Freitag, 3. April 2009

Tradition zum Anfassen - Kurvendiskussion

Der Text erscheint am 04.04.2009 zum Heimspiel der Frankfurter Eintracht gegen Energie Cottbus in der Fan geht vor - Ausgabe 173.


Die Fan- und Förderabteilung hatte gemeinsam mit dem Eintracht Frankfurt Museum zur fünften Veranstaltung der Reihe Tradition zum Anfassen geladen, diesmal sollten wir uns weniger mit Mannschaften, Trainer oder Spieler der Eintracht beschäftigen, sondern mit der Fanszene der achtziger Jahre.

Unsere Gäste waren Thommy Kummetat, Eintrachtfan seit den frühen Siebzigern und Herausgeber der Fanclubzeitung Bockenheimer Bembel, Anjo Scheel, langjähriger Fanaktivist und Fansprecher der Eintracht und Herausgeber des Fußball-Fan-Kurier sowie Dieter Bott, Soziologe und Mitbegründer sowohl des Frankfurter als auch der Düsseldorfer und Duisburger Fanprojekte und Mitherausgeber des heute begehrten Buches Die Fans aus der Kurve. Zusätzliche Brisanz erhielt die Veranstaltung durch die Vorfälle beim vergangenen Auswärtsspiel der Eintracht in Karlsruhe, als Fans nicht nur Bengalos und Rauch zündeten, sondern gleichfalls Leuchtkugeln auf das Spielfeld schossen und die zweite Halbzeit der Partie mit einiger Verspätung angepfiffen wurde.

Wir hatten uns vor der Veranstaltung darauf geeinigt, dass wir die aktuellen Ereignisse allenfalls am Rande thematisieren wollten, schließlich befinden wir uns im Hort der Geschichte; die Gegenwart wird ohnehin an allen Ecken und Enden diskutiert. Und so fanden sich am 26.02.2009 an die 100 Fans aus allen Fanorganisationen im Museum ein, um sich ein Bild über die Vergangenheit zu verschaffen. Ultras, Fanclubvertreter und Vereinsmitglieder sowie Unorganisierte saßen einträchtlich im Museum nebeneinander.

Thommies Karriere als Fan begann zu Beginn der siebziger Jahre als es noch nicht den berühmten G-Block gab, der erst während des Umbaus zur WM 1974 installiert wurde. Noch war es für Jugendliche nicht notwendig, sich von unten nach oben hochzuarbeiten, es gab nur wenige Fanclubs, die vor allem Auswärtsfahrten organisierten. Der erste waren die Adler, es folgten die Fanclubs aus dem Umland, Bieber und Mühlheim, später dann die Frankfurter wie Sossenheim oder Nied. Die meisten Fanutensilien waren handgemacht, das traditionelle Kleidungsstück die Kutte, eine Jeansjacke, deren Ärmel abgeschnitten, die Rückseite mit Adler und Sticker versehen und die Schnittstellen oft mit schwarz-roten Wollfäden umsäumt waren; Schals hingen meterlang um den Hals, meist von Oma handgestrickt. Diese Fanutensilien waren begehrte Souvenirs bei gegnerischen Anhängern und so hieß es aufpassen - bis viele Fans im Laufe der Zeit die traditionellen Kleidungsstücke zu Haue ließen. Oftmals schien es aus Angst vor Übergriffen ratsam, Fußballspiele in zivil zu besuchen, zumal sich nach britischem Vorbild die Hooligan-Szene auch in Deutschland etablierte - wer in und um fremden Stadien deutlich sichtbar als gegnerischer Fan wahrgenommen wurde, der lebte in dieser Zeit gefährlich.

Bis 1979 gab es keine strikte Blocktrennung, erst danach wurden den Gästen eigene Bereiche zugewiesen – möglichst entfernt von den heimischen Anhängern - was des Öfteren Besuche der gegnerischen Kurve zur Folge hatte; Gruppenzwang ging mit Gemeinschaftsschutz Hand in Hand, nicht nur wer etwas auf sich hielt, lief mit. Kam die Hertha mit den berühmt/berüchtigten Hertha-Fröschen, so konnten sich die Frankfurter sicher sein, dass sie ihrerseits Besuch bekamen.

Ende der Siebziger Jahren etablierten sich Machtzentren im G-Block, die Fanclubs standen beieinander und rivalisierten untereinander, im besonderen pflegten Black & White und Nied einen Kampf um die Vormachtstellung nicht nur im Block. Stand die Polizei zunächst dem Treiben in den Stadien relativ gelassen gegenüber, so sorgten mehrere Ereignisse für ein konzeptionelles Umdenken auf vielen Seiten. 1982 wurde der 16-jährige Bremer Glaserlehrling und Werder-Fan Adrian Maleika von Anhängern des Hamburger SV zunächst von einem Stein getroffen und anschließend zusammengeschlagen und –getreten bis er an den Folgen der Verletzungen starb; eine Tat, die unter sämtlichen Fußballfans große Betroffenheit auslöste. Bislang hatten sich die Vereine überhaupt nicht um ihre Anhänger gekümmert, der Tod Adrians hatte zur Folge, dass zumindest in Bremen das erste Fanprojekt etabliert wurde, um eine Schnittstelle zwischen Fan und Verein zu schaffen.


In Frankfurt sollte es am 1.Mai 1982 zu drei denkwürdigen Veranstaltungen kommen. Zum einen fand das traditionelle Radrennen Rund um den Henninger Turm statt, das Tausende auf die Straßen lockte. Zeitgleich riefen die Kundgebungen zum Tag der Arbeit wiederum Tausende auf den Römerberg und als wäre dies nicht genug, wurde das Endspiel im DFB-Pokal zwischen dem 1.FC Nürnberg und Bayern München im Frankfurter Waldstadion ausgetragen. Die Polizei war hoffnungslos überlastet und während sich erlebnisorientierte Fans aus ganz Deutschland trafen, um den ungeliebten Bayern einen Empfang zu bereiten, nutzten die in weiten Teilen politisch rechts orientierten Nürnberger die Gunst der Stunde und zerlegten am Römerberg Büchertische und mehr in ihre Bestandteile. Vorwiegend linke und ausländische Gruppierungen standen dem Wüten ratlos gegenüber. Entsetzen über die unerwartete Gewalt ließ viele irritiert zurück; für Dieter Bott waren diese Ereignisse die Initialzündung, sich aktiver in die Fußballszene einzumischen – und so wurde das Frankfurter Fanprojekt gegründet, welches sich sozialarbeiterisch den Fans näherte und Fragen nach Ursachen und Wirkung sowie persönlicher Verantwortlichkeiten aufwarf. Gleichfalls nahmen die ersten Kontaktbeamten ihre Arbeit auf; heute vergleichbar mit den Szenekundigen Beamten. Der theoretische Ansatz sah vor, dass die Polizisten sich in die Fanszene mischen und Ansprechpartner bei etwaigen Problemen darstellen sollten. Dass dies gelang, ist auf mehrere Gründe zurückzuführen. Zum Einen gab es für Fußballfans kaum Ansprechpartner, schon gar nicht seitens der Eintracht. So konnten Verhaftungen und Stadionverbote willkürlich ausgesprochen werden, die Fans waren dem Staatsapparat ausgeliefert, die Eintracht interessierte sich nicht für ihre Anhänger, legte der Polizei gar Blankoformulare zu Stadionverboten vor. Die Kontaktbeamten, der bekannteste war Wolfgang Wehrum, versprachen, sich um die Angelegenheiten zu kümmern – und hielten zunächst Wort.

Zum Anderen waren sich die verschiedenen Fanclubs untereinander nicht grün und manch einer versprach sich über gute Zusammenarbeit mit den Kontaktbeamten eigene Vorteile. Dies hatte zur Folge, dass die Polizei relativ bald inhaltsreiche Erkenntnisse über Struktur und Zusammensetzung der Fanszene gewinnen konnte, erste Dateien zur Kategorisierung wurden installiert – und die Fans hatten daran kräftig mitgearbeitet, - bis sie letztlich doch die Kontaktbeamten ablehnten – zu spät, wie sich im Laufe der Jahre heraus stellte. Zeitgleich gründete sich über diverse Fanclubs die Interessengemeinschaft G-Block, die unter anderem Karten für Eintracht-Spiele auf der Zeil verkauften, einer der Aktivisten war Thommy Kummetat, der bis heute im Fanclub Bockenheim aktiv ist. Er war auch derjenige, der die Balkenschals aus England in Deutschland eingeführt hat.

1985 kam es zur Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion anlässlich des Endspiels um den Europapokal der Landesmeister zwischen Liverpool und Juventus Turin. Bis heute sind die Umstände nicht final aufgeklärt; waren es britische Hools, welche die Tifosi attackierten, war es die Nähe der Italiener zu den Engländern durch falsche Ticketvergabe, brüchige Mauern im Stadion oder waren es für Italiener unbekannte Riten, die zu panischen Reaktionen führten; letztlich starben 39 Menschen, zu Tode gequetscht und zertrampelt vor den Augen von Millionen Fernsehzuschauern.

Einsetzender Aktionismus führte zu strikten Fantrennungen via martialischer Zäune, sogar in den eigenen Kurven, die Videoüberwachung wurde verschärft genutzt (Offiziell fünf Kameras). Die Fans wehrten sich dagegen, räumten sogar im Januar 1986 während des Spiels gegen Düsseldorf den G-Block, was unter den Fortuna-Anhängern zu Angstschüben führte, da sie nicht Protest als Ursache vermuteten, sondern den traditionellen Gegenblockbesuch. Ein Spruchband wurde gezeigt: Jahrelang gab’s kein Radau!!! Der Dank: Video und Drahtverhau. Ein anderes lautete: Wir lassen uns nicht alles bieten. Lasst uns Eintracht Fans in Frieden.

Szenische Theateraufführungen im Waldstadion folgten, so schleppten die Fans aus Pappe gebastelte Kameras und sogar einen pappenen Wasserwerfer ins Stadion und spielten demonstrativ Szenen nach; Wasserwerfer spielten in jener Zeit vor allem in Frankfurt eine große Rolle, war doch im September 1985 der politische Demonstrant Günter Saré in Frankfurt von einem solchen überrollt und tödlich verletzt worden und diese harrten auch in Reichweite des Stadions um im Ernstfall eingesetzt zu werden.

Nach den Vorfällen in Brüssel wurde der von den Fanclubs gewählte Fansprecher Anjo Scheel gleichsam zum Fanbeauftragten der Frankfurter Eintracht. Anjo, der von 1978 bis 1994 kein Heimspiel und von 1982 bis 1994 auch kein Auswärtsspiel der Eintracht verpasst hatte, setzte sich für die Belange der Fans ein, auch wenn sich die Eintracht davon nicht sonderlich erfreut zeigte. Nebenbei war er Herausgeber des Fußball-Fan-Kuriers, einem Vorläufer der Fan geht vor, die Anjo selbst mitbegründete. Der FFK zeichnete sich durch Frontberichterstattung aus, wie Dieter Bott es bezeichnete. Zur Erinnerung: es gab zur damaligen Zeit noch die innerdeutsche Teilung, die digitale Entwicklung steckte in den Kinderschuhen und das erste Handy sollte annähernd ein Jahrzehnt später auf den Markt kommen. Somit stellten die Fanzines eine der wenigen Möglichkeiten dar, das Leben der Fußballfans zu dokumentieren. Die meisten wurden unter der Hand weiter gereicht, sowohl Thommies Bockenheimer Bembel als auch Anjos Fußball Fan Kurier wurden polizeilich beschlagnahmt was dazu führte, dass Erlebnisberichte fortan ohne unterzeichnenden Namen abgedruckt wurden. Die Hefte waren heiß begehrt und enthielten neben Berichten über Drittortauseinandersetzungen verschiedenster Fans und Vereine lustige Details wie eine Übersetzung der gebräuchlichsten Schimpfworte in die Sprachen der international spielenden Clubs (BB) oder eine Liste der Autokennzeichen von Zivilbeamten (FFK). Ein weiterer wesentlicher Bestandteil waren Kartengrüße von Fußballfans aus aller Welt, ein sichtbarer Beweis, wer wo gewesen ist – das Internet steckte gleichfalls noch in den Kinderschuhen.


Heutzutage sind Fotos, Filme und Texte über Bundesligaspiele von jedem Punkt der Erde sekundenschnell weltweit verfügbar, die Fans sind oft schneller und besser informiert als die Medien – damals bedurfte es intensiver Kontaktpflege zu Fans von anderen Vereinen, einen immensen Zeitaufwand und jede Menge unbezahlten Enthusiasmus, um vergleichbares auf die Beine zu stellen. Anjo sorgte dafür, dass die aufgrund vermeintlicher Verletzungsgefahr seit Jahren verbotenen großen Fahnen wieder ins Stadion gelangten, er konnte nachweisen, dass weder Polizei noch die Eintracht tatsächliche Verletzungen belegen konnten, der Fahnenpass ward in Frankfurt geboren – und ist bis heute bundesweit Voraussetzung für Schwenkfahnen im Stadion. Anjo, der als Jugendlicher von den Älteren vorwiegend durch den Schmuggel von Bierflaschen ins Stadion Anerkennung fand, initiierte später auch die Aktion United Colors of Bembeltown, zu der Rainer Kaufmann die bekannten Zeichnungen beisteuerte.

Eine andere Aktion war die Beschaffung einer Blockfahne, die obgleich vom Sponsor teuer bezahlt, völlig werbefrei war. Ansonsten hätten wir sie einfach nicht hochgezogen. Hohe Wellen schlug in der Saison 92/93 die Schadensersatzforderung Anjos an den damaligen Trainer Horst Heese; dieser hatte mit Penksa einen vierten Ausländer eingewechselt, was nach damaliger Gesetzeslage verboten war. Zwar bemerkte Heese den Fehler kurz darauf, konnte aber nicht verhindern, dass der 5:2 Sieg der Eintracht in Uerdingen auf Grund dieses Lapsus am Grünen Tisch in eine 0-2 Niederlage gewandelt wurde. Anjos Schadensersatzforderung, berechnet nach den durchschnittlichen Ausgaben eines Auswärtsfans und der Anzahl der Mitgereisten sorgte für Aufruhr. 18.000 Mark standen im Raum, für Eintrittskarten, Zug- und Busfahrten; die Eintracht schäumte und Uli Stein forderte den Vereinsausschluss. Später beruhigte sich die Lage und Anjo erlebte Stein fortan ganz anders. Heute hält er große Stücke auf ihn.

Auf Bestreben verschiedener Fanclubs hin, darunter Black & White, Bockenheim, City, Sossenheim, Schwalbach und Schwarze Adler gründete sich 1986 die Initiative Fanhaus, unterstützt vom Frankfurter Fanprojekt unter der Leitung von Dieter Bott, der Ende der Sechziger aus der Provinz in die schillernde Großstadt kam und der Achtundsechziger Bewegung nahe stand. Während die Fanclubs die Sache elanvoll angingen, konnte das Fanprojekt nicht zuletzt über eigene Erfahrungen in der Pressearbeit die Initiative unterstützen. Diskussionen unter dem Motto: Unser Wunsch: ein Haus für uns wurden geführt, Vorschläge gemacht und verworfen und seitens der Politik wurde zwar unter Vorbehalten ideelle Unterstützung zugesagt, allerdings weder Raum noch Geld zur Verfügung gestellt. Teilweise mündeten die Gespräche in absurden Vorschlägen, so wurde seitens der SPD geraten, sich doch unter einer Autobahnbrücke zu treffen, dort störe der Lärm niemanden. Die Initiative kooperierte mit dem HR, eine große Veranstaltung im Volksbildungsheim (dem heutigen Metropolis) wurde einberufen, mit Vereinsvertretern und Politikern sowie Polizei diskutiert, sogar ein Theaterstück wurde inszeniert. Am End war alles für die Katz sagte Thommy und sie hätten die Initiative zu den Akten gelegt, gebracht habe alles nichts. Zumindest für die damaligen Aktivisten, andere griffen die Idee Jahre später auf und so entstand erst 2005 das heutige Fanhaus Louisa, welches alle Voraussetzungen zur Erfüllung der damaligen Wünsche bietet; selbstverwaltet, nahe am Stadion und nur den Eintracht-Fans vorbehalten. Eingezogen ist nach Jahren der Wanderschaft das heutige Fanprojekt. Als das Fanhaus endlich fertig war, hatten die Beteiligten zur Einweihungsfeier geladen, bloß die Kämpfer von damals wurden vergessen, stellte Thommy enttäuscht fest. Und heute meiden sogar die Ultras die Räume, die sie noch vor wenigen Jahren selbst mitgestaltet hatten.

Ein weiterer Aspekt des Fanlebens der achtziger Jahre waren neben unbotmäßigem Alkoholkonsum ausländerfeindliche und rechtsradikale Tendenzen, die sich durch alle Gruppen und Gruppierungen zogen aber nicht dominierten. Es gab in Frankfurt keinen explizit rechtsradikalen Fanclub, obgleich die NPD selbst im Stadion agitierte. Selbst wenn einzelne mit der Partei sympathisierten, so lässt sich der Frankfurter nur ungern von außen dominant in sein Leben hineinreden und so waren die organisierten Nazis so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Nicht aber rechte oder rassistische Äußerungen, wie das Comedy-Duo Badesalz später mit dem Sketch Anthony Sabini aufzeigte. Doch nicht nur die Frankfurter waren die bösen Buben. Beim Uefa-Cup-Spiel der Eintracht gegen Salzburg in Wien Jahre später wurde Yeboah seitens der Österreicher fortlaufend mit uhuhuh-Rufen bedacht, so dass es zum Eklat kam, der in einer später umstrittenen Anzeige in der Wiener Kronen Zeitung zum Rückspiel mündete. Eine gewissermaßen tragische Geschichte ist die des Superfans Alfred, der im wirklichen Leben ganz anders heißt. Alfreds Geschichte ist in dem eingangs erwähnten Buch Die Fans aus der Kurve, unter dem Namen Superfan Alfred nachzulesen. Alfred äußerte sich damals im Interview zur Situation der Eintracht, er schlief seinerzeit in Eintracht-Bettwäsche und erzählte seine Geschichte, welche die Geschichte von vielen Fans hätte sein könnte. Für mich zählt nur der Verein sagt er und beendete das Interview mit einem klarem Bekenntnis zur NPD, zu den Grenzen von 1937 und zur Ausländerfeindlichkeit – außerhalb der Eintracht.

Vor der Veranstaltung sagte Matze: Guck mal Beve, das ist der Superfan Alfred und zeigte auf einen Mann, den ich schon häufiger in den letzten Jahren im Umfeld der Eintracht gesehen habe. Ich ging zu ihm hin und sprach ihn auf das Buch an, da ich ohnehin vor hatte, das zwanzig Jahre alte Interview zu erwähnen. Ich erfuhr Erstaunliches; und erkannte einen höchst unglücklichen Alfred. Wenn ich etwas rückgängig machen könnte, dann dieses Interview meinte er und erzählte die Geschichte zu Ende:

Kurz nach Erscheinen des Buches hätte er ein Mädchen kennen gelernt, ein Mädchen, das alles andere als reindeutsch war und schon kurz darauf habe Alfred seine Haltung von Grund auf geändert. Die reaktionären Tendenzen seien ganz klar auf seinen Vater zurückzuführen, er hätte sie kritiklos nachgeplappert und erst mit der Zeit sich sowohl vom Vater gelöst als auch eigene Standpunkte entwickelt, die heute völlig konträr zu seinen damaligen Ansichten stünden. Um so mehr ärgere es ihn, dass dieses Interview nicht ein oder zwei Jahre später geführt wurde, nun stünde im Buch, was dort steht – und er könne es nicht mehr korrigieren.

Dieter Bott sprach just dieses Thema auch während der Veranstaltung noch einmal an und ich denke, Alfred ist hierdurch rehabilitiert. Dinge können schon merkwürdig laufen.

Die Zeit verging wie im Flug und Dieter Bott nutzte die letzten Worte der Veranstaltung, um noch einmal an die Selbstverantwortung und die Notwendigkeit einer selbstverwalteten Kurve nach momentanem Düsseldorfer Vorbild zu appellieren. Der Erhalt von Subkultur sei notwendig, um den immer stärker werdenden repressiven Tendenzen im modernen Fußball etwas entgegen zu setzen meinte er kämpferisch wie eh und je.

So ging ein aufschlussreicher Abend zu Ende, der vor allem zeigte, dass die Errungenschaften für Fans nicht vom Himmel gefallen sind, sondern erkämpft wurden; erkämpft nicht zuletzt durch die so unterschiedlichen Aktivitäten von Anjo Scheel, Dieter Bott und Thommy Kummetat, ohne die die Frankfurter Fanszene nicht das wäre, was sie heute ist. Und so geht auch von hier noch einmal der Dank an unsere Gäste nicht nur für den Abend im Museum, sondern auch für alles, was sie für die Fans nicht nur der Eintracht geleistet haben. Denn eines zeigte sich auch: zwar ging es zur damaligen Zeit weitaus rauer zu als heute und auch die Eintracht hat im Gegensatz zu früher ansatzweise erkannt, dass sie mit den Fans zusammenarbeiten muss; nicht zuletzt durch den Zusammenschluss der heute über 500 Fanclubs über das FSG, die seit 1997 existierenden Ultras Frankfurt und über die mehr als 7000 Mitglieder zählende im Jahr 2000 gegründete Fan- und Förderabteilung, so ist der Druck, dem der gemeine Fußballfan heute ausgesetzt ist ungleich stärker. Lappalien wie Fremdurinieren können mehrjährige Stadionverbote nach sich ziehen, Massenverhaftungen und Einkesselungen völlig Unbeteiligter sind beinahe an der Tagesordnung, Komplettvideoüberwachung selbstverständlich - und so gibt es noch viel im Geiste unserer Vorkämpfer zu tun.

United we stand. Divided we fall.





Das Zitat stammt aus dem Fußball Fan Kurier, der G-Block und das Kurvenbild sind dem Buch Die Fans aus der Kurve entnommen. Brandes & Apsel Verlag 1986.

Kommentare:

  1. Alfred ist mehr als rehabilitiert, er ist in meinen Augen ein Vorbild. Rückgängig machen können wir alle nichts, aber es zukünftig anders und besser machen, das geht. Alfred hat es getan.

    Danke, Beve, dass du Alfred hier in das Licht gerückt hast, in das er gehört.

    Deine Moderation an jenem Abend und deinen Bericht hier, den ich gestern bereits in der Fan geht vor gelesen habe, zu loben, ist mir keine Pflicht, sondern ein herzlicher Wunsch. Danke.

    Gruß aus der Klappergass'
    Kid

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  2. Auch ich hab den Bericht - dank Abo :-) - gestern schon in der FGV gelesen. Vielen Dank dafür - der Text ist ja viel mehr als "nur" ein Bericht über den Abend im Museum: eine zusammenhängende Darstellung der Entwicklung der Fanszene. Grade mit Blick auf die vergangenen Wochen und die momentane Situation sehr informativ und hilfreich. Danke!

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  3. bitteschön. war schon eine wilde zeit damals; unwiderruflich vorbei. aber die erinnerung lebt :-)

    viele grüße

    beve

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  4. Auch von mir noch einmal ein herzliches & großes Danke für diesen tollen Bericht, Beve. Es duftet nach Rock'n'Roll. Bis nach Berlin. Und es riecht gut!

    Und so lange die Erinnerung lebt, gibt es Hoffnung für die Zukunft.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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