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Sonntag, 22. Februar 2009

Heimspiel in Karlsruhe - 21. Februar 2008


Gegen halb elf rollte der silberne Golf auf die Autobahn, die Scheibenwischer klackten über die Windschutzscheibe und rundum versank der Tag in einem verwaschenem Grau. Auswärtsspiel beim KSC, Orange Kaos lautete das Motto der Ultras und während Pia noch am frühen Morgen eine orangene Jacke aus dem Schrank gezaubert hatte, haderte ich mit meinen Gedanken. Auf der einen Seite ist es zwar lustig, einen Block ganz in Orange zu bestaunen, auf der anderen Seite sind unsere Vereinsfarben nun mal Rot-Schwarz-Weiß und so entschied ich mich für die Tradition und hockte ganz in Schwarz am Steuer, einen Alfred Pfaff Button am Jackenkragen. Eine ältere CD nudelte im Hintergrund ein paar oft gehörte Hits, wir schwatzten über vergangene Zeiten und schon erreichten wir die Abfahrt Karlsruhe Durlach und verließen die Autobahn rechtzeitig vor einem sich anbahnenden Stau. Unser Ziel war eine Bierwirtschaft in Laufweite zum Stadion, die wir auch prompt fanden, ebenso wie einen Parkplatz, der diesmal definitiv legal war.

Wir erwischten einen Platz im Raucherbereich inmitten freundlicher Karlsruher, bestellten zwei Krüge hauseigenen Bieres und eine warme Mahlzeit und harrten trockenen Fußes der Dinge, die da kommen würden, Mittagessen, Bier, Auswärtssieg.

Als erstes kamen jedoch Flo und Patrick und setzten sich für ein Weilchen zu uns. Flo drückte mir eine Postkarte zum zehnjährigen Jubiläum der Initiaive Stadionübernachtung in die Hand, manch einer von euch mag davon schon gehört haben, von dem Erlebnis, um das ich die Jungs stark beneide. Nach eigener Aussage die beste Nacht ihres Lebens.

Noch am Abend zuvor hatte ich das Glück mit Matze, Frauke und Pia bei uns im Stadion in der Spielerkabine sein zu dürfen, um dann durch den Spielertunnel auf den Platz zu laufen; über dir thront der haushohe Videowürfel und ganz kurz sah ich die vollbesetzte Arena, die Leute in der Kurve und auf den Tribünen, dass Stimmendurcheinander, den roar. Allerdings hatten wir uns nicht dorthin geschlichen; wir werden demnächst im Rahmen des Eintracht-Museums kleine Führungen in das Stadioninnere anbieten und schauten uns die Laufwege an. - Apropos Laufwege, das wäre dochmal eine Idee fürs Training. - Ich hatte sogar ganz kurz die Dusche angedreht; wenn ihr wollt kann ich euch demnächst kleine Fläschchen abfüllen und als Eintracht-Wasser verkaufen á la das Wasser, mit dem Amanatidis duscht. Dies wird bestimmt ein Renner. Aber wieviel geiler muss es sein, sich klammheimlich ins Stadion zu schleichen und ganz subversiv den 100. Geburtstag der Eintracht zu feiern, um am nächsten Morgen nach dem Aufwachen auf die Kurve zu schauen. Großartig.

Matze und Öri schneiten auch noch vorbei, die Bedienung übersah großzügig die Dose Becks und unser Herr Traditionalist hatte sich zwar dem orange verweigert - unsere Farben sind rot-schwarz-weiß, scheute sich aber nicht, stolz seinen schwarz-weißen Balkenschal eines Sponsoren zu präsentieren. Statt Adler prangte das Herstellerlogo, na super.

Über uns baumelten ein paar karnevaleske Luftballons, der Laden war mittlerweile rammelvoll und begann sich gegen halbdrei zügig zu leeren. Auch wir beglichen die Rechnung und marschierten an Polizei und blau-weißen Karlsruhern vorbei Richtung Wildpark. Vollgepfropfte Busse schoben sich an uns vorbei, orangegewandtete Fans patschten wie immer an die Scheiben und ich traf auf Alex, der mir erzählte, dass in Frankfurt eine leere Bierbüchse aus dem Zug auf den Bahnsteig gepurzelt sei und der Übeltäter zunächst zu 25 Euro Strafe verdonnert wurde, so weit so gut. Als dann kurze Zeit später der arme Kerl aus dem Zug geholt wurde, drohte ihm Ärgeres - und einige Leute fuhren schon leicht geladen los. Wie so häufig fehlte es auch hier scheinbar am rechten Maß.

Wir passierten die kleine Polizeisperre, welche Karlsruher davon abhalten sollte, dem Gästeeingang einen Besuch abzustatten und marschierten Richtung Eingang. Schwarz-orangene Menschentrauben klebten vor den eisernen Gittern, dahinter eine Reihe Ordner, dahinter eine weitere Reihe Ordner und am Blockaufgang die nächste Reihe Ordner. Es dauerte ein Weilchen, bis mir der erste Ordner meine Karte entwertete und mich zu einem nächstem schob, der mich von Kopf bis Fuß abtastete und mich an einen weiterem Ordner verwies, der mich ebenso durchsuchte. Als ich Pia suchte, endeckte ich sie inmitten einer Debatte mit einer weiteren Ordnerin, die ihr den Einlass mit ihrer orangenen Tasche verweigerte. Dabei wurde in den vorab veröffentlichen Faninfos explizit erwähnt, dass Taschen und Rucksäcke (ohne gefährliche Wurfgegenstände) ins Stadion mitgenommen werden dürfen. Mit diesem Wissen rüsteten sich die Fans entsprechend aus und verließen sich auf die Informationen. Die Ordnerin zickte ein Weilchen rum und schickte Pia zur Taschenabgabe, was diese sich völlig zu Recht nicht gefallen lassen wollte, das gleiche Schicksal sollte nur wenig später Kine ereilen, woraufhin ich versuchte, unsere Fanbetreuung zu erreichen, was leider nicht gelang. Sicherlich sind zwei Leute für ein Spiel beim KSC auch ein bisserl wenig. Pia schluppte derweil an der Abagbe mit Tasche vorbei, während ich auf der Suche nach jemanden war, der uns in der Angelegenheit weiterhelfen konnte. In der Zwischenzeit kam die Ordnerin wieder auf Pia zugeflitzt und begann zu drohen, während sie ihre Ohren in puncto Faninfo auf Durchzug stellte. Sie grapschte Pia an und wollte sie zu irgendeiner Einsatzleitung schicken, was für uns schon gar in Frage kam; wenn sich in dem Falle jemand bewegt, dann sicherlich nicht wir. Inzwischen kamen Jasmin und Stefan von der Eintracht vorbei und damit Bewegung in die Sache. Stefan hatte ein Kopie der Info dabei und hielt sie dem irritiertem Einsatzleiter unter die Nase, der schlicht meinte, die Info sei falsch. Die Ordnerin quakte dazwischen und hetzte ein bisschen gegen mich, der ihr bloß klar machen wollte, dass hier die Dinge so zu laufen haben, wie wir uns das vorstellen und nicht wie Leute, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Der Einsatzleiter wühlte in Pias Tasche rum und fischte triumphierend ein Deo-Röllerchen hervor, das zuvor schon in Frankfurt, Berlin, Gladbach oder Dortmund Fußball gucken durfte aber nicht in Karlsruhe und wollte uns grad mit einem debilem Siegesgrinsen zur Taschenabgabe schicken, als der Roller kurzerhand in den Müll flog und sich somit keine weiteren gefährlichen Gegenstände in Pias Tasche befanden und wir dann endlich Richtung Block latschen durften. Die Ordnerin war derweil schon längst von ihrem Chef fortgeschickt worden. Bevor es in den Block ging, wühlte wieder jemand in der Tasche rum, während wir erneut abgetastet wurden und uns nach einer gefühlten Ewigkeit endlich einen Platz im gut gefüllten Block suchen durften.

Die Eintracht, überraschenderweise nicht in orange, sondern klassisch in rot-schwarz, begann mit Inamoto an Stelle Meiers und Mahdavikia für Steinhöfer, der KSC versemmelte Chance auf Chance und mir offenbarte sich, dass wir dieses Spiel mit 1:0 gewinnen werden. Es ist gibt solche Momente; manchmal weiß ich was passiert; ich wusste, dass wir in Cottbus nach einem 0:2 das Spiel noch gewinnen werden und ich wusste, dass wir hier mit 1:0 gewinnen würden. Leider sind solche Momente recht selten, meistens glaube oder hoffe ich und dann kommt es doch anders.


Unsere Jungs würgten auf dem Platz in gewohnter Manier rum, die Kurve hüpfte und sang vor sich hin und in mir breitete sich beim Stande von 0:0 eine selten gekannte innere Ruhe aus. Vor dem Kinderblock der Karlsruher wackelte eines jener dämlichen Plüschtiermaskottchen auf und ab, die kaum jemand haben will und die dennoch auf Grund der Weltverschwörung von Plüschtiermaskottchen in vielen Stadien zuhause sind, während die Supporter auf der anderen Seite ein bisschen Remmidemmi machten. Flutlicht gleißte aus stählernen Masten auf uns herab, die Anzeigentafel verkündete Bundesligatore und so blubberte die erste Hälfte grau wie das Wetter vor sich hin. Ein aufblasbarer Riesenpenis, der im Block herum schwebte, war neben Prölls Glanzparade in der siebten Minute der Hingucker der Partie.

Zur Halbzeit wanderten wir zu Christian und Stefan, quatschten über den Tag und hofften, dass es in der zweiten Hälfte besser wird, dass wir gewinnen, wusste ich ja. Vor uns standen ein paar der Sossenheimer und sahen wie wir den Anpfiff zur zweiten Hälfte. Besser gesagt dachten wir dies. Denn bevor es losging, ging etwas ganz anderes los. Schwerer Rauch stieg aus unserem Block auf und dann pfiffen Raketen in die Luft und trudelten glühend aufs Spielfeld, eine davon sauste in unmittelbarer Nähe eines Karlsruher Spielers hernieder, es dampfte und blitzte, dass Schiedsrichter Weiner gar nichts anderes übrig blieb, als den Anpfiff ein paar Minuten zu verzögern. Unser derzeitiger Kapitän, Markus Pröll, wurde in die Kurve geschickt, um den Mob zu beruhigen, Fotografen eilten herbei, wollten auf die Auslöser drücken und einer von ihnen verlor dabei die Nerven. Er zeigte der Kurve den Mittelfinger, wurde bespuckt und spuckte sogar zurück. Und das geht nun mal gar nicht. Zum einen lebt ein Fotograf von seinen Bildern und wenn er meint, er müsste Fans fotografieren, die das so nicht wollen, dann hat er sich schlicht und ergreifend zurückzuhalten. Fans aber zu provozieren, um dann im Zweifel genau die Bilder zu bekommen, die vermeintlich Bände sprechen, ist unwürdig, nahezu skandalös.

Zurück zum Feuerwerk, das zum einen eine Trotzreaktion auf die verschärften Bedingungen in KA war und zum anderen die Eintracht eine schöne Stange Geld kosten wird, Geld, das im Zweifel für andere Zwecke besser eingesetzt wäre; für Choreos beispielsweise. Wer Raketen aufs Spielfeld schießt, nimmt Verletzungen billigend in Kauf - dies ist weder neu noch überraschend und ich finde es schade, dass die Kurve nicht in der Lage war, dies zu unterbinden. Rauch gehört in KA wohl dazu, und wie im letzten Jahr, hätte ich dies nicht sonderlich dramatisch gefunden, obgleich auch dadurch die Eintracht bestraft wird.

Wer jedoch glaubt, dass weitere Restriktionen dem Einhalt gebieten könnten, ist aus meiner Sicht der Dinge schief gewickelt. Weitere Verbote führen zu weiteren Trotzreaktionen und ebnen den Weg zur Eskalation. Wer weiß, dass er dreimal kontrolliert wird, für den ist doch das Schmuggeln von Pyro eine sportliche Herausforderung - wer aber freundlich und respektvoll empfangen wird, der wird sich meist ebenso verhalten. Generell aber ist das Unkontrollierbare eben unkontrollierbar - und damit müssen wir uns abfinden; durch massive Verbote, Kontrollen und Einschränkungen jedoch werden die Leute in die Unkontrollierbarkeit getrieben, die eigentlich die Regeln akzeptieren. Nur müssen diese Regeln eben auch zum Teil dem Lebensgefühl der meist Jugendlichen entsprechen.

Die Karlsruher fanden uns doof, wir wussten, dass die Eltern der Karlsruher zum VFB gehen und vor allem, dass Caio ab der 45.Minute für Petkovic ins Spiel kam und Benny Köhler fortan als linker Verteidiger fungierte. In der 53. Minute war es dann soweit. Liberopoulos leitete mit einem No-look-Pass den Ball zu Ochs, dessen Hereingabe Caio mit einem Kunstschuss zum 1:0 für die Eintracht verwandelte. Es lief also alles nach Plan; wir lagen uns in den Armen, grinsten breit, brüllten Eintracht und mussten fortan abwarten, bis der Schiedsrichter abpfeift. Zumindest sah ich dies so, die Damen und Herren um mich herum zeigten sich sichtlich nervöser und nagten an den Fingernägeln. Ochs mit seiner Handmanschette rackerte sich ab und der KSC war nicht in der Lage, den durchaus verdienten Ausgleich zu erzielen.

Hochgradig trübsinnig war es dann, dass bei der Einwechslung von Alex Meier Minuten vor Schluss bei einer 1:0 Führung einzelne Fans Meier, du Wichser riefen. Meier, der sich nichts anderes zu Schulden hat kommen lassen, als nach langer Verletzungspause noch nicht in der Verfassung zu sein, die er im Trikot der Eintracht schon gezeigt hat. Manchmal kotzt mich die asoziale Schlichtheit der Leute einfach nur an. Das tat ich dann auch kund um nur wenig später bei Abpfiff souverän die Hände zu erheben und die Mannschaft mit Beifall zu verabschieden. Dreckig war er, der Sieg. Eigentlich unverdient. Aber uns. Auswärtssieg. Geilgeilgeil.

Wir verabschiedeten uns von Christian und Stefan und verabredeten uns mit Mustafa und Susanne in der Kneipe, in der wir auch vor dem Spiel schon waren. Mustafa ist ein lustiger Geselle, den ich vor Jahren bei einem Dreh in Stuttgart kennen gelernt hatte; er wohnt in Karlsruhe und sympathisiert eher mit den Freiburgern, was ihn jedoch nicht davon abhält, von Zeit zu Zeit in den Wildpark zu pilgern. Beide trafen wir dann unter der Fußgängerbrücke und wir marschierten gemeinsam in Richtung City. Wir stießen wieder auf Matze, der uns verklickerte, dass er die Einlasskontrollen im Stadion überwunden hatte, um dann tatsächlich zurück in die Kneipe zu wandern, um in aller Ruhe ein Bier zu trinken und Mittag zu essen. Pünktlich zum Abpfiff war er dann wieder am Stadion. Sachen gibt's.

Mustafa erzählte uns, wie er vor einger Zeit in Istanbul bei Fenerbahce im Block stand, als Istanbul gegen Ankara kickte. Als Trapzonspor-Anhänger ein mutiges Unterfangen. Ein leises Ksst des Capos reichte aus, um den nichtsupportenden Gast daran zu erinnern, dass im Block ausschließlich der Support mit Herz zählt. Man stelle sich vor, ein Ksst im vollbesetzten Stadion dringt aus einiger Entfernung wie ein Pfeil an das Ohr, das es treffen soll; alle wissen, wer gemeint ist - da geht noch was in unserer Kurve.

Als wir in der Kneipe ankamen waren die Ulis inklusive Peter schon am Bechern. Im Fernsehen lief die Sportschau, die Kellnerin bahnte sich rau aber herzlich mit zig Bierkrügen in den Händen den Weg durch jede Menge Fußballfans beider Teams. Ab und an erklangen ein paar Sprechchöre durch den Raum, wobei die meisten Karlsruher eher bedröppelt dreinschauten und wir hockten und schwatzten, bis die Deckel voll waren. Es folgte der Abschied von Mustafa und Susanne, ein kleiner Zwischenstopp an der Tanke und schon ging's wieder zurück in Richtung Heimat. Ein letzter Abstecher ins Backstage, kleiner Schwatz mit Charly und Rainer und nach einem finalen Äbbelwoi eierten Pia und ich nach Hause. Irgendwas murmelte ich noch vor dem Einschlafen, es hörte sich an, wie Hoffenheim sind doch die Silikonbrüste des deutschen Fußballs und schon war ich nicht mehr in dieser Welt.

Ein Wermutstropfen ergab sich am nächsten Morgen, als wir feststellten, dass die Windschutzscheibe des Golfs ein Loch aufwies; irgendjemand musste entweder in KA oder aber über Nacht im Nordend mit einem harten Gegenstand darauf geschlagen haben. Ärgerlich fürwahr; wir werden wohl nie erfahren, wie es zustande kam. Was soll's, oins geht noch ...





Sämtliche Fotos sind von Pia und mir.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Frustrierte Freude

Abpfiff, 2:1 gewonnen.

Vor dem Spiel marschierte ich mit Pia zum Gleisdreieck, zerwühlt von der derzeitigen Situation bei Eintracht Frankfurt, die seit Monaten kein Spiel mehr gewonnen hat und kraftlos auftritt. Anderes liegt im Argen, dazu demnächst mehr. Gestern freute ich mich, vor dem Spiel einen Apfelwein zu trinken, mit Leuten zu quatschen, die immer da sind - und gleichzeitig graute mir vor dem Spiel. Ich erwartete den immergleichen zähen bewegungsarmen Fußball, erwartete ein frühes Gegentor und die immergleiche Leere. Als die Anfangsaufstellung durchgegeben wurde, war ich geschockt.

Nikolov, Fink, Inamoto, Spycher, Ochs, Chris, Russ für die Defensive, Köhler, Korkmaz, Fenin und Liberopoulos für die Offensive - so standen die Zeichen auch gegen den KSC auf Halten.
Um so erstaunter war ich, dass urplötzlich Bewegung im Spiel war, die Aufstellung stand auf dem Papier, die Menschen selbst rannten, eroberten Bälle und lieferten endlich mal wieder eine der Grundvoraussetzungen für ein Fußballspiel ab. Bewegung.

Leider ergaben sich keine Torchancen, die Eintracht konnte nicht, der KSC wollte und konnte nicht. 44. Minute - Stillstand. Kämpfen und Siegen skandierten die Anhänger schon von der ersten Minute an, einheitlicher als die Monate zuvor, entschlossener.

Die zweite Hälfte brachte wenig erbauliches, der KSC wurde mutiger, was jedoch nicht allzuviel bedeutete, bis zur 70. Minute gab es hüben wie drüben keine nennenswerte Torchance. Die öffentliche Forderung nach dem Spieler Caio wurde ignoriert, man kann dazu stehen, wie man will - später kam der Kapitän, Amanatidis. Dann Chance für Karlsruhe, dann für die Eintracht. Zwischendrin gabs Ecken für uns. Köhler. Köhler. Köhler. Die Bälle flogen hoch in den Sechzehner, niemand von der Eintracht kümmerte sich drum, Verpuffung wirkungslos.

Achtzig Minuten brüllte ich "Eintracht" - in der 82. führte der KSC mit 1:0. Tränen wanderten zum Auge, ich sackte zusammen und fluchte, weshalb dies nicht schon nach drei Minuten geschehen war, ich hätte mir vergeblich Hoffen sparen können. Funkel raus, Funkel raus. Das war ich. Ein Croissant flog mir an den Kopf, zehn Meter von mir entfernt tobte der ehemalige Besitzer, wollte mir an den Kragen, Umfeld und Ordner bändigten ihn. Tausendfach erscholl es nun: Funkel raus.

Biber und Pia riefen Eintracht - und Köhler versenkte die Kugel zum Ausgleich ins Netz.


Wie nun? Was habe ich zu fühlen? Freude? Frust? Frustrierte Freude. 1:1, wenigstens mein Tipp; zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Erstaunlicherweise hallte auch nun Funkel raus durchs Stadion, ein etwas unpassender Moment der Meinungsäußerung - wobei ich inhaltlich nicht widersprechen würde. Aber doch nicht nach einem Tor der Eintracht.

Sekunden später rauschte der Ball Millimeter an unserem Pfosten vorbei, der KSC hatte den Sieg verschossen. Nachspielzeit zwei Minuten. Das wars. Ein Pünktchen gegen grottige Karlsruher; wenn du gegen die nicht gewinnst, gegen wen dann? Aber besser als verloren.

Nicht ganz: Freistoß Steinhöfer, irgendwie dann Amanatids, Amanatidis. Tor. Tooooooooor für die Eintracht. High Five - ausgelassen geht anders.

Freude, Erleichterung, Fragezeichen. Und nun?

Der Croissantwerfer tritt mich beim Abgang, ich bleibe ruhig, andere springen in die Bresche, halten ihn zurück, verteidigen mich. Ich gehe mit Pia zum Ausgang, Biber ist schon weg, am Gleisdreieck treffe ich sie wieder. Viele treffe ich dort, Stimmengewirr, Apfelwein, Arndt sogt für uns - Danke dafür.

Müßig sind Platzierungen, gewinnst du die letzten beiden Spiele hast du sechs Punkte, wirst neunter, pfeift der Schiri zwei, dreimal gegen dich, verlierst du die letzten beiden Spiele und wirst fünfzehnter. Mit Pech sechzehnter. Abstieg, von mir aus Relegation. Kleinigkeiten entscheiden - Und die Eintracht wird stets gegen den Abstieg spielen, was beileibe keine Schande ist - dies Los trifft beinahe zehn Teams. Die Frage ist: Wie.

Sie wird erst dann nicht gegen den Abstieg spielen, wenn sie finanziell auf Augenhöhe mit Schalke, Hamburg, Bremen, Wolfsburg steht. Dies ist ein weiter Weg und bedeutet Gazprom, VW oder so. Will ich das? Nein.

Wie nun?

Cottbus steht an. Ein weiterer Prüfstein. Für das Team. Für uns. Für den Trainer. Für den Vorstand. Heribert Bruchhagen dürfte ein Glas Rotwein getrunken haben.

Viele sind sich uneins. Verwischt der Sieg gegen den KSC die Verhältnisse und übertüncht die Wirklichkeit. Oder war er der Startschuss hin zu einer Eintracht, die wir sehen wollen. Über den Kampf zum Spiel, über das Spiel zum Sieg? Zuhause liegen zwei Tickets für die Partie in der Lausitz, wie ich hinkomme, weiß ich noch nicht. Aber ich werde dasein. Was soll man sonst machen, mit einem angebrochenen Leben?

Eines ist sicher:

Worte schießen keine Tore.

Abends verließen Pia und ich als letzte das Gleisdreieck. Aßen Pizza in Sachsenhausen. Schön, dass wir uns haben.



Das Foto des fliegenden Balles stammt von Stefan Krieger. Danke