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Freitag, 15. Oktober 2010

Chris war im Museum


Es war schwer was los im Museum; die Junior Adler waren ebenso zu Gast wie eine Kindertagesstätte aus Nied und dazu jede Menge Kids, die mit ihren Eltern gekommen waren, um dem Kapitän der Eintracht im Rahmen der Kinderpressekonferenz Löcher in den Bauch zu fragen - und das taten sie dann auch, sogar auf portugiesisch, der Muttersprache unserer Nummer 29.

Wo bist du geboren wollten sie wissen (in Blumenau/Brasilien) und auch nach der Anzahl der Tore, Spiele, Karten, Kinder, Haustiere wurde gefragt. Die Kids wollten wissen, was Chris gelernt hätte, so er nicht Profi geworden wäre (Ingenieur) und mit wem er sich am besten versteht - mit Caio; immerhin sprechen sie die gleiche Sprache. Mit Oka Nikolov spielt er am längsten zusammen, das schönste Spiel war das 6:0 gegen Schalke und ein Besucher zitierte gar seine Oma: Meine Oma hat gesagt, Fußballer seien alle doof, stimmt das?

Nein, das stimmt nicht; Chris ist zum Beispiel gar nicht doof, er hat Abitur und zudem eine freundliche Ausstrahlung, die nicht nur die Nachwuchsjournalisten in den Bann gezogen hatte. Zum Abschluss gab es sogar Geschenke für den Spielführer der Eintracht und es könnte gut sein, dass er noch immer im Museum ist und Autogramme schreibt.

Steffen Ewald hat tolle Fotos gemacht, ein paar zeige ich euch hier:






Mittwoch, 13. Oktober 2010

Heute im Museum: Kinderpressekonferenz mit Chris


Mittlerweile haben wir schon eine gewisse Routine, die Kinderpressekonferenz läuft ab wie immer: Akkreditierung der Nachwuchsjournalisten, Fragen ausarbeiten. Diesmal befragen wir unseren Mannschaftskapitän Chris. Die Erfahrungen haben gezeigt: Nicht nur die Nachwuchsjournalisten haben Spaß, auch die Spieler gehen nach der abschließenden Autogrammstunde stets mit einem breiten Grinsen aus dem Museum.
13. Oktober, 12.30 Uhr.
Eintritt: 3,50 Euro, Erwachsene 5,00 Euro.

Anmeldung unter info@eintracht-frankfurt-museum.de oder direkt im Museum unter der Telefonnummer 069-95503275.

Montag, 4. Oktober 2010

Heimspiel in Stuttgart


Red is the colour of the new republic
Blue is the colour of the sea
White is the colour of my innocence
Not surrender to your mercy
(The Men they couldn't hang - The Colours)


Sonntag, 3.Oktober 2010 - kein guter Tag, um nach Stuttgart zu fahren. Zum einen tobt dort seit Wochen ein Kampf Bürger gegen Staat um die Tieferlegung des Bahnhofs, zum anderen tobt dort die sogenannte Wasen und zum dritten hat die Eintracht dort in den letzten Jahren seltenst gut ausgesehen. Letzteres allerdings macht mir weniger Sorgen, der VfB ist derzeit Tabellenletzter und die Eintracht hat letztes Jahr auch die Hertha in vergleichbarer Situation besiegt - also geht es gegen zehn am Morgen los. Pia, der silberne Golf, die Ente und ich machen uns auf Richtung Riederwald, um Stefan R. abzuholen, der zur verabredeten Zeit brav am Treffpunkt wartet. Ein U-Turn später fahren wir am Bornheimer Hang vorbei und landen hinter dem Bus von Energie Cottbus, dem sogenannten Cott-Bus. Energie kickte heute beim FSV, während wir auf die A 661 rollten, am Offenbacher Kreuz auf die A3 und am Frankfurter Kreuz auf die A5. Sonnig der Tag, rotgrün die Blätter, blau der Himmel und leise die Musik, vorwiegend The Men they couldn't hang, dazu ein buntes Sammelsurium an Songs, die uns schon in den letzten Wochen begleitet haben - neu in Beves Charts: Dashboard Confessional - Everybody learns from desaster; ein frommer Wunsch.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, Hockenheim, Hoffenheim, Heilbronn - ab und an ein Eintrachtler, ansonsten gepflegtes Reisen, wie es sich für einen schönen Herbstsonntag gehört. Bei Stuttgart Zuffenhausen verließen wir die Autobahn, schafften auch die Radarkontrolle ohne Probleme, um uns in Zuffenhausen selbst in die Schlange stehender PKWs einzureihen.

Nun ist seit der Zeit der Untertunnelung des Pragsattels der Verkehr in Stuttgart meines Wissens etwas kontrollierter als die Jahre zuvor, von daher ließen wir uns durch eine Spurverengung nicht ins Bockshorn jagen und quälten uns Meter für Meter nach vorne, auch passierten wir einen Edekamarkt, der stark an das Düsseldorfer Stadion erinnerte. Nach einer Weile erblickten wir den Boschturm und dachten: Nu gehts aber gleich vorwärts. Falsch gedacht; aus Metern wurden Zentimeter, Tunnel hin, Tunnel her - es ging nur äußerst gemächlich vorwärts, der Eingeborene sagt hierzu: gschwind. Wir holperten nach einer gefühlten Ewigkeit aus dem Tunnel - und meine Laune sank merklich. Die im Kopf gefasste Entscheidung, in Cannstadt nahe eines Industriewerks zu parken wurde durch die Schlange dort wartender Fahrzeuge torpediert - jedoch sprenkelte sofort ein Hoffnungsschimmer als wir an den Parkplatz der vergangenen Partie beim VfB dachten: Yep, dort geht es hin - nah der Mineralbäder, unweit des Neckars - dort wird sicher noch ein Plätzlein für uns sein.
Die Idee schien gut; allein Stuttgart nicht bereit; kaum bogen wir in das Sackgässlein ein, erblickten wir ein Polizeiauto samt Inhalt, der sich gerade um einen anderen PKW kümmerte; da schien es keine gute Idee, sich gegen die Fahrtrichtung ins Parkverbot in einer Anlieger-Frei-Zone zu stellen. Dies sah ein anderer Eintrachtler genau so, den wir schon auf der Autobahn entdeckt hatten. Also Kehrtwende Marsch und ab ins Bädergebiet - eine Idee, die zuvor schon Milliarden vor uns hatten, jeder Flecken, ob erlaubt oder verboten war durch PKWs in Beschlag genommen; wir schlichen durch schmale Gässchen, knoteten uns ein Endlosknoten in den Golf und als die Verzweiflung uns zu übermannen drohte fanden wir einen völlig legalen Parkplatz, in den der vor uns fahrende Mercedes nicht hinein passte; Oh heiliger Golf, gebenedeit bist du unter den Autos.

Nichts wie raus und hinein in die Freiheit. Die Sonne brannte und wir marschierten über den Berger Steg in Richtung Wasen, welche nicht unser primäres Ziel war, aber in unmittelbarer Nähe des Neckarstadions liegt. Die Fahrgeschäfte wirbelten Menschen in die Luft, die kreischend in ihren Sitzen hingen; Massen schoben sich auf dem Hort der Gemütlichkeit entlang - und wir sahen zu, dass wir den Platz des Vergnügens so schnell wie möglich verließen. Unmengen von Dirndls, Krachledernen und Sepplhüten waren unterwegs - man hätten meinen können, man sei in München. Oktoberfest in Deutschland - und die ganze Republik zeigt sich weiß-blau; neulich gabs sogar im Solzer, einer altehrwürdigen Ebbelwoiwirtschaft in Bornheim weiß-blaue Servietten und eine Ankündigung für zünftige Wochen. Als ob in einem Münchner Biergarten irgendjemand auf die Idee kommt, Frankfurter Wochen im Oktober einzuführen; völlig zu Recht natürlich nicht. Angesichts der Debatten um Sarrazin und der vermeintlichen Islamisierung der Republik, sollten die Deutschen ihr Augenmerk eher auf die drohende Verseppelung richten.

Wie auch immer, wir orderten an einer Tanke ein Schöppchen und marschierten auf der gesperrten Straße in Richtung Stadion. Die ersten Busse waren schon dort, Buffo hockte am Zaun und wartete auf die Geiselgangster und da es noch früh war, kehrten wir im PSV-Heim ein, futterten eine Rote und hockten uns in die Sonne. Auf dem Sportplatz machten sich ein paar Bezirksligakicker warm, ein paar Jungs ballerten auf eine Torwand und der Wirt der Gaststätte hatte einen eigenen Parkplatz auf dem Gelände; ein Schild verkündete: Wirt.

Zu angemessener Zeit verließen wir den gastlichen Ort und marschierten zum finsteren Gästeeingang, wie gehabt nicht auf direktem Weg - es könnte so einfach sein - sondern um vier Ecken und stellten uns in die wartende Menge. Pia machte sich zum Fraueneingang auf, während Stefan und ich uns inmitten männlicher Leiber Stück für Stück voran schoben. Obgleich es jetzt keine Unmengen an Frankfurter waren, dauerte der Einlass ewig; jeweils nur eine Person durfte den Eingang passieren und erst nach der Durchsuchung, die fairerweise gesagt moderat war, kam der nächste dran. Dies sah bei den Frauen nicht anders aus. Und blöde ist, wer sich hinten anstellt, Pia und ich machten dabei die gleiche Erfahrung: Stets kommt von irgendwoher ein Trupp sich selbst höchst wichtig fühlender und auf die Allgemeinheit scheißender Fans an und stellt sich dummdreist vor die wartenden Deppen; in der Regel kleinere Grüppchen, die Solidarität stets einfordern, wenn es um ihre Belange geht, ansonsten aber den gewöhnlichen Fan für strunzblöde halten. Es wird der Tag kommen, an dem ich ein SV ob der eigenen Leute riskiere und auch für Pia lege ich nicht die Hand ins Feuer, dass es demnächst bei vergleichbarer Situation nur bei Worten bleibt.

Wir wanderten in den gut gefüllten Gästeblock und schlugen uns nach oben durch. Ein Blick in den Oberrang zeigte uns, dass dort Stuttgarter sitzen - und auch dies ist stets ein Quell wiederkehrender Freude: Man braucht bloß nach unten zu rotzen oder Bier zu schütten und hat schon die Gästefans am Wickel. Von daher wanderten wir noch weiter nach oben, um geschützt unter dem Rang zu stehen. Es dauerte nicht lange, bis der erste zu uns kam und allen Ernstes meinte, dies sei sein Platz. Das ist mir bei einem Auswärtsspiel noch höchst selten passiert; in einem Sitzplatzbereich, der von allen nur zum Stehen genutzt wird, aufgefordert zu werden, den Platz zu verlassen, zumal ich den Kerl kannte. Und zumal es generell keine Stehplätze, sondern nur verkappte Sitzplätze gibt. Aber gut, wir dackelten ein paar Stufen nach unten und mir ging so langsam alles auf den Sack; immerhin standen wir noch immer geschützt unter dem Oberrang.

Die Cannstatter hatten es sich am anderen Ende der Kurve bequem gemacht, die hauseigene Kurve war zwecks Stadionumbaus abgerissen und so gähnte dort, wo die Cannstätter Kurve ihr einstiges Zuhause hatte ein riesiges Loch. Die Sonne beschien die Anzeigetafel, dass man nichts lesen konnte, was aber nicht weiter tragisch war.

Anpfiff.

Kaum hatte ich mich sortiert, knallte die Kugel von der Latte des Frankfurter Tores zurück ins Spielfeld; erstes Durchatmen. Weitere folgten, der VfB vergab reihenweise gute Möglichkeiten und wie aus dem Nichts erzielte Gekas den Führungstreffer der Eintracht. Ungläubiger Jubel, wir nehmen doch gerne eine unverdiente Führung in Stuttgart an.

Auf der linken Abwehrseite war der dafür vorgesehene Tzavellas nur höchst selten zu finden - und trotz der Räume schaffte der VfB bis zur Pause kein Tor, ein höchst glücklicher Umstand für die teils zu schlafmützig agierende Eintracht, bei der Ochs wieder für Caio von Beginn an dabei war.

Die zweite Halbzeit brachte eine aufgewecktere Frankfurter Mannschaft, während den Stuttgarter gar nichts gelang; folgerichtig dann der zweite Frankfurter Treffer durch Chris. Zwischendrin flogen ein paar Becher durch den Block, einige scharmützelten sich mit den Stuttgarter Fans drumrum und richtig heiß ging es erst wieder in den letzten zehn Minuten her. Flog zunächst Delpierre nach einer rüden Attacke an Ochs vom Platz, schaffte der VfB Sekunden danach den Anschlusstreffer. Zehn Schwaben warfen nun alles nach vorne, die Eintracht taumelte - und fiel: Das 2:2 kurz vor Ende bedeutete zunächst das Ende aller Träume vom ersehnten Auswärtssieg. Die Stuttgarter Kurve johlte, die Frankfurter erkannten das nach oben geschwungene Fähnchen des Linienrichters und es dauerte ein Weilchen, bis der VfB-Anhang realisierte, dass das Tor nicht zählte. Schadenfreude, Schadenfreude hey hey hey. Mit Hängen und Würgen retten 11 Frankfurter den hauchdünnen Vorsprung bis zum Schlusspfiff und ich entkam einem Herzinfarkt nur um Haaresbreite. Mag sein, dass der Sieg unverdient war, mag sein, dass Schiri Brych den vermeintlichen Ausgleich zu Unrecht aberkannte - was zählt sind dreckige drei Punkte.

Aber bei aller Liebe; so wie die Eintracht heute aufgetreten ist, wird sie wenn überhaupt nur dreckige Siege einfahren. Zu wenig Bewegung, kaum Pressing, eine schwimmende Hintermannschaft und mangelnde Laufbereitschaft prägten das Spiel der SGE, die nun auf den zehnten Platz geklettert ist; immerhin.

Wir wurden dann von den Ordnern aus dem Block geschickt, durchbrachen zwei Polizeisperren auf dem Weg zum Auto, wo uns Flo noch eine Weilchen begleitete; löschten den Durst an der Tanke und marschierten über die Sepplwasen zurück zum Golf, der brav auf uns gewartet hatte.

Und dann fing das Elend erst richtig an. Milliarden Fahrzeuge waren unterwegs; wir quälten uns aus dem Parkplatz, reihten uns in den stehenden Verkehr ein und tröpfelten Stück für Stück dem Tunnel entgegen. Dort tröpfelten wir Stück für Stück durch den Tunnel, um anschließend Stück für Stück Richtung Autobahn zu tröpfeln. Es war grausam. Noch am gleichen Abend erreichten wir auf die Autobahn und verließen sie alsbald, um feste Nahrung zu uns zu nehmen; der liebe Gott wollte, dass wir in Mundelsheim landeten - und dort in der Gastwirtschaft zur Sonne. Wenn ihr Käsespätzle mögt, dann fahrt dorthin; wer jedoch Jägerschnitzel mag, der möge um dieses Location einen großen Bogen machen. Zwei zähe unpanierte Schnitzelläppchen schwammen in einer Soße, die in den frühen Siebziger zu Nierchen gereicht wurde, darin schwammen uninspiriert vorgeschnittene Dosenchampignons. Herrschaftszeiten, wie kann man den in einem gutbürgerlichen Restaurant in Zeiten von Aldi und Co noch Dosenchampignons servieren. Immerhin, die Pommes waren ok und es waren auch keine Erbsen in der Soße. Vielleicht war dies aber auch die Strafe dafür, dass wir uns zunächst ungefragt an den Stammtisch gesetzt hatten - der jedoch als solcher nicht ausgewiesen war.

Wir beglichen die Rechnung, schmissen den Golf an und rollten zurück auf den Highway - um in den nächsten Stunden nicht wirklich vom Fleck zu kommen. Abends um halbzehn steckten wir in einem Stau, der sich gewaschen hatte. Nach einer schier endlosen Zeit ließ sich der Grund erahnen; Fahrbahnverengung, aus vier Spuren wurden zwei. Doch wer gedacht hatte, dass es nun flüssiger vorwärts ging, wurde bitterlich enttäuscht. Rote Bremslichter, wohin das Auge blickte. Am Rande der Autobahn Verkehrsschilder mit dem Hinweis: Stau. Ach nee. Stefans Idee dem Verkehrsfunk zu lauschen, brachte Klarheit: 12 km Stau wg Baustelle folgten 16 km Stau wegen eines Unfalls. Doch nicht mit uns; 300 Meter später verließen wir die Autobahn, warfen einen Blick in die Straßenkarte und sausten durch menschenleere Landstraßen Richtung Sinsheim. Von Zeit zu Zeit erkannten wir die roten Bremslichter nebenan, und als ersichtlich war, dass wir nach knappen 20 km den Stau hinter uns gelassen hatten, enterten wir erneut den Highway; nie war ich glücklicher, das Stadion der TSG Hoffenheim zu passieren. Über die A67 und 14 km Baustelle auf der A5 erreichten wir kurz vor Mitternacht endlich Frankfurt; hätte die Eintracht das Spiel noch aus der Hand gegeben, hätten wir wohl irgendwann den Golf mitten auf der Autobahn geparkt.

Wir lieferten Stefan brav zu Hause ab und da punkt Mitternacht ein Grund zu feiern anlag, die Uhr 23:59 anzeigte und wir mitten im Stadtteil Riederwald waren, bogen wir kurzerhand zum Eintrachtstadion ab, wo der Neubau des Leistungszentrums seiner Vollendung entgegensieht - und stießen Punkt zwölf auf dem Heimatgelände der Eintracht imaginär an. Wenig später trudelten wir im Nordend ein; Pia musste noch Muffins backen, doch so langsam neigte sich ein langer Tag dem Ende entgegen. Von mir aus können sie den Bahnhof oben lassen - dafür ganz Stuttgart unter die Erde bringen. Aber Hauptsache gewonnen. Auswärtssieg! Schnarch.

Einen fundierten Spielbericht findet ihr wie immer bei Kid, tolle Fotos bei Stefan.


Fotos: Pia und Beve

Sonntag, 5. September 2010

Heimspiel in Würges


Der Sommer neigt sich dem Ende zu; bald verlieren die Bäume erst die Äpfel dann die Blätter und dann stehen wir wieder da und frieren. Also nutzen wir die schönen Tage, werfen uns in den silbernen Golf und machen uns mit den Klängen von den Männern, die sie nicht hängen können auf in den Taunus. Devil on the wind. Wir fahren gemächlich hinter Oberursel hinauf Richtung Feldberg; Kreuze am Straßenrand erinnern uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen, ein Holztransporter quält sich den Berg hoch und in Oberreifenberg trete ich abrupt auf die Bremse; hinter einem kaum wahrnehmbaren Ortsschild folgt nach wenigen Metern eine Batterie von modernen Blitzanlagen - das geht gerade nochmal gut. Im Ort ist es ruhig, ein Mann mit Bart hängt am Kreuze, gezeichnet vom Leid, dass er auf sich geladen hat - und wir sprechen hier nicht über unseren ehemaligen Kapitän. Wir parken den Golf vorschriftsgemäß, man weiß ja nie, und schlendern hinauf zur Ruine, die mächtig über dem Ort thront. Leider ist der Aufgang verschlossen, so dass wir am Fuße ein paar Fotos schießen, rüber zum Feldberg blicken und nach einer Weile zurück zum Auto marschieren.

Über die B8 rollen wir durch den sonnigen Tag und eh wir zwei Mal geblinzelt, sind wir schon in Würges, einem Stadtteil von Bad Camberg. Der Sportplatz ist ordentlich beschildert und wir parken auf einem kleinem Parkplatz hinter dem Trainingsplatz. Wir sind früh dran, kurz nach unserer Ankunft beginnt die freiwillige Feuerwehr den ankommenden Verkehr zu leiten. Am Kassenhäuschen besorgen wir uns zunächst zwei Eintrittkarten - man weiß ja nie -, dazu bekommen wir zwei Programmhefte geschenkt und machen uns zu Fuß auf, den Ort zu erkunden. Mittlerweile sind schon etliche Eintrachtfans unterwegs, der Nachwuchs wie der Herr Papa im Eintrachttrikot; wir entdecken eine schöne Kirche, eine Straße mit seltsamen Namen - nur was wir nicht entdecken ist ein Metzger - und dies ist bedauerlich, denn mein Magen hängt in den Kniekehlen. Aber eines tröstet uns: spätestens im Stadion wird es eine Bratwurst geben.

Der Laden für Reitsportbedarf lässt uns kalt, wir wandern zurück zum Stadion Goldener Grund, wo der Eintrachtbus mit herabhängenden Ästen zu kämpfen hat, lassen unsere Tickets entwerten und treffen auf Daniel, der sich mit einem Kumpel gleichfalls auf die Reise in die Provinz aufgemacht hatte. Die Bratwurst ist aller Ehren wert, der Becher Spezi desgleichen und derart gestärkt schauen wir uns um.
Der Sportplatz verdient diesen Namen allemal, die Haupttribüne besteht aus einem eigenhändig gebauten schmucken Holzbau, der durch ein erhöhtes Stadionsprecherhäuschen begrenzt wird, woran eine Oldschoolanzeigentafel angebracht ist. Obenauf thront ein Wetterhahn - und auch eine Schiffsglocke befindet sich darin, wie mir ein freundlicher Ordner erklärt. Mitgebracht haben diese die Würgesener von einem Pokalspiel in Bremerhaven, welches zu Beginn der Achtziger dort erfolgreich absolviert wurde. Stolz erklärt der Mann auch, dass das Stadion dem Verein gehöre, der heuer 90 Jahre alt wird - und gemeinsam mit der Eintracht nun diese stolze Jubiläum auch sportlich angeht.

Der RSV Würges spielt in der Hessenliga und hat sich nach anfänglichen Problem dort berappelt; einem 7:1 Auswärtssieg in Baunatal folgte am Mittwoch ein 2:0 gegen RW Darmstadt; der Höhepunkt des Vereinslebens liegt allerdings schon ein Weilchen zurück; 1987 unterlag der Rasensportverein im Pokal gegen Fortuna Düsseldorf mit 0:3; das Stadionmagazin weiß von Ausschreitungen alkoholisierter Fans der Fortuna zu berichten. Soweit wird es heute nicht kommen; zum einen sind wenig Düsseldorfer vor Ort, zum anderen pflegt der Nachwuchs ein inniges Verhältnis zu Limo und Cola.

Auf dem Platz machen sich die Mannschaften warm; aus den Boxen erklingen Eintrachtlieder und der Stadionsprecher schwäbelt munter vor sich hin. Eintrachttrainer Skibbe, der mit vierzehn Aktiven angereist ist, da sich die restlichen Eintrachtler entweder auf Länderspielreise oder in der Reha befinden, gibt ein Interview - die 40 Mitarbeiter des heutigen Sponsors klatschen sicherlich brav Beifall und ich hocke mich auf die Laufbahn, um vielleicht das ein oder andere Foto zu schießen. Alsbald laufen die Mannschaften ein; ausgerechnet Benni Köhler mit dem Größten der Einlaufkinder an der Hand. Oder umgekehrt. Anpfiff; Amanatidis zu Meier. Oder umgekehrt.

Die Eintracht beginnt mit Fährmann im Tor, als Verteidiger fungieren Köhler, Vasoski, Franz und zum ersten mal seit langer Zeit der etatmäßige Kapitän Chris; im Mittelfeld bewegen sich Heller, Meier, Clark, Steinhöfer und Ochs, während Amanatidis stürmt. Würges ganz in Gelb. 2.400 Zuschauer erleben eine kampfbetonte erste Hälfte, in der die Eintracht durchaus mithalten kann - aber nach wenigen Minuten doch den Rückstand hinnehmen muss. Einen langen Ball hebt Kilic Görgülü am heraus stürmenden Fährmann vorbei zur verdienten Führung ins Netz.

Große Freude hier, bedröppelte Gesichter dort und wer gedacht hatte, der Bundesligist würde nun zeigen, wer Herr im Hause ist, der wird enttäuscht; Würges erarbeitet sich die größeren Chancen - das Tor aber erzielt die Eintracht; ein Freistoß von Steinhöfer wird lang und länger - und saust zur Überraschung aller ins Tor. Ausgleich. Die erneute Führung der Gastgeber verhindert nur der Pfosten, der einen Freistoß gekonnt abwehrt.

In der Halbzeit flitzen die Kids wie Glühwürmchen umher, während sich Marco Russ und Marcel Titsch-Rivero umringt von Menschentrauben das Bällchen zuspielen; neben den beiden ist einzig noch Torhüter Andreas Rössl dabei, der jedoch nicht zum Einsatz kommen wird.

Russ hingegen darf (oder muss) für Franz mitmachen; auch Würges wechselt kräftig durch, der Stadionsprecher erzählt mal dies mal jenes, aber erzählt und urplötzlich liegt die Kugel im Netz. Doch Glück für die Eintracht, der Schiedsrichter zeigt Mitleid und Abseits an, es bleibt zunächst beim glücklichen 1:1. Und so kommt, wie es stets kommt - aufopferungsvoll der Kleine, glücklicher hingegen der Große - in die untergehende Sonne trifft der engagierte Steinhöfer ein zweites Mal und bringt den Bundesligisten nahezu sensationell in Führung. Heller wird gefoult, liegt am Boden, die Würgesener sind bissig, ab und an läutet die Schiffsglocke zum Angriff, während die Anzeigetafel versucht, sich in Szene zu setzen. Köhler hingegen setzt Amanatidis in Szene und so fällt dann doch noch das 1:3.

Ein weiter Höhepunkt des Spiels ist der Moment, als ein kleiner Zuschauer seinen vollen Limobecher über das Geländer fallen lässt, blöd, dass genau darunter ein Motorradhelm liegt - der Blick des Besitzers zeugt von sekundenlangen Unglauben; irgendwo auf dem Gelände wuselt zudem ein Hund in Würgestrikot umher. Friedlich geht die Sonne unter und dann ist Schluss.

Nachdem der Stadionsprecher die Jugend auffordert, sich den Eintrachtlern gemächlich zu nähern, halten sich natürlich alle daran - und sausen sprintend und fahnenwehend auf den Platz. Wie Wespenschwärme umringen sie Ochs und Ama, Titsch-Rivero und Clark - andere hingegen schleichen sich unbemerkt vom Platz. Auch die Leistung von Würges wird honoriert, Autogrammjäger erbitten sich auch von ihnen Unterschriften und die 40 Mitarbeiter des örtlichen Sponsors dürften zufrieden sein.

Wir dackeln über den Sportplatz, verabschieden uns von Daniel und seinem Kumpel und suchen eine Lokalität. Da uns nichts geeignetes ins Auge fällt, rollen wir über Wallrabenstein in Richtung Idstein, werden in der Altstadt fündig und sehen nach einem kurzen Ritt über die A3 bald die Skyline von Frankfurt - nichts hätte ich gegen den Anblick einer ragged shoreline einzuwenden; aber man kann nichts alles haben, immerhin hat Chris gespielt und die Eintracht gewonnen. Das gab's schon lange nicht mehr.


Sonntag, 31. Januar 2010

Sick of it all


Als nachts in eisiger Kälte die Seitenscheibe der Fahrerseite des silbernen Golfs mit einem knackenden Geräusch aus der Halterung sauste und in die Tür fiel; wir also bei offenem Fenster über das Glatteis schlingerten und ich wenige Minuten später hinter dem Haus das offene Fenster verklebte, da entfuhren mir zum gefühlt fünfzigsten Mal die Worte: Ach Scheiße.

Dabei fing alles eigentlich ganz gut an; schon gegen 13:00 parkten wir an der Louisa, wanderten durch den verschneiten Stadtwald, gegen 13:30 öffnete das Museum seine Pforten und wir hatten ein bisschen was zu tun. Der Weg durch den Winterwald bot poetische Bilder, prosaisch wurde es erst, als wir in die Zivilisation zurück kehrten und über kaum geräumte Wege parallel zur Straßenbahn zum Haupteingang marschierten. Einige Wenige standen schon beim Bratwurst-Walter, andere hielten Tickets zum Verkauf in die Höhe - der Einlass aber war kurz und schmerzlos.

Neulich hatte ich ja ein kleines Rätsel veröffentlicht; ihr solltet anhand gemalter Beine und Schuhe Eintracht-Spieler erraten. Im Verlauf des Postings wünschte sich Schnellinger die obere Hälfte des Bildes; dies hole ich hiermit nach, obgleich - um der Wahrheit die Hand zu reichen - es in Wirklichkeit zwei Bilder sind.

Who is who?

Zu schwer, ich weiß.

Ich nestelte mir noch ein Christoph-Preuß-Button an meine Winterjacke, als mich mein Vater im Museum abholte und wir in Richtung unserer Plätze dackelten. Wir wussten schon, dass unser Neuzugang Halil Altıntop von Beginn an spielte; was dies aber insgesamt zu bedeuten hatte, wurde uns erst im Verlauf der Partie klar. Kurz darauf kam auch Pia, die noch einige Museums-Flyer verteilt hatte. Laune: gut.

Mitgedacht hatte die Eintracht; Christoph Preuß, der unter der Woche seinen bewegenden Abschied vom Profi-Fußball verkündet hatte, bedankte sich unter prasselndem Applaus für all die Jahre und Unterstützung und verkündete die Manschaftsaufstellung per Mikrofon; Wir sind alle Frankfurter Jungs schallte es von den Rängen, die mit insgesamt 45.100 Zuschauer wiederum relativ schwach besetzt waren.

Los gings, die Eintracht gegen den 1.FC Köln, ein Klassiker mit unvorhersehbarem Ausgang. Nicht dabei waren verletzungsbedingt: Amanatidis, Bajramovic, Fenin, Schwegler, Vasoski und natürlich auch Preuß, während auf Kölner Seite Podolski fehlte. Vasoski gegen Podolski, das war ein Duell, erinnert ihr euch? Hier zum Beispiel oder auch hier. Sebastian Jung war wieder auf die Bank gerutscht; Franz nahm dessen Position in der rechten Verteidigung ein, Chris rückte nach Gelbsperre wieder nach innen und Teber versuchte sich auf Schweglers Position.

Von Zeit zu Zeit segelten sich lösende Schneeschichten vom Dach aufs Spielfeld; der Videowürfel verkündete ein Gladbacher Tor nach dem anderen gegen Bremen und urplötzlich zeigte die eingeblendete Tabelle eine Eintracht auf dem sechsten Platz. Europapokal hallte es kurz darauf durch Stadion; nicht sonderlich ernst gemeint; von uns - aber auch von den Akteuren, die nichts dafür taten, uns zu erwärmen. Eine Chance von Ochs, ein Kopfball von Russ - das war's in einer lahmen ersten Halbzeit. Meier, Liberopoulos und Altıntop teilten sich eine Position und wussten nicht so recht wohin mit sich und der Welt.

Halbzeit. Seitenwechsel.

Nikolov zeichnete sich während des gesamten Spiels durch mindestens drei beherzte Sprints außerhalb des Strafraumes aus - und klärte vor den heraneilenden Kölnern in ungewohnter Manier. Machtlos aber war er in der 59. Minute, als Maniche von Freis schön freigespielt die Kugel im Eintrachtherz versenkte. Skibbe reagierte, brachte Korkmaz für Köhler - und nur wenig später wälzte sich Korkmaz auf dem Boden; Neu-Kölner Tosic hatte ihm eine mitgegeben und es sah zunächst schwer danach aus, dass der Einsatz von Üüüüüüüümit nach wenigen Minuten schon wieder ein Ende gefunden hatte. Korkmaz aber biss sich durch. Das bittere Ende kam nach Abpfiff: Jochbeinbruch - eine erneute längere Pause wird folgen. Hatte schon letzte Woche der Nürnberger Andreas Wolf Pirmin Schwegler schwer verletzt, so war nun der nächste Ausfall zu beklagen. Sowohl Wolf als auch Tosic waren mit Gelb mehr als gut bedient.

Schwer flockte nun der Schnee durchs Flutlicht ins Stadion, endlich kam Farbe ins Spiel: Ein orangener Flutlichtball. Dann kam Caio für Liberopoulos und Bewegung in die Partie; die Eintracht erinnerte sich an Fußball, Meier und Teber scheiterten aus der Distanz an Mondragon, und holte sich dann doch den Ausgleich; im dritten Anlauf drosch Chris die Kugel resolut ins Netz, zuvor hatten Mondragon und ein Kölner noch die Versuche der Frankfurter abwehren können. Jawoll. Verdient. Endlich. High Five. Jawoll.

Altıntop hatte kurz darauf die Führung auf dem Schlappen, rutschte weg und sie war dahin; die Gelegenheit.

84. Spielminute; Stadiondurchsage. Zwei zu Eins für den 1. FC Köln durch ein Eigentor. Dass es Russ gewesen ist, zeigten uns erst die Bilder der Sportschau; dass es aber ein Treffer war, dem selbst einem Stürmer aus dieser Position aufs gegnerische Tor höchst selten gelingt, war schon im Stadion sichtbar. Flugkopfball, schräg, aus geschätzten zwölf Metern.

Scheißescheißescheißescheiße.

Die letzten Minuten, sie gingen sinnlos dahin, auch der erste Bundesligaeinsatz von Marcos Alvarez brachte nicht viel; Schlusspfiff; Abmarsch. Ausgerechnet gegen die Scheiß-Kölner murmelte ich vor mich hin; unterbrochen von einem seufzenden ach Scheiße.

Die Läuferin am Stadioneingang betrachtete leichtbekleidet und verschneit unseren Abgang, wir rutschten übers Eis durch den Wald zurück zu den Autos, die letzten Weihnachtsplätzchen wurden ausgetauscht; die Scheiben gekratzt und so schlingerte ein Golf Richtung Nordend und ein Mitsubishi nach Dietzenbach.

Nach einem Tee und der Sportschau ging's rüber nach Offenbach, die Dropkick Murphys gaben sich die Ehre, zuvor performten Sick of it all. Jede Menge Eintrachtler waren anwesend, ob sie die nachmittäglichen 90 Minuten vergessen konnten ist nur zum Teil überliefert; das Konzert jedoch war um Längen besser als der Kick.

Naja, dann sauste die Scheibe runter; das war's. Sick of it all.




Dank Stefan habe ich im Header einen neuen Adler. Legal. Danke.