Seiten

Posts mit dem Label VfB Stuttgart werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label VfB Stuttgart werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 4. Oktober 2010

Heimspiel in Stuttgart


Red is the colour of the new republic
Blue is the colour of the sea
White is the colour of my innocence
Not surrender to your mercy
(The Men they couldn't hang - The Colours)


Sonntag, 3.Oktober 2010 - kein guter Tag, um nach Stuttgart zu fahren. Zum einen tobt dort seit Wochen ein Kampf Bürger gegen Staat um die Tieferlegung des Bahnhofs, zum anderen tobt dort die sogenannte Wasen und zum dritten hat die Eintracht dort in den letzten Jahren seltenst gut ausgesehen. Letzteres allerdings macht mir weniger Sorgen, der VfB ist derzeit Tabellenletzter und die Eintracht hat letztes Jahr auch die Hertha in vergleichbarer Situation besiegt - also geht es gegen zehn am Morgen los. Pia, der silberne Golf, die Ente und ich machen uns auf Richtung Riederwald, um Stefan R. abzuholen, der zur verabredeten Zeit brav am Treffpunkt wartet. Ein U-Turn später fahren wir am Bornheimer Hang vorbei und landen hinter dem Bus von Energie Cottbus, dem sogenannten Cott-Bus. Energie kickte heute beim FSV, während wir auf die A 661 rollten, am Offenbacher Kreuz auf die A3 und am Frankfurter Kreuz auf die A5. Sonnig der Tag, rotgrün die Blätter, blau der Himmel und leise die Musik, vorwiegend The Men they couldn't hang, dazu ein buntes Sammelsurium an Songs, die uns schon in den letzten Wochen begleitet haben - neu in Beves Charts: Dashboard Confessional - Everybody learns from desaster; ein frommer Wunsch.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, Hockenheim, Hoffenheim, Heilbronn - ab und an ein Eintrachtler, ansonsten gepflegtes Reisen, wie es sich für einen schönen Herbstsonntag gehört. Bei Stuttgart Zuffenhausen verließen wir die Autobahn, schafften auch die Radarkontrolle ohne Probleme, um uns in Zuffenhausen selbst in die Schlange stehender PKWs einzureihen.

Nun ist seit der Zeit der Untertunnelung des Pragsattels der Verkehr in Stuttgart meines Wissens etwas kontrollierter als die Jahre zuvor, von daher ließen wir uns durch eine Spurverengung nicht ins Bockshorn jagen und quälten uns Meter für Meter nach vorne, auch passierten wir einen Edekamarkt, der stark an das Düsseldorfer Stadion erinnerte. Nach einer Weile erblickten wir den Boschturm und dachten: Nu gehts aber gleich vorwärts. Falsch gedacht; aus Metern wurden Zentimeter, Tunnel hin, Tunnel her - es ging nur äußerst gemächlich vorwärts, der Eingeborene sagt hierzu: gschwind. Wir holperten nach einer gefühlten Ewigkeit aus dem Tunnel - und meine Laune sank merklich. Die im Kopf gefasste Entscheidung, in Cannstadt nahe eines Industriewerks zu parken wurde durch die Schlange dort wartender Fahrzeuge torpediert - jedoch sprenkelte sofort ein Hoffnungsschimmer als wir an den Parkplatz der vergangenen Partie beim VfB dachten: Yep, dort geht es hin - nah der Mineralbäder, unweit des Neckars - dort wird sicher noch ein Plätzlein für uns sein.
Die Idee schien gut; allein Stuttgart nicht bereit; kaum bogen wir in das Sackgässlein ein, erblickten wir ein Polizeiauto samt Inhalt, der sich gerade um einen anderen PKW kümmerte; da schien es keine gute Idee, sich gegen die Fahrtrichtung ins Parkverbot in einer Anlieger-Frei-Zone zu stellen. Dies sah ein anderer Eintrachtler genau so, den wir schon auf der Autobahn entdeckt hatten. Also Kehrtwende Marsch und ab ins Bädergebiet - eine Idee, die zuvor schon Milliarden vor uns hatten, jeder Flecken, ob erlaubt oder verboten war durch PKWs in Beschlag genommen; wir schlichen durch schmale Gässchen, knoteten uns ein Endlosknoten in den Golf und als die Verzweiflung uns zu übermannen drohte fanden wir einen völlig legalen Parkplatz, in den der vor uns fahrende Mercedes nicht hinein passte; Oh heiliger Golf, gebenedeit bist du unter den Autos.

Nichts wie raus und hinein in die Freiheit. Die Sonne brannte und wir marschierten über den Berger Steg in Richtung Wasen, welche nicht unser primäres Ziel war, aber in unmittelbarer Nähe des Neckarstadions liegt. Die Fahrgeschäfte wirbelten Menschen in die Luft, die kreischend in ihren Sitzen hingen; Massen schoben sich auf dem Hort der Gemütlichkeit entlang - und wir sahen zu, dass wir den Platz des Vergnügens so schnell wie möglich verließen. Unmengen von Dirndls, Krachledernen und Sepplhüten waren unterwegs - man hätten meinen können, man sei in München. Oktoberfest in Deutschland - und die ganze Republik zeigt sich weiß-blau; neulich gabs sogar im Solzer, einer altehrwürdigen Ebbelwoiwirtschaft in Bornheim weiß-blaue Servietten und eine Ankündigung für zünftige Wochen. Als ob in einem Münchner Biergarten irgendjemand auf die Idee kommt, Frankfurter Wochen im Oktober einzuführen; völlig zu Recht natürlich nicht. Angesichts der Debatten um Sarrazin und der vermeintlichen Islamisierung der Republik, sollten die Deutschen ihr Augenmerk eher auf die drohende Verseppelung richten.

Wie auch immer, wir orderten an einer Tanke ein Schöppchen und marschierten auf der gesperrten Straße in Richtung Stadion. Die ersten Busse waren schon dort, Buffo hockte am Zaun und wartete auf die Geiselgangster und da es noch früh war, kehrten wir im PSV-Heim ein, futterten eine Rote und hockten uns in die Sonne. Auf dem Sportplatz machten sich ein paar Bezirksligakicker warm, ein paar Jungs ballerten auf eine Torwand und der Wirt der Gaststätte hatte einen eigenen Parkplatz auf dem Gelände; ein Schild verkündete: Wirt.

Zu angemessener Zeit verließen wir den gastlichen Ort und marschierten zum finsteren Gästeeingang, wie gehabt nicht auf direktem Weg - es könnte so einfach sein - sondern um vier Ecken und stellten uns in die wartende Menge. Pia machte sich zum Fraueneingang auf, während Stefan und ich uns inmitten männlicher Leiber Stück für Stück voran schoben. Obgleich es jetzt keine Unmengen an Frankfurter waren, dauerte der Einlass ewig; jeweils nur eine Person durfte den Eingang passieren und erst nach der Durchsuchung, die fairerweise gesagt moderat war, kam der nächste dran. Dies sah bei den Frauen nicht anders aus. Und blöde ist, wer sich hinten anstellt, Pia und ich machten dabei die gleiche Erfahrung: Stets kommt von irgendwoher ein Trupp sich selbst höchst wichtig fühlender und auf die Allgemeinheit scheißender Fans an und stellt sich dummdreist vor die wartenden Deppen; in der Regel kleinere Grüppchen, die Solidarität stets einfordern, wenn es um ihre Belange geht, ansonsten aber den gewöhnlichen Fan für strunzblöde halten. Es wird der Tag kommen, an dem ich ein SV ob der eigenen Leute riskiere und auch für Pia lege ich nicht die Hand ins Feuer, dass es demnächst bei vergleichbarer Situation nur bei Worten bleibt.

Wir wanderten in den gut gefüllten Gästeblock und schlugen uns nach oben durch. Ein Blick in den Oberrang zeigte uns, dass dort Stuttgarter sitzen - und auch dies ist stets ein Quell wiederkehrender Freude: Man braucht bloß nach unten zu rotzen oder Bier zu schütten und hat schon die Gästefans am Wickel. Von daher wanderten wir noch weiter nach oben, um geschützt unter dem Rang zu stehen. Es dauerte nicht lange, bis der erste zu uns kam und allen Ernstes meinte, dies sei sein Platz. Das ist mir bei einem Auswärtsspiel noch höchst selten passiert; in einem Sitzplatzbereich, der von allen nur zum Stehen genutzt wird, aufgefordert zu werden, den Platz zu verlassen, zumal ich den Kerl kannte. Und zumal es generell keine Stehplätze, sondern nur verkappte Sitzplätze gibt. Aber gut, wir dackelten ein paar Stufen nach unten und mir ging so langsam alles auf den Sack; immerhin standen wir noch immer geschützt unter dem Oberrang.

Die Cannstatter hatten es sich am anderen Ende der Kurve bequem gemacht, die hauseigene Kurve war zwecks Stadionumbaus abgerissen und so gähnte dort, wo die Cannstätter Kurve ihr einstiges Zuhause hatte ein riesiges Loch. Die Sonne beschien die Anzeigetafel, dass man nichts lesen konnte, was aber nicht weiter tragisch war.

Anpfiff.

Kaum hatte ich mich sortiert, knallte die Kugel von der Latte des Frankfurter Tores zurück ins Spielfeld; erstes Durchatmen. Weitere folgten, der VfB vergab reihenweise gute Möglichkeiten und wie aus dem Nichts erzielte Gekas den Führungstreffer der Eintracht. Ungläubiger Jubel, wir nehmen doch gerne eine unverdiente Führung in Stuttgart an.

Auf der linken Abwehrseite war der dafür vorgesehene Tzavellas nur höchst selten zu finden - und trotz der Räume schaffte der VfB bis zur Pause kein Tor, ein höchst glücklicher Umstand für die teils zu schlafmützig agierende Eintracht, bei der Ochs wieder für Caio von Beginn an dabei war.

Die zweite Halbzeit brachte eine aufgewecktere Frankfurter Mannschaft, während den Stuttgarter gar nichts gelang; folgerichtig dann der zweite Frankfurter Treffer durch Chris. Zwischendrin flogen ein paar Becher durch den Block, einige scharmützelten sich mit den Stuttgarter Fans drumrum und richtig heiß ging es erst wieder in den letzten zehn Minuten her. Flog zunächst Delpierre nach einer rüden Attacke an Ochs vom Platz, schaffte der VfB Sekunden danach den Anschlusstreffer. Zehn Schwaben warfen nun alles nach vorne, die Eintracht taumelte - und fiel: Das 2:2 kurz vor Ende bedeutete zunächst das Ende aller Träume vom ersehnten Auswärtssieg. Die Stuttgarter Kurve johlte, die Frankfurter erkannten das nach oben geschwungene Fähnchen des Linienrichters und es dauerte ein Weilchen, bis der VfB-Anhang realisierte, dass das Tor nicht zählte. Schadenfreude, Schadenfreude hey hey hey. Mit Hängen und Würgen retten 11 Frankfurter den hauchdünnen Vorsprung bis zum Schlusspfiff und ich entkam einem Herzinfarkt nur um Haaresbreite. Mag sein, dass der Sieg unverdient war, mag sein, dass Schiri Brych den vermeintlichen Ausgleich zu Unrecht aberkannte - was zählt sind dreckige drei Punkte.

Aber bei aller Liebe; so wie die Eintracht heute aufgetreten ist, wird sie wenn überhaupt nur dreckige Siege einfahren. Zu wenig Bewegung, kaum Pressing, eine schwimmende Hintermannschaft und mangelnde Laufbereitschaft prägten das Spiel der SGE, die nun auf den zehnten Platz geklettert ist; immerhin.

Wir wurden dann von den Ordnern aus dem Block geschickt, durchbrachen zwei Polizeisperren auf dem Weg zum Auto, wo uns Flo noch eine Weilchen begleitete; löschten den Durst an der Tanke und marschierten über die Sepplwasen zurück zum Golf, der brav auf uns gewartet hatte.

Und dann fing das Elend erst richtig an. Milliarden Fahrzeuge waren unterwegs; wir quälten uns aus dem Parkplatz, reihten uns in den stehenden Verkehr ein und tröpfelten Stück für Stück dem Tunnel entgegen. Dort tröpfelten wir Stück für Stück durch den Tunnel, um anschließend Stück für Stück Richtung Autobahn zu tröpfeln. Es war grausam. Noch am gleichen Abend erreichten wir auf die Autobahn und verließen sie alsbald, um feste Nahrung zu uns zu nehmen; der liebe Gott wollte, dass wir in Mundelsheim landeten - und dort in der Gastwirtschaft zur Sonne. Wenn ihr Käsespätzle mögt, dann fahrt dorthin; wer jedoch Jägerschnitzel mag, der möge um dieses Location einen großen Bogen machen. Zwei zähe unpanierte Schnitzelläppchen schwammen in einer Soße, die in den frühen Siebziger zu Nierchen gereicht wurde, darin schwammen uninspiriert vorgeschnittene Dosenchampignons. Herrschaftszeiten, wie kann man den in einem gutbürgerlichen Restaurant in Zeiten von Aldi und Co noch Dosenchampignons servieren. Immerhin, die Pommes waren ok und es waren auch keine Erbsen in der Soße. Vielleicht war dies aber auch die Strafe dafür, dass wir uns zunächst ungefragt an den Stammtisch gesetzt hatten - der jedoch als solcher nicht ausgewiesen war.

Wir beglichen die Rechnung, schmissen den Golf an und rollten zurück auf den Highway - um in den nächsten Stunden nicht wirklich vom Fleck zu kommen. Abends um halbzehn steckten wir in einem Stau, der sich gewaschen hatte. Nach einer schier endlosen Zeit ließ sich der Grund erahnen; Fahrbahnverengung, aus vier Spuren wurden zwei. Doch wer gedacht hatte, dass es nun flüssiger vorwärts ging, wurde bitterlich enttäuscht. Rote Bremslichter, wohin das Auge blickte. Am Rande der Autobahn Verkehrsschilder mit dem Hinweis: Stau. Ach nee. Stefans Idee dem Verkehrsfunk zu lauschen, brachte Klarheit: 12 km Stau wg Baustelle folgten 16 km Stau wegen eines Unfalls. Doch nicht mit uns; 300 Meter später verließen wir die Autobahn, warfen einen Blick in die Straßenkarte und sausten durch menschenleere Landstraßen Richtung Sinsheim. Von Zeit zu Zeit erkannten wir die roten Bremslichter nebenan, und als ersichtlich war, dass wir nach knappen 20 km den Stau hinter uns gelassen hatten, enterten wir erneut den Highway; nie war ich glücklicher, das Stadion der TSG Hoffenheim zu passieren. Über die A67 und 14 km Baustelle auf der A5 erreichten wir kurz vor Mitternacht endlich Frankfurt; hätte die Eintracht das Spiel noch aus der Hand gegeben, hätten wir wohl irgendwann den Golf mitten auf der Autobahn geparkt.

Wir lieferten Stefan brav zu Hause ab und da punkt Mitternacht ein Grund zu feiern anlag, die Uhr 23:59 anzeigte und wir mitten im Stadtteil Riederwald waren, bogen wir kurzerhand zum Eintrachtstadion ab, wo der Neubau des Leistungszentrums seiner Vollendung entgegensieht - und stießen Punkt zwölf auf dem Heimatgelände der Eintracht imaginär an. Wenig später trudelten wir im Nordend ein; Pia musste noch Muffins backen, doch so langsam neigte sich ein langer Tag dem Ende entgegen. Von mir aus können sie den Bahnhof oben lassen - dafür ganz Stuttgart unter die Erde bringen. Aber Hauptsache gewonnen. Auswärtssieg! Schnarch.

Einen fundierten Spielbericht findet ihr wie immer bei Kid, tolle Fotos bei Stefan.


Fotos: Pia und Beve

Sonntag, 28. Februar 2010

Heimspiel in Stuttgart


Eben noch Dortmund, dann Hamburg und nun schon Stuttgart - das dritte Auswärtsspiel im Februar lag an; eigentlich war sogar die Partie der U17 beim gleichen Gegner am Samstag terminiert, so dass Interessierte sich quasi ein Vorspiel hätten anschauen können - wenn es nicht kurz zuvor aus obskuren Sicherheitsgründen auf den Sonntag verlegt worden wäre. Die Eintracht gewann dieses Spiel heute sogar mit 2:1 und hielt damit den direkten Konkurrenten in Schach, soviel vorneweg.

Da Pia am Samstag im Museum die Stellung hielt, hatte ich mich mit Stefan verabredet, der nicht nur eine Eintrittskarte für mich hatte, sondern auch eine Mitfahrtgelegenheit anbot. Und so trafen wir uns um 11 Uhr an der Rothschildallee unweit vom Backstage. Eifrige Ordnungshüter notierten emsig Strafzettel für Falschparker; dass der Wagen der Aufpasser ebenfalls im Halteverbot parkte, sei hier nur als Randnotiz angemerkt.

Die Wege waren seit gefühlten Jahrzehnten von Schnee und Eis befreit, die Sonne blinzelte durch den aufplatzenden Himmel und wir rollten auf die Autobahn. Noch am Donnerstag hatten wir uns im Museum gesehen, als die Veranstaltung zur Fanszene der neunziger Jahre anstand - was natürlich für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Demnächst werde ich mich sicher an die Arbeit machen, und über den Abend hier in aller Ausführlichkeit berichten; immerhin war es ein spannendes Jahrzehnt: Fußball 2000, Uefa-Cup-Reisen, Rostock, Heynckes, Abstieg, Gründung der UF97, beginnendes Internet, Aufstieg, Fjörtoft - einige Stichworte mögen an dieser Stelle genügen.

Nach all den Wochen des Eises und Schnees hüpfte das Herz im Leibe, als Frühlingsboten durch die Luft flatterten obwohl wir an Mannheim (SAP-Arena) und Sinsheim (SAP-Arena) vorbei rauschten. Weinberge vor Heilbronn, Abfahrt zur A81, Zuffenhausen, Stuttgart, Stau.

Noch vor wenigen Jahren mussten sich die Autofahrer über den berühmt-berüchtigten Pragsattel nach Cannstatt quälen, nun führte uns ein Tunnel flott hindurch. Kurz vor der Wilhelma erblickten wir Tageslicht und fuhren nun an Stuttgarts Zoo entlang. Lange Schlangen vor den Kassen zeigten, dass die Schwaben den Frühlingsanfang aktiv verbringen wollten, während wir nach einigen Kilometern in Sichtweise zum Stadion den Wagen an einem Aktivspielpatz parkten und uns zu Fuß in Richtung Fußball aufmachten.

Der Neckar floss trübe durch die Stadt, ein Kanute in rotem Kanu paddelte einsam im Wasser, während wir durch die freundliche Sonne marschierten um über die Brücke zum Stadiongelände zu gelangen. Stuttgart und Mercedes Benz - Straßen, Stadien, Autos und sogar die Kinder dürfen hier diesen Namen tragen. Und wer nicht Gottlieb, Daimler, Mercedes oder Benz heißt, der heißt Fritzle. Oder Thorschten - wie sich später zeigen sollte.

Zunächst aber zeigten die Parkplätze eine rechte Leere und das Stadiongelände sich als irgendwie steril. Die Porsche-Arena protzte neben dem Stadion, dazwischen das Carl-Benz-Center - Hochglanzödnis ohne Charme; ähnlich die Gastronomie - scharf bewacht durch Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Wir begannen, das Stadion zu umrunden, wanderten an Souvenirständen vorbei und erkannten nun die Baustelle der Untertürkheimer Kurve im Süden des Stadions.

Gegenüber lag ein Imbiss, im Angebot Worscht und Bier und dort trafen wir auf Stefans Freunde, die extra aus Zürich angereist waren. Ich versuchte ein paar Stuttgarter in ein freundliches Geplauder zu verwickeln - und was noch in Hamburg quasi Pflicht war, führte hier zu Blicken, als hätte ich vorgeschlagen, kleine Kinder zu verprügeln. So isser, der Schwob.

Wir verlagerten nun den Ort des Geschehens ein paar Meter weiter zur Gaststätte des Polizeisportvereins und beobachteten ein munteres Treiben von Stuttgarter und Frankfurtern Fans, während zwei Jugendmannschaften, sich ihren Weg zum angrenzenden Sportplatz bahnten. Später sollten wir erfahren, dass der Zutritt für Frankfurter hier nahezu erkämpft werden musste; hieß es noch in der offiziellen Mitteilung seitens der Polizei, dass jene Gaststätte explizit als Treffpunkt für Eintrachtler ohne Karte ausgewiesen wurde, so wollten die Kollegen vor Ort davon nichts wissen. Heidenei.

Ab nun begann Auswärtsfußball, will sagen, dass der kurze Weg zum Gästeeingang künstlich versperrt war. Wir mussten statt dessen einmal im Karrée laufen, um nur wenige Meter vom Ausgangspunkt entfernt hinter einem Zaun zu landen. Schattig war's, ungemütlich dazu und der Zugang zum Stadionbereich nur mit gültiger Eintrittskarte möglich. Vor den wenigen Eingängen stapelten sich die Eintrachtfans, die nach intensiver Kontrolle unterhalb der Gegentribüne zu ihrem Bereich geführt wurden, der ob des Umbaus sich am äußersten Rand der Cannstatter Kurve befand. Der VfB hatte Karten zu unterschiedlichen Preisen verkauft, die einen als Sitz-, die anderen als Stehplätze; dem Ordnungsdienst aber war es egal, wer wo hin ging. Dass alle stehen würden, war klar - dass die einen aber 15, die anderen 25 Euro dafür gezahlt hatten eine Frechheit.

Und damit sind wir schon bei einem der zentralen Themen, die ein Auswärtsspiel in Stuttgart charakterisieren. Frechheit. Und da will ich das Maskottchen Fritzle sogar ungeschoren davon kommen lassen, ihr wisst, seit Emma sehe ich die Dinge gelassener.

Eine Frechheit sind nicht nur unterschiedliche Preise für die gleichen Plätze oder die Divergenz zwischen Ansage und Ausübung polizeilicher Handhabung. Eine Frechheit ist es, nahezu während des gesamten Spieles über die Anzeigetafel Werbung laufen zu lassen (Spätzlepartner des VfB ist...) sondern auch der Stadionsprecher, der gegen Ende des Spiels gleich einem Marktschreier die Fans zum aktivem Mitmachen bewegen wollte. Hoch interessant war auch die Durchsage nach wiederholtem Böllerwurf. Dass die Dinge nichts beim Fußball verloren haben ist klar; wenn der Stadionsprecher aber darauf hinweist, diese bitteschön nicht in den Innenraum zu werfen, staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, denn was bliebe übrig? Genau, die gegnerische Kurve - oder die eigene. Na denn ...

Sport:

Die Eintracht begann mit Jung an Stelle von Franz, dessen Trainingsverletzung einen Einsatz nicht zugelassen hatte und statt dem gelbgesperrten Teber lief Caio von Beginn an auf. Schon nach wenigen Sekunden hatte Jung die Führung auf dem Schlappen, verzog aber. Fortan entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel ohne zwingende Chancen. Die Eintracht zeigte sich insgesamt zu fahrig, Altintop zog weite Kreise und Caio? Der setzte im Strafraum der Schwaben nach, eroberte sich das Leder, schaute kurz auf und passte zum freistehenden Köhler, der problemlos zu unser aller Freude einschob.

Die letzten waren noch am Jubeln, da hatte Cacau schon für den Ausgleich gesorgt. Nikolov ging bei einer Flanke nicht aus dem Kasten und der Brasilianer köpfte unbedrängt sein sechstes Tor im dritten Spiel im Laufe der Woche für den VfB. Die Cannstatter feierten den Treffer mit Rauch und gleißenden Kunstlicht, einige Böller rummsten und es war wie so oft: Wenn es gegen Frankfurt geht, muss jeder zeigen, was er kann. Damit nicht genug zimmerte Cacau nur wenige Minuten später die Kugel sogar zur Stuttgarter Führung ins Netz. Halbzeit.

Über die Anzeigetafel flimmerten kleine Spots, die vor dem Spiel gedreht wurden; Stichwort: Fan des Tages. I bin de Thorschten und i bin dr Fen desch Tages weil i denk, das dr VfB heit zweieins gewinne tut.

Schlimm. Schlimmer. Schdurgd.

Die zweite Hälfte brachte eine Eintracht, die zwar durchaus mitspielte ohne aber Lehmann ernsthaft zu Taten zu zwingen. Die gefährlichste Situation entstand durch Korkmaz, der - für Köhler gekommen - schön in den Sechzehner flankte; Meiers Kopfball aber flog knapp am Tor vorbei. Die größeren Chancen besaß zweifelsohne der VfB, bei dem Hleb nach einer Stunde vom Feld geholt wurde. Nikolov musste kurz vor Schluss innerhalb von wenigen Sekunden gleich drei Mal bravourös reagieren, um die Eintracht im Spiel zu halten. Eintrachttrainer Skibbe holte Caio vom Feld und brachte aus für viele unerfindlichen Gründen Liberopoulos, später kam noch Heller für Jung. Kurz vor Schluss entschied Schiri Drees an der Strafraumkante auf Freistoß für die Eintracht. Da Steinhöfer in Lautern weilte, Caio und Köhler nunmehr auf der Bank, sah sich Libero veranlasst, den Ball übers Tor zu ballern. Aus. Schluss. Vorbei. Verloren. Scheiße.

Wir verließen den Block 40, dackelten im Schatten an der Gegentribüne entlang, während ein Trupp Turtles an uns vorbei hastete. Hinter den parkenden Bussen sollte unser Weg eigentlich Richtung Neckar gehen - die Polizei aber sperrte die Straße, so dass zunächst niemand hindurch kam - dass der Weg nicht nur zum Auto führte, sondern auch auf den offiziellen Parkplatz spielte keine Rolle. Immerhin gestand eine Polizistin, dass wir nicht alles hinterfragen sollen, was gerade so passiert - wir hätten zu absurden Ergebnissen kommen können. Wenigstens wurde nach wenigen Minuten die Straße geräumt, so dass wir nun ungehindert unseren Weg fortsetzen konnten. Weshalb dies 120 Sekunden zuvor nicht möglich war, ist eines der ungelösten Rätsel des Planeten. Auch die zweite Sperre vor der Brücke löste sich mit unserem Eintreffen und nun stand dem Heimweg nicht mehr viel im Weg. Wir wanderten zum Neckar, warfen einen Blick auf die Teststrecke, die direkt daneben verläuft und marschierten an Stuttgarts Main entlang, bis wir zum geparkten Wagen kamen. Der Heimweg führte uns noch zu einer bekannten Hähnchenbraterei am Rande der Autobahn, deren wesentliches Merkmal darin bestand, dass sich der Raucherbereich in einem amerikanischen Schulbus befand.

Heimwärts ging es flott und ohne Probleme - und ohne Punkte, was den Gesamteindruck ein wenig trübte. Am Backstage verabschiedete ich mich von Stefan, der schnurstracks Richtung Heimat düste. Fußball in Schdurgrd - ein Erlebnis auf dass ich gut und gerne verzichten könnte - wenn nicht die Eintracht von Zeit zu Zeit dort aufläuft. Positiv ist letztlich, dass man schnell wieder in Frankfurt ist. Immerhin. Oder: Heidenei.

Montag, 28. September 2009

Oh wie ist das schön


So, das war sie also, die erste Niederlage der Saison 2009/2010. Völlig verdient auch in dieser Höhe unterlag die Eintracht dem VfB Stuttgart mit 0:3 - und verlor zudem Marco Russ durch eine zweifelhafte rote Karte. 10 Punkte nach sieben Spielen, das geht schlechter, fragt die Hertha. Dazu kommt der Einzug in die dritte Pokalrunde; Heimspiel gegen die Bayern. Immerhin Heimspiel. Wenn die Eintracht Pokalsieger werden will, müssen die Münchner aus dem Weg geräumt werden, so wie weiland 1974, als Grabi im Halbfinale zwar einen Elfmeter versemmelt hatte, aber Jürgen Kalb aus gleicher Entfernung kurz vor Schluss den 3:2 Halbfinalsieg sicher stellte. Träume in Schwarz-Weiß.

Rückblende Waldstadion, Samstag, 26.09.2009

Den ersten Höhepunkt gab es schon vor dem Spiel; der Unterrang hielt weiße und schwarze Papptafeln in die Höhe, in dessen Mitte rote Luftballons ein Herz bildeten - herzig also die Begrüßung der Mannschaft. Als es dann losging, hielt Nikolov zunächst die Eintracht mit zwei herausragenden Reflexen im Spiel bevor er nikolovte und am Ball vorbeisegelte bzw. diesen weder fing noch faustete, sondern dem Stuttgarter Schieber (nicht Gräfe) vor die Füße patschte, woraufhin dieser problemlos einschob. Schon zu diesem Zeitpunkt konnte man die Richtung des Spieles ablesen, eigentlich angeschlagene Schwaben dominierten Gedanken- und Bewegungsarme Frankfurter und folgerichtig erhöhte Schieber nach missglückter Abwehr von Russ zum 0:2. Als Russ kurz darauf Khedira von den Beinen holte, kickte die Eintracht mit 10 Mann weiter und fing sich in der zweiten Halbzeit noch das 0:3 durch Hitzelsberger - und das obwohl Hleb beim VfB erst gar nicht mit von der Partie war und Cacau als auch Pogrebnyak zunächst auf der Bank schmoren mussten. Dafür gab Lehmann den Lehmann und schubste vor der Partie einen Fotografen zur Seite, der es gewagt hatte, zu sein.

In der Frankfurter Kurve gab man sich ab Mitte der zweiten Hälfte illusionslos der Selbstfeierei hin; waren die imaginär geschossenen Tore, die bejubelt wurden noch ganz witzig, so wurde spätestens bei den Gesängen Oh wie ist das schön und der folgenden La Olá ein Etwas zelebriert, das mir ordentlich meine schlechte Laune vermieste. Ich bin schlicht; wenn ich noch eine Chance sehe - und ich sehe fast immer noch eine Chance, das haben uns die Siege gegen Lautern und Reutlingen gelehrt - dann will ich die Eintracht supporten, den Gegner schmähen oder dem Schiri an die Gurgel - bildlich gesprochen natürlich; ein einziger Treffer kann ein Spiel kippen, 80 desaströse Minuten können durch 10 Minuten heißen Tanz gekippt werden, wer weiß, vielleicht fliegt noch ein Gegner vom Platz undundund. Träume in Schwarz Weiß. Und wenn die Eintracht es nicht auf die Reihe bekommt, dann will ich wenigstens in Würde leiden. Was ich aber nicht will, ist Aerobic beim Fußball. Arme hoch, Arme runter. Hinsetzen. Aufstehen. Hinsetzen. Arme hoch etc. Vor allem nicht, wenn die Anlage der Jungs, die unten das Kommando geben dermaßen laut eingestellt ist, dass ich den Eindruck hatte, dass phasenweise die Stuttgarter sogar mitmachten, weil sie dachten, es käme aus ihren Reihen. An die 100 Meter entfernt. Und vor allem nicht, wenn keiner mehr an die Wende glaubt.

Eine Wende, die dann beinahe der Stuttgarter Anhang noch selbst herbeigeführt hätte. Kurz vor Schluss rauchte es nicht nur im Stuttgarter Block, es wurden ein paar Bengalos abgefackelt und sogar ein Böller nach dem nächsten gezündet. Stuttgarts Trainer Babbel beschwichtigte die Kurve - was diese jedoch zum weiterböllern animierte. Die Mannschaft war nach Spielende über diesen Bärendienst so erzürnt, dass sie schnurstracks ... in die Kurve marschierte und sich bedankte. Babbel sprach nach Spielende davon, dass den Übeltätern lebenslanges Stadionverbot ausgesprochen werden sollte. Nicht der Mannschaft; den Zündlern.

Bei der Eintracht haben wir gesehen, dass der Ausfall von Amanatidis, Vasoski, Ochs, Caio und Spycher nicht zu kompensieren ist, wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die drei erstgenannten zwecks Verletzung und Sperre nicht spielten. Wenn man sich nun anschaut, gegen wen die Eintracht bislang gepunktet hat, dann fällt auf, dass sowohl Köln, als auch Nürnberg oder Dortmund weit hinten stehen und Werder seinerzeit noch ohne Pizarro gegen uns antrat - folgerichtig müssen wir erkennen, dass sich im Grunde seit letztem Jahr nicht viel geändert hat: Stehen die wichtigen Spieler zu Verfügung, haben wir ein Team, dass sich gegen jeden behaupten könnte, Ausfälle jedoch sind nicht wirklich kompensierbar und Anlass zu Größenwahn gibt es keinen. Realistisch ist ein Mittelfeldplatz, wenn es arg schlecht läuft, geht die Reise flott nach unten, siehe derzeit Dortmund oder Hertha und wenn alles optimal läuft, dann ärgern wir halt mal einen Großen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und da alle, die nicht Meister werden können, tendenziell gegen den Abstieg spielen, auch wenn am Ende ein achter Platz dabei rausspringen sollte, ist nichts passiert.


Immerhin brachte der folgende Sonntag für die von Alexander Schur trainierte U17 ein weiteres Erfolgserlebnis: Den fünften Sieg im fünften Spiel - und das gegen die von Stefan Beckenbauer trainierten Bayern. 1:0 lautete das Endergebnis am Riederwald; Sonny Kittel hatte kurz vor dem Pausenpfiff vom Elfmeterpunkt getroffen. Interessant ist auch das Torverhältnis: 10:0 lautet es - Tabellenführung inklusive.

Kurz darauf trotzte die U23 am Bornheimer Hang dem Spitzenreiter VfR Aalen ein 0:0 ab. Torhüter Jan Zimmermann hielt in seinem ersten Spiel nach langer Verletzungspause den Punkt vor 350 Zuschauern fest. Nicht dabei waren die Frankfurter Ultras, die nach seltsam ungewohnten Einlasskontrollen seitens der Ordner sich dem Spiel verweigerten. Auch die Aalener Ü50, die es sich auf der Haupttribüne bequem gemacht hatten, wurden zunächst des Sitzplatzes verwiesen, bis nach einigem Hin und Her doch die Erkenntnis durchdrang, dass das Gefahrenpotential eher gering einzuschätzen war. Die wilden Jungs der Aalener standen eh oberkörperfrei im Stehplatzbereich und lieferten einen netten Auswärtssupport ab.

Auch unsere U19 befindet sich weiterhin im Aufwind; in Regensburg gab es mit 7:2 den zweiten Sieg in Folge und damit verbunden den Sprung ins Mittelfeld.

Das ist doch auch schon mal was.


Montag, 10. November 2008

The light will stay on


Der 9. November ist ein historischer Tag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zunächst wurde im Jahr 1918 die deutsche Republik von Scheidemann ausgerufen bzw. die Räterepublik durch Liebknecht, dann brannten im Jahr 1938 (nicht nur) die Synagogen in Nazi-Deutschland, die Reichspogromnacht markierte den Übergang von Diskriminierung zur Massenvernichtung der Juden. Im Jahr 1974 starb Holger Meins, Mitglied der RAF an den Folgen eines Hungerstreiks und 1989 fiel die Berliner Mauer.

Der 9.11.2008 stand unter zwei Vorzeichen. Zum einen erwartete die Eintracht um 17:00 den VfB Stuttgart und zum anderen hatte der kleine Noah Geburtstag, seinen allerersten. Noahs Papa Marcus ist am 29.Oktober verstorben, einfach so. Marcus' Onkel, Kid Klappergass, hat in seinem Blog die Geschichte der beiden nieder geschrieben, neun bewegende Beiträge, die dich zu Tränen rühren.

Und so saß ich Sonntagmorgen vor meinem Laptop, las Kids Geschichte, blickte ungläubig auf die Bilder und hörte den Song The light will stay on von den Walkabouts, der Song, mit dem Kid seine Beiträge zu Marcus beendete.

Draußen war's feucht, der Regen umspülte den Tag, ich kramte in alter Musik, stieß auf Cure, nothing left but faith, auf R.E.M. So.Central Rain und war so gar nicht auf Fußball geeicht, zu grau der Morgen, die Welt, die Gedanken.

Gegen 14:00 kam Pia vorbei, ein Lichtblick an diesem trüben Tag, auch sie hatte Kids letzten Beitrag gelesen, war traurig und so tranken wir einen Kaffee, rauchten eine Cigarette und machten uns dann auf in Richtung Stadion. Da mein Daddy heute mit Mama Beve in Urlaub gefahren ist (er hatte die Abfahrt auf den Sonntag gelegt, in der Hoffnung, die Eintracht möge Samstags gegen den VfB kicken, allein der Spielplan spielte nicht mit) waren wir heute zu zweit und tuckerten nach Niederrad, um den Golf am Parkplatz in der Bürostadt abzustellen.

Unser Ziel lag am Gleisdreieck, genauer gesagt am dortigen Parkplatz. Seit Jahren treffen sich dort Eintrachtfans zum Trinken und Schwatzen, die meisten kennen sich schon lange aus dem Eintracht-Forum und es ist stets ein großes Hallo. Meist organisieren Arndt oder Richie ein paar Schoppen für uns, wir werfen ein bisschen Geld in das bereitgestellte Sparschwein und haben so eine schöne Zeit vor dem Spiel, so auch diesmal.

Ein Pavillon war aufgespannt, die Meute stand bei Äppelwoi oder Bier beisammen und Arndt drückte uns den obligatorischen Boni in die Hand. Boni steht in diesem Falle nicht für unlautere Zahlungen an massenentlassende Manager, sondern für einen Magenbitter, der dir die Schuhe auszieht, quasi der Begrüßungstrunk für die Härtesten der Harten. Für uns.

Hier am Gleisdreieck scheint die Welt noch in Ordnung, auch wenn man von Zeit zu Zeit Teenager entdeckt, die die Schnute verziehen und der seltsamen Erwachsenenwelt so gar nichts Vergnügliches abgewinnen können. Aber die meisten sind vergnügt und freundlich, Männlein wie Weiblein, alt wie jung, arm wie reich - ein Prost, ein Augenzwinkern, ein Hallo.

Die Zeit verflog, kaum angekommen näherte sich der Anpfiff des Spiels und wir schoben uns mit der Menge in Richtung Eingang, wurden schnell durchgelassen und verteilten uns auf unsere Plätze in der Arena, die für uns stets Waldstadion heißen wird.

Viele große Schwenkfahnen waren heute im Oberrang positioniert, was uns ein wenig verwunderte, da diese sonst unten geschwenkt werden - aber schon wenig später erkannten wir den Grund: Die Ultras der Eintracht hatten riesige Blockfahnen gebastelt, die sie beim Einlauf der Teams über den kompletten Unterrang zogen, da war natürlich kein Platz für die großen Fahnen, die nun von oben dazu geschwenkt wurden; ein schönes Bild der Kurve entstand dadurch, das wir leider nur von oben ahnen konnten.

Pias Jüngster Nick saß heute auf der Gegentribüne und durfte ihre schwarz-weiß-karierte Fahne mit ins Stadion nehmen, die er unter vollem Einsatz und unter Beobachtung der stolzen Mama schwenkte - und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis der kleine Kerl unten in der Kurve steht, vergessen sind dann Weihnachtsmann, Zahnfee und Wrestling-Chips, die eben noch den Sinn des Daseins verkörperten. Wir geben alles für unseren Verein.

Die Eintracht begann forsch und erzielte auch bald einen Treffer, der allerdings keine Anerkennung fand, da der Schiedsrichter schon im eigenen Strafraum einen Vorteil unterbunden hatte. Aber nur wenig später traf Liberopoulos zum 1:0 für uns, nicht unverdient. Das Spiel wogte hin und her, der Stuttgarter Lanig mit der 7 auf dem Rücken kurbelte das Spiel ür den VfB an, die Eintracht hielt dagegen und kurz vor Ende der ersten Halbzeit fischte Nikolov einen Ball aus dem Winkel, so dass es mit der knappen Führung in die Pause ging.

In der zweiten Hälfte tankte sich Fenin allen Versuchen ihn zu halten zum Trotz in den Strafraum, schnippte den Ball noch zu Liberopoulos, der mit seinem zweiten Treffer aus kurzer Distanz dem ehemaligen National-Keeper Jens Lehmann keine Chance ließ: 2:0 für die Eintracht und wir brüllten unsere Freude ins Flutlicht der Nacht.

Dies währte allerdings nur kurz, Lanig erzielte den Anschlusstreffer und der VfB drückte. Schiedsrichter Rafati zeigte ein ums andere Mal gelb, unter anderem auch Ochs, der nun in Dortmund fehlen wird. Tsoumou kam für Korkmaz, Ljubicic für Toski, die Zeit tickte runter - und dann lag der Ball im Netz. Ausgleich.

Ich bete ja jedesmal, dass der Schiedsrichter aus irgendeinem unerfindlichen Grund einen Treffer gegen die Eintracht nicht gibt - und diesmal wurden meine Gebete erhört, es ging weiter mit Freistoß für die Eintracht.

Dachte ich.

Aufregung.

Hatte Rafati zunächst auf Freistoß entschieden, so ließ er sich von Nationalspieler Mario Gomez, der den vermeintlichen Treffer erzielt hatte, noch umstimmen - unter Zuhilfenahme des Linienrichters, der nach einem Dialog mit Gomez auf Tor entschied.

Also doch, 2:2. In der 87.

Von den Rängen hallte es Fußballmafia DFB, es sollte aber nichts nutzen, es blieb beim Ausgleich und die Eintracht hatte Glück, dass ein weiterer Schuss nur knapp an Okas Tor vorbeisauste. Im Anschluss kam Fenin über links, setzte sich durch und - hob im Strafraum ab, wie nur selten ein Flugzeug abhebt, formvollendet, überzeugend in A- und B-Note. Ein Traum.

Phase I - Abheben


Phase II - Der Flug


Dass der Schiri in einem solchen Fall nicht auf den Elfmeter-Punkt zeigt, ist nachvollziehbar, allein die folgende Ecke war ein Geschenk, doch es wurde seitens der Eintracht nicht angenommen. Abpfiff. Unentschieden. Frust.

Wir verließen ungehalten unsere Plätze und statteten dem Museum noch einen kurzen Besuch ab. Vor dem Museum kamen Stefan und Eel zu uns, klärten uns über die verworrene Situation beim Ausgleich auf, während zuvor ein paar Stuttgarter irgendwas von Frankfurter Arschlöcher krakeelten. Da ich sowas im eigenen Stadion so gar nicht brauchen kann, pöbelte ich zurück und kurz hatte es den Anschein, dass die Situation eskalieren könne, aber die Schwaben schwebten weiter und schon kam Matze, der noch ein paar Infos für mich für die kommende Veranstaltung dabei hatte und erzählte beiläufig, dass am gestrigen Freitag zwei Stuttgarter kurz vor 15:00 bei ihm waren und sich wunderten, dass noch keine Bierbuden offen seien, immerhin begänne das Spiel doch gleich.

Und ihr wundert euch nicht, dass niemand hier ist und kein Mensch das Eintrittsticket sehen wollte? hatte Matze gefragt und die Stuttgarter begannen zu begreifen, dass sie sich im Tag geirrt hatten. Jaja, wir können alles - außer hochdeutsch. Wer's glaubt.

Auf dem Rückweg trafen wir auf die Fanbetreuer Marc und Rudi, plauschten a wengele und wanderten weiter durch Müllberge von gelben Seiten, die kaum ausgeteilt auf dem Boden landeten und trafen am Gleisdreieck auf den Rest der Forumsmafia.

Noch lange standen wir zunächst mit der werdenden Mama Miriam und Papa Laupi, später mit Arndt bei einem Äppelwoi, räumten dann den Platz auf und marschierten durch den Wald zurück zum Auto, das noch brav an Ort und Stelle auf uns wartete. In Sachsenhausen gab's noch Thai Food für kleines Geld und dann war ein 9.November zu Ende, der trübe begonnen hatte und dann doch noch das ein oder andere Erlebnis brachte, so wie meist, wenn man zum Fußballgucken unterwegs ist. Für andere war es ein trüber Tag. Aber so Gott will, scheint die Sonne eines Tages auch für euch. Denn: The Light will stay on:


The Walkabouts - The Light will stay on



Die Fotos des flying-fenin stammen von Stefan Krieger. Danke dafür.