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Donnerstag, 7. Januar 2010

Sonny erklärt die Eintracht. Oder: Was nicht zu erklären ist.


Die Eintracht ist nicht zu erklären. Die Eintracht ist ne Diva. Und eine Diva ist eine Frau. Und erklär' mal als Mann eine Frau.

Mit diesen einleitenden Worten von Helmut Sonneberg, genannt Sonny, begann eine kunterbunte Zeitreise durch annähernd sechzig Jahre Eintracht-Geschichte, geschildert von einem Mann, der von sich selbst sagt, dass er kein Eintracht Anhänger ist und auch kein Fanatiker. Ich lebe Eintracht.

Damit ist viel gesagt - aber bei Weitem nicht alles. Über sechzig Zuhörer hatten sich am bitterkalten 6. Januar im Museum eingefunden, um den Erzählungen Sonnies zu lauschen.

Es begann direkt nach Ende des zweiten Weltkrieges, Frankfurt lag in Trümmern ebenso wie der alte Sportplatz am Riederwald. Das erste Fußballspiel sah Sonny an den Sandhöfer Wiesen, der Ort, an dem der 1. FC Nürnberg 1920 gegen Fürth Deutscher Meister wurde. 1945 spielte der FSV Frankfurt gegen Union Niederrad und der Bub war endgültig mit dem Fußballvirus infiziert. Kurz danach im Jahr 1946 meldete er sich bei der Eintracht an; die Geschäftsstelle befand sich in der Privat-Wohnung von Hans Moser-Göhring, der mit der Zigarre im Mund Eintrittskarten verkaufte und Mitglieder im Verein aufnahm. Der Mitgliedsbeitrag betrug eine Mark und beinhaltete freien Eintritt für die Spiele, ein Privileg, welches Sonny weidlich nutzte. Er stand stets mit seiner Gang im gleichen Eck zunächst am Rosegger, später im Stadion am Brentanobad und am Bornheimer Hang, dessen Sportplatz direkt nach Kriegsende im Mittelkreis einen Bombentrichter aufwies und vorerst nicht bespielbar war.

Fußballschuhe waren eine Rarität, Sonny hatte Glück. Karl Röll, ein ehemaliger Spieler der Eintracht schenkte dem Bubsche ein paar Schuhe, die zwar nicht hundertprozentig passten, aber fortan ihm alleine gehörten. Wesentliches Merkmal waren Stahlkappen in den Schuhen, die Bälle waren aus Leder und mit einem geschnürten Schnuddel versehen, sie wurden schwer wie Blei, wenn es regnete oder schneite. Überhaupt mussten Schuhe, Stutzen und Hosen von den Jugend-Spielern selbst organisiert werden. Gespielt wurde am Rosegger und es war ein großes Glück, wenn zuvor die Handball-Mädels spielten, die Jungs konnten sie anschließend durch die Astlöcher in den Kabinen beim Umziehen betrachten. Als immer mehr Jungs bei der Eintracht kicken wollten, fanden auch Spiele am Marbachweg statt; im Winter waren die Duschen eingefroren, dreckig und verfroren liefen sie nach Hause; sogar Fahrräder waren ein Privileg; nur wer aus besonderen Gründen eines brauchte, bekam einen Bezugsschein.

Auch Straßenbahnen fuhren nach Kriegsende Sonntags nicht, wenn die Buben Eintracht-Spiele besuchen wollten, mussten sie von Sachsenhausen zum Brentanobad laufen. Nach der Währungsreform 1948 wurde das Leben einfacher, nun fuhren sie mit dem Fahrrad - sogar zu Auswärtsspielen; nach Aschaffenburg, nach Mannheim.

Lebhaft schilderte Sonny seine Erlebnisse; so die Fahrt nach Mannheim über Zwingenberg - bis der erste Platten die Truppe in Verzug gebracht hatte; mit Ach und Krach schafften sie es pünktlich zum Anpfiff ins Stadion.














Endergebnisse der anderen Spiele wurden in den Stadien nicht übermittelt, es gab nur wenig Telefone, bei Heimspielen marschierten die Fans in die Sportzentrale, einer Kneipe Ecke Saalburgallee/Heidestraße, Massen warteten vor der Tür, während der Wirt bei den Zeitungen die Ergebnisse abtelefonierte und auf eine Schiefertafel notierte. Erst mit Kenntnis dessen zogen die Fans ab, marschierten zur Hauptwache, um einen Blick in die Nachtausgabe zu werfen, deren Schlagzeilen von Zeitungsverkäufern ausgerufen wurden. Jahre später kam es dabei zu einer hübschen Episode, als ein Eintrachtsieg, die Krankheit des Bundeskanzlers Adenauer und die russische Sputnik-Mission mit der Hündin Laika die Schlagzeilen beherrschten, die der Ausrufer wie folgt zusammen fasste:

Eintracht Sieg gegen Stuttgart. Adenauer schwer erkrankt. Der Hund lebt noch.

Zuvor traf Sonny Richard Kreß auf dem Weg zum Riederwald in der Straßenbahn, rannte mit Olympiamedaillengewinner Heinz Ulzheimer um die Wette und bekannte sich zu Maik Franz. Der is wie mir, wenn ahner was wollt, gab's uff die Knoche un es war Ruh.

Sonny erzählte von der psychologischen Kriegsführung, untergrub die Leistung seiner Gegenspielern mit gezielten Fragen: Bist du sischer, dass dei Frau treu ist? Er sprach von der Zeit, als Jugendtrainer noch entlassen wurden, als seine Mannschaft ein Spiel gegen die Kickers verloren hatte, als er im Fritschegässchen die Ergebnisse selbst an die Tafel schrieb - und dafür eine Frikadelle bekam und als er nach Gewinn der süddeutschen Meisterschaft den Eintracht-Kapitän Alfred Pfaff auf den Schultern trug.

Später wurde Sonny Besitzer eines schwarzen Käfers, der fortan durch den Süden der Repubklik die Gang zu den Auswärtsspielen der Eintracht fuhr. Auf dem Weg nach Stuttgart riss der Gaszug, der Wagen blieb liegen. Die vorbeikommende Polizei wollte den Käfer zunächst nicht abschleppen, bis der Polizist Sonnies Schwester bemerkte, die er für dessen Freundin hielt und meinte: Nun, wenn sie schwanger wäre, wäre dies etwas anderes. Sonnies Antwort:

Ei, die is doch schwanger.
Seit wann dann, Man sieht ja noch gar nichts.
Ei, heut awend fange mer an.

Der Wagen wurde abgeschleppt, die Reparatur kostete sieben Mark und die Gang konnte sich das Spiel ansehen.

Zum Endspiel 59 legte die Gang zusammen, fünf Mark Spritgeld für jeden - und die Reise nach Berlin begann - in selbstgenähten Fanklamotten. Pinkelpausen fanden unter Maschinengewehr Überwachung seitens der VoPo am Rande der Autobahn statt. In Berlin selbst ereilten Sonny fürchterliche Zahnschmerzen; 15 Mark kostete der Eingriff, er ließ sich den Zahn einfach ziehen und stand pünktlich zu Spielbeginn im Stadion - und erlebte so den großen Erfolg gegen die Kickers schmerzfrei.

Auch zum Halbfinale im Europapokal gegen Glasgow stahl sich Sonny aus dem Krankenhaus, eine Gallenblasenentzündung hatte ihn flach geleget - kein Grund, ein Spiel der Eintracht zu verpassen. Zum Rückspiel fuhr die Gang mit dem Zug - drei Tage dauerte die Reise nach Schottland, belohnt wurden sie durch weitere sechs Tore - und drei Tage Rückreise.

Der Nationalmannschaft kann Sonny nur wenig abgewinnen - umso mehr jedoch der heutigen Internet-Situation; noch im Alter von 74 Jahren lernte er den Umgang mit Computern und ist heute regelmäßig bei den Blogs oder dem Eintracht-Archiv zu Gast. Seine Haltung verdeutlicht eine Begegnung mit Bürgermeister Wallmann beim Pokalendspiel 1981. Dieser traf auf Sonny und sprach ihn jovial an: Heute sind wir alle Eintrachtler. Sonnies lapidare Antwort: Net nur heut.

Heute ist Sonny zwar von Zeit zu Zeit beim Training und gehört zu den Riederwaldrentnern, die sich regelmäßig treffen - im Stadion ist er nur noch selten, die Augen machen nicht mehr ganz mit. Dennoch hat er sich seine wache Art behalten, und begegnet den Dingen mit seinem eigenen Humor, der zwar nicht immer politisch korrekt aber stets liebenswert ist, auch die sogenannten fußballverstehenden Frauen können ihm nicht böse sein. Zumindest nicht lange.

Bis heute begleitet er die Eintracht kritisch und weiß, dass nicht nur Faton Toski seinen Pass am Airport vergessen hatte, sondern dies auch Scheppe Kraus vor fünfzig Jahren schon passiert ist. 105 Jahre will er alt werden, schließlich hat Sonny 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt - und nun möge diese eben solange für ihn bezahlen. Wer weiß, vielleicht sehen wir ihn ja in fünfundzwanzig Jahren erneut bei uns im Museum, wenn er mit Caio zusammen erzählt, wie Präsident Gramlich einst zwecks Eigenbedarf am Riederwald Hüblers Rasenmäher Benzin entnahm und Eventfußball im Jahr 2035 aussieht. Hoffentlich aber schon viel früher.

Am End bekam Sonny von Matze unter tosendem Applaus einen eigenen Autogrammkartensatz und schrieb und plauderte noch eine ganze Weile mit den Fans, die zum Teil seine Urenkel sein könnten und dennoch mit ihm auf einer Wellenlänge liegen. Großartig war es und Danke an alle Beteiligten.




Fotos: Anja Feix

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Sonny erklärt die Eintracht

Nachdem uns Kurt E. Schmidt vor einigen Wochen bei der Veranstaltung "Kurt E. Schmidt erklärt die Eintracht" so viel Freude bereitet hat und für einen der ganz großen Gänsehautmomente im Museum gesorgt hat, wollen wir natürlich mehr erfahren von den Menschen, die seit Jahrzehnten ganz nah dran sind an der Eintracht.

Für den Abend des 6. Januar 2010 haben wir deshalb Helmut "Sonny" Sonneberg eingeladen. Im Gespräch mit Axel Hoffmann wird der 78-Jährige erzählen, wie er in den 1940er Jahren zur Eintracht kam und was er in den vergangenen Jahrzehnten als aktiver Fan so alles erlebt hat.



In den 1950er Jahren gehört Sonny zu den aktivsten Fans der Eintracht, ausgerüstet mit Fahne, Tröte, Glocke oder Regenschirm in Eintracht-Farben treibt er die Mannschaft meistens live und vor Ort nach Vorne. Nach dem Gewinn der Süddeutschen Meisterschaft 1959 hat er die große Ehre, Alfred Pfaff auf den Schultern vom Platz zu tragen. In Berlin beim Finale besticht er dann durch einen extra angefertigten Eintracht-Anzug mit Zylinder, seinen kleinen VW-Käfer dekoriert er mit Eintracht-Motiven. Den Zylinder kann man heute im Museum bewundern, der Anzug und leider auch der VW-Käfer sind leider nicht erhalten geblieben. Und einen Platzsturm nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft verhindern in Berlin die Ordnungshüter...
Auch zum DFB-Pokalendspiel 1964 lässt sich Sonny, einer der Vorreiter der kreativen Fanszene von Heute, etwas ganz besonderes einfallen. Die ganze Gang fährt von Frankfurt aus mit großen Hüten nach Stuttgart und wenn sich alle artig in eine Reihe stellen, bilden die Buchstaben auf den Kopfbedeckungen den Schriftzug Eintracht.

Heute findet man Helmut Sonneberg regelmäßig bei den Riederwaldrentnern, die sich täglich auf der derzeitigen Baustelle zum Kaffee treffen und die Lage des Fußballs analysieren. Samstags ist Sonny bei den Spielen der Eintracht und aufgeregt ist er da noch wie vor fünfzig Jahren.

Wir vom Museum freuen uns immer, wenn wir ein altes Fotoalbum bekommen. Denn wenn die Fotografen damals die Fankurve ablichteten, kann man sich auf die Suche machen. Irgendwo findet man Sonny immer auf dem Bild, und immer hat er ein anderes "Eintrachtkostüm" an. Am Mittwoch wird uns Sonny sicher tolle Geschichten erzählen und wir zeigen einige der vielen Bilder von und mit ihm, die wir mittlerweile gesammelt haben. Und wer weiß: Vielleicht können Autogrammsammler ja ein neues Eintracht-Autogramm ergattern...

„Sonny erklärt die Eintracht“
Mittwoch, 6. Januar 2010
Start: 19.30 Uhr
Eintritt: 5,00 €, erm. 3,50 €

Kontakt:
Eintracht Frankfurt Museum
Waldstadion
Mörfelder Landstr. 362