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Sonntag, 7. März 2010

Klarer Fall von Denkste.


Noch letzte Woche in Stuttgart dachte ich, der Frühling naht mit großen Schritten - und nur ein paar Tage später starre ich auf: Schnee. Frühling? Klarer Fall von Denkste.
Eine nette Redewendung, wie ich meine - ohne einen blassen Schimmer zu haben, woher sie stammt. Erinnert an eine Zeit, als Jugendliche noch Spatzenschleudern in der Hosentasche trugen und auf Coladosen geschossen haben, deren Verschlüsse als fliegende Ufos dienten, insofern man den Ring von der Lasche trennte und ihn mit Schwung fliegen ließ.

Dolle Zeiten das.

Schnee also; warm eingepackt den Weg von der Louisa zum Stadion durch umherfliegende Baumstämme hinweg gestapft; eingereiht in die Strömenden, heißer Apfelwein beim Bratwurst-Walter, eine Fan geht vor, ein Hallo im Museum, ein Schwarz auf Weiß geschnappt, hoch die Treppen der Arena, die ausverkauft war - was nicht zuletzt an den vielen blauweißen Schalkern lag. Fußball. Und ein Schalker Kuttenträger, der sich blauweißrotschwarze Extensions an die Mütze geflochten hatte. Schalke und der Glubb.

Maik Franz spielte nicht, er hatte sich ja an einem Dummie verletzt. Ob er dieses wie neulich noch den Herrn Bancé angebrüllt hat, ist nicht überliefert. Sebastian Jung nahm also Franz´Position auf rechts ein, Russ und Chris in der Mitte und Spycher hinten links. Im Mittelfeld die Herren Teber, Schwegler, Köhler und Ochs, davor Meier und Altintop, der einst beim Gegner spielte und nun für die Eintracht.

Schalke ohne Streit, Jones und Kuzorra aber mit Neuer im Tor, der einen mausgrauen Sweater trug, was Pia nicht sonderlich zusagte. Noch weniger sagte uns aber zu, was sich unten auf dem Platz zu trug. Standard Schalke. Kopfball Schalke. Tor Schalke. Da sich dies binnen drei Minuten wiederholte, weil die Spieler Russ und Meier sich nicht entscheiden konnten, wer denn nun den Ball wegköpfen soll und der Schalker Höwedes einfach so ein Tor erzielte, war das Ding gelaufen.

Klarer Fall von Denkste. Köhler scheppelte noch einen Freistoß knapp am Tor vorbei - was manch einer erst mit Verzögerung merkte und blieb nach dem Pausentee in der Kabine, um Caio Platz zu machen. Keine Ahnung, wer zuletzt in der Kabine einen Pausentee getrunken hat. Was ich aber weiß ist, dass im Wort Pausentee sich das Wort Ente versteckt - spielt hier aber keine Rolle.

Caio schob das Bällchen zu Ochs der pressflankte in den Strafraum und Meier (siehe auch Phantom, das) schob zum Anschlusstreffer ein. Jetzt erwachte das Stadion, die Eintracht wirbelte und hatte ein ums andere Mal den Ausgleich auf den quietschbunten Schlappen, während sich immer wieder ein Schalker Spieler anschickte, auf dem Spielfeld zu versterben, - um es sich nach Pfiff des Schiedsrichters aber jeweils anders zu überlegen und weiter lebte.

Korkmaz kam für Teber, der für seine Verhältnisse ein anständiges Spiel dar geboten hatte und verlor den Ball am gegnerischen Strafraum. Der folgende Konter brachte Schalke wieder mit zwei Toren in Front, während Schneepulver ganz sachte vom Dach in die Arena staubte. Immerhin erlebten wir nach langer Zeit wieder einen Kurzauftritt von Martin Fenin, dessen Einwechslung in der 82.Minute für Spycher das Ruder herum reißen sollte. Dies gelang nicht, dafür aber ein weiteres Tor für Schalke - aus abseitsverdächtiger Position, was aber im End keinen Unterschied machte. Abpfiff; 1:4.

Was bleibt? Ein seltsam lauter Jubel, als auf dem Videowürfel die Führung der Kölner gegen die Bayern eingeblendet wurde (!ausgerechnet! Podolski) und ein Mittelstürmer Altintop, der sich meist auf Außen herum trieb und entsprechend mittig fehlte. Naja, ausgeträumt waren sie, die zaghaften Träume von Europa - womit aber im Ernst niemand gerechnet hat. Schalke macht aus fünf Chancen vier Tore und rückte dadurch den Bayern auf die Pelle. 1958 - in jenem Jahr feierten die Königsblauen die letzte Meisterschaft und ich drücke alle Daumen, dass dies auch fürderhin so bleibt. Das dürfte mein Schalker Freund Thomas völlig anders sehen, dem ich wie nach quasi jedem Spiel gegen Schalke gratulieren durfte.

Trainer Magath ließ nach dem Spiel laut FR dem Vorstandsvorsitzenden der Eintracht Heribert Bruchhagen angeblich ausrichten: Einen schönen Gruß an Herri, er soll langsam mal in die Tasche greifen. Das muss er auch sagen, schließlich hat Schalke so viel nicht vorhandenes Geld in den letzten Jahren verbraten, dass es ihnen ganz recht sein dürfte, so sich andere um Kopf und Kragen riskieren.

Das Fazit Jetzt wird die Eintracht nach unten durchgereicht dürfte die FR exklusiv haben; phasenweise hat die Eintracht nämlich den aktuellen Tabellenzweiten ganz ordentlich unter Druck gesetzt und obgleich die Niederlage verdient war, ist sie zu hoch ausgefallen. Caio hat gezeigt, was er kann. Zehn, fünfzehn Minuten im positiven Sinne, den Rest im Negativen und letztlich ist die beste Meldung die, dass Fenin wieder dabei ist.

Wie auch immer, nach dem Kick bin ich nochmal rüber an den Container und weiter ans Gleisdreieck, habe einen heißen Apfelwein bekommen und einen Lift von Uli ins Nordend; danke dafür. Später ging's noch ins Backstage, obgleich die Bembelbar diesmal im Bahnhofviertel bei Lili Marleen statt fand. Da sich aber Apfelwein und Auto nicht vertragen, hatten wir wir uns fürs Heimspiel entschieden - und sollten es nicht bereuen; ein muntrer Trupp plauderte zur Musik des juvenilen Ergänzungsspielers bis in die Puppen. Glut und Asche. Ich hätte ja gerne noch den Song Road Down von den Killigans gehört, der stand aber nicht zur Debatte.

Jetzt geht's nach Hannover - und ich werde nicht dabei sein. Das liegt daran, dass ich morgen Mittag in die Sonne fliege - ein noch nicht ganz zu begreifender Gedanke. Meine Eltern haben heuer Jubiläumsgeburtstag und den gesamten Anhang zum all-inclusive-Urlaub im fernen Ägypten eingeladen. Hoffentlich sind dann auch die Punkte in Hannover inklusive. Ob es kommende Woche also ein Heimspiel in Makadi Bay gibt, steht in den Sternen. Vielleicht liege ich ja kommenden Samstag mit einem Drink am Strand, lasse mir gebratene Spieße vorbei bringen und schaue gedankenverloren ins schwarz-rote Meer wo ein Entchen treibt und habe dabei völlig vergessen, dass die Eintracht kickt.

Also bleibt sauber, feiert schön den 111ten der Eintracht und denkt daran:

Aus.Wärts.Sieg!

Samstag, 3. Oktober 2009

Heimspiel auf Schalke


Freitag Nachmittag. Andere machen Feierabend, freuen sich auf ein Wochenende im goldenen Herbst; vielleicht wird gekeltert oder eine Radtour ins Grüne geplant, hinweg über knackende Buchecker und Eicheln. Vielleicht findet man ja eine Feder eines Eichelhähers oder entdeckt ein Reh am Waldesrand - irgend etwas Schönes zum Ausgleich für die vergangenen Mühen der letzten Woche. Wiederum andere laden sich Gäste ein, kochen italienisch, plaudern über Literatur oder den Niedergang der SPD - oder darüber, wieso alles so ist, wie es ist.

Wir aber fahren nach Gelsenkirchen, um in einer Turnhalle unserer Mannschaft beim Verlieren zu zuschauen. Gelsenkirchen. Selbst Schuld.


Freitag, 14:00 Uhr: Auf der Zeil ist verhältnismäßig wenig Betrieb, der ausnahmsweise Freitags statt findende Wochenmarkt weist erhebliche Lücken auf, weiter vorne Richtung Hauptwache wird gebaut, so wie schon seit Jahren auf der Zeil gebaut wird. Sollte jemals fertig gebaut sein, wird die Fußgängerzone den Charme eines Autohauses aufweisen - Rundschau, Post, Ammerschläger und Kaufhaus Schneider gehören schon länger der Vergangenheit an, stattdessen gibt es nun ein Kaufhaus mit Loch. An der Hauptwache sind ein paar Buden aufgebaut, aus den Lautsprechern blubbert 10cc's dreadlock holiday, beschienen von der Herbstsonne, die auch den neugestalteten Goetheplatz ins rechte Licht setzt. Seit 1840 steht hier das Gutenberg-Denkmal, elefantene Mäuler spucken Wasser aus; weiter vorne der Theaterplatz, der schon lange Willy Brandt Platz heißt - aber nicht nur deshalb, weil dieser 1959 als regierender Bürgermeister von Berlin dem Endspielsieg der Eintracht im Olympiastadion beiwohnte; damals als die SPD noch ... aber lassen wir das.

Münchener Straße, kleine Lebensmittellädchen dicht an dicht mit Hotels und Kneipen, zwischen drin die ein oder andere Agentur - und genau dorthin führte mich mein Weg. Ich holte Pia ab, wir verschlossen die Räder im Hofeingang und wanderten Richtung Bahnhof Südseite; dem traditionellen Abfahrtsort für die Auswärtsbusse zu den Spielen der Eintracht. Wir haben bei den Geiselgangstern gebucht; Fahrt, Ticket und Erlebnisfaktor inclusive für schlappe 38 Euro, das geht auch mit dem eigenen PKW nicht billiger - und du hast den Vorteil, ein Schöppchen trinken zu können und zudem bei Freitagabendspielen nicht mitten in der Nacht sinnlose Kilometer auf den silbernen Golf schrubben zu müssen - außer Turnhallenfußball sieht man ja eh nicht viel von der Welt - nachts in Gelsenkirchen.

An der Südseite mengten sich die Mitfahrer der heutigen Busse, hier ein Hallo, dort ein Guude und schon rollte unser Bus ein; in Zeiten der Krise tut es dann auch ein ehemaliger Linienbus - traditionell ohne Toilette und ohne Aschenbecher in den Sitzen, aber dafür entschädigten die Mitfahrer. Natürlich durften Buffo, Gerre und Ralf ebenso wenig fehlen, wie Gaby, Ina oder Jens, aber auch einige neue Gesichter waren dabei sowie Kine, Steffen oder Stefan, die wie wir immer mal wieder dabei sind.

Kaum auf der Autobahn, standen wir auch schon im Stau und hinter Rosbach folgte die erste Pause; etliche sollten folgen - und wir hielten sogar an Plätzen, welche mit einem Häuschen bestückt waren, auf dass auch die weibliche Klientel ihren Bedürfnissen nachkommen konnte. Von Zeit zu Zeit klang darob ein Frauen ham beim Fußball nichts verloren durch den Bus, wie generell die Sangesfreudigkeit mit gestiegenem Alkoholpegel wuchs.

Die Fahrt zog sich nicht nur wegen der Pausen in die Länge, wir glitten auf der A45 von einem Stau in den Nächsten derweil sich Sonne und Regen abwechselten und Deutschland an uns vorüber zog. Noch grünten die Blätter an den Bäumen, der Sommer zuckt, der Herbst aber breitet seine Schwingen aus; Novembergrau wartet schon.

Burger Hain, Am Borbelholz - so hießen nun die Parkplätze während wir an einem Fläschlein Apfelwein nuckelten und ab und an ein Kippchen rauchten. Über dem Fahrer blinkte das Zeichen Wagen hält; eine Reminiszenz an Tage, als der Bus noch Schüler nach Hause karrte - während die klassische Tombola ihre Schatten voraus warf. Badeschlappen und T-Shirts warteten auf neue Besitzer, die von Gerre wortreich die Gewinne ausgehändigt bekamen. Hauptpreis ist stets ein Platz für die nächste Auswärtsfahrt - weder Pia noch ich hatten jemals etwas gewonnen, so auch heute, als die Losnummer 110 gezogen wurde. Schade, wieder nichts - doch dann strahlte Pia übers ganze Gesicht: Die hab ich. Tatsächlich, irgendwie hatte sich das Los 110 zwischen ihre 150er Nummern gemogelt und somit steht also fest, wie wir in ein paar Wochen nach Leverkusen kommen werden. 110. All colors are beautiful gewinnt. Das issn Ding.

Wenig später rollten wir in Gelsenkirchen ein und nach einigem hin und her parkten wir auf dem Parkplatz der Gelsenwasser AG. Über den Hermann-Eppenhof-Weg marschierten wir Richtung Turnhalle, deren Leuchtreklame bald aus der Dunkelheit erstrahlte.

Am Eingang war relativ wenig los, dennoch dauerte das Einlassprozedere eine ganze Weile; wir beobachteten, wie ein Fan auf wackligen Beinen schimpfend das Stadion zwecks übermäßigem Alkoholgenuss verlassen musste und hatten es nach einigen weiteren Minuten geschafft. Durch Tunnel und Gitter kämpften wir uns in unseren Block und stellten uns ganz oben an die Wand, wo wir auf Suse, Mülli und Tube trafen. Über uns im Balkon hockten einige Schalker und darüber wieder die Frankfurter - es war also nur eine Frage der Zeit, bis entweder Bier oder Rotz die Seiten wechseln würde; selten dämliche Planung - aber was will man von einem Turnhallenbetreiber anderes erwarten.

Auf dem Videowürfel wurden nun die Spieler der Teams eingeblendet, affig die Schalker, die posierten, als gelte es in Bravo-Girl zu landen. Der Stadionsprecher trug ein Leibchen mit der Aufschrift Quatscher 04 und wies sanft darauf hin, dass Rauchen nicht so dolle ist.

Das Dach der Halle war geschlossen, das Licht gleißte und aus der einstmaligen Flutlichtatmospäre wurde eine Art Filmset-Beleuchtung, während auf dem Feld ein Zeppelin mit der Aufschrift Berlin-Air schwebte. Gelsenkirchener Komparsen, ausgestattet von Gazprom, hockten ganz in Blau auf ihren Plätzen und bestaunten das Event. Allein einige Teile der Nordkurve gebärdeten sich unruhig.

Los ging's, die Eintracht mit Chris und Franz in der Innenverteidigung sowie Steinhöfer und Köhler für Bajramovic und Caio, die auf der Bank Platz nehmen mussten. Amanatidis und Meier standen in vorderster Front und mühten sich redlich, brachten aber außer einem Kopfball von Ama nichts zustande. Da aber auch Schalke in der Vorwärtsbewegung nicht wirklich viel gelang, lautete der Halbzeitstand folgerichtig 0:0. Gutgelaunt sang die Eintrachtkurve unentwegt Mein Leben dir vermacht, jeden Tag und jede Nacht und überbrückte so die Pause.

Die zweite Hälfte begann mit einer Überraschung, urplötzlich begab sich Jan Zimmermann, unser Ersatztorhüter mit der Nummer 28 auf den Platz - und der Anpfiff brachte Gewissheit: Wieder einmal musste die Eintracht während eines Spieles den Torhüter wechseln; der heute fehlerfreie Nikolov konnte nicht mehr weiter machen.

Zimmermann reagierte zunächst einmal unsicher, Ochs musste in höchster Not auf der Linie klären, während bei Schalke nach 58 Minuten Asamoah eingewechselt wurde. Das Spiel plätscherte vor sich hin, ein Punkt für die Eintracht lag durchaus im Bereich des Möglichen, bis - ja bis es kurz hinter der Mittellinie Freistoß für Schalke gab. Der Spieler Schmitz verlegte das Bällchen noch einige Meter nach vorne und flankte es vor das Frankfurter Tor, Zimmermann zögerte und Asamoah wuchtete es zur glücklichen Führung ins Netz - jetzt wachten die Schalker Komparsen auf, sangen ein bisschen und provozierten die Frankfurter Kurve, die bislang durchgehend supportet hatte. Ätzend; 66 Minuten hörst du die Uschis nicht, aber wenn sie in Führung gehen, gebärden sie sich, als hätten sie das Rad erfunden. Die Schalker Assis über uns rotzten runter, einer verlor dabei seinen Schal und nach einigem Bohai war wieder Ruhe. Die Eintracht aber fand in der Offensive kein Durchkommen; nicht eine zwingende Chance konnten sich die Adler erspielen, Teber wollte aber konnte nicht, Chris fehlte auf der Sechs und auch die Wechsel Liberopoulos für Amanatidis und Caio für Steinhöfer änderten an der Harmlosigkeit nicht das Geringste. Als Schwegler dann kurz vor Schluss mit gelbrot vom Platz flog, war der Käs´gelutscht. Zu allem Überfluss traf Zimmermann in der letzten Minute nicht nur den Ball, sondern auch einen Schalker. Den fälligen Elfer verwandelte Farfan und so endete ein Spiel, das eigentlich 0:0 ausgehen musste mit einem Heimsieg für Gelsenkirchen. Zudem fing sich Teber noch die fünfte Gelbe und fällt somit gegen Hannover aus. Vielleicht eine Chance für Titsch-Rivero.

Es ist wie immer: Hinfahren, Hallenfußball, doofes Publikum und dämlich verlieren. Unten hüpfte ein Maskottchen auf und ab, das aussieht, wie eine Pimmelnase, die Mannschaft kam in die Kurve getröpfelt und Zimmermann wurde mit kurzen Sprechchören aufgemuntert; überhaupt war unser Support ordentlich, und das obwohl Martin nicht dabei war. Dino und Peter gaben ein guten Ersatz.

Wir verließen missmutig die Halle und wanderten zum Parkplatz, rings um uns begann das Gerenne der jungen Leute auf Abenteursuche und alsbald hockten wir auf unseren Plätzen und rollten über die Emscher. Im CD-Player schrammelten nun Cock Sparrer, Herne, Dortmund, Highway. Kühl und neblig rauschte das Sauerland an uns vorbei, dann das Siegerland - und ich frage mich jedes mal, weshalb die Gegend hier Siegerland heißt, wenn ich doch imer als Verlierer hier durch fahren muss.

Verliererland.

Nach einem Stopp an einer Hamburger Braterei rollten wir weiter, hinten gab es vereinzelte Sangeseinlagen, vorne gepflegte Gespräche; aus dem Abend wurde Nacht und aus der Nacht bald Morgen als die Hochhäuser Frankfurts als Leuchtpunkte aus dem Nichts erwuchsen. Bald fuhren wir über die Messe in die Stadt, deren Fußballverein 1959 zum letzten Mal Deutscher Fußballmeister wurde und hielten gegen 3:00 Uhr an der Südseite. Hier ein Gute Nacht, dort ein Dankeschön und bald radelten zwei müde Krieger durch die City, im Leib die Finsternis einer 0:2 Niederlage in Gelsenkirchen.


Verliererland. Schöne Scheiße.

Immerin besiegte heute die U19 am Riederwald den Nachwuchs aus Hoffenheim mit 2:1 - und dies obgleich die TSG mit 1:0 in Führung ging und zudem mitten im Spiel die Rasenbewässerung ansprang. Eintracht halt, was soll man da machen?

Dienstag, 21. Juli 2009

Unterwegs

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Ich weiß gar nicht mehr, woher die Geschichte stammt; die Geschichte von dem Juden, der sich aus Amerika ins gelobte Land aufgemacht hatte, um nach einer Weile wieder nach Amerika zu reisen. Dort blieb er eine Zeitlang, bis er wieder nach Israel aufbrach. Dies wiederholte sich einige Male. Als er dann gefragt wurde, wo er denn am liebsten sei, in Amerika oder in Israel, da antwortete er sinngemäß: Am liebsten bin ich unterwegs.

Ich war unterwegs - und bin mir sicher, dass ein Reisebericht hier nicht auf sonderliches Interesse stoßen würde, schließlich geht es hier ja um Fußball im Allgemeinen und der Frankfurter Eintracht im Besonderen; außerdem geht euch mein Privatleben ja auch gar nichts an :-)

Da aber der Fußball in meinem Leben stets eine Rolle spielt, so blieb es natürlich nicht aus, dass ich auf die verschiedensten Aspekte des Rasensports während meiner kleinen Reise gestoßen bin - und davon soll hier die Rede sein - und auch das fotografierte Bild wird davon sprechen.


Berlin

Stets wenn ich in Berlin bin, treffe ich Thomas. Thomas kommt aus Gelsenkirchen und er ist natürlich Anhänger von Schalke 04. Als kleiner Bub schon stand er in den Katakomben des Parkstadions und wartete auf die Spieler, um sich Autogramme geben zu lassen. Wir unterhalten uns oft über die Vergangenheit, die eigenen Erlebnisse und Geschichten; Thomas ist auch der einzige Mensch den ich kenne, der während einer Fernsehübertragung eine Flasche Bier nach dem Fernseher geworfen hatte; damals, als Schalke in den Uefa-Cup-Endspielen gegen Inter Mailand Chance um Chance vergab - bis es dann doch noch zu einem glücklichen Ende kam. Meist erfahre ich etwas Neues, so auch diesmal. Oder wusstet ihr, dass Schalke zwar 1904 gegründet wurde - allerdings unter dem Namen Westfalia Schalke. Die Vereinsfarben waren rot und gelb. 1919 fusionierte Westfalia Schalke mit dem Turnverein zu Turn- und Sportverein Schalke 1877 bis 1924 die Trennung von den Turnern dafür sorgte, dass ein Fußballverein übrig blieb: Fußballklub Schalke 04 e.V. Die Vereinsfarben wurden Blau und Weiß. Schalke trägt seine Spiele heute in einer Turnhalle im Stadtteil Erle aus.

Eine Geschichte, die stark an die eines anderen Vereines erinnert, nicht wahr? Bloß dass die Farben der Eintracht seit den Tagen vom Fußballclub Victoria und den Frankfurter Kickers stets Rot-Schwarz-Weiß waren.

Leider blieb ich nur ganz kurz in Berlin, allerdings reichte die Zeit, um einen kurzen Abstecher in das Stadion zu machen, in dem Union Berlin im letzten Jahr seine Heimspiele austrug, da die alte Försterei renoviert wurde: in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark am Mauerpark. Ein Tor stand offen, und ich radelte hinein. Flutlichtmasten, Zäune, Laufbahn, Haupttribüne, bunte Schalensitze und eine kuriose Sprecherkabine prägten das Stadion, in dem sogar Michael Jackson schon aufgetreten war und die Hertha einige internationale Spiele absolviert hatte. Wenn man ganz alleine in einem Stadion ist, und sich umschaut, da hört man manchmal schon das Geraune der Jahrzehnte und sieht vor seinem geistigem Auge die Heerscharen, die hier Bratwurst und Bier verzehrend sowohl die ganz junge Hertha als auch zu DDR-Zeiten Vorwärts Berlin und den BFC Dynamo erlebt hatten. Als ich das Stadion verlassen wollte, war das Eingangstor geschlossen und ich musste mir etwas einfallen lassen. Aber das ist eine andere Geschichte.


Papendorf

Kaum war ich in Berlin, war ich auch schon wieder draußen, durch Brandenburg rollte ein altes Mercedes Coupé, Thomas und ich cruisten durch den Osten Deutschlands, rechter Hand die Müritz, bis wir in unmittelbarer Nähe von Alesia die Autobahn verließen und in Papendorf Station machten; Pia verweilte mit den Kids dort - und wir verbrachten den Abend mit Freunden auf der Terasse, Rehe staksten aus dem nahen Wald auf die Wiese, wo zwei Tore aufgebaut waren. Am nächsten Morgen spazierten wir durch den Ort und entdeckten Vorboten des Ortes, dessen Erwähnung uns allen Bauchschmerzen bereitet. Im Nieselregen drehte die erste Mannschaft der SG Warnow/Papendorf ihre Runden, wer weiß schon, wie hier die Laktattests ausfallen.


Alesia


Warnemünde

Wer als Tourist hierher kommt, der ist nie alleine. Andere waren schon hier, andere sind hier - und sie alle hinterlassen Spuren. Die Touristen tragen Socken zu den Sandalen, fotografieren Möwen und Schiffe, essen Fischbrötchen und kaufen Souvenirs, während sich die Kitesurfer mit dem Wind über die Wellen ziehen lassen. Wir fotografierten Möwen und Schiffe, aßen Fischbrötchen und kauften keine Souvenirs, weil uns die Verkäuferin zu unfreundlich war - aber
dies ist eine andere Geschichte; mitgebracht aber haben wir einige Details, die nun folgen:
















Hasloh


In Hasloh ist die TuS Hasloh zuhause - und für das Team kickt der Sohn unserer nächsten Gastgeber - und trifft ab und an ins Schwarze. Enno ist großer Werder Bremen Fan und hat sogar das Pokalendspiel in Berlin gesehen, als Diegos letzter Einsatz den Pokalsieg brachte. Er hat sogar das letzte Autogramm, das Diego in Bremen bei dessen letztem Training in Bremen gegeben hat. Jetzt ist er ganz traurig, weil Diego nach Turin wechselt. Er weiß aber, dass ich Eintracht-Fan bin und mir Kyrgiakos näher steht als der kleine Brasilianer - aber das machte nichts. Ennos Papa, Ingo, ist ebenfalls großer Werder Fan. Er hat bei Kutzops vergeigtem Elfmeter nur wenige Schritte von ihm entfernt gestanden und hat auch Siegmanns Foul an Lienen aus nächste Nähe gesehen; und noch viel mehr dazu - aber dies ist eine andere Geschichte.


Hamburg

Hasloh ist nur wenige Schritte von Hamburg entfernt - und als wir in Hamburg einliefen, da rollten wir an der Sportanlage von Victoria Hamburg vorbei. Und dort führt Walter Frosch die Gaststätte. Ihr kennt Walter Frosch nicht? Na, dann schaut euch doch einmal dieses Video an:



Nun kennt ihr Walter Frosch.


Wer in Hamburg verweilt, der kommt natürlich an Fußball nicht vorbei. Das HSV-Stadion ist schlicht mit Arena ausgeschildert, wie diese nun gerade heißt, wissen wahrscheinlich nicht einmal eingefleischte HSV-Fans.

Die St. Pauli Anhänger wollen dies sicherlich gar nicht wissen - aber auch sie prägen das Stadtbild - zumindest in kleinen Details. Und das ist auch gut so.

Elbe, Millerntor, Docks und Speicherstadt - kaum waren wir in Hamburg drin, waren wir schon wieder draußen und bald ging es zurück nach Frankfurt; Autobahn, Sonne, Regen und gegenüber ein Stau, der sich gewaschen hatte .


Autobahn - Irgendwo in Deutschland


Meilen entfernt von der Hansestadt findet sich auch hier Hamburg, recht pfiffig, wie ich finde - denn nun folgt mein Lieblingsbild; beim nächsten Besuch im Norden werde ich diesem Verein sicherlich einen Besuch abstatten; Wer solche Fans hat, kann nämlich kein ganz Schlechter sein:


Noch auf dem Rückweg rief mich Christian an und wir erfuhren Neuigkeiten; Ralf Fährmann, unser neuer Torhüter hatte sich die Hand gebrochen. Stimmt, die Eintracht gibts ja auch noch. Alles wie immer.

Gute Besserung Ralf!

Sonntag, 21. September 2008

Heimspiel auf Schalke - September 2008

Grau der Morgen, früh die Zeit. Kurzfristig hatten wir uns überlegt, auch ohne Tickets dann doch nach Gelsenkirchen zu fahren, allein beim Aufwachen kränkelte Pia – doch sie war tapfer und kam mit.

Gegen halb elf tuckerten wir auf die Autobahn, The Gaslight Anthem und die Foo Fighters begleiteten uns durch den anbrechenden Herbst, im Beutel eine Thermoskanne mit Tee und die leise Hoffnung auf den ersten Dreier in dieser Saison – immerhin stand das dritte Auswärtsspiel hintereinander auf dem Programm.

Die Autobahn war noch relativ leer, ab und zu sauste ein PKW mit Eintracht-Anhängern an uns vorbei, die Busse sind wohl alle später gestartet, wir sahen keinen einzigen. Bäume und Wälder zogen vorüber und einmal sah eine durch Sturm geschlagene Schneise so aus, als hätte der liebe Gott einen überdimensionalen Fußabdruck im Wald hinterlassen.

Wir fuhren am Motto des heutigen Tags vorbei (Siegen) und bei Olpe überholte uns die Sonne, und beschien den fortan Tag freundlich und mild.

Lüdenscheid, Herne, Wanne, Eickel, Gelsenkirchen.

Wir parkten unser Auto wie beim letzten Mal in Gelsenkirchen-Erle, holten uns am Büdchen ein letztes-Mal-Gedächtnis-Radler und marschierten an einem Laden vorbei, der Basecaps mit dem Aufdruck „Rassekaninchenzuchtverein“ anbot. Es lag eine unaufgeregte Stille über der Stadt, viele Läden hatten geschlossen und peu a peu trudelten die ersten Schalker ein, wie gehabt: gerne im blauen Trikot.

Wir marschierten durch einen Park, trafen auf knutschende Bären - und über Parkplatz und Schulhof ging’s in Richtung Turnhalle.




Am Eingang für Gäste mit Sitzplatz trafen wir auf Gerold, ein großer Eintrachtfans der auf seine Käthe wartete, die wir prompt am Bernie-Klodt-Weg trafen. Dort, wo der Hermann Eppenhof Weg abgeht. Nachdem uns zuvor schon Sitzplatzkarten angeboten wurden - die wir jedoch ablehnten - hielt uns bald ein erster Frankfurter einen Packen Stehplatzkarten entgegen. Wir erstanden zwei Tickets (es hätten noch zig weitere sein können, wenn es hier etwas gab, dann Stehplatzkarten) und hockten uns chillig auf den grünen Hügel vor dem Gästeeingang und betrachteten den Einzug der Eintracht-Fans. Direkt hinter uns war wohl der Vip-Eingang, Großlimousine nach Großlimousine rollte an, Freunde von Kevin und Jermaine mit spitzen Bärtchen und wummernden Boxen passierten den Einlass, während Sonderbusse aus Gelsenkirchen anrollten und die Eintracht-Fans vom Bahnhof ausspuckten. Mit den Bussen kam es zu einer Rangelei mit der schwergepanzerten Polizei, Eintracht-Fans beschwerten sich und die Ordnungsmacht formierte sich, bildete Ketten und vertrieb uns provokant von unserem Hügelchen. Ohne Sinn, ohne Grund – einzig ein Dokument der Stärke der Staatsknechte. Da liegst du friedlich in der Sonne, babbelst mit bekannten Gesichtern – und wirst einfach fortgeschickt. Die Cops bewachten nun den Hügel und blieben einen Schritt hinter den Eintracht-Fans stehen, die sich nicht verjagen lassen wollten, meine Laune war für’s erste im Keller und Pia zog mich sanft von der Polizeikette, denn ich hatte mittlerweile begonnen, meine grünen Freunde ... – ach lassen wir das, es führt zu nichts.

Rudi und Marc liefen ein, später Matze, Hilde sowie Tristan - und Tube machte uns darauf aufmerksam, dass am gesamten Stadion zwar jede Menge Reklame angepappt war – aber eigentlich kein Hinweis auf Schalke 04 direkt am Gebäude zu finden war.

An der Kasse wollte niemand unsere Karte sehen, niemand checkte die Taschen und so marschierten wir durch den Tunnel zu den Stehplätzen. Pünktlich zum Anpfiff blickten wir aufs Grün – neidisch, denn der Rasen war im Gegensatz zum heimischen Madonna-FSV-Stadion ein solcher.

Die Eintracht trat mit Viererkette und Doppelsechs an, Libero verkümmerte im Sturm, der von Fenin, Toski und Meier gefüttert werden sollte. Was Toski auf Außen macht, wird des Trainers Geheimnis bleiben – und prompt rollte Angriff auf Angriff auf das von Nikolov mal wieder hervorragend gehütete Tor. Galindo und Ochs kassierten bald gelb vom Konzertpianisten Fandel, der nur wenig später unsere Nummer 29, Chris, nach einem Rempler am theatralisch fallenden Westermann vom Platz stellte. Unser Trainer reagierte, brachte Bellaid für Toski und mit einer gefühlten Sechserkette ging's weiter. Ochs grätschte den Ball ins eigene Netz, die Eintracht versuchte, das 0:1 über die Zeit zu retten, was auch gelang. Immerhin hätte es in den letzten paar Minuten beinahe einen Schuss aufs Schalker Tor gegeben. Nach 85.Minuten lautete das Eckenverhältnis 0:10 aus Frankfurter Sicht – und hätte Libero nicht aus 40 Metern beinahe einen Treffer erzielt, hätte der Schalker Torhüter keinen Ball halten müssen. Bei der Eintracht mag vielleicht taktisch vieles gestimmt haben – aber es gab keine Bewegung, so Oka einen Abschlag machte, es war kein Feuer auf dem Platz zu sehen, keine Attacken und kein Pressing. Nie war es einfacher, mit zehn Mann Schalke unter Druck zu setzen – allein, es passierte viel zu wenig. Die Schalker Fans wiederum pfiffen ihr Team trotz Führung und Tabellenführung aus, und außer ein paar Jungs, die hinter deren Torhüter ein bisschen sangen und hopsten, war die Stimmung gleich Null, was wir mit einem und das soll euer Mythos sein trefflich besangen.

Am Ende verlor die Eintracht mit 0:1. Das muss kein Beinbruch sein – aber die Bilanz seit dem Leverkusenspiel lautet nach gespielten 12 Partien: 1 Sieg, 3 Unentschieden und 8 Niederlagen. 14-25 Tore und sechs Pünktchen. Und wir sahen einen Fußball, der mit Rasse und Klasse und Spielintelligenz und Leidenschaft irgendwie so gar nichts mehr zu tun hat.

Wir beeilten uns, die Turnhalle zu verlassen und marschierten in Richtung des alten Parkstadions. Von weitem konnte man schon zwei Flutlichtmasten erkennen – und nach einigen Irrwegen standen wir vor der Schüssel, die knapp 30 Jahre die Heimat der Schalker war. Es war eine einzige Baustelle, die Kurven abgerissen oder bewachsen, die Haupttribüne abgerissen, einzig die Bänke der Gegengrade standen noch, Autos parkten auf der Laufbahn direkt am Rasen, der gleichfalls um Längen besser war, als das Geläuf im heimischen Tempel. Victoria und Gazprom-Reklame-Banden waren das Neueste in diesem verfallenden Hort der Geschichte. Und die beiden Fluchtlichtmasten waren auch die einzigen, die übrig geblieben waren.
Ich rief meinen Schalker Kumpel Thomas an, der schon seit Jahren in Berlin sitzt, um ihm diese traurige Mitteilung zu machen - aber er wusste schon Bescheid.




Auf dem Rückweg gab es ein Herbsteis zu fünfzig Cent die Kugel, erneut knutschende Bären und bald darauf rollte ein silberner Golf durch die Nacht.

Irgendwann in Hessen schalteten wir das Radio an, ein neuer Sender fiel uns auf, Radio Bob. Über den Äther tönte Black Sabbath` Paranoid, Don Henleys Boys of Summer oder Foreigners Juke Box Hero, Pop-Rock Hits der Sieziger bis heute und ich meinte zu Pia: Pass auf, gleich kommt bestimmt Love is a battlefield von Pat Benatar. Kaum hatte ich’s gesagt tönte aus den Lautsprechern: Love is a battlefield. Hätte ich mal besser Lotto gespielt.

Gegen halb zehn waren wir wieder zu Hause, die Bayern hatte gegen Bremen im Schlauchboot mit 2:5 verloren und das ZDF begann seinen Bericht Schalke – Frankfurt mit einem unsäglichem Beitrag über Frankfurter Fans, die wie immer schön asozial seien. Bloß Bilder zu den Behauptungen blieben uns die Mainzer schuldig – aber es passte zu diesem Tag, der wohl einer der letzten Sonnentage in diesem Jahr war. Der Herbst kommt. Ganz sicher.