Es ist Sommer, seit Tagen brennt die Sonne hernieder und das schöne daran ist, dass die Hitze auch eine Leichtigkeit mit sich bringt, welche die Etikette in den Hintergrund drängt. Wie im Urlaub, wenn du sonnengebräunt mit Meerwassersalz auf der Haut und mit zerzausten Haaren vom Strand heim kommst, wenn Sand im Auto liegt und der Fahrtwind heißer als das Wageninnere ist - derweil sich niemand darum kümmerst wie du aussiehst.
Es ist Sommer.

Wir (Pia, der silberne Golf und ich) fahren durch die Hitze auf die A5 Richtung Friedberg; aus den Boxen schrammeln Nada Surf eine Coverversion von dem Depeche Mode Klassiker
Enjoy the silence und wir stellen fest, dass wir gar nicht genau wissen, wo wir hin müssen - doch ein kurzer Anruf bei Marc von der Fanbetreuung bringt Klarheit: Wir müssen nach Friedberg Fauerbach, Sportplatz am Burgfeld - das dürfte sich finden lassen.
An der Anschlussstelle Friedberg verlassen wir die Autobahn, rollen durch Rosbach, wo oben im Wald die Kapersburg liegt, ein Römerkastell in dessen Nähe eine Waldhütte steht in der wir mit Freunden schon viele schöne Stunden verbracht haben und tuckern gemächlich nach Friedberg. Da wir kein Navigationsgerät besitzen, fragen wir einen der wenigen Spaziergänger (die anderen sind wohl alle im Schwimmbad oder auf dem Sportplatz) nach dem Weg. Er erklärt uns freundlich die Strecke, wir halten uns an die Anweisungen, drehen eine kleine Ehrenrunde nach Bad Nauheim und entdecken den kleinen Sportplatz am Fuße der
Friedberger Burg.
Auf dem Parkplatz davor parken schon etliche Wagen kreuz und quer; glücklicher Weise finden wir einen Platz für den Golf in unmittelbarer Nähe des Eingangs und kaufen uns zwei Tickets für das heutige Spiel. Und dann fällt mir ein, dass ich das Wichtigste ja im Auto vergessen hatte: Die Tage hat uns
Stefan ein Objekiv mitgebracht, dass wir ausprobieren können; ein richtiges Tele und da bietet doch ein Sommerkick zwischen
Olympia Fauerbach, ein Verein, der sein 100jähriges Jubiläum feiert, und Eintracht Frankfurt den richtigen Rahmen. Vuvuzelafrei.
Naja, fast.

Auf dem Sportplatz ist schon reger Betrieb, etliche Zuschauer hocken an den Hängen im Schatten der Bäume. Zwei Moderatoren eines unterstützenden Radiosenders schnattern durchs Mikro, Gott seis gedankt, dass die Boxen nur längs der Haupttribüne installiert sind, dort allerdings ist es recht laut. Wir schlendern einmal ums Spielfeld, begrüßen ein paar bekannte Gesichter und gönnen uns an einem der reichlichen Stände eine Bratwurst und einen tiefgespritzten Ebbelwoi, längst hängt mein Hemd am Gürtel. Wie zu ahnen scheint der beste Platz, dieses Spiel zu sehen tatsächlich am Hang, dort hocken wir uns hin und schauen uns um: Im Hintergrund thront majestätisch die Burg, während die Mannschaften beginnen, sich warm zu laufen, die Eintracht wird in den nagelneuen Trikots spielen, mit der Rückennummer in Carbonoptik die uns so gar nicht gefällt. Aber die Trikots sind sonst schick, sieht definitiv nach Eintracht aus. Warm ist's uns auch, aber im Schatten lässt es sich aushalten. Früher habe ich nie so ganz begriffen, weshalb sich Spieler bei 30° im Schatten warm laufen müssen - aber man lernt ja dazu. Die Moderatoren trommeln noch ein paar Mitspieler für ein Halbzeitspiel zusammen alldieweil ein Stadionsprecher mit dezent hessischem Akzent die Mannschaftsaufstellungen verkündet.
Wir entdecken Christian und Andreas sowie Christoph und später noch Stefan (nein nicht der, der uns das Obektiv gab), die sich zu uns gesellen und freuen uns auf den Anpfiff. Ein paar Törtchen (O-Ton Pia) verteilen Werbeflyer und lassen sich von der Rasenbewässerung erfrischen, kurz darauf entdecken wir sogar einen Flitzer, der splitterfasernackt über das Spielfeld rennt - aber es hat keine Konsequenzen, der Bub ist vielleicht vier Jahre alt.

Die Eintracht beginnt mit Rössl im Tor, in der Innenverteidigung steht zum erste Mal seit 2009 Aleks Vasoski und dazu spielt unsere Nummer 18, Ioannis Amanatidis ebenfalls seit langem wieder in der Spitze. Mit dabei sind noch Ochs, Petkovic, Köhler, Steinhöfer, Titsch-Rivero, Tosun, Alvarez und Fenin.

Wir haben Glück, die Eintracht spielt in der ersten Hälfte genau auf das Tor, hinter dem wir sitzen - und sie spielt natürlich überlegen, scheitert aber zunächst an der vielbeinigen Abwehr der Gastgeber. Nach ein paar Minuten klettere ich unter der Absperrung hindurch und hocke mich mitsamt Kamera hinter die Torlinie. Neben mir sitzt
Jan Hübner, dessen Objektiv die Länge und den Umfang meines Oberschenkels hat.
Klackklackklack rattert seine Kamera, während ich durch den Sucher verzweifelt den Ball suche. Vielleicht heißt der Sucher ja genau deshalb Sucher. Mit der Zeit begreife ich ansatzweise, welchen Schwierigkeiten ein Fotograf während eines Spieles ausgesetzt ist. Man muss eine Position finden - und dann hoffen, dass dir im entscheidenden Moment niemand ins Bild latscht, der da nicht hingehört. Aber es macht Laune - ich hocke in der sengenden Sonne und sehe das Spiel mit anderen Augen, schraube am Tele und bin so beschäftigt, dass ich die Hitze gar nicht merke.

Zwölf Minuten dauert es, bis das erste Tor fällt; Steinhöfer hatte getroffen - und dann geht es im Minutentakt: 2:0 Amanatidis (16.), 3:0 Alvarez (19.), 4:0, 5:0 Fenin (21., 30.) - und dann geht der Fauerbacher Torhüter vom Feld; keineswegs entnervt, macht er doch einem Kollegen Platz, der seinerseits nach weiteren 30 Minuten dem dritten Goalie die Chance gibt, gegen die Eintracht zu spielen. Auf der Gegengerade steigt Rauch auf, doch es scheint sich nicht um stimmungsvolle Fußballoptik zu handeln, sondern eher um einen defekten Grill - aber es scheint, die Gastgeber bekommen auch dieses Problem in den Griff.

Ich wandere nach dem 4:0 zurück in den Schatten, jetzt nutzt Pia die Gelegenheit, an exponierter Stelle zu fotografieren. Über die Lautsprecher erfolgt eine Durchsage, dass ein Handy gefunden wurde, reflexartig greife ich in die Hosentasche, man weiß ja nie. Aber es ist noch da, wo es hingehört. Die Frankfurter aber lassen sich dadurch nicht beirren und erzielen noch vor dem Pausenpfiff zwei weitere Treffer: 6:0 Amanatidis (37.), 7:0 Ochs (38.) und zudem vergibt Amanatidis kurz vor Ende der ersten Halbzeit noch einen Elfmeter nachdem Köhler im Strafraum gelegt wurde; großartig pariert vom Fauerbacher Torwart. Er hat jetzt seine Geschichte, und wird wahrscheinlich noch in dreißig Jahren im Vereinsheim sitzen und erzählen, wie es damals gewesen war, als er gegen die große Eintracht einen Elfer hielt - darum beneide ich ihn.

Nach der Pause betritt eine andere Eintracht das Feld; außer Rössl und Titsch-Rivero hat Trainer Skibbe komplett durchgewechselt. Nun sind dabei: Franz, Tzavellas, Russ, Jung, Heller, Korkmaz, Altintop, Caio und Meier in gelben Kickschuhen. Und in den nächsten 23 Minuten sollte nicht viel passieren; der Faulbacher Keeper hält, was zu halten ist, während die nun in blau spielenden Gastgeber heldenhaft um jeden Ball kämpfen. Das Geschehen spielt sich nun auf der andere Seite ab; Pia ist noch immer mit der Kamera unterwegs, während Andreas leicht suchend umher schaut und leise fragt:
Wo ist eigentlich mein Handy? Zumindest nicht in Reichweite. Wir rufen die Nummer an; es klingelt nicht bei uns - dafür geht aber jemand ran. Oh Wunder, es ist jemand von der Spielorganisation - und das vorhin ausgerufenen Handy hat nach wenigen Minuten seinen Besitzer wieder, Entspannung allenthalben.

Wir machen uns nun auf und wandern gemächlich rund um den Platz, um etwa näher am eigentlichen Ort es Geschehens zu sein, dem Fauerbacher Tor. Die Spieler der ersten Halbzeit haben es sich auf der Ersatzbank bequem gemacht, sie haben die Arbeit hinter sich und hoffen, dass die Eintracht zweistellig gewinnt - dies würde einen trainingsfreien Tag bedeuten - Fauerbach hofft dagegen noch immer auf den Ehrentreffer.

Nach 68 Minuten ist die torlose Zeit vorüber; die Eintracht bläst zum Endspurt, die Kräfte der Fauerbacher erlahmen: 8:0, 9:0 Altintop (68., 70.), 10:0 Caio (80.), 11:0 Titsch-Rivero (85.), 12:0 Altintop (86.) und zum Schluss das 13te und letzte Tor, erneut durch Caio in der 88. Minute. Schlusspfiff.
Die Kids stürmen mit Stift und Autogrammkarten bewaffnet den Rasen, müssen sich aber noch ein wenig gedulden, zunächst müssen die Spieler auslaufen, was nichts anderes meint, als sich noch ein wenig zu bewegen (Franz mit keck hoch gezogener Sporthose)

- doch dann ist die Jagd eröffnet. Umringt von Autogrammjägern schreiben sich die hochdotierten Stars die Finger wund und lächeln in die Kameras. Während ein Fauerbacher hofft, noch ein Trikot tauschen zu können, hat sich ein anderer schon den wesentlichen Dingen gewidmet: Linker Hand eine Zigarette, rechter Hand ein Bier, recht so, die Jungs haben alles gegeben, sie dürfen nun feiern.
Wir betrachten das Geschehen noch ein Weilchen, und machen uns dann auf zum Parkplatz. Der Golf steht noch dort, wo er sollte, wir lassen die Scheiben nach unten gleiten und röhren zurück auf die Bundesstraße Richtung Autobahn. Irgendwo in Höchst in einem Garten wartet noch ein Fest auf uns und wir überbringen den Anwesenden brandaktuell die freudige Nachricht: Auswärtssieg! Und das Objektiv ist natürlich gekauft.
