Montag, 8. September 2008

Schöngeist. Kennedy. Terracotta.

Langsam dreht sich ein Sommer in den Herbst; ein Sommer, der viele heiße Tage mit sich brachte und eben so viele Themen. War eben nicht noch eine Europameisterschaft? Eine Olympiade?

Jetzt im Wald ist’s ruhig. Ein Eichhörnchen saust durchs Unterholz und versteckt sich hinter einer Eiche, als aus dem Nichts ein Flugzeug übers Grün donnert und die Stille durchbricht; ab und an ein Spaziergänger, Jogger, Radler. Plötzlich jagen zwei Damhirsche aus dem Dickicht, bemerken uns und biegen unverrichteter Dinge wieder ins Grün. Weiter vorne verharrt ein Reh schweigend auf dem Waldweg und tappst in den Wald zurück.

Am Vierwaldstädter See mehren sich die Ausflügler, umrunden den Weiher und rasten an der Oberschweinstiege, wo vermutlich die Wagen parken. Der Weg führt weiter, über die Waldstraßenbahngleise zwischen Frankfurt und Neu Isenburg kurz auf die Isenburger Schneise und hinter der Brücke in den Wald Richtung Waldparkplatz, wo an Spieltagen Hunderte von Autos parken und Tausende Eintrachtler auf dem Weg ins Stadion sind. Heute ist’s leise, niemand parkt hier und wir überqueren eine der drei Brücken, die über die Ausfallstraße in Richtung Stadion führen.

Im Stadion selbst ist großer Verkehr, die Aufbauarbeiten für das anstehende Madonna-Konzert sind in vollem Gange, die Eingangstore werden bewacht wie die Amerikanische Botschaft, Security patroulliert entlang der Wege, Absperrbänder vor dem Museum zeigen dir den rechten Weg und ich fühle mich fremd im eigenen Stadion – ein Zustand, der sich immer häufiger breit macht.

Die ersten Besucher sind schon da, Billy kassiert den Eintritt – lumpige fünf Euro kostet es, den Geschichten des ehemaligen Frankfurter und Karlsruher Stürmers Edgar Schmitt zuzuhören, eben jener Edgar Schmitt, der am 16.05.1992 nur den Pfosten traf und nach seinem Wechsel zum KSC zum Euro-Eddy avancierte. Alsbald kommt er auch, Frau, Kind und Hund im Anhang und wir stellen fest, dass Edgar Schmitt auch heute noch eine sympathische und zurückhaltende Art an den Tag legt. Währenddessen hatte es Wolfgang Avenarius tatsächlich geschafft, mit seinem knallroten Ferrari direkt vor’s Museum zu fahren, Madonna hin, Security her.

Zur Einstimmung hören wir den legendären Zusammenschnitt aus den Radio-Reportagen Joachim Böttchers anlässlich einer Auswechslung Schmitts, die Böttcher fast in die Psychatrie bringt. ... also, das kann nicht wahr sein, das gibt's doch nicht(e), das ... das verschlägt einem ja die Sprache, ja das ist doch der gefährlichste Stürmer, der Edgar Schmitt, is doch gar keene Frage, ich kann doch nicht meinen gefährlichsten Mann rausnehmen, das kann nicht wahr sein, also wer Edgar Schmitt aus dem Spiel nimmt, hat keine Ahnung von Fußball, oder ich hab keine, das kann auch sein... ist nur ein Auszug davon. Pia hatte sich vor Jahren mal die Mühe gemacht, und den Text niedergeschrieben, mit allen Sprechpausen und Details.

Matze führte uns anschließend durch die Geschichte der Eintracht, erinnerte an das verlorene Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1932 und an ein denkwürdiges Spiel in der Endrunde 1953, als die Eintracht im überfüllten Waldstadion den 1.FC Kaiserslautern an die Wand spielte – und durch ein unglückliches Tor mit 0:1 verlor – und damit die Endrunde in den Sand gesetzt hatte.

Sicherlich durfte auch das Endspiel 1959 nicht fehlen, die Erinnerung an die Begeisterung dann im Europapokal und so landeten wir beim vergeigten „Endspiel“ 1992. Edgar erinnerte daran, dass der etatmäßige Stürmer Jörn Andersen für alle überraschend kurz vor dem Spiel von Trainer Stepanovic auf die Tribüne geschickt wurde – für ihn rückte Kruse in die Anfangsformation und Schmitt in seinem ersten Eintrachtjahr in den Kader. Die Eintracht, die es in den Tagen zuvor versäumt hatte, gegen Europapokaltrunkene Bremer zu gewinnen, spielte um ihre letzte Chance, den Titel an den Main zu holen, und wir alle wissen, wie es ausging. Schon vor der Partie kamen Zweifel auf, Yeboah tigerte nachts um drei noch durchs Zimmer, Stein und Möller hatten sich nichts mehr zu sagen und zu aller Überraschung lief am Spieltag ein Spieler mit dem Namen Frank Möller auf, der den meisten heute gar nichts mehr sagt.

Die Rostocker Führung, Kruses Ausgleich, der nichtgegebene Elfmeter, Schmitts Pfostenschuss, das letzte Rostocker Tor. Tränen, Trauer, Trauma.

Edgar stellte noch einmal klar, dass die Eintracht zu jener Zeit einen Schöngeist im Spiel zeigte, der für diese Saison einmalig war und er erklärte, dass man schon kicken hat können müssen, um in dieser Mannschaft mitspielen zu dürfen – auch ein Uwe Bindewald konnte Fußball spielen bestätigte Schmitt. Von Matze auf eventuelle Verschwörungstheorien angesprochen (Immerhin war die Original-Schale am letzten Spieltag in Leverkusen, wo MVs VfB Stuttgart als klarer Außenseiter ins Titelrennen ging, während beim Spiel des Titelanwärters Nr 1 in Rostock nur eine Kopie vorhanden war) konnte Schmitt nicht umhin, einen Vergleich mit der Ermordung Kennedys zu ziehen, auch dort seien Verschwörungstheorien zur Legende geworden – und ich füge hinzu, dass der Tag in Dallas für viele Amerikaner their own private Rostock ist. Die Welt ist voll von traurigen Tagen.

Der damalige Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz ist ein guter Freund von Edgar Schmitt und hat bis heute unter seinem fatalen Nichtpfiff zu leiden, der ihn seine internationale Karriere kostete. Schmitt beteuerte noch einmal, wie leid es Alfons Berg noch heute tut, nicht gepfiffen zu haben – aber er habe das Foul von Böger an Ralf Weber einfach nicht gesehen. Auch hätten damals die Linienrichter noch nicht so in das Spiel eingegriffen, wie heutzutage – obwohl sich Schmitt gewünscht hätte, er hätte dies zur Not mit einem Purzelbaum ins Spielfeld getan.

Als die Eintrachtler vor einigen Jahren Geld sammelten, um eine Kopie der Meisterschale nach Frankfurt zu holen, kam es zu einer netten Anekdote, die in Matze und Öris Buch „Das Rostock-Trauma“ nachzulesen ist. Einige Fans haben sich nämlich vor Jahren aufgemacht, um Alfons Berg zu besuchen. Da sie ihn nicht antrafen, entführten sie kurzerhand einen Terracotta-Spatz aus dessen Vorgarten und boten die Rückgabe gegen eine Spende von fünfzig Mark zugunsten der Schale an. Leider hat Alfons Berg weder auf dieses Angebot, noch auf weitere Anfragen reagiert.

Schmitt spielte noch ein weiteres Jahr für die Eintracht und wurde dann im Grunde gegen seinen Willen nach Karlsruhe transferiert – ein Bierdeckelvertrag sollte dabei eine größere Rolle spielen. Tja, und so wurde aus dem Mann, der erst mit 28 Jahren den Sprung in die Bundesliga schaffte noch der Euro-Eddy, der in einem einzigen Spiel im Uefa-Cup gegen Valencia beim 7:0 Sieg der Karlsruher sage und schreibe vier Tore erzielte.

Wer weiß, was geschehen wäre, wäre der Ball damals nicht an den Pfosten geklatscht, sondern ins Tor gesaust. Hätten wir dann den Meister Eddy?

Schmitt jedenfalls, der die Bilder von jenem Spiel zum allerersten Mal nach 1992 sah, hat die Niederlage überwunden, und er führte neben der Unfähigkeit der Mannschaft, die selbst am vergeigten Titel die Schuld trug auch das Schicksal an, welches ihm zwar den Titel verwehrte, doch andere, grandiose Siege gönnte. Und sein Auftreten im Museum war aller Ehren wert, kompetent, sprachgewandt und freundlich kam und ging er – und seine Tochter trug zum Abschied stolz einen Eintracht-Schal um den Hals.

Wir plauderten und kickerten noch ein wenig und schwangen uns bald auf die Räder Richtung Stadtwald, wo am Waldparkplatz nächsten Freitag wieder Tausende Eintrachtler parken werden. Vielleicht sogar einer mehr, spielt die Eintracht doch dann gegen den KSC, die beiden großen Vereine Edgar Schmitts also gegeneinander.

Und wer weiß, vielleicht meldet sich Alfons Berg ja noch einmal. Und fragt nach seinem Vorgarten-Spatz.




Kommentare:

  1. Die Eintracht spielte dann doch nicht freitags gegen den KSC und ich habe die Niederlage aus dem Mai ´92 nie überwunden, schätze ich. Eine Narbe mehr, eine tiefe, aber nicht die tiefste in meinem Leben.

    Narben. Manchmal schmerzen sie auch noch nach langer Zeit, manchmal erinnern sie dich einfach nur daran, wie viel du einstecken kannst.

    Und darum geht es, sagt Sly in "Rocky Balboa". Einstecken und weitermachen.

    Das ist gar nicht so schwer, wenn man daran glaubt, dass das Beste noch kommt. Ich glaube daran.

    AntwortenLöschen
  2. so schnell ist's vergangenheit. madonna hat den rasen im stadion ruiniert - und das ksc-spiel fiel deshalb aus.

    mittlerweile haben wir auch bis zum siebten oktober kein spiel gewonnen, und erneut gegen (den zweitligisten) rostock verloren. zuhause im pokal. es narbt.

    nuja, weitermachen - haben wir eine andere wahl?

    danke kid!

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.