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Montag, 29. November 2010

Tatort: Hauptfriedhof


Kalt war es am Sonntag morgen, sehr kalt sogar. Das Eintracht Frankfurt Museum hatte zu einem Rundgang über den Frankfurter Hauptfriedhof eingeladen - natürlich nicht ohne Hintergedanken. Wir wollen Gräber verstorbener Eintrachtler besuchen und dort nicht nur ein Lichtlein entzünden, sondern auch an Geschichten erinnern, die sich einst zugetragen haben und die Eintracht über Jahre hinweg geprägt haben. Nahezu vierzig Eintrachtler folgen dem Aufruf, darunter Angehörige der Verstorbenen, Freunde, Interessierte und mit Erwin Stein und Dieter Stinka sogar zwei Spieler der Meistermannschaft von 1959

Nicht weit entfernt vom alten Portal liegt das Ehrengrab des ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Kolb, (22.01.1902 - 20.09.1956) unserer ersten Station. Walter Kolb, Sozialdemokrat in einer Zeit, als dies noch etwas bedeutete war der erste demokratisch gewählte Nachkriegsbürgermeister in Frankfurt. Von 1946 bis 1956 amtierte er 10 Jahre lang und war noch für weitere 10 Jahre gewählt, als er nach mehreren Herzinfarkten im Alter von nur 56 Jahren verstarb. Zuvor half er tatkräftig mit, das kriegszerstörte Frankfurt wieder aufzubauen und die Stadt in Deutschland zu etablieren. Neben der Wiederbelebung der Messe war der Ausbau des Flughafens ein entscheidender Faktor zum Aufstieg Frankfurts als Wirtschaftsmetropole. Kolb war ein begeisterter Schwimmer, und durchschwamm in frühen Jahren regelmäßig den Main. Er versuchte schon früh, das Waldstadion welches nach dem Krieg durch die Amerikaner konfisziert wurde und den Namen "Victory Park" erhielt für die Stadt zurück zu gewinnen - ein Unterfangen, welches erst nach 1950 von Erfolg gekrönt war. Zuvor wurde die zerstörte Paulskirche wieder aufgebaut, zeitgleich kümmerten sich die Turner um ihr gleichfalls zerstörtes Vereinsheim. Da Baumaterial knapp in jenen Jahren war, erhielten die Turner der Turngemeinde den Tipp vom Oberbürgermeister, sich auf der Baustelle der Paulskirche mit Material zu versorgen. Und so kam es, dass die Turnhalle am Oeder Weg in Teilen sehr eng mit der Wiege der Demokratie, der Paulskirche, verknüpft ist.

Unser nächstes Ziel ist das Grab des Urvaters der Eintracht Albert Pohlenk (12.12.1875 - 04.09.1948)), es liegt gar nicht so weit entfernt von Walter Kolb. Doch er ist groß, der Hauptfriedhof, trotz genauer Lagebezeichnung und Plan müssen wir stets aufpassen, uns nicht zu verlaufen. Angehäuftes Laub wird von einer leichten Schneeschicht überzuckert, stumme Figuren mit Flügeln weisen uns den Weg. Hinter der Gruppe rollt das Friedhofstaxi, falls jemand nicht gut zu Fuß ist, wird er gefahren.

Das Grab von Albert Pohlenk ist schlicht, nichts erinnert an Fußball oder gar an die Eintracht - obwohl es ohne ihn die wechselhafte Geschichte der Diva nicht geben würde. Pohlenk, dessen Enkel und Urenkel uns auf unserem Spaziergang begleiteten, gründete mit Freunden am 8.März 1899 in einer Gaststätte nah des Bahnhofs in der Düsseldorfer Straße den Vorgängerverein der Eintracht, den Frankfurter Fußballclub Victoria. Albert Pohlenk war nicht nur Spieler, sondern auch der erste Vorsitzende des Clubs, der sein erstes Spiel gegen den FC Bockenheim gleich mit 4:1 gewinnen konnte. Ursprünglich aus Sachsen kommend, spielte der junge Pohlenk bei einem Magdeburger Verein namens - Victoria. Auf der Walz blieb der gelernte Uhrmachermeister in Frankfurt hängen, etablierte seine Werkstatt in der Eckenheimer Landstraße und engagierte sich zunächst in Frankfurts ältestem Fußballverein, bei der Germania 1894 - bis Meinungsverschiedenheiten ihn und einige andere zur Neugründung eines Clubs bewogen. Nach seiner Kriegsgefangenschaft während des ersten Weltkrieges kehrte er nach Frankfurt zurück und blieb dem Verein, der seit 1920 den Namen Eintracht führte bis zu seinem Tod 1948 treu. Eine große Ehrung erfolgte 1935 anlässlich seines 60 Geburtstages. Eine kleine Ehrung erfolgt heute; wie an allen Gräbern legen wir einen Zweig nieder und entzünden ein Grablicht.

Wir wandern weiter, nah der Gruftenhalle entdecken wir die letzte Ruhestätte der Familie Runzheimer. Karl-Heinz Runzheimer betreute lange Jahre die Fußballer als Mannschaftsarzt - unter seinen Händen holten sie den Meistertitel 1959. Die Eintracht kann eine große Familie sein; zumindest Karl-Heinz Runzheimer und seine Frau Doris geborene Eckert trugen ihren Teil dazu bei. Doris Eckert war eine bekannte Leichtathletin bei der Eintracht und erreichte bei den Olympischen Spielen 1936 einen beachtlichen sechsten Platz. Heute liegen sie einträchtlich nebeneinander, der Arzt und die Leichtathletin, deren Sohn Joost uns heute ebenfalls begleitet.

Nicht weit davon entfernt liegt das Grab des Fritz Becker (13.09.1888 - 19.02.1963); auch hier erinnert nichts an eine grandiose Fußballvergangenheit. Fritz Becker schloss sich mit 14 Jahren den Frankfurter Kickers an, neben der Victoria der zweite direkte Vorläuferverein der Eintracht. Fußball war in dieser Zeit alles andere als gesellschaftsfähig, so musste der Schüler Becker seine Fußballleidenschaft des Öfteren mit Karzer bezahlen. Nachdem er im Jahr 1907 beide Tore beim 2:6 gegen das englische Spitzenteam Newcastle United geschossen hatte, galt er schon in jungen Jahren als einer der besten Fußballer Frankfurts - und stand tatsächlich beim allerersten Länderspiel in der Historie des DFB in der Schweiz auf dem Platz. Doch bis es soweit war, mussten einige Hürden übersprungen werden. Becker erhielt die Einladung zum Länderspiel wenige Tage zuvor. Mitzubringen waren Fußballschuhe und ein Anzug, den sich der Schüler für 12 Goldmark leihen musste. Da die Nationalspieler von den Landesverbänden nominiert wurden und Becker der einzige Frankfurter im Team war, wartete er mutterseelenalleine auf dem Bahnhof, ohne zu wissen, wo der Treffpunkt in Basel sein würde. Erst kurz vor Abfahrt des Zuges kam ein Männlein angerannt und begleitete ihn bis Basel ins dortige Hotel Metropol. Seine Mitspieler aber lernte er erst im Zug oder gar kurz vor dem Spiel kennen; Becker berichtete später davon, dass die Kleiderfrage seitens der Funktionäre weitaus wichtiger genommen wurde als taktische Finessen oder auch das Spiel selbst.

Dennoch erzielte Fritz Becker den ersten Treffer in der Länderspielgeschichte Deutschlands, ein zweiter sollte im gleichen Spiel noch folgen - doch der Endstand lautete schließlich aus deutscher Sicht 3:5. Als beim anschließenden Bankett (zu Essen gab es unter anderem Mockturtlesuppe) der Schweizer Torhüter Dreifuß mit Händen und Füßen das Spiel Revue passieren ließ, fegte er die Saucen vom Tisch, die auf Beckers geliehenem Anzug landeten. Die Reinigung und Reparatur des geliehenen Stückes kostete weitere 48 Mark - eine teure Reise für den jungen Mann, dessen erstes Länderspiel auch sein letztes bleiben sollte. Wenig später brach sich Becker in einem Spiel das Bein und ward nahezu zwei Jahre außer Gefecht gesetzt. Die Knochen wurde mit Draht geflickt, der sich Zeit seines Lebens im Schienbein von Fritz Becker befinden sollte. Als Becker, der schon 1920 bei der Einweihung des Riederwaldes für sein 850. Spiel geehrt wurde und später sogar Ehrenspielführer der Eintracht wurde, 1963 im Sterben lag, wünschte er sich eine Feuerbestattung. Der Draht im Bein machte dies seinerzeit jedoch unmöglich; Fritz wurde notgedrungen gegen seinen Willen im Sarg beerdigt - wie sein anwesender Sohn den erstaunten Zuhörern berichtet. Die letzten Jahre war Becker mit Annemie Kübert verheiratet, die eine äußerst erfolgreiche Handballerin bei der Eintracht gewesen ist und 1956 sogar Vizeweltmeisterin wurde. Auch diese beiden liegen heute einträchtlich nebeneinander.

Wer den Gruftenweg weiter nach Norden spaziert, der stößt unweigerlich auf das Grab von Hermann "Stift" Höfer. (19.07.1934 - 22.10.1996) Der bodenständige Linksverteidiger stand nicht nur beim 5:3 im Finale zur Deutschen Meisterschaft 1959 gegen die Kickers auf dem Platz, sondern erreichte auch das Endspiel im Europapokal gegen Real Madrid. Lange Jahre war der Bankangestellte, dessen Spitzname aus einem Telefongespräch zwischen einem Journalisten und dem damaligen Vorgesetzten resultierte. Wen wolle sie spreche? Ach, sie meine unsern Stift ... resümierte Höfers Chef - und Hermann hatte von diesem Tag an seinen Spitznamen weg.

Eine schwere Verletzung, erlitten im Spiel gegen Köln im März 1966 beendete die Karriere von Hermann Höfer, der 1956 bei den Olympischen Spielen in Melbourne sogar das Deutsche Trkot tragen durfte. Doch auch nach seiner Verletzung blieb der Stift der Eintracht als Jugend- und Amateurtrainer und sogar als Vizepräsident treu. Höfer war ein großer Sammler von Eintrachtdevotionalien - die nach seinem viel zu frühen Tod von seiner Gattin aufbewahrt wurden. Als die Planungen für das Eintracht Museum Gestalt annahmen und Matze Thoma auf der Suche nach Exponaten war, öffnete Frau Höfer die Schatztruhe und schuf somit zur großen Freude unseres Direktors eine tolle Grundlage für das Eintracht-Museum. Nicht zuletzt das Europapokal-Endspiel-Trikot von 1960 fand so seinen Weg in die Öffentlichkeit.

Ebenfalls schon 1996 von uns gegangen ist Richard Kress, (06.03.1925 - 30.03.1996) der beliebte Rechtsaußen, dessen letzte Ruhestätte nah des Mausoleums Reichenbach-Lessonitz liegt. Richard Kress kam 1953 aus Fulda zur Eintracht, genauer vom FV Horas und wurde ob seiner Schnelligkeit der Blitz von Horas genannt. Hinter ihm lag eine Kriegsgefangenschaft und vor ihm der Meistertitel von 1959, die Teilnahme am Europapokalfinale 1960 sowie die Ehre, den Titel ältester Bundesligadebütant aller Zeiten zu tragen. Da Kress beim ersten Spieltag der Saison 1963/1964, der allerersten Bundesligasaison, auf dem Platz stand und er mit 38 Jahren der älteste Spieler war, dürfte ihm dieser Titel nicht mehr zu nehmen sein. Ebenso dürfte kein Spieler älter als 38 Jahre alt sein, wenn er sein erstes Bundesligator schießt - so wie weiland Richard Kress.

Lange Jahre führte er gemeinsam mit seiner Frau am Oeder Weg eine Drogerie und fuhr mit der Straßenbahn an den Riederwald zum Training. Der Nachwuchs bestürmte von Zeit zu Zeit die Drogerie und bat den bekannten Fußballer um Autogramme, die er bereitwillig gab. Neun Länderspiele absolvierte Kress zwischen 1954 und 1962 - eine Teilnahme an einer Weltmeisterschaft blieb ihm jedoch versagt. Herbergers Wortbruch anlässlich der WM in Chile (entgegen der Beteuerung Herbergers wurde Richard Kress nicht nominiert) war für ihn eine große Enttäuschung.
Immerhin: Eines der Prunkstücke des Museums stammt von Richard Kress, konnte er doch 1960 nach dem Europacup-Finale den Spielball einpacken, der von Ingeborg Kress vor ein paar Jahren anlässlich der Museumseröffnung feierlich überreicht wurde.

Nun führt uns der Weg an der Eckenheimer Mauer über das Mausoleum Gans in den nördlichen Teil des Friedhofs. Nah beieinander liegen dort Carsten Alsheimer (27.11.1974 - 24.10.2008) und Ute Hering (23.03.1954 - 20.11.2009), die doch eben noch unter uns weilten. Carsten kam 2008 auf dramatische Weise ums Leben - noch keine 34 Jahre alt. Er war Eintrachtfan durch und durch, begleitete die Eintracht auch auf Auswärtsspielen und hatte noch am Abend vor seinem Tod Abschied vom Riederwald genommen, der dem Neubau des Leistungszentrums weichen musste. Am nächsten Tag spielte die Eintracht in Cottbus und lag bereits mit 0:2 hinten, als die traurige Nachricht vom Tod Carstens die Runde machte. Viele die ihn kannten verließen den Block, andere supporteten die Eintracht zum Sieg - die das Spiel tatsächlich noch mit 3:2 gewann.

Beim folgenden Heimspiel gegen die Bayern nahm die Kurve angemessen Abschied von einem der Ihren. Too young to die tönte es über den Videowürfel und ein Banner hing am Oberrang: Geblieben ist die Leere und der Platz neben mir, im Unterrang hing das Konterfei Carstens. Die ersten Minuten während des Spieles herrschte trauriges Schweigen, sogar die Fans der Bayern waren ruhig - dann schallte es ohrenbetäubend aus der Kurve Wir sind alle Frankfurter Jungs.

Als Ute Hering verstarb schien der Riederwald den Atem anzuhalten. Lange Jahre begleitete sie die Eintracht als Assistenz des Präsidiums - und war für viele die Seele des Vereins. Sie wusste stets wer wo was brauchte und hatte trotz konsequenter Handhabe für jeden ein gutes Wort und im Zweifel auch noch eine Eintrittskarte oder den Schlüssel für einen Raum. Ihre Erkrankung kam plötzlich, zu plötzlich, als dass sie den Umzug in den neuen Riederwald noch miterleben konnte. Bei der Trauerfeier platzte der Saal aus allen Nähten, die ganze Eintracht war erschienen, um Abschied von Ute zu nehmen, sogar die Lizenzspielermannschaft war letzten November vollständig versammelt. Mit Ute Hering ging der gute Geist, der den alten Riederwald über Jahrzehnte geprägt hat. Und dabei war sie zu Beginn ihrer Tätigkeit gar kein Eintrachtfan: für den BSC Schwarz Weiß drückte sie die Daumen.

So endete nun unser Spaziergang, der keineswegs tieftraurig aber gleichwohl nachdenklich daher kam und die Eintrachtler verabschiedeten sich voneinander und verstreuten sich in alle Winde. Es war die erste Veranstaltung dieser Art, weitere werden folgen - sicherlich auch einmal bei angenehmeren Temperaturen - nach zwei Stunden waren wir schon ordentlich durchgefroren. Der nächste Rundgang ist schon geplant; er wird uns aller Voraussicht nach auf den Südfriedhof in Frankfurt-Sachsenhausen führen. Falls ihr wisst, wo verstorbene Eintrachtler ihre letzte Ruhe gefunden haben, so lasst uns es wissen; vielleicht gelingt es uns ja, möglichst viele zu verzeichnen, um von Zeit zu Zeit ihrer zu Gedenken - bis wir uns eines Tages selbst dazu legen werden.



Fotos: Pia Geiger

Donnerstag, 30. Oktober 2008

Too young to die


Das Spiel Eintracht gegen Bayern ist immer ein besonderes Spiel. Mal ist es besonders unwichtig, weil die Bayern eh gewinnen und dies nicht nur gegen die Eintracht, sondern gegen (fast) alle anderen Teams, quasi das Streichresultat der Runde - und mal ist es besonders wichtig, weil die Eintracht gewinnt. Es gab in der Historie unter Anderem direkt verwandelte Eckbälle, den Uefa-Cup Halbfinalsieg, eine Niederlage, die am grünen Tisch in einen Sieg verwandelt wurde und es gab einen Fallrückzieher von Christoph Preuß. Zuletzt hielt uns Oka Nikolov einen Punkt in München fest.

Heimspiele gegen Bayern München zeichneten sich Jahrzehnte vor allem dadurch aus, dadurch aus, dass die Ränge durchsetzt waren von bajuwarischen Anhängern, die in den Siebzigern und Achtzigern wenig bis nichts zu feiern hatten - bis Klaus Augenthaler Uli Stein nahezu von der Mittellinie überwand und dass meist ein Frankfurter fehlte, nämlich ich. Spiele gegen die Bayern waren für die anderen, gegen Düsseldorf oder Schweinfurt war ich dann wieder dabei.

Seit einiger Zeit verkauft Eintracht Frankfurt Tickets für die Partie gegen Bayern zumeist an Dauerkarteninhaber, somit hält sich der rot-weiße Andrang in Grenzen und ich bin seit ein paar Jahren brav dabei. So wie gestern, am 29.10.2008.

Noch am Nachmittag hatte sich unsere U23 durch ein ungefährdetes 3:0 gegen den TSV Großbardorf am Bornheimer Hang an die Tabellenspitze der Regionalliga-Süd gesetzt, am Abend rollten Biber, Pia und ich Richtung Louisa, trafen auf meinen Daddy und marschierten durch die Dunkelheit Richtung Stadion. Die Blätter schwebten wie Schneeflocken von den herbstlichen Bäumen; der Stadtwald beginnt, sich winterfein zu machen und wir wanderten zur Mörfelder Landstraße, Lichter der Zivilisation.

Autos parkten am Rand, von überall her strömten Menschen zusammen, aßen Wurst oder tranken Bier beim Bratwurst-Walter, am Country Kitchen, die Stimmung war gelöst. Hinter uns lagen zwei Siege, vor uns die Gewissheit, dass auch eine Niederlage im heutigen Spiel kein Beinbruch wäre, trat die Eintracht doch mit einem Kader an, der durch die vielen Verletzten arg ausgedünnt war. Amanatidis, Bajramovic, Bellaid, Chris, Inamoto, Köhler, Krük, Meier, Preuß, und Vasoski konnten nicht auflaufen, dafür saßen die U23-Akteure Chandler, Mössmer und Tsoumou auf der Bank, was willst du da groß erwarten? Einsatz und Laufbereitschaft sicherlich, vielleicht ein bisschen Glück.

Der Einlass ging flott, wir waren früh dran, und nach einem kurzem Hallo im Museum wanderten wir auf unsere Plätze. Es sind nicht die besten, aber es sind unsere seit Jahren, dort im Oberrang in der 14ten Reihe, wo die Einlaufkids später sitzen werden und viele Plätze von Spiel zu Spiel wechseln, Dauerkarten gibt es hier relativ wenige, man freut sich über bekannte Gesichter.

Die Mannschaftsaufstellung wurde verkündet, jedoch nicht der Trainer und dankenswerterweise Weise gabe es auch den Hinweis auf die geplante Reaktion der Kurve zum Tod des vergangenen Samstag getöteten Carsten. Ihm zum Gedenken sollten die ersten drei Minuten stehend und schweigend verbracht werden, auch an den Treppenaufgängen fanden sich einige Hinweise. Banner hingen keine, und auch die Fahnen blieben an diesem Tag zu Hause.

Und so wurde der Videowürfel zunächst dunkel, zeigte dann ein Erinnerungsbild, während über die Boxen ein Lied abgespielt wurde, welches die Gemütslage vieler traf, Stage Bottles - too young to die.


Im Stadion herrschte weitgehend Stille, sogar die gut gefüllte Gästekurve schwieg während der ersten drei Minuten, nicht selbstverständlich und anerkennenswert - und erst nach Ablauf der 180 Sekunden wurde es laut.

Die Eintracht kämpfte, Bayern spielte pomadig und wenn sie einmal vors Tor kamen, hielt Nikolov den Kasten bis zur Halbzeit sauber. Einige Bayern-Anhänger hatten sich in unsere Kurve verirrt, forderten meinen Hintermann zum Setzen auf und zeigten auf ein Neues, dass üblicherweise der Kick gegen die Münchner eigentlich verzichtbar war.

In der zweiten Hälfte traf Steinhöfer unter Mithilfe von Demichelis zum 1:0 für die Eintracht, ein Hoffnungsglimmen setzte ein - und wurde durch zwei Treffer von Borowski und Ribery jäh zerstört, obgleich Fenin noch kurz vor Ende einen Rückzieher knapp übers Tor von Rensing wuchtete. Der Bayern-Keeper hatte sich durch seine aufreizende Art keine Freunde geschaffen, verzögerte Mal auf Mal das Spiel und ich hoffte sehr auf Tsoumous Tor in der letzten Sekunde, allein es fiel nicht - und so gewannen die Münchner wieder mal in Frankfurt - gegen eine Eintracht, die hoch erhobenen Kopfes vom Platz gehen konnte. Sie gaben alles - und es sollte nichts nutzen. Und so wurden die Jungs von der Kurve gefeiert, während sich gerademal fünf Bayernkicker in die Gästekurve trollten, um den weitgereisten Fans zuzuwinken, der Rest verschwand schnurstracks in die Kabine.

Und wir marschierten zwar nicht gut gelaunt aber zuversichtlich in das herbstliche Dunkel der Nacht, nachdem Pia noch den Inhalt eines vom Oberrang nach unten geworfenen Bieres abbekam. Sonntag, 17:00 bei Borussia Mönchengladbach.

Auswärtssieg!




Stage Bottles - Too young to die
in memoriam carsten a.



Sonntag, 26. Oktober 2008

Heimspiel in Cottbus - 25.10.2008


Samstag Morgen, 4:20 Uhr. Ich quäle mich nach einer viel zu kurzen Nacht aus dem Bett, tapse planlos durch die Wohnung und nippe an meinem ersten Kaffee, rauche und suche meine Siebensachen zusammen, während Pia mein Care-Paket packt: Brot, Wurst, Apfelwein, Tee und Schokolade - der Weg nach Cottbus ist weit, und nur Tabak wäre zu wenig.

Todmüde werde ich zum Treffpunkt am Riederwald gefahren. Erst gestern Mittag hatte ich mich für die Fahrt bei der Fan- und Förderabteilung angemeldet, für 40 Euro sollte es in die Lausitz und zurückgehen und um 5:00 entlässt mich Pia in die Dunkelheit des Tages, leider kann sie nicht mitkommen, im Museum warten drei Kindergeburtstage auf Betreuung.

Müde schleppe ich mich in den Bus, treffe auf Roland, der wie immer dabei ist und erkenne sonst relativ wenig bekannte Gesichter. Vor mir sitzt Eric, daneben die Wäller Adler, ganz vorne Gerold nebst Käthe, Eintracht-Urgesteine, die auch im Alter es sich nicht nehmen lassen, die Eintracht durch die Republik zu begleiten.

Als Petra, die den Bus organisiert, alle Schäfchen beisammen hat, rollen wir Richtung Bahnhof und weiter zum Waldstadion, wo die letzten Zusteiger ihren Platz im Bus finden. Und dann trifft mich die Erkenntnis wie ein Keulenschlag: Ich befinde mich in einem Nichtraucherbus. Nächster Halt: Eisenach. Zwei Stunden ohne Cigarette, das Leben ist hart für Auswärtsfans.

Müde schaue ich aus dem Fenster, im MP3 Player läuft das neue Judas Priest Album, die Dunkelheit rauscht an uns vorbei, viele schlafen und bald zähle ich die Kilometer zur nächsten Kippe. Gambacher Kreuz, Herleshausen, Raststätte Eisenach.

Wir halten. Ich rauche. Und gehe anschließend in die Gaststätte, um einen Kaffee zu trinken. Roland, Käthe und Gerold sitzen beisammen, alte Geschichten machen die Runde. Eine freundliche Bedienung bringt meinen Kaffee und Käthe erzählt, dass sie seinerzeit in Madrid beim Europapokal-Spiel der Eintracht gegen Atlético Madrid den Bus der Fans ins Stadion verpasst hatte. Dies hörte zufällig der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen und versprach ihr, dass sie mit ihm ins Stadion fahren könne. Als es soweit war, rollte ein Mercedes 600 vor und in ihm saßen nicht nur von Thümen sondern auch der Präsident von Atlético und ein Chauffeur rollte sie ins Stadion. Die anderen Eintrachtler staunten nicht schlecht, als sie sahen, wer dort aus dem Wagen krabbelte. Sogar den Heimweg musste Käthe im 600er antreten, Atléticos Präsident hatte darauf bestanden.

Wir fuhren nicht in einem Mercedes 600 sondern kletterten wieder in unseren Reisebus und starteten gegen neun Richtung Ostosten. Langsam taute die Besatzung auf, draußen war's hell und peu a peu erklangen die ersten Lieder, ploppten die Korken.

Ich unterhielt mich eine ganze Weile mit Eric über die Eintracht, die Zeit sauste vorbei und bald folgte eine zweite Pause. Ich rauchte, treffe RedZone, der mit den Sossenheimern unterwegs ist, wir plaudern, rauchen und schon läutetet der imaginäre Gong zur Weiterfahrt.

Der Gesang im Bus wird lauter, an Unterhaltung ist nicht zu denken und so schaue ich aus dem Fenster, an dem ein sonniger und herbstlicher Tag vorbeizieht. Leuchtend rot-orange-grün-braun die Blätter der Bäume.

Alle Bremer stinken, alle Bremer stinken, weil sie aus der Weser trinken.

Jetzt werden etliche Fußballclubs beschmäht, die Wäller sind gut drauf, lassen die Eintracht hoch leben und stellen über Dortmund fest: Schwarze Füße, gelbe Zähne, BVB.

Ich grinse, rauche bei der nächsten Pause eine Cigarette und schon verlassen wir die Autobahn und fahren über die Bundesstraße nach Chośebuz. In den Gärten wird Laub geharkt, sandige Landschaften mit Kiefern- und Birkenwäldchen wechseln sich mit kleinen Ortschaften ab, schmucke Häuschen mit unrestaurierten Hüttchen aus der Vorwendezeit, 30 Kilometer bis Hoyerswerda, Brandenburg. Die Orte heißen Allmosen oder Lindchen, die zweite Sprache hier ist sorbisch.

Die Wäller geben alles: Eine Straße, ohne Bäume, ja das ist keine Allee - Allez, allez, allez ...

Vier Kilometer vor Cottbus halten wir noch kurz an einem Getränkemarkt, versorgen uns für die Rückfahrt und rattern dann durch die Stadt Richtung Stadion, die letzten Kilometer fährt ein Polizei-Corsa vorneweg.

Direkt vor dem Stadion der Freundschaft halten wir und purzeln aus dem Bus, hier treffe ich Ina, Rudi und Roger und schon sehe ich meinen alten Kumpel Andi, der sich mit Carola und einigen anderen via Eisenbahn aus der Hauptstadt auf den Weg gemacht hatte. Ich bin überzeugt, dass wir gewinnen, 6:5 lautet mein Tagestipp - ohne die verletzten Spieler und angesichts der Tatsache, dass Energie bislang erst drei und die Eintracht gerade mal sieben Tore geschossen hat, sind solche Voraussetzungen ideal für Überraschungen.

Währen die beiden an der Kasse anstehen, erstehe ich ein Stadionmagazin und erkenne den kleinen Pulk von Eintracht-Fans am Eingang. Obgleich wir wenige sind, dauert der Einlass relativ lange - als wir dran sind, weiß ich auch weshalb: Jeder von uns wird akribisch abgetastet, in meinen Taschen befinden sich zwei Feuerzeuge - eines davon muss ich wegwerfen, später muss ich die Schuhe ausziehen. Die Ordner sind geduldig und freundlich, machen ihern Job. Sie wissen, dass durch solche Aktionen die Agressionen geschürt werden - aber was sollen sie machen?

Die alte Kurve ist weg, auch die Getränkebude dahinter. Statt dessen stehen wir in einem kleinen, vergittertem Block, links daneben die Sitzplätze, rechts, im Freien ein weiterer Gästeblock, metallne Stufen, metallne Abtrennung - ungastlich, zumal die Absperrung ebenso die Sicht behindert, wie ein Pfosten, der das Tribünendach trägt. Dahinter fährt ein Bimmelbähnchen, wohin auch immer.

Wir treffen Arne und Tobi, ich erkenne Siggi und Sabine, maobit aus Belin ist auch hier - und unten laufen sich unsere Jungs warm - Fenin und Korkmaz in langen Hosen, Caio und Kreso in kurzen - das wird ja interessant. Viele Fans aus dem Osten sind hier und unterstützen die Adler mit den Hessen von Beginn an. Die Stimmung ist gut, aber: Cottbus macht das Spiel.

9. Minute 0:1 Rangelov.

Schock.

Egal. Weiter geht's.

15. Minute 0:2 Rangelov.

Schock.

Egal. Weiter geht's. Andi meint, er habe seiner Frau versprochen, gutgelaunt nach Hause zu kommen und holt ein Bier. Die Unterstützung ist auch jetzt noch da, Cottbus steht vor dem 3:0, Oka hält.

Urplötzlich ist irgendwas anders. Der Vorsänger Martin greift zum Megafon, Tränen schießen ihm ins Gesicht, ich verstehe nur St. Tropez Bar und abgestochen.

Stille.

Fahnen werden eingepackt, Supportversuche werden im Keim erstickt. Was ist los, die Eintracht braucht uns - aber grundlos wird kein Support in dieser Situation eingestellt, zumal sich die Eintracht ein wenig berappelt hat. Wir müssen punkten, um mich herum weiß niemand genaues, Fink zieht aus knapp 20 Meter ab, 1:2 - verhaltener Jubel im Block.

Stille.

Ich treffe Minnie, auch er weiß nichts genaues - ich bin überzeugt, dass wir gewinnen.

Mit dem Halbzeitpfiff verlasse ich den Block, treffe RedZone und Tristan mit Tränen in den Augen in einer Ecke, Freunde, was ist passiert?

Und dann weiß ich, was passiert ist. Carsten, Mitarbeiter in der St. Tropez Bar, Kumpel und Freund vieler von uns, ist in der Nacht auf Samstag auf dramatische Art ums Leben gekommen, getötet worden. Fassungslosigkeit. Hilde kommt hinzu, erzählt genaueres.

Schock.

Ich rufe Rudi an, er weiß schon Bescheid, hat die Eintracht-Führung informiert, dass die Stille im Block nicht gegen das Team gerichtet ist. Etliche verlassen nicht nur den Block, sondern auch das Stadion - trauern, zweifeln, verstehen es nicht.

Hatte ich nach dem letzten Heimspiel die Meldung erhalten, dass Steffen schwer verunglückt war (und heute Gott sei Dank über den Berg ist) so folgte nun die nächste Katastrophe.

Ich laufe zurück in den O-Block, kläre ein paar Leute auf und kapiere nicht wirklich. Bilder schießen mir durch den Kopf, Carsten am Riederwald mit seiner Kleinen. Wenn ich ihn sehe lache ich immer: Hey, the beauty and the beast - grinse ihn an und sage: die Beauty bist du nicht. Er lacht, freut sich für die Kleine.

Nie mehr.

Unten spielt die Eintracht der Support der übrig gebliebenen beginnt zaghaft, steigert sich - ich bin zwanzig Minuten wie gelähmt. Surreal das Ganze. 2:2 Fenin. Jubel. Trauer.

Ich gebe mir einen Ruck, Carsten hätte gewollt, dass die Eintracht gewinnt - also geben wir dafür alles. Jetzt erst recht. Eintracht, Eintracht schallt es durchs Stadion. Ochs geht und wird vom jungen Tsoumou ersetzt, offensiv für defensiv, wie oft hatten wir uns gewünscht, genau dies zu sehen. Hier regiert die SGE und die Jungs danken es uns, der Ball saust ins Netz, wer das Tor geschosen hat, wissen wir nicht: aber es war eins für uns, für Carsten. 3:2, ein Spiel gedreht, aussichtslos zurück gelegen und wieder dabei. Die S G E ist wieder da. Wir liegen uns in den Armen, brüllen es aus uns heraus. Jaaaaaaa. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa. Geil. Trauer. Abpfiff. Auswärtssieg.

Seltsam diese Melange aus Begeisterung und Leid; es gibt Gefühle, für die es kein Wort gibt, die auch im älterwerden erst entdeckt werden müssen, emotionaler Rausch in Tiefen des Lebens, die schwarze Sonne des Lichts, ich weiß nicht.

Andi und Carola sind Richtung Bahnhof geeilt, ich sitze im Bus, wir fahren zurück, unterhalten uns über Gott und die Welt, Roland, Minnie, der nun auch dabei ist und ich. Gemeinsam singen wir mit anderen für Carsten Im Herzen von Europa, lassen den Osten hinter uns, machen Pause, rauchen, kaufen Bierdosen und bald sind wir wieder in Frankfurt. Anders als wir losgefahren sind. Ich steige aus, bedanke mich für die Orga und sehe Pia, die schon am Riederwald auf mich wartet, und mich abholt. Aufgeregt schildere ich ihr den Tag - bis lange in die Nacht unterhalten wir uns; aber dennoch wird es noch eine Zeitlang dauern, bis ich den Tag verarbeitet habe, den 25. Oktober 2008.

Der Tag, an dem wir einer weniger wurden. Es ist unser Leben, machen wir das beste daraus.