreffen im Museum trafen sich vier Eintrachtler zum Fußball - am Kickertisch. Alexander Schur, langjähriger Spieler, Kapitän und Integrationsfigur der Frankfurter Eintracht und nun Trainer der U17 spielte zusammen mit Sebastian Jung, unserer aktuellen Nummer 24 gegen Erik Wille und Julian Dudda; beide gehören zum Kader der U17 die derzeit unangefochtener Tabellenführer der Junioren Bundesliga Süd/Südwest sind - und alle vier waren unsere Gäste zum Thema Stars von Morgen.

Nachdem Steffen Ewald mit einleitenden Worten die Veranstaltung vor gut gefüllten Rängen eröffnete, konnten wir einen Blick hinter die Kulissen des Nachwuchsfußballs werfen, der in Frankfurt lange Jahre mit dem Handicap des maroden Riederwaldes leben musste. Derzeit im Umbau befindlich, wird das neue Leistungszentrum voraussichtlich im Oktober 2010 seine Pforten öffnen, und dem Nachwuchs ganz neue Möglichkeiten zu offerieren.

Erik und Julian sind Stammspieler der U17, die bislang mit 33 Punkten aus 14 Spielen und einem Torverhältnis von 29:2 und nur einer Niederlage für Furore gesorgt hat. Trainer Schur spricht von seinen Jungs als der Goldenen Generation ohne jedoch zu viel Druck aufzubauen; es gilt, die Spieler längerfristig an die Eintracht zu binden, - die Voraussetzungen dafür sollen das neue Leistungszentrum bieten. Erik Wille, der als Frankfurter Bub sehr genau weiß, was es heißt gegen Kickers Offenbach zu spielen und - wie alle - bekennender Eintrachtfan ist, stieß schon als Achtjähriger aus Enkheim zur Eintracht, Julian Dudda, geboren in Bad Nauheim, trägt seit 2007 das Trikot der Adler; zuvor spielte er beim FSV Frankfurt und in Wölfersheim.

Auch Sebastian Jung kam schon als Knirps an den Riederwald, zu seinen Vorbildern gehörte schon früh Alex Schur, dessen ehemalige Rückennummer 24 er mit Stolz trägt. Sebastian hat geschafft, wovon die beiden jungen Spieler noch träumen: er ist Bundesligaspieler geworden - und hat zusätzlich noch eine Lehre als Bäcker abgeschlossen. Sebastian Jung, der alle Jugendmannschaften durchlaufen hat und schon als U17-Spieler bei der U19 und U23 zum Einsatz kam hat sich auch dann durchgebissen, als Lehre und Fußball kaum noch zu vereinbaren waren; vor allem die letzte Zeit der Ausbildung war hart; manchesmal hat er in der Nacht am Backofen gestanden, um nach der Schicht noch von seinen Eltern zu den Auswärtspartien gefahren zu werden, eine Stunde Schlaf musste reichen - und dennoch brachte er stets seine Leistung - um letztlich mit einem Profivertrag belohnt zu werden. Nach einem rasanten Aufstieg stockte seine Karriere in der Hinrunde; Trainer Skibbe ließ den jungem Mann meist auf der Bank oder der Tribüne schmoren - da kam ihm die erfolgreiche U20-WM in Ägypten gerade recht. Erst in der Winterpause bezog der Trainer zu Sebastians Position im Gespräch Stellung; natürlich war die neue Nummer 24 unzufrieden, doch wie es scheint, läuft die Rückrunde für ihn besser.

Disziplin - auch für Alex Schur ein wesentliches Stichwort. Schur ist der Überzeugung, dass es richtig sei, den jungen Mann behutsam aufzubauen, ihn auch an Rückschläge zu gewöhnen - auch um den Hunger zu nähren. Alex, der Sebastian selbst als Co-Trainer der U19 und U23 trainiert hat, ist überzeugt, dass die Lehre den jungen Spieler geformt hat und ein wichtiger Mosaikstein in der Entwicklung von Jung gewesen ist.

Erik geht derzeit in die elfte Klasse und ist auf dem Weg zum Abitur, Julian hat sich nach seinem Realschulabschluss für das Fachabitur entschieden. Sebastian selbst riet den jungen Spielern, zweigleisig zu fahren - auch angesichts der Situation von Christoph Preuß, dessen verletzungsbedingtes Karriereende ja nur wenige Wochen zurück liegt.

Elf Freunde müsst ihr sein, um Siege zu erringen, so schrieb Sammy Drechsel einst in seinem Klassiker; Sebastian merkte völlig zu Recht an, dass die These nur bedingt richtig ist, immerhin gehören zum Kader ja 18, zum Team an die 25 Spieler, welche letztlich aufeinander angewiesen sind. In der U17 gilt ein gleiches, Julian und Erik betonten, dass die Jungs zwar gut miteinander auskommen - im Miteinander aber durchaus noch Luft nach oben sei.

Natürlich ist es für einen Jugendspieler gleichermaßen Privileg wie auch eine Bürde, dem Team von Eintracht Frankfurt anzugehören. Verlaufen die ersten Jahre noch halbwegs normal, so greift ab der B-Jugend der Ernst des Bundesliganachwuchslebens. Während die Klassenkameraden sich in dem Alter weder über Ernährung noch über den Lebenswandel den Kopf großartig zerbrechen, beginnt bei den Eintrachtlern ein Umdenken - nicht immer einfach für die Jugend, aber zwingend notwendig, um den Traum einer Bundesligakarriere zu nähren.

Eine knifflige Situation auch für den Trainer Schur, der sich nicht nur als fußballerischer Ausbilder, sondern auch als Erzieher begreift. Auch für Alex eine neue Situation, wobei er nicht in allen Bereichen auf eigene Erfahrung zurück greifen kann. Er verbrachte seine Jugendzeit im Stadtteilverein VfR Bockenheim, lernte einen Beruf und spielte später bei Rot Weiß Frankfurt - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit. Nach einer Zweitligasaison beim FSV Frankfurt (im letzten Spiel bei Mainz 05 wurde kurioserweise Ersatztorhüter Thomas Ernst als Feldspieler eingewechselt) kam er 1995 an den Riederwald. Nach einem Jahr Oberliga stand er das erste Mal am 14. Spieltag 1996/97 im Profiteam auf dem Platz, die Eintracht kickte in der zweiten Liga. Den ersten Bundesligaeinsatz erlebt Schur im Alter von 27 Jahren - und stieg auf zu einem der beliebtesten Spieler aller Zeiten. Ein interessantes Gegenbeispiel liefert Armin Kraaz, der nun dem Leistungszentrum vorsteht. Schon mit 18 spielte er in der ersten Liga, um nach 123 Spielen im Alter von 23 Jahren seine Karriere zu beenden - die berufliche Perspektive außerhalb der Eintracht erhielt von ihm den Vorzug.

Die Vita von Alex nötigt seinen Schützlingen zunächst Respekt ab - doch er weiß auch, dass er sich als Trainer behaupten muss. Natürlich hat er viel von seinen ehemaligen Trainern gelernt, von den Medizinbällen des Herrn Magath bis hin zur Akribie eines Horst Ehrmantraut - aber auch von Frank Leicht, dem er in den vergangenen Jahren assistierte; all dies fließt ein in ein eigenes Profil.

Für die Nachwuchsspieler ist es nicht immer leicht, im Alltag als Eintrachtler unterwegs zu sein, Anerkennung gehört natürlich dazu - aber es gibt auch Neider, die vieles daran setzen, es den vermeintlichen Nachwuchsstars zu zeigen. Erik aber pflegt einen lässigen Umgang: Wenn mir einer komisch kommt, dann tunnle ich ihn - und schon ist Ruhe.

Zur Ruhe dürfte Sebastian Jung so schnell nicht
kommen, mittlerweile ist er fester Bestandteil des Profikaders - doch noch muss er mit anpacken, wenn es im Trainingsspiel gilt, die Tore aufzubauen - doch bald wird ein Jüngerer kommen und diese Arbeit übernehmen.

Es war ein aufschlussreicher Abend im Museum
und sowohl Alex und Sebastian als auch Erik und Julian blieben noch eine ganze Weile, nachdem Steffen ihnen einige Präsente überreicht hatte; Alex freute sich über ein Bild, welches ihn in Jubelpose nach dem 6:3 gegen Reutlingen zeigt, Sebastian über Matzes Buch über die 59 Meister und Eric und Julian erhielten ihren ersten Autogrammkartensatz, der auch eifrig in Anspruch genommen wurde. Wer weiß, vielleicht stehen ja Sebastian oder Eric und Julian eines Tages auf dem Römer und lassen ihre Träume - und damit auch unsere wahr werden. Zu gönnen wäre es ihnen. Und uns natürlich auch.


Im ersten Spiel nach der Veranstaltung spielte die U17 gegen den Club aus Nürnberg nur 1:1, am kommenden Wochenende steht der Schlager beim Nachwuchs des VfB Stuttgart an. Letztlich wird es für das Team nicht entscheidend sein, wie die Saison endet; vorrangiges Ziel ist es, einzelne Spieler an den Profikader heran zu führen - wie Sebastian, der vor wenigen Jahren noch selbst mit der U17 im Halbfinale der deutschen Meisterschaft an Tennis Borussia Berlin scheiterte. Obwohl ein Erfolg dem neuen Leistungszentrum natürlich gut zu Gesicht stehen würde.


Die Fotos des Beitrages stammen von Stefan Krieger.
Weitere Bilder der Veranstaltung findet ihr hier. Leider hat mein Aufnahmegerät den Dienst versagt, so dass ich den Beitrag aus der Erinnerung schreiben musste - falls euch Anwesenden noch etwas dazu einfällt, nur zu. Zum Beispiel, dass
der Moderator das erste Mal einen fetten Hänger hatte. "Jetzt habisch den Faden verlor'n." Kommt vor :-)

Dienstag, 16. Februar 2010

Die Stars von Morgen im Museum

Mittwoch, 17. Februar: Alexander Schur präsentiert die „Stars von morgen“
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Als Spieler hat er sich nicht erst mit „seinem 6:3“ in den Herzen aller Eintracht-Fans unsterblich gemacht. Auch nach seiner aktiven Karriere blieb „Schui“ seiner Eintracht treu und trainiert inzwischen überaus erfolgreich den Eintracht-Nachwuchs. Am Mittwoch, den 17. Februar 2010 um 19:30 Uhr berichtet Alexander Schur im Eintracht Frankfurt Museum über die „Stars von morgen“ und seine Arbeit als U17-Trainer. An seiner Seite: Erik Wille und Julian Dudda. Die beiden U17-Spieler gelten als große Talente und wollen in die Fußstapfen ihres Trainers treten.

Alexander Schur kam 1995 zur Eintracht und bestritt für die Riederwälder 113 Bundes- und 124 Zweitligaspiele. Er stand in allen drei Aufstiegsmannschaften der Eintracht und machte sich durch sein legendäres Tor im Aufstiegskrimi 2003 gegen den SSV Reutlingen in der allerletzten Sekunde unsterblich. Von den Eintracht-Fans wurde er in „die Eintracht-Elf aller Zeiten“ gewählt. Nach seiner aktiven Karriere übernahm er im Leistungszentrum der Eintracht die Aufgabe als Nachwuchstrainer. Posten als Co-Trainer der U19 und U23 folgte sein erster Posten als hauptverantwortlicher Trainer bei der U17, mit der er in der Bundesliga Süd/Südwest mit gerade einmal zwei Gegentoren derzeit vor dem VfB Stuttgart und Bayern München unangefochtener Tabellenführer ist.

Großen Anteil an der Herbstmeisterschaft haben aber auch die beiden U17-Spieler Erik Wille und Julian Dudda. Sie werden von ihrem großen Ziel berichten, mit ihrer Mannschaft in die Endrunde um die Deutsche Fußballmeisterschaft einzuziehen und natürlich von ihrem großen Traum, später einmal Fußballprofi zu werden.

Wie er diesen Traum wahr werden ließ, wird neben „Schui“ auch Sebastian Jung verraten. Der Jugendnationalspieler kam mit acht Jahren zur Eintracht und durchlief sämtliche Jugendmannschaften. Jung gilt als großes Ausnahmetalent, dem von Fachleuten eine große Karriere prognostiziert wird. Bereits als U17-Spieler wurde er vom damaligen Trainer-Gespann Frank Leicht/Alexander Schur regelmäßig bei der U23 der Eintracht eingesetzt. Und als 18-Jähriger gab Jung im März 2009 sein Bundesligadebüt im Trikot der Eintracht. Zuletzt machte Jung von sich Reden, als er durch sein erstes Bundesligator maßgeblich zum ersten Bundesligasieg der Eintracht bei Borussia Dortmund seit 1991 beitrug.

Moderiert wird der Abend von Axel „Beverungen“ Hoffmann, der alle Gäste von seiner langjährigen Arbeit als Stadionsprecher am Riederwald kennt.

Mittwoch, 17. Februar 2010

Start: 19:30 Uhr

Eintritt: 5,00 €, erm. 3,50 €


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U17 - Saison 2009/2010

Montag, 8. Februar 2010

Heimspiel in Dortmund


Vielleicht wurde der Grundstein für eine erfolgreiche Auswärtsfahrt schon in der Nacht zuvor gelegt, als Pia und ich mit der Straßenbahn vom Nordend nach Sachsenhausen ruckelten um im Fritsche dem Jugendtreff für Erwachsene beizuwohnen. DJ Ergänzungsspieler aka Murmeltier hatte gerufen und wir waren dem Ruf vertrauensvoll gefolgt: Punkrock, Ska, OI, Psychobilly, Rockabilly, Indipendent - so hieß es vielversprechend in der Vorankündigung und da zudem das Versprechen Klassenfahrt zum Titisee aufzulegen im Raume stand enterten wir erwartungsfroh die Spelunke - und wurden nicht enttäuscht. Im Raucherbereich drehte sich tapfer eine Discokugel an der Decke, während der Ergänzungsspieler sich nicht lumpen ließ und einen Kracher nach dem nächsten auflegte. Neeko wippte fröhlich mit, Charly schneite vorbei; später auch Christian und Tanja, direkt aus der Oper. Frank, ein alter Bekannter Pias, saß am Tresen und so goss sich eine lustige Runde ein paar Schöppchen hinter die Binde. Zwischen ZaZas Zauberstab, Clashs Guns of Brixton oder dem Coffinshakerschen Phantoms of the night sauste die Zeit dahin (Wir sind die Turnschuhgeneration) - und später als gedacht wir durch die Nacht. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in Frankfurt mit dem Nachtbus gefahren bin; der Blick zu den anderen Fahrgästen hätte vermuten lassen, dass die Klassenfahrt zum Titisee unmittelbar bevor stand. Bis in die Puppen kramte ich dann in meiner Musiksammlung, um derart inspiriert den Soundtrack für die Fahrt ins Ruhrgebiet zusammen zu stellen.

Sekunden später wachte ich auf. Pia war schon draußen gewesen, während ich den finalen Akt der Musikproduktion vollzog und die gesammelten Files auf CD brannte. Dortmund, wir kommen.

Diesmal waren alle dabei; Golf (silber), Pia (Chucks), Beve (Adidas), Ente (schwarz), während auf der Rückbank unter anderem Sad lovers and giants, Rumble on the beach, The Krewmen, Los Carayos, Red Lorry yellow lorry, Editors, Nim Vind oder Mary goes round Platz nahmen.

Eine illustre Runde machte sich auf den Weg nach Dortmund, an einem grauen Sonntag gegen 10:30 Uhr. Der letzte Sieg beim BVB lag 19 Jahre zurück; es gab finstere 1:6 Klatschen, einen schubsenden Trainer oder dämliche Pokalniederlagen; gefühlter Höhepunkt der letzten Jahre war ein fulminanter Treffer Du-Ri Chas der zu einem Remis gereicht hatte - ansonsten hängende Köpfe. Sechs Siege seit 1963 - das war's.

Schwarz-weißer Schnee türmte sich am Rand der Autobahn, Schmelzwasser spritzte an die Scheibe und weite Teile des Landes lagen unter einer weißen Schneedecke, von Zeit zu Zeit sahen wir in der Ferne Wanderer auf den Feldern, erinnernd an Brueghels Jäger im Schnee.

Siegerland. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Jahren hier auf dem Weg zum Fußball durchgefahren bin und mir wie ein Depp vorgekommen bin, weil die Eintracht vom Siegen so weit entfernt war, wie ich von gesunder Ernährung; Sauerland passte da schon eher.

Ein Auspuff lag am Straßenrand und erzählte schweigend eine Geschichte, schwarz-gelbe Windanzeiger schlafften an der Seite während wir stoisch Meile um Meile abspulten und frohgemut mit den Crackers um die Wette sangen: Mama, schick mir noch Taschengeld. Der Himmel riss auf, die Sonne brach durch und seit gefühlten Ewigkeiten glitt ein Hauch von Frühling durch die Zeit - bis es kurz vor Dortmund wieder grau wurde. Talk about the weather.



Dortmund. Wir gondelten die Ruhrallee hinab, hielten uns links und parkten in einem Wohngebiet nahe des Bahndamms. Da unsere liebgewonnene Kneipe Big Boss am Borsigplatz das Zeitliche gesegnet hatte, mussten wir uns einen neuen Unterschlupf suchen und so spazierten wir durch das Wohnviertel, ausweichend der Hundescheiße und trugen stolz unsere Eintrachtmützen auf dem Kopf; Pia weiß, ich schwarz: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da.

Von einem Fenster hing eine BVB-Fahne nebst Schal herunter, in einem anderen jubelte ein schwarzgelber Gartenzwerg und ob der äußeren Ungemütlichkeit landeten wir innen; in den Wilhelm Busch Stuben Ecke Saarlandstraße/Chemnitzer. Eiche rustikal, passt.
Obgleich die Küche schon geschlossen hatte, gab es für uns die Speisekarte von der freundlichen Bedienung, während uns die übrigen Gäste - Männer, alleinstehend, traumlos - etwas irritiert anblickten, es wird wohl nicht oft vorkommen, dass Gästefans an einem Bundesligaspieltag hier einfallen; wir aber bestellten ein Pilsken und freuten uns, dass wir rauchen durften.

Wenig später kam unser Essen - und ich war begeistert: Futtern wie bei Muttern; Rouladen feat. Kartoffeln, Rotkohl und einer Soße wie es in Gottes großem Rezeptbuch steht. Glücklich schaufelte ich mein Glück in mich hinein und auch Pia war durchaus angetan vom Dortmunder Sonntagmittag in einem Wirtshaus der unprätentiösen Art. Heimlich zückte sie den Fotoapparat und hielt einige still lebenden Momente für die Ewigkeit fest, darunter einen aus einem Baumstamm geschnitzten Hasen.

Ein älter Dortmunder, im Munde glänzte ein einziger metallener Zahn, fragte uns, wann denn das Spiel begänne - früher sei er ja immer hin gegangen, die Zeiten seien aber vorbei meinte er und lachte, wünschte uns viel Glück und marschierte zu seinen Kumpels - irgendwo in Deutschland, Sonntagmittag, halb drei.

Wir zahlten, wurden mit viel Spaß im Stadion bewünscht und machten uns auf den Weg eben dort hin. Unterwegs sprach uns ein nächster älterer Herr an, was wir denn mit Altintop wollten, dieser sei ja wohl ein Altinflop und überhaupt, Funkel die Flöte, der reißt ja auch bei der Hertha nichts. Er selbst sei ja Bochumer, und erinnere sich noch gut an das letzte Spiel der Eintracht dort, als Pröll sich wütend das Trikot zerrissen hatte. Naja, Funkel war uns wurscht, Altintop bliebe abzuwarten. Immerhin wollte der Bochumer uns heute Abend die Daumen drücken, das war ja schon mal was.
Dortmunder waren gleichfalls unterwegs, viele davon besuchten auf dem Messegelände die Messe Jagd und Hund, eingepackt in ein wärmendes grünes Wams kamen uns jede Menge mit Tüten und Päckchen bepackt aus der Halle entgegen. Nebenan warteten die ersten auf den bevorstehenden Rammstein-Auftritt in der Westfalenhalle: wer am hiesigen Sonntag als Jäger auf Rammstein stand und zudem Stadiongänger ist, der hatte volles Programm.

Unser Weg führte uns schnurstracks ins Borusseum, dem Museum des BVB, der ja vor kurzem sein Hundertjähriges gefeiert hatte. Wie in Frankfurt liegt es im Stadion und sechs Euro später wanderten wir durch die Geschichte des Vereins, der in der Gaststätte Zum Wildschütz nahe des Borsigplatzes gegründet wurde. Dass der BVB zunächst in den Vereinsfarben Blau und Weiß spielte, hat einen ganz speziellen Charme.

Das Museum ist weiträumig und in einzelne offene Parzellen gegliedert. Die Ausstellung beginnt mit einem Nachbau der historischen Gründungs-Gaststätte und führt über die ersten Jahre hin zur Oberligageschichte. Über die Bundesligajahre, die Stadiongeschichte, der Europapokalwand, kamen wir zu einem Kino, bestückt mit Schalensitze des alten Stadions. Viele Monitore zeigen zudem Filmausschnitte historischer Spiele, der Europapokalsieg 1966 sicherlich als Höhepunkt der Vereinsgeschichte, deren Helden Siggi Held und Lothar "Emma" Emmerich eigene Vitrinen gewidmet wurden, Fanchoreographien werden in einem großen Fanbereich ebenso gezeigt wie ein Modell des alten Westfalenstadions; eine eigene Station ist der Derbygeschichte gewidmet und bei unserem ersten, notgedrungen oberflächlichen, Besuch fiel uns die Eintracht nur ein einziges Mal auf. Wir entdeckten den Adler in den Tabellen des 37. und 38 Spieltages der Saison 1991/1992. Bedankt.

Ein weiter Skandal schloss sich unmittelbar an. Gedankenverloren betrachtete ich eine Vitrine als ich einen Klapps auf dem Hintern verspürte. Als ich mich umdrehte erkannte ich wider Erwarten nicht Pia, sondern ... Emma.

Emma ist das Dortmunder Plüschmaskottchen, benannt nach Lothar Emmerich und stellt die Biene Maja da. Sieht kreuzdämlich aus und befand sich auf dem Weg zum Spiel. Und haute mir mirnichtsdirnichts auf den Hintern. Ich war zu verdattert, um zu reagieren und gab den Fall weiter an unsere Adler - mit der Bitte um Rache.

Die Schatzkammer mit Kopien der wichtigsten Pokale durfte nicht fehlen, überflüssig die Fan-Karaoke-Box, nett das Quiz: 6 von 10 Fragen richtig beantwortet - seit gestern bin ich offizieller Nachwuchs-Borusse.

Lasst mal stecken. Witzig waren die Kickertische; während so ziemlich jeder Kicker mit dem klassischen 2-5-3 agiert, konnte man hier auch mit einem 5-4-1 oder 4-4-2 spielen. Pfiffig.

Vielleicht schreibe ich die Tage noch mal einen ausführlichen Bericht über das Borusseum, in dem man sich schon die Zeit vor dem Spiel vertreiben kann; jetzt aber betrachteten wir aus einem Fenster den Einmarsch der Frankfurter Zugfahrer und verließen die Historie, um uns der Gegenwart zu widmen.

Vor unserem Eingang trafen wir auf Max und Dominik sowie einige andere Ultras und unterhielten uns über den letzten SAW, die Aktionen in Nürnberg: Gut: Mütze. Schlecht: Böller, während Kroni und Celi, Ben und ZoLo zu uns stießen. Ruckzuck näherte sich der Anpfiff und wir schoben uns durch die unspektakuläre Eingangskontrolle. Mit Entsetzen sahen wir, dass sich Menschentrauben um den Eingang 61 scharten; der Block schien voll. Wir quetschten uns dennoch hinein - wurden zunächst durch die Massen hin und her geschubst, trafen Daniel um uns dann nach links oben zu verkrümeln. Prompt trafen wir auf Suse und Mülli sowie propain, der den sonst mitreisenden Arne ersetzt hatte. Auch Donna hatte sich in die Ecke verzogen. Die Sicht war gut, die Hütte ziemlich voll und Emma wackelte über das Spielfeld, als wäre nichts geschehen. Auf dem Platz, der arg ramponiert aussah, schwenkten Hundertschaften Fahnen; aus den Boxen blubberte das unvermeidliche you'll never walk alone, die überschätzteste Kurve der Welt, die gelbe Wand, war auch da und dann ging's los: Die Eintracht ganz in Rot, wobei das Rot der Hosen nicht exakt zum Rot der Trikots passte. Dankenswerter Weise hatte Trainer Skibbe nicht an der Aufstellung des letzten Wochenendes festgehalten. Franz war nach Innen gerückt, Chris auf die Sechs, Jungs nach rechts hinten und Liberopoulos auf die Bank.

Bissig ging es zur Sache, nach acht Minuten schlug Nikolov einen langen Ball nach vorne, Meier verlängerte zu Altintop, dieser passte ihn zu Ochs und dessen gefühlvolle Flanke wuppte Benny Köhler, der sich clever in Stellung gebracht hatte, per Kopf zur Frankurter Führung ins Netz. Wir lagen uns unverhofft in den Armen. Jawoll. Es ging nun Schlag auf Schlag, Altintop hatte eine Chance, doch Ziegler holte ihm den Ball vom Fuß - in der 17. Minute dann der Ausgleich. Zidan hatte abgezogen, der Ball kam zum wenige Meter vor dem Tor völlig frei stehenden Hummels und dieser ließ Nikolov keine Chance.

Köhler hatte die erneute Eintrachtführung auf dem Fuß, Ziegler konnte noch so eben klären, doch nur Sekunden später lag der Ball eigentlich schon im Tor, Altintop hatte alles richtig gemacht, Ziegler war geschlagen und urpötzlich erstarb der Torschrei auf den Lippen; artistisch hatte Hummels einen Ball, der ins Tor gehen musste, noch auf der Line rutschend erwischt.

Kurz danach segelte Altintop durch die Luft, doch leider auch der Ball am Tor vorbei. Nikolov musste dann noch einmal gegen Barrios klären - und so ging es nach einem klasse Spiel mit dem 1:1 in die Pause. Höhepunkt des Dortmunder Support war ein Banner gegen Stadionverbote, ansonsten war die steile Südkurve wie immer schön anzusehen - aber leise.

In der zweiten Hälfte sorgte zunächst der zweite Dortmunder Treffer für Frust. Spycher konnte den Ball nicht gescheit klären, die folgende Flanke von Zidan wurde von Nikolov unterschätzt und im Rücken von Sebastian Jung konnte Barrios einhämmern. Doch wer gedacht hatte die Partie sei gelaufen, der wurde fortan von einer starken Eintracht eines Besseren belehrt. Ochs machte Dampf auf Rechts, Altintop wuselte in der Mitte und Franz trieb die Jungs an, Nikolov rettete gegen Valdez und Chris wurde von jenem Valdez dermaßen rüde gelegt, dass nach Schwegler (Nürnberg) und Korkmaz (Köln) der dritte verletzungsbedingte Ausfall nach einem üblen Foul zu befürchten war. Wieder erhielt der Übeltäter nur Gelb, Chris aber konnte Gott sei Dank weiter machen.

Nach einer Ecke wurde der Ball aus dem Dortmunder Strafraum geköpft - dort hatte Jung viel Platz und dessen strammer Schuss schlug - leicht abgefälscht - zum verdienten Ausgleich ins Netz. Der erste Treffer von Jung in der Bundesliga - wir konnten unser Glück kaum fassen. Doch damit nicht genug: Kurz danach setzte sich Altintop schön mit der Hacke durch, der Ball kam zu Teber, der sofort zu Meier passte. Owomoyela trat über den Ball und im Fallen gefühlvollte Alex Meier die Kugel zur erneuten Eintrachtführung ins Dortmunder Herz. Wahnsinn, wir drehten schier durch, von den Dortmundern war jetzt nichts mehr zu hören, umso mehr von uns. Wo ist denn die gelbe Wand donnerte es durchs Stadion und Eintracht, Eintracht. Und tatsächlich, es galt zwar noch ein paar bange Minuten zu überstehen, die Dortmunder verließen in Scharen das Stadion - aber dann war es vollbracht. Der erste Auswärtssieg beim BVB seit 19 Jahren war Wirklichkeit geworden - und zum ersten Mal musste ich meiner Dortmunder Freundin Susi nach einem Spiel hier nicht gratulieren.
Wie geil.
Franz hüpfte vor Freude wie Rumpelstilzchen auf dem Acker herum und wir skandierten Auswärtssieg - nicht als Wunsch, sondern als Gewissheit.
Wie geil.

Wir blieben noch eine ganze Weile im Stadion, genossen das seltene Gefühl des Triumphes und freuten uns über die Rache der Eintracht an Emma. Kein Maskottchen der Welt haut mir ungestraft auf den Hintern. Danke Eintracht.

Auf dem Rückweg warteten lange Schlangen auf den Einlass zu Rammstein, wir verschenkten ein paar Blättchen an ein paar Dortmunder denen zunächst gar nicht auffiel, dass wir Frankfurter sind und marschierten gut gelaunt Richtung Auto. An der U-Bahnstation enterten die Frankfurter den Eingang, ein paar Dortmunder pöbelten von Oben herunter und einer davon war gerade dabei seinen Schniedel auszupacken, als ihm Pia zurief: Lass mal stecken. Der Rudeboy gehorchte aufs Wort.

Kalt war's nur außen, innen wärmte das Glück über einen unerwarteten Auswärtssieg. Der Golf parkte noch brav dort, wo wir ihn verlassen hatten; wir warfen die Jacken auf den Rücksitz und starteten durch. Kurz vor der Autobahn staute sich der Verkehr, doch schon bald ging es zügig weiter. Dunkel die Nacht, die Lichter der Gemeinden neben der Autobahn funkelten wie Glückssterne in die Finsternis, während wir zufrieden als Sieger durchs Siegerland rauschten. Wir überholten hupend den Bus des EFC Stadtallendorf, drehten einem Dortmunder Fanbus eine lange Nase, überquerten die Grenze zu Hessen und sangen zur Musik von Cock Sparrer It's time to make your move.

Frankfurt hatte uns gegen Elf wieder. Zu allem Überschwang hatte ich im Tippspiel des Blog-G das erste Mal den Tagessieg errungen. Ein geiler Tag. Pia konnte sich gar nicht mehr einkriegen, im DSF lief die Zusammenfassung des Spiels und sie hüpfte durch die Wohnung: Wie geil.

Genau das war es.



Fotos: Pia und Beve

Montag, 4. Mai 2009

Am Rande des Frankfurter Stadtwaldes


Sonne, Bratwurstduft und ein munteres Fußballspiel - so lasse ich mir einen Samstag gefallen. Unerwartet viele Zuschauer sahen am Rande des Frankfurter Stadtwaldes ein faires aber keineswegs lahmes Spiel zweier Mannschaften, welche zwei unterschiedliche Philosophien in der Spielweise an den Tag legten. Hier die ballgewandten Techniker, dort die eiserne Defensive mit gepflegtem Konterspiel; beide Teams erarbeiteten sich Chancen und beide Torhüter verhinderten in teils artistischer Manier eine höhere Trefferausbeute, selbst der Pfosten hatte einen besseren Tag erwischt und klärte mehrmals auf der Linie.

Wer an diesem schönen Tag den Weg ins Stadion nicht geschafft hatte, konnte sich über den ständig aktualisierten Live-Ticker im Internet über den Stand der Dinge informieren, ein Service, der rege genutzt wurde - und wohl auch beim nächsten Spiel wieder angeboten wird.

Die Anhänger unterstützten die Teams lautstark, kleine bengalische Feuer illuminierten das nicht immer hochklassige aber stets engagierte Spiel, welches in der zweiten Halbzeit traditionelle Torhüterwechsel mit sich brachte; Keeper, die an die Leistung der Vorgänger nahtlos anknüpften.

Diszipliniertes Verschieben, kaum einen Schritt der Defensiven über die Mittellinie - das Konzept mag antiquiert klingen - aber es zahlte sich aus: Am Ende stand ein durchaus verdienter 5:3 Sieg der Weißen gegen in letzter Konsequenz zu verspielte Rote in den Annalen des Derbys im Frankfurter Stadtwald. Ein Ergebnis, welches an ganz große Zeiten erinnert.

Soviel zur fünften Auflage des Forumskicks in der kleinen aber sympathischen Sportanlage an der Louisa, der mit einer Schweigeminute für unseren im letzten Oktober verstorbenen Mitspieler Marcus begonnen hatte. Kid Klappergass, Marcus' Onkel, hat die traurige Geschichte des viel zu früh von uns gegangenen niedergeschrieben - und die Erinnerung für die Zukunft bewahrt. Es leuchtet ein Stern - und das Licht wird bleiben.

Später unterlag die Eintracht nur wenige Kilometer entfernt erwartungsgemäß gegen Borussia Dortmund: in Erinnerung bleibt eine ausgeglichenen erste Halbzeit und in der zweiten dann das Warten auf die Gegentore, welches nicht enttäuscht wurde. Zidan und ein Eigentor von Bellaid sorgten für einen verdienten Sieg der Borussen in einem Spiel, in dem auf Seiten der Eintracht die vermeintlichen Notnägel nämlich der Nachwuchsspieler Sebastian Jung und das vermeintliche Auslaufmodell Mehdi Mahdavikia neben Torhüter Markus Pröll zu den besten zählten.

Sechs Punkte beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz, noch vier Spiele sind zu absolvieren von daher ist der Klassenerhalt noch nicht in trockenen Tüchern, zumal die Eintracht noch dreimal auf vor ihr liegende Gegner trifft; dort ist bekanntlich nicht zu holen. Und in Hannover zu verlieren ist keine Schande. Oder so.

Sonntag war dann die alljährliche Fanvertreterversammlung der Fanclubs der Frankfurter Eintracht in der Pestalozzischule gegenüber des Riederwaldgeländes. Weit über 600 anerkannte Fanclubs sind mittlerweile registriert; die Mitgliederzahl müsste in die Zigtausende gehen. Da die Situation im Stadion in den letzten Wochen auf Grund etlicher Baustellen alles andere als entspannt war, hätte man meinen können, dass der ein oder andere Konflikt auf der Tagesordnung stand - aber schon im Vorfeld wurde Wesentliches geklärt. Senf und Ketchup waren genügend da und die Frikadellen lecker.

Inhaltlich solltet ihr den Verlauf im Eintracht-Forum, dem Ort für kreativen Austausch von Fans und Fanclubs, nachlesen können. Solltet ihr wider Erwarten nichts zum Thema finden, dann grämt euch nicht. Das ging mir genau so. Und fragt mich nicht, weshalb über 600 Fanclubs, vertreten durch das Fansprechergremium, in der Öffentlichkeit kein Thema sind. Läuft doch alles. Oder?




In Erinnerung an Marcus


4.9.1977 - 29.10.2008

Freitag, 13. März 2009

Der Kopf stinkt vom Fisch her


Warum hab ich bloß den Bullen erschossen
er hat mir doch gar nichts getan
ich war weder stoned, noch war ich besoffen
das Grün brachte mich so in Wahn
...

... sang Marius Müller Westernhagen im Jahr 1982 im Song Ich hab keine Lust mehr im Regen zu steh'n; am 13. März 2009 tönten die Worte aus dem offenen Fenster des silbernen Golfs, der durch die ersten zaghaften Frühlingssonnenstrahlen durch Frankfurt tuckerte. Die Mädchen auf den Straßen trugen Sonnenbrillen und die ersten Krokusse schoben sich aus der Erde, als Pia und ich in Niederrad nahe unseres Lieblingsimbiss parkten. Die Besitzerin grüßte freundlich wie immer und wir orderten vier Burger inclusive Getränke und futterten bald zufrieden auf Bierbänken sitzend gut gelaunt unsere Frühlingsburger. Ein kleiner Lieferwagen bog um die Ecke und hupte kurz auf, wir erkannten am Steuer Tristan, im wahren Leben Eintrachtfan und - Schornsteinfeger, wir winkten zurück und freuten uns zum einen über die kleine Begegnung und zum anderen über das kleine Symbol des Glücks, welches uns der liebe Gott mirnichtsdirnichts vorbei geschickt hatte.

Pappsatt marschierten wir zum Golf und rollten durch Niederrad in Richtung Stadion, vorbei am Union-Sportplatz und schon fuhren wir durch Tor 3 und parkten vor dem Museum. Auf dem Trainingsplatz erkannten wir unseren Kapitän Ioannis Amanatidis, der zusammen mit Reha-Trainer Farbacher und vor allem mit einem Ball trainierte, vorbei die Zeit, als er mit Krücken an der Seite stand. Im Museum packte die Praktikantin Geburtstagspäckchen für anstehende Kindergeburtstage; wir sagten Hallo, tranken einen Kaffee, begrüßten Stefan, der mit seinem uralten Golf samt nagelneuer TÜV-Plakette und funktionierender Fahrertür angerollt kam und während Pia und Stefan bei einer Zigarette unserem Captain bei der Arbeit zusahen, fidelte ich kurzerhand Matze im Tischfußball mit 10:6 ab. All zu oft darf ich dies nicht machen, ich müsste mir sonst einen anderen Job suchen. Aber Matze nahm's sportlich.

Wir verließen vorerst das Museum, denn die Jungs unserer Eintracht trudelten peu a peu auf dem Trainingsplatz ein. Auch Peter war schon anwesend - und hatte vorgehört. Es scheint hoffnungslos, ein Teil der Kibitze war sich sicher, dass die Eintracht morgen mit 0:5 untergeht und überhaupt, der Fisch stinke vom Kopf her, spätestens zum Jahresende müssen alle weg und so weiter und so fort; manchmal stellt sich ja durchaus die Frage, wie es so mancher Zeitgenosse über die Runden schafft, so ohne einen Funken Selbstironie, ohne Spaß an der Sache; aber just diesen wollten wir uns nicht nehmen lassen. Auch wenn das Leben manchmal kompliziert ist, die deutsche Sprache ist es sowieso. Die Mehrzahl von Globus lautet bekanntlich Globen. Und die Mehrzahl von Krokus? Mitnichten Kroken, nein, es sind die Krokusse. Ähnlich wie bei Bus; auch dort heißt es nicht Ben sondern Busse. Oder aber Kuh - Kühe. Wer jetzt denkt die Mehrzahl von Schuh würde Schühe lauten ist ebenso schief gewickelt wie derjenige, der denkt Mühe wäre der Plural von Muh. Nunja, zurück zum Sport.

Während sich Pia ob der Waden von Kweuke gar nicht mehr einkriegen sollte, gesellten sich die beiden Ulis zu uns und gemeinsam stellten wir fest, was nur emsigen Trainingsbeobachtern auffällt. Pröll hatte sich die Haare gefärbt und Spycher neue Strähnchen, sah für Fußballer recht flott aus - ein wenig unpassend finden wir generell nur die Stutzen, durch welche die Waden leicht durchschimmern, das hat sowas von Nylonsocken für Männer - eher uncool.

Andi Menger wummste den Torhütern Pröll und Nikolov ein paar Bälle um die Ohren, dass man glauben konnte, unser Torwarttrainer sei der beste Standard-Schütze der Eintracht - vielleicht sollte er mal mit den Buben Ecken üben. Weiter hinten stand ein Mann mit verschränkten Armen und bewegte sich nicht; nein es war nicht Bellaid sondern unser erster Übungsleiter, der beiläufig den ganz in schwarz gekleideten jungen Männer beim Spiel zuschaute. Nein, nicht unseren Ultras, unserer ersten Mannschaft, die heute ohne Liberopoulos und Ochs trainierte. Auch die Herren Toski, Preuß und Vasoski fehlten schriftlich entschuldigt, während Krük und Zimmermann wohl bei der U23 weilten. Der Herr Caio trug Handschuhe bei frühlingsmilden Temperaturen und der Herr Kweuke ganz kurze Socken zu roten Kickschuhen. Ümit Korkmaz bevorzugte laubfroschgrünes Schuhwerk und Zlatan Bajramović eine schwarze Mütze. Überhaupt Bajramović , er lachte während des gesamten Trainings ein ums andere Mal, ob dies allerdings an den Handschuhen von Caio lag, ist nicht übermittelt.

Es folgte eine Trainingseinheit, die wir Spielzug nannten. Einzelheiten verrate ich hier nicht, nicht dass es morgen gegen 17:20 heißt, ich hätte unserem Gegner intimste Geheimnisse ausgeplaudert - und sei fortan Schuld für Geheimtraining ohne Zuschauer. Am Rand des Platzes standen einige Vertreter der schreibenden Zunft, die wir mit einem herzlichen deutsche Presse halt die Fresse begrüßten.

Nein, machten wir natürlich nicht, wir beobachteten eine wunderschöne Choreografie unserer Mannen, diesmal aus der Disziplin Synchrontorschleppen. Jeweils vier Spieler an einer Seite trugen im Gleichschritt ein Tor zu einer Linie, drehten sich formvollendet und setzten das Tor punktgenau auf die Linie, das macht uns so schnell keiner nach; die Bewegungen gingen derart geschmeidig ineinander über, da merkt man erst die Handschrift des langjährigen Trainers, der sich später tatsächlich bewegte.


Es folgte ein munteres Trainingsspielchen, wo zunächst ich selbst durch ein butterweiches Ballzurückspiel auffiel, nur wenig später schaffte Stefan ein gleiches noch eleganter, was ihm spontanen Szenenapplaus einbrachte, den er huldsam wie eine Königin entgegen nahm.

Fink schoss einen wunderbaren Treffer, der uns zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss, Kweuke guckte doof, wenn Pröll "Leo" rief und Sebastian Jung schleppte später die gelben Männchen übers Grün, während sich Chris einen Ball unter sein Leibchen steckte derweil er noch ein paar Flanken schlug; sage einer, die Buben hätten den Ernst der Lage nicht begriffen.

Unser Trainer hatte sich im Laufe des Tages nicht nur bewegt, nein: er hatte sogar gesprochen. Nah bei nah stand er mit Nikolov beisammen und plauderte mit ihm, wir können nur raten, was er gesagt hat, vielleicht sowas wie: Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass du morgen spielst. Wenig später legte er jovial den Arm auf die Schulter unserer Nummer 11 und zeigte Menschlichkeit, wie sonst nur im Kölner Karneval. Was er zu Korkmaz sprach ist ebensowenig überliefert, wie die Worte zu Oka. Könnte es gewesen sein, dass er zu unserem Außenflitzer gesagt hat: Österreicher von Beginn an? Nicht solange ich Trainer bei Eintracht Frankfurt bin. Und könnte Ümit geantwortet haben: Naja, die zwei, drei Wochen kann ich es verschmerzen.

Nein, das ist bloß erfunden, lasst euch nicht veräppeln.

Später wollte der freundliche Zlatan Bajramović unbedingt noch ein Bild mit uns machen; selbst wenn wir geschlaucht vom Training sind, müde vom sich zum Abend neigenden Tag finden wir immer noch ein Minütchen, um auf die Wünsche der Spieler einzugehen; Pia knipste und ist also gedanklich dort zu finden, wo im Moment eure Augen sind.


Kurz danach kam sogar noch Kid vorbei, er hatte dem Museum einen kurzen Besuch abgestattet und wir unterhielten uns ein bisschen über die wenig erfreuliche Situation des Internetforums der Frankfurter Eintracht und über den Ausblick für das morgige Spiel. Sehr erbaulich war dabei die Information, dass Trainer Rangnick seinerzeit wegen der Trennung AG-e.V. nicht zur Eintracht wollte, da er keinerlei Verfügungsgewalt über den Nachwuchs haben sollte. Also, am Geld hat es damals nicht gelegen. Niemals.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Kid will morgen unbedingt gewinnen - und da ich der gleichen Ansicht bin, kann ja nun nichts mehr schief gehen. Während Uli telefonisch noch eine Karte erstehen konnte, machte sich der andere Uli vom Acker, auch Stefan verließ uns und so marschierten Pia, Kid und ich zurück ins Museum, wo Matze und Billy gerade dabei waren diverse Exponate an der Wand zu verdübeln, jener Matze der unlängst von Henni Nachtsheim zum Trainer der Eintracht geadelt wurde.

Matze legte eine DVD ein, welche Filmaufnahmen unserer Kurve während des Pokalendspiels in Berlin 2006 zeigte, jener Höhepunkt der letzten Jahre, der heute in dieser Art undenkbar ist; zuviel ist geschehen, zuviele tummeln sich im vierten Jahr der Erstklassigkeit der Eintracht im Umfeld, deren Ansprüche weit über das bestehende hinausgehen; der Zusammenhalt, der uns über Jahre hinweg mehr oder weniger auszeichnete, ist passé.

Für Kid hatten die Szenen natürlich eine besondere Bedeutung, sah er dieses Spiel doch mit seinem Neffen Marcus, der tragischerweise im letzten Jahr gestorben ist; ihm gingen die Bilder sichtlich nahe und er verabschiedete sich traurig von uns.

Als der Auftritt Tankards gezeigt wurde, durchliefen mich nicht nur Schauer der Erinnerung sondern mir flossen tatsächlich einige Tränen die Wangen hinab. Die Erinnerung an die Tage in Berlin, die Traurigkeit Kids und der erlebte Tag forderten ihren Tribut.

Nebenbei gewannen wir dann doch noch den DFB Pokal und verabschiedeten uns von Matze, der morgen wie wir alle im Stadion sein wird, wenn die Eintracht souverän und in dieser Höhe auch verdient die Emporkömmlinge der TSG Hoffenheim mit 4:1 nach Hause schickt.

Auf dem Rückweg konnten wir aus den Augenwinkeln den Mannschaftsbus der Mannschaft entdecken, die in meinen Augen sozusagen die Silikonbrüste des deutschen Fußballs sind.

Im CD-Player lief ein Lied des leider auch schon verstorbenen Georg Danzer mit dem Titel Weiße Pferde; es begleitet mich schon etliche Jahre und es ist ein wunderbarer Song, der mich immer wieder zu Tränen rührt. Irgendwie passte er zur Heimfahrt, Berufsverkehr auf der A3, Pendler, Handwerker, das wirkliche Leben. Kühl ist es geworden. Aber morgen scheint die Sonne, da bin ich sicher.