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Donnerstag, 8. Januar 2009

Der Tag, an dem Alfred Pfaff verabschiedet wurde


Eben noch entzündete ich im Museum nach dem morgendlichen Öffnen das Kerzlein an Alfred Pfaffs Gedenktisch, dann führte ich eine Gruppe Kinder durchs Museum und kurz darauf saß ich im Golf, der nur mühsam ansprang und holte Pia in Niederrad ab. Bedauerlich war nur, dass Rüdiger aka Kid Klappergass nicht mitkommen konnte; sein Rücken schmerzte und zu allem Überfluss hatte ihn eine Grippe erwischt - so dass er, der in seinem Blog aufs Rührendste an Don Alfredo erinnert hatte, leider nicht dabei sein konnte - aber wir haben ihn in Gedanken mitgenommen.

An einer Straßenecke war eine Straßenbahn mit einem PKW kollidiert, an einer anderen gab ein Autofahrer einem anderen Starthilfe und an der nächsten sprang Pia in unser Auto und wir tuckerten über den Sachsenhäuser Berg in Richtung Autobahn A3 Richtung Würzburg. Als uns ein großer Wagen mit Rüdesheimer Kennzeichen überholte, meinte ich spaßeshalber: Jürgen Grabowski - und schon verschwand dieser Wagen weiter vorne am Horizont.

An der Anschlussstelle Stockstadt verließen wir den Highway und rollten auf dem langen Handtuch in Richtung Amorbach im Odenwald. Großostheim, Großwallstadt, Elsenfeld, Klingenberg, Obernburg, Wörth, linker Hand der Main und dazu die verschneiten Hänge des Odenwaldes. Für viele mögen dies bömische Dörfer sein, für mich sind es vertraute Namen meiner Kindheit. Durch den Wald rechter Hand bin ich unzählige Male mit meinem Vater von Mömlingen nach Großwallstadt gelaufen; vom Heimatort meiner Mutter zum Heimatort meiner Tante - und inmitten des Waldes hatte ein Bekannter von uns eine kleine Hütte, wo die Erwachsenen Apfelwein tranken und ich eine Limo bekam.

Heutzutage komme ich selten in diese Gegend - und diesmal war es ein recht trauriger Anlass: In Amorbach sollte heute die Trauerfeier für den verstorbenen Ehrenspielführer der Eintracht Alfred Pfaff stattfinden, jener Pfaff, der noch vor wenigen Wochen im Museum der Eintracht uns allen einen großartigen Abend beschert hatte und am 27. Dezember 2008 verstorben war.

Der Main war im Begriff zuzufrieren und wir erkannten vor uns jenen großen Wagen, der uns schon auf der A3 überholt hatte, ich blickte hinein - und erkannte tatsächlich Jürgen Grabowski am Steuer, der das gleiche Ziel wie wir hatte und sich gewissenhaft an die vorgegebene Geschwindigkeit hielt. Grabi war an jenem Abend im September ebenfalls zu Gast im Museum, ihr werdet euch sicherlich erinnern. Es war ein großer Abend, und für mich sicherlich eines der bedeutensten Eintracht-Erlebnisse aller Zeiten.

Wir kamen wenig später unbeschadet in Amorbach an und erkannten schon von der Bundesstraße aus eine große Kirche mit zwei Türmen, die wir für unseren Zielort hielten. Auf dem Parkplatz des Finanzamtes parkten wir das Auto und marschierten durch den Luftkurort in Richtung jener imposanten Kirche, die wir verschlossen und merkwürdig leer vorfanden - eine ortskundige Dame erklärte uns jedoch den Weg zu einer zweiten Kirche, wenige hundert Meter entfernt - und schon die dort geparkten Wagen verrieten uns, dass wir nun am Ziel waren. Auch ein PKW mit einem Aufkleber der Offenbacher Kickers war zu sehen; jene Offenbacher, die im Endspiel 1959 mit so großer Hoffnung angetreten waren und am Ende doch nur Zweiter wurden. Zeitlebens betonte Alfred Pfaff, dass das Verhältnis der Spieler untereinander außerhalb des Platzes von Freundschaft und Respekt geprägt war und so war es eine besondere Geste, dass Spieler des Erzrivalen vergangener Tage an der Trauerfeier teilnahmen.

War die erste Kirche die katholische St. Gangolf Pfarrkirche, so fand die Trauerfeier in der evangelischen Abteikirche statt. Schon auf dem Weg dorthin begegnete uns Ralf Falkenmayer, auch er einst Gast im Museum, auch er selbstverständlich mit dem gleichen Ziel, wie so viele den Weg in die Barockstadt Amorbach auf sich genommen hatten, um dem Ausnahmefußballer und liebeswerten Menschen Don Alfredo die letzte Ehre zu erweisen.

Vereist waren die Wege und auch in der Abtei klirrte die Kälte und zog streng in die Glieder der Anwesenden, die von Matze Thoma und Billy Ott auf die Plätze geführt wurden. Wir hielten uns zunächst im Hintergrund und betrachteten die Abteikirche, die zwar evangelisch aber keineswegs karg daherkam, im Gegenteil: Prachtvolle Verzierungen an der Decke, Fresken und Stuckarbeiten schmückten den Raum, erinnernd an die Zeit des Rokoko und in der Höhe thronte eine Orgel, die zu den imposantesten ganz Deutschlands gehört. Ein Hut hatte sich ins Weihwasserbecken verirrt, vielleicht hatte ihn Don Alfredos Geist dort abgelegt; Don Alfredo, der im Gegensatz zur prächtigen Kirche allerdings stets bescheiden und mit einem Augenzwinkern aufgetreten ist.

Nun harrten seine staubgewordenen Reste in einer Urne der Dinge, die nun kommen würden; ein freundliches Bild erinnerte an ihn, wie er stets gewesen war: schelmisch lupfte er seine Melone in die Höhe - und er war wohl der einzige, der nicht fror.

Trauerkränze wurden abgelegt, während uns Billy trotz dezenter Weigerung auf einen Platz weiter vorne führte und wir neben Bernd Nickel nebst Gattin und Bernd Hölzenbein auf einer arg wackligen Kirchenbank Platz nahmen. Es waren die Größten der Eintracht Familie, die heute gekommen waren, um sich vom wohl größten Fußballer der Eintracht zu verabschieden. Ich will euch eine vollständige Auflistung nicht zumuten - dies würde zu sehr an name-dropping gemahnen - möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass neben Vorstand und Präsidium auch Vertreter aller Fangruppierungen anwesend waren, selbstverständlich die Mannschaftskameraden von einst - Dieter Lindner sollte später stellvertretend für alle die offiziellen Abschiedsworte sprechen, aber auch ehemalige Präsidenten trauerten mit der Familie, Journalisten, DFB-Vertreter und viele Wegbegleiter aller Altersgruppen froren einträchtig beisammen zu Ehren Don Alfredos.

Eine Pfarrerin führte durch den Lebensweg Alfred Pfaffs, erinnerte an die Jugendjahre des Frankfurter Bubs, den Krieg, der ihn nach LeHavre verschlug und an die Rückkehr nach Frankfurt. In Wirges lernte er seine Edith kennen in Bern wurde er Weltmeister, in Berlin Deutscher Meister - und in Glasgow zauberte die Eintracht unter seiner Regie zunächst im Halbfinale des Europapokals und wenig später gar im Finale, unvergessen das Spiel gegen die Königlichen, das den Ruhm der Eintracht für Jahrzehnte mehren sollte. Nicht unerwähnt blieb die spätere Karriere Don Alfredos als Gastwirt, zunächst in der Weberstraße, dann an der Hauptwache und seit 1971 in Zittenfelden im Odenwald, wo er bis zum letzten Tag lebte und arbeitete. Er, der etliche großartige Ehrungen erfuhr und sogar in die Mannschaft des Jahrhunderts gewählt wurde.

Sie erinnerte an das Gleichnis der Söhne, die vom Vater ein Erbe bekamen und es unterschiedlich verwalteten, Pfaff habe sein Erbe, sein Talent gemehrt und es auf seine Weise genutzt. Mehrmals zauberte die Orgel Melodien aus dem evangelischen Gesangsbuch in die Abtei, gesungen haben wir mehr schlecht als recht, Alfreds Stimme fehlte auch hier an allen Ecken und Enden. Die Familie Pfaff hatte die folgenden Lieder ausgesucht:

Zunächst:

Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer
wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.
Frei sind wir da zu wohnen und zu gehen,
frei sind wir ja zu sagen oder nein.

(Nummer 638 des bayrischen Gesangbuchs)


Später dann:

So nimm denn meine Hände
und führe mich
bis an mein selig Ende
und ewiglich!
Ich mag allein nicht gehen
nicht einen Schritt;
wo Du wirst gehn und stehen,
da nimm mich mit!

(Nummer 376)

und zu guter Letzt das Lied 637:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Zudem ertönte auch eine Melodie, die wohl weniger die christliche als vielmehr die irdische Seite Don Alfredos betonte, ein Lied, welches ihm und seiner Frau sehr am Herzen lag, mir erschien es wie die Melodie von Blueberry Hill, so ich mich nicht vollständig täusche.

Horst R. Schmidt vom DFB erinnerte an die Zeit Pfaffs in der Nationalmannschaft, die wohl erfolgreicher verlaufen wäre, hätte die Größe Fritz Walter nicht auf seiner Position gespielt und Dieter Lindner - wie eingangs erwähnt - an Pfaffs spielerisches und gesellschaftliches Vermögen; er erinnerte an einen Pfaff, der ganze Gesellschaften alleine unterhalten konnte - auch dessen musikalisches Talent tat stets ein Übriges dazu.

Ein Vater Unser folgte und alsbald nahm eine lange Menschenschlange Abschied von Don Alfredo und verabschiedete sich von den Hinterbliebenen mit einem aufrichtigem Beileid.

Dies war er nun, der Abschied von einem Mann, der uns allen in Erinnerung bleiben wird und der den Geist von Eintracht Frankfurt, den spielerischen Glanz und die menschliche Bescheidenheit, die Tragik und Lebenslust gleichermaßen vielleicht mehr verkörperte, als jeder andere Fußballer dieses traditionsreichen Fußballvereins.

Wir stapften gleich vereisten Zapfen zum Wagen, rollten durch den Odenwald und machten noch einen Abstecher in den Heimatort meiner Mutter, nach Mömlingen; warfen einen Blick auf das Haus, in dem der kleine Beve seine Wochenenden verbrachte und auf eine steinerne Mauer mit den Nachbarskindern Fußball spielte und in den Hof des Hauses, wo meine Mutter geboren wurde. Wir folgten den kleinen Gässchen zum Friedhof, wo meine Großmutter wenige Wochen vor meiner Geburt beerdigt wurde und liefen durch die Hauptstraße an der Gastwirtschaft vorbei, zu der mich Großvater stets mit dem Auftrag ein paar Flaschen Bier zu holen hinschickte, wobei selbstverständlich ein Eis für mich dabei abfiel.

Auf dem Rückweg hielten wir in dem Waldstück zwischen Mömlingen und Pflaumheim an einem Mahnmal für einen hier tödlich verunglückten jungen Mann namens Hans Müssig. Es war der 5. November 1971, wir kamen im weißen 68er Opel Kadett meines Vaters wie an fast jedem Freitagabend von Frankfurt hier entlang und wunderten uns über den stockenden Verkehr, bis wir genau an dieser Stelle vorbeikamen und erkannten, dass ein Mensch mit seinem Mofa hier verunglückt war - fünf Tage später sollte er an den Folgen dieses Unfalls versterben. Ich war damals sieben Jahre alt und habe die Bilder jenes kalten Abends nie vergessen.

Später saßen wir in Pflaumheim in einer Wirtschaft, aßen zu Abend und erinnerten uns an den Tag, an dem wir in klirrender Kälte Abschied von Alfred Pfaff genommen haben. Ein weiterer Tag, den wir niemals vergessen werden.

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

So steht es im Psalm 23 und so begann die Trauerfeier in der Abteikirche zu Amorbach im Odenwald. Am 7.Januar 2009.



Das Foto entnahm ich Franks großartigem Eintracht-Archiv.

Freitag, 24. Oktober 2008

Ein letzter Rundgang


Einen Tag vor der Eintracht-Partie in Cottbus findet die Riederwald-Abriss-Party statt.
Ein großes Medienaufgebot filmte schon am Nachmittag das Gelände, fotografierte und notierte emsig all die kleinen und großen Anekdoten, die der Riederwald seit 1952 erlebt hatte. Zu diesem Anlass hatte Eintracht Frankfurt das teilweise arg heruntergekommene Gebäude für seine Verhältnisse optisch herausgeputzt oder auch herausputzen lassen - man hätte sich gewünscht, diese Idee wäre schon Jahre früher in die Tat umgesetzt worden, jetzt am letzten Tag nutzt es nicht mehr denen, die den Riederwald belebten und vor allem sportlich nutzten, sondern eher jenen, die sich heute Abend feiern lassen. Ich werde nicht dazu gehören, aber dies ist eine andere Geschichte.

Gegen 14:00 quälten sich Pia und ich durch den freitagnachmittaglichen Verkehr, zöckelten im Stopp and Go durch die stets überlastete Straße Am Erlenbruch und bogen auf das Riederwaldgelände ein. Auf der kleinen Wiese parkten wir und durchschritten das Willkommensschild der Frankfurter Eintracht.


Zu unserer Überraschung wurde das seit ein paar Jahren weiß daherkommende Verwaltungsgebäude in den letzten Tagen mit großflächigen Grafittis besprüht, die Sprayerfraktion der Ultrás durfte sich verewigen und die Bilder werden uns sicher medial begegnen. Zum Beispiel hier im Blog:


Schön, gell - wie gesagt, man fragt sich, weshalb dies nicht schon vor Jahren geschehen ist.

Ein großes Zelt vor der alten Hütte, die in den letzten Jahren als Ersatz für die schon lange geschlossene Gaststätte gedient hatte, harrte der Dinge und vor allem der Menschen, die sich im Laufe des Tages hier einfinden werden. Einer, der auf jeden Fall da ist, ist Matze Thoma. Das muss er auch, denn Matze ist nicht nur der Leiter des Eintracht-Museums im Waldstadion (welches heute auf Grund des abendlichen Zweitliga-Spiels des FSVs sowieso geschlossen war) sondern auch unser Führer für die heutigen finalen Führungen durch den Riederwald.

Pünktlich um 14:30 trafen wir am Treffpunkt ein, Matze war schon da, auch Billy Ott (der selbst hier Ende der Sechziger bei den Amateuren gespielt hat) sowie dessen Herzallerliebste Karin (welche einst mit Kinderwagen dem jungen Billy zuschaute) sind anwesend und auch Roland Gerlach, der schon 1965 hier als kleiner Bub Autogramme gesammelt hat; Loy, Höfer, Lindner trainierten hier zur damaligen Zeit und der junge Roland, der morgen auch in Cottbus sein wird, so wie er immer anwesend ist, wenn die Eintracht spielt, himmelte seine Helden an, noch bevor er im Waldstadion zu Gast war. Wir waren ein munterer Trupp, Ultrás und Rentner, alte Hasen und neue Gesichter und marschierten zu den rückwärtigen Eingängen an der Pestalozzi-Schule, um auf dem Wall einen Blick über das Stadiongelände zu erhaschen.


Wir wurden daran erinnert, dass der ganz alte Riederwald von 1920 bis 1943 noch an anderer Stelle lag, nämlich am heutigen Metro-Gelände.


1936 brannte die Holztribüne nieder. Im Krieg zerstört, wurden Trümmer auf ihm abgeladen - er ward nicht mehr nutzbar und so zog die Eintracht 1952 zum derzeitigen Platz, dessen Attraktion zunächst ein selbsttragendes Spannbeton-Tribünendach war. Keine tragenden Säulen störte den Blick auf das Spielfeld, jedoch schaffte es Eintracht Frankfurt zunächst nur den Mittelteil des Daches zu finanzieren, die enorme Spende von 50.000 $ aus der Amerikareise 1951 reichte nicht zu mehr. Erst durch hohe Zuschauereinnahmen aus den Endrundenspielen 1953 füllten sich die Kassen, so dass die Dachanbauten links und rechts finanziert werden konnten. Vom Flutlichtpokalsieg 1957 über hunderte Oberligaspiele bis hin zum endgültigen Abriss der einstmals so stolzen Tribüne 1989 sah der Riederwald eines nicht: Die ganz großen Spiele der Eintracht. Die gingen im Waldstadion über den Rasen, die Endrundenspiele 1959 und die Europapokalpartien 1960. Auch die Bundesliga war hier nie zu Gast; mit deren Einführung 1963 wanderten die Profis ins Waldstadion. Trainiert wurde jedoch bis 2001 hier.


Während Matze kenntnisreich die Historie erläuterte, näherte sich uns leise ein älterer Herr, den ich sogleich als ehemaligen Eintracht-Trainer Dietrich Weise erkannte. Freude öffnete mein Herz, da ich Herrn Weise bei einer der schönen Veranstaltungen im Museum kennengelernt hatte, wo er sich als ebenso leidenschaftlicher wie liebenswerter und kluger Mensch präsentierte.

Dietrich Weise - Billy und Karin Ott

Der Pokalsieger-Trainer von 1974 und 1975 sowie Vater der Weise-Bubis begleitete uns fortan auf dem Rundgang und ließ es sich nicht nehmen, aus seiner Vergangenheit zu erzählen, damals als Dr. Peter Kunter noch regelmäßig und vor allem freiwillig seine wöchentlichen Sprungübungen in der Sandgrube machte, ohne die er nicht spielen wollte.

Dort, wo heute die U-Bahnen der Stadt Frankfurt rangieren, lagen zu seiner Zeit die Plätze des damaligen Hockey-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, unantastbar für die Fußballer, deren Trainigsbedingungen schon damals eines Fußball-Bundesligisten nicht würdig waren. Die Reste der Stehpätze sind noch auf der Rückseite der Kurve zu erkennen. Und so kam es, dass die Fußballer der Frankfurter Eintracht sich morgens in aller Frühe auf die Hockeyplätze schlichen und aufpassten nicht beim Training erwischt zu werden.

Der junge Armin Kraaz trainierte am Kopfballpendel verbissen seine Kopfballstärke und dieser Aufwand wurde belohnt, Armin wurde von Weise in die Bundesliga beordert, nicht zuletzt ob seiner Kopfballstärke. Trainer Weise meinte, dass dies heute wohl nicht mehr so trainiert würde: Die können das wohl alle, sagte er nachdenklich. Als wir über die Laufbahn in Richtung Hauptgebäude marschierten, nahm mich Herr Weise beiseite: Von Zeit zu Zeit gehe er noch ans Kopfballpendel, um zu sehen, ob der Rasen darunter abgenutzt sei, ein untrügliches Zeichen für dessen Benutzung; allein: der Rasen sei stets grün.


Wir liefen zurück zur Vorderseite und gingen in die ehemaligen Kabinen. Alte Fußballschuhe lagen umher und an der Tür hing ein Foto der Seele des Riederwaldes, wie Kid den langjährigen Stadionsprecher und Schiedsrichterbetreuer Kurt Schmidt einst benannte.

Hinter den Kabinen lagen die Entmüdungsbecken, schon lange unbenutzt. Wurden die Trikots der Eintrachtler in frühen Jahren Jahren noch von den Spielern selbst gepflegt, so hat Zeugwart Toni Hübler später hier die Bekleidung gewaschen.


Blitzlichter flammten auf, auch als wir in den hinteren Teil Richtung Sauna marschierten; marode und vergammelt das ehemalige Kleinod, wo sich die Herren Pfaff und Kreß erhitzten. Noch heute war es derart warm hier unten, dass man hätte meinen können, ein letzter Meisterspieler schlurfe gleich mit einem Handtuch an uns vorüber.


Hochmodern war auch dieser Teil des Riederwaldes zu Beginn seiner Ära. Damals, als die Spieler noch genau zwei Paar Fußballschuhe besaßen: Noppen für den harten Platz und Stollen für den tiefen Rasen. Heute bräuchte man mindestens noch ein paar Handschuhe, wollte man das kalte Wasser in die Becken laufen lassen.


Es war schon recht schaurig in den Kabinen und dem sportlichen Bereich, in dem sich die U23 noch bis zum heutigen Tag bewegte. An den Wänden hingen Motivationssprüche für die Spieler, in den Spinden das notwendige Haargel - und es ist schier unvorstellbar, was sich Gastmannschaften in den letzten Jahren für ein Bild von Eintracht Frankfurt e.V. machen mussten, immerhin von 1945-63 durchgängig Oberligist und anschließend Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga. Verfall in allen Steinen. Dietrich Weise betonte, dass auch bei seinem zweiten Engagement bei der Eintracht etliche Ostblockvereine daran interessiert gewesen seien, in Deutschland, dem kapitalistischem Vorzeigeland, Erfahrungen zu sammeln, was den West-Fußball anginge. Da der DFB in Frankfurt sitzt, lag es nahe, den Riederwald zu besichtigen, was für die Eintracht (mit dem Wissen um den Verfall) zu Peinlichkeiten führte. Anders dürfte es in Sofia oder Tirana auch nicht ausgesehen haben.



Matze erzählte noch die Geschichte des Karlchen Schildger, einem kleinen, etwas korpulenten Eintrachtunikums, der quasi von Beginn an zum Inventar gehörte. Karlchens Vorstellung von seinem Ableben bestand darin, dies am Riederwald zu tun - und der liebe Gott hatte ihn erhört. Eines Tags im Jahr 1960 legte sich Karlchen auf eine Liege und verlor seine Kräfte. Toni Hübler wollte noch einen Arzt rufen, jedoch es war zu spät. Karlchen Schildgers letzter Wunsch wurde Wahrheit und er starb nur wenige Momente später auf der Liege im Riederwald.

Wir verließen den Kabinentrakt und wanderten hoch zur Geschäftstelle. Dort, wo Ute Hering als Assistenz der Geschäftsleitung Jahrzehnte lang den Machenschaften zusehen musste, welche die Eintracht in schöner Regelmäßigkeit in die Schlagzeilen brachte. Detari-Millionen, Klofensterkündigungen und seltsame Abgänge von Trainer und Kurzzeit-Präsidenten. Zuvor erläuterte Matze, dass die ehemalige Gaststätte bei Baubeginn tiefer gelegt werden musste, da die geplante Höhe der Räume nicht den gesetzlichen Bestimmungen entsprach. Nebenan der Presseraum; er erfuhr neben vielem anderen dass mit Trainer Heynckes die Uhren anders gehen würden.

Das Heiligtum war das Präsidiumszimmer, schwer holzgetäfelt mit Blick über die jetzigen Hockeyplätze und Aktenversteckkammer. Hier saßen sie, Gramlich Senior, Gramlich Junior, von Thümen, Ohms, Heller und zuletzt Peter Fischer, jener allerdings ohne Kompetenz für die Bundesliga Mannschaft, die ab 2001 der Eintracht Frankfurt Fußball AG zugehörig war.


Hier mussten Spieler und Trainer zum Rapport, hier wurden Verträge unterzeichnet - oder aufgelöst, je nachdem. Dietrich Weise betonte, dass die jetzigen Trainings- und Hockeyplätze noch vor gar nicht allzulanger Zeit Schrebergärten gewesen seien. Zehn Jahre hätte der Kampf der Eintracht um diese Plätze gedauert - und hätte der mächtige Präsident Rudi Gramlich dies noch erlebt, er hätte den Schreibtisch drehen lassen, um aus dem Fenster die Mannschaft zu beobachten.


Die alten Bäume, welche Toni Hübler gepflanzt hatte, sind als erste den Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen. Weise betonte, dass eben Toni Hübler einer der letzten sei, der die Geschichte des Riederwaldes in allen Facetten erzählen könne - mehr als jemand zuvor gehört hat, dessen sei er sicher.

Der letzte Teil der Führung brachte uns zum Ehrenmal der Toten von Eintracht Frankfurt, einige Buchstaben fehlten, und dennoch war ich erstaunt, dass es so etwas überhaupt gab. Aufgefallen ist es mir bislang noch nicht, versteckt an den Büschen hinter der Geschäftsstelle.


So endete die Führung durch den Riederwald. Wir bedankten uns bei Matze und Dietrich Weise und wanderten noch einmal ums Gelände, um Abschied zu nehmen.



Pia - Ursula

Und wir waren nicht alleine.

Jens -

Später hatten wir hatten wir noch das Glück, einen Blick in die ehemalige Kegelbahn werfen; zu können - nunja, es war stockfinster, so dass wir mit Feuerzeugen bewaffnet nur wenig erkennen konnten. In einer Ecke moderten alte Stadionmagazine, in einer anderen Aufkleber oder Turnmatten und der gesamte Bereich wurde durch Deckenstützen vor dem Zusammenbruch bewahrt, hier wohnte Verwesung. Aber spannend war's dennoch - und von irgendwo hörte man das Klackern der Kegelgeister, die vor Jahrzehnten hier zu Hause waren.


Nach einigen Kletterübungen erblickten wir wieder das Licht der Welt und nach einem Schoppen verließen wir den Riederwald, wir hatten gut daran getan, heute hierher zu kommen, es war ein schöner Nachmittag. Herbstlich wohl, doch sonnig.

Im Juni 2010 soll der neue Riederwald eröffnet werden, schauen wir dann, wenn's soweit ist. Aber selbst dann wird keine höherklassige Eintracht-Mannschaft mehr hier Fußball spielen. Zuschauertribünen sind nicht geplant.







Alle Fotos (bis auf eines) sind von Pia Geiger. Danke dafür.