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Donnerstag, 23. September 2010

Heimspiel in Leverkusen feat. Alle Farben sind schön


Spätherbst, die Sonne lacht und vor dem Eiscafé in der Martin Luther Straße sitzen die Menschen im Licht; bald wird hier die Winterleere herrschen und das ist schon der erste Hinweis auf unsere Eintracht. Der silberne Golf parkt ein paar Meter weiter oben; er hat heute frei. Leider auch Pia, die heute unabkömmlich ist - und so radele ich mutterseelenalleine in Richtung Bahnhof Südseite. Gegen halb vier soll die Reise mit den Geiselgangstern in Richtung Leverkusen losgehen; mein Handy zeigt kurz nach halb drei. Ich rolle durch die untere Günthersburgallee, vorbei am Friedberger Platz durch die Scheffelstraße in Richtung Anlagenring und gehe gedanklich den Tag durch; was habe ich, was brauche ich? Handy? Ist da. Foto? Ist da? Geld? Ist da? Eintrittskarte? Ist da. Scheiße, ist doch nicht da. Also gehts wieder zurück, vorbei am Eiscafé, wo sich in den letzten Minuten nicht viel geändert hat. Ein Griff auf die Kommode - und da liegen sie, die Tickets - also auf ein Neues - vorbei am Eiscafé usw.

Im Anlagenring lassen sich Frühfeierabendler die Sonne auf den Pelz scheinen; durch die Blätter der Bäume ragen die Türme der Banken in den blauen Himmel; die Phallussymbole einer Wirtschaft, die sich Mitarbeiterboni aus dem Staatssäckel bezahlen lässt und deren Geschäfte stets im Verborgenen gedeihen, versteckt hinter Spiegelglas im Herzen von Europa. Im Bahnhofsviertel Gewimmel und Gewusel.

Im Flur von Pias Firma stelle ich mein Rad unter, verabschiede mich von ihr und wandere in Richtung Unterführung zum Bahnhof. Am Irish-Pub weht neben einer Eintrachtfahne auch eine von Bayern und Gladbach; ich überlege kurz, diese anzuzünden, lasse es bleiben - doch: was ist denn dies für ein Empfang für ankommende Zugreisende? Wie auch immer, für die Gastronomie sind Fußballfans Kunden, Geld kennt keine Vereinsfarben. Immerhin werden hier zahlende Gäste wie zahlende Gäste behandelt; das ist nicht überall selbstverständlich.

An der Südseite warteten schon etliche Eintrachtfans; auch Marc ist schon da - und das ist gut, denn er nimmt Pias überzählige Karte; als wir diese gekauft hatten, war das Spiel noch nicht terminiert. Wenig später tuckert der Bus der Frankfurter Jungs an; Marc und Oli steigen ein, während der Geiselgangsterbus noch zu uns unterwegs ist. Ich quatsche mit André und Sandy, die Zeit vergeht, der Bus kommt und dann gehts los. Am Fenster hängt die Eintrachtfahne, an der Tür - weshalb auch immer - eine Palästinaflagge und zwischendrin hat Holger eine Anlagenkonstruktion aufgebaut, welche die Grundlage für die Sounds der nächsten Stunde werden wird, kleine Boxen hängen mit Kabelbindern am Gestänge. Geiselgangster. Bembelbar. Bembelgangster. In Medenbach steigt Tom dazu, in Montabaur Hans, die Fahrt verläuft zunächst reibungslos; ich quatsche mit Stefan und Hans über dies und jenes, ab und and ploppt ein Schöppchen auf und wir sind gut in der Zeit.

Bis kurz vor Köln; dann steht alles . Aus den Boxen erklingt zur großen Freude vieler ein Lied über das Fälschen von Banknoten; neben den Songs von Adam und die Mickys und Eintrachtlieder der große Hit der Hinreise, später wummern Motörhead Overkill.

Es sind harte Zeiten für Auswärtsfans, vor allem für die Raucher unter ihnen - doch immerhin dürfte der Geiselgangsterbus eine letzte Bastion sein - der Preis ist ein Linienbus ohne Toilette. Doch wo ein Stau, da ist ein Weg - exakt bei Kilometer 140.7 auf der A3 öffnet sich die Tür und wie Perlen auf der Kette stehen die Buben an der Leitplanke; gewesenes Bier verlässt die geschundenen Körper. Die Zeit verrinnt ebenso, es wird sieben, halb acht und wir bewegen uns immer noch im Schneckentempo in Richtung Leverkusen - in gut 30 Minuten ist Anpfiff. Ein Lieferwagen fährt an uns vorbei, der Adressaufkleber kündet von seiner Heimat: Am Krausen Bäumchen 115 in Essen. Putzig.

Plötzlich macht die Meldung die Runde, dass sich weibliche Frankfurter Besucher des Fußballspiels beim Einlass in einem Zelt am Eingang entblößen müssen - es sollen Hinweise vorliegen, dass Pyro von Frauen eingeschmuggelt werden soll. Wie das mit Hinweisen so ist, wissen wir spätestens seit dem Aufstiegsspiel gegen Burghausen vor Jahren, als die Polizei mit der abstrusen Begründung "im Internet hätte gestanden, dass nach Spielende der Rasen gestürmt werden soll" den Frankfurter Block stürmte. Was damals noch Fingerübungen für die kommende WM waren, ist nun in der aktuellen Wirklichkeit fest verankert.

Wenige Minuten vor acht erreichen wir den Busparkplatz; Polizisten lungern herum, während ich einen Platz für mich ganz alleine suche, das Bier will raus. Einer der Cops quatscht uns an, dass wir noch etwas warten sollen, sie würden uns begleiten. Da ich darauf dankend verzichte, marschiere ich erst ins Gebüsch, hole mir anschließend eine Wurst und wandere unbehelligt Richtung Stadion. Vor dem Gästeeingang zeichnen sich Menschentrauben ab; denke ich zunächst noch, dass dies an den zu spät eintreffenden Bussen liegt, so bringen einige Gespräche schnell Klarheit: Am Rande des Eingangs steht tatsächlich ein rotes Zelt; Frauen und wohl auch Kinder sollen sich peinlichst genau untersuchen lassen; der Fußballfan unter Generalverdacht, die Würde des Menschen ist antastbar - von Ordner(Innen) mit Gummihandschuhen im Schutze der Staatsmacht, die in vermummten und behelmten Gruppen gerne bereit ist, ihr antrainiertes Feindbild zu pflegen. Eingang weiblich zeigt ein Schild und kündigt die Schikane an.

Aus dem Stadion schallt es: Fußballfans sind keine Verbrecher; draußen stehen die, die sich mit den Frauen solidarisiert haben. Viele Ultras, aber auch Fans jeglicher Couleur; empört, verärgert. Da soll die Eintracht mal was machen. wird geschimpft. Mit Recht. Ich gehe kurz rein (normales Abtasten), schaue mir das Szenario näher an, telefoniere mit Pia, gebe Bescheid. Klar ist, dass sie sich nicht diesem unwürdigem Schauspiel unterwerfen würde; ich gehe wieder raus, hake das Spiel gedanklich ab.

Währenddessen verhandelt die Fanbetreuung mit Verantwortlichen, aus dem Stadion erklingt ein Torschrei, kurz danach ein weiterer. 1:1 Gekas. Soll mir recht sein. Kurz danach kommt die Meldung, dass die Kontrollen nach Intervention seitens unserer Fanbetreuung auf ein normales Maß runtergeschraubt werden sollen. Wir entscheiden, das Stadion zu betreten; immerhin können bereits entwertete Karten wieder benutzt werden. Diesmal habe ich ein besonders arrogantes und konsequentes Ordnerexemplar erwischt; ich darf die Schuhe ausziehen, beschwere mich - was der unterdrückte und geknechtete Halbunformierte dazu nutzt, rein schikanös das ganze Programm durchzuziehen; Tabakpäckchen raus, aufmachen, Foto raus, Geldbeutel raus; Wixgriffel am Arsch. Dauert ewig, aber es sind ja auch nur knapp vierzig Minuten gespielt. Hoffentlich entdeckt er meine Panzerfaust nicht. Dann kurzes Sammeln vor dem Blockaufgang; Hurra hurra die Frankfurter sind da. Oben im Block treffe ich Marc, erzähle ihm die Vorkommnisse und konzentriere mich auf das Spiel; Chris für Meier ansonsten wie gehabt. Halbzeit.

Die zweite Hälfte bringt ein hin- und herwogendes Spiel; Leverkusen in Ansätzen flotter; Rolfes absolviert sein erstes Spiel nach längerer Verletzungspause, die Eintracht hält dagegen. Mal liegt Franz im Strafraum, mal liegt ein Verdacht auf Leverkusener Hand vor, mal wirft sich Nikolov dazwischen, mal holt Köhler ein Freistoß heraus. Nicht zwingend, nicht überragend - ordentlich allemal, doch wird es reichen?

Nein, es wird nicht reichen. Wenige Sekunden vor Schluss hat Ochs den Ball im Mittelfeld - doch anstatt ihn nach vorne zu schlagen, verliert er die Kugel; Bayer rückt auf, ist im Strafraum - und irgendwas ist passiert. Hoffe ich noch auf Abschlag oder Freistoß für die Eintracht, so werde ich Sekunden später eines Besseren belehrt: Elfmeter für Leverkusen und gelb-rot für Ochs, der wütend vom Platz marschiert, die Binde fliegt auf den Boden (Zuvor war Caio für Chris gekommen, der anders als ich von Beginn an dabei war). Und es kam, wie es kommen musste, Vidal versenkt den Elfer in der 90., und die Eintracht hat wieder einmal ein Spiel in den letzten Minuten verloren - und dass, obgleich ich vorher sicher war, dass die SGE gewinnt. Es ist zum kotzen.

Enttäuscht und zornig verlasse ich das Stadion, der Weg zum Bus scheint etwas länger, da die Herren mit Helm den kürzeren versperren - und erfahre unterwegs, dass die Behelmten wohl vor dem Spiel auch ein Mädchen zu Boden geschubst und getreten haben; Pfefferspray gabs allem Anschein nach noch dazu.

Bedröppelt hänge ich im Bus, bald rocken die ersten Lieder, andere singen dass sie heiß wie ein Vulkan seien - mir ist noch nicht nach feiern. Gabi meint, Fußball ist nicht alles, es gibt so viel wichtigere Dinge im Leben - Recht hat sie, doch im Moment beschäftigen mich neben dem Spiel die Gedanken über das Szenario Fußball; Gedanken über die Dreistigkeit seitens der Staatsmacht und Sicherheitsverantwortlichen je nach Gusto zahlenden Gästen a priori alles erdenklich Böse zu unterstellen und wie Kriminelle zu behandeln. Sicher, es sind nur Stehplätze, unser Bier bringen wir selbst mit und laut sind wir auch manchmal. Ein Unding in der gelackten Fußballwelt, die sich zahlungskräftige Kunden wünscht, die jeden Scheiß mitmachen und ihren Unmut über dürftige Leistungen und ähnliches maximal in der großen weiten Welt des Internets kund tun sollen; da stört es niemanden, da darf er sich wichtig nehmen, der Kunde, und der Rubel rollt und wer schikaniert wird, ist irgendwie selbst dran schuld.

Nach einem weiteren Schoppen verlaufen sich die Gedanken; REM singen it's the end of the world as we know it - and I feel fine. Später heißt der Meister Eintracht aus Frankfurt am Main, noch später stehen wir an einer Raste an der A66, säubern den Bus, während einer sich noch völlig sinnfrei mit einem schlafenden Autofahrer anlegen will, aber von einem Kumpel zurück gehalten wird.

Die Nutten stehen sich an der Messe die Füße platt, als wir nachts um halb zwei in Frankfurt einrollen; ich packe meinen Krempel zusammen, schwinge mich verabschiedend aus dem Bus, während irgendwo einer am Boden liegt; Zivilpolizei dabei. Ein paar rennen dazu - ich entschwinde ins Dunkel der Nacht. Einer hebt eine Kippe nach der anderen vom Boden auf, aus dem U60311 wummern Technobeats und ich radel nach Hause. Pia wird kurz wach und wie war's? fragt sie. Beschissen sage ich. Bis auf die Fahrt.



Details zum Spiel findet ihr wie immer bei Kid; Stellungnahmen zur Kontrolle hier und auch hier.

Sonntag, 30. November 2008

Heimspiel in Bremen - 29.11.2008


Bremen ist weit, da heißt es früh aufstehen, wenn du dort hin willst. Erst am Abend zuvor hatte ich mich im Bus der Geiselgangster eingecheckt, denn auf knappe 1000 km hin und zurück in Pias Golf hatte ich keine Lust, - zumal Pia selbst im Museum arbeiten musste. Da ich die ganze Woche mehr oder wenig vor mich hingekränkelt hatte, konnte ich mich dann erst spät am Abend dazu durchringen, mich doch noch im Bus anzumelden.

Da dankenswerter Weise ein Plätzlein für mich frei war, bimmelte mein Wecker um Sechse in der Früh und ich schälte mich aus den Federn, schlürfte einen Kaffee und wickelte mich in meine Klamotten. Pia packte mir ein Carepaket und alsbald dackelte ich mutterseelenalleine in den dunklen Tag zur Bahnhaltestelle. Keine zehn Minuten später kam die Tram angerasselt und holperte durch die City Richtung Bahnhof.

An der Südseite fand ich zunächst keine Geiselgangster, ein Schrecken durchzuckte mich: Die sind doch nicht etwa schon weg? Nein, waren sie nicht. Auf der gegenüberligenden Seite wartete ein unscheinbarer Bus, ganz in weiß und ein Blick hinein genügte mir: Der erste Teil meines Ausfluges hatte ein glückliches Ende gefunden, der Tag konnte beginnen.

Fußballausflüge mit einem Fanbus sind immer Wundertüten, du weißt nie genau, was drinne ist. Wenn alles schief läuft, sitzt du inmitten eines in der großen Pause neugegründeten Fanclubs, dessen Mitglieder schon nach einer halben Stunde rotzevoll durch den Bus kegeln, sinnfreie Laute von sich geben und Musikwünsche äußern, welche zwar die Stimmung in Großraumdiskotheken in beliebten Urlaubszielen rapide ansteigen lassen - dir selbst aber eine Waffe in die Hand wünschen lassen. Nicht dass dies bei den Geiselgangstern zwingend zu erwarten wäre, im Gegenteil. Aber wenn du eine Bustour planst und mal ein Großteil deiner Stammgäste nicht mitfährst, dann bist du froh, wenn der Bus voll wird, manchmal weiß man halt erst später, mit wem. Heute, ich kann's vorweg nehmen, lief alles entspannt und lässig, zumindest was die Bustour angeht.

Thor war unter anderen mit an Bord, auch Steffen, ein großer Playforyourclub-Fan und im Eintracht-Forum vielen als BlackDeath2k5 bekannt und etliche Gesichter derer, die immer mit den Geiselgangstern fahren, die Geiselgangster-Crew, ein lustiger, wilder Haufen mit Sinn für Humor.

Wir tuckerten mit dem schneeweißen Bus zunächst nach Bad Homburg, luden Getränke ein und einige verschlafene Gesichter dazu und rollten zurück auf die Autobahn, das Frankfurter Grau wandelte sich nach einigen Kilometern in eine Winterlandschaft und ich blickte an meinen Beinen hinunter: Turnschuhe, na super.

Draußen zog eben jene Winterlandschaft vorbei, drinnen verkaufte Busi Schöppchen für kleines Geld, während ich zunächst an einem warmen Tee nippte und: rauchte. Jawoll, wenn du mit den Geiselgangstern fährst, hocken nicht nur lustige Vögel in deiner Nähe, sondern du darfst auch ungeniert ein Kippchen anstecken, ohne dass dir einer dieser Gesundheitsapostel, die selbstverständlich für den Flughafenausbau sind, eine Moralpredigt hält - weil du just im Moment dessen Gesundheit irreparabel und auf ewiglich schädigst.

An der Raste Kirchheim hielten wir für eine Weile, um noch einigen Mitreisenden die Möglichkeit zu geben, erst hier zu zusteigen. Die Landschaft war ähnlich wie der Bus schneeweiß und so entsponn sich eine ausgelassene Schneeballschlacht, bis es zurück auf den Highway ging und wir Kilometer um Kilometer abspulten. Schuld daran war nur der Bossanova, so erklang es aus den Lautsprechern, ebenso wie Babicka oder T.N.T. Oi.oi.oi.

Goyschak, ebenfalls ein eifriger Playforyourclub-Zocker war nun mit Kumpel und Frau im Bus, wir schwatzten und passierten Göttingen, Steffens Heimat der uns kundig darüber aufklärte, weshalb es hier so richtig Klasse ist; immerhin studierten oder lehrten hier so Schwergewichte wie Max Planck, Otto Hahn oder Peter Kloeppel. Der hießige Fußballclub war mehrfacher Europapokalsieger und es gäbe keine Stadt, die mehr Nobelpreisträger hervor gebracht hat. Ich kniete vor Ehrfurcht nieder - und erinnerte mich tatsächlich an ein 1:3 der Eintracht. Allerdings in Gütersloh, was nun mit dem heutigen Tag überhaupt nichts zu tun hat.

Der Blick in die Rundschau verhieß nichts Gutes. Eintracht-Trainer Friedhlem Funkel gab kund, dass die Truppe relativ entspannt gen Norden führe, und keine sonderlich hohen Erwartungen habe. Klar, dass geht mir ähnlich; wir machen einen entspannten Tagesausflug, der nicht ganz billig ist, frieren uns die Füße ab, schreien uns meistens im Stadion die Lunge aus dem Hals lassen uns von Ordnern und Polizei schikanieren - und haben keine großen Erwartungen; meistens sagen wir: Och, wenn wir keine zehn Stück bekommen, sind wir ganz zufrieden. Ist ja nur ein Spiel. So ganz entspannt.

Dass uns heute noch ein ganz anderes Stück Entspannung widerfahren sollte, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht; erste Alarmglocken schrillten jedoch als durchsickerte, dass in Bremen fünf Busbesatzungen (ca 250 Leute) von der Staatsmacht festgesetzt wurden und angeblich das Spiel nicht sehen dürfen.

Nun gibt es bei solchen Meldungen immer zwei Standards. Die einen sagen: Wir haben doch gar nichts gemacht, die anderen: na, irgendwas wird schon gewesen sein, umsonst werden ja nicht 250 Leute eingebuchtet.

Beides touchiert die Wahrheit nur am Rande. Generell macht man immer irgendwas. Selbst wenn man schläft. Dann schläft man nämlich. Und generell habe ich bei all den Jahren, in denen ich Fußballspiele, sehe eines noch nicht erlebt: Dass 250 Leute dermaßen strafrechtlich relevantes verbrochen haben, was die Gewahrsamnahme von 250 Leuten rechtfertigt. Außer vielleicht bei denjenigen, die eigentlich die sind, die traditionell verhaften. Aber ich will nicht vorgreifen, schließlich wusste ich ja bislang nicht, was wirklich vorgefallen war - Gutes jedoch stand nicht bevor, soviel ließ sich ahnen.

Zügig hatten wir Deutschland durchfahren und rollten nun an Industriegebielten und Wohnhäusern vorbei in Richtung Busparkplatz, es ging auf 13:00 Uhr zu und in Bremen war es grau und schneelos, es nieselte und war gar ungemütlich. Auf dem weitflächigen Busparkplatz war seitens der Polizei ein durch ein Gitter verschlossenes Eckchen für die Gästebusse vorgesehen, wir parkten neben dem EFC Sossenheim und wollten uns in kleinen Grüppchen Richtung Stadion aufmachen, dessen Flutlichtmasten in geringer Nähe in den Himmel ragten. Allerdings konnten wir den Parkplatz nur nur durch eine schmale Öffnung verlassen, die von einigen schwer gepolsterten Schildkröten gesichert war.

Nun, um genau zu sein, durften wir den abgetrennten Bereich zunächst überhaupt nicht verlassen. Die Cops standen in Reih und Glied vor uns - und hinderten schlicht und ergreifend uns daran, ins Stadion zu gehen. Vor allem ergreifend.

Da ich die Einschränkung der Bewegungsfreiheit nur in ganz außergewöhnlichen Fällen befürworte, wollte ich mich dieser Situation gar nicht zufrieden geben und fotografierte zur Erinnerung an den Ausflug ein Trüppchen Eintrachtfans vor der grünen Wand. Prompt löste sich eines dieser grünen Männchen, marschierte schwer bewaffnet auf mich zu und forderte mich auf, das Bild zu löschen. Ja klar, und dann koch ich dir noch'n Süppchen. Ich löschte gar nichts und durfte daraufhin ganz alleine mit vor zur Polizeikette, denn das grüne Männchen hatte Gefallen an mir gefunden und wollte wissen, wo ich wohne. Ein Etwas in mir wollte ihm das Nasenbein brechen, ein anderes Etwas zückte seinen Personalausweis, dessen Daten mein neuer Freund mit zittrigen Fingern notierte. Das dauerte ein Weilchen, denn erstens tropfte dessen Nase und zweitens tat er sich schwer, die Daten zu notieren, vielleicht vollbrachte er diese Tätigkeit zum ersten Mal in seinem traurigem Leben, wer weiß das schon. Er erzählte mir, dass er genau wie ich ein Recht am eigenen Bild hätte und er mir untersagen würde, dass Bild zu veröffentlichen. Das merkte ich mir ganz genau, schließlich wirst du ja sonst in- und außerhalb des Stadions auf Schritt und Tritt gefilmt und da bin ich immer dankbar für gute Argumente, weil ich das ja auch nicht will.

Im Moment lasse ich noch rechtlich prüfen, welche Konsequenzen mir durch die Veröffentlichung eines Reisebildes im Zuge der Berichterstattung über eine Auswärtsfahrt drohen könnten, mir scheint die Vorgehensweise doch recht undemokratisch, quasi diktatorisch. Deshalb erscheint hier erst einmal ein Platzhalter. Die Bildunterschrift kann ich ja schon einmal nieder schreiben:


Hooligans - jederzeit zur sinnfreien Gewalt bereit - verbreiten Angst und Schrecken.
Links daneben: Eintrachtfans.


Nach einem Weilchen, ein weiterer Bus war inzwischen angekommen, führten uns die Schildkröten in Richtung Stadion. Also nicht wirklich. Sie liefen neben uns her und wer wollte, verdrückte sich einfach an die Seite und hatte nun freie Bewegung - inmitten Tausender von Werder Fans, die eigentlich ganz friedlich waren, genau wie wir. Absurd das ganze, wenn es nicht ein drastischer Einschnitt in die Bewegungsfreiheit mündiger Bürger wäre, die sich nichts zu Schulde haben kommen lassen, außer gemeinsam ein Fußballspiel im Stadion gucken zu wollen. Und die dabei ganz schnell und unverhofft ein mehrjähriges Verbot riskieren, Fußballspiele anzusehen. Stadionverbot.

Ich traf einen minderjährigen Eintrachtler, der der mittäglichen Massenverhaftung auf Grund seines Alters entkommen ist und er erzählte in kurzen Worten, was vorgefallen war; wie geahnt nichts dramatisches und schon gar nichts, was die Einbuchtung von 250 Menschen rechtfertigt. Sicher war nun, dass die Leute definitiv nicht ins Stadion kommen werden, darunter der Vorsänger der Kurve und auch der Leiter des Frankfurter Fanprojekts; die Stimmung sank entsprechend der Außentemepraturen - zumal ein Großteil der 250 Verhafteten üblicherweise die Grundlage für einen stimmgewaltigen Auswärtssupport bildeten.

So war schon vor dem Spiel klar: großartige Unterstützung für die Eintracht wird es nicht geben. Wie so häufig traf ich irgendwo in Deutschland auf RedZone, der heute mit den Sossenheimern unterwegs war - und der nach der letzten Partie in Bremen von einem durchgeknallten Polizeihund gebissen wurde, irgendwie kein gutes Pflaster für uns.


Positiv zu erwähnen sind sicherlich die Fischbrötchen vor dem Weserstadion und die Feststellung, dass es dann doch noch eine ganze Menge Eintrachtler ans Stadion geschafft hatten. Wir standen draußen im Regen, tranken Bier oder Glühwein und beschwatzten die Szenerie - entspannt geht anders.
Aber das war ja laut Trainer Funkel unser Team, welches heute eine gute Möglichkeit hatte, durch einen Sieg zu den schwächelnden Bremern aufzuschließen. Die Bremer, die sich unter der Woche in der Championsleague ein mühsames 2:2 beim zypriotischen Spitzenclub Anorthosis Famagusta erkämpft hatten - und sich dadurch von den ganz großen Fleischtöpfen verabschieden durften.

Nach den üblichen Kontrollen kämpfte ich mich in den Block und marschierte ganz nach oben, wo ich auf die Herren Kasteleiner und Gerlach traf und schnurstracks darüber informiert wurde, dass unsere U23 in Nürnberg bei der zweiten Mannschaft vom Club mit 2:0 führte - und später mit 2:1 gewinnen sollte, immerhin.

Rechts neben uns wurde eine Bremer Blockfahne über die Sitzplätze gezwirbelt, ich weiß jedoch nicht, genau für was sie warben, da ich das Teil nur von der Seite aus sehen konnte und wenn mich nicht alles täuschte, summte aus den Lautsprechern der Adler auf der Brust, vielleicht war es auch nur das gleiche Liedchen mit einem Bremer Text, soll ja insgesamt recht populär sein.
Bei uns im Block war naturgemäß weitgehend Stille. Bis auf Fußballfans sind keine Verbrecher sollte auch während des gesamten Spieles nicht viel mehr kommen, die Hälfte von uns saß im Bau und dem Rest war so ziemlich alles vergangen, was auch daran gelegen haben könnte, dass sich die Eintracht ganz entspannt mit 0:5 abschlachten ließ. So ohne große Erwartung. Unsere schlichen kopflos über den Platz, ein Wechsel kam für den Trainer nicht in Frage und Diego fiel dauernd hin.

Diejenigen, die sich dann das Elend auf dem Platz nicht mehr angucken - und draußen ein Bierchen trinken wollten, wurden mit Tränengas und Knüppel in den Block zurückgeprügelt, was ich drinnen nur am Rande mitbekam, da ich ganz oben stand und so gar nicht glauben konnte, was da für ein Film im Moment lief.

Die Bremer Zuschauer waren eigentlich auch recht ruhig, sieht man einmal von ein paar Fahnenschwenkern aus unserer Sicht links hinter deren Tor ab - beim Stande von 5:0 schwappte dann ein paar Mal die LaOla durchs Rund, Ausdruck norddeutscher Raserei - insgesamt fühlte sich das ganze an, wie ein 0:0 zwischen dem FSV Frankfurt gegen Ahlen vor 3.500 Zuschauern im der heimischen Arena - und nur du selbst fühlst dich wie ein drei Wochen altes Fischbrötchen in der Tiefkühltruhe. So ganz entspannt.

Der Vollständigkeit halber:

11. Minute - 1:0 Pizarro

20. Minute -
2:0 Pizarro

44. Minute - 3:0 Diego (FE)

62. Minute - 4:0 Pizarro

75. Minute - 5:0 Hunt

Nach Abpfiff war klar, dass wir so schnell nicht aus dem Stadion kommen würden, die Bremer Polizei machte keine Gefangenen (machte sie aber doch) - und wir, hooliganistische Vorhut, gewalttätige Kämpfer und Vietnam erprobte Infighter mussten mit dem 0:5 im Bauch noch eine Ewigkeit warten, bis wir das Stadion verlassen durften. Der ein oder andere fing sich noch eine von den Cops ein; ich selbst bin irgendwie durch die Maschen geschlüpft, habe inmitten von Bremern noch eine Bratwurst gekauft und gelangte völlig unbehelligt zum Bus. Andere wurden von berittener Polizei im Korridor eskortiert - und auch dort hatte sich nicht jeder der Ordnungsmacht im Griff. Ich meine, wenn wir im Stadion schon behandelt wurden wie Schwerverbrecher, wer saß denn dann während des Spieles im Knast? Frankfurter Massenmörder, 250 an der Zahl?

Ich war einer der ersten, die im Bus eintrafen, gegängelt, verfroren und mit einem ganz entspannten 0:5 im Gepäck. Nach und nach trudelten die restlichen Helden ein und nach einigem hin und her ging es am hell erleuchtetem Schild Erotik-Markt vorbei in Richtung Autobahn. Radio Bremen verkündete, dass 250 Frankfurter Hooligans vor dem Spiel festgenommen worden seien - na, sie müssen es ja wissen. Oder lag ihnen gar eine Polizeimeldung vor, die sie unüberprüft übernommen haben, so ganz objektiv und ausgewogen?

Dunkel ist's geworden und aus den Boxen wummerte ein lustiges Liedchen mit dem Titel Ich werd' mich ändern von der nicht mehr existierenden Kapelle 4Promille und so einiges mehr. Niedersachsen rauschte an uns vorbei, wir stoppten noch eins, zwei Mal an einer Raststätte und die letzten 200 km begleitete uns eine CD von den Stage Bottles, unter anderem mit einem Angelic Upstarts Cover, dem fabelhaften Solidarity.

Wir glitten durch die Nacht: Göttingen, Kassel, Bad Homburg. Dort wanderte ein Großteil aus dem Bus, der Rest tuckerte nach Frankfurt, wo ziemlich genau um 1:00 Uhr Endstation war. Wir verabschiedeten uns, ich funkte Pia an, die mich abholen wollte und Steffen fragte sich, weshalb man sich so etwas eigentlich antut. 1000 Kilometer Deutschland, Polizeiknüppel, 0:5 und um die Null Grad. Keine Ahnung, ich werde mal unseren Trainer fragen, so ganz entspannt. Bremens Einsatzleiter wird's nicht interessieren. Er scheint im Moment noch der Ansicht zu sein, alles richtig gemacht zu haben.

Pia hatte sowohl den Bericht in der Sportschau als auch den des aktuellen Sportstudios aufgenommen. Sprach die Sportschau noch von präventiven Verhaftungen, so setzte der Bericht des Mainzer Senders ZDF dem Tag noch die Krone auf, von aggressiven und gewaltbereiten Frankfurtern war dort die Rede; keine Wort von Massenverhaftungen und Schikane, kein Wort von der Beschneidung demokratischer Grundrechte und von der schikaösen Behandlung ganz normaler Bürger durch die völlig überzogene Polizeieinsätze, angeführt von einem überforderten Einsatzleiter der Bremer Polizei, Heinz-Jürgen Pusch, (vierter von oben) der sich wie folgt äußerte:

Das Fanverhalten zwischen den Frankfurter Fans und den Bremer Fans ist ein feindschaftliches Verhältnis. Es hat in den vergangenen 2 Jahren immer wieder Zwischenfälle gegeben hier in Bremen. Vor 2 Jahren sind 2 Polizeibeamte schwer verletzt worden.

Kein Wort davon, dass Bremer den Cop zusammengetreten hatten - und Frankfurter ihm damals geholfen haben; statt dessen:

Wir haben aufgrund der Parolen, die skandiert wurden, aufgrund der mitgeführten Gegenstände, aufgrund der aggressiven Grundstimmung diese Personen dann vor dem Steintor angehalten Höhe Sophienstraße und uns letztendlich entschlossen diese Personen in Gewahrsam zu nehmen, weil es für uns eindeutig war, dass dieser Personenkreis die Auseinandersetzung mit den Werder-Fan-Gruppierungen sucht.

Gut immerhin, dass sich Eintracht Boss Bruchhagen vor laufender Kamera nicht von der Hetze der Cops beeinflussen ließ und die Vorgänge erst einmal prüfen wollte. Mittlerweile gibt es eine ganze Menge Infos, Artikel und Berichte über diesen desaströsen Tag, an dem die Eintracht mit 0:5 ganz entspannt unterging und wir wieder einmal wie Schwerstkriminelle fernab demokratischer Grundregeln behandelt wurden. Der Staat und dessen Vertreter brauchen sich nicht wundern, so wir uns eines Tages wehren. Notwehren!

Noch während der 3Sat-Wiederholung des Polizeiberichtes bzw Sportstudio, wie sich das Sprachrohr deutscher Polizeigewalt nennt, bin ich eingeschlafen. So ganz präventiv und entspannt.




Angelic Upstarts - Solidarity