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Samstag, 30. Mai 2009

Helden leben lange. Legenden sterben nie.

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Was für eine Saison 1998/1999. Nach dem umjubelten Aufstieg startete die Eintracht nach zweijähriger Abwesenheit in eine neue Bundesliga-Saison. Lange mussten die Anhänger auf den ersten Sieg warten, erst am 6.Spieltag konnte der 1.FC Nürnberg mit 3:2 niedergerungen werden. Trotz einem 1:0 gegen die Bayern und einem 1:0 in Hamburg musste Trainer Ehrmantraut nach einem 1:2 gegen Schalke seinen Platz räumen; der im Oktober verpflichtete Sportdirektor Gernot Rohr installierte mit Reinhold Fanz einen Coach, der zwar dem Anforderungsprofil (jung, dynamisch, Bundesligakenner) überhaupt nicht entsprach - dafür aber in der Zusammenarbeit keine Probleme machte. Rohr und Fanz kannten sich schon lange.

Das erste Ligaspiel unter Trainer Fanz ging mit 1:4 nach 0:4 Pausenrückstand bei 1860 völlig in die Hose, es folgten deprimierende Spiele gegen Gladbach (0:0), den VfB (1:2) oder Leverkusen (1:2). Gegen Leverkusen trat die Eintracht ohne Stürmer an. Am 27. Spieltag unterlag die Eintracht in München mit 1:3 und Präsident Rolf Heller zog die Reißleine. Reinhold Fanz wurde durch Jörg Berger ersetzt - und sollte das Wunder möglich machen: Den Klassenerhalt. Auch Gernot Rohr durfte seine Koffer packen. Viel zu spät wurde gemutmaßt.

Im ersten Spiel unter Berger schaffte die Eintracht in letzter Sekunde den Ausgleich gegen Rostock (2:2 durch Westerthaler) und im zweiten Spiel gab es ein 0:2 beim Mitkonkurrenten SC Freiburg. Als Hoogma ebenfalls in letzter Sekunde den Ausgleich für den HSV erzielte (die Eintracht hatte 2:0 geführt) schien das Unternehmen Klassenerhalt gescheitert: Bei vier noch ausstehenden Spielen betrug der Rückstand auf das rettende Ufer sechs Punkte.

Es folgte ein 2:1 Auswärtssieg beim ebenfalls gefährdeten SV Werder Bremen, das letzte Spiel von Trainer Magath in Bremen. Dessen Nachfolger wurde Thomas Schaaf.

Die Freude über den folgenden 2:0 Sieg gegen Dortmund währte nur kurz. Als die Ergebnisse der Mitkonkurrenten bekannt gegeben wurden, herrschte Entsetzen. So hatte der bereits feststehende Deutsche Meister Bayern München sang und klanglos gegen den Club mit 0:2 verloren; der Sieg gegen den BVB schien wertlos.

Im vorletzten Spiel auf Schalke lag die Eintracht mit 0:2 hinten - und konnte dennoch die Partie durch Treffer von Fjörtoft, Sobotzik und Janßen mit 3:2 gewinnen. Da die Konkurrenten diesmal für die Eintracht spielten, sollte es am letzten Spieltag der Saison zu einem Krimi kommen.

12. 1. FC Nürnberg - Torverhältnis -9 - Punkte 37
13. VfB Stuttgart - Torverhältnis -8 - Punkte 36
14. SC Freiburg - Torverhältnis -9 - Punkte 36
15. Hansa Rostock - Torverhältnis -10 - Punkte 35
16. Eintracht Frankfurt - Torverhältnis -14 - Punkte 34
17. VfL Bochum - Torverhältnis -24 - Punkte 29
18. Borussia M'gladbach - Torverhältnis -36 - Punkte 21


Bochum und Gladbach waren abgestiegen. Folgende Paarungen sollten also entscheidend werden:

VfB Stuttgart - Werder Bremen
1.FC Nürnberg - SC Freiburg
VfL Bochum - Hansa Rostock
Eintracht Frankfurt - 1.FC Kaiserslautern

In Bochum hieß der Trainer Klaus Toppmöller, ebenso wie Torhüter Ernst ein alter Bekannter in Frankfurt; in Nürnberg war sich Trainer Rausch sicher, dass nichts mehr passieren könne, eine große Feier war geplant, der Dauerkartenverkauf für eine weitere Bundesligasaison hatte begonnen.

Mein Kumpel Andi, mit dem ich (nicht nur) damals im Waldstadion war, hat einen wunderbaren Bericht über den legendären 29.Mai 1999 geschrieben - von daher spare ich mir eine Schilderung des Tages; nur soviel sei gesagt: der 1.FC Nürnberg musste umdisponieren, die Eintracht aber besiegte Kaiserslautern durch Treffer von Chen Yang, Thomas Sobotzik, Marco Gebhardt, Bernd Schneider und Jan Aage Fjörtoft bei einem Gegentor durch Michael Schjönberg mit 5:1 - und blieb der Liga erhalten.


Zehn Jahre nach dem sensationellen Klassenerhalt kam es im Stadion auf Einladung der Fan- und Förder-Abteilung und des Eintracht Frankfurt Museums zu einem Wiedersehen mit vielen Beteiligten von damals - Tradition zum Anfassen, so lautete das Motto schon vieler Veranstaltungen - und auch am 28-05-2009 wurde dieses Moto Wirklichkeit.

Knapp 700 Fans hatten die Gelegenheit genutzt und tummelten sich nun im Businessbereich des neuen Waldstadions. Die Firma Aramark bot dankenswerterweise Getränke und Würstchen zu fanfreundlichen Preisen an, eine kleine Musikanlage war aufgebaut, die Mikros getestet - und der Videowürfel ein wenig abgesenkt: Auf ihm nämlich sollte das Spiel in voller Länge übertragen werden. Frank Wagner hatte dazu den Radiokommentar der zweiten Halbzeit über das Spiel gelegt, so dass die Spannung durch die vielen Tore auf den anderen Plätzen noch einmal vermittelt werden konnte.

Ich selbst hatte die große Ehre, als Moderator durch den Abend zu führen - von daher bitte ich um Verständnis, dass ich nicht alle Details behalten konnte, zu groß war die Konzentration auf den Abend - und es ist in etwa so, wenn du selbst ein Fest feierst - Am Ende sind alle glücklich, du selbst aber weißt gar nicht so genau, was eigentlich geschehen ist, da du permanent beschäftigt bist.

Petra Bärmann und Matthias Thoma hatten wochenlang die Veranstaltung vorbereitet, es gab Treffen mit dem Stadionbetreiber, der Technik und vielen anderen, die uns insgesamt sehr bei der Arbeit unterstützt haben. Flyer mussten gedruckt werden, der Ablauf geplant und natürlich die Spieler und Verantwortlichen von damals eingeladen werden - und am Mittag des Veranstaltungstages blieb nur noch das Bangen, ob alles klappt.

Leider erreichte uns noch die Absage von Marco Gebhardt und auch Thomas Epp litt unter starken Zahnschmerzen und konnte nicht dabei sein. Aber um 18:00 hieß es dann: Wir öffnen. Und dann strömten die Fans (unter ihnen mein Daddy) in den Bereich, den die meisten nur vom sehen kennen - strömten auf die Terrasse und die schwarz-ledernen Business-Sitze. Merchandising-Stände waren aufgebaut, nagelneu im Sortiment waren T-Shirts mit der Aufschrift Ü|ber|stei|ger - 29-05-1999, und bald herrschte ein emsiger Trubel.

Die Museumsmitarbeiter Frauke, Pia, Billy und Steffen umsorgten unsere Gäste, viele Helfer der FuFA sorgten für einen reibungslosen Ablauf - und so marschierten die anwesenden Spieler und Verantwortlichen über einen geheimen Gang in die Mixed-Zone - sie wussten ja nicht, was sie erwartete. Ich stand bei ihnen und wartete auf meinen Einsatz.

Matze Thoma legte einen Ball auf den Anstoßpunkt und alsbald begrüßte er zusammen mit Abteilungsleiter Stefan Minden die Zuschauer, verwiesen auf das Tippspiel, und erinnerten an den 100. Geburtstag der Eintracht am 8.März 1999 - und als mein Name fiel, musste ich raus.

Da stand ich nun unten vor euch, das Mikro in der Hand und auf mich alleine gestellt. Ich erinnerte kurz an Einzelheiten des Jahres (Nummer 1 in den Charts, Lou Bega - Mambo #5, Vogel des Jahres: die Goldammer und warf einen Rückblick auf das Champions-League-Finale vor drei Tagen (26.05.1999), das Bayern München lange Zeit dominierte, Sekunden vor Schluss mit 1:0 führte, um dann doch noch gegen Manchester United mit 1:2 zu verlieren) ich verkündete die Lottozahlen des Abends vor zehn Jahren und zählte zunächst diejenigen auf, die heute Abend nicht dabei sein konnten: Oka Nikolov, Bernd Schneider, Olaf Janßen, Alexander Kutschera, Chen Yang, Trainer Berger, Co-Trainer Lippert sowie die bereits erwähnten Thomas Epp und Marco Gebhardt.

Und dann folgte unter frenetischem Beifall der Einmarsch der Helden von damals:

mit der Nummer sechs: Thomas Zampach
mit der Nummer acht, unser Kapitän: Ralf Weber
mit der Nummer neun: Jan Aage Fjörtoft
mit der Nummer zehn: Thomas Sobotzik
mit der Nummer zwanzig: Uwe "Zico" Bindewald
mit der Nummer vierundzwanzig: Alexander Schur
mit der Nummer dreißig: Christoph Westerthaler
mit der Nummer zweiunddreißig: Ansgar Brinkmann

unsere Physios: Gunther Ronconi und Lutz Meinl
unser Arzt: Dr. Günter Goll
unser Stadionsprecher: André Rothe
unser Leiter der Lizenzspielerabteilung: Rainer Falkenhain
unser Ehrenmitglied und die gute Seele: Kurt Schmidt
unser Präsident: Rolf Heller.


Nacheinander marschierten die Helden aus dem Tunnel vor die Tribüne und sie alle freuten sich, dass ihr so zahlreich erschienen ward. High Five, Arme hoch, Freude.
Wir wanderten auf unsere Plätze, Blitzlichtgewitter zeugte von großem Interesse - und schon startete auf dem Videowürfel die Partie.

Alex Schur drosch den Ball nach einer Minute weit über das Tor - und fortan nutzte ich die Gelegenheit und sprach mit den Jungs über die vergangene Zeit; über die Sperre von Ralf Weber, der nach dem Hinspiel in Lautern schimpfte, dass es typisch DFB, typisch Betzenberg sei, solch einen Blindfisch als Schiri zu schicken. (Die Eintracht hatte das Spiel in der Nachspielzeit mit 1:2 verloren) Ralf bekannte sich zu dem Spruch, obgleich er zunächst meinte, dass er es nicht gewesen sein könne; so etwas Harmloses sage er nicht. Auch Alexander Schur hatte seinen Auftritt: als die Bayern gegen Nürnberg unterlagen; alles Mafia schimpfte er damals - und möglicherweise hatte er recht. Thomas Sobotzik war der Mann für die entscheidenden Tore, das 1:0 gegen die Bayern und auch das 1:0 gegen den HSV hatte er seinerzeit erzielt, während Uwe Bindewald sich immer noch wundert, dass er sich so großer Beliebtheit erfreut: Bei seinem Auftritt schallten Uwe Bindewald-Sprechchöre durchs weite Rund. Uwe muss man immer ein bisschen nach vorne schieben - er selbst bleibt eigentlich lieber im Hintergrund - aber da musste er durch. André Rothe gab zu, dass es ihm noch zwei Tage nach dem Spiel speiübel gewesen sei - und er vor allem mit der finalen Durchsage damals gewartet hatte, bis der Videotext die definitiven Endergebnisse weiß einblendete - während Rolf Heller zugab, dass die Entlassung von Horst Ehrmantraut im Nachhinein ein Fehler gewesen sei.

Stefan Minden, heute Abteilungsleiter der damals noch nicht existenten FuFA, erzählte die Anekdote, dass die Rundschau seinerzeit geschrieben hatte, dass die Eintracht den Klassenerhalt nicht mehr aus eigener Kraft hätte schaffen können. Stefan wusste es besser: Bei einem 5:0 der Eintracht gegen den FCK wäre die Eintracht definitiv gerettet. Er schickte ein Fax an die Redaktion und verlangte eine Gegendarstellung: Man stelle sich vor, Fjörtoft trifft zum 3:0 und die Eintracht spielt auf Ergebnishalten - weil niemand ob des Sachverhaltes weiß. Die FR druckte die Gegendarstellung ab - aber wer glaubte schon daran, dass die Eintracht gegen den Championsleague-Aspiranten Lautern fünf Tore machen würde.

Roberto Cappelutti, der seinerzeit das Spiel in einer Kneipe verfolgt hatte, sollte in der kommenden Woche in seiner damals ganz frischen HR-Sendung Late-Lounge an jedem Tag die Bilder des Spiels zeigen - leichter fiel die Wahl der Themen für die Late-Lounge nie wieder. Und Kurt Schmidt erzählte, dass sich Lauterns Trainer Rehagel zunächst geweigert hatte, an der Pressekonferenz teilzunehmen. Kurti sprach mit Rehhagels Frau Beate - Sekunden später stapfte Rehhagel doch noch zu dem Pflichttermin. Noch vor Spielbeginn kochte Ansgar Brinkmann, der auf die Ersatzbank musste; für einen wie ihn sicherlich kein Vergnügen.

Ruckzuck ging die erste Halbzeit vorbei - und nun folgte ein Drama, wie es der Fußball nur selten zu bieten hat - und an dessen Ende die Eintracht das glückliche Ende für sich hatte. Der Hammer von Chen Yang, das unglückliche Handspiel von Alex Schur, welches den Elfmeter für den 1.FCK und den Ausgleich zur Folge hatte, der Kopfball von Thomas "Hrubesch" Sobotzik, der geniale Hackentrick von Marco Gebhardt, der kluge Treffer von Bernd Schneider und dann: unvergessen die Worte des Reporters Günther Koch: Hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund, während Dirk Schmitt, der damals nicht nur für den HR moderierte, sondern gleichfalls den Ex-Tainer der Eintracht, Reinhold Fanz rechtsanwaltlich beraten hatte, legendär wurde:

... Wo die Frankfurter Eintracht natürlich nach wie vor Druck macht, sie weiß, ein Tor könnte wieder den 1. FC Nürnberg in den Abgrund stoßen, überhaupt keine Frage. Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position, nur Sforza hat er noch vor sich dann ist es Fjörtoft, der ist im Strafraum, und er trifft, Tooor, Tooooor für die Frankfurter Eintracht - fünfzueins - Herrje, welche Leistung ...

Großer Jubel brandete auf, selbst die Spieler von damals starrten gebannt auf den Videowürfel, viele von ihnen sahen die Szenen zum ersten Mal und sie waren hin und weg. Alsbald marschierten wir auf den Rasen, der Ball lag noch immer im Mittelkreis und Stefan Minden verlas eine Mail von Bernd Schneider, dass Fjörtoft bitteschön den Übersteiger nicht wiederholen möge, er könne sich nun dabei verletzen.

Zampach flitzte ins Tor und gab den Reinke, während Westerthaler mit dem Ball ein paar Schritte lief - und zu Fjörtoft passte, der erneut den Ball am herauslaufenden Zampach per Übersteiger im Netz unterbrachte - sensationell und große Freude auf den Rängen dazu. Jan Aage schnappte sich das Mikro, erinnerte an den Walzer, den mit der Oberbürgermeisterin Petra Roth auf der Tribüne hingelegt hatte und erinnerte ebenfalls daran, dass der Verein auch stets der Verein der Fans sei - eine Weisheit, die nicht immer zu allen durchdringt.

Nun wurden die Verlosung der Gewinne über die Bühne gebracht, eine Sonnenbrille in Erinnerung an Thomas Epp, der die seinige damals vor Erregung (die Eintracht brauchte noch einen Treffer) auf den Rasen pfefferte, ein Spielankündigungsplakat sowie der Ball, der vor wenigen Minuten erneut im Netz gezappelt hatte, wechselten die Besitzer. Ein Junge hatte den Ball gewonnen, den er aus der Hand von Fjörtoft entgegennahm - eine Kopfball-Stafette inclusive. Unter großem Jubel entledigte sich Fußballgott Zampach in Erinnerung an den Aufstieg im Jahr zuvor seiner Oberbekleidung, weiter wollte er nicht gehen - immerhin waren ja auch Kinder anwesend.


Weiter ging es auf der Terrasse auf einer kleinen Bühne, nacheinander bat ich Zweier- oder Dreiergruppen zu mir, wir unterhielten uns kurz über den Tag und die zurückliegenden Jahre, fröhlich und ausgelassen schnappten sich Alex Schur und Thomas Zampach das Mikro, zogen sich gegenseitig auf und foppten auch Westerthaler ob dessen österreichischen Dialektes, während Ansgar Brinkmann, nahezu staatsmännisch agierte; keinerlei Einzelheiten drangen aus seinem Munde über die Feierlichkeiten in der folgenden Woche in Ibiza, wohin das Team nach Saisonabschluss geflogen war: auch Ralf Weber gab sich bedeckt.

Fjörtoft erinnerte an ein Spiel unter Fanz, als die Eintracht gegen den VfL Bochum mit 1:0 den einzigen Sieg einfuhr. Als sich Chen Yang nach neun Minuten verletzte, bereitete sich Fjörtoft auf seine Einwechslung vor - Trainer Fanz guckte ganz erstaunt - und brachte den völlig überforderten Amateur Stefan Zinnow ins Spiel. Erst nach 58 Minuten wurde dieser erlöst - und Fjörtoft erzielte prompt den Siegtreffer. Die Taktik gegen Leverkusen zuvor bezeichnete er als: 4 - 6 - 0.
Auf Ehrmantrauts Frage, was für ein Stürmertyp Fjörtoft (der von Rohr verpflichtet wurde) sei antwortete dieser: Ein Weltklassestürmer.

In der Stunde des größten Erfolges werden die größten Fehler gemacht hatte Jörg Berger gesagt - ob er wohl meinte, dass das Team seinerzeit in Oxxenbach gefeiert hatte?

So endete der Abend mit der Jagd der Fans nach Autogrammen und Fotos und unsere Helden blieben noch eine ganze Weile, umringt von euch: denn immerhin war das Motto der Veranstaltung ja: Tradition zum Anfassen. Ich denke, dies ist uns gelungen.

Helden leben lange. Legenden sterben nie.



Tolle Fotos und Kommentare zum Abend könnt ihr hier nachsehen.

Ebenso hier.

Ich bedanke mich bei allen, die diesen Abend möglich gemacht haben und bei euch, die ihr anwesend gewesen seid und viele Informationen, Bilder und kleine Videos des Abends für die Nachwelt erhalten habt.


Das Foto der Jungs stammt von Stefan Krieger. Die anderen beiden incl. Maus von Pia. Danke.


Die Abschlusstabelle

1. (1.) FC Bayern München 34 24 6 4 76:28 +48 78
2. (2.) Bayer Leverkusen 34 17 12 5 61:30 +31 63
3. (3.) Hertha BSC Berlin 34 18 8 8 59:32 +27 62
4. (6.) Borussia Dortmund 34 16 9 9 48:34 +14 57
5. (4.) 1. FC K'lautern 34 17 6 11 51:47 +4 57
6. (5.) VfL Wolfsburg 34 15 10 9 54:49 +5 55
7. (7.) Hamburger SV 34 13 11 10 47:46 +1 50
8. (8.) MSV Duisburg 34 13 10 11 48:45 +3 49
9. (9.) TSV 1860 München 34 11 8 15 49:56 -7 41
10. (11.) FC Schalke 04 34 10 11 13 41:54 -13 41
11. (13.) VfB Stuttgart 34 9 12 13 41:48 -7 39
12. (14.) SC Freiburg 34 10 9 15 36:44 -8 39
13. (10.) SV Werder Bremen 34 10 8 16 41:47 -6 38
14. (15.) Hansa Rostock 34 9 11 14 49:58 -9 38
15. (16.) Eintracht Frankfurt 34 9 10 15 44:54 -10 37
16. (12.) 1. FC Nürnberg 34 7 16 11 40:50 -10 37
17. (17.) VfL Bochum 34 7 8 19 40:65 -25 29
18. (18.) Borussia M'gladbach 34 4 9 21 41:79 -38 21

Montag, 27. April 2009

Matchdayfeeling: Endlich wieder Fußball


Es sollte ein sonniger Tag werden, der Duft von frischem Kaffee zog durch die Wohnung, die Wahl fiel auf kurze Hosen und die Erinnerung an den gestrigen Tag purzelte ins Hirn:

War die erste Halbzeit der Eintracht beim VfB noch ganz ansehnlich, so war nach dem zweiten Treffer der Stuttgarter kurz nach Wiederbeginn die Luft raus. Ich nutzte die Gelegenheit für ein kleines Nickerchen und wachte pünktlich zum Schlusspfiff auf, manchmal ist der liebe Gott gnädig und schenkt dir Träume, wenn die Gegenwart jegliche Illusion verbietet.

Halbwegs ausgeruht machte ich mich auf den Weg ins Eintracht Museum und installierte die Technik für die lange Nacht der Museen - an der sich die Eintracht wie im letzten Jahr beteiligten sollte. Peu a peu rollten die Besucher in den Shuttle Bussen an, viele nutzten die Gelegenheit und nahmen an den verkürzten Stadionführungen teil, andere kauften Buttons bei uns und warteten auf unsere Gäste.

Zunächst kam Christoph Preuß, unsere schon lange verletzte Nummer 4, mit dem ich vor den versammelten Museumsbesuchern kurz plauderte. Christoph wird in den nächsten Tagen mit dem Joggen beginnen, dies ist die gute Nachricht - aber es wird natürlich noch eine ganze Weile dauern, bis er wieder richtig Fußball spielen kann - dies ist die schlechte. Er blieb noch eine ganze Weile bei uns, unterhielt sich mit Kid Klappergass, schrieb Autogramme und ließ sich mit vielen Fans fotografieren, während die Spieler der Meistermannschaft ins Museum marschierten. Dieter Lindner, Egon Loy, Istvan Sztani, und Dieter Stinka waren erschienen, zu denen sich noch der zweimalige Torschütze im Europapokalfinale 1960, Erwin Stein gesellte, auch der fliegende Zahnarzt Dr. Peter Kunter stieß dazu; unser Keeper, der 1974 den DFB-Pokal gewonnen hatte und alle gemeinsam lauschten wir dem Polizeichor, der traditionell vor dem Museum Im Herzen von Europa anstimmte.

Es folgte Im Wald da spielt die Eintracht und die Frau Rauscher aus de Klappergass, später erschien ein gutgelaunter Alexander Schur und erzählte uns von Quälix, dem Trainer, der seinerzeit nicht gerade für Begeisterung im Team sorgte, ähnlich wie Jahre zuvor Trainer Ribbeck bei den Mannen um Dr. Peter Kunter nicht gerade geliebt war. Spät in der Nacht zogen wir Bilanz: Die Buttons mit dem Konterfei von Trainer Friedhelm Funkel waren ausverkauft.

Sonntag morgen. Sonne. Kaffee. Kurze Hosen.

Seit Wochen wurde in Bornheim für das große Spiel geworben 84 Jahre später - Die Revanche war auf dem Ankündigungsplakat zu lesen, welches in vielen Schaufenstern und Litfaßsäulen pappte. Abgebildet war die Mannschaft des FSV Frankfurt, die 1925 im Endspiel gegen den 1.FC Nürnberch im Waldstadion um die deutsche Meisterschaft spielte - und in der Verlängerung unglücklich mit 0:1 verloren hatte. André, der für die Spieltagsorgansiation verantwortlich ist, hatte es mir im Rahmen eines Regionalligaspiels unserer U23 geschenkt; mein zweites schwarz-blaues Souvenir neben dem schon in einem anderen Blogbeitrag erwähnten Feuerzeug mit der Aufschrift Wir bringen Feuer ins Spiel.

Fußball im Waldstadion, Traditionsmannschaften, Sonnentag - das erinnert an einen Begriff, an ein Gefühl, welches ältere Eintrachtler noch kennen und das ein Bekannter von mir neulich treffend mit Matchdayfeeling beschrieben hatte. Matchdayfeeling; diese Stille in den Straßen, das von einem Kribbeln durchzogen wird; dieses Es liegt was in der Luft. Gar nicht lange her, dieses Gefühl - heutzutage hört man eher: Ich bin froh, wenn Sommerpause ist. Eintracht Frankfurt im Frühling 2009.

Ich wuchtete unsere Räder aus dem Keller und stellte fest, dass Pias Radel leicht platt war. In der Hoffnung, dass die Pumpe eine Lösung wäre, pumpte ich das Rad auf und frohgemut rollten wir durch den Anlagenring an sprudelnden Brunnen vorbei, über die Kaiserstraße Richtung Moselstraße, am Moseleck vorbei in Richtung Holbeinsteg.

Pias Rad war mittlerweile völlig platt, ein erneutes Pumpen brachte uns über den Steg am Main entlang zur Uniklinik und von dort schoben wir die Räder zur Straßenbahnhaltestelle Bruchfeldstraße, ketteten sie am einem Metallbügel fest und warteten auf die Straßenbahn. Die Luft ist raus. Ich werde Buttons basteln müssen.

Obgleich der Anpfiff nicht allzufern lag, war das ankommende Bähnchen relativ leer. Neeko saß mit ein paar Kumpels im Wagen, wir rollten am Oberforsthaus vorbei, stiegen an der Endstation "Stadion" aus und wanderten zum Haupteingang; der Bratwurst Walter, der sonst die Eintrachtfans verköstigt, hatte heute frei.

Am Kassenhäuschen erwarben wir nach dreiminütigem Anstehen eine Stehplatzkarte für Block 40 - genau so bin ich über all die ganzen Jahre ins Stadion gepilgert, damals, als es noch Waldstadion hieß und nicht nach einem staatlich gesponserten Unternehmen, dass angeblich nahezu pleite ist. Aber weshalb soll es denen anders gehen als mir. Mit dem Unterschied, dass ich mir von keinem Geld den Stadionnamen nicht kaufen kann, da kann ich bei Papa Staat bitteln und betteln, wie ich will.

Am Haupteingang war es ruhig, viele Nürnberger und einige Bornheimer warteten geduldig in langer Schlange am einzig offenen Eingang; an den anderen Eingängen, wo sonst die Menschenmassen der Eintracht klebten parkten Fahrräder - und dennoch schlüpften wir zügig durch die peniblen Kontrollen hindurch und wanderten wie so oft durch das Areal des Waldstadions, an den Bäumen vorbei in Richtung Nordwestkurve. Diesmal allerdings ging es nicht nach oben in den Einunvierziger, wo mein Daddy, Pia und ich seit Jahren dem Geckicke der Eintracht zusehen; diesmal ging es hinein in das vermeintliche Herz unserer Kurve, in den Block 40, wo sonst dicht gedrängt die Ultras der Eintracht ihr Revier sehen.

Niemals zuvor haben wir so viele Gästefans bei uns im Stadion gesehen. Der komplette Unterrang der Ostkurve war geschlossen voll mit Nürbergern, sogar Teile des Oberranges im Osten (der sonst wie der gesamte Oberrang während der Heimspiele der Bornheimer geschlossen ist) war mit Clubberern belegt, ebenso die Hälfte der Gegentribüne - Aufstiegseuphorie im Frankenland, schätzungsweise 13.000 Nürnberger hatten das Stadion geentert, dagegen verlor sich ein Häuflein Bornheimer im 38er, einge saßen auf den Tribünen - insgesamt waren knapp über 16.000 Zuschauer anwesend, Saisonrekord für Bornheim.

Matchdayfeeling. Wie anders noch zu Beginn der Saison, als Pia und ich den 2:0 Pokalerfolg des FSV gegen den VfL Osnabrück vor knapp 3.500 Zuschauern erlebten. Viele davon waren Eintrachtler - und auch heute entdeckten wir etliche Adler im weiten Rund.

Pünktlich zum Anpfiff lehnten wir entspannt an einem Wellenbrecher und sahen nicht nur ehemalige Eintrachtler im Schwarz-blauen Trikot wie Lars Weißenfeldt oder den klasse haltenden Torhüter Patric Klandt, sondern auch einen hervorragend aufspielenden Youssef Mokhtari, der sich später schwer verletzen sollte.

Die Nürnberger Fans waren laut - einzig die Musik und die Ansagen über die Lautsprecher überboten die Lautstärke noch - der FSV-Block bemühte sich, dagegen zu halten (ein Vorsänger mit Megaphon hockte auf dem Zaun und gab sein bestes), Kinder sausten durch die Stehplätze und Stefan hockte am Spielfeldrand und schoss Fotos für die FR.

Der erste Nürnberger Konter brachte nach einem beherzten Sprint von Eigler das 0:1, doch nur wenig später erzielte Barletta, der Kaptän der Bornheimer, der für den verletzten Ex-Eintrachtler Markus Husterer von Beginn an spielte, nach einer Ecke den Ausgleich. 1:1. Über Lautsprecher brach ein Inferno über uns herein, Oh wie ist das schön dröhnte es aus den Boxen, dass jegliche Freude aus Angst vor Spontanertaubung erstickte.

Interessant waren die Spielstände auf den anderen Plätzen, insbesondere das Spiel Ingolstadt gegen Mainz hatte besondere Bedeutung. Während die Ingolstädter mit den Bornheimern um den Klassenerhalt konkurrieren, zählt Mainz wie der Club zu den Aufstiegsaspiranten - und so bejubelten die Frankfurter die Mainzer Tore, während Nürnberg den Ingolstädtern die Daumen drückte - eine Konstellation, die eher selten ist.

Die Halbzeitpause brachte ein Bobbycar-Rennen und ein Chillen auf den Rängen, die Sonne quetschte sich durchs Stadiondach und weiter gings mit den zweiten fünfundvierzig Minuten.

Wer gedacht hätte, dass der Club aufdrehen würde, sah sich getäuscht; Bornheim hielt dagegen und erarbeitete sich etliche gute Chancen. Mokhtaris Ausfall brachte die Einwechslung von Markus Kreuz und nur wenig später wurde der Spieler Junior Ross eingewechselt, der für mächtig Dampf auf Linksaußen sorgte. Cenci, die Frisur des Tages, scheiterte an Schäfer, dem starken Nürnberger Schlussmann, der wiederum gegen den strammen Schuß von C. Mikolajczak aus spitzen Winkel machtlos war. 81.Minute - 2:1 für den FSV.

Der Nürnberger Pinola (zweiter in der Frisurenwertung) zürnte, der Club versuchte alles, Bornheim hielt clever und leidenschaftlich dagegen, Mintal moserte und flog in der 93. Minute vom Platz und so hieß es am Ende 2:1 für den FSV Frankfurt gegen den 1.FC Nürnberg; die Revanche war gelungen.

Die Bornheimer tanzten ausgelassen und feierten mit den Fans, die überglücklich am Zaun hingen, Humba hier, Humba dort, während der (gegen Spielende immer leiser werdende Nürnberger Anhang) doch recht flott das Stadion verließ. Die Bornheimer Fans aber riefen: Auswärtssieg.

Wir hockten uns noch ein wenig auf die Treppenstufen vor der West in die Sonne, beobachteten das entspannte Treiben selbst höchst entspannt und wanderten dann durch die vom damaligen Gartenbaudirektor Max Bromme erbaute Anlage Waldstadion am Denkmal der unbekannten Läuferin vorbei in Richtung Straßenbahn, die uns zurück zu den Rädern brachte. In der Bahn trafen wir das Eintracht-Urgestein Roland Gerlach, der es sich ebenfalls nicht hatte nehmen lassen, das geschichtsträchtige Spiel zu sehen, an der Bruchfeldstraße verabschiedeten wir uns, sprangen aus der Bahn und flickten nur wenig später Pias Rad an der Tankstelle am Oberforsthaus und radelten dann an den Sandhöfer Wiesen vorbei.

Dieser unscheinbare Sportplatz nahe des Geländes der Uniklinik war 1920 Austragungsort des Endspiels um die deusche Meisterschaft. Damals sahen hier 35.000 Zuschauer ein 2:0 des 1. FC Nürnberg gegen die Spielvereinigung Fürth - die wiederum 1926 im Waldstadion durch ein 4:1 gegen die Hertha selbst deutscher Meister wurde.

Über einen Thai in Sachsenhausen, bei welchem wir vom 2:0 der Cottbusser gegen den VfL Magath erfuhren, ging es bei Sonnenschein zurück in die Hochhausschluchten, zurück ins Nordend - der Reifen hielt. Ein Blick ins Internet zeigte später, dass das Forum Unsere Eintracht geschlossen war - vielleicht das beste, was diesem Verein in diesen Tagen passieren konnte.

Selten habe ich in den letzten Jahren dermaßen entspannt ein Heimspiel gesehen, keine Lautsprecheranlage im Block, keine sinnfreie anlasslose Beschimpfungen des Gegners oder der eigenen Mannschaft, kein sich-selbstfeiern und auch kein seelenloses Rumgekicke, sowie kein Monate-vorher-Ticket-kaufen. Fußball. Einfach nur Fußball. Schön war's.

Montag, 8. September 2008

Schöngeist. Kennedy. Terracotta.

Langsam dreht sich ein Sommer in den Herbst; ein Sommer, der viele heiße Tage mit sich brachte und eben so viele Themen. War eben nicht noch eine Europameisterschaft? Eine Olympiade?

Jetzt im Wald ist’s ruhig. Ein Eichhörnchen saust durchs Unterholz und versteckt sich hinter einer Eiche, als aus dem Nichts ein Flugzeug übers Grün donnert und die Stille durchbricht; ab und an ein Spaziergänger, Jogger, Radler. Plötzlich jagen zwei Damhirsche aus dem Dickicht, bemerken uns und biegen unverrichteter Dinge wieder ins Grün. Weiter vorne verharrt ein Reh schweigend auf dem Waldweg und tappst in den Wald zurück.

Am Vierwaldstädter See mehren sich die Ausflügler, umrunden den Weiher und rasten an der Oberschweinstiege, wo vermutlich die Wagen parken. Der Weg führt weiter, über die Waldstraßenbahngleise zwischen Frankfurt und Neu Isenburg kurz auf die Isenburger Schneise und hinter der Brücke in den Wald Richtung Waldparkplatz, wo an Spieltagen Hunderte von Autos parken und Tausende Eintrachtler auf dem Weg ins Stadion sind. Heute ist’s leise, niemand parkt hier und wir überqueren eine der drei Brücken, die über die Ausfallstraße in Richtung Stadion führen.

Im Stadion selbst ist großer Verkehr, die Aufbauarbeiten für das anstehende Madonna-Konzert sind in vollem Gange, die Eingangstore werden bewacht wie die Amerikanische Botschaft, Security patroulliert entlang der Wege, Absperrbänder vor dem Museum zeigen dir den rechten Weg und ich fühle mich fremd im eigenen Stadion – ein Zustand, der sich immer häufiger breit macht.

Die ersten Besucher sind schon da, Billy kassiert den Eintritt – lumpige fünf Euro kostet es, den Geschichten des ehemaligen Frankfurter und Karlsruher Stürmers Edgar Schmitt zuzuhören, eben jener Edgar Schmitt, der am 16.05.1992 nur den Pfosten traf und nach seinem Wechsel zum KSC zum Euro-Eddy avancierte. Alsbald kommt er auch, Frau, Kind und Hund im Anhang und wir stellen fest, dass Edgar Schmitt auch heute noch eine sympathische und zurückhaltende Art an den Tag legt. Währenddessen hatte es Wolfgang Avenarius tatsächlich geschafft, mit seinem knallroten Ferrari direkt vor’s Museum zu fahren, Madonna hin, Security her.

Zur Einstimmung hören wir den legendären Zusammenschnitt aus den Radio-Reportagen Joachim Böttchers anlässlich einer Auswechslung Schmitts, die Böttcher fast in die Psychatrie bringt. ... also, das kann nicht wahr sein, das gibt's doch nicht(e), das ... das verschlägt einem ja die Sprache, ja das ist doch der gefährlichste Stürmer, der Edgar Schmitt, is doch gar keene Frage, ich kann doch nicht meinen gefährlichsten Mann rausnehmen, das kann nicht wahr sein, also wer Edgar Schmitt aus dem Spiel nimmt, hat keine Ahnung von Fußball, oder ich hab keine, das kann auch sein... ist nur ein Auszug davon. Pia hatte sich vor Jahren mal die Mühe gemacht, und den Text niedergeschrieben, mit allen Sprechpausen und Details.

Matze führte uns anschließend durch die Geschichte der Eintracht, erinnerte an das verlorene Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1932 und an ein denkwürdiges Spiel in der Endrunde 1953, als die Eintracht im überfüllten Waldstadion den 1.FC Kaiserslautern an die Wand spielte – und durch ein unglückliches Tor mit 0:1 verlor – und damit die Endrunde in den Sand gesetzt hatte.

Sicherlich durfte auch das Endspiel 1959 nicht fehlen, die Erinnerung an die Begeisterung dann im Europapokal und so landeten wir beim vergeigten „Endspiel“ 1992. Edgar erinnerte daran, dass der etatmäßige Stürmer Jörn Andersen für alle überraschend kurz vor dem Spiel von Trainer Stepanovic auf die Tribüne geschickt wurde – für ihn rückte Kruse in die Anfangsformation und Schmitt in seinem ersten Eintrachtjahr in den Kader. Die Eintracht, die es in den Tagen zuvor versäumt hatte, gegen Europapokaltrunkene Bremer zu gewinnen, spielte um ihre letzte Chance, den Titel an den Main zu holen, und wir alle wissen, wie es ausging. Schon vor der Partie kamen Zweifel auf, Yeboah tigerte nachts um drei noch durchs Zimmer, Stein und Möller hatten sich nichts mehr zu sagen und zu aller Überraschung lief am Spieltag ein Spieler mit dem Namen Frank Möller auf, der den meisten heute gar nichts mehr sagt.

Die Rostocker Führung, Kruses Ausgleich, der nichtgegebene Elfmeter, Schmitts Pfostenschuss, das letzte Rostocker Tor. Tränen, Trauer, Trauma.

Edgar stellte noch einmal klar, dass die Eintracht zu jener Zeit einen Schöngeist im Spiel zeigte, der für diese Saison einmalig war und er erklärte, dass man schon kicken hat können müssen, um in dieser Mannschaft mitspielen zu dürfen – auch ein Uwe Bindewald konnte Fußball spielen bestätigte Schmitt. Von Matze auf eventuelle Verschwörungstheorien angesprochen (Immerhin war die Original-Schale am letzten Spieltag in Leverkusen, wo MVs VfB Stuttgart als klarer Außenseiter ins Titelrennen ging, während beim Spiel des Titelanwärters Nr 1 in Rostock nur eine Kopie vorhanden war) konnte Schmitt nicht umhin, einen Vergleich mit der Ermordung Kennedys zu ziehen, auch dort seien Verschwörungstheorien zur Legende geworden – und ich füge hinzu, dass der Tag in Dallas für viele Amerikaner their own private Rostock ist. Die Welt ist voll von traurigen Tagen.

Der damalige Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz ist ein guter Freund von Edgar Schmitt und hat bis heute unter seinem fatalen Nichtpfiff zu leiden, der ihn seine internationale Karriere kostete. Schmitt beteuerte noch einmal, wie leid es Alfons Berg noch heute tut, nicht gepfiffen zu haben – aber er habe das Foul von Böger an Ralf Weber einfach nicht gesehen. Auch hätten damals die Linienrichter noch nicht so in das Spiel eingegriffen, wie heutzutage – obwohl sich Schmitt gewünscht hätte, er hätte dies zur Not mit einem Purzelbaum ins Spielfeld getan.

Als die Eintrachtler vor einigen Jahren Geld sammelten, um eine Kopie der Meisterschale nach Frankfurt zu holen, kam es zu einer netten Anekdote, die in Matze und Öris Buch „Das Rostock-Trauma“ nachzulesen ist. Einige Fans haben sich nämlich vor Jahren aufgemacht, um Alfons Berg zu besuchen. Da sie ihn nicht antrafen, entführten sie kurzerhand einen Terracotta-Spatz aus dessen Vorgarten und boten die Rückgabe gegen eine Spende von fünfzig Mark zugunsten der Schale an. Leider hat Alfons Berg weder auf dieses Angebot, noch auf weitere Anfragen reagiert.

Schmitt spielte noch ein weiteres Jahr für die Eintracht und wurde dann im Grunde gegen seinen Willen nach Karlsruhe transferiert – ein Bierdeckelvertrag sollte dabei eine größere Rolle spielen. Tja, und so wurde aus dem Mann, der erst mit 28 Jahren den Sprung in die Bundesliga schaffte noch der Euro-Eddy, der in einem einzigen Spiel im Uefa-Cup gegen Valencia beim 7:0 Sieg der Karlsruher sage und schreibe vier Tore erzielte.

Wer weiß, was geschehen wäre, wäre der Ball damals nicht an den Pfosten geklatscht, sondern ins Tor gesaust. Hätten wir dann den Meister Eddy?

Schmitt jedenfalls, der die Bilder von jenem Spiel zum allerersten Mal nach 1992 sah, hat die Niederlage überwunden, und er führte neben der Unfähigkeit der Mannschaft, die selbst am vergeigten Titel die Schuld trug auch das Schicksal an, welches ihm zwar den Titel verwehrte, doch andere, grandiose Siege gönnte. Und sein Auftreten im Museum war aller Ehren wert, kompetent, sprachgewandt und freundlich kam und ging er – und seine Tochter trug zum Abschied stolz einen Eintracht-Schal um den Hals.

Wir plauderten und kickerten noch ein wenig und schwangen uns bald auf die Räder Richtung Stadtwald, wo am Waldparkplatz nächsten Freitag wieder Tausende Eintrachtler parken werden. Vielleicht sogar einer mehr, spielt die Eintracht doch dann gegen den KSC, die beiden großen Vereine Edgar Schmitts also gegeneinander.

Und wer weiß, vielleicht meldet sich Alfons Berg ja noch einmal. Und fragt nach seinem Vorgarten-Spatz.