Montag, 18. Oktober 2010

Heimspiel in Lautern


Sonntag, 17.10.2010 - Matchday

Nach den Aufregungen der letzten Tage, als vor allem die Stunde der wohlgenährten Entrüstungsbedenkenträger schlug und in vielen Medien ein Bild der Eintrachtfans gezeichnet wurde, das uns klar machen wollte, Genua sei in Wirklichkeit in Frankfurt, schlug nun die Stunde der Wirklichkeit. Der silberne Golf durfte auch mitspielen, allerdings nur kurz: Durch den grauen Sonntagmorgen rollten Pia und ich vom Nordend Richtung Kaiserlei und parkten im angrenzenden Büroviertel. Da wir zu fünft fahren wollten, erschien der tapfere kleine Golf doch etwas zu beengt und hatte folglich frei. Wenige Meter entfernt entdeckten wir schon Stefan R. und Thomas, bald darauf stieß auch Daniel zu uns - und so rollten wir auf die Autobahn. Der Herbst hatte das Land im Griff, die Scheiben beschlugen von innen - und nun werden sie folgen, die Spiele in der Kälte, im Regen; vorbei die Sonnentage. War es nicht eben erst, als wir durch Wilhelmshaven geschlendert sind? Nun also Kaiserslautern.

In des Tages Gräue verspielten sich die bunten Herbstfarben der Bäume am Straßenrand, plaudernd überquerten wir Vater Rhein, rollten durch die Pfalz, sahen Hügel, Täler und Weinberge, bis wir nach knapp anderthalb Stunden in Kaiserslautern einrollten. Nahe eines Volksfestes parkten wir kostengünstig, nahmen Schlachtermesser und Hackebeilchen in die Hand und machten uns auf den Weg zu morden und zu brandschatzen. Die Vögel grunzten in den frühen Mittag, derweil wir nach Opfern Ausschau haltend Richtung City marschierten. Der 1.FCK war präsent, ausgeblichene Fahnen hingen aus Fenstern, viele Aufkleber pappten an Verkehrsschildern, die Kneipen hießen Rote Teufel oder Walter 11 - und dort wo die Walter11 zu Speis und Trank einlud, wurden einst zwei Brüder geboren, die den 1.FCK in den Fünfziger Jahren zu Ruhm und Ehre geschossen hatten; Fritz und Ottmar Walter wurden in der Bismarckstraße 24 geboren; eine Gedenktafel erinnerte an die einheimischen Helden.

Kaltes Grausen packte uns, als wir an der Tanzschule Metzger vorbeiliefen, zuvor marschierten wir an der Gasanstalt vorbei; Stefans Kommentar lautete schlicht: Ewiggestrig.

Wir wanderten durch die Fußgängerzone und begegneten einer Bronzestatue des Brezel-Adams, der einen (ebenfalls bronzenen) Bub zwischen den Beinen eingeklemmt hatte - ein freundlicher Einheimischer erzählte uns die Geschichte des Mannes, der als Lauterer Original gilt - zum Dank ließen wir ihn am Leben. Die Geschäfte richteten sich derweil für den verkaufsoffenen Sonntagnachmittag und wir fanden uns in einer Wirtschaft Zum Bitburger nieder. Neben uns platzierten sich schwäbische Fans des FCK, die Bedienung kam aus Reutlingen und wir plauderten gutgelaunt in freudiger Erwartung einer warmen Mahlzeit - die dann auch kam. Zwar schien die Bedienung angesichts der Massen etwas irritiert, aber dann stand er vor mir, der Pfälzer Teller: Saumagen, Bratwurst, Leberknödel - etwas anderes als eine Art Schlachtplatte kam mir hier nicht auf den Tisch.

Später am Büdchen noch einen schnellen Schoppen als Wegzehrung besorgt, den Blaulicht beleuchteten Bahnhofsausgang flugs umlaufen und kurzer Stopp vor der Unterführung. Hunderte Lauterer marschierten hindurch, es sah aus, als seien sie der Gästemob und als dieser im Tunnel verschwunden war, folgten wir ihnen in den buntbeleuchteten Schacht. De Fußball kummt häm. Wieder im Lichte sahen wir den Kreisel, in dessen Mitte uns Fußballfiguren bewachten, 11 trugen rote Trikots, der Rest grüne - und dazu sei gesagt, dass die Polizei insgesamt recht präsent war, sich aber wohltuend zurückhaltend zeigte.

Auf dem Weg nach oben mengten sich Pfälzer und Hessen; wir kauften die letzten Bierdosen zuvor nie gesehener Marken (Baron), entdeckten mit Adler versehene Metzgerschürzenattrappen und hatten es letztlich geschafft - ganz ohne Sauerstoffgerät hatten wir Deutschlands höchsten Fußballberg erklommen, den Betzenberg. Nun trennten sich unsere Wege; während Daniel, Stefan und Thomas den Stehplatzbereich enterten, steckten in Pias und meiner Tasche Karten für Block 18. Obgleich ich es nicht zwingend vor hatte, erwarb ich bei Gabi noch den letzten Schal und solcherart geschmückt, trafen wir nun auf jede Menge bekannter Gesichter, überall ein großes Hallo und große Vorfreude. Nicht dabei war allerdings Charly, der sich Tage zuvor den Unterarm gebrochen hatte, wie ich erst am Samstag erfahren hatte und dem ich an dieser Stelle gute Besserung wünsche. Ich quatschte eine zeitlang mit Tom, dann fiel mir Arndt um den Hals, dort winkte Cardoso - Familientreffen in der Pfalz.

Der Einlass ging flott, viele Frankfurter Ordner waren präsent und wir hockten uns alsbald auf unsere Plätze mit schöner Sicht auf das Spielfeld. Um uns die Geiselgangster, André und Sandy, Siggi und Gerre, Dani und Presi; es war angerichtet. Zwei kleine Rauchwölkchen stiegen in die Luft und die Mannschaftsaufstellung zeigte, dass sich zum Spiel in Stuttgart personell nichts geändert hatte. Interessanterweise stand Markus Steinhöfer im 18er Kader, der ja in der letzten Saison eine Halbserie für den FCK gespielt hatte - wie zuvor schon Amanatidis und Altintop in Reihen der Eintracht.

Zum Einmarsch der Mannschaften präsentierten die Frankfurter ihre Schals, während die Lauterer eine Choreo nach oben zogen und mit Pilskronen garnierten. Zuvor verkündeten Banner der Lauterer Kurve, dass man a: noch nicht werfen sollte und b: nun das Material bereithalten möge. Chaotisch, Fanatisch, Lauter(n) konnten wir lesen- und es sah nicht schlecht aus.

Lautern erschien in den ersten Minuten wendiger, das mag vielleicht an der Trikotwerbung gelegen haben: Allgäuer Latschenkiefer. Doch dieses konnte auch in der 26. Minute nicht helfen, einem spektakulären Flug von Lakic nach leichter Klammer von Tzavellas folgte ein Elfmeterpfiff - und der Gefoulte trat selbst an. Wieder einmal bewies Nikolov seine Klasse auf der Linie und konnte den Elfer halten; während die Eintracht bislang sich noch keine zwingende Chance erspielt hatte. Dies änderte sich kurz vor dem Pausenpfiff, als ich Ochs und Jung per Doppelpass durch die Abwehr spielten und Gekas die Hereingabe von Jung zum 1:0 verwerten konnte.

Es lief also alles nach Plan; vor allem weil die Eintracht in der zweiten Hälfte den 1.FCK auch spielerisch dominieren konnte. Jung machte Druck über außen, Oka den ein oder anderen riskanten Abschlag und letztlich segelte eine schöne Flanke von Tzavellas kurz vor das von Sippel ordentlich gehütete Tor, und Gekas erzielte mit seinem zweiten Treffer das 2:0. Nahezu 8.000 Frankfurter feierten den Torschützen, der wenig später für Meier unter großem Applaus das Feld verließ. Zuvor sahen wir noch einen strammen Schuss von Jung, den Sippel parieren konnte und Köhler, der für den schon geschlagenen Nikolov auf der Linie klärte.

Als Meier nach einem schönen Zusammenspiel zwischen Schwegler und Jung und der passgenauen Hereingabe von Jung auf 3:0 erhöhte, war die Messe gelesen. Lauterer Anhänger verließen enttäuscht das Stadion, wir aber freuten uns überglücklich über den bevorstehenden Auswärtssieg. In Kaiserslautern, das gab es in der Historie nicht allzuoft. Der Jubel Meiers jedoch schien eher zurückhaltend - das ist der Stoff, der unserem Vorstandsvorsitzenden gefällt.

Für Lautern wird die Luft allmählich dünner, ich aber wünsche ihnen den Klassenerhalt von ganzem Herzen; das Stadion ist ordentlich und trotz der Umbauten anlässlich der WM 2006 noch immer originell, die Kapazität ist ausreichend, die Fahrtstrecke kurz und die Stimmung prickelnd - kurz, hier handelt sich um eine Fußballmannschaft mit gewachsener Fanstruktur und Herzblut einer ganzen Region und nicht um einen Kasperleverein, der zwar von den Medien liebgewonnen wird aber ansonsten nicht ernst zu nehmen ist, egal auf welchem Tabellenplatz sie stehen.

Auf dem Rückweg mussten wir noch kurz vor dem Ausgang der Pfälzer warten, marschierten dann Richtung Tunnel - dort jedoch erwartete uns eine nächste Polizeisperre. Da am nahegelgenenen Bahnhof jedoch ebenfalls kein Durchkommen war - und wir auch gar nicht dort hin wollten, wanderten wir auf Empfehlung eines Polizisten zurück zum Tunnel - der noch immer versperrt war. Nach einigem Genöle wurde der Durchgang geöffnet - und kaum waren wir auf der anderen Seite krachte ein Böller und ein paar Lauterer flitzten heran, um Frankfurter Schals zu ziehen. Kurze Irritation, Blaulicht und alsbald war wieder Ruhe.

Wir wanderten zurück zum Auto, reihten uns in den tröpfelnden Verkehr ein, überholten etliche Eintrachtbusse und flogen über die Autobahn zurück zum Kaiserlei. Kein Stau. Nirgends. Wohlbehalten landeten wir wieder in ähem Offenbach, verabschiedeten uns von Daniel, Stefan und Tom und rollten mit dem Golf (silber) durchs abendliche Frankfurt. Auswärtssieg in Lautern. Geil. Näheres zum Spiel wie immer bei Kid. Wie es sonst so war, lest ihr hier.

Schlachtfest in Lautern

Kommentare:

  1. Mein silberfarbener Golf parkte in Rathausnähe vor dem Pfalztheater; ein Hinweisschild dort wies auf das nahegelegene kirchliche Gemeindezentrum hin: "Alte Eintracht". Da konnte schon nichts mehr schiefgehen.

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  2. So & nicht anders mag ich meine Heimspiele ... ähhh Siege & Schlachtplatte. Was anderes kommt mir gar nicht auf den Teller. Vielen Dank, Beve, Du unermüdlicher Wanderer.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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  3. cool, ein silberner golf in der pfalz. bei der alten eintracht.

    danke euch und viele grüße

    beve

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  4. Was kann ich für den Geschmack von Heribert Bruchhagen - mir hat Meiers Torjubel auch gut gefallen. :-) Charly wünsche ich gute Besserung und dir, Beve, sage ich wie immer herzlichen Dank für deinen Bericht. Du hast wache Augen, die manchmal mehr und auch das eine oder andere anders sehen als meine. Und das macht deinen Blog für mich so lesenswert. Gruß vom Kid

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  5. und ich bin auswärts noch immer ungeschlagen!
    es war ein klasse auswärts-erlebnis ungetrübt von irgendwelchen schikanen. das war fußballatmosphäre pur. ich hoffe, dass man dort nächstes jahr wieder hinfahren kann - ich mag das stadion.

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  6. Warum wurden die schwarzen Socken im Urinal nicht erwähnt?

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  7. stimmt, die schwarzen socken im urinal - das habe ich glatt vergessen. da lagen tatsächlich zwei schwarze socken in der pissrinne. und ich habe meine noch! hammer. sachen gibts...
    kid, vier augen sehen mehr als zwei, so ist das - und du siehst auch nicht schlecht.

    pia, nächstes jahr gibts ne auswärtsdauerkarte. ungeschlagen in 17 spielen, das wärs doch.

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  8. war echt ein klasse auswärtsspiel, was auch an den mitfahrern lag. ;-)
    viele grüße
    daniel

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  9. Auswärts ungeschlagen kann ich auch bieten:
    3 Spiele, 9 Punkte, 6:0 Tore.
    Danke für das "Heimspiel in Lautern", ich fand auch, dass es ein toller Fußballnachmittag war.

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  10. Thomas...der eine Mitfahrer :-)18. Oktober 2010 um 22:34

    Klasse Bericht!

    Danke für diesen kurzweiligen Tag.Hat echt Spass gemacht!
    Hoffe an Wiederholung an einem kinderfreien Auswärtsspieltag! :-)
    Grüße an die Mitfahrer und Fahrer.

    Und Daniel lass Dir mal von Stefan meine Handynummer zwecks SMS geben!

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  11. Danke für den klasse Bericht,

    Zitat:
    kurz, hier handelt sich um eine Fußballmannschaft mit gewachsener Fanstruktur und Herzblut einer ganzen Region und nicht um einen Kasperleverein, der zwar von den Medien liebgewonnen wird aber ansonsten nicht ernst zu nehmen ist, egal auf welchem Tabellenplatz sie stehen.

    Genau so ist es, doch mit jedem neuen "Projekt" verschwindet leider immer eine solche Fussballmannschaft

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  12. Brezel-Adam mit eingeklemmtem kleinen Kind zwische de Schenkel? Ein klarer Fall für Pornosteffi und den Aufklärungssender RTLII.

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  13. Toller Bericht.Sehr geil. Danke Beve.Wenigstens Deine Berichte halten mich am leben.

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  14. beim brezel-adam haben wir gleiches gedacht :-)

    jahn, das hört sich aber traurig an, wünsch dir alles gute.

    schee war's, aber schon wieder so lange her.

    machts gut

    beve

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  15. Mir geht es wie Pia:

    Ich hoffe sehr, dass Lautern nicht absteigt. Ich mag es da auch. Toller Blick aus dem Gästeblock, das hat man auch nicht überall.
    Und der Pfälzer an sich ist doch eigentlich recht nett.

    Danke für den schönen, stimmungsvollen Bericht.

    Grüße
    Nicole

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  16. der pfälzer an sich - das ist ein kerl :-)

    dank und gruß

    beve

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  17. -Ich hoffe sehr, dass Lautern nicht absteigt. Ich mag es da auch. Toller Blick aus dem Gästeblock, das hat man auch nicht überall.
    Und der Pfälzer an sich ist doch eigentlich recht nett.-
    :-) Grüße an euch Hessen, bin so ein "netter Kerl" aus der Pfalz und FCKler. Schön zu sehen, dass es nach den eher unschönen Berichten im Vorfeld jetzt auch mal was nettes über uns "Bauern" geschrieben wird. :-)
    Ich saß mit Frau und Kindern in der Ost und kam mir vor, wie auf nem Auswärtsspiel. Die "Betzehölle" war einfach nur beschämend, da habt ihr wirklich mehr gezeigt, Respekt.
    Und sicherlich werden wir auch im nächsten Jahr solch ein Derby feiern, dann allerdings mit nem Heimsieg :-)
    Viele Grüße aus der Pfalz

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  18. dreamer_ffm oder Stefan R.22. Oktober 2010 um 19:52

    war wirklich ne tolle auswärtsfahrt.
    das erste mal saumagen (ging eigentlich vom geschmack) gegessen und ne menge gelacht.
    vor allem der kasper aus dem schwabenland, der den ksc und die aachener so mag, war zum lachen.

    ich mag die pfälzer zwar net, aber sie sind mir alle mal lieber wie die "gutmenschen" aus der narrenstadt oder hoppenenheim...
    mal schauen, ob wir in dieser konstellation nochmals ausärts zusammen fahren (ich hoffe schon)

    viele grüße

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  19. so, da isser, der freundliche pfälzer - sehr schön :-)

    stefan, das war in der tat eine lustige konstellation. ewiggestrig :-)

    viele grüße

    beve

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