Seiten

Posts mit dem Label Ästhetik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ästhetik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 11. Oktober 2010

Sauerei


Am nächsten Sonntag kickt die Eintracht zum ersten mal seit 2005 wieder in Kaiserslautern; traditionell ein heißer Kampf. Schon 1953 scheiterte die Eintracht in der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft - vor knapp 70.000 im Stadion unterlagen die Riederwälder den Pfälzer mit 0:1 um in Kaiserslautern mit 1:5 unter zu gehen. Bereits nach 19 Minuten führten Fritz Walter und co mit 4:0. Zum Bundesligaauftakt 1963 trennten sich beide im allersten Bundesligaspiel mit einem 1:1, Lothar Schämer traf als erster Eintrachtler - per Elfmeter zum Ausgleich. Beide Teams stiegen nach ununterbrochener Ligazugehörigkeit 1996 erstmals ab und 1999 triumphierte die Eintracht am letzten Spieltag gegen den Championsleague-Aspiranten mit 5:1; Fjörtofts Treffer sicherte dem Team von Jörg Berger die Klassenzugehörigkeit in Liga eins. Ein Jahr zuvor war der 1.FCK direkt nach dem Aufstieg sogar Deutscher Meister geworden.

Heuer kündet ein martialischer Flyer der Frankfurter Ultras von der kommenden Begegnung:


Dazu gibt es im Netz ein Video, welches die Fans der Eintracht für diese Partie sensibilisieren und motivieren soll - und natürlich streiten sich die Geister über Ästhetik und Inhalt sowohl des Flyers als auch des Videos.




Natürlich ist die Reaktion zwiegespalten; die Einen sind begeistert ob des Aufrufes, andere sind zutiefst empört und distanzieren sich davon; ja sogar die geplante Reise nach Lautern wird storniert. Sowohl im Eintracht Forum als auch im Blog-G wird das Thema kontrovers diskutiert.

Der Vorstandsetage graust es sicherlich bei diesen Bildern, doch wie ist der Auftritt zu sehen? Natürlich schreit die oberflächliche Ebene nach Kritik; die Gegner der Eintracht sind keine Schweine und Blut wollen wir schon gar nicht im Zusammenhang mit Fußball sehen - und geschlachtet wird auch niemand; schon die Assoziation an die wirklichen Schlachtungen wirklicher Menschen ruft einen Brechreiz hervor. Doch hat sich vor Jahren kaum jemand am Begriff Bomber der Nation gestört; einen Ehrentitel für den wohl treffsichersten deutschen Torjäger (sic!) aller Zeiten, Gerd Müller. Er war der Vollstrecker im Angriffszentrum - und kein Mensch kam auf die Idee, dass der Herr Müller tatsächlich irgend etwas mit wirklichen Bomben zu schaffen gehabt hätte, die Hunderttausende Opfer auf dem Gewissen haben.

Sowohl Flyer als auch Video bedienen sich einer Splatter-Ästhetik, die an Filme wie das Texas-Kettensäger-Massaker erinnern - und wir dürfen nicht vergessen; wir verhandeln hier Video und Grafiken als Ausdrucksformen der Kunst - und streifen hier den Begriff der "Geschmacklosigkeit" um der Provokation willen. Dies ist zweifelsfrei gelungen, nicht nur der Lauterer als solcher scheint empört, sondern sogar etliche Frankfurter, die sich als Teil des Mikrokosmos Eintracht begreifen. In Wirklichkeit aber dürfte sich niemand mit einem Schlachtermesser in die Pfalz aufmachen und es wird mit Sicherheit auch kein Pfälzer zu Wurst verarbeitet werden.

Es ist unsinnig zu glauben, dieses Video oder der Flyer würden Einfluss auf das Verhalten aller Beteiligten rund um das Spiel in der Pfalz nehmen. Wer sich im Rahmen der dritten Halbzeit auf die Partie vorbereitet, der wird dies unabhängig vom Aufruf machen - und wer sich mit Sicherheitsvorkehrungen beschäftigt, der wird dies ebenfalls unabhängig vom Aufruf machen. Das Zelt in Leverkusen, die Verhaftungen in Bremen, der Polizeikessel in Nürnberg - all dies brauchte keine martialische Vorankündigung - ebenso wenig wie der wellenschlagende nächtliche Besuch der Frankfurter beim Fanprojekt in Karlsruhe.

Allerdings birgt die martialische Ästhetik schon im Vorfeld die Rechtfertigung seitens der Sicherheitsorgane für ein ebenso martialisches Auftreten - nur mit dem Unterschied, dass im Gegensatz zur Kunst jenes Auftreten in der Regel wirklich ist.

Traditionell gibt es im Umgang mit Fußballfans zwei verschiedene Konzepte; während das eine wie mittlerweile in Hannover auf Dialog und Vertrauen setzt und Fußballfans als Gäste zunächst erst einmal willkommen geheißen werden, setzt das andere - wie in Bremen - auf Konfrontation und Machtdemonstration des Staates, der im Vorfeld keinen Zweifel daran lassen will, wer der Herr im Hause ist. In der Regel werden dadurch ganz normale Fußballfans per se kriminalisiert, gegängelt und demokratischer Grundrechte beraubt, die eine Radikalisierung beinahe notwendig zur Folge hat. Jede(r) der regelmäßig auswärts fährt, macht früher oder später die Erfahrung, dass es auch jeden treffen kann.

Mag sein, dass der Aufruf geschmacklos ist - aber über Geschmack lässt sich sicherlich streiten; ebenso über Ästhetik. Wer aber den Aufruf als Aufruf zur Gewalt versteht, der muss seine Fasziantion für den Filmcharakter des Hannibal Lecter ebenso hinterfragen, wie den Erfolg von Horror-Klassikern wie Freitag den 13, Halloween oder Hellraiser. Sind diese nun die Visualisierung von Ängsten um derer habhaft zu werden oder Seelengemälde eines zerrisenen Inneren oder gar die Inszenierung von Gewalt im Rahmen der Kunst, um die Gewalt im wirklichen Leben zu bannen oder doch gewaltverherrlichende Filmkunst? Das Gewalt durchaus salonfähig ist, zeigte nicht zuletzt der Kampf zweier Schläger vor 40.000 Schaulustigen im Frankfurter Stadion - Klitschko gegen Peters. Eigentlich sollte Klitschko gegen David Haye boxen, doch da kam etwas dazwischen. Für Wirbel sorgte bspw. dieses Foto - jedoch schien auch die Aussage des Bildes nicht für bare Münze genommen worden zu sein; die Provokation aber war gelungen.

Wie auch immer, ich bin kein Freund martialischer Begrifflichkeiten im Rahmen eines Fußballspiels, ich brauche keine Hurensöhne-Gesänge oder Alle-xyz-sind-Schweine-Beschimpfungen, mir reicht der Fußball und das übliche anlassbezogene Gepöbel - aber bei aller Kritik: Eine geschmacklose Provokation bleibt eine geschmacklose Provokation - und ist kein Aufruf zur Gewalt; und nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Oder was meint ihr?