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Dienstag, 3. Februar 2009

Heimspiel in Berlin - Januar 2009


I'm Outlaw Pete!

I'm Outlaw Pete!
- can you hear me?

Oh ja, wir konnten ihn hören, den ersten Song des neuen Albums von Bruce Springsteen; langsam drehten die Gitarren-Riffs in den Song hinein, und langsam rollte ein vollgetankter mit Öl und Wasser versehener silberner Golf auf die Autobahn, hinter uns lag eine Zeit ohne Fußball und vor uns ein Ausflug nach Berlin, traditionell ein Auswärtsspiel im Winter, Kälte und Frost - und dennoch ist Berlin immer eine Reise wert, auch wenn diesmal meine Freunde Susi und Thomas aus unterschiedlichsten Gründen verhindert waren. Pia und ich hatten so im hinteren Teil von Kreuzberg in der Fabrik ein Zimmer gebucht und dort sollte unser erster Halt sein, alles weitere würde sich ergeben; was willst du planen, wenn Gott eh nur über die Pläne lächelt und alles ganz anders kommt, als du dachtest. So hatte ich zum Beispiel meinen alten Telefonvertrag gekündigt und hoffte auf ein sanftes Übergleiten in den neuen, allein die Dinge liefen seltsam und hatten zur Folge, dass am Freitag Morgen mein Telefon und Netzanschluss keinen Mucks mehr machten - und bis auf Weiteres lahm gelegt sind. Es ist Freitag.

Where the cold wind blows
Tomorrow never knows
Where your sweet smile goes
Tomorrow never knows

Die ersten Kilometer zeigten blauen Himmel und wenig Verkehr, wir flossen die A5 entlang, passierten die 10km Baustelle mit den Kinderplakaten an der Seite, die uns sanft darauf aufmerksam machten, die Geduld nicht zu verlieren; besonnen zu bleiben in der Hatz des Alltages. Die Bäume zur Seite, blattlos, wie es sich für den Winter gehört waren bald überzogen von einer kristallinen Schicht, eisweiß harrten die Äste in der Kälte der Tage, weißer Kandis am Stengel - der Tee dazu in der Thermoskanne und Musik obendrein; The Rifles, Rod Stewarts begnadete Version von Gasoline Alley, gesungen in einem Hamburger Hinterhof und immer wieder Springsteen, auch wenn ich zugegebenermaßen lauter mitsang als Pia.

Hessen, Thüringen, die drei Gleichen, Kilometer um Kilometer spulten wir ab und freuten uns auf ein paar unbeschwerte Tage, auf all die Gesichter der vergangenen Jahre und auf die Second Hand Shops in der Hauptstadt, worauf sich zugegebenermaßen Pia mehr freute als ich.

Zwischen Schorba und Magdala legten wir unseren traditionellen Zwischenstopp ein; eine kleine Bude am Hügel, Handwerker wie Reisende warteten auf Thüringer Bratwürstchen, Gulaschsuppe oder Vita-Cola, draußen wars kalt und drinnen günstig.

Willkommen im Land der Frühaufsteher grüßten die Sachsen-Anhaltiner, Leipzig, Halle, später Brandenburg, wir kamen gut durch und verpassten allerdings unsere Abfahrt bei Berlin, so dass wir eine kleine Ehrenrunde drehten und urplötzlich über Marienfelde in die Hauptstadt einrollten, statt auf dem Avus dem Berliner Begrüßungs-Bär zuzuwinken. Immerhin, wir hatten es geschafft; über Tempelhof ging es gemächlich Richtung Kottbusser Tor, dann Schlesisches Tor am Rande zu Treptow, Endstation in der Schlesischen Straße, einchecken - chillen.

Andi hatte uns zum Essen eingeladen und so marschierten wir nur wenig später durch den Görlitzer Park zum Landwehrkanal in Richtung Kreuzberg 61, dem ehemals alternativeren Teil von Kreuzberg. Dort, wo wir im Sommer noch mit T-Shirt und kurzen Hosen am Ufer gesessen hatten klirrte nun eine Kälte, Enten hockten auf einer Eisfläche am Wasser und wir achteten streng darauf, den Hinterlassenschaften der Berliner Hunde auszuweichen, eine Übung, die zu den Klassikern der Hauptsadt zählt, von den Straßen her hupten die Autos und nach einem ordentlichen Fußmarsch schlugen wir bei Andi auf, der gerade dabei war, lecker Börek zu verarbeiten. Arne war schon da, hatte literweise Äppelwoi aus Frankfurt mitgebracht, und wir schwatzten oder spielten mit Klein-Lola, die ordentlich was erzählen kann. Nach dem Mahl dackelten wir in eine Kneipe ums Eck, tranken Astra-Bier - und ich glaube, dass Yvonne, Andis Frau, ganz froh war, dass wir dies nicht bei ihr zuhause taten, bald füllte sich der Tisch mit den kleinen Fläschchen und ebenso bald stieß noch David zu uns, der seit Jahren in Norwegen lebt und extra für das morgige Spiel eingeflogen war. Die Zeit drehte ihre Runden und spät in der Nacht sausten Pia und ich mit einem Berliner Taxi in Richtung temporärer Heimat. Einige Mühe brachte noch die Order eines Sandwiches in einem Subway-Laden. Froh, meine Bestellung aufgegeben zu haben, war ich dann doch bei den Details überfordert. Welcher Käse, welches Gemüse, welche Soße, warm oder kalt, geschnitten oder am Stück - Wahnsinn, was es alles gibt. Am End aber lachten die Bedienung und ich - und ich kaute frohgemut mein erstes Subway-Sandwich.

Über Nacht hatte es geschneit, die Straßen waren weiß und glatt, glatt waren auch meine Stiefel und so rutschten wir nach einem Milchkaffee in Richtung U-Bahn, die an manchen Punkten eine Hochbahn ist. Ein paar Jungs checkten Fahrkarten, wollten günstige Tagestickets verkaufen, wir aber zogen brav ein Einzelticket und hockten uns in einen der gelben Wagen, deren Fenster mit tausenden kleinen Brandenburger Toren verziert waren

... Alle vier Minuten kommt die U-Bahn hier vorbei
und alle dreieinhalb Minuten kommt ein neues Bier
und ich sage dir das ist ungesund
Weil es nämlich irreführend und gefährlich ist
wenn etwas U-Bahn heisst das über unsren Köpfen rattert
schließlich steht das U für Untergrund ...

... sangen Element of Crime vor Jahren; Görlitzer Bahnhof, Kottbusser Tor, Prinzenstraße, Hallesches Tor bis hin zum Wittenbergplatz wo wir umstiegen, noch einen Milchkaffee orderten und später mit der U2 durch Charlottenburg in Richtung Olympia-Stadion rollten. Den ersten Frankfurter, den wir trafen war Adi, der gutgelaunt in Richtung Stadion marschierte, immer wieder seinen Kumpel verlor und dennoch nicht verloren ging. Adi geht nie verloren - und das ist gut so.

Da wir keine Tickets für das Spiel hatten, schlugen wir uns zur S-Bahn am Gästeeingang durch und harrten der Dinge und Menschen, die da kommen würden - und alsbald kamen Christian und Uwe des Wegs, später auch Gerd, Andi, Arne und David, hier stieß noch Rainer zu uns und überhaupt war's ein Guude und Hallo, Tausend kleine Schwätzchen, ab und an ein Schöppchen dazu und da Ina uns noch ein paar Tickets organisieren konnte und wir uns also nicht am Kassenhäuschen anstellen mussten, wanderten wir von Platz zu Platz und babbelten mit Frankfurtern jeglicher Couleur, die einen waren mit dem Zug hier, die anderen mit dem Bus und im Großen und Ganzen war die Stimmung recht gelöst. Good Butcher erzählte mit leuchtenden Augen von einem Bericht, den er über seinen Tag schreiben wollte - und er hat es dann ja auch tatsächlich geschafft. Zwischenzeitlich erreichte uns die Kunde, dass eventuell einige Auseinandersetzungen nach dem Spiel geplant waren und deshalb die Bembelbar auf der Kippe stand, das hätte grad noch gefehlt.

Der Einlass ging halbwegs zügig von statten, alleine direkt vor dem Block mussten wir noch einmal warten; wir schlängelten uns an die Seite und fanden ein Plätzchen rechts neben dem Marathontor, vor uns stand Roland, auch der Bernemer Adler, unten die Ultras und die Mannschaftsaufstellung verkündete, dass Caio für uns überraschend im Kader war und ebenso überraschend Steinhöfer statt Mahdavikia auflief. Auf der blauen Laufbahn lag ein Schneehäuflein, weiße Flocken schwebten zu Boden - und wer erinnerte sich nicht an die Szenerie vor einem Jahr, als Martin Fenin drei Tore schoss und die Eintracht bei leichtem Schneefall mit 3:0 als Sieger vom Platz ging.

Wer auf eine Wiederholung gehofft hatte, wurde in der 17. Minute schwer enttäuscht, der erste Torschuss der Hertha landete im Netz, und es dauerte nicht lange, bis Berlin einen Elfer zugeprochen bekam, aus meiner Sicht völlig unberechtigt und nahezu skandalös (allerdings sollten die Fernsehbilder mich eines besseren belehren). Unser Torhüter Markus Pröll hatte sich bei der Aktion verletzt, was ihn allerdings nicht davon abhielt, den Elfer zu halten, was uns wiederum natürlich Auftrieb gab, leider nicht unseren Jungs auf dem Platz: als der Halbzeitpfiff ertönte, hatte ich den Eindruck, dass die Eintracht nicht statt gefunden hatte, leider nicht zum ersten Mal in dieser Saison.

Und wer gedacht hatte, dass die zweite Hälfte mit mehr Schmagges angegangen wurde, wurde zunächst enttäuscht; keine drei Minuen waren gespielt, als Pantelic zum zweiten Mal traf und wie stets den Aff' machte beim Torjubel. Kurz darauf bugsierte Benny Köhler die Kugel zum Anschlusstreffer ins Netz und ab dann war die Eintracht am Drücker, spielte sich frei, so dass die Hertha lediglich zu einigen Konterchancen kam, immerhin kickten dort Voronin und Pantelic - richtig gefährlich wurde es jedoch nicht mehr - was auch an Jan Zimmermann lag, der den verletzten Pröll ab der 58. Minute ausgezeichnet vertrat.

Später kam Kweuke zu seinem ersten Einsatz und sorgte gleich für Gefahr im Herthastrafraum, wie auch unser zweiter Neuzugang in der Winterpause, Petkovic, als linker Verteidiger eine gute Figur machte - und auch offensiv einige Akzente setzen konnte.

Eigentlich waren wir am Ausgleich dran im kalten Olympia-Stadion. Dort wo die Werbebanden flackern, dass es ein Graus ist und der Stadionsprecher verzeifelt versucht, das Berliner Publikum zur Stimmung zu erkaspern; die Zuschaueranzahl wird von irgendeinem Sponsor präsentiert wozu ein Zählwerk eine gefühlte viertel Stunde braucht, um den Stand anzuzeigen - auf dass du ja genug lange auf den Namen des Sponsors guckst, denn ich schon wieder vergessen habe. Bei aller Liebe, wenn dies die Zukunft des modernen Fußballs ist, dann ohne mich - die grinsen dir doch ins Gesicht und verarschen dich sehenden Auges, vor lauter Geflacker siehst du den Ball nicht mehr. Die Hertha-Fans verhielten sich ruhig - und wir? Nuja, dafür, dass der Ausgleich in der Luft lag, war wenig Peitschendes aus dem Block zu vernehmen, vorne ein bisschen SingSang, in der Mitte Schweigen und sonst ab und an ein Eintracht, Eintracht, zuwenig um zu zünden. Als dann ein Kopfball von Meier in den Armen des anfangs relativ unsicheren Drobny landete, Pantelic bei einer Attacke getroffen wurde und sich anschickte auf dem Platz zu versterben, als die Balljungen mal einen Ball auf das Spielfeld warfen, obgleich noch gespielt wurde, mal einen Ball nicht sofort an die Eintracht rausrückten und zu allem Überfluss der Stadionsprecher ins Spiel eingriff, um die stummen Herthaner Zuschauer dahingehend zu bewegen, den Torhüter zu beklatschen, schwanden die Hoffnungen, hier zu punkten. Nachdem Ochs noch einen Sinnlosball in den Strafraum gekickt hatte, war's dann endgültig vorbei, und die Eintracht hatte verloren. Immerhin, der Auftritt in der zweiten Hälfte machte Mut, ärgerlich war die Niederlage dennoch - und unverdient dazu.

Was folgte war eine weitere Nummer aus Absurdistan. Wir verließen unseren Block und wollten zur U-Bahn marschieren, als wir feststellen mussten, dass sich eine ganze Reihe Polizei inclusive Wagen dazwischen gestellt hatten und kein Durchkommen war. Fantrennung - manchmal eine gute Idee - aber doch nicht, wenn auf beiden Wegen sowohl Frankfurter und Berliner marschierten - und nicht dorthin konnten, wo sie hinwollten. Schön war sicherlich, dass einige Cops auf dem Rücken die Zugnummer 1312 spazieren trugen, buchstäblich A C A B. Lustig. Der Clou aber folgte nach wenigen Metern, dort endete die Sperre und wir liefen auf der anderen Seite wieder zurück und landeten genau dort, wo wir hin wollten; das ganze erinnerte stark an Biathlon und die Strafrunden. Als Pia einen leitenden Cop ansprach, war dieser auch nicht ganz glücklich mit der Situation, immerhin erzählte er uns von geplanten Drittortauseinandersetzungen - und dem Versuch die strömenden Massen ein bisschen zu trennen. Nehmt's sportlich meinte er, was bliebe auch sonst zu tun. Aber habt ihr es gelesen, mein Lieblingswort? Drittortauseinandersetzung. Das wird ab jetzt fester Bestandteil meines Vokabulars. Drittortauseinandersetzung. Doll. Da lobe ich mir doch die Herthaner die vor dem Stadion in einem Wohnwagen mit dem Kennzeichen B-SC ... hockten, eine fette Box angeschlosen hatten und in dem Gefühl des zweiten Platzes in der Tabelle sicherlich eine Kiste Schultheiss platt machten. Drittortdrinking - auch gut.

Kälte und Hunger nahmen uns in deren finstere Klauen und so definierten wir unser Ziel präzise: Öko-Burger futtern im Kreuzburger in der Oranienstraße nahe des Franziskaners, dem Ort der Bembelbar und so ruckelten Andi, Arne, David, Pia und ich Richtung Kreuzberg und marschierten mit klammen Fingern in den Laden, wo wir die nächsten Stunden bei Burger, Bier und Heizung verbrachten, bis wir aufgetaut und frisch für die Bembelbar waren. Zwischenzeitlich enterten etliche Gäste den Laden, viele davon trugen lustige Mützen und bei manch einem wussten wir nicht, ob es sich um eine Mütze oder die Frisur handelte: Dit is Balin, wa?

Schon vor dem Franziskaner standen jede Menge Eintrachtler, Hilde drückte uns zwei Schöppchen in die Hand und so endete die Nacht bei Musik und Tanz, bei Getränk und Gespräch, hier war Bernie, dort Carola, hier Jens und dort Matze, bis spät in die Nacht hockten wir beisammen, trafen viele alte und neue Gesichter und rockten gutgelaunt in den Morgen ... this is the ace of spades, the ace of spades ...


Winternacht in Kreuzberg. In der Eiseskälte marschierten Pia und ich durchs Berliner Dunkel, erstanden noch einen Döner und fielen bald müde aber glücklich in die Falle und ratzen mehr oder weniger durch den Vormittag, wo wir erfuhren, dass sich Prölls Verletzung als weit weniger schlimm herausstellte, als am Abend kolportiert wurde und wir schon befürchtet hatten, ihn zum letzten Mal im Tor der Eintracht gesehen zu haben.


Es folgten ein langer Spaziergang am Sonntagnachmittag mit schönen Berlinbildern und eisigem Wind, ein gepflegter Nachmittag bei Holger und Ryke, ein entspanntes Abendessen beim Griechen und eine letzte U-Bahnfahrt durch die Kälte der Hauptstadt.


Montags standen nach einem ausgiebigem Frühstück die Second Hand Laden auf dem Programm, wir durchstöberten die Lädchen nach brauchbarem Material, tranken noch so manchen Kaffee, trafen Andi an der Bergmannstraße, holten Klein-Lola vom Kinderladen ab und futterten zum Abschied bei Curry 36 noch den obligatorischen Fleischspieß und näherten uns dem Abschied aus Berlin; einer Stadt, die im Sommer pulsierend und lebendig daherkommt, im Winter aber kalt, schmutzig und unwirtlich erscheint - vor allem, wenn die Eintracht verliert. Trotzdem blitzen zwischen Bio-Läden und Hundkot immer wieder die Bilder auf, die du mit dem alten Berlin verbindest, die Freiflächen, die Bolzplätze inmitten der Altbauschluchten, die Graffitis an den Häuserwänden oder die etwas andere Haltung zur bundesdeutschen Vergangenheit.

Wir verabschiedeten uns von Andi, Yvonne und Lola, warfen den Golf an und nach einem kurzem Zwischenstopp an einer Tanke kurz vor der Autobahn am Tempelhofer Damm sausten wir auf den Highway, winkten dem Berliner Bär zum Abschied und wussten: Wir kommen wieder. Radio Motor FM rockte noch eine ganze Weile, später Muse oder Placebo; Kilometer um Kilometer näherten wir uns dem Herzen von Europa, du fährst schneller, wenn es dunkel ist - und knappe 550 km später erhob sich die Skyline von Frankfurt; A661, Friedberger Warte, Nordend. Wir parkten den Golf, der uns so tapfer etliche Kilometer durch Deutschland kutschiert hatte und nahmen noch einen Absacker bei Silke im Backstage. Frankfurt, du hast uns wieder. Aber frage nicht, wie lange.

You and me we've been standing here, my dear
Waiting for our time to come
Where the green grass grows
Tomorrow never knows.




(Fast) alle Fotos sind von Pia Geiger. Schön, gell? Und Danke!

Sonntag, 26. Oktober 2008

Heimspiel in Cottbus - 25.10.2008


Samstag Morgen, 4:20 Uhr. Ich quäle mich nach einer viel zu kurzen Nacht aus dem Bett, tapse planlos durch die Wohnung und nippe an meinem ersten Kaffee, rauche und suche meine Siebensachen zusammen, während Pia mein Care-Paket packt: Brot, Wurst, Apfelwein, Tee und Schokolade - der Weg nach Cottbus ist weit, und nur Tabak wäre zu wenig.

Todmüde werde ich zum Treffpunkt am Riederwald gefahren. Erst gestern Mittag hatte ich mich für die Fahrt bei der Fan- und Förderabteilung angemeldet, für 40 Euro sollte es in die Lausitz und zurückgehen und um 5:00 entlässt mich Pia in die Dunkelheit des Tages, leider kann sie nicht mitkommen, im Museum warten drei Kindergeburtstage auf Betreuung.

Müde schleppe ich mich in den Bus, treffe auf Roland, der wie immer dabei ist und erkenne sonst relativ wenig bekannte Gesichter. Vor mir sitzt Eric, daneben die Wäller Adler, ganz vorne Gerold nebst Käthe, Eintracht-Urgesteine, die auch im Alter es sich nicht nehmen lassen, die Eintracht durch die Republik zu begleiten.

Als Petra, die den Bus organisiert, alle Schäfchen beisammen hat, rollen wir Richtung Bahnhof und weiter zum Waldstadion, wo die letzten Zusteiger ihren Platz im Bus finden. Und dann trifft mich die Erkenntnis wie ein Keulenschlag: Ich befinde mich in einem Nichtraucherbus. Nächster Halt: Eisenach. Zwei Stunden ohne Cigarette, das Leben ist hart für Auswärtsfans.

Müde schaue ich aus dem Fenster, im MP3 Player läuft das neue Judas Priest Album, die Dunkelheit rauscht an uns vorbei, viele schlafen und bald zähle ich die Kilometer zur nächsten Kippe. Gambacher Kreuz, Herleshausen, Raststätte Eisenach.

Wir halten. Ich rauche. Und gehe anschließend in die Gaststätte, um einen Kaffee zu trinken. Roland, Käthe und Gerold sitzen beisammen, alte Geschichten machen die Runde. Eine freundliche Bedienung bringt meinen Kaffee und Käthe erzählt, dass sie seinerzeit in Madrid beim Europapokal-Spiel der Eintracht gegen Atlético Madrid den Bus der Fans ins Stadion verpasst hatte. Dies hörte zufällig der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen und versprach ihr, dass sie mit ihm ins Stadion fahren könne. Als es soweit war, rollte ein Mercedes 600 vor und in ihm saßen nicht nur von Thümen sondern auch der Präsident von Atlético und ein Chauffeur rollte sie ins Stadion. Die anderen Eintrachtler staunten nicht schlecht, als sie sahen, wer dort aus dem Wagen krabbelte. Sogar den Heimweg musste Käthe im 600er antreten, Atléticos Präsident hatte darauf bestanden.

Wir fuhren nicht in einem Mercedes 600 sondern kletterten wieder in unseren Reisebus und starteten gegen neun Richtung Ostosten. Langsam taute die Besatzung auf, draußen war's hell und peu a peu erklangen die ersten Lieder, ploppten die Korken.

Ich unterhielt mich eine ganze Weile mit Eric über die Eintracht, die Zeit sauste vorbei und bald folgte eine zweite Pause. Ich rauchte, treffe RedZone, der mit den Sossenheimern unterwegs ist, wir plaudern, rauchen und schon läutetet der imaginäre Gong zur Weiterfahrt.

Der Gesang im Bus wird lauter, an Unterhaltung ist nicht zu denken und so schaue ich aus dem Fenster, an dem ein sonniger und herbstlicher Tag vorbeizieht. Leuchtend rot-orange-grün-braun die Blätter der Bäume.

Alle Bremer stinken, alle Bremer stinken, weil sie aus der Weser trinken.

Jetzt werden etliche Fußballclubs beschmäht, die Wäller sind gut drauf, lassen die Eintracht hoch leben und stellen über Dortmund fest: Schwarze Füße, gelbe Zähne, BVB.

Ich grinse, rauche bei der nächsten Pause eine Cigarette und schon verlassen wir die Autobahn und fahren über die Bundesstraße nach Chośebuz. In den Gärten wird Laub geharkt, sandige Landschaften mit Kiefern- und Birkenwäldchen wechseln sich mit kleinen Ortschaften ab, schmucke Häuschen mit unrestaurierten Hüttchen aus der Vorwendezeit, 30 Kilometer bis Hoyerswerda, Brandenburg. Die Orte heißen Allmosen oder Lindchen, die zweite Sprache hier ist sorbisch.

Die Wäller geben alles: Eine Straße, ohne Bäume, ja das ist keine Allee - Allez, allez, allez ...

Vier Kilometer vor Cottbus halten wir noch kurz an einem Getränkemarkt, versorgen uns für die Rückfahrt und rattern dann durch die Stadt Richtung Stadion, die letzten Kilometer fährt ein Polizei-Corsa vorneweg.

Direkt vor dem Stadion der Freundschaft halten wir und purzeln aus dem Bus, hier treffe ich Ina, Rudi und Roger und schon sehe ich meinen alten Kumpel Andi, der sich mit Carola und einigen anderen via Eisenbahn aus der Hauptstadt auf den Weg gemacht hatte. Ich bin überzeugt, dass wir gewinnen, 6:5 lautet mein Tagestipp - ohne die verletzten Spieler und angesichts der Tatsache, dass Energie bislang erst drei und die Eintracht gerade mal sieben Tore geschossen hat, sind solche Voraussetzungen ideal für Überraschungen.

Währen die beiden an der Kasse anstehen, erstehe ich ein Stadionmagazin und erkenne den kleinen Pulk von Eintracht-Fans am Eingang. Obgleich wir wenige sind, dauert der Einlass relativ lange - als wir dran sind, weiß ich auch weshalb: Jeder von uns wird akribisch abgetastet, in meinen Taschen befinden sich zwei Feuerzeuge - eines davon muss ich wegwerfen, später muss ich die Schuhe ausziehen. Die Ordner sind geduldig und freundlich, machen ihern Job. Sie wissen, dass durch solche Aktionen die Agressionen geschürt werden - aber was sollen sie machen?

Die alte Kurve ist weg, auch die Getränkebude dahinter. Statt dessen stehen wir in einem kleinen, vergittertem Block, links daneben die Sitzplätze, rechts, im Freien ein weiterer Gästeblock, metallne Stufen, metallne Abtrennung - ungastlich, zumal die Absperrung ebenso die Sicht behindert, wie ein Pfosten, der das Tribünendach trägt. Dahinter fährt ein Bimmelbähnchen, wohin auch immer.

Wir treffen Arne und Tobi, ich erkenne Siggi und Sabine, maobit aus Belin ist auch hier - und unten laufen sich unsere Jungs warm - Fenin und Korkmaz in langen Hosen, Caio und Kreso in kurzen - das wird ja interessant. Viele Fans aus dem Osten sind hier und unterstützen die Adler mit den Hessen von Beginn an. Die Stimmung ist gut, aber: Cottbus macht das Spiel.

9. Minute 0:1 Rangelov.

Schock.

Egal. Weiter geht's.

15. Minute 0:2 Rangelov.

Schock.

Egal. Weiter geht's. Andi meint, er habe seiner Frau versprochen, gutgelaunt nach Hause zu kommen und holt ein Bier. Die Unterstützung ist auch jetzt noch da, Cottbus steht vor dem 3:0, Oka hält.

Urplötzlich ist irgendwas anders. Der Vorsänger Martin greift zum Megafon, Tränen schießen ihm ins Gesicht, ich verstehe nur St. Tropez Bar und abgestochen.

Stille.

Fahnen werden eingepackt, Supportversuche werden im Keim erstickt. Was ist los, die Eintracht braucht uns - aber grundlos wird kein Support in dieser Situation eingestellt, zumal sich die Eintracht ein wenig berappelt hat. Wir müssen punkten, um mich herum weiß niemand genaues, Fink zieht aus knapp 20 Meter ab, 1:2 - verhaltener Jubel im Block.

Stille.

Ich treffe Minnie, auch er weiß nichts genaues - ich bin überzeugt, dass wir gewinnen.

Mit dem Halbzeitpfiff verlasse ich den Block, treffe RedZone und Tristan mit Tränen in den Augen in einer Ecke, Freunde, was ist passiert?

Und dann weiß ich, was passiert ist. Carsten, Mitarbeiter in der St. Tropez Bar, Kumpel und Freund vieler von uns, ist in der Nacht auf Samstag auf dramatische Art ums Leben gekommen, getötet worden. Fassungslosigkeit. Hilde kommt hinzu, erzählt genaueres.

Schock.

Ich rufe Rudi an, er weiß schon Bescheid, hat die Eintracht-Führung informiert, dass die Stille im Block nicht gegen das Team gerichtet ist. Etliche verlassen nicht nur den Block, sondern auch das Stadion - trauern, zweifeln, verstehen es nicht.

Hatte ich nach dem letzten Heimspiel die Meldung erhalten, dass Steffen schwer verunglückt war (und heute Gott sei Dank über den Berg ist) so folgte nun die nächste Katastrophe.

Ich laufe zurück in den O-Block, kläre ein paar Leute auf und kapiere nicht wirklich. Bilder schießen mir durch den Kopf, Carsten am Riederwald mit seiner Kleinen. Wenn ich ihn sehe lache ich immer: Hey, the beauty and the beast - grinse ihn an und sage: die Beauty bist du nicht. Er lacht, freut sich für die Kleine.

Nie mehr.

Unten spielt die Eintracht der Support der übrig gebliebenen beginnt zaghaft, steigert sich - ich bin zwanzig Minuten wie gelähmt. Surreal das Ganze. 2:2 Fenin. Jubel. Trauer.

Ich gebe mir einen Ruck, Carsten hätte gewollt, dass die Eintracht gewinnt - also geben wir dafür alles. Jetzt erst recht. Eintracht, Eintracht schallt es durchs Stadion. Ochs geht und wird vom jungen Tsoumou ersetzt, offensiv für defensiv, wie oft hatten wir uns gewünscht, genau dies zu sehen. Hier regiert die SGE und die Jungs danken es uns, der Ball saust ins Netz, wer das Tor geschosen hat, wissen wir nicht: aber es war eins für uns, für Carsten. 3:2, ein Spiel gedreht, aussichtslos zurück gelegen und wieder dabei. Die S G E ist wieder da. Wir liegen uns in den Armen, brüllen es aus uns heraus. Jaaaaaaa. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa. Geil. Trauer. Abpfiff. Auswärtssieg.

Seltsam diese Melange aus Begeisterung und Leid; es gibt Gefühle, für die es kein Wort gibt, die auch im älterwerden erst entdeckt werden müssen, emotionaler Rausch in Tiefen des Lebens, die schwarze Sonne des Lichts, ich weiß nicht.

Andi und Carola sind Richtung Bahnhof geeilt, ich sitze im Bus, wir fahren zurück, unterhalten uns über Gott und die Welt, Roland, Minnie, der nun auch dabei ist und ich. Gemeinsam singen wir mit anderen für Carsten Im Herzen von Europa, lassen den Osten hinter uns, machen Pause, rauchen, kaufen Bierdosen und bald sind wir wieder in Frankfurt. Anders als wir losgefahren sind. Ich steige aus, bedanke mich für die Orga und sehe Pia, die schon am Riederwald auf mich wartet, und mich abholt. Aufgeregt schildere ich ihr den Tag - bis lange in die Nacht unterhalten wir uns; aber dennoch wird es noch eine Zeitlang dauern, bis ich den Tag verarbeitet habe, den 25. Oktober 2008.

Der Tag, an dem wir einer weniger wurden. Es ist unser Leben, machen wir das beste daraus.