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Dienstag, 20. Juli 2010

Ein Gefühl für die Ewigkeit

Eben noch saßen wir draußen, der Fernseher lief und die Weltmeisterschaft in Südafrika beherrschte die Gespräche und manch Zeitplan; an den Fenstern und den Außenspiegeln flatterten Schwarz-Rot-Goldene Fähnchen und keinen Atemzug später scheint alles tiefste Vergangenheit, neue Themen beherrschen und erhitzen uns - und von Bestand und Tiefe ist nur der Tod könnte man meinen.

Und manchmal flattert eine Erinnerung vorbei, setzt sich draußen auf die Fensterbank und schaut hinein in dein Zimmer und in dich und du weißt, dass etwas hinter dir liegt, ein Etwas, was in dir arbeitet und auf Morgen verweist oder Zusammenhänge aufweist, die du selbst gar nicht kennst. Now on the street tonight the lights grow dim / The walls of my room are closing in / There’s a war outside still raging / You say it ain’t ours anymore to win / I want to sleep beneath peaceful skies / In my lover’s bed / With a wide open country in my eyes / And these romantic dreams in my head sang Bruce Springsteen im Song No Surrender. Eine Version davon höre ich seit ein paar Tagen und habe sie mir gestern auf eine Sommer CD gebrannt, darunter auch einen Song der neuen Gaslight Anthem CD American Slang, nämlich das unglaubliche Orphans.

Heute entdeckte ich auf Fritschs wunderbarer Seite ein Foto, unterlegt mit eben jenen Zeilen von No Surrender: With a wide open country in my eyes - und die Erinnerungen schweifen haltlos durch Zeit und Raum.

1985 - Kurz zuvor war Born in the USA erschienen, das Album welches Springsteen den endgültigen Durchbruch in Europa verschaffte; es war das Jahr in dem zum ersten Mal das Festival Rock am Ring an den Start ging, Springsteen gehörte zwar nicht zum Line-Up, aber aus allen Autoradios und Cassetten-Recordern der Besucher erklang das gleiche Lied: You can't start a fire without a spark, This gun's for hire, even if we're just dancing in the dark.

Nur wenige Wochen später gastierte der Boss höchstselbst in Frankfurt - es war das erste Mal, dass ich den Boden des Waldstadions betreten durfte, in der Hand einen 5-Liter Kanister Apfelwein - der nach über drei Stunden unglaublicher Performance Springsteens natürlich leer war - und was waren wir glücklich, überglücklich - es war einer einer Abende, die niemals enden dürfen und die natürlich doch vorbei gingen, so wie alles endlich ist - außer der Endlichkeit und der Traurigkeit vielleicht.

Zehn Jahre später fahre ich durch England, wir hatten einen alten Strich-Achter-Diesel und oben auf unsere Fahrräder gepackt, Springsteen war ein bisschen in den Hintergrund getreten, statt dessen gaben Pearl Jam oder DanceIITrance den Ton vor; wummerten Trance-Sounds aus den Boxen. Wir campierten in Salisbury, besuchten Stonehenge und machten uns dann auf nach Glastonbury. Den Mercedes parkten wir etliche Kilometer vor dem Gelände und radelten, bepackt mit Zelt und Schlafsack zum Festival - drei Tage voller Musik, Freaks, Technonächte, und Freiheit warteten auf uns. Nachmittags spielten unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Toten Hosen, The Cure gaben eines ihrer legendär schlechten Konzerte; Oasis, Prodigy und Portishead waren ebenso dabei wie Pulp und mein Highlight war sicherlich der Auftritt von Mike Scott, Sänger der Waterboys, der im Accoustic-Zelt mit Gitarre und Klavier die Menschen verzauberte, das Tape von dem Auftritt habe ich heute noch; mit dem Glastonbury-Song. Es waren heilige Tage, die mit einem Spaziergang auf den Glastonbury-Tor ausklangen; their's a green hill far away, I'm going back there one fine day.

Seither war ich nicht mehr dort.

Das Zeitenrad drehte sich weiter, die Jahre kamen und gingen und ist es knapp zwei Jahre her, als ich eine neue Band entdeckte, deren Sound mich von den Socken holte - obgleich er eigentlich völlig unspektakulär ist: The Gaslight Anthem aus New Jersey, der Heimatstadt von Bruce Springsten und wenn man genau hinhört, dann klingt Brian Fallon ein wenig nach dem Boss. Einer meiner Lieblingssongs ist The 59sound - nicht nur deshalb, weil 1959 die Eintracht letztmalig Deutscher Meister geworden ist; davon jedoch erzählt der Song nicht. Er verhandelt vielmehr den Verlust eines Freundes, der bei einem Autounfall ums Leben kam, als die Band einen Auftritt hatte und dazu von der Frage, welcher Song der letzte ist, den du in diesem Leben hörst. 1959 - das Jahr, in dem die Musik starb, the day, the music died.

And I wonder which song they're going to play when we go.
I hope it's something quiet mannered, peaceful, and slow.
When we throw out into the ether.
Into the everlasting arms.

Von mir aus, kann in einem Falle dieses Lied gespielt werden, auch der Glastonbury Song oder Dancing in the Dark. Aber das spielt hier keine Rolle. Letztes Jahr spielte Gaslight Anthem in Glastonbury und zum Song 59 Sound kam tatsächlich Bruce Springsteen auf die Bühne - und obgleich ich nicht dabei war, standen mir beim Anschauen des Videos die Tränen in den Augen. Springsteen, Glastonbury, The Gaslight Anthem - der Kreis ist geschlossen. Was für ein Gefühl muss es sein, wenn dein Idol plötzlich auf der Bühne mit dir steht und deinen Song singt. Ein Gefühl für die Ewigkeit.



Und dann sitzt du hier, schaust in den Sommer, versuchst zu begreifen, weshalb Fritschs Blogeintrag, Springsteen, das Waldstadion, Glastonbury und The Gaslight Anthem zusammenhängen, zusammenkommen und welche Bedeutung dies alles für dich hat; diese Schönheit gepaart mit der Vergänglichkeit - als wäre manches Augenzwinkern des Weltenrades nur für dich gemacht - und der ganze Irrsinn des Alltages ein tumbes Älterwerden; gesponsert von der Verblödungsindustrie, die uns eingemeindet und uns vorgaukelt, dass Glück darin besteht, Dinge zu kaufen und zu produzieren die uns im Grunde unseres Herzens einen Scheiß interessieren und von denen wir doch alle glauben, so und nicht anders müsste es sein weil wir kaum noch auf den Gedanken kommen, das Leben könnte auch anders sein. With a wide open country in my eyes / And these romantic dreams in my head.

Goodbye circus wheel
May you rest along the sea
I have given you the fire of my youth
And the triumph o're my enemies
Goodbye fair weather home, and your faithless factories
I have given you the blood and the truth
from the wounds they laid onto me
And whatever they left, well, I kept it for my own heart.

Freitag, 20. Februar 2009

Geht wählen




Ich hatte euch ja schon den Fotoblog von Fritsch vorgestellt. Nun steht er in der Auswahl bei den photoblog awards 2009. Wer die Fotos und den Blog ähnlich klasse findet wie ich, der könnte seine Stimme ja abgeben. Fritsch freut es sicherlich - und wer weiß, vielleicht landet er ja vorne. Es wäre ihm zu wünschen. Klickt den Link an, registriert euch und wartet ein Weilchen auf die Mail-Aktivierung. Zum voten müsst ihr nach Anmeldung auf das kleine Kästchen klicken, in welchem die Anzahl der Stimmen und ein kleines "vote" stehen. Also: Geht wählen, hier macht es wenigstens Sinn.

Montag, 12. Januar 2009

Fotos - Teil III


Nachdem ich in den ersten beiden Fotostreckchen auf Bilder von Stefan im Rahmen der Eintracht zurückgreifen durfte, folgt hier nun die Fortsetzung mit Fotos vom Fritsch, der sich gleich Stefan darauf beschränkt, nur wenige, ausgewählte Bilder in seinem Blog zu veröffentlichen. Jedes Bild schickt dich auf eine Reise - du selbst kannst auswählen, wohin es geht. Sei sicher, es gibt kein zurück. Niemals.


Freitag, 28. November 2008

Dum spiro, spero – Eine kurze Geschichte der Hoffnung


Dieser Tage erreichte mich ein Text vom Fritsch. Ihn kennt ihr durch den Blog des
Hobokollektivs, das ich neulich verlinkt hatte. Es ist ein Text, der von einem vergangenem Spiel handelt und so scheinbar gar nichts mit heute zu tun hat. Oder doch?

Lest selbst:



Es war ein klarer und schöner Maitag des Jahres 1999. Ich erinnere mich genau: Es war der 29. Mai 1999. An diesem Tag lernte ich etwas über Hoffnung, unbedingten Willen, die Diva und hundert kleine Tode, die man überlebt.

Es gibt Tage, an denen wacht man auf und weiß, es wird ein ganz besonderer Tag werden. Früh schien die Sonne und die Luft war klar und voller Frühling. Läge Berlin im Süden, würde man sagen, man kann die Berge sehen. An diesem Tag sollte der große Bruce Springsteen mit der wiedervereinigten E-Street Band in der Berliner Wuhlheide spielen. Eine Tatsache, die jeden Tag golden erscheinen läßt, zumindest meinen Tagen einen tieferen Sinn gibt. Vorher galt es das Überleben der Diva – der Eintracht aus Frankfurt, die nicht nur im Herzen Europas spielt, sondern seit den seligen Tagen eines Jay-Jay Okocha und Uwe Bein auch mein Herz eroberte und die Seele dieses Exil-Hessens mitregiert, zu sichern. Auch und gerade aus dieser Entfernung!

Um 15 Uhr waren alle Einkäufe erledigt, das Gesamtwerk des Bruce Springsteen gehört und die Spannung stieg, je näher die Radioübertragung der Bundesligakonferenz aus den Stadien dieser Republik rückte. Es war und blieb ein enge Kiste, dieser Klassenerhalt, den es am letzten Spieltag der Saison zu sichern galt. Die Tordifferenz sollte am Ende entscheiden. Diese Vorahnung ließ die Hände schon vor Anpfiff schwitzen.

Die Spannung des Körpers, die Anstrengungen der Seele waren nicht auszuhalten. Selbst der schnellste Radiokommentator hätte niemals mit der Geschwindigkeit meines Herzschlages und dem Wunsch nach aktuellen Informationen mithalten können. Im Fernsehen, verschlüsseltes Bild der Premierekonferenz ohne Dolby Surroundsound. Der Videotext mit Tabellen ständig aktualisiert und im Radio die beruhigende Meldung über das erste Tor der Eintracht. Etwas über zwanzig Minuten später folgt sogleich die Ernüchterung: Der Ausgleich. In Sekunden fiel das fragile seelische Gebilde in sich zusammen. Doch nur eine Minute später die erneute Führung. Was passiert auf den anderen Plätzen? Was machen die direkten Konkurrenten?

Hier schwindet die Erinnerung auf Grund der tiefen inneren Wechselbäder, dem nicht mehr sitzen können, dem Fingernägel kauen und der Schweißausbrüche. Immer wieder Verzweiflung und Hoffnung, Leere und Hoffnung. Zwanzig Minuten sollten es noch dauern, bis Jan-Aage Fjörtoft diese bereits aufgegebene Seele retten würde. Mit dem Schlusspfiff und dem legendären Satz: „Von der Bank kam das Signal, dass wir noch ein Tor brauchen. Also habe ich noch eins gemacht.“ Eintracht 5, Kaiserslautern 1. Gerettet! So lange ich atme, hoffe ich.

Ein Sieg für die Geschichtsbücher und doch habe ich keine Zeit für die Fernsehbilder. Es geht gleich ab ins Auto und hinaus zur Wuhlheide. Die halbe Stadt später strebt ein schöner Maitag der Vollendung zu: Bruce Springsteen betritt die Bühne und eröffnet ein grandioses Konzert mit My Love Will Not Let You Down. Treffender kann man es fast nicht formulieren.

Duplizität der Ereignisse: Jahre später werde ich mir Christoph Preuß Traumtor zum 1 zu 0 Sieg meiner Eintracht über den FC Bayern München nicht im Fernsehen ansehen können, da ich in die Passionskirche zum Konzert des Großmeisters Bonnie „Prince“ Billy gehen will. Jahre später werde ich meine Instrumente auf einer Bühne aufbauen, auf der kurz zuvor auf einer Großbildleinwand die demütigende 5 zu 1 Niederlage meiner Eintracht gegen Nürnberg gezeigt wird.

Diese Diva und ich führen eine Wochenend- und Fernbeziehung über knapp 600 Kilometer: You Can Look (But You Better Not Touch). Und diese Wochenenden sind selten Spaziergänge. Nein, sie sind der sprichwörtliche Ritt auf der Thunder Road: Unberechenbar, deprimierend, beflügelnd, immer anstrengend und manchmal auch grandios. Wiedervereinigt mit den alten Freunden und Kollegen singt, spielt und arbeitet der Meister der ehrlichen Hymnen und Geschichten der kleinen Leute auf der Bühne. Jedes Lied an diesem Abend spricht tief aus der eigenen Seele: „Now I believe in the love that you gave me / I believe in the faith that could save me / I believe in the hope and I pray that some day / It will raise me above these / Badlands... „ Lektionen in Sachen Hoffnung. Langsam weicht die Anspannung unglaublicher Freude und der Erkenntnis, daß manchmal etwas geht, wenn man zusammen arbeitet und füreinander einsteht. „Well the night's busting open / These two lanes will take us anywhere“. Noch ein Bier und eine Zigarette, denn der nächste Ritt wird sicher schwieriger werden und diese verdammten Täler wollen uns doch nur beweisen, daß es immer einen Weg hinaus gibt.

Ein Tag, ein Abend, der nicht zu Ende gehen sollte und dieses doch unweigerlich tut. Musik ist ein Mannschaftsspiel und so treten Sie alle nach einander an das Mikrophon und singen über Solidarität an den guten und den schlechten Tagen:

„We swore we’d travel darlin’ side by side
We’d help each other stay in stride
But each lover’s steps fall so differently
But I’ll wait for you
And if I should fall behind
Wait for me“

Morgen wird ein langer Tag, denn die Nacht wird kurz. Doch er sollte nicht allzu lange auf sich warten lassen, denn dieser überlebte Tod ist wie Benzin im Blut und lässt einen laufen und träumen. Spät abends, Berlin liegt schemenhaft im Mondlicht und der weit entfernte Liebhaber gelobt immer zu warten, denn selten befinden wir uns im Gleichschritt, doch treffen wir uns immer wieder in Eintracht. Und die verdammten Täler sind für eine kleine Ewigkeit ganz weit weg.

Gute Nacht & viel Glück auf der Straße!