Dienstag, 27. April 2010

Neulich in Gallien


Montag, 26. April 2010

Heimspiel in Mainz


Eine geschlagene Arbeitswoche lang lag ich bei strahlendem Sonnenschein im Bett, auf dem Boden verstreut Papierchen von Salbeibonbons und Asterixhefte; auf dem Tisch daneben dampfte eine Tasse Kamillentee während ich mir die Seele aus der Lunge hustete. Freitag Mittag sagte ich schweren Herzens die geplante Schifffahrt nach Mainz ab und verkabelte anschließend merkwürdige Laute von mir gebend die Anlage im Museum, um die lange Nacht der Museen vorzubereiten. Abends entschied ich mich dann doch nach Mainz zu fahren, im Zweifel mit der S-Bahn.

Der folgende Tag war ein schöner, im Ohr wummerten lässige Trance-Melodien, der Main glitzerte in der Sonne, Ruderer paddelten in Richtung Ruderdorf und ich hatte Glück; Uli und Bernie machten sich mit dem Auto in Richtung Mainz auf und hatten noch ein Plätzlein frei, den ich am Main-Plaza gerne in Anspruch nahm. Gesund geht anders; Matchdayfeeling geht anders, aber was solls - für Wolfsburg habe ich noch keine Karten, vielleicht wird dies mein letztes Auswärtsspiel in dieser Saison: Begonnen in Offenbach, beendet in Mainz.

Da Pia wegen eines privaten Termins mit dem silbernen Golf unterwegs war, saß ich nun in einem Citroen, ein Eintracht-Schal im Heckfenster kündete von unserer Gesinnung und im Autoradio liefen erstaunlicherweise die Smiths, als wir über Rhein und Weisenau nach Mainz einrollten - und in der Nähe des Gerichts parkten. Wie es so ist, wenn man mit Uli unterwegs ist führte der erste Weg in eine Metzgerei und der zweite zum Wochenmarkt in der Innenstadt. Ein Einheimischer ohne erkennbaren Fußballbezug rempelte mich unweit des Fanshops von Dimo Wache humorlos über den Haufen, ansonsten war die Stimmung in der Innenstadt unaufgeregt frühlingshaft. Denkmäler und große Häuser glänzten in der Sonne - ich bin eigentlich ganz gerne in Mainz - wenn nur der Fußball nicht wäre.

So röchelte ich von Zeit zu Zeit vor mich hin, als wir uns so langsam per Pedes Richtung Bahnhof und von dort Richtung Stadion aufmachten. Der Bus der 05er rollte an uns vorbei, Fähnchen flatterten lustlos an Wohnhäusern und sobald wir in die unmittelbare Nähe der Bruchbude kamen, hatte uns die Wirklichkeit eingeholt. Polizeiketten trennten die Guten von den Bösen während die Sonne auf den schwer bewachten Gästeeingang knallte. Peu a peu trudelten die Busse ein und brachten die Schifffahrer (erkennbar an knallroten Gesichtern) zum Eingang, während ich in neutraler Kleidung den nahe gelegenen Supermarkt aufsuchen wollte, um Wasser für uns zu besorgen. Der erste Versuch, die Polizeikette zu durchbrechen scheiterte am aufopferungsvollen Kampf eines Polizisten, der mich mit eisernem Griff am Arm packte. Ich guckte ihn verständnislos an und dachte, was man in solche Fällen zu denken pflegt - er aber stierte zurück und singsangte nach einer Weile: Was guggsten misch so aaaaa - wobei das aaaaa melodisch tiefergelegt war. Isch mach auch nur mei Aaaabeit.

Um mich herum marschierten Mainzer vor dem Gästeeinang, auf der anderen Seite Frankfurter im Mainzer Bereich - je nachdem wer von wo ankam - ich aber, der weder als Frankfurter noch als Mainzer zu erkennen war, ließ den singsangenden Arbeitmacher links liegen und marschierte ein paar Meter weiter fröhlich durch die Polizisten hindurch und sah, wie ein Eintrachtler von einer ganzen Gruppe schwer gepanzerter Arbeitmacher isoliert, gefilmt und polizeilich aufgenommen wurde.

Im Supermarkt war der Bereich für alkoholische Getränke säuberlich durch Folie verhängt und durch Mitarbeiter bewacht, die sich sichtbar unwohl fühlten, der Bereich Buttermilch und Wasser jedoch war frei zugänglich und so enterte ich mit drei Flaschen Wasser in der Hand erneut den Gästebereich.

Vor dem einzigen Eingang stapelten sich die Eintrachtler, so dass ich es vorzog, an einem Mäuerchen im Schatten die Zeit vergehen zu lassen. Thomas, der das FuFa-Schiff organisiert hatte, tat es mir gleich und erst als die Menschentraube kurz vor Beginn des Spiels auf überschaubare Maße zusammen geschrumpft war, betrat ich die Blechschüssel.

Der Stehplatzbereich war natürlich proppevoll und da ich wenig Lust verspürte, mich durch die Massen zu quetschen, verharrte ich oberhalb der Stufen und sah sogar von Zeit zu Zeit ein paar Quadratmeter vom Spielfeld. Das war auch ganz gut so - denn zweimal erkannte ich Alex Meier beim Schuss, zweimal lag die Kugel im Netz - aber es war nicht das erste Mal, dass die Eintracht hier mit zwei Treffern in Führung lag, gewonnen war noch gar nichts. Clark soll sogar auch mitspielen, gesehen hatte ich ihn bislang allerdings noch nicht. Aber das lag nicht an ihm.

Kurz und gut, Fußball ohne Fußball ist scheiße und so verließ ich die Bruchbude und wanderte an verdutzten Ordnern vorbei in die Freiheit. Ein Grüppchen Freund und Helfer stritt sich um ein Eis, die Sonne verhieß einen chilligen Nachmittag und so ließ ich mich durch einen Park in Richtung Bahnhof treiben. Schon wenige Meter vom Stadion entfernt war von Bundesliga so gut wie gar nichts zu spüren; am Bahnhof jedoch wurde ein Grüppchen Frankfurter von einer Hundertschaft durch die Gegend drangsaliert, in einer Spelunke namens Oberbayern erhaschte ich den aktuellen Spielstand und erkannte, dass Mainz den Anschlusstreffer geschafft hatte.

Ein paar Meter davon entfernt traf ich Steff vom Fanprojekt auf der Gass, welcher aus einer Kneipe kam, in die ich nun hinein marschierte. Gabi war auch schon dort und noch einige andere Frankfurter dazu, während die Wirtin mit eiserner Stimme das Regiment führte. Widerspruch zwecklos. Ich hockte bei einem Apfelwein aus seltsam ungerippten Gläsern, starrte auf den kleinen Fernseher und nahm den Ausgleich der Mainzer hin. Korkmaz erneuter Führungstreffer ließ mich hoffen, aus einer Ecke erhob jemand die Stimme für St. Pauli und es kam wie es kommen musste: kurz vor Schluss köpfte Bancé den erneuten Ausgleich für Mainz - und im End kann man sagen: Gott sei Dank blieb es dann auch dabei.

Bernie und Uli hatten mittlerweile die Polizeisperre nach Spielende durchbrochen und sammelten mich am Bahnhof auf. Gemeinsam mit Anno marschierten wir zum Auto und nach einem kurzen Stau vor der Autobahn sausten wir wieder in Richtung Heimat.

Gegenüber unseres Stadions verabschiedete ich mich von meinen Mitfahrern und latschte über die Brücke in Richtung Museum. Später flatterte Attila vorbei, noch später legte Henni Nachtsheim einen lustigen Auftritt hin, wiederum später plauderte ich mit Alex Schur über seine Sicht des Spiels und seine Mannschaft, die U17, die sich anschickt, Süddeutscher Meister zu werden und um die Deutsche Meisterschaft mit zu spielen und noch später sang der Polizeichor live und in Farbe: Im Herzen von Europa.

Tags drauf stand ich mit Pia am Bornheimer Hang und guckte mir den FSV gegen Augsburg an. Nachdem der Herr Bancé uns an der Tanke über den Weg gefahren kam. Im Block standen St. Paulianer, Osnabrücker, Eintrachtler und Bornheimer, gegenüber die Augsburger und rechts im Eck Lauterer, die Frankfurt unterstützten - und durch den Punktgewinn des FSV ihren Bundesligaaufstieg feierten. So kamen wir dann doch noch zum Fußball.

Sonntag, 11. April 2010

Heimspiel in Gladbach


Die Frühlingssonne lachte mir keck ins Gesicht, als ich am Freitag-Nachmittag den Alleenring entlang spazierte. Osterglocken schossen wie Polizeipräsidien aus dem Boden, die Oberfinanzdirektion stand stramm in der Sonne und der Feierabendverkehr rauschte an mir vorbei. An der viel befahrenen Straße werkelte eine Frau im Vorgärtchen, um dem brausenden Verkehr ein Feinstaub-Idyll entgegen zu setzen; rechter Hand der Hauptfriedhof - und weiter vorne die U-Bahn Haltestelle Adickesallee. Adickes war ganz nebenbei bemerkt Bürgermeister der Stadt Frankfurt, als die Eintracht unter dem Namen Victoria gegründet wurde - ob er jemals in Mönchengladbach gewesen ist, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

Auch die U2 war noch nicht in Mönchengladbach - dafür aber in Kalbach, dem ersten Etappenziel meines Ausflugs. Keine zwei Minuten nach meiner Ankunft in der Tiefebene rauschte die Bahn an, pickte mich auf und glitt über die Eschersheimer Landstraße und Heddernheim Richtung Bahnhof Kalbach, im Ohr blubberte chillige Housemusik des MP3-Players. Ihr merkt schon, zwei wesentliche Aspekte einer Auswärtsfahrt fehlen bereits. Natürlich Pia, die heute im Museum arbeitete und dann auch der silberne Golf, der ebenfalls im Museum zu Gange war.

Kalbach Bahnhof. Da ich recht früh dran war, drehte ich eine Runde im gegenüberliegenden Park; zwei metallne Fußballtore begrenzten ein Spielfeld, durch dessen Mitte ein Trampelpfad in die nahe gelegene Wohnsiedlung führte. Nur wenig später gabelte mich Stefan auf und wir rollten durch den Taunus, um in Brehmtal noch einen Mitfahrer aufzugabeln - gegen 15:45 ging's weiter, Stefan, Marius und der Herr Beverungen auf dem Weg nach Gladbach.

Wir nahmen die Autobahn Richtung Koblenz und rollten stressfrei durch den sonnigen Tag. Auf einem Parkplatz trafen wir auf die Binding-Szene, auch die Ultra Busse rollten an; Guude hier, guude da, eine Zigarette später wurden die letzten Kilometer in Angriff genommen.

Ruckzuck erreichten wir Mönchengladbach, es war noch nicht mal halb sieben, als wir am Nordpark die Autobahn verließen und auf dem Parkplatz P4 parkten - 5 Euro zahlten wir dafür, ein Heidengeld - es ist noch gar nicht so lange her, da konnte man für diesen Betrag ein Bundesligaspiel sehen.

In unmittelbarer Nähe des Parkplatzes befindet sich das Hockeystadion, Drehkreuze stehen mitten im Weg, wer möchte, spaziert einfach links und rechts davon daran vorbei. Bunte Plastiksitze prägen das Bild des Stadions, während auf dem Kunstrasen unbeachtet von der Öffentlichkeit ein Nachwuchsfootball-Team trainierte. Wir drehten eine Runde und entdeckten dahinter einen großen Supermarkt, in dem sich die eintrudelnden Fans mit Getränken versorgten und bei Bedarf auch das Maskottchen Jünter kaufen konnten; ein Grillwurststand davor rundete das Bild ab.

Hinter dem Fußball-Stadion im Borussia-Park, dessen Konturen im Gegenlicht in den Himmel wuchsen, versank schweigend die Abendsonne, von überall strömten nun die Fans zu den Eingängen, Gladbacher, Frankfurter - eine relative Ruhe lag über der Szenerie und wir begrüßten alle naslang bekannte Gesichter. Hier Steff, dort Michael und Gabi, Öri, Stefan, Kine und noch viele mehr - all die, die (fast) immer dabei sind - und es sind viele, die fast immer dabei sind. Und es sind viele, die schon lange dabei sind.

Nach drei Siegen in Folge war die Stimmung verhalten optimistisch, weshalb sollte es der Eintracht nicht gelingen, hier zu punkten? - obgleich Sebastian Jung und Pirmin Schwegler verletzt ausfielen und Maik Franz ob der zehnten gelben Karte gesperrt war.

Wir passierten die Einlasskontrolle unkompliziert und marschierten im Stehblock ganz nach oben. Dort hielten schon André und Sandy die Stellung und wir gesellten uns dazu.

Auch hier in Gladbach fristet ein Plüschmaskottchen sein Dasein, ein Fohlen soll es darstellen, Jünter - benannt nach Günter Netzer, der einst mit wehenden Haaren, flotten Autos und einer Discothek namens Lovers Lane Glamour in eine Stadt brachte, die ohne Fußball selbst in Deutschland weitestgehend unbekannt geblieben wäre. Jünter hüpfte also über das Spielfeld und mit der Elf vom Niederrhein spazierten die Teams auf den Rasen; Gladbach in Dunkelgrün, die Eintracht ganz in Weiß.

Grüne Neonlampen beleuchteten die Ränge, und die Eintrachtler sangen schon vor Beginn das Lied, mit dem wir in Bochum noch lange nach Spielende gefeiert hatten. Allezalleeezaalleeezooo - so ging los.

Zu feiern gab es allerdings hier wenig. Sauste der erste Schuss der Gladbacher noch über das Tor, so durfte Nikolov nach sechs Minuten das erste Mal hinter sich greifen, Marco Reus hatte aus kurzer Entfernung eingenickt, nachdem Bobadilla unseren Torhüter überlupft hatte. Einkommende SMSse berichteten von Abseits, allein der Treffer zählte und die Eintracht lag traditionell in dieser Saison mit 0:1 hinten. Stefan meinte noch kurz zuvor: Auf den Reus müssen wir aufpassen.

Döpp döpp döpp dedödöppdöppdöpp - ich hasse sie. Die Tormusik der Borussia.

Wer gedacht hatte, dass die Eintracht nun gepflegt auf den Ausgleich spielte, der wurde arg enttäuscht - das Spiel entwickelte sich in eine Richtung, in der einem schon bald das Gefühl beschleicht, hier geht heute nichts. Das ist natürlich Unsinn, ein überraschendes Tor und ein Fußballspiel kann eine ganz andere Wendung nehmen - sogar in den letzten Minuten - aber für heute stand im Buch der Geschichte: Rien ne va plus.

Zu allem Überfluss verdrehte sich der ins Team zurück gekehrte Spycher das Knie und wurde noch vor der Pause gegen Marcel Heller ausgewechselt (Auch Petkovic hatte sich erstaunlicher Weise warm gelaufen). Köhler übernahm Spychers Position und sollte fortan zum besten Eintrachtler werden - obwohl auch ihm keineswegs alles gelang. Gladbach stand gut im Raum, Dante organisierte die Abwehr und Nikolov hielt nun, was zu halten war - nach vorne aber ging bei der Eintracht gar nichts.

Und das sollte auch in Halbzeit zwei so bleiben. In der 56.Minute fiel der zweite Treffer für die Gladbacher, Dante schob nach einem Freistoß unbedrängt ein. Das wars, bis zum Schlusspfiff zeigten sich die Adler zwar bemüht - aber es gelang nichts. Meier, Caio, Altintop - sie alle spielten weit unter ihren Möglichkeiten, während Gladbach dankenswerterweise Chance um Chance versemmelte, so dass es am Ende nur 2:0 stand - es hätte ein Debakel werden können; daran änderten auch die Einwechslungen von Fenin und Tsoumou nichts. Gegen Ende feierten dann die Borussenfans, die sich während der Partie zunächst nur verhalten bemerkbar machten. Der harte Kern platziert sich im Stadion in zwei unterschiedliche Bereichen, die einen unten hinter dem Tor, die anderen im Oberrang in der Ecke - und für alle stand nun definitiv fest: Borussia Mönchengladbach bleibt auch in der kommenden Saison erstklassig.

Nach Spielende ein schnelles Tschüss, ein Umrunden des Stadions und schon rollten wir wieder auf die Autobahn. Ausgeträumt, die zaghaften Träume von Europa. Wir röhrten durch die Nacht, passierten den Parkplatz In Dürpel, hielten für eine kurze Pause an einer Hamburger Braterei und erreichten gegen 2:00 Frankfurt, nachdem wir zuvor Marius noch in Brehmtal abgesetzt hatten und durch den Taunus gerollt sind.

Am End stand ein schöner Ausflug zu Buche, der einen völlig verdienten Sieg der Borussia gebracht hatte. Freitag Nacht - das Wochenende ist gelaufen. Wass'n Mist.