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Montag, 13. September 2010

Heimspiel in Gladbach


Fünf endlose Monate lang, was in diesem Falle ob der Sommerpause sieben Punktspiele in Folge bedeutet, war die Eintracht ohne Sieg. Begonnen hat der fußballerische Ramadan in Mönchengladbach, just als die Riederwälder nach den Sternen, sprich internationalen Plätzen, greifen konnten. Und nun also wieder Gladbach, jenes Team, welches am letzten Spieltag in Leverkusen mit 6:3 triumphierte - gegen die wiederum die Eintracht den letzten Sieg im März eingefahren hatte.

Alles hat ein Ende, nur der Tod nicht. Glaub ich und so war ich eigentlich guten Mutes obgleich ein Gutteil der Eintrachtfans nach den beiden Auftaktniederlagen eigentlich der Überzeugung war, dass wir haltlos Richtung Abstieg taumeln. Nuja, entschieden wird eine Saison nach dem letzten Spieltag und so waren wir sicher, dass auch heute nichts definitiv geklärt würde.

Bei strahlendem Sonnenschein treffen wir uns unten an der Günthersburgallee; Pia, Christian, Tanja, ich sowie der silberne Golf samt Eintrachtbadeente; der Badeadler dient ja höchstens als Mitbringsel für jene, die schon alles haben und bleibt zunächst im Fanshop. Für Tanja sollte es das erste Fußballspiel überhaupt werden und so versucht Christian ihr während der Fahrt beizubringen, dass ein Großteil der Zeit aus Leiden besteht, aus vergorenen Hoffnungen und trotziger Zuversicht und das Spiel ja nicht alles sei, da der Erlebnisfaktor "Auswärts" gleichwohl seinen Teil zu einem gelungenem Tag beiträgt.

Nach einem kurzen Stopp an der Tanke rollen wir auf die A66, die Uhr zeigt halbelf; Deutschland geht einkaufen und wir lauschen dem Rauschen der Motoren, derweil Arcade Fire, Iron Maiden oder Michael Holm für kurzweilige Unterhaltung sorgen; großartig auch die deutsche Version des Hermans Hermits Klassikers No milk today von den Four Kings; betitelt: Brötchen und Milch.



Derart beschwingt sausen wir über die A3 an Köln vorbei, überqueren den Rhein, folgen der A4 und sehen die Fabrik, in der Wolken gemacht werden, um dann auf der A61 in Mönchengladbach Holt die Autobahn zu verlassen. Erstaunlicherweise staut sich dort der Verkehr nicht in Richtung Stadion, sondern in Richtung Stadtmitte - und da wir etwas entfernt vom Stadion parken wollen, reihen wir uns brav ein. Nach ein paar Metern wird der Grund ersichtlich - eine Baustelle versperrt den klaren Weg, so parken wir den Golf am Straßenrand (völlig legal) mopsen uns einen Apfel und eine Brombeere und spazieren unter der lachenden Sonne durch eine Stadt, die ich ohne Fußball wohl nicht kennen würde.

Beim örtlichen Altbierhändler besorgen wir uns Wegzehrung und staunen über die hiesigen Bräuche; ein Zettel am Kiosk verkündet, dass gebrauchte Zeitungen nicht mehr umgetauscht werden können - auf Nachfrage erklärt der Verkäufer, dass es eine zeitlang Usus war, abgelaufene Fernsehzeitungen mit dem Argument hab nicht aufs Datum geachtet gegen eine aktuelle tauschen zu wollen. Sachen gibt's.

Fröhlich wandern wir an Peter Fischers Bäckerei vorbei und reihen uns in den Strom einlaufender Gladbachfans ein. Borussenfähnchen flattern an den Häusern, an einer Eckkneipe stehen ein paar Frankfurter und Gladbacher zusammen, trinken Bier - im Zweifel Kölsch.

Wir marschieren über die Autobahnbrücke, passieren den Friedhof mit angrenzender Totenhalle; dahinter ragen Flutlichtmasten in die Höhe; sie beleuchten wenn nötig das Hockeystadion, das unsere nächste Station ist. Grüner Kunstrasen umrandet von schwimmbadblauem Kunstrasen liegt torlos auf dem Boden, auf buntbestuhlten Rängen genießen wir die Sonne, bis wir nach einem Rundgang bei einem Supermarkt landen und Nachschub ordern; Astra und Brause - es ist ein schöner Tag irgendwo in Deutschland. Der Supermarkt liegt übrigens in der Helmut-Grashoff-Straße, benannt nach dem ehemaligen Manager der Borussia; in Frankfurt ist keine einzige Straße nach einem Eintrachtler benannt, sieht man einmal von der Rohrbachstraße und der Schaubstraße ab, deren Namen allerdings ursprünglich nicht mit den Kickern zu tun haben. Noch nicht einmal eine Alfred-Pfaff-Allee gibt es hier. Eine Schande.

Wir bewegen uns allmählich Richtung Fußballstadion, die Parkplätze sind voll, die Gladbacher tragen Trikots, auf denen entweder Marvin oder Marin steht und so langsam kommt mir das Spiel in den Sinn. Eigentlich erwarte ich nichts, noch nicht einmal schlechte Laune. Der Einlass geht flott, ich gehe ungehindert zwischen den Ordnern hindurch und treffe wie stets auf jede Menge Leute, wir quatschen über die Aussichten, über die Anfahrt und mit Max über unterschiedliche Ansichten über die ein oder andere Aktion. Dabei saust die Zeit voran und ich kämpfe mich händeschüttelnd durch den Block zu meinen Begleitern. Es sind ne ganze Menge Frankfurter im Block, hier klopft mir Cino auf die Schulter, dort stehen die Geiselgängster, da die Sossenheimer; überall ein großes Hallo, bis ich Pia, Christian und Tanja erreiche; Marc steht dabei; jetzt kann's los gehen - und es geht los. Die Eintracht in Schwarz-Rot mit Nikolov im Tor und Altintop samt Gekas vorne; Gladbach in weiß - und schon nach wenigen Minuten mit dem Rücken anderwand.

Es ist Bewegung im Spiel; Tzavellas verteidigt links hinten gegen Idrissou, Köhler diesmal wieder weiter vorne - und nach 24 Minuten ganz weit vorne: einen von Bailly abgewehrten Kopfball schiebt unsere Nummer 7 überlegt zur Führung ins Netz. Na also, geht doch. Der Block raucht vor Freude, doch nicht allzulange; keine zehn Minuten später hat Idrissou gegen Nikolov den Ausgleich erzielt - denken alle. Doch Schiri Drees entscheidet auf Foul und annulliert den Treffer, das hat er fein gemacht. Denkt sich Oka.

Als dann noch vor der Pause Alex Meier einen schon fast verlorenen Ball von Torhüter Bailly erobert und ihn keck nach innen spielt, woraufhin Gekas recht mühelos das 0:2 erzielt, hat die Eintracht geschafft, was ihr in Hannover nicht gelungen war: einen schönen Vorsprung auf Grund überlegener Spielweise. Aber wir haben vor gar nicht allzulanger Zeit hier völlig verdient mit 2:0 geführt - um am Ende mit 3:4 die Segel zu streichen. Obacht also. Bitte kein Döppdöppdöppdödödöppdöppdöpp. Selbst das 3:0 nach der Pause durch einen fabelhaften Treffer des agilen Ochs nach einem tollen Pass von Schwegler lässt mich zwar ungläubig die Fäuste nach oben reißen - aber keineswegs an sichere drei Punkte denken. Pia hingegen bläst Luftballon um Luftballon auf und schickt den Adler auf die Reise; wenn er weiter in der Luft gehalten wird, freuen wir uns.

Gladbach hätte in diesem Spiel noch Stunden spielen können, es gelang nichts zwingendes, während die Eintracht durch eine fabelhafte Aktion und sauberem Zuspiel von Altintop auf Gekas noch den vierten Treffer erzielt. Der Block grinst und hüpft und freut sich - und dann kam Martins großer Einsatz: Hallo Gladbach, hallo Gladbach wisst ihr noch, wisst ihr noch, könnt ihr euch erinnern ruft er durchs Megafon- und keiner weiß, was jetzt kommen soll. Doch die gedanklichen Fragezeichen zerrinnen zu Staub als die Antwort kommt: Döppdöppdöppdödödöppdöppdöpp. Fangesänge können schön sein.

0:4 zeigt die Anzeigetafel auch nach Spielende. Wir feiern die Mannschaft, die sich allerdings alsbald verkrümeln will und wieder zurück geholt wird und bleiben, bis sich das Stadion fast ganz geleert hat. Und wir sollten belohnt werden, ein Flitzer eilt über den Rasen macht ein paar Faxen, wird von einem Ordner eingeholt, büxt wieder aus und sorgt für Gelächter. Hoffentlich passiert dem Kerl nichts. Jünter, dass Gladbacher Maskottchen trottet bedröppelt über den Rasen. Geil, 4:0 in Gladbach - das bringt Ruhe; zumindest bis zum nächsten Spiel. Aber heute ist heute, morgen ist ein andrer Tag. Und so verlassen wir gemächlich den Block und wandern durch den Gladbacher Spätsommerabend. Erbarme, zu spät: die Hesse komme.

Vor einer Wirtschaft parkt ein Reisebus der Odenwälder Fohlen, im Biergarten ist noch Platz und so entern wir den Laden, in dem DJ Norbert später für DJ-Norbertige Musik sorgen wird und stärken uns für die kommende Heimfahrt, während wir Tanja erklären, dass das heutige Spiel keineswegs das angekündigte Leiden bedeutet. Glaub ja nicht, dass das immer so ist. So recht will uns nicht einfallen, wann die Eintracht zum letzten Mal ein Punktspiel in der Bundesliga auswärts mit vier Toren Unterschied gewonnen hat, die Erinnerung trägt uns zum Beginn der 90er, aber so ganz genau wissen wir das nicht mehr. Aue war Zweite Liga. Christian murmelt was von einem 4:0 in Gladbach, das lassen wir mal so stehen.

Die Odenwälder Fohlen verlassen die Wirtschaft, wir folgen ihnen alsbald und wundern uns, dass auf dem Weg zum Auto echter Hopfen am Straßenrand wächst. Bald sitzen wir wieder im silbernen Golf, der uns so brav durch die Republik kutschiert und tuckern nach wenigen Metern wieder auf die Autobahn. Im Westen versinkt die Sonne, zaubert einen malerischen Himmel zur anbrechenden Nacht und während der leider im Januar verstorbenen Alistair Hulett uns musikalisch daran erinnert, dass immer mehr die einstigen ärmeren Stadtteile in Yuppietown verwandelt werden, spulen wir unspektakulär Kilometer um Kilometer ab. Als wir Hessen erreichen stellen wir fest, dass das jahrzehntelang warnende Schild mit der auffälligen Katze am Elzer Berg verschwunden ist, geahnt haben wir es ja schon länger, doch diesmal haben wir genau darauf geachtet. Wir fahren dennoch langsam, sehen rechts den Limburger Dom, geradeaus Frankfurt und genau dort landen wir nach etwas mehr als zwei Stunden. Nach dem Abschied von Christian und Tanja und rechtzeitig zum Sportstudio rollen wir wieder im Nordend ein, während draußen im Stadion Wladimir Klitschko gerade den Samuel Peter verprügelt; hoffentlich ist der Rasen bis zum nächsten Spiel gegen Freiburg wieder fit.

Drei Punkte hat die Eintracht nun auf dem Konto; 50 sollen es werden - was im End aber auch niemanden mehr interessieren wird. Egal ob es so kommt oder auch nicht. Während in den letzten Wochen Gekas quasi schon als Fehleinkauf klassifiziert wurde, so dürfte nun Amanatidis der nächste Sündenbock sein, der verletzungsbedingt ausfiel und sich jetzt erstmal wieder ins Team kämpfen muss. Wie auch immer, ein 4:0 in Gladbach fühlt sich geil an. Und hier könnt ihr mehr über den sportlichen Aspekt nachlesen. Auswärtssieg!




Montag, 16. August 2010

Heimspiel in Wilhelmshaven


Moin. Unter der Woche kam ich in den Genuss, dem Auftritt von U2 in der Arena beizuwohnen, deren Bühne über eine Woche lang auf dem heiligen Rasen aufgebaut wurde. Tag für Tag wuchs ein riesiges Etwas in die Höhe - die Space Station, die nun bunt beleuchtet ein imposantes Bild abgab. Sogar der überdimensionale Videowürfel wirkte wie ein kleiner Fernseher neben dem gigantischen Bau. Musikalisch war U2 zwar seit 1987 nicht mehr so mein Ding - mal abgesehen von dem wunderbaren One, das in der Version von Johnny Cash noch intensiver klingt. Die alten Songs aber sind immer noch hörenswert und so rauschten wir (Pia, der silberne Golf und ich) am Freitag in rechter Frühe über die Autobahn, während Bono wohl über Offenbach sang: Where the streets have no name.

Unser Ziel war erstmalig in der Geschichte Wilhelmshaven, wir folgten sozusagen den Spuren der Herren Cengiz, Famewo und Kryszalowicz, die allesamt sowohl für die Eintracht als auch für den SV Wilhelmshaven die Fußballstiefel geschnürt hatten - heute jedoch nicht mehr in WHV aktiv sind.

Während mein altes Notebook noch am Morgen schwächelte und somit den düsteren Anforderungen eines Freitag den 13. genüge getan wurde, brach auf dem Highway die Sonne durch und leitete uns wohlwollend Richtung Norden. Wir zogen an den Kumpanen vorbei, die auf einem Hügel stehend die Autobahn beobachteten, stotterten uns über etliche Baustellen und stellten fest, dass auf der A45 nahezu alle kleinen Parkplätze als Baustelle ausgewiesen und zum Rasten denkbar ungeeignet waren.

Die Talbrücke Brunsbecke trägt einen eher ungewöhnlichen Namen während wir auf dem Rastplatz Im Mersch auf die munteren Gesellen John, Marc, Niko und Olli trafen, die gut gelaunt der Espresso-Verkäuferin nachschauten. Bei Cloppenburg gedachten wir Ansgar Brinkmann, der vor seinem Wechsel zur Eintracht hier unterklassig kickte, und sausten später an Großenkneten vorbei - ein Ort, welcher untrennbar mit der Kapelle Trio in Verbindung steht - und ansonsten ähnlich unbekannt geblieben wäre wie bspw. Colnrade ein paar Meter daneben.

Auf den Feldern am Rande der Autobahn kackte eine Kuh, die obligatorischen Windräder drehten sich majestätisch und nach knapp fünf Stunden Fahrzeit verließen wir die A29 bei Sande und rollten durch Friesland gen Wilhelmshaven zum Pumpwerk.

Die Jungs von der Bembelbar hatten diese fantastische Location nicht nur als Veranstaltungsort der abendlichen Sause ausgewählt sondern gleichfalls dafür gesorgt, dass auf einem ehemaligen Militärgelände, auf dem nun die Interessensgemeinschaft zur Erhaltung historischer Fahrzeuge ihr Domizil hat, gezeltet werden durfte. Und wir waren beileibe nicht die ersten; zig kleine Zelte säumten das Gelände, linker Hand der Ems-Jade-Kanal, in dem einige Schiffe allem Anschein nach schon länger vor sich hin dümpelten; weiter vorne wuchs das schicke Hotel Columbia in die Höhe.

Erste Runde im DFB-Pokal; es ist eines dieser Spiele, die den ganzen Wahnsinn der Eintracht Fans zeigen: Tausende hatten sich auf den den knapp 500 km langen Weg gemacht um fernab der Heimat zu zelten, zu feiern und die Eintracht zu sehen: Hier winkte Busi, dort hockten Presi und Holger, überall gab's ein großes Hallo, während wir geübt das kleine Zelt direkt unter einem Apfelbäumchen aufbauten und Schlafsack nebst Decken darin verstauten. Mittlerweile waren auch die Jungs vom Rastplatz Im Mersch eingetroffen, Apfelwein wurde getrunken, Scherze und Gelächter allenthalben zeichneten ein freundliches Bild.

Nach einem kleinen Spaziergang brachen wir auf Richtung Jadestadion - schon vor der Abfahrt hatte ich mir ausgemalt, wie ich Krabben pulend bei strahlender Sonne durch Wilhelmshaven schlendere - nun fehlten nur noch die Krabben. Wir überquerten eine kleine Brücke, trafen auf Filzi der es sich neben vielen anderen an einer Wirtschaft, der Deichbrücke, bequem gemacht hatte und wanderten in die Fußgängerzone. Dort erwartete uns ein gigantisches Einkaufszentrum, die Nordsee-Passage und dort trafen wir zunächst noch nicht auf Krabben, dafür aber auf Gerold und Käthe; zwei Eintracht-Urgesteine die wahrscheinlich mehr Geschichten erzählen können, als wir alle zusammen - und so war es dann auch; Gerold ist in Wilhelmshaven aufgewachsen; kannte die Straßen und Sehenswürdigkeiten und saß neben einer Schulfreundin, die uns natürlich genau sagen konnte, wo wir denn hier Krabben bekommen - die in dort der Gegend übrigens Granat genannt werden.

Nur wenig später hielt ich einen großen Beutel in meinen Fingern und stopfte die kleinen Kerlchen pulend ich mich hinein. Pia hingegen hielt dezent Abstand - von dem Meeresgetier, aber auch von mir.

An allen Ecken und Enden trafen wir auf Frankfurter, die sich auf den Weg ins Jadestadion gemacht hatten. Wir legten am Börsenplatz eine kleine Pause ein und während Pia mit den Jungs ein Bierchen trank, hockte ich einige Meter abseits und pulte Krabbe um Krabbe. Später warf ich meine gesammelten Abfälle in einen Mülleimer am Platz und fing mir das erste Mal in meinem Leben einen Anpfiff dafür ein, ein penibler Einheimischer sah Fischabfälle im Mülleimer gar nicht gerne - doch wohin sonst damit?

Pia und ich marschierten am Rathaus vorbei, einem eigenwilligen Klinkerbau und wunderten uns über die Leere der Straßen; kaum einer Menschenseele begegneten wir, viele Geschäfte standen leer - der Niedergang der Schifffahrt hatte gerade hier in dieser Stadt, die erst Mitte des 19. Jahrhunderts als vorgelagerter Hafen Oldenburgs gegründet wurde, tiefe Spuren hinterlassen. Wir wanderten durch Wohnsiedlungen, fragten hier und da nach dem Weg und noch immer zerknackte ich die Panzer der Tierchen und schob eines nach dem anderen in den Mund bis wir nach einer ganzen Weile am Stadion ankamen.

Schon aus der Ferne erkannten wir die skurrilen Flutlichtmasten, die auf die Dächer der Tribünen montiert auf den Rasen ragten. Nun begann ein großes Hallo, die Eintrachtler trudelten peu a a peu ein; Shakehands und high five; hier winkte Yves aus Berlin, dort kämpfte sich Adi seines Wegs und alsbald standen wir in einer dichten Menschenmenge, um den arg engen Einlass zu passieren. Dies dauerte ein Weilchen, alle naslang fiel das Stichwort Duisburg und nichts gelernt aber im End wurden wir durch gewunken, bekamen ein kleines Stadionmagazin geschenkt und liefen noch ein paar Meter zur Gästetribüne. In der Containerdamentoilette nutzte ich die Gelegenheit, meine Hände mit Seife von den letzten Granatresten zu befreien, und riechend wie ein Mensch enterten wir die Metallkonstruktion und suchten ein brauchbares Plätzlein. Werner von Stadtallendorf war ebenso in unserer Nähe wie Thor und Siggi und nur wenige Meter vom Spielfeldrand blickten wir uns um. Die Sonne tauchte das Stadion in ein sommerliches Licht, die teuren Plätze der Haupttribüne befanden sich hinter einer Glaswand, die Reklame war durch grüne DFB-Banner überklebt und der Spielball von einem örtlichen Sponsor gestiftet.

Die Ersatzspieler der Eintracht platzierten sich auf einer Art Bierbank vor der Gegentribüne und schon ging's los. Die Eintrachtfans präsentierten eine feine Choreo doch erstaunlicherweise übernahm der SV Wilhelmshaven das Kommando, zwei rasante Flankenläufe des wieselflinken 14ers brachte höchste Gefahr - doch mit Glück und Geschick überstand die Eintracht die ersten Minuten, um anschließend das Heft selbst in die Hand zu nehmen.

Scheiterte Altintop noch an einer tollen Reaktion des Wilhelmshavener Schlussmanns Meyer, so machte es Amanatidis wenig später besser - und schob eine Vorlage Altintops überlegt zur verdienten Führung ins Netz. Meyer entwickelte sich fortan zum besten Friesen- doch das 2:0 durch einen Freistoß von Tzavellas konnte auch er nicht verhindern. Weitere Höhepunkte des Spiels waren eine Möwe, die verschreckt einem hohen Ball ausweichen musste; ein Gleitflieger, der über dem Stadion seine Runde drehte, sowie die sitzenden Eintrachtfans, die urplötzlich zum Erstaunen von Dino und Martin das Supportkommando übernahmen.

Während die Sonne langsam versank, trafen Ochs und Altintop zum 4:0 Endstand, die Eintracht überstand auch die Schlussoffensive des SVW schadlos und schaffte somit den Einzug in die zweite Runde problemlos. Wir sahen eine tolle Partie von Sebastian Jung, der immer stärker wird sowie Caio, auf den dies im Moment leider nicht zutrifft und zudem einen Auswärtsblock, der die schöne Stimmung wahrlich genoss. Einzig die Auswechslung Köhlers, die von einem Eintracht-Vogel mit schwuler Köhler Pfui kommentiert wurde trübte das sonnige Ereignis ein wenig. Traurig - aber versöhnlich stimmten die freundlichen Worte des Stadionsprechers, der auf die Shuttle-Busse hinwies, die die Eintrachtler zum Pumpwerk bringen sollten.

Mit dem Schlusspfiff enterten etliche Fans den Rasen während wir uns zum Kassenhäuschen aufmachten und die zwei letzten Pins sowie einen Schal des heutigen Spiels erwarben. Derart ausgerüstet spazierten wir gut gelaunt durch die City, futterten Sandwiches und machten einen kurzen Abstecher an den Jadebusen, nur wenige Meter vom Camping-Areal entfernt. Das Wasser hatte sich kurzfristig zurückgezogen; wir überließen einige Eintrachtluftballons sich selbst und machten uns auf in die Bembelbar im Pumpwerk um zu feiern und zu quatschen. Bis in die frühen Morgenstunden rockten die Eintrachtler das Gelände, tanzten, sangen die Frankfurter, auch etliche Wilhelmshavener schauten vorbei und wunderten sich über das muntere Völkchen und dessen seltsam Getränk.

Spät in der Nacht plumpsten wir ins Zelt und nach einigen wenigen Stunden traumlosen Schlaf weckte uns das Treiben der Camper. Die ersten hatten den Platz schon verlassen, andere schnorchelten noch vor sich hin, während wir den Rest Schlaf aus den Augen wischten und Pia erstmal im nahe gelegenen Café einen Kaffee besorgte. Die vergangene Nacht stand etlichen ins Gesicht geschrieben doch schon kreiste der erste Apfelwein, während ich brav unser Zelt abbaute und das Gelersch im Golf verstaute. Und da dämmerte es mir: Es ist ja gar nicht Sonntag, es ist Samstag. Und das bedeutet, ich kann mir eine weitere Tüte Granat kaufen. Das Leben ist schön, zumindest manchmal und alsbald wanderten wir mit einer Tüte in der Hand Richtung Jadebusen. Vielmehr ich, Pia war für das Meeresgetier noch immer nicht zu begeistern. Wir trafen unterwegs selbstverständlich auf den ein oder anderen Frankfurter, der sich gleichfalls eine leichte Brise um die Nase wehen lassen wollte, marschierten zum Südstrand, beguckten dort Möwen, Strandkörbe und Touristen und ließen uns über die bekannte Kaiser Wilhelm Brücke treiben. Am Rande des Ems-Jade-Kanals spazierten wir zurück zum Campingplatz; bewunderten noch einige Schiffe und versorgten uns mit Reiseproviant. Am Zeltplatz, der sich schon merklich geleert hatte, verabschiedeten wir uns vom Bembelbarteam, bei dem ich mich auch an dieser Stelle ganz herzlich für die lässige Location bedanken möchte, und setzten den Golf in Gang. Ein kurzer Stopp in Sande brachte Benzin für die Rückfahrt und schon rollten wir auf den Highway. Langsam kroch die Müdigkeit in uns, doch bewegende Sportreportagen aus dem Autoradio hielten uns wach. So führte Leverkusen in Pirmasens zur Halbzeit mit 1:0 um am Ende mit 11:1 zu siegen, während St. Pauli in Chemnitz die Segel streichen musste. Auch waren wir live dabei, als bei den Schwimmeuropameisterschaften die junge Silke Lippok zu Silber kraulte und der Reporter fast einem Herzinfarkt erlegen wäre.

Nach vier Stunden unaufgeregter Fahrt erreichten wir Frankfurt müde aber glücklich und nur wenig später rollte ich mit dem Golf in die untergehende Sonne Richtung Westen, um den Abend auf der Terrasse eines anderen Eintrachtlers ausklingen zu lassen. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Sonntag, 16. August 2009

Alles bleibt anders

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Den ersten Aufreger der Woche lieferte die Bekanntgabe der Einstellung des kostenfreien Versandes des Stadionmagazins für die Mitglieder der Fan- und Förder- sowie Fußballabteilung von Eintracht Frankfurt. Hier, hier, hier als auch hier könnt ihr Stellungnahmen seitens der Agierenden/Betroffenen nachlesen; gerade für die auswärtigen Fans der Eintracht war dies ein schöner Service, der nun zu Ende geht. Letztlich scheiterte es am Geld - oder?

Samstag, 14:00

Pia und ich warteten bei strahlendem Sonnenschein auf Daddy, der aus Dietzenbach kam; Treffpunkt wie immer: Louisa. Prompt kommt der kleine Jeep angerollt; Hallo, big five, Fußmarsch.

Vorbei am ruhigen Fanhaus wanderten wir durch den Stadtwald und waren eigentlich guter Dinge; traditionell verliert die Eintracht ja nach rauschhaften Auftritten (Bremen) das nächste Spiel, vor allem, wenn es gegen Aufsteiger und Schlusslichter geht - aber nun ist alles anders. ER spielt und überhaupt.

Während Matze und Billy vor dem Museum tapfer Fanartikel an den Mann resp. Frau brachten, drückte ich unserem Museumschef eine Videokamera in die Hand, auf dass er von exponierter Stelle die geplante Choreographie aufnehmen könne - und die Reaktion der anwesenden Geehrten gleich dazu - die Meister von 1959 waren nämlich im Stadion zu Gast und bestaunten die von unseren Ultras organisierte und der gesamten Kurve durchgeführten Choreo.

Während wir also kurz vor Spielbeginn tapfer die Papptafeln in die Höhe hielten und nun verschämt darunter hindurch lugten, erklang über die Lautsprecher das wunderbare Lied: Der Meister heißt Eintracht. Dazu wurde auf dem Videowürfel zunächst das Meisterteam und anschließend unser damaliger Kapitän Alfred Pfaff mit der Schale in der Hand eingeblendet - die aktuelle Mannschaft lief ein, ohne Schwegler, und die Meister freuten sich ob des Kurvenbildes. Erst spät in der Nacht konnte ich die Bilder mir im Netz anschauen - und bin immer noch begeistert:


Das Spiel begann recht flott, der Videowürfel warf lustige Schatten auf das Spielfeld und noch viel lustiger wurde es in der 17. Minute, als Amanatidis einen langen Ball auf Meier schlug, der sich reckte und per Kopf zu Caio ablegte, der direkt das 1:0 erzielte. Just in diesem Moment hatte die Eintracht die Tabellenführung in der Bundesliga übernommen und so tönte kurz darauf Spizzereiter, Spizzereiter durchs Stadion. Aber auch die Gästekurve war gut gefüllt, der Nürnberger Support recht ordentlich und mit der knappen Führung ging's in die Pause.

Nun ja, kurzen gepflegten Gespräche in der Halbzeit folgten ungläubige Blicke in der zweiten: Nürnberg flitzte, die Eintracht tat sich zunehmend schwerer, scheiterte wiederholt am starken Nürnberger Keeper Schäfer - und nicht unverdient traf der kurz zuvor eingewechselte Bunjaku zum Ausgleich für den Club. Nikolov konnte einen Schuss von Charisteas gerade so abwehren - gegen den Nachschuss war er machtlos.

Mit zunehmender Spieldauer zeigten sich die Nürnberger resistenter gegen die Hitze - obwohl sich ein Fan von seinem Bengalöchen trennte und es in den Innenraum warf - und folgerichtig traf Bunjaku zum 2:1 für den Club. Ich sackte zusammen, bekam den folgenden Anstoß nicht mit und hoffte die nächsten Minuten auf den Ausgleich. Irgendwann blickte ich auf den Videowürfel - und meinte zu Pia: Guck mal, die haben noch gar nicht umgestellt. Pia starrte mich mit fragendem Blick an: Wieso, es steht doch 1:1. Daddy drehte sich um: Was, es steht immer noch 1:1?

Jawoll!

Ich schaute wohl selten dämlich - und so langsam dämmerte es mir: Das Tor zählte nicht, wir lagen nicht zurück. Strike! - für mich fühlten sich die nächsten Minuten an, wie ein Ausgleich nach Rückstand. Später flitzte Ochs noch zweimal wie ein wütender Stier über außen, dann war nach dankenswert kurzer Nachspielzeit Schluss - und die Eintracht hatte zwar nicht die Halbzeittabellenführung verteidigt - aber auch nicht verloren. Das ist doch was. Nur noch 36 Punkte zum Klassenerhalt. Der Adler ist gelandet.

Abends führte uns unser Weg ins idyllische Gutleut an den Main, zur Bembelbar. Zwischen Eisenbahnbrücken und einer Kläranlage floss der Main majestätisch Richtung Hoechst, Nachtlichter spiegelten sich darin, hinter uns erklangen wahlweise Eintrachtsongs, Hessische Mundart und Social Distortion; ein Angler hielt stoisch die Angelrute ins Wasser - bis wir merkten, dass es sich um eine Puppe handelte und mit einem Apfelwein in der Hand plauderten wir in die Nacht. Schön war es dort mit Gerd und schusch und Jens und wie sie alle heißen. Die, die immer da sind.

Einen Tag später besiegte unsere U23 am Bornheimer Hang vor den Augen von 330 Zuschauern (darunter Heribert Bruchhagen, Edwin Boekamp, Patrick Ochs und Jan Zimmermann) den SC Pfullendorf durch ein Tor von Sebastian Jung mit 1:0. Leider musste der agile Zlatan Bajramovic nach einer guten halben Stunde verletzt vom Platz - besser wäre es, der Pfullendorfer Trommler hätte es ihm gleich getan. Dieser hämmerte nämlich während der gesamten Spielzeit auf seinem Schlagwerkzeug herum, dass 329 Zuschauer bei jedem Schlag zusammenzuckten. Wer Auswärtssupport von Pfullendorf erlebt hat, der freut sich auf die Vuvuzelas. Und über den ersten Saisonsieg unserer U23.

Nun ist Köln wichtig. Kommenden Samstag. 15:30.

Sonntag, 9. August 2009

Heimspiel in Bremen

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Es ist früh. Sehr früh für einen Samstag Morgen - vor allem, wenn du nachts noch im Rheingau bei einem Hochzeitsfest weiltest und erst mitten in der Nacht nach Hause gekommen bist - bei einem Hochzeitsfest, während dessen sich zu allem Überfluss noch in deiner kleinen Kamera Fusselteilchen zwischen Linse und Chip festgesetzt haben und dadurch nun auf jedem Bild ein Schatten mehr oder weniger deutlich zu erkennen ist. Am Montag ein Fall für die Garantie, wie ich hoffe.

Es ist früh. Eigentlich zu früh. Planlos tapste ich durch die Wohnung; Pia wuselte schon emsig, kochte Kaffee, belegte Brötchen und war guter Dinge. Vielleicht nicht, was das Ergebnis betrifft, aber auf jeden Fall in Bezug auf das Wetter. In Bremen wird es nicht regnen. In Bremen nicht. So blieb meine Regenjacke zu Hause.

Die Bremer Polizei hatte ja für das bevorstehende Spiel ein Anschreiben an die Fanbetreuung verschickt, welches in moderatem Tone mitteilte, dass heuer keine Massenverhaftungen geplant seien; so etwas beruhigt ja ungemein, verrät aber auch, dass im letzten Spiel in Bremen eben jenes geplant und - wie wir wissen - auch durchgeführt wurde. Keine Massenverhaftungen geplant - das ist doch mal eine Perspektive. Was kann einem schönem Tag jetzt noch im Wege stehen?

An der Friedberger Landstraße wird gebaut, vor lauter Verkehrsbarken siehst du kaum die Straße, die heiße Sonne der letzten Tage hatte sich zurückgezogen, der Himmel drückte ein wenig grauer, warm war's dennoch und langsam rollte der silberne Golf auf den Asphalt, auf die A661 und am Bad Homburger Kreuz auf die A5 - annähernd 450 Km lagen vor uns - einfache Strecke - Ingo, unser Bremer Freund welcher derzeit in Italien urlaubte, hatte uns noch via SMS einen Parkplatz in einem Wohngebiet empfohlen, nah am Stadion aber doch weit genug vom engeren Bereich, so dass wir guter Dinge den Highway entlang sausten. Im Player rotierte das zweite Album von Cosmic Baby, Thinking about myself - aus einer Zeit, als wir alle noch jung waren und Trance das große Ding, noch nicht verkommen zu Happy Trance und pitsch-patsch Sound mit hellen Stimmchen zu Auto-Scooter Veranstaltungen. A Loop is a loop is a loop ...
Thinking about myself - dafür hast du Zeit, wenn du als Beifahrer durch Deutschland rollst und nachdenkst über die Zeit, die eigentlich deine sein soll und die doch bestimmt wird von all denen, die in übergroßen Autos neben dir fahren und von Krise reden, während die Scheine in deinem Geldbeutel ebenso rar geworden sind, wie Punktgewinne der Eintracht bei vermeintlich "Großen".

Eine Autobahn ist derzeit nichts anderes als eine Dauerbaustelle von Talbrücke zu Talbrücke wo immer ein Wagen die mittlere Spur blockiert. Stoisch schnurrten wir durch Hessen, auf Cosmic Baby folgte der erste Eye-Q Sampler, doch selbst der trancingste Klang konnte nicht verhindern, dass es nun anfing zu schütten. Die Scheibenwischer schwappten auf höchster Stufe, Siegerland, Sauerland, Münsterland, Emsland, die Zeit raste, wir nicht. Wir standen, bzw. rollten phasenweise mit 50 über die A45 später über die A1. Ausgetranced, auf Vernon's Wonderland folgte Depeche Modes Playing the Angel. Irgendwo in Deutschland entdeckten wir aus den Augenwinkeln den alten Eintrachtbus auf dem Parkplatz Auf der Bon und irgendwo in Deutschland fuhr neben uns ein goldenes Auto mit einem goldenen Schalke-Aufkleber - wahrscheinlich dudelte dort: Mohammed war ein Prophet, der von Fußball nichts versteht. Genau, deshalb hat er sich dann angeblich irgendwie um Schalke gekümmert und sich am Vereinslied versucht - aber das wiederum ist eine ganz andere Baustelle und hat hier eigentlich nichts verloren. Gold auf Gold.

Lotte. Lotte ist ein Ort, der vorwiegend durch einen Fußballverein mit dem Namen Sportfreunde Lotte bekannt ist und in dem ich noch nie war. Wie gerne würde ich einmal einem Pokalspiel zwischen Lotte und Berlin, sprich Hertha, beiwohnen und die Fangesänge hören; die Einen: Auf geht's Lotte schieß ein Tor, die Anderen: Steht auf, wenn ihr Hertha seid. Lotte gegen Hertha, liebe Fußballgötter macht es doch einmal möglich. Bitte.

Es regnete noch immer, ich sah uns gedanklich mit frisch erworbenen Friesennerzen im Weserstadion ertrinken, Dave Gahan sang nun davon, dass nichts unmöglich sei, nothing's impossible; Windräder drehten sich stumm im Nass und mich durchzuckte der Gedanke, dass der Titel des Songs ja wohl ein gutes Motto für heute sein könnte: Nothing's impossible. Pia war ja schon die ganze Zeit der Überzeugung, dass es in Bremen nicht regnet. Und überhaupt, weshalb sollte die Eintracht heute hier verlieren. Genau: Nothing's impossible. In Osnabrück heißt das Rathaus übrigens Rathaus des Westfälischen Friedens. Genau wie in Münster. Das kann man von Autobahnschildern lernen.




Christian rief an, er weilte noch in Hamburg - bei strahlendem Sonnenschein - während wir uns noch durch die Wassermassen kämpften, ähnlich wie die Sossenheimer, den einzigen Fanbus, den wir auf der Strecke sahen. Sonne in Hamburg. Hoffnung.

Delmenhorst, nach Hunderten von grauen Kilometern hatte es tatsächlich ausgeregnet und die Scheibenwischer, die stundenlang ohne zu murren ihren Dienst verrichtet hatten, konnten nun ausruhen - wir näherten uns nach über fünf Stunden der Ausfahrt Bremen-Hemelingen, folgten dem Streckenverlauf und parkten in dem Wohngebiet, das uns Ingo empfohlen hatte: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da.

Nothing's impossible.

Freundliche kleine Altbauten standen dicht an dicht, viele von ihnen mit verglaster Veranda und blumiger Gartenbepflanzung, und mit jedem Meter trafen wir auf mehr Werderaner, die an Buden standen, Bier tranken und über die Höhe des Sieges debattierten. Als wir ein Büdchen betraten, purzelte ein Werder-Fähnchen zu Boden; dass dies ein Zeichen war, war uns klar. Wir wussten nur noch nicht für was.

Bald stießen wir auf den Osterdeich, vor uns ragten die Flutlichtmasten in die Höhe, direkt daneben die Baukräne des sich im Umbau befindlichen Weserstadions - dem Ort des letztjährigen Grauens: 234 Festnahmen, Einkesselungen und eine 0:5 Klatsche lautete die Bilanz der letzten Begegnung hier im Norden, die sicherlich niemand so schnell vergessen wird.

Der Bremer Bus fuhr ein und wir wanderten zum Gästeeingang, Bremer und Frankfurter umstanden traditionell die Buden, aßen Fischbrötchen und tranken Haake-Beck, eigentlich wollten wir ja noch einen Abstecher ins Wuseum machen - Baustellen und Regen zogen aber einen Strich durch die Rechnung - und so lungerten wir wie alle vorm Stadion rum. Immer wieder marschierte ein Trupp Polizisten vorbei, begleitete die Insassen eines Eintrachtfanbusses vor die Kurve, um dann doch Bremer und Frankfurter zusammenkommen zu lassen. Weißbehelmte Pferdereiter staksten durch die Menge, die Fischverkäuferin mokierte sich völlig zu Recht, dass einige Frankfurter von den Cops grundlos aber rüde angepackt wurden und für meinen Geschmack signalisierte das Aufgebot der Klon-Krieger nicht gerade Deeskalation, vor allem nicht, wenn gleich zwei Videokameras die unaufgeregte Szenerie filmen. Aber man muss ja schon dankbar sein, wenn es keine Massenverhaftungen gibt. Großartig. Irgendeiner bestellte acht Cola, acht Bier.

Christian stieß aus Hamburg zu uns und bald stellten wir uns zwecks Leibesvisitation an den Einlass. Nachdem wir eine Schleuse passiert hatten, folgte die ärztliche Untersuchung - angesichts der Baustelle hätte ich ja in meiner kurzen Hose eine Kettensäge verstecken können, immerhin, die Ordner waren freundlich - es sind ja auch keine ausgebildeten Sonnenstudio-Kampf-Pitbulls wie die Kollegen mit den grünen Beinschonern, deren Humorverständnis tendentiell gegen Null geht.

Stadion Innen. Metall. Die alte Tribüne mit dem tiefgezogenen Dach war abgerissen, statt dessen bot eine Stahlrohrtribüne annähernd 1800 Eintrachtlern Platz - dahinter wuchs ein Stahlgerüst in die Höhe, verziert mit einem überdimensionalen Reklameplakat. Hier winkte die kleine Pia, den rechten Arm schwer verbunden - das Verletzungspech nimmt kein Ende - , dort schlappte Buffo entlang, André hatte eine Trommel dabei und von überall winkten bekannte Gesichter. Aus den Lautsprechern wummerten ein paar Bremen-Liedchen, hilflos wurde uns von beflissenen Sponsoren veklickert, wie Bank angeblich heute geht (so lautete der Slogan auf den Bremer Trikots, ein Slogan den ich kurz beantworten kann. Bank heute: Sammelt alles Geld von kleinen Leuten ein, steckt euch ein Großteil in die Tasche, verpulvert den Rest, lasst euch vom Staat großzügig Milliarden schenken, steckt euch davon wieder ein Großteil in die Tasche und macht weiter wie immer) vor uns der Zaun - Anpfiff.

Bremen spielt in diesem Jahr ohne Diego und Pizarro, die 2008/2009 alleine fünf Treffer gegen die Eintracht erzielt hatten, die Eintracht lief mit Chris anstelle von Köhler auf und äußerst munter ging es gleich nach Beginn los. Nach wenigen Minuten verkündete die Anzeigentafel den ersten Treffer des heutigen Spieltages, Mainz führte gegen Leverkusen und nur wenig später fiel das zweite Tor des Tages. Das erste in Bremen und das erste für die Eintracht. Großer Jubel im Block, Amanatidis hatte eine Hereingabe von Teber über die Linie gedrückt. Auswärtssieg, Auswärtssieg schallte es durchs weite Rund, doch Werder zeigte sich zunächst unbeeindruckt, Özil wuselte im Strafraum, purzelte hin und verwandelte den anschließenden Elfmeter zum vorübergehenden Ausgleich. Jetzt war die Werder Kurve erwacht, links unten hing ein Transparent Stoppt Orange - die Fans haben ebenso wie die Eintrachtler mit dem unschönen Rosa auf Devotionalien damit zu kämpfen, dass sich Vereinsunabhängige Farben ins Gesamtbild schleichen - Werder, Werder tönte es nun erstaunlich laut durchs Weserstadion. Ebenso unbeeindruckt wie zuvor der SVW spielte jetzt die Eintracht Fußball und es war erneut Amanatidis, der zur Führung für die Frankfurter traf. Bierbecher, High Five, Auswärtssieg ... Ausgleich. Nikolov hatte eine Flanke unterlaufen (für meinen Geschmack behindert vom Gegner ) Ochs machte irgendwas und Sanogo lenkte den Ball postwendend ins Eintracht-Tor. An den hoch positionierten digitalen Reklamebanden flimmerte Werbung entlang, mit jeder neuen Reklame hatte ich kurz den Eindruck, dass eine Leuchtrakete gezündet wurde, derart irritierend flackerte die Laufreklame in den Augenwinkeln. Mist. 2:2.

Halbzeit. Junge Buben durften Trikots von einer Leine schießen, was dem ein oder anderen auch gelang und wir stellten fest, dass mit Beginn der zweiten Hälfte Fenin für den angeschlagenen Amanatidis ins Team gekommen war. Nun machte Werder Druck, Nikolov hielt die Eintracht im Spiel, immer wieder klärte er vor den anstürmenden Werderanern, bei denen Özil auffällig agil spielte und Marin mehr fiel als stand. Und als es nur noch eine Frage der Zeit war, bis Bremen in Führung ging, drückte Fenin bei einem der seltenen Entlastungsangriffe den Ball unter ungläubigem Staunen mit anschließend exzessiven Jubel den Ball zum 3:2 für die Eintracht an Frau Wiese vorbei ins Tor. Bremens Anrennen blieb erfolglos, im Gegenteil- nun bekam die Eintracht noch die ein oder andere Chance, Wiese hielt tadellos und so mussten wir am Ende noch ein wenig zittern. Eine gelbrote Karte für Prödl läutete das Ende ein - nach 92 Minuten war Schluss - und die Eintracht hatte nach anderthalb Jahren (2:1 in Leverkusen) mal wieder einen "Großen" besiegt. So geht Fußball heute. Prompt traf auch eine Glückwunsch-SMS von Ingo ein; so ganz leicht wird es ihm aber nicht gefallen sein - dennoch: Danke.

Wir blieben noch eine ganze Weile im Stadion, feierten zunächst kurz die Mannschaft und warteten dann auf die angekündigte Pressekonferenz. Die eingeblendete Tabelle wies für die Eintracht den zweiten Platz aus, was wir mit einem Eurobabogaal locker ergänzten; während die Bremer ausliefen wie es im Fußballjargon heißt. Fritz drehte mit Frings seine Runden, auch Frau Wiese eierte über den Platz und nahm die üblichen Sprechgesänge der paar Rest-Frankfurter mit Humor. So ziemlich als letzte verließen wir den Ort des Triumphes und landeten auf dem Vorplatz, wo die Ultras unter großem Polizeiaufgebot auf einen Kumpel warteten, der später schwer bewacht zurück gebracht wurde. Ein Bremer Trommler suchte leicht angeschickert den Dialog mit den Frankfurtern und wurde hintereinander von drei Polizisten eher grob daran gehindert und wir wanderten weiter und hockten uns auf den Deich, um den Abzug der Gladiatoren zu beobachten; nur wenig später bog der Eintracht-Bus um die Ecke und wir winkten den Auswärtssiegern fröhlich zu.

An Bremer Fankneipen vorbei wanderten wir durch das Viertel und entdeckten die Werder-Halle, bemalt mit historischen Szenen aus der Geschichte von Werder Bremen; Rehagel reckte die Meisterschale in die Höhe, Kutzop stand daneben, Schaaf streckte die Videokamera aus dem landenden Flugzeug; an das Meisterteam von 1964/1965 wurde ebenso erinnert wie an die unheiligen Jahre 1933-1945 oder die Anfänge als Fußballverein Werder Bremen 1899 - tolle Malereien an der Fassade, die uns auf ein Schnitzel in die Wirtschaft trieben. Hoffenheim kickte gerade gegen den FC Bayern, Obasi erzielte zwischen Schnitzel und Salat den Ausgleich, was wir recht ungerührt zu Kenntnis nahmen; wir zahlten und gönnten uns noch ein Eis um die Ecke - zwischen Möhrcheneis und Kürbis entdeckte ich die Sorte Waldmeister - und wo es Waldmeistereis gibt, da ist die Welt noch in Ordnung. Vor allem, wenn die Straßen solche Namen tragen.

Bremer Stille, der Golf parkte noch so, wie wir ihn verlassen hatten und über die Weser ging es zurück auf die Autobahn. Langsam legte sich die Nacht über Deutschland die Parkplätze hießen nun Kurze Geist oder Dümmer Dammer Berge, rechts lag Meppen später Münster und aus dem Radio schepperten großartige Indie-Songs der letzten Jahrzehnte, PIL zum Beispiel mit dem fantastischen Rise oder Wedding Present oder Carter USM. Wir sangen mit, rollten dabei von Baustelle zu Baustelle und tuckerten gegen Mitternacht müde aber glücklich über die Friedberger Warte ins Nordend. Das ganze Leben ist eine Baustelle. Wenn es sich anfühlt wie ein Auswärtssieg, soll es mir recht sein.

Nothing's impossible? Recht so.


Mittwoch, 20. Mai 2009

Heimspiel in Hoechst

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Draußen war's wärmer als drinnen - was lag also näher, als sich an einem Dienstagabend auf die kleine Reise nach Frankfurt-Hoechst zu begeben, um einem Freundschaftsspiel der Eintracht gegen die hiesige SG Hoechst beizuwohnen.

Die Farbwerke Hoechst, einst größter Arbeitgeber der Region und Garant für bescheidenen Wohlstand sowie geschlossener Fenster im Stadtteil sind lange aufgelöst, das Kennzeichen FH für Frankfurt Hoechst längst Geschichte und auch die Oberligazeiten der SG Hoechst sind lange vorbei. Möbel-City-Wesner, einst ein riesiges Möbelhaus, ist weggezogen; übrig blieben die leerstehenden Gebäude und die damit verbundene Tristesse und die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Pia, die Maus und ich parkten den silbernen Golf nahe des ehemaligen Möbelhauses und wandelten durch den Hoechster Stadtpark. Kinder fuhren Fahrrad, Erwachsene saßen in Gruppen beieinander, ein Weiher glänzte in die Sonne und uns beschlich ein Hauch von Urlaubsfeeling. Dennoch sorgten wir uns, ob es heute Abend angesichts der derzeitigen Situation zu seltsamen Erscheinungen kommen würde, alles schien möglich, obgleich wir nur zu einem Freundschaftskick marschierten, der üblicherweise allen Beteiligten nur Spaß bringt.

Hinter dem Park liegt der Sportplatz der SG Hoechst, der Glanz vergangener Zeiten ist auch hier einem leisen Abgesang gewichen; alte Werbebanden deren Lack im Laufe der Jahre verwitterte umrunden den Hauptplatz, eine Anzeigetafel, gefertigt aus dem Stahl des Werbenden wartete auf Tore. Kinder und emsige Helfer wuselten umher, derweil ein DJ hinter dem Tor seine Anlage verkabelte. Wir zahlten moderate sechs Euro Eintritt, (ein Programm zum Spiel gab es leider nicht) und orderten einen Apfelwein, der viertel Liter zu 1,50 - bar bezahlt. Die Sonne beschien den Frühlingsabend, während wir um den Platz wanderten und uns in eine kleine blechernen Hütte auf eine Bierbank setzten und unseren Apfelwein tranken. Auf der Ersatzbank, es war nett, denn: noch nicht einmal Auswechselspieler waren wir.

Allmählich füllte sich der Sportplatz mit Zuschauern, vorwiegend Kids sausten über das Gelände, während der DJ seine Anlage mittlerweile in Schwung gebracht hatte. In brüllender Lautstärke schallten Stimmungs-Melodien über den Platz, dass sich selbst die Grashalme die Ohren zuhielten, auch sie wollten die Regenwürmer nicht husten hören. Ballermanninferno allez!

Stefan war mittlerweile gekommen und überbrachte die Nachricht, dass der Trainer der Eintracht erkrankt sei - in weiser Voraussicht wohl, die Trainerbank stand nicht weit entfernt von den Stehplätzen - und wer weiß auf welche Ideen der emtional bewegte Fan in diesen Tagen kommen könnte. Gecoacht wurde das Team dann von Armin Reutershahn und Andi Menger.

Auslöser für das Freundschaftsspiel in Hoechst war wohl ein medialer Aprilscherz des HR, welcher behauptet hatte, dass ein reicher Unternehmer die SG Hoechst im Stile des Projektes Hoffenheim übernehmen würde; so kam es auch, dass der Aufstellungsverkünder des Waldstadions auch in Hoechst mit Hilfe der Kinder sein Bestes gab. Bis auf die Nummer 3 Caio und Markus Russ klappte dies auch ganz ordentlich, wobei zur Ehrenrettung gesagt werden muss, dass Marcos Vorname falsch auf dem Spielberichtsbogen stand und Caios Null recht klein geschrieben war. Man kann ja nicht alles wissen ...


Kurz vor Spielbeginn verließen wir die Ersatzbank und wanderten um den Sportplatz, insgesamt werden wohl rund 1000 Zuschauer gekommen sein, darunter auch die Fanbeauftragten der Eintracht, Rudi und ZoLo sowie unser Lieblings-Pokalsiegertrainer Dietrich Weise. Beieinander standen auch die Herren Durstewitz, Palmert und Schmitt sowie Heribert Bruchhagen, der dabei Rede und Antwort stehen durfte - bis die Kids spitzkriegten, dass der Chef hier war und schon wurde er umringt und ließ sich brav fotografieren.

Kaum wurde die Partie angepfiffen, die Gastgeber in weiß, die Eintracht in rot-schwarz, tönte ein Grüppchen Wir ham die Schnauze voll und zack hatte ich ein Mikrofon vor der Nase. Der HR versuchte Stimmen einzufangen und erwartete eine Stellungnahme, die von mir auch recht knapp ausfiel: So schlecht sind die Hoechster doch gar nicht. Verständnislose Augen schauten mich an. Bei strahlendem Sonnenschein gaben die Hoechster dann ihr Bestes - dass die Eintracht, welche keineswegs mit einem Rumpfteam angetreten war, klar dominierte, verwunderte wenig und so stand am Ende ein 17:1 zu Buche - ich hätte es nicht gewusst, hätte uns der Schiri nicht das Ergebnis mitgeteilt. Oka und Frank Lehmann standen je eine Halbzeit im Tor, Caio spielte durch und großer Jubel brandete auf, als die Hoechster den Ehrentreffer erzielten. Beide Hoechster Torhüter hatten ihren großen Tag und verhinderten mit Glanzparaden Ärgeres.

Die meiste Zeit verbrachte wir mit gepflegten Unterhaltung; mit ZoLo quatsche ich immer gerne, desgleichen mit Eintracht-Veteran Roland Gerlach oder unserem Sossenheimer Freund, den ich vor Jahren in der Klapper kennen lernte. Seit er meinem Schoppen zu Boden warf, ich ihm nach kurzem Disput einen anderen übergekippt hatte und wir uns daraufhin die Hand gaben, treffen wir uns vorwiegend bei Auswärtsspielen und erinnern uns gerne an die Anfangstage zurück. Die Filzlaus hockte brav hinter dem Tor und insgesamt ging es relativ ruhig zu. Nach Spielende begann das große Flitzen; Kids stürmten auf die Spieler zwecks Autogrammen zu, die Spieler sausten in die Kabine, allen voran Korkmaz, Meier und Caio; während Fenin sein Trikot einem Rollstuhlfahrer in die Hände drückte. Krük und Petkovic und Sebastian Jung schrieben brav Autogramme, während der Eintrachtbus schon auf die frisch geduschten wartete.

Alex Meier scheint derzeit arg verunsichert, er kam als erster aus der Kabine und scheute sich sogar davor, den wartenden und drängelnden Kindern Autogramme zu geben - nicht schön, aber nach all den Attacken auf ihn verständlich. Zeugwart war interessanter Weise der Deutsche Meister Friedel Lutz, der weitgehend unbehelligt seine Arbeit verrichten konnte. Peu a peu schoben sich die Kicker in den Bus, und plötzlich tönte hinter uns ein lautes Funkel raus. Pia drehte sich erbost um und bat sichtlich erzürnt um Ruhe - das Grüppchen, welches sich um den Rufer scharte, blickte leicht irritiert aus der Wäsche - aber auch sie sahen dann ein, dass hier die SG Hoechst Gastgeber war und die Kids und deren Spaß eigentlich im Mittelpunkt stehen sollten; die Kids, die solche Aktionen gar nicht verstehen können. Dies Argument zog, der Trupp trollte sich, ebenso wie der Bus, der bald darauf hupend das Gelände verlassen sollte. Pia, Stefan und ich trollten uns dann ebenfalls in Richtung Bierstand, die Wurst war ausverkauft, das Bier noch nicht - und nach einem Schöppchen verließen wir ebenfalls den Sportplatz und wanderten durch den Park und tröpfelnden Regen zurück zum Auto.

Dunkel wurde es allmählich, die Nacht legte sich über Frankfurt - Zeit für eine letzte Pizza und eine Erinnerung an den vergangenen Tag, der wohl freundlicher war, als es der letzte Spieltag gegen den HSV sein dürfte. Leider Gottes.

Sonntag, 17. Mai 2009

Heimspiel in Bochum - 16.05.2009


Auf den Tag siebzehn Jahre nach dem deprimierensten Spiel der Vereinsgeschichte hatte die Eintracht in Bochum anzutreten, beide Teams konnten aus eigener Kraft den Klassenerhalt sichern - und die Eintracht hatte nach dem Desaster gegen Werder Bremen am Mittwoch zuvor noch etwas gut zu machen. Noch in der Woche zuvor konnten Pia und ich Sitzplatzkarten ergattern, was in Anbetracht von Pias Verletzung am Bein diesmal auch Sinn machte. Am End standen wir doch - aber dies ist eine andere Geschichte.

Traditionell machten wie uns relativ früh auf den Weg ins Revier, traditionell tuckerte der silberne Golf über die Friedberger Landstraße auf die A661 um am Bad Homburger Kreuz auf die A5 abzubiegen. Musikalisch hielten wir uns diesmal an Psychobilly (The Meteors), an Reggae (Hopetown Lewis) und an den gute alten Indiesound (von British Sea Power über Phillip Boa bis hin zu Cock Sparrer) - wenn schon die Auftritte der Eintracht nichts Gutes erwarten lassen, dann wenigstens die Musik, oder?



The Meteors - 3 against 1


Der Himmel wurde von Wolkenballen bedeckt, ab und an blinkte ein leuchtendes Blau in den Tag, Kilometer um Kilometer wurde abgespult, Manu Chao sang vom Regen im Paradies, was ein paar Kühe so gar nicht interessierte, sie lagen im Grün neben dem Highway - und schliefen. Da wir recht früh unterwegs waren, sahen wir nur wenige Busse oder flatternde Schals, Menschen fuhren in den Tag und wir nach Bochum: Gambacher Kreuz, A45, Gießen, Siegen und irgendwann ging es ab nach Iserlohn, eine graue Maus unter Deutschlands Städten, die vielleicht doch mal einen Besuch wert wäre, wer weiß.

Die Parkplätze hießen nun Flöz Mausegatt, die Orte Lüdenscheid und bei Dortmund West rollten wir auf die A40 welche wir in Bochum verließen um hinter dem Ruhrstadion direkt vor der Justizvollzugsanstalt zu parken.

Frisch war's - aber wir sind Härteres gewohnt - und so wanderten wir durch Grönemeyers Bochum, sahen die Schrebergärten, die unwirtliche Fußgängerzone und die im Ruhrgebiet üblichen ostzonalen Schaufensterauslagen. Wir machten eine Pause inmitten von Gänseblümchen, ab und an bewachte ein Polizeiwagen das Treiben, von irgendwo erklang: Hurra, hurra die Frankfurter sind da, ansonsten war Samstag-Nachmittag. Ein Fiege-Bier später hockten wir vor dem Planetarium auf einem grasgrünen Hügel und betrachteten das Treiben unten auf der Straße. Gegenüber war ein Kiosk, ab und an kam ein Grüppchen Eintrachtler vorbei, einige Bochumer zogen vorüber und es dauerte nicht lange, bis sich einige Frankfurter unterhalb von uns ebenfalls in Gras warfen. Sie lieferten sich mit den Jungs am Kiosk einen munteren Wechselgesang, wir lachten und rauchten und waren eigentlich ganz guter Dinge: hatte die Eintracht in dieser Saison zwar des Öfteren grandios versagt, so hatten sie sich noch immer daraufhin berappelt - zumal Teams wie Cottbus oder Bielefeld ihre Spiele gewinnen mussten, um unabhängig von unserer Partie überhaupt noch vom Klassenerhalt träumen zu dürfen.


Ein Polizeibus hatte sich mittlerweile an der Kreuzung positioniert, Polizisten rüsteten sich mit Kabelbinder und Helm aus und beobachteten nun die singenden Frankfurter. Nur wenig später marschierte ein sonderbarer Trupp an uns vorbei: Angeführt von einigen Polizeiautos mit Blaulicht aber ohne Sirene folgten die Bahnfahrer. Zunächst die Ultras, schweigend und schwarz, dahinter die Trikots, schweigend und rotschwarz und wiederum dahinter folgten annähernd zig Polizeibusse, ebenfalls eher leise. Man hätte meinen können, wir beobachteten einen Trauermarsch.

Langsam machten wir uns gleichfalls auf in Richtung Stadion an der Castroper Straße. Der ehemalige Bochumer und - ähem - Frankfurter Thorsten Legat wurde einst gefragt, wie er denn zum Bodybuilding gekommen sei. Die Antwort ist ebenso schlicht wie legendär: Immer Castroper Straße rauf. Wir taten es ihm gleich, bis wir die sich in den Himmel reckenden Flutlichtmasten erkannten; die Tribüne ragte wie ein nackter Betonhintern auf einem Donnerbalken auf die Straße und wir trafen auf den alten Haudegen Thommy vom EFC Bockenheim, während wir uns noch ein Hansapils gönnten. Von überall strömten die Frankfurter ins Stadion, viele Bochumer trugen gelbe Shirts mit der Aufschrift: Wir sind Opel; die Wirtschaftskrise trifft natürlich die Opelianer in der strukturschwachen Stadt Bochum immens, ohne Opel gehen hier die Lichter aus. Später saßen viele im Block beieinander; der Unbeleckte hätte auf Dortmunder getippt - die Blockfahne verriet aber spätestens jetzt: Opel.

Vor dem Stadion Gespräche: Holen wir einen Punkt? oder Wann geht der Trainer? Hier trafen wir auf Hans-Peter und Beate, dort standen die Ultras, hier das Pferd dort Donna und im Großen und Ganzen ließ sich der Tag doch recht entspannt an, zumal es nun deutlich wärmer wurde. Die Vogelscheuche sagte Hallo, der EFC Black & White war zum 30-jährigen Jubiläum in Sträflingskleidung erschienen, ein Polizist wechselte einem Fan Geld, auf dass sich dieser eine Karte kaufen konnte und wir erfuhren, dass Christian, der uns in dieser Saison schon des Öfteren begleitet hatte ebenfalls in Bochum war; seine Begleiter allerdings verweilten nun im örtlichen Krankenhaus - Ein Vollidiot Frankfurter Herkunft hatte direkt vor dem Stadion einen Asso-Böller inmitten einer Gruppe von Eintracht-Fans fallen lassen; in einer Gruppe, in der sich auch Gerd mit seinem Sohn aufhielt. Böller in einer Gruppe mit Kindern zu werfen - wie krank kann man sein?

Diese Nachricht betrübte unsere Laune, die sich erst wieder aufhellte, als wir Anno und Kroni trafen, mit denen wir auch ins Stadion marschierten, kurzes Abtasten, kurzes Begrüßen von ZoLo und Ben, unseren neuen Fanbetreuer - und schon ging es hinein: Block F - links. Ich verschwand im Klo und als ich wieder hinausging fragte ich den Mann, der hinter mir die Toilette verließ, ob er gerade die Hände gewaschen habe? Er guckte mich an und meinte: Ja, wieso? Ich antwortete zwinkernd: Gut. Sonst hätte ich nämlich Pisse an der Wade.

Pia und ich kämpften uns auf einen freien Platz und schnell war klar: An Sitzen war nicht zu denken, alles stand - normalerweise ist das auch gut so - nur in unserem Falle etwas doof, da Pia wegen des Beines nicht die ganze Zeit stehen wollte. Aber: Was soll man machen?

Das Bochumer Stadion kommt oldschool daher, inmitten der Stadt gelegen prangte am gegenüberliegenden Eingang noch immer der Name Ruhrstadion - obgleich es auch heute offiziell ganz anders heißt; die Tribünen sind noch Tribünen und das Flutlicht verdient diesen Namen. Gut, wenn dieses Team nicht absteigt und wir im kommenden Jahr wieder hierher kommen können. Dazu sollte auch die Eintracht drin bleiben, wobei ich mir diesbezüglich keine Sorgen machte. Etwas neben uns standen einige Geiselgangster, André hoffte auf Wiedergutmachung (er sollte arg enttäuscht werden) während Gerre seinen Geburtstag schon gefeiert hatte.

Anpfiff, die Eintracht begann forsch und mit Liberopoulos auf der Bank, an Stelle vom gesperrten Ochs beackerte Sebastian Jung die rechte Seite und Chris rückte für Bellaid in die Innenverteidigung. Steinhöfer begann auf links im Mittelfeld, Mahdavikia auf rechts.

Nach einer vergebenen Chance von Meier nach Vorarbeit von Mahdavikia erzielte der VfL nur wenig später das 1:0 und wer gedacht hätte, die Eintracht würde sich gegen die drohende Niederlage stemmen, der wurde enttäuscht. Der selbsternannte Führungsspieler Fink irrte sinnfrei umher, Steinhöfers Phlegma stand sinnbildlich für das gesamte Team alleine Markus Pröll zeigt sich präsent, während Jung von seinen Kameraden sträflich im Stich gelassen wurde.

War der Support bislang ganz anständig, verlor ich nun langsam den Glauben: An das Team und an die Kurve. Neben uns grölte ein junger Mann mit Pissflecken auf der Hose und Bierbauch über dem Gürtel: Funkel Raus, wurde von seinen nicht minder elganten Freunden gefeiert, ab und an kotzte er ein Caio in den Tag und wir ahnten, was noch kommen würde.

Machen wir es kurz, nach dem 2:0 brachen alle Dämme, Funkel raus tönte es durchs Stadion, Caio kam später tatsächlich (für den angeschlagenen Spycher), konnte das Spiel aber ebensowenig herumreißen wie Amanatidis, der nach siebenmonatiger Verletzungspause weitestgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit in der 79. Minute für Fenin eingewechselt wurde. Sicher, es gab vorher einige Amanatidis-Sprechchöre, aber der Unwille über den Trainer übertönte alles. Während die Bochumer Nie mehr Zweite Liga skandierten fielen unsere enthemmt ein: Nie mehr Friedhelm Funkel, nie mehr, nie mehr. Das war kein Galgenhumor, das war das Tönen von Geistern, deren Lust an der Demontage alles überstrahlte. Sicher, man kann seinem Unmut über die desaströse Leistung Luft machen, Verzweiflung in unflätige Worte verwandeln - allein ich hatte den Eindruck, dass von vielen [edit: einigen] die Lust an der Destruktion nicht einem Leidensdruck geschuldet wurde, sondern von einer blöden, glotzenden Massenhysterie herkam, die auch zehn nackte Frisösen gebiert. Mein Gott, was musste ich in Fressen gucken: Besoffenes unteres Mittelmaß mit Hang zur völligen Selbstaufgabe; Gestern Ballermann - heute Funkel raus. Eklig. Wenn einer von denen attraktiven Fußball fordern sollte, ginge das nur mit Fettabsaugen oder Hirnimplantation. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass es vor dem Spiel außerhalb des Stadions zu Sprechchören: Funkel du Zigeuner kam?

Ich weiß, ich tue einer ganzen Menge Menschen unrecht, die das Maß für voll halten, die völlig zu Recht ihrem Unmut Luft verschaffen - aber was da bei uns teilweise in der Kurve steht, das ist in seiner Gesamtheit unerträglich geworden; genauso unerträglich wie das Gekicke unten und eine Stellungnahme des Trainers, der noch nach dem Spiel von sich gab: Es sei alles okay.

Im End hatten beide Teams die Klasse gehalten, die Bochumer feierten und unsere Kurve forderte von den Spielern Komm, Komm und als sie kamen hagelte es Häme. Pröll zeriss sich vor Wut über den katastrophalen Auftritt seiner Kollegen sein Trikot - der Rest war Schweigen. Bis sich unser Kapitän gegenüber der Presse äußerte:

"Das ist alles zu wenig, alles zu schwach. Es ist völlig in Ordnung, dass die Fans sauer sind", sagte der Stürmer: "Ob wir Spieler oder das Trainerteam - jeder muss sich mal hinterfragen, wo er mit der Eintracht hin will." Der stolze Grieche betonte, er finde es "erbärmlich", dass 33 Punkte der Eintracht schon zum Klassenerhalt verhalfen.


Wir warteten vor dem Eingang noch auf Christian, der mit uns nach Hause fahren sollte, Pia war arg sauer ob des Erlebten und es dauerte ein Weilchen, bis sie wieder lächeln konnte. Noch bevor Christian vorbeikam schwatzten wir mit Regina und der Filzlaus, die sich dann auf ein Bänkchen in die Sonne hockten. An der Castroper Straße trafen wir auf unseren EFC Kumpel Johannes, der wohl vergeblich versuchte, in seiner Bochumer Stammkneipe seinen Frust zu ertränken und wir verkrümelten uns ein paar Meter dahinter ins Café Treibsand auf ein Chili con Carne. Draußen sauste Blaulicht die Straße hinunter, drinnen blubberte ein softer Techno-Sound und wir ärgerten uns über hirnlose Masse genau so wie über den Eintracht-Fußball und den Böller. Lust auf den Saisonabschluss? Ich werde da sein, aber Lust ist etwas anderes. Etwas ganz anderes.

Später marschierten wir zum Golf, linker Hand der Knast, rechter Hand der Papageienpark und so wir rollten am Starlight-Express vorbei auf den Ruhrschnellweg und die A45. Bei chilliger Musik überholten wir etliche Eintracht-Busse, freuten uns ob der relativen Stille und diskutierten den Tag und den kommenden Trainer. So recht wollte uns niemand einfallen - außer Jürgen Klopp. Aber der wird wohl eher Real Madrid trainieren, als sich vom derzeitigen Gebilde Eintracht Frankfurt verbrennen zu lassen.

SGE - wir sind da
Jedes Spiel - ist doch klar
Erste Liga - tut schon weh.
Scheißegal - Oh SGE.





Donnerstag, 14. Mai 2009

Schockstarre

-
Es beginnt mit dem Ende. Pia und ich sitzen fassungslos auf dem Sofa und Pia meint zu mir: Schreib doch mal was über Fenin. Recht hat sie.

Martin Fenin, unsere Nummer 17 ist ein junger Mann aus Tschechien, der für annähernd vier Millionen Euro im Winter 2008 zur Eintracht kam und einige Schlagzeilen lieferte, von denen viele das Papier nicht wert waren, auf welches sie gedruckt wurden. Fenin und der Grillunfall, Fenin und der Autounfall, Fenin und die Schwalben und zuletzt das unsägliche Fenin und die Frauen.
Weitgehend unerwähnt bleibt, dass Martin Fenin nicht nur unser bester Scorer ist, sondern auch nach jedem Spiel in die Kurve kommt. Und meist sein Trikot in die Kurve wirft. Und sich auch nach dem 0:5 gegen Werder Bremen nicht gedrückt hat. Drei Spieler marschierten nach dem Spiel zu uns: Fenin, Spycher und Mahdavikia, Fenins Trikot landete erneut bei den Fans. [edit: das Trikot landete in Hannover bei den Fans, diesmal nicht - ändert aber nichts]

Danke.

Vielleicht liegt es daran, dass in Tschechien die Verbundenheit der Spieler mit den Fans größer ist als hierzulande; vielleicht ist Fenin aber auch ein Typ, der den Arsch in der Hose hat und sich im Moment der großen Blamage nicht davor drückt, zu denen zu gehen, die den Spielern ein Leben ermöglichen, das sie selbst nie haben werden. Und obgleich dies selbstverständlch scheint, gibt es nur wenige, die sich stets daran erinnern. Martin Fenin gehört dazu. Und deshalb mag ich ihn.

Rückblende:

Mittwoch-Abend, 18:00 Uhr. Ein silberner Golf verlässt den Hinterhof in Oberrad und rollt an der Gerbermühle vorbei auf die Autobahn Richtung Offenbacher Kreuz, Abfahrt A3: Richtung Sportverbände. Wir fahren am Waldparkplatz vorbei, ein altes rotes Feuerwehrauto parkt am Rande, Fans trinken Bier, sind guten Mutes und wir biegen nach kurzer Kontrolle in die Otto-Fleck-Schneise ein. 18:12 Uhr. Da Pia nach dem Grillunfall noch immer starke Schmerzen am Bein hat, konnten wir einen Parkschein für das DFB-Parkhaus organisieren: Wenige Meter davor kommt es zu einem Stau. Gerd, der mit seinem Sohn vorbeikommt erklärt uns, dass das Parkhaus voll ist und nur bei Verlassen eines Fahrzeuges ein anderes Einfahren darf. Nach dreißig Minuten ist es endlich soweit, der Golf parkt und wir wandern noch einmal am Gleisdreieck vorbei, Alex und Sabrina hatten heute nachmittag geheiratet und waren doch beim Fußball; die Autos von Richi und Arndt parkten einträchtlich nebeneinander, Menschen, Gespräche, Apfelwein. Arndt meinte irgendwann zu mir: Ich habe es noch nie erlebt, dass mich so wenige Menschen vor einem Spiel der Eintracht gefragt haben, wie das Spiel ausgeht. Ich antwortete: Ist doch klar, wir verlieren - wie wir stets gegen vermeintlich Große nicht gewonnen haben und gegen vermeintlich Kleine nicht verloren - so war es ein ganzes Jahr - weshalb sollte es heute anders sein?

Wir treffen Kid, er ist guter Dinge, sein Captain ist wieder zurück und er plant, ihn frenetisch bei dessen Einwechslung zu feiern, nur deshalb sei er hier; ich kann ihn verstehen, bin allerdings zurückhaltender: Was haben wir Jones gefeiert nach dessen Verletzungen damals beim Pokalspiel gegen Köln. Wie hat er uns das gedankt? Damals: ein ganzes Stadion steht auf, Ovationen. Wenige Tage zuvor waren wir in Berlin, auswärts bei Hertha, wenige Tage davor in Istanbul - Schlag auf Schlag, rauschhafte Tage, Erinnerungen, Emotionen, Eintracht.

Nichts als die Wahrheit.

Sicher, Amanatidis ist nicht Jones; Amanatidis ist unser Captain, er hat sich mit dem Drecksblatt BILD angelegt, hat einen Treffer angekündigt gegen den KSC, hat den Ball selbst reingewürgt, weil er dies wollte und hat seinen Vertrag ohne wenn und aber verlängert. Dennoch: Niemals werde ich bspw. ein Trikot mit dem Namen eines aktuellen Spielers beflocken lassen und niemals werde ich die Emotionen während des Köln-Spiels vergessen und die jetzigen Gedanken daran mit dem Wissen um die Entwicklung des damals gefeierten Spielers.

Kid sagte: Heute wird Amanatidis gefeiert. Wenn es irgendwann eine andere Situation gibt, dann ist dies irgendwann. Heute ist heute.

Wir laufen über den Parkplatz zum Eingang an der Wintersporthalle; Menschentrauben kleben davor, Schritt für Schritt geht es weiter, mein Kreislauf sackt ab, ich gehe zurück, es wird gleich besser werden, kniee am Zaun, betrachtete die Menschen, das Wir, diejenigen die sich vielleicht im Internet einen Namen haben und die Dinge von sich geben, die mich kopfschütteln lassen.

Als die Masse kleiner wird, gehe ich hinein, der Ordner lässt mich gehen und ich schiebe meine Karte in das elektronischer Lesegerät, das Lämpchen leuchtet grün - wie die Hoffnung. Ich habe heute keine Hoffnung auf einen Sieg - aber ich bin unaufgeregt. Andere Teams werden Punkte liegen lassen, wir werden nicht absteigen. Ich fühle mich wie ein Schüler zehn Tage vor den Sommerferien, die Zeit bis dahin wird auch vergehen, wie noch alle Zeit vergangen ist.

Sommerpause. Heilige Sommerpause.

Ich haste die Treppen zum Block 41G hinauf, dort wo wir immer sitzen, erkenne meinen Daddy und Pia, winke, unten gehts grade los, drücke mich an den Menschen in der Reihe vorbei auf meinen Platz. Hannover hatte mich geflasht, auf gehts Eintracht schieß ein Tor ich supporte nach Wochen wieder einmal zu Hause. So gut wie alleine bei uns oben, Pia ist dabei.

Die Eintracht nimmt das Spiel an, erarbeitet sich Chancen, auch Werder spielt gepflegt, Halbzeit: 0:0 - ordentlich bislang, die Stimmung ist adäquat, wenig Gemotze, viel Support.
In der Halbzeit treffen wir Stefan und Ursula, auch Wolfgang - und alle sind sich einig: Die Eintracht hält gut mit, da geht noch was, mit einem bisschen Glück ist sogar ein Sieg drin.


Beide Teams gehen unverändert in Halbzeit zwei - und dann passiert es: Zunächst vergibt Liberopoulos eine Chance, dann wird Özil von Ochs im Sechzehner gelegt, zumindest sah es aus meiner Sicht so aus. Elfmeter. Und dann leuchtet der rote Karton in die Frankfurter Nacht. Platzverweis. Es dauert einen Moment, bis wir realisieren, dass es Ochs erwischt hat. Er trottet in die Kabine, alleine. Noch gestern kam es in der Partie zwischen Dortmund und Wolfsburg zum Platzverweis für Boateng. In Kung-Fu-Manier trat er einen Wolfsburger blutig, unabsichtlich zwar, aber ungeschickt und zu Recht mit Rot bestraft. Beim Abgang nahm ihn Trainer Klopp in den Arm, tröstete ihn. Ochs ging alleine.

Was dann folgte, ist mit Worten nicht mehr zu erklären; Eintracht Frankfurt stellte das Spielen ein und nur Torhüter Markus Pröll verhinderte Schlimmeres.

51. Minute 0:1 Frings

56. Minute 0:2 Frings

60. Minute 0:3 Tsiolis

63. Minute 0:4 Pizarro

77. Minute 0:5 Almeida

Eine knappe viertel Stunde hatte ausgereicht, um Eintracht Frankfurt in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Am Nachmittag noch bin ich im Netz auf ein anderes Spiel gestoßen, 1982 spielte Dortmund gegen Bielefeld. Zur Halbzeit stand es 1:1, Bielefeld hatte mit 1:0 geführt. In der zweiten Hälfte schossen die Dortmunder dann zehn (10) Tore, Endstand: 11:1 für Dortmund.

Ich hatte Angst.

Von den Rängen erscholl nach dem 0:2 das kollektive Funkel raus - obgleich der Trainer am heutigen Spiel zunächst keine Fehler gemacht hatte; bis zum Elfmeter sahen wir eine gute Eintracht. Sicher, er hätte Sebastian Jung direkt nach dem Platzverweis bringen können - er kam dann beim Stand von 0:4 in der 74. Minute - aber auch der Gedanke mit einer Dreierkette sich noch die Chance auf den Ausgleich zu wahren ist nicht verkehrt. Zumal Bremen ohne Diego, Mertesacker und Naldo spielte. Im Nachhinein sind wir alle schlauer.

Die Eintracht Fans verließen in Scharen das Stadion, andere hatten die Schnauze voll, immer wieder: Funkel raus. Aber es war nicht dröhnend; in die Wut mengte sich eine große Portion Hilflosigkeit, in die Hilflosigkeit die Starre. Schockstarre.

[edit: Kurz vor Schluss durchzuckt mich ein Gedanke: Jetzt müsste man Steht auf, wenn ihr Adler seid anstimmen, ich stimme es zaghaft an, allein, es fehlt die Power, Pia und ich, wir sind zuwenige. Doch nur wenig später, die Uhr steht bei 89 Minuten ertönt es von irgendwo: Steht auf, enn ihr Adler seid - und wir stehen auf; was bleibt auch sonst zu tun.]

Abpfiff. Fenin, Spycher und Mahdavikia marschierten in die Kurve, Funkel verschwand schnurstracks in die Kabine, kein Wort des Trostes für sein Team, kein: da müssen wir gemeinsam durch. Jeder für sich und Gott gegen alle.

Daddy, Pia und ich warteten noch die anderen Ergebnisse ab, Bielefeld und Bochum hatten wie Cottbus gegen Gladbach ebenfalls verloren, der Klassenerhalt sollte geschafft sein, zumal ich keine Angst vor dem Auswärtsspiel in Bochum habe. Wir werden dort punkten, wir werden in der Liga bleiben. Aber darum geht es nicht.

Vor der Haupttribüne an der Ausfahrt des Busses bildete sich ein Grüppchen derer, die die Schnauze voll hatten, Funkel raus und so. ZoLo, unser Fanbetreuer stand daneben und beobachtete die Situation, was kann Funkel heute dafür? Die Mannschaft hat versagt. Außer Pröll. Und Fenin.

Aber die Situation ist verfahren, es gibt kein Entrinnen. Die einen wollen die Argumente für den Trainer nicht sehen und der Trainer nicht die Argumente gegen ihn. Fußball ist in vielen Aspekten irrational - und Eintracht Frankfurt hat für meinen Geschmack keine andere Wahl: Wir müssen mit einem neuen Trainer in die nächste Saison gehen, wollen wir uns halbwegs berappeln. Dies hat nichts mit dem Einknicken vor dem Mob mehr zu tun; die Leute die seit geraumer Zeit wenig anderes tun, als den Trainer zu diskreditieren haben dann zwar ihr Ziel erreicht, aber sie haben nichts gewonnen. Sie haben das zermürbt, was ihnen eigentlich am Herzen liegen sollte, nämlich Eintracht Frankfurt. Und dem Trainer wird man vorwerfen müssen, dass es ihm nicht gelungen ist, sich adäquat mit den vorhandenen Strömungen auseinanderzusetzen. Indem man berechtigte Kritik einfach ignoriert, diese abbügelt, dokumentiert man das Desinteresse an der Haltung vieler Fans - und wiegelt andere gegen sich auf. Aus stoischer Gelassenheit wurde Starre. Schockstarre. Und die Mannschaft gibt das Ihrige dazu.

Eintracht Frankfurt kann so nicht in die neue Saison gehen, es wäre auf Dauer selbstzerstörerisch und würde noch weit mehr beschädigen, als eh schon kaputt ist. Verloren haben alle. Und an dem Desaster mitgearbeitet auch. Und wer nach einem optionalen Trainerwechsel triumphiert, der hat nichts verstanden.

Wir schlichen ans Gleisdreieck, die Currywurst schmeckte nicht und das Bier war alle. Mit Kid, den wir trafen, hockten wir uns auf die Treppenstufen, unterhielten uns, es gab wenig Schönes zu berichten. Martin kam vorbei, er, der sonst vorne steht, der uns mitreisst durch seinen Support schimpfte verzweifelt, bemängelte fehlende Visionen. Vielleicht meinte er einfach nur: fehlende Euphorie. Lust oder Freude, bei der Eintracht zu sein. Die fehlt, die Freude am Spiel, der Spaß an der Arbeit. Der nicht nur an Karneval an den Tag gelegt werden sollte.

Wir fuhren heim, den Kopf voller Gedanken Voller Nichtbegreifen. Eintracht Frankfurt- Werder Bremen 0:5. Wie im Hinspiel.


Pia und ich sitzen fassungslos auf dem Sofa und Pia meint zu mir: Schreib doch mal was über Fenin. Recht hat sie. Und Amanatidis hat dann doch nicht gespielt, es war auch besser so. Er wird kommen - und wir werden ihn brauchen. Und dann wird auch Kid wieder da sein und sagen: Captain, mein Captain.


Hinweis: Es werden im Laufe der Tage noch einige Links folgen. Derzeit leide ich an einer: Schockstarre.

Das Bild von der Maus hat Stefan Krieger gemacht. Danke!