Sonntag, 5. September 2010

Heimspiel in Würges


Der Sommer neigt sich dem Ende zu; bald verlieren die Bäume erst die Äpfel dann die Blätter und dann stehen wir wieder da und frieren. Also nutzen wir die schönen Tage, werfen uns in den silbernen Golf und machen uns mit den Klängen von den Männern, die sie nicht hängen können auf in den Taunus. Devil on the wind. Wir fahren gemächlich hinter Oberursel hinauf Richtung Feldberg; Kreuze am Straßenrand erinnern uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen, ein Holztransporter quält sich den Berg hoch und in Oberreifenberg trete ich abrupt auf die Bremse; hinter einem kaum wahrnehmbaren Ortsschild folgt nach wenigen Metern eine Batterie von modernen Blitzanlagen - das geht gerade nochmal gut. Im Ort ist es ruhig, ein Mann mit Bart hängt am Kreuze, gezeichnet vom Leid, dass er auf sich geladen hat - und wir sprechen hier nicht über unseren ehemaligen Kapitän. Wir parken den Golf vorschriftsgemäß, man weiß ja nie, und schlendern hinauf zur Ruine, die mächtig über dem Ort thront. Leider ist der Aufgang verschlossen, so dass wir am Fuße ein paar Fotos schießen, rüber zum Feldberg blicken und nach einer Weile zurück zum Auto marschieren.

Über die B8 rollen wir durch den sonnigen Tag und eh wir zwei Mal geblinzelt, sind wir schon in Würges, einem Stadtteil von Bad Camberg. Der Sportplatz ist ordentlich beschildert und wir parken auf einem kleinem Parkplatz hinter dem Trainingsplatz. Wir sind früh dran, kurz nach unserer Ankunft beginnt die freiwillige Feuerwehr den ankommenden Verkehr zu leiten. Am Kassenhäuschen besorgen wir uns zunächst zwei Eintrittkarten - man weiß ja nie -, dazu bekommen wir zwei Programmhefte geschenkt und machen uns zu Fuß auf, den Ort zu erkunden. Mittlerweile sind schon etliche Eintrachtfans unterwegs, der Nachwuchs wie der Herr Papa im Eintrachttrikot; wir entdecken eine schöne Kirche, eine Straße mit seltsamen Namen - nur was wir nicht entdecken ist ein Metzger - und dies ist bedauerlich, denn mein Magen hängt in den Kniekehlen. Aber eines tröstet uns: spätestens im Stadion wird es eine Bratwurst geben.

Der Laden für Reitsportbedarf lässt uns kalt, wir wandern zurück zum Stadion Goldener Grund, wo der Eintrachtbus mit herabhängenden Ästen zu kämpfen hat, lassen unsere Tickets entwerten und treffen auf Daniel, der sich mit einem Kumpel gleichfalls auf die Reise in die Provinz aufgemacht hatte. Die Bratwurst ist aller Ehren wert, der Becher Spezi desgleichen und derart gestärkt schauen wir uns um.
Der Sportplatz verdient diesen Namen allemal, die Haupttribüne besteht aus einem eigenhändig gebauten schmucken Holzbau, der durch ein erhöhtes Stadionsprecherhäuschen begrenzt wird, woran eine Oldschoolanzeigentafel angebracht ist. Obenauf thront ein Wetterhahn - und auch eine Schiffsglocke befindet sich darin, wie mir ein freundlicher Ordner erklärt. Mitgebracht haben diese die Würgesener von einem Pokalspiel in Bremerhaven, welches zu Beginn der Achtziger dort erfolgreich absolviert wurde. Stolz erklärt der Mann auch, dass das Stadion dem Verein gehöre, der heuer 90 Jahre alt wird - und gemeinsam mit der Eintracht nun diese stolze Jubiläum auch sportlich angeht.

Der RSV Würges spielt in der Hessenliga und hat sich nach anfänglichen Problem dort berappelt; einem 7:1 Auswärtssieg in Baunatal folgte am Mittwoch ein 2:0 gegen RW Darmstadt; der Höhepunkt des Vereinslebens liegt allerdings schon ein Weilchen zurück; 1987 unterlag der Rasensportverein im Pokal gegen Fortuna Düsseldorf mit 0:3; das Stadionmagazin weiß von Ausschreitungen alkoholisierter Fans der Fortuna zu berichten. Soweit wird es heute nicht kommen; zum einen sind wenig Düsseldorfer vor Ort, zum anderen pflegt der Nachwuchs ein inniges Verhältnis zu Limo und Cola.

Auf dem Platz machen sich die Mannschaften warm; aus den Boxen erklingen Eintrachtlieder und der Stadionsprecher schwäbelt munter vor sich hin. Eintrachttrainer Skibbe, der mit vierzehn Aktiven angereist ist, da sich die restlichen Eintrachtler entweder auf Länderspielreise oder in der Reha befinden, gibt ein Interview - die 40 Mitarbeiter des heutigen Sponsors klatschen sicherlich brav Beifall und ich hocke mich auf die Laufbahn, um vielleicht das ein oder andere Foto zu schießen. Alsbald laufen die Mannschaften ein; ausgerechnet Benni Köhler mit dem Größten der Einlaufkinder an der Hand. Oder umgekehrt. Anpfiff; Amanatidis zu Meier. Oder umgekehrt.

Die Eintracht beginnt mit Fährmann im Tor, als Verteidiger fungieren Köhler, Vasoski, Franz und zum ersten mal seit langer Zeit der etatmäßige Kapitän Chris; im Mittelfeld bewegen sich Heller, Meier, Clark, Steinhöfer und Ochs, während Amanatidis stürmt. Würges ganz in Gelb. 2.400 Zuschauer erleben eine kampfbetonte erste Hälfte, in der die Eintracht durchaus mithalten kann - aber nach wenigen Minuten doch den Rückstand hinnehmen muss. Einen langen Ball hebt Kilic Görgülü am heraus stürmenden Fährmann vorbei zur verdienten Führung ins Netz.

Große Freude hier, bedröppelte Gesichter dort und wer gedacht hatte, der Bundesligist würde nun zeigen, wer Herr im Hause ist, der wird enttäuscht; Würges erarbeitet sich die größeren Chancen - das Tor aber erzielt die Eintracht; ein Freistoß von Steinhöfer wird lang und länger - und saust zur Überraschung aller ins Tor. Ausgleich. Die erneute Führung der Gastgeber verhindert nur der Pfosten, der einen Freistoß gekonnt abwehrt.

In der Halbzeit flitzen die Kids wie Glühwürmchen umher, während sich Marco Russ und Marcel Titsch-Rivero umringt von Menschentrauben das Bällchen zuspielen; neben den beiden ist einzig noch Torhüter Andreas Rössl dabei, der jedoch nicht zum Einsatz kommen wird.

Russ hingegen darf (oder muss) für Franz mitmachen; auch Würges wechselt kräftig durch, der Stadionsprecher erzählt mal dies mal jenes, aber erzählt und urplötzlich liegt die Kugel im Netz. Doch Glück für die Eintracht, der Schiedsrichter zeigt Mitleid und Abseits an, es bleibt zunächst beim glücklichen 1:1. Und so kommt, wie es stets kommt - aufopferungsvoll der Kleine, glücklicher hingegen der Große - in die untergehende Sonne trifft der engagierte Steinhöfer ein zweites Mal und bringt den Bundesligisten nahezu sensationell in Führung. Heller wird gefoult, liegt am Boden, die Würgesener sind bissig, ab und an läutet die Schiffsglocke zum Angriff, während die Anzeigetafel versucht, sich in Szene zu setzen. Köhler hingegen setzt Amanatidis in Szene und so fällt dann doch noch das 1:3.

Ein weiter Höhepunkt des Spiels ist der Moment, als ein kleiner Zuschauer seinen vollen Limobecher über das Geländer fallen lässt, blöd, dass genau darunter ein Motorradhelm liegt - der Blick des Besitzers zeugt von sekundenlangen Unglauben; irgendwo auf dem Gelände wuselt zudem ein Hund in Würgestrikot umher. Friedlich geht die Sonne unter und dann ist Schluss.

Nachdem der Stadionsprecher die Jugend auffordert, sich den Eintrachtlern gemächlich zu nähern, halten sich natürlich alle daran - und sausen sprintend und fahnenwehend auf den Platz. Wie Wespenschwärme umringen sie Ochs und Ama, Titsch-Rivero und Clark - andere hingegen schleichen sich unbemerkt vom Platz. Auch die Leistung von Würges wird honoriert, Autogrammjäger erbitten sich auch von ihnen Unterschriften und die 40 Mitarbeiter des örtlichen Sponsors dürften zufrieden sein.

Wir dackeln über den Sportplatz, verabschieden uns von Daniel und seinem Kumpel und suchen eine Lokalität. Da uns nichts geeignetes ins Auge fällt, rollen wir über Wallrabenstein in Richtung Idstein, werden in der Altstadt fündig und sehen nach einem kurzen Ritt über die A3 bald die Skyline von Frankfurt - nichts hätte ich gegen den Anblick einer ragged shoreline einzuwenden; aber man kann nichts alles haben, immerhin hat Chris gespielt und die Eintracht gewonnen. Das gab's schon lange nicht mehr.


Kommentare:

  1. Diese verdammten Rückstände halte ich nur aus, weil ich Dich an meiner Seite weiß, Beve. Auch & weil ich weiß, daß der Rückstand einem nur sagen will: Fang an zu arbeiten, fang an zu kämpfen.

    Danke für die Mitnahme an diese kleinen wunderbaren Orte. Danke für den Spätsommer. Danke für die Heimspiele.

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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  2. Bitteschön :-)

    Es sind die kleinen Orte, die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die meist mehr Spaß machen, als das vermeintlich Große.

    Viele Grüße

    Beve

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  3. Ihr ward in Idstein? Ja Mönsch ...

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  4. war ein schöner sommernachmittag. freu mich immer euch zu treffen. und hier zu lesen.

    lg daniel

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  5. jo stefan, war aber schon recht spät. daniel, die freude ist ganz meinerseits.

    auswärtssieg!

    beve

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  6. Ein Heimspiel. Beim Rasensportverein. In Würges. Schön. Ich befürchte nur, irgendwann könnte ein "Heimspiel" im Osten daher kommen, bei einem "Verein", der "RasenBallsport" zu spielen vorgibt ...

    Ich danke. Für den kurzweiligen Bericht und für die sehenswerten Fotos.

    Gruß vom Kid

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  7. Wie rum war denn der Motoradhelm? Oeffnung nach oben oder nach unten?
    Da sitzt man in Toronto in einem Hostel und wartet auf Englaender um mit denen was zu essen und dann zu trinken und freut sich ziemlich einen Bericht ueber die Eintracht aus Wuerges zu lesen.
    Danke dafuer, der abend kann beginnen.

    Gruss

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  8. ich glaube, der helm war mit der öffnung nach oben. denn der besitzer wischte mit mehreren tempos im helm rum. er war ziemlich angefressen - sein sohn murmelte kleinlaut etwas von "das war doch unabsichtlich".
    ja, das sind die kleinen geschichten die einen solchen tag mit erlebnissen füllen. leider gehörte da auch dazu, dass meier beim warmmachen mit einem "pfui meier" beschimpft wurde, als er einen ball neben das tor setzte. diesen herren verwies ich dann in die schranken.
    sowas brauch ich nicht - und erst recht nicht bei einem freundschaftsspiel.

    aber ansonsten war es ein wunderschöner ausflug in den taunus :-)

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  9. Und wieder war ich mal mit dabei, ohne selbst dort gewesen zu sein.
    Vielen herzlichen Dank fürs *Mitnehmen* :)

    Lupadigitus aka Alexandra

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  10. die "pfui meier fraktion" strotzt in der regel so von charme und klugheit; gut gemacht pia.

    danke euch und grüße in die welt

    beve

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