Sonntag, 26. Dezember 2010

Heimspiel in Bad Aachen


Es kam wie es kommen musste und schuld daran hat ein Bus. Genauer gesagt ein Eintracht-Bus.

Schon seit geraumer Zeit stand fest, dass wir vom Eintracht-Museum unsere Weihnachtsfeier in Aachen abhalten würden. Der Clou bestand darin, mit einem Bus von der Eintracht zu fahren, mit großem Aufkleber und allem drum und dran.

Wir versammelten uns brav und rechtzeitig vor dem Museum; Matze kam mitsamt Bus angerauscht und wollte seine Schäfchen einladen als ein Blick auf die Windschutzscheibe einen fetten Riss im Glas offenbarte. Nu war guter Rat teuer, die einen wollten ins Risiko gehen, die anderen waren sich unsicher und so standen wir in der Kälte bis sich die Situation klärte. Wir fahren. Mit einem Mietauto. Ohne Eintrachtaufkleber. Dafür mit Hamburger Kennzeichen.

Und so kam es dann auch, acht Gesellen und Gesellinnen rollten erst nach Neu Isenburg, um den Mietwagen in Empfang zu nehmen und dann hinter dem Stadion auf die A3. Zuhause blieb der Eintrachtbus - mit Riss in der Scheibe. Die zweiten langen Gesichter gab es als durchsickerte, dass die versprochenen Frikadellen nicht mit an Bord waren; natürlich gab es auch keinen Glühwein und es war eine traurige Fahrt durch grauen Winternebel, auf den Feldern Schnee. Naja, abgesehen davon, dass die Damen schon früh einen Sekt klar machten und von Zeit zu Zeit munter mitsangen: Mein Herz ist rot, mein Herz ist schwarz und das auch noch gestreift ... Hinter Montabaur ging's auf die A48 und dann weiter auf die A61 um dem Kölner Berufsverkehr aus dem Weg zu fahren - was auch ganz gut gelang. Ohne Frikadellen rollten wir nun durch die Eifel, die heute recht ungemütlich daher kam, grau und verregnet - es sah so aus als würde uns nach all dem Schnee der vergangenen Wochen zu Weihnachten das seit Jahrzehnten bekannte graunieselige Bild präsentiert.

Immerhin gab es in Brohltal Ost einen Kaffee, der manch einem ein Lächeln auf das Gesicht zauberte. Mir nicht; seit nunmehr sechs Wochen verzichte ich auf Cigaretten, Alkohol und Kaffee. Werde dennoch älter. Weiß jetzt nur nicht mehr so genau weshalb.

Aus den Boxen perlte eine muntere Mischung aus den Jacob Sisters und Gogol Bordello, oder den Weihnachtspogues, wir freuten uns der vielbefahrenen A3 ein Schnippchen geschlagen zu haben, passierten Kerpen (Heimat von Schumacher. Michael.) und Düren (Heimat von Schumacher. Harald), es dunkelte mittlerweile und wir fuhren in Aachen ein. Aachen ist in sprachlicher Hinsicht ein Phänomen. Nicht nur, dass der Name schlicht Wasser bedeutet - nein: Aachen ist die einzige deutsche Stadt, die auf den lukrativen Zusatz Bad verzichtet. Richtig, eigentlich heißt die Kaiserstadt Bad Aachen. Da der vollständige Namen aber dazu führen würde, dass Aachen in Städtelisten nicht mehr auf Platz eins stehen würde, legt man hier keinen gesteigerten Wert auf das Bad.

Wir hingegen verzichteten nicht auf den obligatorischen Weihnachtsmarkt. Bei Kinderpunsch (Steffen und ich) bzw. Glühwein (alle anderen) stimmten wir uns auf den bevorstehenden Pokalfight ein. Jede Menge Frankfurter tummelten sich bereits in der Nähe des Doms und die wenigsten versorgten sich mit geklöppelten Spitzen, die hier angeboten wurden, Printen hingegen gingen schon besser.

Anschließend marschierten wir über verschneeregnete Aachener Straßen in Richtung Neuer Tivoli, über den Wikipedia weiß: Um den alten traditionellen Namen für das neue Stadion zu erhalten und durch den Verzicht auf einen Verkauf der Namensrechte entgangene Einnahmen zu kompensieren, wird auf die Eintrittspreise (bereits eingerechnet und nicht gesondert aufgeführt) ein Aufschlag von einem Euro erhoben, der sogenannte Tivoligroschen.

Eine Idee, die man Dresden durchaus empfehlen könnte.

Nach einem recht unsicheren Weg über eine vereiste Brücke schlitterten wir über wegegworfene Reklameplastiktüten bis sich der neue Tivoli vor uns erhob. Leuchtend gelb ragte das Stadion in die grauschwarze Nebelnacht, Kartoffelkäfer näherten sich aus allen Ecken und Enden, während wir auf dem Weg zum Gästeeingang das Stadion umrundeten. Ging bislang alles ziemlich lässig von statten, so zeigte sich nun erneut, weshalb der Gästebereich bei Fußballspielen eigentlich zu meiden ist und mit Gast so gar nichts zu tun hat. Wir marschierten am eigentlichen Eingang vorbei - ein Zaun verhinderte den direkten Weg - und an jenem Zaun mussten wir ca 100m entlang bis wir auf der Innenseite den gleichen Weg zurücklaufen mussten. Ein paar Wellenbrecher, Tunnels und Kontrollen später erklommen wir die Stufen und blickten uns um. Der neue Tivoli beeindruckte durch seine konsequente schwarz-gelbe Farbgebung, sogar das Toilettenpapier und die Boxen waren gelb. Trotz des relativ geringen Fassungsvermögens von 32.500 Zuschauern wirkten die Tribünen recht steil.

Anpfiff, Achtelpokalfinale: Alemannia Aachen (Neongelb) - Eintracht Frankfurt (Schwarz-Rot). Das Stadion getaucht in Flutlichtnebel

Während aus dem Stehplatzbereich Rauch und Licht aufstieg, donnerten zwei Böller aus den Sitzpätzen in den Abendhimmel. Eine zeitlang konnten wir ob des Nebels das Tor auf der gegenüberliegenden Seite nicht sehen. Dafür sahen wir umso besser, wie Schwegler nach knapp einer viertel Stunde Gueye am Strafraum umholperte. Rot leuchtete die Karte in das Nebelflutlicht; den fälligen Elfmeter konnte Fährmann allerdings parieren - so blieb es wenigstens beim 0:0.

Von nun an plagten sich zehn Frankfurter unterstützt von annähernd 4.000 mitgereisten Schlachtenbummler gegen elf Aachener, die unermüdlich das von Fährmann sicher gehütete Tor belagerten, ohne sich allerdings nennenswerte Chancen zu erspielen. Die Eintracht hatte nach dem Platzverweis Clark in die Innenverteidigung gezogen und erarbeitete sich selbst gute Möglichkeiten, vor allem Gekas vergab einige schöne Chancen. In der zweiten Halbzeit ein ähnliches Bild, nur dass Chancen auch auf Frankfurter Seite Mangelware blieben; vielleicht ist es doch zu einfallslos, nur mit "vornehilftballaufgekas" zu operieren. Ein Wiedersehen gab es mit dem ehemaligen Eintrachtler Juhvel Tsoumou, der auf Aachener Seite eingewechselt wurde. Dass Kollege Altintop erneut durchspielen durfte, versteht sich von selbst. Ob der Trainer ihm damit einen Gefallen beschert, dürfte langsam bezweifelt werden. Der später eingewechselte Fenin erzeugte in wenigen Minuten mehr Spannung, als Altintop während der gesamten Saison. Langsam kroch die Kälte in uns und so manch Stoßseufzer ging ob des einsetzenden Schnees und des bevorstehenden Heimweges in Richtung: Hoffentlich gibt's keine Verlängerung. Doch es blieb vergeblich bangen, hoffen: der sonst so inkonsequente Schiedsrichter Weiner pfiff nach 90 Minuten ab, und weitere 30 Minuten sollten folgen.

Zunächst versemmelte Altintop ein Abspiel aus der eigenen Hälfte; da die Eintracht den Ball nicht aus der Gefahrenzone bekam, nutzte die Alemannia die Gelegenheit zur Führung. Sechs Minuten später passte Meier zu Fenin und der erzielte zu unserer Freude noch den Ausgleich. Sekunden vor Schluss hätte Gekas alles klar machen können, doch er scheiterte an Aachens Schlussmann Hohs. Somit sah dieses Spiel neben Nebel, Schnee und Verlängerung auch noch ein Elfmeterschießen. Das letzte dieser Art konnte die Eintracht zwar siegreich bestreiten - ebenfalls im Achtelfinale gegen Nürnberg im Dezember 2005; mir fiel jedoch spontan das Rückspiel im Uefa-Cup gegen Salzburg ein. Und das hatten wir damals vergeigt.

Geschossen wurde natürlich auf die gegenüberliegende Seite - und ich kann's ja jetzt vorweg nehmen: gejubelt auch. Während die Alemannen alle Elfmeter verwandeln konnten, scheiterte Meier an der Größe des Tores, der Ball flog über den Kasten ins traurige Nichts. Getroffen hatten für die Eintracht Fenin, Amanatidis (der viel zu spät und nur für diesen Schuss überhaupt eingewechslt wurde) sowie Caio.
Damit wars amtlich, die Eintracht hatte die große Chance auf das Weiterkommen vergeigt. Sicher, das Team zeigte eine feine kämpferische Leistung trotz 105 Minuten in Unterzahl - doch bei aller Liebe: der Gegner war eine mittelmäßige Zweitliga-Truppe; zwar engagiert und leidenschaftlich - aber schlagbar auch zu Zehnt.

Während der Aachener Stadionsprecher das Publikum aufforderte, ein Weihnachtslied zu singen - und ich mir dachte: schieb dir deine klingenden Glöckchen in den Hintern verschwand Meier schnurstracks in der Kabine: vielleicht dämmerte es ihm, dass der Elfer zu salopp geschossen war. Doch hätte Gekas das Ding kurz vor Schluss rein gemacht, wäre es gar nicht so weit gekommen; hätte Altintop das Abspiel nicht vergeigt ebenso - und hätte Schwegler keine Rote gesehen so wir ein anderes Spiel. Fenin und Amanatidis - da kommen wir der Sache schon näher. Pia hatte nämlich vor dem Spiel zwei einzelne Cent-Stücke gefunden und und diese als Glückscents definiert: Ein Tor Fenin und eines Amanatidis. Sieg. Da der Trainer Amanatidis jedoch nicht früher eingewechselt hatte, konnte dieser nicht treffen und somit wurde leichtfertig der Sieg verschenkt. Tore im Elfmeterschießen zählen nämlich nicht.

Wir wanderten recht geknickt durch den Winterschnee, zunächst durch den Tunnel und am Zaun entlang, auf der äußeren Seite dann sinnfrei wieder zurück. Schlittrig die Wege, die Autos glitten leise an uns vorbei während wir durch die Flocken zurück zum Mitwagen schlingerten. Unterwegs erfuhren wir noch, dass der nächste Gegner der Aachener tatsächlich die Bayern geworden sind. Gibt auf jeden Fall Frischgeld.

Beim Einsteigen rutschte mir noch jede Menge Schnee aus der Kapuze zwischen Shirt und Rücken, der umgehend entfernt werden musste, dann gings zurück Richtung Heimat. Schneller als Fünfzig konnten wir zunächst kaum fahren, Steffen lenkte den Wagen aber souverän durch die Nacht, bis der Schnee in Regen überging, die Fahrbahn zu sehen und nicht mehr so rutschig war und somit immerhin eine vernünftige Geschwindigkeit in die Nacht gelegt werden konnte. LKWs wie auch der Eintrachtbus schossen an uns vorbei, wir aber rollten müde aber unglücklich durch die Nacht, trafen an einer Raststätte den Bus der Frankfurter Jungs und landeten nach 3:00 wohlbehalten am Stadion. Matze drückte uns noch Weihnachtsgeschenke in die Hand, und dann ternnten sich die Wege. Gisela und Bernd fuhren mit Billy und Karin Richtung Bornheim, Steffen zurück Richtung Flughafen, Matze und Frauke brachten in Isenburg den Mitwagen zurück während Pia und ich den silbernen Golf anwarfen und Richtung Norden tuckerten.

Tja, wenn schon durch den kleinen Eintrachtbus ein Riss geht, dann ist es also kein Wunder, wenn dieser sich bis Aachen fortsetzt. So überwintert die Eintracht leider nicht im Pokal, es ist dennoch Winterpause. Weiße Weihnacht. Freut euch also.





Einen ausführlichen Spielbericht findet ihr wie immer beim Kid, atmosphärische Fotos beim Stefan.

Kommentare:

  1. just my two cents ...
    tja, wäre ama früher reingekommen hätten wir gewonnen. blöd nur, dass skibbe das mit meinen 2 glückscents nicht gewusst hat.

    eine frikadellen- und erfolgslose aber dennoch schöne pokaltour nach bad aachen!

    AntwortenLöschen
  2. Warum wir älter werden, da habe ich so eine Idee, die entweder was mit der Jugend zu tun hat, die nachrückt und zu recht (ihren) Platz beansprucht oder damit, das wir einfach nicht für die Ewigkeit gemacht sind. Wahrscheinlich auch besser so, denn würde die eine oder andere Nase ewig leben, würde die Hölle überflüssig - man hätte sie dann schon für alle Zeit auf Erden. So besteht immerhin weiter Hoffnung. :-)

    Worauf ich aber keine Antwort finde: Warum bezahlt man einen Euro für einen Tivoli-Groschen? ;-)

    Gruß an dich und Pia vom Kid, der nicht nur für dieses Jahr von Böllern und anderen - hier ebenfalls beschriebenen- überflüssigen Dingen die Nase voll hat. Von deinen Berichten dagegen bekomme ich den Hals nicht voll.

    AntwortenLöschen
  3. Tivoli. Wikipedia schreibt dazu:

    "Der Name der Stadt wurde zum Synonym für Vergnügungsparks. Tivoli ist Sitz eines römisch-katholischen Bistums."

    Jetzt wird mir einiges klar...

    Alles Gute lieber Axel!
    Andi

    AntwortenLöschen
  4. was ich an deinen heimspielen so besonders liebe ist, dass du über das drumherum fast mehr erzählst als vom spiel (dessen ergebnis man in der regel schon kennt!) und es trotzdem nie langweilig wird.

    danke, lieber axel, dir und allen deinen lieben wünsche ich auf diesem wege schon mal einen guten rutsch

    AntwortenLöschen
  5. @Axel, dann fehlt nur noch Christoph Koch "Ich bin dann mal offline" das dann aber bitte erst in der Sommerpause, während der Mädchen WM, das könnten wir gerade so noch verschmerzen ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Ich fühle mich trotz Kaffee, Cigaretten & Alkohol jung. Manchmal älter. Aber das geht vorbei oder fühlt sich in Ordnung an, wenn ich endlich Deinen Bericht lesen kann.

    Und diese Risse sind eigentlich das Salz in der Suppe. Machen das Leben & die Gesichter interessant. Auch & gerade, wenn ich in Bad Aachen darauf liebend gern verzichtet hätte.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

    AntwortenLöschen
  7. Mainz bleibt Mainz!2. Januar 2011 um 19:20

    Sei doch froh :-) Nur knapp nach 120 Minuten und Elfmeterschiessen verloren. Auf Augenhöhe mit einem Zweitligisten. Eintracht was willst du mehr.

    Viele Grüße aus Mainz. Wir grüßen von oben!

    AntwortenLöschen
  8. hochmut kommt vor dem fall, warts ab :-)

    dank euch - und ein gutes neues jahr dazu wünscht

    beve

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.