Montag, 2. August 2010

Heimspiele in Hierzulande

Dienstag, 27.07.2010

Aus dem CD-Player des silbernen Golfs pluggerten Ambientsounds einer russischen Radiosendung mit dem Titel Orangereya, passend zum Ambiente eines chilligen Sommertages. Unser Ziel war Göttingen, die Eintracht sollte am Abend in einem Freundschaftsspiel auf den spanischen Erstligisten Racing Santander treffen, die wenige Tage zuvor gegen Werder Bremen 1:3 unterlegen waren. Wir nutzten den sonnigen Tag, um einen Abstecher in das ehemalige Zonenrandgebiet zu machen, tuckerten durch die Alleen und besuchten Heiligenstadt, einen Kurort nahe der Deutschen Märchenstraße, wo etliche Geschäfte leer stehen und eine Gaststätte Schwarzer Adler heißt.

Von dort gings über die Landstraße nach Göttingen ins Jahnstadion. Und wenn die Namen Göttingen und Jahnstadion im Zusammenhang mit Eintracht Frankfurt fallen, dann denken wir natürlich sofort an Lothar Sippel.

Stimmt natürlich nicht, erst der Blick ins Eintracht-Archiv zeigt, dass die Eintracht in der Saison 83/84 in der ersten Pokalrunde bei Göttingen 05 mit 2:4 unterlegen war (nach 18 Minuten führte der Oberligist damals mit 3:0) und Lothar Sippel, der in der Saison 91/92 14 Treffer für die Eintracht erzielen konnte, seinerzeit in der 76. Minute eingewechselt wurde. Bei Göttingen.

In Göttingen folgten wir dem Eintracht-Bus, der uns urplötzlich entgegenkam und passierten einen kleinen See, dem nach wenigen Metern das Stadion folgte. Fußballerisch ist Göttingen seit Jahren Diaspora nachdem der SC Göttingen 05 nach zwei kurzen Interemezzi in der zweiten Liga Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger durch die Ligen trudelte, 2003 gar pleite ging und nach Auflösung und Neugründung durch die Fusion mit dem RSV Geismar nun den Namen RSV Göttingen 05 trägt. Bis 2003 war das Jahnstadion die Spielstätte des SC, seither wird es nur noch gelegentlich genutzt, so wie heute durch die Eintracht.

Wir parkten bei strahlendem Sonnenschein direkt neben dem Stadion, begrüßten etliche bekannte Gesichter und trafen uns mit Thorsten und Ruth, die ebenfalls aus Frankfurt angereist waren. Auch Steffen aka BlackDeath2k schneite vorbei, für ihn war es ein Heimspiel - nur wenige Meter vom Stadion entfernt ist er aufgewachsen.

Die Sonne glänzte vom Himmel und wir wanderten auf die Gegengerade, die ganz nett gefüllt war; später gab der Stadionsprecher die offizielle Zuschauerzahl durch: 2.400 - und sollte dies Sekunden später auf 1.400 korrigieren. Die Anzeigentafel blinkte und zeigte lustige Smilies mit dem Text Anfeuern: Ja, Randale: Nein - und daran hielten wir uns natürlich. Pia hatte sich mit Kamera bewaffnet schnurstracks in Richtung Laufbahn aufgemacht, während wir dem nunja, munteren Treiben auf dem arg ramponierten Platz zusahen.

Racing erspielte sich kaum Torchancen, die Eintracht erwies sich optisch überlegen, doch es sollte bis zur 41. Minute dauern, bis der erste Treffer fiel - Caio hatte die Torfabrik aus knapp 30 Metern ins Tor gehämmert, wobei Coltorti im Racing Tor eher alt aussah.

In der zweiten Hälfte wurde munter durchgewechselt; Nikolov verdiente sich einen Scorerpunkt, in dem er Altintop den Ball zukickte, woraufhin dieser ein paar Meter lief und das 2:0 erzielte. So wurde mir zumindest berichtet, ich stand am Bierstand zwecks Verpflegung. Aufreger war wenig später eine Großchance von Gekas, der die Wahl hatte, entweder zu treffen oder Altintop anzuspielen, sich aber dann doch dafür entschied, den Torhüter von Santander in Szene zu setzen.

Kurz vor Abpfiff schaffte Santander noch den Anschlusstreffer, was unsere Stimmung aber keineswegs trüben sollte. Unser Weg führte dann in die Göttinger Innenstadt, jede Menge Studenten tummelten sich in der Fußgängerzone, wo wir uns mit noch mit Steffen trafen und ganz nebenbei die Gänseliesel bewunderten.


Mittwoch, 28.07.2010

Der nächste Morgen begann gegen elf Uhr mit einem Anruf unseres geschätzten Museumsdirektors Thoma, der dezent nachfragte, wo ich den bliebe. Oha, während ich eigentlich erst um zwölf Uhr im Museum aufschlagen wollte, zeigte der Terminplan zweifelsfrei zehn an. Shit Happens, ich sauste los, baute die Anlage auf und begrüßte wenig später jede Menge Kinder, die sich anlässlich der bevorstehenden Kinderpressekonferenz mit Ralf Fährmann eingefunden hatten. Und dann kommt er auch schon, der 21-jährige Schlussmann der Eintracht. Wie heißt du - spannende Fragen stellten die Kids und Ralf nahm sich geduldig die Zeit, wirklich jede Frage zu beantworten; annähernd eine Stunde später wussten die Kids Bescheid: Ralf hat einen Bruder, einen Hund und isst am liebsten Pizza - und sie gaben ihm klasse Tipps, wie er seinen Bruder an besten ärgern könne: Einen Eimer Wasser auf die Türklinke stellen. Nachwuchsjournalisten der FR notierten eifrig die Antworten des Tages und schrieben anschliessend einen netten Artikel über den munteren Nachmittag, während Ralf noch Jacken, Arme und Taschen mit Autogrammen verzieren durfte. Ich baute derweil die Anlage wieder ab.


Sonntag, 01.08.2010

Manchmal ist es ganz praktisch im Museum der Eintracht an Spieltagen zu arbeiten, eine Arbeitskarte berechtigt nicht nur zum Einlass auf das Gelände, sondern bringt es mit sich, auch ein Fußballspiel ansehen zu können, für das ich sonst keinen Eintritt bezahlt hätte: Die Eintracht gegen Chelsea FC, den amtierenden Englischen Meister. Pia und Daddy waren dabei und wir parkten in der Tiefgarage, wo wir auf Bernd Hölzenbein trafen, der allerdings nicht mitspielen sollte. Wir marschierten zunächst ins Museum und anschließend entgegen den Bundesligaspielen nicht zu unserem angestammten Platz in Block 41G, sondern orientierten uns Richtung Block 42, dem äußersten Stehplatzbereich und hockten uns auf die Stufen. Die Erfahrung aus der Partie gegen Real Madrid vor zwei Jahren hatte uns gezeigt, dass Spiele gegen namhafte Gegner in der Saisonvorbereitung eher unter dem Aspekt Sommerfußball abzulegen sind; die Eintrittspreise jedoch gesalzen sind. So auch dieses Jahr. Zwar ist es ganz interessant die Herren Terry oder Malouda, Lampard oder Essien, Anelka oder Mikel aus der Nähe zu sehen, sportlich jedoch ist solch Spektakel in dieser Phase nur bedingt reizvoll.

Das Dach im Stadion war geschlossen, dafür flackerte die Leuchtreklame vor den Kurven arg irritierend und lenkte permanent vom Spiel ab. Werbebande, so heißen diejenigen, die solche Reklametafeln installieren, nahezu Bandenterror. Nachdem im Vorfeld Wladimir Klitschko und Samuel Peter - die am 11.09. im Stadion auf den Spuren von Muhammed Ali und Karl Mildenberger wandeln werden - von Frau Rauscher mit einem Bembel und von den Mannschaftskapitänen mit Trikots beglückt wurden, pfiff Schiri Brych die Partie vor 45.000 Zuschauern an.

Aufschlussreich war die Erkenntnis, dass Georgios Tzavellas durchaus in die Fußstapfen von Christoph Spycher treten kann, dass Altintop die eher durchwachsene Form der letzten Spiele konserviert hat und Sebastian Jung sich anschickt, mein aktueller Lieblingsspieler zu werden - neben Amanatidis natürlich, der im Zusammenspiel mit Ochs einen schon verloren geglaubten Ball zurück eroberte und erneut zu Ochs passte, welcher die Eintracht mit 1:0 in Führung brachte - wobei der Torhüter von Chelsea alles andere als souverän aussah; zum Running Gag sollten sich während der gesamten Partie dessen Abschläge entwickeln.

Nach der Halbzeit ersetzte Ralf Fährmann den ewigen Oka, während Habib Bellaid für Maik Franz ins Spiel kam. Später folgten noch Altintop, Rode, Caio, Fenin, Korkmaz, und Heller, während Clark und Kittel auf der Bank schmoren mussten. Tisch-Rivero, Steinhöfer und Petkovic gehörten diesmal nicht zum Kader. Chelsea wechselte bis zum Schluss außer dem Torhüter komplett durch und die Partie passte sich ein wenig dem Rasen an, der durch die Footballspiele der letzten Wochen doch arg waidwund daherkam.

Von den Rängen ertönte: Ihr werdet nie Deutscher Meister oder In Europa kennt euch keine Sau, was Lampard aber nicht davon abhielt, den zwischenzeitlichen Ausgleich zu erzielen. Als Russ im Strafraum umgerissen wurde, nahm sich Altintop Pille und Herz und verwandelte den fälligen Elfmeter zum 2:1 Siegtreffer für die Eintracht. Gewinner des Spiels waren neben der Eintracht sicherlich die Herren Amanatidis, der einen strammen Schuss knapp neben das Tor setzte, Köhler, der sich allmählich zu Uwe Bindewald zwei entwickelt sowie Nikolov; Fährmann sah beim Treffer Lampards nicht wirklich glücklich aus - aber er ist noch jung und voller Hoffnung.

Heute hat uns dann Attila besucht, eine ganze Gruppe Kinder hing gebannt an den Lippen des Falkners Norbert Lawitschka und beantworte lautstark dessen Fragen: Was frisst ein Mäusebussard? Mäuse. Ein Fischadler? Fische: Ein Steinadler? Steine.

Naja, fast.


Kommentare:

  1. Lothar Sippel - den habe ich gerne kicken sehen. Danke für den Ausflug in die Vergangenheit. Gruß vom Kid

    AntwortenLöschen
  2. kid, die vergangenheit der einen, war einst die zukunft der anderen. so ist das leben. es ist unseres; vermutlich haben wir nur eines.

    ich freue mich über schwegler oder jung. das ist die heutige eintracht, morgen werden andere vielleicht geschichten darüber schreiben.

    machs gut

    beve

    AntwortenLöschen
  3. ich freue mich über schwegler oder jung. das ist die heutige eintracht, morgen werden andere vielleicht Geschichten darüber schreiben.

    Nicht, dass wir uns falsch verstehen, beve, das tun wir doch heute schon, Geschichten über sie erzählen und ihre Geschichte aufschreiben.

    Die Erinnerung an Sippel fand ich dennoch schön. Zumal ich diese Begebenheit vergessen hatte, obwohl ich den Spielbericht aus Franks Archiv gut kenne. :-)

    Gruß vom Kid

    AntwortenLöschen
  4. 'Der Ambientsound einer russischen Radiosendung' - wer sowas hört trägt doch vermutlich auch rosa Poloshirts und geht zum Frauenfußball. :)

    AntwortenLöschen
  5. Andy (Rigobert_G)3. August 2010 um 07:27

    Dass Sippel in Göttingen spielte, wusste ich auch nicht. Ich dachte er kam aus Hessen Kassel. Aber die sind ja auch nur wenige Kilometer weiter südlich. Schön auch das Wort "Zonenrandgebiet" mal wieder zu lesen. Schon immer eines meiner All-Time-Lieblingswörter. :-)

    AntwortenLöschen
  6. Der Attila schaut auf dem Foto irgendwie ziemlich eindringlich. Genervt ?

    AntwortenLöschen
  7. Den Lothar Sippel habe auch ich immer nur in Verbindung mit Kassel gedacht. Eimer Wasser auf die Türklinke stellen – das ist ein Tipp, den man immer gut brauchen kann. Hoffnung auch.

    Gäbe noch viel zu sagen – oder auch nicht ,-) – aber so ist das ja immer. Deswegen nur noch: Es war schön, im Hier und Jetzt deinen hingetupften Eintracht-Wegen zu folgen.

    AntwortenLöschen
  8. kid, da hast du recht. ich dachte, du richtest das augenmerk eher auf die vergangenheit.

    bigbamboo, ich kann mir nicht vorstellen, dass ein leser dieses blogs rosa polos trägt ;-)

    andy: zonenrandgebiet, zonenrandgebiet :-)

    neeko, attila weiß, wann er fotografiert wird - und wendet sich ab - oder guggt böse.

    kerstin, der eimer auf der klinke, darum gehts bei den kleinen. immerhin hat ralfs bruder bestimmt ein eigenes zimmer.

    viele grüße

    beve

    AntwortenLöschen
  9. "ich kann mir nicht vorstellen, dass ein leser dieses blogs rosa polos trägt ;-)"

    Glaub auch nicht das Thomas Berthold hier mitliest. :-)

    AntwortenLöschen
  10. Also naja. Rosa Polohemden .. nicht wirklich. Ab und an trage ich blasslilia Stringtangas, allerdings gehe ich nicht zum Frauenfußball. Also zumindest nicht im Stringtanga. Wobei.. naja, lassen wir das. :)

    Eigentlich wollte ich auch nur mal einen Gruß da lassen, weil wir uns schon lange nicht mehr übern Weg gelaufen sind. Und weil der Kid sich hier rumtreibt, grüß ich den Kid gleich mal noch mit. *wink*

    Schönen Abend euch allen..

    Tobi

    AntwortenLöschen
  11. heidenei der tobi in blass-lila, sowas aber auch.

    sei gegrüßt vom

    beve

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.