Sonntag, 6. Dezember 2009

Whatever works!


Samstag Morgen, ich liege auf dem Sofa, rotze vor mich hin und draußen dreht die Welt ihre Runden; noch weiß ich nicht, ob ich es ins Stadion packe. Derbyfieber? Derby? Gegen Mainz? Derby, das ist FSV Frankfurt gegen die Eintracht, so haben es die Großväter erlebt. Jener FSV der 1925 als erste Frankfurter Mannschaft das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreicht hatte. Derby, das ist Eintracht Frankfurt gegen Kickers Offenbach. Jene Kickers, die 1959 unseren Sieg im Finale in Berlin als Gegner versüßten. So haben es die Väter erlebt. Aber Mainz? Eine Bereicherung für die Liga ... wird gerne kolportiert - gemeint ist damit eine Bereicherung für die Medien; eine Bereicherung für den Mainzer Sender ZDF um genau zu sein, dazu später mehr.

In Woody Allens neuem Film Whatever works gibt es eine kurze Szene, in der die naive junge Melodie dem alternden Boris vorschlägt, irgendwohin zu gehen, wo es Spaß macht. Die sarkastische Antwort lautet mit Fragezeichen versehen: Ins Holocaustmuseum?

Wenn es funktioniert.

Es regnet, der BvB hat den Club mit 4:0 abgefidelt, Stuttgart kam über ein 1:1 gegen den VfL Bochum nicht hinaus und Hannover trotzte Bayer ein Pünktchen ab. Na gut, ich ziehe mich warm an, Stau auf der A661, Pia fährt, ich maule wegen der Fahrbahnverengung und rotze.

Louisa, Daddy ist schon da. Dunkel, Regen. Das Fanhaus liegt verlassen an den Gleisen, wir marschieren durch den Wald, nehmen beim Bratwurst-Walter eine Wurst und ein Bier, passieren erstaunlich flott den Eingang, und entern den Block: 41 G, wie immer. Die Kurve singt Im Herzen von Europa, einige tragen Nikolausmützen andere Hoffnung.

Anpfiff. Die Eintracht im Schwarz-Rot, die anderen in Grün; Fußball. Es geht hin und her, in der Mainzer Kurve wedeln fünf Fähnchen, später raucht es und der ein oder andere Karnevals-Bengalo illuminiert die Arena. So es Frankfurter gewesen wären, hätte es gehießen: unbelehrbare Chaoten, die sich nicht für Fußball interessieren; da es aber im hiesigen Falle die netten Mainzer waren, heißt es später im ZDF: Super Stimmung. Der Mainzer Torhüter Heinz Müller, geboren in Frankfurt, pariert großartig einen Kopfball von Liberopoulos; im Gegenzug hält Nikolov einen Schuß von Bancé, den Abpraller versemmelt Amri.

Super Stimmung. Die gab es dann in der 29. Minute, als Marco Russ einen weiten Ball in den Strafraum schlug und Maik Franz, der bis dato mit Bancé seinen Spaß hatte in den Ball rutschte und zum viel umjubelten 1:0 für die Eintracht traf. Narhallamarsch.

Fußball, Meier rackerte, Ochs machte Dampf, Korkmaz wuselte und Maik Franz gab alles; ließ sich nichts gefallen und sorgte für die Momente, die den Fan mitreißen und die den Fußball mit den Emotionen versehen, die uns die Zeit vergessen lassen.

In Halbzeit Zwei nahm Mainz das Zepter in die Hand; der hochgelobte Ivanschitz duschte sich bereits und die Eintracht wehrte sich halbherzig gegen die Mainzer Angriffe; hatte Glück, dass sich Bungert und Hoogland bei einem Kopfball gegenseitig behinderten. Selbst als Amri mit Gelb-Rot vom Platz musste, dem Schiedsrichter Beifall klatschte und Bajramovic den Ball aus der Hand schlug, konnte die Eintracht zunächst nicht dominieren. Nikolov wehrte einen erneuten Kopfball in letzter Sekunde ab; Franz wurde von einem Mainzer am Kopf getroffen, blieb liegen; mehrfache Rudelbildung sorgte für heitere Rufe aus der Frankfurter Ecke. Franz und Bancé, Franz und Pekovic; man muss zeigen, wer Herr im Hause ist. Whatever works. Verreck, verreck, Mainzer Dreck ...

In den letzten Minuten konterte die Eintracht endlich so, wie es sich für Elf gegen Zehn gehört und als der kurz vor Ende eingewechselte Teber schön per Hacke auf Ochs verlängerte, dieser nach vorne flitzte und dann clever auf Meier ablegte, der überlegt ins lange Eck schob, war in der 90. Minute der Geck erlegt; Narhallamarsch zum Zweiten.

Die Mainzer Humba fiel aus, die Einracht hatte ihren Job erledigt und die Medienwelt ihre Bilder. Feindbilder.

Wir trafen Kid: trotz Rotz und Kopfweh hatte es sich gelohnt, ins Stadion zu gehen waren wir uns einig - und auch in der Sicht der Dinge, dass wir in der ersten Hälfte Fußball gesehen hatten.

Vor dem Stadion hielt ein Reporter des "Bewusstlos durch den Vormittag-Senders" FFH einigen Eintrachtfans das Mikro unter die Nase, die würdelos den Blutsauger umtanzten anstatt diejenigen zu ignorieren, die stets dann präsent sind wenn Spektakel erhofft wird. Gegen Wolfsburg sind sie dann wieder auf dem Weihnachtsmarkt. Last Christmas und so.

Szenenwechsel, Sofa feat. Rotz.

Zweites Deutsches Fernsehen. Ansässig in Faschingshausen, verantwortlich für die Berichterstattung im Sinne der hiesigen Fußballer; zu Gast Formel1 Fahrer Sebastian Vettel, gebürtiger Heppenheimer und bekanntermaßen Eintrachtfan sowie Thomas Tuchel, Mainzer Übungsleiter - auch durchgehend als Sänger einer Hamburger Band der 90er Jahre.

Vettel überreichte Tuchel ein Präsent; einen Becher vom Spieltag mit der schriftlichen Erinnerung an das Ergebnis des heutigen Tages. Moderator Steinbrecher fragte den Formel1 Helden nahezu verständnislos wie man denn Eintrachtfan wird; mit dem gleichen Duktus hätte er auch fragen können, wehalb man denn Affenhirn essen würde. Der gute Mensch sollte von Geburt an Mainzfan werden, so lieb so nett und so drollig die Kerlchen; da übersieht man gerne einen gestreckten Mittelfinger von Bancé nach Spielende oder die Tatsache, dass aus der Mainzerfankurve wie eingangs erwähnt Rauch und Bengalos aufstiegen. Nicht, dass es mich groß stören würde, alleine die Doppelmoral Superstimmung versus unbelehrbare Chaoten je nach Gusto irritiert gewaltig.

Tuchel durfte sich über vermeintliche Ungerechtigkeiten ausweinen, Steinbrecher triefte vor Verständnis und so langsam können wir zur Normalität zurückkehren. Die heißt im Frankfurter Falle nächste Woche Hoffenheim und das Schlimmste ist zu befürchten: Hier die lustigen Hoppes und dort die bösen Franzfurter; wir, die schwarzgekleideten Fußballdesinterssierten Unbelehrbaren. Ich entschuldige mich schon jetzt für meine kommenden Entgleisungen.

Dass die Frankfurter Rundschau zum Spiel gegen Mainz Franz zum Buhman machen will, einen schmutzigen Sieg gesehen haben will und einen Mainzer unwidersprocen mit den Worten zitiert: Der Mainzer Manager Christian Heidel war zutiefst erschüttert vom Auftreten des Frankfurter Verteidigers passt ins Bild.

Nein, es war nicht schmutzig meine Herren; niemand hat an den Haaren gezogen, niemand hat hinterhältig gefoult, keiner ging auf die Knochen und kein Ellbogencheck war zu sehen. Das wäre schmutzig. Es war ein Fußballspiel; ein emotionales Fußballspiel - und es ist nicht Aufgabe der Medien, einen Spieler, der alles für die Eintracht getan hat, ohne unfair zu sein, durch den Dreck zu ziehen; schon gar nicht die Aufgabe der Frankfurter Medien.

Aber das könnte nach dem 2:0 gegen ZDF Mainz 05 auch egal sein. Ich habe es gestern schon geschrieben: Danke an die, die es möglich gemacht haben. Danke Maik Franz, danke Alex Meier aber auch Dank an Patrick Ochs, Oka Nikolov, Ümit Korkmaz, Marco Russ, Christoph Spycher, Nikos Liberopoulos, Zlatan Bajramovic, Pirmin Schwegler, Chris, Benny Köhler und Selim Teber.

Heute Morgen wehte noch der Geist des Sieges durch das Frankfurter Stadion; gleich, am Bornheimer Hang wird ein anderer im Mittelpunkt stehen: Christoph Preuß. Und darauf freue ich mich.



Whatever works.

Kommentare:

  1. Sänger einer Hamburger Band der 90er Jahre.

    Schön.

    Das hat gestern richtig gut getan und der krönende Abschluss war dann der Vettel.

    Und heute Dein Eintrag, Axel.

    Vielen Dank dafür.

    AntwortenLöschen
  2. Diese FFH-Beleidigung find ich scheiße.







    Der Sender ist auch den Rest des Tages nur lobotomiert zu ertragen.

    AntwortenLöschen
  3. Niemand hat hinterhältig gefoult? Niemand? Ihr guckt alle nicht richtig hin!

    Klick mich, Baby!

    AntwortenLöschen
  4. Kein Fernsehen. Wenig Internet. Viel frische Luft, zwei Mal Eintracht und gute Gespräche. Ein schönes Wochenende.

    Und Affenhirn scheint groß im Kommen zu sein. ;-)

    Gruß vom Kid

    PS: "ZDF Mainz 05" und "Faschingshausen". Klasse. Danke, Beve.

    AntwortenLöschen
  5. Wahre Worte, Beve! Und in Zeiten wie diesen, ist das notwendig, absolut notwendig! Und Kid hat Recht: Klasse! Danke, danke, danke!

    Viele Grüße & weiterhin sichere Straßen,
    Fritsch.

    AntwortenLöschen
  6. Great Stuff, Beve. So, wie immer eigentlich...

    Danke und Gruss
    Holger

    AntwortenLöschen
  7. Danke.

    Danke, grossen Dank an Sebastian Vettel.
    Ohne ihn hätte ich das lienentreue Pfalz-TV (sie würden sagen "Rheinhessen" - aber das Hessen gönne ioch ihnen nicht) noch weniger ertragen können.

    Adlergruss

    AntwortenLöschen
  8. Dank an die Jungs auf dem Rasen,danke an deinen
    Eintrag

    Meinen Dank an Sebastian konnte ich gerade
    persönlich machen, der hat sein neues rotes Auto gerade in die Schweiz verzollt.
    Grüsse vom Bodensee

    AntwortenLöschen
  9. Hey Beve,
    du hast Benjamin Köhler nicht gedacht. Das 2:0 gehört ihm. Sein Laufweg, perfekt, dabei bindet er zwei Spieler und zeigt in vollem Spurt dem Herrn Ochs auch noch an wo dieser hinspielen soll. Grandios.

    AntwortenLöschen
  10. @Yogi. Cool! ;-)

    AntwortenLöschen
  11. doch andy, köhler bei benny köhler hatte ich mich auch bedankt :-)

    danke fürs feedback; ich freue mich immer noch, dass die eintracht dieses spiel gewonnen hat. dass die mainzer so schlechte verlierer sind, wundert jedoch.

    viele grüße

    beve

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.