Montag, 13. Juli 2009

Heimspiel in Stadtallendorf

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Vor einiger Zeit funkte mich Werner Fleckna an, seines Zeichens Ehrenmitglied des EFC Adlerhorst Stadtallendorf und fragte mich, ob ich zum zwanzigjährigen Jubiläum des EFCs beim Freundschaftsspiel in Stadtallendorf zwischen der dortigen Eintracht und der Frankfurter Eintracht den Stadionsprecher geben wolle. Natürlich wollte ich, immerhin hatte ich bislang erst einmal das Vergnügen, die Profis anzusagen, 2005 war's beim Freundschaftskick der Eintracht gegen den KSC in Eschborn, und so rollte ich mit Mutters knallrotem Micra gegen halb Zwölf auf die Autobahn. Micra? Knallrot? Da fehlt doch etwas könnte man meinen - genau: der silberne Golf. Der war kurz zuvor mitsamt Pia und den Kids in Richtung Ferien aufgebrochen - und so hatte ich meiner Mutter den Micra aus den Rippen geleiert. Der Vorteil: Ich war mobil. Der Nachteil: Nichtrauchen im Fahrzeug und dazu ein festeingestellter HR4-Sender im Autoradio.

Flott röhrten wir über den Highway (der Micra und ich), die Lautstärke des Radios wurde auf "Null" gesetzt und Gott sei's gedankt war wenig los auf der A5, die meisten Urlauber hatten sich wohl schon gestern auf die Reise gemacht und so rollte ich bald an der Anschlussstelle Homberg/Ohm auf die Landstraße hinweg durch das sonntagmittägliche Hessen. Östlich lag der Vogelsberg, westlich Marburg und mittendrin traf sich die Hessen zum Mittagessen.

Durch Wald und Feld und Gemeinden wie Nieder Ofleiden erreichte ich Stadtallendorf und nach wenigen Minuten auch das Herrenwaldstadion, den Ort der heutigen Veranstaltung.

Der Himmel gab sich ein wenig bedeckt, die Ordner freundlich und alsbald entdeckte ich Werner, mit dem ich noch einige Einzelheiten besprach, während der Nachwuchs auf dem Feld schon tapfer um Ball und Tore kämpfte. Unter der kleinen Haupttribüne sollte ich ganz oben mein Plätzlein finden, eine Anlage war aufgebaut, Boxen rund um den Sportplatz verkabelt und so blieb zunächst nichts Anderes zu tun, als das Mikro auszuprobieren und meine Runde zu drehen. Ein Autohändler präsentierte seine Fahrzeuge am Spielfeldrand, Bier- und Wurstbuden waren aufgebaut, auch ein mobiler Fanshop der Frankfurter Eintracht wartete auf Kundschaft, während ein großes Banner des EFCs munter im Wind flatterte. Die ganze Anlage trug wie so viele Sportplätze den Charme des sanften Verfalls in sich, wie anders fühlt sich hier noch das Erlebnis Fußball an im Vergleich zu den facegelifteten Arenen, die zwar ein Event beherbergen mögen, aber kein Leben - mit all seinen Kratzern und Geschichten.

Peu a peu trudelten die Besucher ein, viele Helfer, vor allem aus dem Fanclub, wuselten umher, Kinder gaben sich gegenseitig Autogramme und schon stand das Vorspiel auf dem Programm. Die zweite Mannschaft des TSV Eintracht Stadtallendorf kickte gegen eine Auswahl des Fanclubs, die sich lange Zeit in hübschen orange-schwarzen Trikots gegen die sich anbahnende Torflut wehrte. Inmitten des Spiels rollte der Bus der Eintracht an, gefolgt von einem Schwarm Kinder, die wie Möwen um einen Fischkutter umherschwirrten. Dem großen Spiel sollte also nichts mehr im Wege stehen.

Ich begrüßte brav die Zuschauer, die mittlerweile in Mengen ins Stadion strömten, begrüßte die Teams und auch das EFC Ehrenmitglied Rolf Heller, der als Präsident der Eintracht in stürmischen Zeiten den Club aus den Tiefen wieder ans Licht gebracht hatte; dankte dem EFC und den Sponsoren ebenso wie dem Bürgermeister, der als Schirmherr fungierte und wies daraufhin, dass in wenigen Tagen hier in der Hessentagsstadt 2010 die Rockkapelle Staus Quo zu Gast sein wird. Aus den Boxen wummerte Thunderstruck von AC-DC, später Peter Fox, während sich die Mannschaften auf dem Platz warm machten.

Die örtliche Presse war mittlerweile eingetroffen, das Hessentagspaar präsentierte sich den Fotografen und bei Verkündung der Aufstellungen stellte ich fest, dass unsere Nummer 36, Marcel Titsch-Rivero, noch nicht jedem bekannt war. Einige fehlten, auf Frankfurter Seite bspw. Amanatidis, Chris, Fenin, Spycher und Toski und auf Stadtallendorfer Seite Mario Schudy, der sich im Mittwochs-Training schwer verletzt hatte und nun, beim Höhepunkt der Saison, immerhin für zwei Stunden das Krankenhaus verlassen durfte - um seinen Kumpels beim Kampf gegen den schier übermächtigen Gegner zusehen zu können. Die Stadtallendorfer jedoch waren keineswegs zu unterschätzen, hatten sie doch in der voran gegangenen Saison hier im Stadion in der Hessenliga gerade Mal ein Spiel verloren - und dies als Aufsteiger. Bernie funkte mich an, ob da tatsächlich meine Stimme aus den Lautsprechern quoll; ich konnte nicht anders, ich bejahte.

Den Anstoß vollführte das älteste Mitglied des EFCs, der 89jährige Herr Weber und schon rollte die Kugel. Die Eintracht, angetreten mit einer besseren B-Elf (Fährmann, Ochs, Petkovic, Russ, Bellaid, Jung, Steinhöfer, Tosun, Titsch-Rivero, Köhler, Liberopoulos) führte nach wenigen Minuten mit 1:0 durch Sebastian Jung, einem Treffer den ich zunächst Tosun zuschrieb. Später erhöhte Steinhöfer auf 2:0, ein Ergebnis, mit dem es auch in die Halbzeit ging.

Der erste wirkliche Höhepunkt erfolgte in der Halbzeitpause: Der Eintracht Fan René marschierte mit mir auf den Platz, und wir holten dessen Freundin Sabrina aus der Kurve, die ebenfalls mitkam. Und dann fiel René vor ein paar Tausend Zuschauern (darunter Vorstandsmitglied Dr. Thomas Pröckl) auf die Knie und hielt um die Hand seiner Freundin an, was diese mit Glückstränen in den Augen freudig annahm. Großer Applaus, inniger Kuss - ein Tag, der für die beiden unvergessen bleiben wird. Alles Gute von hier.

Mittlerweile war Attila gelandet und zog die Aufmerksamkeit auf sich und schon ging's weiter mit Halbzeit Zwei. Pröll spielte nun für Fährmann im Tor (der mit einer tollen Parade kurz vor der Pause den Anschlusstreffer verhindert hatte) und Mahdavikia verteidigte für Ochs. Kurz darauf fiel dann tatsächlich der Treffer für Stadtallendorf, Pröll ließ einen Ball abklatschen und Fabio Eidelwein schob die Kugel ungerührt ins Netz. Ich hatte davon nur die Hälfte mitbekommen, weil neben mir zwei Jungs schluchzend ihren Onkel suchten - der auch bald darauf gefunden wurde.

Dies hinderte das Team von Stadtallendorf jedoch nicht, den Ausgleich zu erzielen. Nach einer tollen Flanke wuchtete Serkan Atas das Leder ins Netz. 2:2. Oha.

Nun wurde bei den Frankfurtern kräftig gewechselt; Teber und Korkmaz, Meier und Caio kamen aufs Feld und taten sich genau so schwer, wie die Buben zuvor. Ruppiger wurde es, kleine Nickligkeiten prägten das Bild und ein überragender Torhüter namens Olujic, der einen Ball nach dem anderen aus dem Kasten fischte. Gegen Ende kam sogar Farbe ins Spiel inklusive Rudelbildung - und so kam was kommen musste: 10 Stadtallendorfer kämpften gegen 11 Frankfurter und mit dem Schlusspfiff erzielten diese dann doch noch das 3:2. Torschütze in letzter Sekunde war Cenk Tosun, nachdem sich das heimische Team zuvor noch verzweifelt gewehrt hatte. Trotzdem, wir sahen eine großartige Leistung des Hessenligisten - und eine Eintracht, die mindestens noch eine Schippe drauflege muss, um fürderhin zu bestehen. Aber: Wichtig ist Offenbach.

Mit dem Schlusspfiff sausten die Kids auf das Spielfeld, aus den Augenwinkeln entdeckte ich Maik Franz, der umringt von den Bengeln tapfer Autogramme schrieb und so packte ich meinen Kram zusammen, bedankte mich bei den Veranstaltern vom EFC Adlerhorst Stadtallendorf, trank ein Abschlussbierchen und machte mich auf Richtung Heimat.

Ich ließ Stadtallendorf hinter mir, und fuhr in die untergehende Sonne. Diesmal blieb ich auf der Landstraße, genoss die Natur und die Wolkenbilder und nun passte auch die Mischung aus Operette und Schlager, die mir HR4 offerierte. Ruhig war es am Sonntagabend, die Menschen saßen vor dem Fernseher und dem Tatort; Homberg/Ohm, Grünberg, Hungen, Friedberg, Frankfurt - der Micra schnurrte vor sich hin und erreichte pünktlich zum Schweden-Krimi das Frankfurter Nordend. Morgen geht er wieder in Mamas Obhut. Danke.

Kommentare:

  1. "ein festeingestellter HR4-Sender im Autoradio."
    *Das* ist ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konventionen!

    Schöner Bericht, scheint ne Reise Wert gewesen zu sein. Wo Pia den geilsten Auswärtsrock hat bist du die geilste Auswärtsstimme. :-)

    Zum Ergebnis sag ich lieber nix, nehm es aber zur Kenntnis. Was wichtig ist hast du ja schon erwähnt.

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  2. Schön! Auch im Stadion das richtige Wort zur richtigen Stelle, Freundschaftsspiel...

    Nur dröge Worte vielen mir selbst zu dem Spiel ein. Die Atmosphäre drumrum war schöner (wohl trotz hr 4 ;-) und Appler-Cola aus der Zappfanlage...

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  3. Öh. Behalt das v und denk dir ein f bei einfallen in der Vergangenheit. Denk dir ein h dazu und gib mir das p aus der Äppelwoianlage. Verwirrt ich bin. Hör jetzt Springsteen...

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  4. Mein Beve, ich liebe es! Großartig. Ja die Worte helfen. Und die Musik hilft auch, Beve. Und die Bilder zu den Geschichten sind nicht nur schön, nein, auch die helfen. Danke, danke & noch einmal danke!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

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  5. schnellinger, das ganze war tatsächlich eine reise wert, hr4 zwischen horror und kult. aber das autoradio hat seine macken und wenn mama kein hr4 mehr hören kann, wird sie grantig :-)

    gereizt, die jungs hätten sich fast auf dem platz gekloppt, was will man da machen. äppler cola geht gar nicht. im gegensatz zu springsteen :-)

    fritsch, ich bedanke mich außerordentlich.

    machts gut und viele grüße

    beve

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  6. ein schöner bericht.
    ich kann mir jetzt vorstellen, wie sich die exilanten fühlen.
    zur zeit im osten der republik weilend (in r.....k) freut man sich über solche worte, bringen sie einem der heimat ein stück näher, zumal man hier immer etwas traumatisiert ist.

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  7. Ja, Pia, Exil & Trauma sind tough jobs but someone's got to do it. Auch bei mir einer der Gründe, warum ich an den Lippen des großen Wortmeisters hänge.

    Viele Grüße in die Diaspora,
    Fritsch.

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  8. HR4? Höchststrafe. Spielen die auch "Nimm' mich mit auf die Reise, Kapitän"? Kapitän Beve muss ich nicht bitten, der nimmt mich mit. Hier. Jedes Mal.

    Danke.

    Gruß vom Kid

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  9. ob hr4 dies spielt, das weiß ich nicht. aber wenn es mir gelingt euch mitzunehmen, dann freue ich mich. obwohl es ohne pia nur halb so schön ist. und ohne eure kommentare wäre das schreiben nur halb so lustig.

    viele grüße in die republik und danke

    beve

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