Görlitz hat unterschrieben
Vor 1 Tag
(Nicht nur) Geschichten rund um die Geschichte der Frankfurter Eintracht
So lieber Leser, derweil die Analysen über Patrick Ochs nahezu wissenschaftliche Züge annehmen, die letzten Tränen über die Niederlage beim HSV getrocknet sind und mit Marcos Alvarez zum ersten mal seit Norbert Nachtweih ein Spieler aus dem Profikader zu den Bayern gewechselt ist, beschäftige ich mich mal mit den Drumherum. Für die wichtigen Dinge gibts die Presse. Für die Klarstellung dessen den Kid.
Recht lustig geht es traditionell zu, wenn Henni Nachtsheim im Museum aufschlägt. Diesmal war der Grund die Präsentation seines neuen Buches Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Ein schöner Titel - deshalb hatte ich ihn auch schon im Juni 2007 für meine Kolummne in der Fan geht vor genutzt. Nun also Henni. Zu Gast waren neben anderen Heribert Bruchhagen und Dr. Thomas Pröckl vom Vorstand der Eintracht - und beide haben sich im Gegensatz zu den letzten Spielen prächtig amüsiert. Henni hält ja traditionell keine Lesungen - man frage die Kids seiner Bekannten - sondern babbelt sich durch den Abend. Szenen aus seinem Soloprogramm, wer also wissen möchte, wie sich der Bratwurstverzehr beim Spiel gegen den VfB Stuttgart anno 1973 entwickelt hat, sollte sich dies nicht entgehen lassen. Im Buch selbst findet sich sowohl ein Vorwort als auch ein (schon etwas älteres) Interview mit Bruchhagen - und das ist recht aufschlussreich. Bruchhagen: Ich betreibe ein Rollenspiel. Ich habe von der Pike auf gelernt, wie man sich zu geben hat. In Schalke habe ich mich lange gegen Medienauftritte gewehrt. Ich dachte, wenn du Gutes tust, wirst du Anerkennung bekommen. Falsch. Total falsch. Bruchhagen wehrt sich auch gegen dämliche Fragen, vor allem, wenn er den Verdacht hat, dass die Antwort nicht interessiert; aber: Die beste Frage ist: Wie sehen sie das Spiel. Dann kann ich sagen, was ich denke. Das werde ich mir merken. Das Buch selbst ist eine Sammlung von Hennis Kolummnen in der Gießener Allgemeinen, nichts neues also - aber durchaus unterhaltsam, das ist doch schon mal was in diesen Tagen.
Und da folgt auch schon das erste Dilemma; der kleine Kerl scheint recht angefixt und für ihn ist es eine Riesensache, mit uns mit zu kommen und das Erlebnis Fußball zu lernen, während es mir immer weniger Freude bereitet - und das Spiel gegen Hannover sollte ein weiterer Beleg für meine Unlust werden.
Natürlich stand auch Fußball auf dem Programm. Während die erste Reisegruppe die Gelegenheit nutzte, sich das Spiel Olympiakos Piräus gegen Iraklis Saloniki anzusehen, saßen wir noch im Flieger. Da die Partie von Panathinaikos wegen Zuschauerausschreitungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt finden sollte, blieb uns also das Spiel von Panionios Athen gegen Skoda Xanthi - laut unseren Informationen angesetzt am Samstag Abend um 17:15. Panionios Athen ist der Verein, in dem unsere Nummer 31 Georgios Tzavellas vor seinem Wechsel zur Eintracht gespielt hatte. Auch Mantzios hatte hier schon gespielt.
Noch während der Straßenbahnfahrt fiel uns auf, dass scheinbar nur wenige Fans dass Spiel sehen wollten - um genau zu sein, lief uns niemand mit Fanutensilien über den Weg. Nicht in der Bahn, nicht am und auch nicht im Stadion, die Partie sollte nämlich erst am nächsten Mittag um 15:00 angepfiffen werden, wie wir vor Ort erfuhren. Wir nutzten die Gelegenheit, um uns ein wenig umzuschauen. Das Stadion lag mitten im Stadtbezirk Nea Smyrni. Graffitis der Pantheras, der hiesigen Ultras, zierten das 11.700 Zuschauer fassende Rund; Flutlichtmasten ragten in die Höhe. Es war still im Stadion, der Vater eines Nachwuchskickers las Zeitung und nur im VIP-Bereich war Bewegung
; Spieler waren wohl auf dem Weg zum Training. Dabei erfuhren wir, dass der verletzte Tzavellas zum morgigen Spiel kommen würde, er war aus Belek nach Athen geflogen, um sich behandeln zu lassen. Als Alternativen für das quasi ausgefallene Spiel aber boten sich die Wasserballpartie zwischen Panionios und Panathinaikos oder ein Basketballspiel zwischen AEK Athen und Saloniki an. Wir fuhren zunächst mit der Bahn am Ionischen Meer entlang, verpassten eine Station und wanderten zurück zur Olympiahalle. Ein paar Polizisten warteten gelangweilt auf dem Vorplatz, wir aber öffneten eine Tür, dann noch eine weitere - und standen unvermittelt auf den Rängen der Basketballhalle und wurden von schwarz gewandeten Zuschauern argwöhnisch beäugt. Es waren Fans der heimischen Mannschaft, von AEK, Gästefans waren keine anwesend. Wir schlichen wortlos ein paar Meter weiter auf freie Plätze und blickten uns um. Hinter den Körben hingen Banner, das Team von AEK wurde supported - bis Saloniki Korb um Korb warf und im letzten Viertel klar davon zog. Schon Minuten vor dem Abpfiff wurden die Banner eingerollt, verließen die Fans die Halle. Leider war nach einer knappen viertel Stunde unserer Anwesenheit das Spiel zu Ende - so dass wir uns zurück nach Nea Smyrni machten, um die Wasserballhalle von Panionios zu suchen.
Im Ort selbst wusste man zunächst nicht so ganz genau Bescheid, doch die freundlichen Athener waren stets bemüht, uns den Weg zu weisen. Zunächst den zurück zum Panionios-Stadion, in dessen unmittelbarer Nähe ... Handball gespielt wurde. Dort aber wurde uns der Weg zum Wasserball erläutert - und mit Hilfe der modernen Navigations-Software in noch moderneren Handies fanden wird den Weg nach einem Marsch durch den Stadtteil auch recht flott. Eine Truppe Polizei erwartete uns schon vor der Halle, aus der das Quietschen von Turnschuhen auf Hallenböden erklang. Ein kurzer Blick bestätigte den Verdacht: Hier wurde Volleyball gespielt. Aber nur ein paar Schritte entfernt lag der
Eingang zu einer weiteren Halle. Welcome to hell war mit großen Buchstaben auf eine Mauer gesprüht. 5 Euro später saß ich in der Schwimmhalle und erblickte die ersten live-Wasserball-Minuten meines Lebens. Auch hier mussten wir eine Gruppe schwarz gewandeter Fans passieren, auch hier gab es keine Gästefans, auch hier unterlag die heimische Mannschaft Panionios unter dem Gepöbel der einheimischen Fans den Gästen - und auch hier sahen wir nur ca 10 Spielminuten, die durch die Unterbrechungen sich jedoch etwas ausdehnten und in denen es ordentlich zur Sache ging. Die Spieldauer beträgt offiziell vier mal acht Minuten, verlängert sich aber bei Unterbrechungen, da die Zeit angehalten wird. Eine schöne Idee für die Lebenszeit. Hey, Gott - Time Out. Wird nachgelebt. Der Gästetrainer beschwerte sich trotz des Sieges beim Schiedsrichter vor der Heimtribüne - auf dem Rückweg in die Kabine empfing ihn ein Hagel aus Bechern und Feuerzeugen. Da auch das Spiel spannend anzusehen war, hat mich die Gesamtperformance Wasserball überzeugt - sollte ich wieder einmal in der Nähe sein, schaue ich sicherlich vorbei.
Wir nahmen erneut die Straßenbahn Richtung Nea Smyrni, stiegen an der Station Megalou Alexandrou aus und befanden uns nun auf bekannten Pfaden. Diesmal waren schon einige Fans mehr unterwegs, es verdichtete sich die Gewissheit, dass die Partie zwischen Panionios und Xanthi heute auch angepfiffen würde. Auf kleinen Grills dampften Souvlaki-Spieße, andere verkauften Nüsse und aus den Restaurants holten sich die Fans Dosenbier und Cola.
Noch war Zeit bis zum Spielbeginn; einem kurzen Ausflug zum Fanshop (in dem ich beinahe ein Wasserball-Shirt erstanden hätte) folgten chillige Momente in der Sonne vor dem Stadion. Die Pantheras ließen es sich nicht nehmen, jedem von uns einen Kalender ähnlich unserem Ultra-NWK-Kalender zu schenken - derart beglückt marschierten wir zu Gate 3, undwanderten an mit Graffitis verzierten Betonwänden zum Eingang. Ob unserer Herkunft verwunderte Polizisten tasten uns kurz ab und alsbald standen wir in der unüberdachten Panionios-Kurve. Rechter Hand hinter dem Tor fehlte die Kurve vollständig - ebenso wie Gästefans auf der anderen Seite. Kaum hatten wir unsere Plätze eingenommen, gings auch schon los - doch die Vorfreude auf ein Spektakel der Heimmannschaft währte nur kurz: nach 10 Minuten hatte Xanthi das 0:1 erzielt - der Torschütze feierte den Treffer vor der Panionios-Kurve mit einigen Salti, was diese naturgemäß mit wüstem Gepöbel beantwortete. Inmitten der folgenden Supportversuche erzielte Xanthi das 0:2. Diesmal fiel der Jubel moderat aus, während ein Chipsverkäufer aus seinem Korb neben Chips und Cola ein paar Bier versteckt hatte, die er eigentlich gar nicht verkaufen durfte - dies aber dennoch zur Freude einiger der mitgereisten Frankfurter dennoch machte.
Von Minute zu Minute wurde es leiser im Stadion, Panionios war nicht in der Lage auch nur ansatzweise Druck zu entfalten, während Xanthi nicht mehr als nötig machte. Ein paar Kracher flogen auf den Spielfeldrand, später hörte ich Worte wie Xanthi und Πουτάνα sprich Putana - es schien in der Übersetzung eindeutig zu sein. Im Grunde braucht man nur noch zwei weitere Worte - und kann mitreden; Beim Fußball genauso wie im Wasserball oder Basketball: Malakas und ela.
Von Zeit zu Zeit versuchte Panionos erfolglos anzugreifen, die Minuten verannen - und am Ende stand ein 0:2 der trostlosen Sorte. Vielleicht sollte die Eintracht mal Caio oder Heller vorspielen lassen - unter normalen Umständen könnten hier Volkshelden geboren werden.