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Donnerstag, 23. September 2010

Heimspiel in Leverkusen feat. Alle Farben sind schön


Spätherbst, die Sonne lacht und vor dem Eiscafé in der Martin Luther Straße sitzen die Menschen im Licht; bald wird hier die Winterleere herrschen und das ist schon der erste Hinweis auf unsere Eintracht. Der silberne Golf parkt ein paar Meter weiter oben; er hat heute frei. Leider auch Pia, die heute unabkömmlich ist - und so radele ich mutterseelenalleine in Richtung Bahnhof Südseite. Gegen halb vier soll die Reise mit den Geiselgangstern in Richtung Leverkusen losgehen; mein Handy zeigt kurz nach halb drei. Ich rolle durch die untere Günthersburgallee, vorbei am Friedberger Platz durch die Scheffelstraße in Richtung Anlagenring und gehe gedanklich den Tag durch; was habe ich, was brauche ich? Handy? Ist da. Foto? Ist da? Geld? Ist da? Eintrittskarte? Ist da. Scheiße, ist doch nicht da. Also gehts wieder zurück, vorbei am Eiscafé, wo sich in den letzten Minuten nicht viel geändert hat. Ein Griff auf die Kommode - und da liegen sie, die Tickets - also auf ein Neues - vorbei am Eiscafé usw.

Im Anlagenring lassen sich Frühfeierabendler die Sonne auf den Pelz scheinen; durch die Blätter der Bäume ragen die Türme der Banken in den blauen Himmel; die Phallussymbole einer Wirtschaft, die sich Mitarbeiterboni aus dem Staatssäckel bezahlen lässt und deren Geschäfte stets im Verborgenen gedeihen, versteckt hinter Spiegelglas im Herzen von Europa. Im Bahnhofsviertel Gewimmel und Gewusel.

Im Flur von Pias Firma stelle ich mein Rad unter, verabschiede mich von ihr und wandere in Richtung Unterführung zum Bahnhof. Am Irish-Pub weht neben einer Eintrachtfahne auch eine von Bayern und Gladbach; ich überlege kurz, diese anzuzünden, lasse es bleiben - doch: was ist denn dies für ein Empfang für ankommende Zugreisende? Wie auch immer, für die Gastronomie sind Fußballfans Kunden, Geld kennt keine Vereinsfarben. Immerhin werden hier zahlende Gäste wie zahlende Gäste behandelt; das ist nicht überall selbstverständlich.

An der Südseite warteten schon etliche Eintrachtfans; auch Marc ist schon da - und das ist gut, denn er nimmt Pias überzählige Karte; als wir diese gekauft hatten, war das Spiel noch nicht terminiert. Wenig später tuckert der Bus der Frankfurter Jungs an; Marc und Oli steigen ein, während der Geiselgangsterbus noch zu uns unterwegs ist. Ich quatsche mit André und Sandy, die Zeit vergeht, der Bus kommt und dann gehts los. Am Fenster hängt die Eintrachtfahne, an der Tür - weshalb auch immer - eine Palästinaflagge und zwischendrin hat Holger eine Anlagenkonstruktion aufgebaut, welche die Grundlage für die Sounds der nächsten Stunde werden wird, kleine Boxen hängen mit Kabelbindern am Gestänge. Geiselgangster. Bembelbar. Bembelgangster. In Medenbach steigt Tom dazu, in Montabaur Hans, die Fahrt verläuft zunächst reibungslos; ich quatsche mit Stefan und Hans über dies und jenes, ab und and ploppt ein Schöppchen auf und wir sind gut in der Zeit.

Bis kurz vor Köln; dann steht alles . Aus den Boxen erklingt zur großen Freude vieler ein Lied über das Fälschen von Banknoten; neben den Songs von Adam und die Mickys und Eintrachtlieder der große Hit der Hinreise, später wummern Motörhead Overkill.

Es sind harte Zeiten für Auswärtsfans, vor allem für die Raucher unter ihnen - doch immerhin dürfte der Geiselgangsterbus eine letzte Bastion sein - der Preis ist ein Linienbus ohne Toilette. Doch wo ein Stau, da ist ein Weg - exakt bei Kilometer 140.7 auf der A3 öffnet sich die Tür und wie Perlen auf der Kette stehen die Buben an der Leitplanke; gewesenes Bier verlässt die geschundenen Körper. Die Zeit verrinnt ebenso, es wird sieben, halb acht und wir bewegen uns immer noch im Schneckentempo in Richtung Leverkusen - in gut 30 Minuten ist Anpfiff. Ein Lieferwagen fährt an uns vorbei, der Adressaufkleber kündet von seiner Heimat: Am Krausen Bäumchen 115 in Essen. Putzig.

Plötzlich macht die Meldung die Runde, dass sich weibliche Frankfurter Besucher des Fußballspiels beim Einlass in einem Zelt am Eingang entblößen müssen - es sollen Hinweise vorliegen, dass Pyro von Frauen eingeschmuggelt werden soll. Wie das mit Hinweisen so ist, wissen wir spätestens seit dem Aufstiegsspiel gegen Burghausen vor Jahren, als die Polizei mit der abstrusen Begründung "im Internet hätte gestanden, dass nach Spielende der Rasen gestürmt werden soll" den Frankfurter Block stürmte. Was damals noch Fingerübungen für die kommende WM waren, ist nun in der aktuellen Wirklichkeit fest verankert.

Wenige Minuten vor acht erreichen wir den Busparkplatz; Polizisten lungern herum, während ich einen Platz für mich ganz alleine suche, das Bier will raus. Einer der Cops quatscht uns an, dass wir noch etwas warten sollen, sie würden uns begleiten. Da ich darauf dankend verzichte, marschiere ich erst ins Gebüsch, hole mir anschließend eine Wurst und wandere unbehelligt Richtung Stadion. Vor dem Gästeeingang zeichnen sich Menschentrauben ab; denke ich zunächst noch, dass dies an den zu spät eintreffenden Bussen liegt, so bringen einige Gespräche schnell Klarheit: Am Rande des Eingangs steht tatsächlich ein rotes Zelt; Frauen und wohl auch Kinder sollen sich peinlichst genau untersuchen lassen; der Fußballfan unter Generalverdacht, die Würde des Menschen ist antastbar - von Ordner(Innen) mit Gummihandschuhen im Schutze der Staatsmacht, die in vermummten und behelmten Gruppen gerne bereit ist, ihr antrainiertes Feindbild zu pflegen. Eingang weiblich zeigt ein Schild und kündigt die Schikane an.

Aus dem Stadion schallt es: Fußballfans sind keine Verbrecher; draußen stehen die, die sich mit den Frauen solidarisiert haben. Viele Ultras, aber auch Fans jeglicher Couleur; empört, verärgert. Da soll die Eintracht mal was machen. wird geschimpft. Mit Recht. Ich gehe kurz rein (normales Abtasten), schaue mir das Szenario näher an, telefoniere mit Pia, gebe Bescheid. Klar ist, dass sie sich nicht diesem unwürdigem Schauspiel unterwerfen würde; ich gehe wieder raus, hake das Spiel gedanklich ab.

Währenddessen verhandelt die Fanbetreuung mit Verantwortlichen, aus dem Stadion erklingt ein Torschrei, kurz danach ein weiterer. 1:1 Gekas. Soll mir recht sein. Kurz danach kommt die Meldung, dass die Kontrollen nach Intervention seitens unserer Fanbetreuung auf ein normales Maß runtergeschraubt werden sollen. Wir entscheiden, das Stadion zu betreten; immerhin können bereits entwertete Karten wieder benutzt werden. Diesmal habe ich ein besonders arrogantes und konsequentes Ordnerexemplar erwischt; ich darf die Schuhe ausziehen, beschwere mich - was der unterdrückte und geknechtete Halbunformierte dazu nutzt, rein schikanös das ganze Programm durchzuziehen; Tabakpäckchen raus, aufmachen, Foto raus, Geldbeutel raus; Wixgriffel am Arsch. Dauert ewig, aber es sind ja auch nur knapp vierzig Minuten gespielt. Hoffentlich entdeckt er meine Panzerfaust nicht. Dann kurzes Sammeln vor dem Blockaufgang; Hurra hurra die Frankfurter sind da. Oben im Block treffe ich Marc, erzähle ihm die Vorkommnisse und konzentriere mich auf das Spiel; Chris für Meier ansonsten wie gehabt. Halbzeit.

Die zweite Hälfte bringt ein hin- und herwogendes Spiel; Leverkusen in Ansätzen flotter; Rolfes absolviert sein erstes Spiel nach längerer Verletzungspause, die Eintracht hält dagegen. Mal liegt Franz im Strafraum, mal liegt ein Verdacht auf Leverkusener Hand vor, mal wirft sich Nikolov dazwischen, mal holt Köhler ein Freistoß heraus. Nicht zwingend, nicht überragend - ordentlich allemal, doch wird es reichen?

Nein, es wird nicht reichen. Wenige Sekunden vor Schluss hat Ochs den Ball im Mittelfeld - doch anstatt ihn nach vorne zu schlagen, verliert er die Kugel; Bayer rückt auf, ist im Strafraum - und irgendwas ist passiert. Hoffe ich noch auf Abschlag oder Freistoß für die Eintracht, so werde ich Sekunden später eines Besseren belehrt: Elfmeter für Leverkusen und gelb-rot für Ochs, der wütend vom Platz marschiert, die Binde fliegt auf den Boden (Zuvor war Caio für Chris gekommen, der anders als ich von Beginn an dabei war). Und es kam, wie es kommen musste, Vidal versenkt den Elfer in der 90., und die Eintracht hat wieder einmal ein Spiel in den letzten Minuten verloren - und dass, obgleich ich vorher sicher war, dass die SGE gewinnt. Es ist zum kotzen.

Enttäuscht und zornig verlasse ich das Stadion, der Weg zum Bus scheint etwas länger, da die Herren mit Helm den kürzeren versperren - und erfahre unterwegs, dass die Behelmten wohl vor dem Spiel auch ein Mädchen zu Boden geschubst und getreten haben; Pfefferspray gabs allem Anschein nach noch dazu.

Bedröppelt hänge ich im Bus, bald rocken die ersten Lieder, andere singen dass sie heiß wie ein Vulkan seien - mir ist noch nicht nach feiern. Gabi meint, Fußball ist nicht alles, es gibt so viel wichtigere Dinge im Leben - Recht hat sie, doch im Moment beschäftigen mich neben dem Spiel die Gedanken über das Szenario Fußball; Gedanken über die Dreistigkeit seitens der Staatsmacht und Sicherheitsverantwortlichen je nach Gusto zahlenden Gästen a priori alles erdenklich Böse zu unterstellen und wie Kriminelle zu behandeln. Sicher, es sind nur Stehplätze, unser Bier bringen wir selbst mit und laut sind wir auch manchmal. Ein Unding in der gelackten Fußballwelt, die sich zahlungskräftige Kunden wünscht, die jeden Scheiß mitmachen und ihren Unmut über dürftige Leistungen und ähnliches maximal in der großen weiten Welt des Internets kund tun sollen; da stört es niemanden, da darf er sich wichtig nehmen, der Kunde, und der Rubel rollt und wer schikaniert wird, ist irgendwie selbst dran schuld.

Nach einem weiteren Schoppen verlaufen sich die Gedanken; REM singen it's the end of the world as we know it - and I feel fine. Später heißt der Meister Eintracht aus Frankfurt am Main, noch später stehen wir an einer Raste an der A66, säubern den Bus, während einer sich noch völlig sinnfrei mit einem schlafenden Autofahrer anlegen will, aber von einem Kumpel zurück gehalten wird.

Die Nutten stehen sich an der Messe die Füße platt, als wir nachts um halb zwei in Frankfurt einrollen; ich packe meinen Krempel zusammen, schwinge mich verabschiedend aus dem Bus, während irgendwo einer am Boden liegt; Zivilpolizei dabei. Ein paar rennen dazu - ich entschwinde ins Dunkel der Nacht. Einer hebt eine Kippe nach der anderen vom Boden auf, aus dem U60311 wummern Technobeats und ich radel nach Hause. Pia wird kurz wach und wie war's? fragt sie. Beschissen sage ich. Bis auf die Fahrt.



Details zum Spiel findet ihr wie immer bei Kid; Stellungnahmen zur Kontrolle hier und auch hier.

Sonntag, 24. Januar 2010

Heimspiel in Nürnberg


Diszipliniert verschob die Abwehr und ließ trotz Unterzahl kaum Chancen zu und was aufs Tor kam hielt der überragende Torhüter; die Konter aber saßen wie Nadelstiche - am Ende stand ein klarer Sieg zu Buche und die Akteure schlichen müde aber glücklich vom Feld. Freitag Abend in einer Turnhalle im Westend.

Keine 12 Stunden später rang ich mit dem Muskelkater, der zwar schwächer als erwartet aber latent vorhanden, meine Bewegungen in Zeitlupe versetzte. Meine Nase schnupperte Kaffee; Pia war schon vor mir wach - und bereitete mich auf den Tag vor: Auswärtsspiel in Nürnberg - und um es gleich vorweg zu nehmen: sowohl Pia als auch der silberne Golf sollten heute im Lande bleiben und ich machte mich gegen halb zehn mutterseelenallein auf in die weite Welt. Müde schleppte ich mich zur Straßenbahn, die prompt angerumpelt kam und mich durch die Stadt zur Südseite des Bahnhofs brachte. Meine Handschuhe hatte ich trotz des dezenten Hinweises Pias zur kommenden Kälte zu Hause gelassen: Die verlier' ich eh nur.

Geiselgangster - immer eine gute Alternative, wenn der silberne Golf in Frankfurt bleibt. Wie immer lungerten schon jede Menge finsterer Frankfurter an der Südseite herum und warteten auf die Busse; Kippchen dampften; Junior Adler hockten brav in ihrem Bus und überall ein großes Hallo. Wenig später rollte auch unser Bus ein; der gleiche mit dem ich schon nach Gelsenkirchen und Leverkusen gefahren bin - astreiner Linienbus; keine Toilette, enge Sitze - aber die Lizenz zum Rauchen. Dafür noch mit Tapedeck: für die Jüngeren: das ist so etwas wie ein analoger mp3Player - irre Oldschool. Bloß läuft das Ding mit Tapes - und die hatte kein Mensch dabei - was nicht unbedingt was Schlechtes sein muss.

Gerre und Buffo waren wieder die Organisatoren, Gabi und Ina die Mütter der Kompanie und zwischendrin hockten wir, André und Sandy, Thor und Tom, Dani und Präsi und wie sie alle heißen. Die, die immer dabei sind; die, die zum ersten Mal dabei sind und die, die so wie ich manchmal dabei sind.

Wir rollten durchs graukalte Frankfurt auf die Autobahn auf die A3 und der erste Parkplatz war unser, wie gesagt: der Bus hatte keine Toilette.

Grauweiß rauschte der Süden Deutschlands an uns vorbei; Aschaffenburg, Würzburg, Frauenaurach: von Zeit zu Zeit machten wir ein Päuslein und ich hing mehr oder weniger groggy in meinem Sitz, löste die Rätsel der Rundschau und schaute aus dem Fenster. Die obligatorische Tombola brachte mir wie immer nichts ein - aber stolz trug ich mein schwarz-weiß gestreiftes Mützlein, wie wir alle schwarz-weiße Mützen trugen; die UF hatte stapelweise Mützen herbeigeschafft und verkauften diese zu einem Spottpreis, auf dass die Frankfurter allesamt ein gleiches Bild abgeben. Netter Nebeneffekt: Wenn du jetzt irgendwas anstellst und die Täterbeschreibung: trägt schwarz-weiße Mütze lautet - dann hast du gute Karten. Tausende sollten später die Kappen tragen.

Nürnberg-Messe, wir erreichten recht früh den Parkplatz am Messegelände und halbwegs warm eingepackt marschierte ich am Historical Cowboy and Indian Club vorbei Richtung Stadion, das wohl einen der grausamsten Namen der Liga trägt und von mir daher konsequent Frankenstadion genannt wird. Stelltafeln erzählen die Geschichte des Stadions, das alte Schwimmbad war um diese Jahreszeit geschlossen, die Stadionordnung gut sichtbar verschraubt. Um mir ein wenig die Zeit zu vetreiben, schlenderte ich am Gästeeingang vorbei und wollte das Umland anschauen, allein es scheiterte am mutigen Einsatz der Polizei: Tapfer stellte sich mir ein Stadtsoldat entgegen und verhinderte mein Eindringen in den menschlichen Bereich Nürnbergs. Obgleich jenseits der Sperre jede Menge Frankfurter unterwegs waren; nämlich alle, die von der anderen Seite angereist waren - für mich gab es kein Durchkommen. Ganze Arbeit der Kollegen in Grün.

Ich kaufte noch ein zweites Mützchen für Pia, schwatzte hier und dort und ließ mich dann am Eingang fröstelnd beim Marsch ins Stadion durchsuchen. Im Unterrang unter dem Überhang fand ich einen Platz, der mir gute Sicht versprach - und nette Gesellschaft dazu. Muelli, Suse und Arndt lehnten am Wellenbrecherchen; langsam füllte sich das WM-Stadion, dessen blaue Träger überhaupt nicht zum Rot des Inneren passen - und mir fiel auf, wie weit ein Tor doch vom Platz entfernt sein kann, wenn rund um das Spielfeld noch eine Aschenbahn verläuft. In der Nürnberg-Kurve wurden kräftig Fähnchen geschwenkt, später spazierten etliche Nürnberger mit riesigen Schwenkfahnen aufs Spielfeld und schwenkten diese im Takt des Vereinsliedes; dankenswerter Weise war die Anlage schön leise eingestellt.

Ein Blick auf die Ersatzspieler der Eintracht zeigte, dass Marcel Titsch-Rivero nicht im Aufgebot stand, dafür aber die Herren Preuß, Alvarez, Caio, Heller, Korkmaz, Tsoumou und Torhüter Fährmann. Recht offensiv für meinen Geschmack, eingedenk der Tatsache, dass Schwegler und Franz leicht angeschlagen ins Spiel gegangen sind. Nuja, der Trainer wird wissen, was er macht.

Aus der Nürnberger Kurve wurde uns nun eine kleine Choreo präsentiert, Ultras Nürnberg 1994 stand auf dem Banner, darunter wurden rote und schwarze Pappen hochgehalten und in der Mitte leuchtete ein Sonne. Begrenzt wurde das Banner auf der einen Seite durch das Adlerwappen Nürnbergs und auf der anderen Seite durch die Comicfigur Willi Wacker, der ein Glas Bier hält. Sah ordentlich aus. Sozusagen: Putzig.

Bei uns in der Kurve trugen jetzt wirklich fast alle die erwähnten Mützen, und noch bevor es losging begann der zweite Teil des inoffiziellen Schwanzvergleichs, Rauchwolken stiegen aus unserem Block in die Höhe, illuminiert von ein paar Bengalos - zwischendrin böllerten ein paar Kanonenschläge: Hurra, hurra, die Frankfurter sind da. Wenigstens flog keine Leuchtspur, aber selbst die Böller gehen mir auf den Senkel.

Kaum hatten sich die Rauchwolken verzogen, entdeckten wir eine Chance für die Eintracht, der Ball aber landete nicht im Tor - es muss wohl Ochs gewesen sein, der verzogen hatte. Kälte kroch in einen hinein, Handschuhe wären jetzt gut gewesen; aber wer Wolfsburg überlebt hat, der schafft auch Nürnberg. Als die Kurve hüpfte, schwankte der Oberrang bedrohlich - während Wolf unseren Schwegler umsenste und dafür gelb erhielt. Schwegler humpelte und wurde später nach der Pause gegen Christoph Preuß ausgetauscht. Da stand es schon 1:1. Die Nürnberger Führung aus der 27. Minute konnte Köhler in der 40. ausgleichen. Ochs hatte sich schön durchgesetzt und die anschließende Flanke Benni Köhler lässig eingenickt. Jedoch sickerte erst nach einigem Nachfragen der Torschütze durch; zunächst wurden Liberopoulos, Teber oder sogar Chris gehandelt, der aber ob der fünften gelben Karte gar nicht mitspielen durfte und ergo als Torschütze nicht in Frage kam.

In der zweiten Hälfte legten die Junior Adler im Block links neben uns einen mächtigen Support hin; lehnten an der Bande und wedelten mit ihren Junior Adler Fähnchen; es wird nicht mehr lange dauern, und die Kids werden selbst die ersten Rauchbomben zünden; statt Bierbecher werden dann Lutscher aufs Spielfeld geworfen; früh übt sich. Der Nachwuchs lebt.

Die zweite Hälfte brachte zudem ein paar klasse Aktionen von Nikolov, eine Megachance von Preuß und die Erkenntnis, dass ein flotter Spieler in des Sturmes Spitze beim Fußball ein Vorteil sein kann - wenn man ihn denn hat - oder bringt. Jung kann man immer bringen und Chris ist schon ein Mann, der dem Spiel der Eintracht zuträglich ist. Caio kam kurz vor Ende für Liberopoulos, sicher, der Mann ist jung. Dies ist aber auch Stürmer Alvarez, dessen ersten Ligaeinsatz ich gerne gesehen hätte. Unser Trainer kann ja mit Jungen und will gewinnen. Zumindest vor dem Spiel. Der Vorteil reiner Fußballstadien sprang ebenfalls deutlich ins Auge; bis ich gewusst habe, wer bei Nürnberg spielt, war das Spiel vorbei.

Im End wurstelte sich die Eintracht zu einem Punkt, der durchaus verdient war. Die Spieler kamen in die Kurve - und wurden prompt mit den lustigen Mützen versorgt. Preuß schnappte sich das Mikro, Humba für alle und allgemein überwog die Zufriedenheit mit dem Punkt, den die Eintracht ergattert hatte. Schon während des Spiels verkündete eine Stimme, wie der Rücktransport der Gästefans durch den Entlastungszug organisiert wird; nach der fünften Durchsage aber hätte man auf die Idee kommen können, dass es nun auch wirklich jeder begriffen hat.

Ich machte mich auf die Socken und wanderte zu einer Wurstbude fern des Massencaterings, hier ein Schwätzchen, dort ein Guude und auf halbem Weg zum Bus erfuhr ich noch, dass einige Nürnberger samt Frankfurter im Stadion Freispiel hatten, weil die Polizei ... ja was eigentlich ... machte.

Blaulicht der stehenden Einsatzwagen wies den Weg zum Bus, der am äußersten Winkel der Messe parkte. Ich freute mich ob der Wärme und es dauerte nicht lange, bis wir auf die A3 rollten. Ein kurzer Halt folgte bei einer bekannten Hamburger Braterei, später hallten hinter mir muntere Gesänge durch den Bus, während wir uns überlegten, ob es nicht vielleicht doch in Malawi den Stürmer gibt, der in der Rückrunde für 45 Tore gut ist.

Wir plauderten in die Nacht, das Radio dudelte leise vor sich hin; Würzburg, Aschaffenburg, Hessen, Stadion, Bahnhof; die Fahrt verlief problemlos. So verabschiedete ich mich, packte mein Bündel und marschierte in die Nacht; vorbei am Theaterplatz, vorbei am Eintracht-Shop und am Paulsplatz und ließ mich die letzten Meter von der Trambahn Linie 12 zur Rohrbachstraße fahren. Gegenüber im Feinstaub stieg noch eine Fete; ich berichtete Pia von der vergangenen Fahrt und wir hoben die Gläser bis spät in die Nacht. Dass ich jedoch meine Mütze noch heute nach dem Aufwachen getragen haben soll, ist offiziell noch nicht bestätigt.



Mehr zum Spiel: Hier beim Blog-G, dessen Stefan auch das Mützenspielerfoto gemacht hat.



Samstag, 7. November 2009

Heimspiel in Leverkusen.


09.12.2006 - Eintracht Frankfurt - Werder Bremen 2:6

16.02.2007 - Eintracht Frankfurt - VfB Stuttgart 0:4

17.04.2007 - 1.FC Nürnberg - Eintracht Frankfurt 4:0 (P)

20.10.2007 - 1.FC Nürnberg - Eintracht Frankfurt 5:1

15.11.2008 - Borussia Dortmund - Eintracht Frankfurt 4:0

29.11.2008 - Werder Bremen - Eintracht Frankfurt 5:0

11.04.2009 - Bayern München - Eintracht Frankfurt 4:0

13.05.2009 - Eintracht Frankfurt - Werder Bremen 0:5

28.10.2009 - Eintracht Frankfurt - Bayern München 0:4 (P)

06.11.2009 - Bayer Leverkusen - Eintracht Frankfurt 4:0



Eintracht Niederlagen seit dem Wiederaufstieg 2005 mit mindestens vier Toren. Dazu kommen noch: 1:4 ggn Lev, 1:4 ggn den VfB, 1:4 in Stuttgart, 1:4 in Hamburg, 1:4 in Bremen und ein 2:5 in München. Bis auf das 0:4 in München habe ich alle Spiele vor Ort gesehen, das letzte am vergangenen Freitag in Leverkusen in der neuen BayArena. Und davon will ich euch berichten.

Nachmittags hockte ich in Oberrad bei einem Döner und wurde gefragt, wie es denn so ginge; so lala die Antwort - mal schauen, wie es denn heute Abend so aussieht. Die Eintracht spielt in Leverkusen, wir fahren hin. Echt? antworte mein türkischer Freund. Wieviele fahren denn da hin? Och, bestimmt so 10, 20 Busse, insgesamt vielleicht 3000 Frankfurter. Er wünschte mir viel Glück. Danke, antwortete ich, vielleicht schießt die Eintracht ja ein Tor.

Ich war angeschlagen, zu wenig Schlaf, zu viel Gedanken. Müde radelte ich am Main entlang, ein Vater fütterte mit seinem Kind die Tauben, ein Lastkahn mit Namen Fairplay tuckerte an mir vorüber, Herbstlicht. Über den Holbeinsteg rollte ich ins Bahnhofsviertel, holte Pia im Büro ab und verschloss mein Fahrrad. Gemeinsam marschierten wir Richtung Südseite des Bahnhofs, holten in der Münchner Straße in einem Araber-Lädchen noch eine Cola, durchschritten die Unterführung und trafen wenig später auf viele bekannte Gesichter. Viele Busse fahren an der Südseite ab, die FuFa, die Griesheimer und auch die Geiselgangster die meist, wenn wir den silbernen Golf im Herzen von Europa lassen uns mitnehmen. Es sind die, die immer da sind; Kine ist dabei, Ina, Holger, Jens, Tom, Gabi, Geetha, André, Sandy und viele andere. Wieviele Kilometer sind wir durch die Republik gereist, wieviele Stunden und Euros gingen dabei drauf, die Eintracht zu sehen. Komfort? Unser Bus ist ein alter Linienbus; Schulbus zeigt die digitale Anzeige. Eine Toilette gibt es nicht, die Musik kommt aus dem Radio; niemand hat ein Tape dabei, um den Rekorder zu füttern; mein MP3 Player liegt zuhause - meine Laune irgendwie auch. Ich bin müde, fühle mich alt, vielleicht zu alt für solche Späße, aber was soll's: Die Eintracht spielt.

Hinter dem Airport versinkt die Sonne, wir fahren; ich blicke aus dem Fenster, golden die Bäume im kühlen Herbst. Gabi gibt durch, dass sie ihren Gruppenleiterkurs absolviert hat; Applaus. Mehrfach halten wir, in Limburg, Montabaur, sammeln Leute ein, draußen legt sich die Nacht über Deutschland, über Siegburg-Ost. Treffen andere, reden.

Wir kommen gut durch, kaum Staus. Im Radio läuft Bitter Sweet Symphony von the Verve, Pia singt mit; es ist die Einlaufmusik von Bayer Leverkusen - wir fassen es als Omen auf. André verkauft Getränke; Bier, Cola für einen Euro, die Stimmung im Bus ist nicht überborden - und da weder Gerre noch Buffo oder Ralf dabei sind, fällt die Tombola aus. Kurz leuchtet an der Autobahn das Bayer Kreuz; Leverkusen - wir haben es bald geschafft; allein die letzten Kilometer sind zäh; Fußballstau. Autobahnbrücken, Firmengelände, Chempark, bis wir durch ein Wohngebiet rollen und letztlich unter der Brücke inmitten der anderen Busse parken. Männer stehen überall und pissen; ins Gebüsch, an die Busse, Scherben; zwei Busse stehen mit dem Heck dicht an dicht, keine Eintrittskarte passt dazwischen.

Pia, Sandy, André und ich marschieren los, ab und an stehen Polizisten an der Seite und beobachten uns argwöhnisch; ab und an stehen freundliche Helferlein auf dem Weg und halten Schilder in die Höhe: Wir helfen gerne. Service, den wir nicht nutzen. Nach wenigen Metern taucht das Stadion aus dem Dunkel auf; nebenan die Kurt-Rieß-Halle. Es ist wenig los am Einlass, dennoch dauert es eine Weile, bis wir die Kontrolle überwunden haben. Wie wird das Team heute aussehen? Chris und Nikolov fallen definitiv aus, dazu Ochs und Amanatidis. Ich tippe auf Franz als rechten Verteidiger, Vasoski innen und Fährmann im Tor. Klar. Jung wird wohl nicht spielen denke ich, André hält dagegen.

G-Block, dort werden die Gäste stehen; für einen Frankfurter ein gutes Zeichen. Bevor Arena Fußball gespielt wurde trafen sich in Frankfurt im G-Block die Harten; G-Block ist gut. Wir gehen ganz nach oben; Thomas, den wir treffen, erzählt, dass es für Gästefans nicht erlaubt ist, das Stadionmagazin in den Block zu nehmen; ich selbst hatte gar keines gesehen.
Stadionmagazin nicht im Stadion erlaubt. Absurd. Hier stehen Carsten, Nicole und Helmut, dort kommt Graefle vorbei - die, die immer da sind.

Der Blick geht rund, hübsch sieht es aus, das runderneuerte Stadion, hell das Licht, das überlappende Dach durch einen mittigen Trägerring gehalten. Über uns der neue Oberrang unten die Erkenntnis, dass Jung nicht spielt. Mit den Klängen von Bitter Sweet Symphony laufen die Teams ein, die Eintracht in weiß, die Werkself in rot. Fährmann im Tor, das allererste mal im Eintrachttor. Viel Glück.

Elf Minuten später ist alles aus. Elf Minuten später führt Bayer Leverkusen mit 3:0. Elf Minuten später ist die Eintracht für den heutigen Abend zerstört. Es ist ein Albtraum. Für uns, aber auch für den jungen Torhüter, der keine große Schuld an den Gegentreffern trägt. Nach elf Minuten hat die Frankfurter Eintracht ihren höchsten Rückstand der Bundesligageschichte zu diesem Zeitpunkt eingefahren. Völlig verdient, völlig desolat. Wenn es so weitergeht, steht es am Ende 27:0.

Kein Aufbäumen, keine Gegenwehr, im Gegenteil; Bayer spielt mit der Eintracht Katz und Maus. Höhepunkte aus Frankfurter Sicht: Ein Flitzer, der über das Spielfeld sprintet und von einem catchenden Ordner zu Boden gerissen wird. Caios Auswechslung nach 20 Minuten, sowie Rauch und Leuchtfeuer aus dem Frankfurter Block. Hätten unsere Jungs mal ein bisschen Dampf gemacht - aber da ist nichts. Gut, Korkmaz wuselt über das Feld, Schwegler hält dagegen, Franz ist wütend - aber mit Fußball hat das alles nichts zu tun. Stoppen, passen, stoppen, passen, stoppen, passen; Raumgewinn gleich Null. Zurück zu Fährmann. Wie anders doch die Herren Kießling oder Derdiyok, Kroos oder Hypiä. Sie attackieren, lupfen, flitzen, klären, während der Eintracht Kapitän Spycher zeitgleich an seiner Steuererklärung sitzt; Bajramovic überlegt, ob er in der Halbzeit Ketchup oder Majo zu den Fritten ordert. Russ fragt sich, weshalb ausgerechnet er bei den Klatschen immer dabei ist, während Liberopoulos und Meier beim Warten auf Bälle sichtlich altern. Teber überlegt immer noch, weshalb er mitspielen darf und unser Trainer feilt derweil an Erklärungen. Es ist grausam. Kein Aufbäumen, keine Idee, kein Wille. Ich rauche.

Wir.Wolln. Euch kämpfen sehn!

Foto: Pia Geiger

In der Pause treffen wir Stefan, der doch gekommen ist, um Fotos zu machen. Dolle Motive, Kießling, Rauch, Bengalos, Flitzer. Immerhin. Irgendeiner hat sich das Bein verbrannt und irgendwo hat's gescheppert. Mir egal. Aber die Fanbetreuung hat Arbeit.

In Halbzeit zwei ist Leverkusen gnädig, sie geben der Eintracht die Illusion, ein bisschen mit zu kicken und erzielen kurz vor Schluss den vierten Treffer. Tooooor für dieeeee plärrt der Stadionsprecher: Werkself brüllen ein paar Leverkusener drei Mal; Fans, die während des Spiels eine verkorkste La Ola starteten; überhaupt war deren Support mau, was mir jedoch völlig am Arsch vorbei geht. Pia sieht genau hin, außer Franz hat keiner der Frankfurter ein dreggisches Triggo. Abpfiff. Bedröppelte Eintrachtler - oder besser: Frankfurter Spieler holen sich ein paar Pfiffe ab, der Rest ist Schweigen. Irgendeine Ballermann Musik dröhnt durch die Arena, ...und wir feiern die ganze Nacht. Hey, was geht ab... In mir wächst der Wunsch, etwas zu zerstören - aber ich habe mich im Griff. Wir gehen. Es ist kalt. Innen wie außen.

Busse warten mit laufenden Motoren, Abgase mengen sich mit schlechter Laune und nach einer Weile rollen die Fahrzeuge in die Nacht, Fürther, Nieder Bube, Sossenheimer, wir.

Da die Autobahn A3 gesperrt ist versuchen wir es über die A61, die Fahrt zieht sich, wir klappern die Raststätten auf der Suche nach Nahrung ab, irgendwo in Deutschland. Vor meinem geistigen Auge ziehen Jägerschnitzel vorbei, grinsen hämisch. Eifel, Brohltal, Koblenz, Limburg, ICE Bahnhof: Geschlagene 20 Minuten warte ich auf meinen Burger; die Laune sinkt ins Bodenlose; ich will heim, ins Bett, vergessen. Nächster Halt Bad Camberg, Busreinigung. Gegen 3:30 rollen wir in Frankfurt ein, geschlagene fünfeinviertel Stunden nach dem Schlusspfiff. Ein kurzes Adieu und wir latschen durchs Bahnhofsviertel. Überlegen, ob wir an einer Tombola teilnehmen sollen, die Gewinne sind verlockend. Irgendwo liegt einer in seinem Erbrochenem, andere rufen den Notarzt. Wir holen die Fahrräder und eiern ins Nordend.

Ein kurzer Blick ins Netz zeigt uns, dass Trainer Skibbe im TV und vor versammelter Presse gesprochen hat. Mir egal, ich will schlafen. Bitter sweet. Nur ohne Sweet.

Samstag, 3. Oktober 2009

Heimspiel auf Schalke


Freitag Nachmittag. Andere machen Feierabend, freuen sich auf ein Wochenende im goldenen Herbst; vielleicht wird gekeltert oder eine Radtour ins Grüne geplant, hinweg über knackende Buchecker und Eicheln. Vielleicht findet man ja eine Feder eines Eichelhähers oder entdeckt ein Reh am Waldesrand - irgend etwas Schönes zum Ausgleich für die vergangenen Mühen der letzten Woche. Wiederum andere laden sich Gäste ein, kochen italienisch, plaudern über Literatur oder den Niedergang der SPD - oder darüber, wieso alles so ist, wie es ist.

Wir aber fahren nach Gelsenkirchen, um in einer Turnhalle unserer Mannschaft beim Verlieren zu zuschauen. Gelsenkirchen. Selbst Schuld.


Freitag, 14:00 Uhr: Auf der Zeil ist verhältnismäßig wenig Betrieb, der ausnahmsweise Freitags statt findende Wochenmarkt weist erhebliche Lücken auf, weiter vorne Richtung Hauptwache wird gebaut, so wie schon seit Jahren auf der Zeil gebaut wird. Sollte jemals fertig gebaut sein, wird die Fußgängerzone den Charme eines Autohauses aufweisen - Rundschau, Post, Ammerschläger und Kaufhaus Schneider gehören schon länger der Vergangenheit an, stattdessen gibt es nun ein Kaufhaus mit Loch. An der Hauptwache sind ein paar Buden aufgebaut, aus den Lautsprechern blubbert 10cc's dreadlock holiday, beschienen von der Herbstsonne, die auch den neugestalteten Goetheplatz ins rechte Licht setzt. Seit 1840 steht hier das Gutenberg-Denkmal, elefantene Mäuler spucken Wasser aus; weiter vorne der Theaterplatz, der schon lange Willy Brandt Platz heißt - aber nicht nur deshalb, weil dieser 1959 als regierender Bürgermeister von Berlin dem Endspielsieg der Eintracht im Olympiastadion beiwohnte; damals als die SPD noch ... aber lassen wir das.

Münchener Straße, kleine Lebensmittellädchen dicht an dicht mit Hotels und Kneipen, zwischen drin die ein oder andere Agentur - und genau dorthin führte mich mein Weg. Ich holte Pia ab, wir verschlossen die Räder im Hofeingang und wanderten Richtung Bahnhof Südseite; dem traditionellen Abfahrtsort für die Auswärtsbusse zu den Spielen der Eintracht. Wir haben bei den Geiselgangstern gebucht; Fahrt, Ticket und Erlebnisfaktor inclusive für schlappe 38 Euro, das geht auch mit dem eigenen PKW nicht billiger - und du hast den Vorteil, ein Schöppchen trinken zu können und zudem bei Freitagabendspielen nicht mitten in der Nacht sinnlose Kilometer auf den silbernen Golf schrubben zu müssen - außer Turnhallenfußball sieht man ja eh nicht viel von der Welt - nachts in Gelsenkirchen.

An der Südseite mengten sich die Mitfahrer der heutigen Busse, hier ein Hallo, dort ein Guude und schon rollte unser Bus ein; in Zeiten der Krise tut es dann auch ein ehemaliger Linienbus - traditionell ohne Toilette und ohne Aschenbecher in den Sitzen, aber dafür entschädigten die Mitfahrer. Natürlich durften Buffo, Gerre und Ralf ebenso wenig fehlen, wie Gaby, Ina oder Jens, aber auch einige neue Gesichter waren dabei sowie Kine, Steffen oder Stefan, die wie wir immer mal wieder dabei sind.

Kaum auf der Autobahn, standen wir auch schon im Stau und hinter Rosbach folgte die erste Pause; etliche sollten folgen - und wir hielten sogar an Plätzen, welche mit einem Häuschen bestückt waren, auf dass auch die weibliche Klientel ihren Bedürfnissen nachkommen konnte. Von Zeit zu Zeit klang darob ein Frauen ham beim Fußball nichts verloren durch den Bus, wie generell die Sangesfreudigkeit mit gestiegenem Alkoholpegel wuchs.

Die Fahrt zog sich nicht nur wegen der Pausen in die Länge, wir glitten auf der A45 von einem Stau in den Nächsten derweil sich Sonne und Regen abwechselten und Deutschland an uns vorüber zog. Noch grünten die Blätter an den Bäumen, der Sommer zuckt, der Herbst aber breitet seine Schwingen aus; Novembergrau wartet schon.

Burger Hain, Am Borbelholz - so hießen nun die Parkplätze während wir an einem Fläschlein Apfelwein nuckelten und ab und an ein Kippchen rauchten. Über dem Fahrer blinkte das Zeichen Wagen hält; eine Reminiszenz an Tage, als der Bus noch Schüler nach Hause karrte - während die klassische Tombola ihre Schatten voraus warf. Badeschlappen und T-Shirts warteten auf neue Besitzer, die von Gerre wortreich die Gewinne ausgehändigt bekamen. Hauptpreis ist stets ein Platz für die nächste Auswärtsfahrt - weder Pia noch ich hatten jemals etwas gewonnen, so auch heute, als die Losnummer 110 gezogen wurde. Schade, wieder nichts - doch dann strahlte Pia übers ganze Gesicht: Die hab ich. Tatsächlich, irgendwie hatte sich das Los 110 zwischen ihre 150er Nummern gemogelt und somit steht also fest, wie wir in ein paar Wochen nach Leverkusen kommen werden. 110. All colors are beautiful gewinnt. Das issn Ding.

Wenig später rollten wir in Gelsenkirchen ein und nach einigem hin und her parkten wir auf dem Parkplatz der Gelsenwasser AG. Über den Hermann-Eppenhof-Weg marschierten wir Richtung Turnhalle, deren Leuchtreklame bald aus der Dunkelheit erstrahlte.

Am Eingang war relativ wenig los, dennoch dauerte das Einlassprozedere eine ganze Weile; wir beobachteten, wie ein Fan auf wackligen Beinen schimpfend das Stadion zwecks übermäßigem Alkoholgenuss verlassen musste und hatten es nach einigen weiteren Minuten geschafft. Durch Tunnel und Gitter kämpften wir uns in unseren Block und stellten uns ganz oben an die Wand, wo wir auf Suse, Mülli und Tube trafen. Über uns im Balkon hockten einige Schalker und darüber wieder die Frankfurter - es war also nur eine Frage der Zeit, bis entweder Bier oder Rotz die Seiten wechseln würde; selten dämliche Planung - aber was will man von einem Turnhallenbetreiber anderes erwarten.

Auf dem Videowürfel wurden nun die Spieler der Teams eingeblendet, affig die Schalker, die posierten, als gelte es in Bravo-Girl zu landen. Der Stadionsprecher trug ein Leibchen mit der Aufschrift Quatscher 04 und wies sanft darauf hin, dass Rauchen nicht so dolle ist.

Das Dach der Halle war geschlossen, das Licht gleißte und aus der einstmaligen Flutlichtatmospäre wurde eine Art Filmset-Beleuchtung, während auf dem Feld ein Zeppelin mit der Aufschrift Berlin-Air schwebte. Gelsenkirchener Komparsen, ausgestattet von Gazprom, hockten ganz in Blau auf ihren Plätzen und bestaunten das Event. Allein einige Teile der Nordkurve gebärdeten sich unruhig.

Los ging's, die Eintracht mit Chris und Franz in der Innenverteidigung sowie Steinhöfer und Köhler für Bajramovic und Caio, die auf der Bank Platz nehmen mussten. Amanatidis und Meier standen in vorderster Front und mühten sich redlich, brachten aber außer einem Kopfball von Ama nichts zustande. Da aber auch Schalke in der Vorwärtsbewegung nicht wirklich viel gelang, lautete der Halbzeitstand folgerichtig 0:0. Gutgelaunt sang die Eintrachtkurve unentwegt Mein Leben dir vermacht, jeden Tag und jede Nacht und überbrückte so die Pause.

Die zweite Hälfte begann mit einer Überraschung, urplötzlich begab sich Jan Zimmermann, unser Ersatztorhüter mit der Nummer 28 auf den Platz - und der Anpfiff brachte Gewissheit: Wieder einmal musste die Eintracht während eines Spieles den Torhüter wechseln; der heute fehlerfreie Nikolov konnte nicht mehr weiter machen.

Zimmermann reagierte zunächst einmal unsicher, Ochs musste in höchster Not auf der Linie klären, während bei Schalke nach 58 Minuten Asamoah eingewechselt wurde. Das Spiel plätscherte vor sich hin, ein Punkt für die Eintracht lag durchaus im Bereich des Möglichen, bis - ja bis es kurz hinter der Mittellinie Freistoß für Schalke gab. Der Spieler Schmitz verlegte das Bällchen noch einige Meter nach vorne und flankte es vor das Frankfurter Tor, Zimmermann zögerte und Asamoah wuchtete es zur glücklichen Führung ins Netz - jetzt wachten die Schalker Komparsen auf, sangen ein bisschen und provozierten die Frankfurter Kurve, die bislang durchgehend supportet hatte. Ätzend; 66 Minuten hörst du die Uschis nicht, aber wenn sie in Führung gehen, gebärden sie sich, als hätten sie das Rad erfunden. Die Schalker Assis über uns rotzten runter, einer verlor dabei seinen Schal und nach einigem Bohai war wieder Ruhe. Die Eintracht aber fand in der Offensive kein Durchkommen; nicht eine zwingende Chance konnten sich die Adler erspielen, Teber wollte aber konnte nicht, Chris fehlte auf der Sechs und auch die Wechsel Liberopoulos für Amanatidis und Caio für Steinhöfer änderten an der Harmlosigkeit nicht das Geringste. Als Schwegler dann kurz vor Schluss mit gelbrot vom Platz flog, war der Käs´gelutscht. Zu allem Überfluss traf Zimmermann in der letzten Minute nicht nur den Ball, sondern auch einen Schalker. Den fälligen Elfer verwandelte Farfan und so endete ein Spiel, das eigentlich 0:0 ausgehen musste mit einem Heimsieg für Gelsenkirchen. Zudem fing sich Teber noch die fünfte Gelbe und fällt somit gegen Hannover aus. Vielleicht eine Chance für Titsch-Rivero.

Es ist wie immer: Hinfahren, Hallenfußball, doofes Publikum und dämlich verlieren. Unten hüpfte ein Maskottchen auf und ab, das aussieht, wie eine Pimmelnase, die Mannschaft kam in die Kurve getröpfelt und Zimmermann wurde mit kurzen Sprechchören aufgemuntert; überhaupt war unser Support ordentlich, und das obwohl Martin nicht dabei war. Dino und Peter gaben ein guten Ersatz.

Wir verließen missmutig die Halle und wanderten zum Parkplatz, rings um uns begann das Gerenne der jungen Leute auf Abenteursuche und alsbald hockten wir auf unseren Plätzen und rollten über die Emscher. Im CD-Player schrammelten nun Cock Sparrer, Herne, Dortmund, Highway. Kühl und neblig rauschte das Sauerland an uns vorbei, dann das Siegerland - und ich frage mich jedes mal, weshalb die Gegend hier Siegerland heißt, wenn ich doch imer als Verlierer hier durch fahren muss.

Verliererland.

Nach einem Stopp an einer Hamburger Braterei rollten wir weiter, hinten gab es vereinzelte Sangeseinlagen, vorne gepflegte Gespräche; aus dem Abend wurde Nacht und aus der Nacht bald Morgen als die Hochhäuser Frankfurts als Leuchtpunkte aus dem Nichts erwuchsen. Bald fuhren wir über die Messe in die Stadt, deren Fußballverein 1959 zum letzten Mal Deutscher Fußballmeister wurde und hielten gegen 3:00 Uhr an der Südseite. Hier ein Gute Nacht, dort ein Dankeschön und bald radelten zwei müde Krieger durch die City, im Leib die Finsternis einer 0:2 Niederlage in Gelsenkirchen.


Verliererland. Schöne Scheiße.

Immerin besiegte heute die U19 am Riederwald den Nachwuchs aus Hoffenheim mit 2:1 - und dies obgleich die TSG mit 1:0 in Führung ging und zudem mitten im Spiel die Rasenbewässerung ansprang. Eintracht halt, was soll man da machen?