Nachdem Steffen Ewald mit einleitenden Worten die Veranstaltung vor gut gefüllten Rängen eröffnete, konnten wir einen Blick hinter die Kulissen des Nachwuchsfußballs werfen, der in Frankfurt lange Jahre mit dem Handicap des maroden Riederwaldes leben musste. Derzeit im Umbau befindlich, wird das neue Leistungszentrum voraussichtlich im Oktober 2010 seine Pforten öffnen, und dem Nachwuchs ganz neue Möglichkeiten zu offerieren.
Erik und Julian sind Stammspieler der U17, die bislang mit 33 Punkten aus 14 Spielen und einem Torverhältnis von 29:2 und nur einer Niederlage für Furore gesorgt hat. Trainer Schur spricht von seinen Jungs als der Goldenen Generation ohne jedoch zu viel Druck aufzubauen; es gilt, die Spieler längerfristig an die Eintracht zu binden, - die Voraussetzungen dafür sollen das neue Leistungszentrum bieten. Erik Wille, der als Frankfurter Bub sehr genau weiß, was es heißt gegen Kickers Offenbach zu spielen und - wie alle - bekennender Eintrachtfan ist, stieß schon als Achtjähriger aus Enkheim zur Eintracht, Julian Dudda, geboren in Bad Nauheim, trägt seit 2007 das Trikot der Adler; zuvor spielte er beim FSV Frankfurt und in Wölfersheim.Auch Sebastian Jung kam schon als Knirps an den Riederwald, zu seinen Vorbildern gehörte schon früh Alex Schur, dessen ehemalige Rückennummer 24 er mit Stolz trägt. Sebastian hat geschafft, wovon die beiden jungen Spieler noch träumen: er ist Bundesligaspieler geworden - und hat zusätzlich noch eine
Lehre als Bäcker abgeschlossen. Sebastian Jung, der alle Jugendmannschaften durchlaufen hat und schon als U17-Spieler bei der U19 und U23 zum Einsatz kam hat sich auch dann durchgebissen, als Lehre und Fußball kaum noch zu vereinbaren waren; vor allem die letzte Zeit der Ausbildung war hart; manchesmal hat er in der Nacht am Backofen gestanden, um nach der Schicht noch von seinen Eltern zu den Auswärtspartien gefahren zu werden, eine Stunde Schlaf musste reichen - und dennoch brachte er stets seine Leistung - um letztlich mit einem Profivertrag belohnt zu werden. Nach einem rasanten Aufstieg stockte seine Karriere in der Hinrunde; Trainer Skibbe ließ den jungem Mann meist auf der Bank oder der Tribüne schmoren - da kam ihm die erfolgreiche U20-WM in Ägypten gerade recht. Erst in der Winterpause bezog der Trainer zu Sebastians Position im Gespräch Stellung; natürlich war die neue Nummer 24 unzufrieden, doch wie es scheint, läuft die Rückrunde für ihn besser.
Disziplin - auch für Alex Schur ein wesentliches Stichwort. Schur ist der Überzeugung, dass es richtig sei, den jungen Mann behutsam aufzubauen, ihn auch an Rückschläge zu gewöhnen - auch um den Hunger zu nähren. Alex, der Sebastian selbst als Co-Trainer der U19 und U23 trainiert hat, ist überzeugt, dass die Lehre den jungen Spieler geformt hat und ein wichtiger Mosaikstein in der Entwicklung von Jung gewesen ist.Erik geht derzeit in die elfte Klasse und ist auf dem Weg zum Abitur, Julian hat sich nach seinem Realschulabschluss für das Fachabitur entschieden. Sebastian selbst riet den jungen Spielern, zweigleisig zu fahren - auch angesichts der Situation von Christoph Preuß, dessen verletzungsbedingtes Karriereende ja nur wenige Wochen zurück liegt.
Elf Freunde müsst ihr sein, um Siege zu erringen, so schrieb Sammy Drechsel einst in seinem Klassiker; Sebastian merkte völlig zu Recht an, dass die These nur bedingt richtig ist, immerhin gehören zum Kader ja 18, zum Team an die 25 Spieler, welche letztlich aufeinander angewiesen sind. In der U17 gilt ein gleiches, Julian und Erik betonten, dass die Jungs zwar gut miteinander auskommen - im Miteinander aber durchaus noch Luft nach oben sei.
Natürlich ist es für einen Jugendspieler gleichermaßen Privileg wie auch eine Bürde, dem Team von Eintracht Frankfurt anzugehören. Verlaufen die ersten Jahre noch halbwegs normal, so greift ab der B-Jugend der Ernst des Bundesliganachwuchslebens. Während die Klassenkameraden sich in dem Alter weder über Ernährung noch über den Lebenswandel den Kopf großartig zerbrechen, beginnt bei den Eintrachtlern ein Umdenken - nicht immer einfach für die Jugend, aber zwingend notwendig, um den Traum einer Bundesligakarriere zu nähren.Eine knifflige Situation auch für den Trainer Schur, der sich nicht nur als fußballerischer Ausbilder, sondern auch als Erzieher begreift. Auch für Alex eine neue Situation, wobei er nicht in allen Bereichen auf eigene Erfahrung zurück greifen kann. Er verbrachte seine Jugendzeit im Stadtteilverein VfR Bockenheim, lernte einen Beruf und spielte später bei Rot Weiß Frankfurt - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit. Nach einer Zweitligasaison beim FSV Frankfurt (im letzten Spiel bei Mainz 05 wurde kurioserweise Ersatztorhüter Thomas Ernst als Feldspieler eingewechselt) kam er 1995 an den Riederwald. Nach einem Jahr Oberliga stand er das erste Mal am 14. Spieltag 1996/97 im Profiteam auf dem Platz, die Eintracht kickte in der zweiten Liga. Den ersten Bundesligaeinsatz erlebt Schur im Alter von 27 Jahren - und stieg auf zu einem der beliebtesten Spieler aller Zeiten. Ein interessantes Gegenbeispiel liefert Armin Kraaz, der nun dem Leistungszentrum vorsteht. Schon mit 18 spielte er in der ersten Liga, um nach 123 Spielen im Alter von 23 Jahren seine Karriere zu beenden - die berufliche Perspektive außerhalb der Eintracht erhielt von ihm den Vorzug.
Die Vita von Alex nötigt seinen Schützlingen zunächst Respekt ab - doch er weiß auch, dass er sich als Trainer behaupten muss. Natürlich hat er viel von seinen ehemaligen Trainern gelernt, von den Medizinbällen des Herrn Magath bis hin zur Akribie eines Horst Ehrmantraut - aber auch von Frank Leicht, dem er in den vergangenen Jahren assistierte; all dies fließt ein in ein eigenes Profil.
Für die Nachwuchsspieler ist es nicht immer leicht, im Alltag als Eintrachtler unterwegs zu sein, Anerkennung gehört natürlich dazu - aber es gibt auch Neider, die vieles daran setzen, es den vermeintlichen Nachwuchsstars zu zeigen. Erik aber pflegt einen lässigen Umgang: Wenn mir einer komisch kommt, dann tunnle ich ihn - und schon ist Ruhe.
Zur Ruhe dürfte Sebastian Jung so schnell nicht kommen, mittlerweile ist er fester Bestandteil des Profikaders - doch noch muss er mit anpacken, wenn es im Trainingsspiel gilt, die Tore aufzubauen - doch bald wird ein Jüngerer kommen und diese Arbeit übernehmen.
Es war ein aufschlussreicher Abend im Museum und sowohl Alex und Sebastian als auch Erik und Julian blieben noch eine ganze Weile, nachdem Steffen ihnen einige Präsente überreicht hatte; Alex freute sich über ein Bild, welches ihn in Jubelpose nach dem 6:3 gegen Reutlingen zeigt, Sebastian über Matzes Buch über die 59 Meister und Eric und Julian erhielten ihren ersten Autogrammkartensatz, der auch eifrig in Anspruch genommen wurde. Wer weiß, vielleicht stehen ja Sebastian oder Eric und Julian eines Tages auf dem Römer und lassen ihre Träume - und damit auch unsere wahr werden. Zu gönnen wäre es ihnen. Und uns natürlich auch.
Im ersten Spiel nach der Veranstaltung spielte die U17 gegen den Club aus Nürnberg nur 1:1, am kommenden Wochenende steht der Schlager beim Nachwuchs des VfB Stuttgart an. Letztlich wird es für das Team nicht entscheidend sein, wie die Saison endet; vorrangiges Ziel ist es, einzelne Spieler an den Profikader heran zu führen - wie Sebastian, der vor wenigen Jahren noch selbst mit der U17 im Halbfinale der deutschen Meisterschaft an Tennis Borussia Berlin scheiterte. Obwohl ein Erfolg dem neuen Leistungszentrum natürlich gut zu Gesicht stehen würde.
Die Fotos des Beitrages stammen von Stefan Krieger. Weitere Bilder der Veranstaltung findet ihr hier. Leider hat mein Aufnahmegerät den Dienst versagt, so dass ich den Beitrag aus der Erinnerung schreiben musste - falls euch Anwesenden noch etwas dazu einfällt, nur zu. Zum Beispiel, dass der Moderator das erste Mal einen fetten Hänger hatte. "Jetzt habisch den Faden verlor'n." Kommt vor :-)
