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Donnerstag, 10. Juni 2010

Eine Woche im Juni - Teil II: Bergen, Bosnien, Berlin

Noch am Mittwoch lauschte ich den Worten des ehemaligen Eintrachtprofis Dr. Stefan Lottermann im Museum der Eintracht, Tags drauf stand ich auf einem kleinen aber lauschigen Sportplatz in Frankfurt-Bergen, um dem Halbfinale des Hessen-Pokals beizuwohnen. Die Frauen der Frankfurter Eintracht empfingen den haushohen Favoriten TSV Jahn Calden und träumten von einer kleinen Sensation; immerhin spielen die Caldenerinnen eine Liga höher und dies gar nicht mal schlecht. Von Zeit zu Zeit gebe ich bei den Spielen der Frauen den Stadionsprecher; ein Unterfangen, das diesmal auf wackligen Beinen stand: Ein Anwohner hatte sich doch tatsächlich über die Lärmbelästigung bei der Stadt Frankfurt beklagt - so ist das nunmal in Metropolen. Aber alles ward gut, ich durfte die kleine Anlage aufbauen, begrüßte die Besucher (und Anwohner) und sah, wie nach wenigen Sekunden der Ball im Netz zappelte. Durch eine tollen Fernschuss lag der Favorit in Führung, doch die Eintracht steckte nicht auf und erzielte wenig später den Ausgleich um nur kurz darauf erneut zurück zu liegen. Die Sonne beschien den Kunstrasen, hinter mir dampften Bratwürstchen auf dem Grill und im Vereinsheim wurde kräftig Bier gezapft.

Zwei Treffer brachten Calden auf die Siegerstraße, der erneute Anschluss sorgte für kurzzeitige Hoffnung, bis das 2:5 endgültig allen Träumen ein Ende bereitete - immerhin traf die Eintracht noch einmal ins Netz, so dass Calden mit dem 5:3 Auswärtssieg ins Finale einzog und entsprechend feiern konnte; die Eintracht zeigte sich geknickt - hatte aber durch eine tolle gezeigte Moral die Sympathien auf ihrer Seite. Als sich die U16 anschickte gegen Hessen Kassel zu spielen, verließen wir das Gelände - auf uns wartete ein Kontrastprogranmm der besonderen Art.

Tatort Waldstadion.

Schon auf dem Weg zum Stadion begegneten wir jeder Menge Bosnier; alle mit einem einzigen Ziel: Dem Frankfurter Waldstadion; Austragungsort des letzten Länderspiels der Deutschen Nationalmannschaft vor der WeEmm© gegen Bosnien-Herzegowina. Wir parkten brav zwischen den Bussen der Bosnier und zeigten am Eingang unsere schicken Plastikausweise vor; schließlich hatte das Museum geöffnet - und wir hatten zu tun.

Noch war es relativ ruhig; die Sanitäter trafen sich an einem Platz, der Fanbus parkte auf dem Gelände, Servicemitarbeiter wuselten umher und Sicherheitsleute sowieso.

Zunächst gingen wir ins Foyer, dort am großen Tresen, wo sonst der Eintrachtadler leuchtet, glänzte nun das DFB-Wappen und beim Öffnen der Museumstür schrillte die Alarmanlage - dass Steffen schon anwesend war, hatten wir nicht gemerkt. Shit happens.

Alsbald strömten die Massen - die meisten aber am Museum vorbei, Fußball war nicht so wichtig; das Erlebnis umso mehr. Die Werbeutensilien, die derzeit Getränkekästen beiliegen oder von Burgerbratereinen unters Volk verteilten werden, wurden zu Markte getragen und als wir um 19:15 eine kleine Führung durchs Museum anboten, hatte sich ein kleiner Trupp versammelt, um sich die Geschichte der Eintracht in Verbindung vergangener Weltmeisterschaften anzuhören - und dabei einen guten Grund erfuhr, weshalb das DFB-Team doch einen Funken Hoffnung haben kann, den Titel zu gewinnen - demnächst mehr dazu hier in diesem Block. Blog.

Länderspiel. Ich habe anlässlich der WM 2006 ein einziges Länderspiel bislang gesehen, damals hatten wir am Stadion Karten für die Partie Portugal-Iran geschenkt bekommen und lässig auf der Haupttribüne Figo und Ronaldo beobachtet; die Sonne schien und es war seinerzeit ein schöner Tag des Sommermärchens. Heuer stand nun das erste Länderspiel mit deutscher Beteiligung an - und ich geb´s ehrlich zu: Ich hab´s nicht so mit Deutschland und dem nationalen Selbstbewusstsein. Ich bin Frankfurter, mein Herz ist ein Bembel und gut ist´s.

Deutschland - Bosnien/Herzegowina; das Stadion war ausverkauft und wir konnten uns mit unseren Ausweisen zwar im Stadion bewegen, hatten aber kein Anrecht auf einen Sitzplatz. Das Glück wollte es aber, dass direkt unter der Pressetribüne einige Plätze frei waren und so saßen Pia, Steffen und ich mit schöner Sicht aufs Spielfeld inmitten 48.000 Menschen und harrten der Dinge, die nun kommen würden.

Es kamen:

Choreografiertes Werbebannerauslegen

Nationalhymnen

Schwarz-Weiße Pappchoreo seitens des Fanclubs Nationalmannschaft

Bosnischer Fanaticsblock

Bosnischer Support. Fußball.

Bosnisches Tor.

Klose und Podolski. Die gingen. Später. Vom Platz.

Löw in Schwarz.

Neuer in Rot.

Sonne in Gold.

Lahms tolles Tor.

Fnclb Ntlmnnschft mit Block-Trikot. Teuer. Erlaubt

Bosnische Bengalos. Billig. Verboten.

Schweinsteiger.

Vuvuzelas.
Vuvuzelas.
Vuvuzelas.

Abpfiff und später Deutschländer die sich mit Starkstromkabel (angeschlossen) die Füße umwickelten.

Nunja, das ganze erinnerte so ein bisschen an ein Rewe-Erlebnis-Wochenende auf einem Messegelände nur mit mehr Bier. Die WeEmm© kann kommen.

Wir gingen.


Ein paar Tage später radelte ich durch die Bundeshauptstadt an der Spree entlang, linker Hand das Charlottenburger Schloss und erreichte nach ein paar Kilometern das Olympiastadion. Vor dem Haupteingang bauten emsige Helfer eine Fanmeile zusammen - das Stadion aber blieb zunächst verschlossen; um es zu besichtigen muss der interessierte Beobachter ein Ticket für vier Euro kaufen - wer ein bisschen wartet, bekommt für diesen Preis demnächst vielleicht die gesamte Hertha, und so sparte ich mein Geld und radelte um das Stadion herum. Durch ein offenes Tor konnte ich aufs Gelände - leider nur auf das der Reitanlage, was nur mässig spannend war. Weitaus interessanter war der Besuch des Glockenturms am Maifeld.

Eine Ausstellung informierte über die Stadiongeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Entstehung und den Olympischen Spielen 1936, die aus Frankfurter Sicht auch deshalb von Bedeutung sind, da Tilly Fleischer im Speerwerfen die erste Goldmedaille bei Olympia für die Eintracht holte. Die Propagandaspiele in Berlin brachten nicht nur den ersten Facklellauf der Olympigeschichte, sondern auch eine bis dato ungekannte Medieninszenierung; Leni Riefenstahls umstrittener Film über die Spiele setzte Maßstäbe - in vielerlei Hinsicht.

Auf meinem Rundgang entdeckte ich auch ein paar Zeilen über die Spiele der Hertha, garniert mit einem Foto aus der Bundesligageschichte: Die Hertha schlug die Frankfurter Eintracht mit 2:1 im November 1974. Auf dem Foto zu sehen sind neben jubelnden Herthanern auch ein Frankfurter. Beverungen. Klaus.

Mit dem Aufzug ging es dann hinauf auf die Aussichtsplattform; die letzten Meter zu Fuß, vorbei an der Glocke, die dem Turm den Namen gibt. Allerdings hängt dort nicht das Original. Dies wurde nach dem Krieg als der Turm gesprengt wurde beschädigt, vergraben, später ausgegraben und dient nun als Mahnmal im Stadion.
Oben angekommen bietet sich ein fantastischer Blick über das Stadion nach Berlin in die eine Richtung, man erkennt andererseits die Gropiusstadt, aber auch Potsdam und unten die Waldbühne, die - als ich oben stand - sich für eine Konzert schick machte; die ersten Besucher drängten sich schon vor dem Eingang - später erfuhr ich, dass Pink heute auftreten sollte.

Hinter der Waldbühne liegt die Murellenschlucht, sie erzählt eine besondere Geschichte, die Erschießung von Deserteuren und Befehlsverweigeren kurz vor Ende des Krieges. Später radelte ich hindurch, sah die Spiegel und Textdokumente und vor meinem geistigen Auge spielten sich Schreckensszenarien ab, leuchteten Fackeln, hörte ich die Reden der Nazis und den Stechschritt der Soldaten und die Schüsse auf die Menschen die hier umgebracht wurden.

Wenn ihr mal in der Nähe seid, schaut es euch an; den Glockenturm, die Ausstellung und die Murellenschlucht - ein bewegendes Stück deutscher Geschichte inmitten des lebendigen Treibens von heute.





Freitag, 30. Oktober 2009

Stadionverbot bei bloßem Verdacht


Stadionverbote gegen Fußballfans können auch dann zulässig sein, wenn die Beteiligung an Gewalttätigkeiten nicht nachgewiesen ist... zitiert die Financial Times aus einem Urteil des Bundesgerichtshofes. Spiegel online ergänzt dazu eine Stellungnahme des DFB-Sicherheitsbeauftragten Spahn: Spahn erklärte: Es muss ein Mittel geben, um gewaltbereite Gruppen vom Fußball fernzuhalten.

Wie die rechtliche Einschätzung von Juristen aussieht, bleibt abzuwarten. Dass hier Willkür Haus und Hof geöffnet wird, liegt auf der Hand. Wer als Fußballfan inmitten eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung hineingerät, wird per sé als gewaltbereit definiert - und ohne Nachweis bestraft. Erneut die Times: Nach den Worten des BGH ist dies vom «Hausrecht» des Vereins gedeckt. Danach reichen für ein Stadionverbot bereits «objektive Tatsachen», die künftige Störungen befürchten lassen. Weil auch die anderen Zuschauer vor Randale geschützt werden müssen, dürfen laut BGH die Hürden für ein Stadionverbot nicht zu hoch gehängt werden. Nur bei «Willkür» sei ein Ausschluss unzulässig.

Was aber sind objektive Tatsachen wenn hier von einem Verdacht die Rede ist? Ex-Trainer Ribbeck würde sagen: Ich kann es mir als Verantwortlicher für die Mannschaft nicht erlauben, die Dinge subjektiv zu sehen. Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, dann werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen.

Nun, lustig ist das Urteil nicht; denn: was ist hier der Unterschied zu Willkür? Und mit welcher Selbstherrlichkeit wird hier ein Verdacht, der sich im Zweifel durch nichts erhärten lässt mit gewaltbereit gleichgesetzt. Wir können froh sein, dass die Todesstrafe abgeschafft wurde, prophylaktisches Töten hätte ein Geschmäckle.


Nachtrag:

In der derzeitigen Situation müssen wir leider jedem Fußball-Fan sagen: Wer ins Stadion geht, begibt sich in Lebensgefahr. Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG)

Ich nehme diesen Satz als Drohung war. Oder wie ist er sonst zu verstehen?

Nachtrag 2

Es gibt nicht nur im Fußball ein seltsames Rechtsverständnis. Grünflächenverbot!


Kommentare zum BGH-Urteil:

Süddeutsche Zeitung

Frankfurter Rundschau

Stern

WDR - Online

Heimspiel - Blog des Anwaltes Andreas Schwartmann, Köln.

Blog Johannes Hüttemann

Spiegel-Online: Im Zweifel gegen den Fußballfan

Diskussion im Forum der Eintracht


Tagesspiegel über Hooligans in Uniform

11Freunde

Mittwoch, 18. Februar 2009

Wir sollten froh sein, dass er sein Geld nicht in Museen und Kunsthallen steckt, sondern unter anderem in den Fußball


Zack, das hat gesessen. Wolfgang Niersbach, Generalsekretär des DFB formulierte obigen Satz, um wieder einmal für Dietmar Hopp in die Bresche zu springen. Nachdem der DFB also den Sohn des Präsidenten Theo Zwanziger, Ralf Zwanziger, bei der TSG Hoffenheim als Frauenfußball-Beauftragten installierte (oder auch installieren ließ) und als Belohnung dafür die neue Spielstätte der TSG in Sinsheim als Spielort für die Frauen WM benannt wurde; nachdem der DFB eine Datenbank über den grünen Klee lobte, die gemeinsam mit der Firma InterComponentWare AG (ICW), bei der Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp Hauptinvestor ist, betrieben wird und nachdem drei Spieler der TSG in den Kader der National-Jogis berufen wurden, die insgesamt 112 Bundesligaeinsätze nachweisen können (Beck, Compper, Weis) scheint die Allianz DFB - Dietmar Hopp weiterhin prächtig zu funktionieren. Vorausgegangen war ein Interview der Welt mit Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, welches unter anderem folgende Passagen enthielt:

Watzke: ... Doch die Bayern sind für uns nicht das Problem. Unser Problem sind Klubs, die relativ wenig Ausstrahlung haben und wenige Emotionen wecken, aber über sehr viel Geld verfügen.

WELT ONLINE: Sie meinen Hoffenheim, den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen.

Watzke: In den Klubs, die Sie nennen, wird erstklassige Arbeit geleistet und attraktiver Fußball gespielt. Allerdings machen sie den Traditionsvereinen das Leben schwer, weil sie nicht darauf angewiesen sind, das Geld selbst zu verdienen, so wie wir das tun müssen. Das ist keine Chancengleichheit im Kampf um die internationalen Plätze. Dieses Problem werden Vereine wie Hamburg, Bremen, Schalke und wir in den kommenden Jahren haben.

...

WELT ONLINE: Dietmar Hopp hat nicht zu unrecht darauf hingewiesen, dass Borussia Dortmund 140 Millionen Euro aus dem Börsengang verbrannt hat.

Watzke: Das trifft mich nur zum Teil, weil es an die Adresse meiner Vorgänger gerichtet ist. Doch ich habe zuletzt in einem der vielen Interviews, die Herr Hopp gegeben hat, gelesen, dass er bisher 175 Millionen in die TSG Hoffenheim investiert hat. Bisher. Allein das sind schon 35 Millionen mehr, als wir aus dem Börsengang eingenommen haben. Aber ich werfe Dietmar Hopp ja auch gar nichts vor. Nur bin ich der Meinung, dass man einmal sehr genau prüfen muss, ob die 50 plus 1-Regelung durch sein Engagement nicht doch ausgehöhlt wird.

Darauf reagierte Niersbach gewohnt souverän und objektiv. Wir sollten froh sein, dass er sein Geld nicht in Museen und Kunsthallen steckt, sondern unter anderem in den Fußball. Nicht nur, dass er mit dieser These den Gegensatz Fußball/Kultur auf ein Neues betoniert, den man wie die FAZ schreibt spätestens seit der WM 2006 überwunden glaubte, nein, er erinnert sich so gar nicht seiner eigenen Aussagen. Wir müssen das schaffen, Herr Becker. Wir wollen das DFB-Fußball-Museum. Bitte, geben Sie uns den Raum dafür.

So sind sie, beim DFB. Erst fährt Zwanziger große Geschütze bis hin zur Rücktrittsdrohung auf, als es darum ging, den Journalisten und Blogger Jens Weinreich in die Schranken zu weisen - um diese dann klammheimlich wieder zurückzufahren, nachdem Medienecho und Gerichtsurteile verheerend ausfielen; nun starrt man mit großen Augen willfährig auf die Geldmaschine Hopp und kümmert sich einen Dreck um eigene Ansinnen. Was interessiert mich also mein Geschwätz von Gestern, wenn ich heute ein Lichtlein habe, um dass ich mich drehen kann und das mir gleichermaßen Geld und mein Plätzlein am Tische der Macht sichert.

Eintracht Frankfurt hat in den vergangenen Jahren ein Museum auf die Beine gestellt, dort werden die Brücken geschlagen von den Gründungstagen 1899 bis heute; dort wird die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet und den alten Helden von Pohlenk über Stubb, Schütz, Kress, Pfaff, Grabowski, Hölzenbein bis hin zu Schur und Bindewald oder Christoph Preuß ein Kapitel gewidmet. Dort treffen sich Fans zu Veranstaltungen, ehemalige Spieler erzählen von ihrer Zeit und Kinder feiern dort ihren Geburtstag und atmen den Hauch der Geschichte, der Traditionsvereine ausmacht, Vereine, die über ein Jahrhundert ihre Stadt und deren Bewohner geprägt haben.

Museum und Fußball, das geht nicht nur bei Eintracht Frankfurt zusammen, sondern auch bei Schalke, Bremen, Köln oder Hamburg. Nur beim DFB ist kein Argument zu schäbig, um sich bei Dietmar Hopps Geldbeutel einzunisten.