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Sonntag, 5. Dezember 2010

Arschgeigen


Die Frage, ob das Spiel gegen Mainz ein Derby ist oder nicht wird wohl ewig ungeklärt bleiben - schließlich gibt es keine höchstwissenschaftliche Definition dessen, was ein Derby ist. Letzlich ist das einzig wahre Derby bei der Eintracht das Spiel gegen den FSV Frankfurt - letztmals auf Pflichtebene 1962 ausgetragen, es war das Jahr als die Blau-Schwarzen letztmals in der höchsten deutschen Spielklasse spielten. Seither kam es auch nicht zu einem Pokaltreffen - heutzutage drücken viele Eintrachtler dem FSV die Daumen und freuen sich über den aktuellen Lauf des Bornheimer Stadtteilvereins. Ein undenkbares Szenario bspw zwischen dem HSV und St. Pauli.

Das andere Derby, welches diesen Begriff verdient, ist natürlich die sportliche Auseinandersetzung mit den Offenbacher Kickers , die 1984 final aus der Bundesliga abgestiegen sind. Immerhin gab es in den letzten Jahren noch ein paar Pokalspiele, welche die Eintracht allesamt gewinnen konnte. An solchen Spielen ist der Bedarf allerdings fürs Erste gedeckt, solange die Kickers klassentiefer kicken: die Eintracht muss gewinnen - und kann dabei nur verlieren.

Nun also wird vor allem medial das Spiel gegen Mainz zum Derby hochgejazzt - ein Spiel, welches auf Pflichtspielebene erstmals 1986 ausgetragen wurde. Natürlich war es ein Pokalspiel, das die Eintracht in Mainz mühsam mit 1:0 gewann. Bis 1963 konnten beide Teams in der Liga nicht aufeinander treffen, Mainz kickte im Südwesten, die Eintracht in der Oberliga Süd. Erstmals spielten beide Teams in der Saison 1996/97 gegen einander - bis heute gab es 16 Pflichtspiele gegeneinander. 5 Siege der Eintracht stehen 10 Unentschieden und ein einziger Mainzer Erfolg gegenüber.

Irre Tradition.

Natürlich verwenden vorwiegend die Medien den Begriff Derby inflationär, klar: reisserische Begrifflichkeiten bringen Quote, mir ist's egal. Mainz also.

Nachdem im Laufe der Woche die Fifa eine WM nach Katar vergeben hat, eine Entscheidung, die mit Bestechlichkeit und Einzelinteressen oder gar Geld nichts zu tun hat, schließlich ist Katar ein Land mit fußballhistorischer Tradition - genau wie Gelsenkirchen schon seit Jahrhunderten eine Biathlonhochburg ist - stand nun die Partie gegen Mainz auf dem Spielplan, der keineswegs zu verwechseln ist mit dem Matchplan.

Ich nehms vorweg: Mit 2:1 gewinnt die Eintracht gegen Mainz 05 - fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem 2:0 der letzten Saison, als abends im Sportstudio der damalige noch-nicht-Weltmeister Sebastian Vettel dem Mainzer Trainer Thomas Tuchel ein Präsent überreicht hatte, was dieser gar nicht lustig fand. Heute steht dieser Becher im Eintracht Museum - was ich wiederum sehr lustig finde.

Tuchel also. Das ist der Trainer, der unter der Woche von sage und schreibe sechs! Rundschau-Journalisten interviewt wurde. Und natürlich hat keiner den Google-Test gemacht. Gebt ein: Skibbe jammert. Schlappe 6.970 Einträge werden angezeigt. Und nun geben wir einmal Tuchel jammert ein. Aha: 26.000 Einträge, knapp das vierfache - und wenn wir dabei noch berücksichtigen, wie lange Skibbe im Geschäft ist und wie lange Tuchel - dann wissen wir Bescheid.

Wenn die Mainzer gewinnen, dann ist dies Konzept, Fußball mit Matchplan ergo Gottes Wille, umgesetzt durch dessen verlängerten Arm, Trainer Tuchel und die Boygroup. Wenn die Mainzer verlieren, dann liegt dies: Am Schiedsrichter. Und zwar immer. Weil sie selbst ja so lieb sind. Und zwar immer!

Arschgeigen sind sie. Oder habt ihr den Trainer Tuchel wild gestikulierend bei der vierten Schiedsrichterin gesehen, als der Mainzer Spieler Zabavnik Gekas den Ellenbogen ins Gesicht schlug? Oder als jener Zabavnik (der eigentlich gar nicht mehr auf dem Platz stehen durfte) wenig später Schwegler rüde umgesenzt hatte? Hat Tuchel sich da zu Gunsten der Gerechtigkeit beschwert, dass ein ja bereits (nur!) verwarnter Spieler nach solch einer Attacke unmöglich hätte weiter auf dem Platz sein können. Hat er sich beschwert, dass die Eintracht zwingend mindest eine Stunde in Überzahl hätte agieren müssen? Natürlich nicht.

Als Schürrle nach dem von Altintop höchstdämlich verursachten Elfmeter zur Eintrachtkurve flitzte, um zu jubeln, hat sich da Trainer Tuchel echauffiert ob der provokanten Unsportlichkeit? Die Tritte gegen Eintrachtler, die keine gelben Karten nach sich zogen - hörten wir Klagen?

Nein, natürlich nicht. Hörten wir nach dem Sieg anerkennende Worte für den Sieger, die Eintracht, die fast während des gesamten Spieles die bessere Mannschaft war und letztlich zwar knapp aber völlig verdient gewonnen hatte? Nein; wir hörten seitens des Mainzer Übungsleiters nur unlustiges Gegreine und ewig wiederkehrende Klagen sowie Schiedsrichterattacken wegen eines Elfmeters, der vielleicht strittig, aber keinesfalls völlig daneben war. Kirchhoff nimmt den Ball mit der Schulter nahe des Oberarms mit - es war sicher kein glasklarer Elfmeter - aber eine drastische Fehlentscheidung war es auch nicht.

Man kann sich mal beklagen, man kann schimpfen und man kann sich ungerecht behandelt fühlen. Was die Sache aber im Falle Mainz so geschmäcklerisch macht, ist der Zusammenhang mit dem selbst gewählten Image, dem sympathischen Underdog, der so humorvoll ist. Und wie so häufig verschleiert das Image das reale Gegenteil - Selbstgerecht, arrogant, humorlos - so sind sie die Mainzer im Ernstfall, dazu passt der Karneval, der auf Befehl lustig ist - industriell produzierter Frohsinn. Dazu passt der provokante Jubel vor der Gästekurve - um später die vermeintliche Aggressivität des Gegners zu beklagen. Tatsächlich kam nach dem Spiel beim Abgang vor der Haupttribüne eine Mainzer Stimme aus dem Nichts, die ungefragt sprach: Der Elfmeter war gar keiner, haben sie im Fernsehen gesagt. Ich drehte mich um: Na hoffentlich. Das wäre ja noch geiler, durch einen miesen geschenkten Elfer die Jammerlappen versenkt. Die Stimme glotzte doof. Warum seid ihr Frankfurt immer so aggressiv? meinte sie. Weil ihr doof seid und wenn Schürrle noch einmal vor der falschen Kurve jubelt, muss er aufpassen, dass er sich keine fängt. Und da ließ der Mainzer ganz schnell die Maske des guten Menschen fallen: Das hat er doch genau richtig gemacht.

Und das ist genau der Punkt, weshalb mir das Mainzer Pack dermaßen auf die Eier geht. Wenn's nichts kostet, den Gandhi raushängen lassen, sobald es aber Ernst wird, ist Schluss mit Großmut und Matchplan. Dann sind sie miese kleine Verlierer, die den Schuldigen stets außerhalb ihrer selbst ausmachen, keine guten Worte für den Sieger parat haben; was nicht in den Kram passt, dezent unter den Tisch fallen lassen und zudem schön nachtreten.

Und so bin ich doch recht dankbar, dass die Eintracht auch dieses Spiel wieder gewonnen hat. Dass Benny Köhler ein Riesenspiel gemacht, Russ ein dolles Tor erzielt und Gekas beim Elfer die Nerven behalten hat. Mehr zum Fußball gibt's traditionell beim Kid.

Nachtrag: Und eben zeigen die Bilder im TV noch, dass man in der ersten Hälfte nach Handspiel von Zabavnik durchaus auch einen Handelfmeter für die Eintracht hätte pfeifen können. Mainz 05 - ein rotes Tuchel.