Sonntag, 17. Januar 2010

Gut so!


Spiele gegen Werder Bremen sind immer eine Art Wundertüte; man weiß nie, was dabei herauskommt. Schon in der ersten Bundesligasaison 1963/64 fing sich die Eintracht in Bremen ein 1:4, um im heimischen Waldstadion mit einem 7:0 zurück zu schlagen. 1976/77 erzielte die Eintracht erneut sieben Treffer, 7:1 lautete damals der Endstand. Noch torreicher ging es 1981 zu; mit 9:2 fegte die Eintracht Werder vom Platz - und dies, obgleich die Bremer mit 1:0 in Führung gingen. Otto Rehagel muss getobt haben.

Aber selbst in jüngerer Vergangenheit ging es hoch her; 2006/07 ging die Eintracht im Waldstadion mit 2:6 unter, um durch ein überraschendes 2:1 in Bremen sowohl den vorzeitigen Klassenerhalt zu sichern, als auch Bremen die Meisterschaft zu verderben. In der Saison danach lieferten sich Kyrgiakos und Diego ein heißes Duell. Stand up and fuck you. Diego sah rot, die Eintracht gewann 1:0.

Letzte Saison lief aus Frankfurter Sicht besonders bitter, gleich zwei Mal verlor die Eintracht mit 0:5. Dafür verdarben die Hessen den Saisonaufakt Bremens in diesem Jahr gründlich, gleich im ersten Saisonspiel besiegte die Eintracht den haushohen Favoriten im Weserstadion mit 3:2; für die Treffer sorgten Amanatidis und Fenin. Dies sollte bis zum 16. Spieltag Werders einzige Niederlage bleiben.

Und nun das: Zum ersten Mal seit der Saison 1989/90 besiegte die Eintracht Werder sowohl im Hin- als auch im Rückspiel. Ein Treffer von Marco Russ in der 57. Minute reichte aus, um die Eintracht als Sieger vom Platz gehen zu lassen. Ein bemerkenswerter Sieg. Nicht nur weil unsere Bremer Freunde Ingo und Enno zu Gast waren.

Zum einen war das Stadion bei Weitem nicht ausverkauft, 45.600 Zuschauer zum Rückrundenauftakt - das sind zwar eine Menge, dennoch blieben 5.000 Plätze unbesetzt. Zum anderen bot das Spiel zwar keine überragenden spielerischen Leistungen, die Eintracht aber kämpfte und ließ in der ersten Hälfte nur eine einzige nennenswerte Bremer Torgelegenheit zu, die Nikolov gegen Hunt glänzend vereitelte. Marin versuchte sich anschließend nach Franz' Grätsche im Strafraum im Einfädeln - und Schiri Weiner ließ weiter spielen. Recht so. Zuvor war Ochs nach feinem Zusammenspiel mit Köhler an Bremens Torhüter Wiese gescheitert.

Werder spielte druckvoller, stand näher am Mann, die Eintracht agierte im Rahmen ihrer Möglichkeiten und hatte das Glück des Tüchtigen. Kälte auf den Rängen, wenig Feuer im Spiel.

Die zweite Hälfte brachte Fußball, mehr und mehr rackerte und kombinierte sich die Eintracht ins Spiel und wurde in der 57. Minute belohnt. Ein Missverständnis in der Bremer Abwehr nutzte ein Frankfurter und sprintete dazwischen, der Ball kam über Ochs zu Schwegler, dessen Hereingabe verlängerte Chris zu Russ, der ala Meier aus kurzer Distanz einschob. Wir lagen uns in den Armen, während Werder-Trainer Schaaf nun alles auf die Offensive setzte, Pizarro und Almeida kamen ins Spiel - und Pizarro sorgte kurz nach seiner Einwechslung für eine Schrecksekunde. Chris hatte versucht, den Ball mit der Brust zu Nikolov zu schnippen, Pizarro ging dazwischen und traf Nikolov unglücklich am Knie. Nach kurzer Behandlung konnte dieser jedoch weiter spielen. Bremen drückte und die Eintracht lauerte auf Konter. Bemerkenswert eine Szene, als Meier über das halbe Feld in die gegenerische Hälfte sprintete und sich einen schon verloren geglaubten Ball eroberte; bemerkenswert ein Solo von Benny Köhler, der ebenfalls mit Ball über den halben Platz marschierte und ihn partout nicht hergeben wollte, zumindest solange nicht, bis er einen Freistoß und die Eintracht wertvolle Sekunden erhielt, bemerkenswert ein Schuss von Teber aus annähernd 30 Metern, der, abgefälscht, knapp über die Latte strich, und bemerkenswert das fahrlässige Vertändeln einiger guter Möglichkeiten auf Bremer Seite. Schon in der Nachspielzeit kam Caio für Köhler und in der letzten Minute Preuß für Liberopoulos; es war das erste Mal seit Oktober 2007, dass Christoph den heiligen Rasen des Waldstadions im Rahmen eines Bundesligaspiels betrat; die Kurve feierte ihn mit Sprechchören, das Spiel war aus. Sieg!

Es war aus drei Gründen ein eminent wichtiger Sieg. Punkt eins: Jeder Eintracht Sieg ist wichtig.

Punkt zwei: Der Möglichkeit eines drohenden Absturzes im Falle dreier Auftaktniederlagen wurde schon im ersten Spiel ein Riegel vorgeschoben; der Klassenerhalt ist zwar noch nicht sicher - aber die Eintracht wird stark genug sein, die dafür notwendigen Punkte zu holen. Alles Weitere wird sich zeigen.

Punkt drei: Der Sieg sorgt zunächst für Ruhe im Umfeld - und schützt vor allem Heribert Bruchhagen; bei einem Fehlstart in die Rückrunde hätte sich anhand der Vorzeichen aller Wahrscheinlichkeit nach der Unmut etlicher Fans auf ihn fokussiert. Erneut zeigten die Ultras ein Banner zugunsten des Trainers in die Höhe: Ultras pro Skibbe. Unverdächtig gesprochen ist ein Bekenntnis zum Trainer nicht verkehrt, alleine die Debatten der letzten Wochen zeigen, dass die gedachte Ergänzung: Contra Bruchhagen lautet; eine Haltung, mit der sie nicht alleine da stehen; schon nach den Rücktritts-Äußerungen Skibbes während des Trainingslagers in Belek offenbarten sich etliche Fans, die den Mann, der die Eintracht an führender Position in den letzten Jahren konsolidiert hat und der wie kein zweiter Vorstand der Liga sich gegen die Errungenschaften des modernen Fußballs stellt und auch vehement für die Beibehaltung der 50+1 Regel argumentiert, am liebsten in die Wüste gejagt hätten. Weil er vermeintlich die Eintracht zu Tode spart. Ungeachtet aller tatsächlichen Kritikpunkte an Bruchhagen wäre es töricht, auch nur im Ansatz ein Szenario zu zulassen, welches die Kurve während der letzten Halbserie zum Thema Funkel abgeliefert hat.

Und nun die Tabelle; genießt sie.




Foto der Kurve: Stefan Krieger

Kommentare:

  1. Rein historisch könnte man noch den 9.5.92 nennen (2:2 arghhhhh), an dem man sich gegen besoffene, gefärbte Bremer so einiges verbaute......aber das weckt nur den Schmerz meiner alten Kriegsverletzung..

    AntwortenLöschen
  2. och, da nehme ich doch lieber das 7:2 in der Endrunde 1959 :-)

    AntwortenLöschen
  3. Der Sieg in Bremen unter Berger, Auftakt einer unglaublichen Aufholjagd, fehlt mir auch im Rückblick. Denn Legenden sterben nie. :-)

    AntwortenLöschen
  4. Ich genieße Heimsieg & Deinen grandiosen Bericht, Beve! Danke dafür! Jetzt schweige ich wieder ...

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

    AntwortenLöschen
  5. Hi PIAX,

    habe mein Sitzkissen vergessen. Habt ihr es mitgenommen? oder habt Ihr es vor lauter Freude auch übersehen?

    Günter

    AntwortenLöschen
  6. das sizkissen liegt im auto :-)

    stimmt andy, auch 1999 war ein meilenstein, ebenso wie 1988 das halbfinale im pokal: werder:uli stein 0:1

    danke euch

    und viele grüße - auch an die genießenden

    beve

    AntwortenLöschen
  7. Enno und Ingo aus Bremen17. Januar 2010 um 22:55

    Hallo Beve !

    Vielen Dank für die uns entgegengebrachte Gastfreundschaft in Frankfurt. Enno hat der Mützenmann abgezockt und fordert 2,50 Euro zurück. Hanseatische Grüße auch von Silke !
    See you in HH !

    AntwortenLöschen
  8. hallo enno und ingo!

    ich hab den mützenmann auf einem foto! das ist jetzt zur fahndung ausgeschrieben :-)
    aber, hey. das ist frankfurt - die hauptstadt des verbrechens!

    schön, dass ihr frankfurt besucht habt und dass ihr freundlicherweise auch noch die punkte hiergelassen habt. danke!
    aber immerhin habt ihr jetzt - dank des eintracht-archivs - etwas über die existenz des bremer torhüters frese erfahren ;-)

    grüße - auch an die mädels!
    pia

    AntwortenLöschen
  9. Oh ja, Ulis Halbfinalsieg fehlt natürlich, genauso wie Pahls Eigentor, das nur die gesehen hatten, die auch da waren. 8-)

    AntwortenLöschen
  10. ... das 2-2 am 09-05-1992 reißt mich heute vormittag wieder in die dunkle Tiefe zurück *sick*

    Grüße aus Neu-Isenburg an dieser Stelle an meine "Therapiegruppe Museum"!

    AntwortenLöschen
  11. hey enno und ingo weder wieder zuhause aus der hauptstadt des dubiosen mützenverkaufs - bis bald ihr helden

    pahls eigentor - da war ja auch was.

    geschichten zu hauf. gut so :-)

    schöne woche als siebter wünscht:

    beve

    AntwortenLöschen
  12. was für eine erleichterung für einen wie mich, der sich tagsüber normalerweise in mainz aufhält, von oben auf die karnevalisten zu gucken, natürlich mit der nötigen arroganz!

    hochmut kommt vor dem fall?

    scheiss-egal!

    danke, axel, für den schönen beitrag!

    AntwortenLöschen
  13. wenn man sich bei stefans bildern das marin-foto anschaut:
    der hat seine mütze bestimmt auch in der hauptstadt des dubiosen mützenverkaufs erworben ...

    AntwortenLöschen
  14. Dein Beitrag ist wunderbar. Gut so! Danke. Ich finde es immer wieder eine Wonne deine Spieltagebücher zu lesen. Zudem muss ich bei silberfarbenen Golfs immer an dich denken ;)

    Aber auch das neue Design finde ich Gut so! Vor allem hebt es sich etwas mehr von Kids Blog ab. Teilweise mußte man ja immer zuerst oben auf den Banner schauen, in welchem Blog man gerade unterwegs ist.

    Gut so!

    AntwortenLöschen
  15. Ja, der silberne Golf - der kann schon Geschichten erzählen. Danke fürs Layout-feedback, ich habe dazu mal n kleinen Eintrag gemacht, vielleicht fällt ja noch dem/r ein oder anderen etwas dazu ein.

    viele Grüße

    Beve

    AntwortenLöschen
  16. Eventuell solltest du bei Auswärtsfahrten, (mit-) Fahrten mit dem silbernen Golf als Pauschalreise anbieten ;)

    Deine Artikel lesen sich so gut, ich wäre bereit für die Auswärtspauschalreise im silbernen Golf zu bezahlen^^

    Layoutfeedback gibt es dann im entsprechenden Beitrag.

    AntwortenLöschen
  17. Schließe mich DeJan an. Würde ebenfalls einiges dafür geben, mal an einem Heimspielbeitrag als mitfahrkomparse mitzuwirken.
    Auch die optische Unterscheidbarkeit zu Kids Blog finde ich gut. GrauerMausHintergrund passt scho. Ich fand es eh immer schwer zu lesen - das Alter.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.