Da Pia am Samstag im Museum die Stellung hielt, hatte ich mich mit Stefan verabredet, der nicht nur eine Eintrittskarte für mich hatte, sondern auch eine Mitfahrtgelegenheit anbot. Und so trafen wir uns um 11 Uhr an der Rothschildallee unweit vom Backstage. Eifrige Ordnungshüter notierten emsig Strafzettel für Falschparker; dass der Wagen der Aufpasser ebenfalls im Halteverbot parkte, sei hier nur als Randnotiz angemerkt.
Die Wege waren seit gefühlten Jahrzehnten von Schnee und Eis befreit, die Sonne blinzelte durch den aufplatzenden Himmel und wir rollten auf die Autobahn. Noch am Donnerstag hatten wir uns im Museum gesehen, als die Veranstaltung zur Fanszene der neunziger Jahre anstand - was natürlich für reichlich Gesprächsstoff sorgte. Demnächst werde ich mich sicher an die Arbeit machen, und über den Abend hier in aller Ausführlichkeit berichten; immerhin war es ein spannendes Jahrzehnt: Fußball 2000, Uefa-Cup-Reisen, Rostock, Heynckes, Abstieg, Gründung der UF97, beginnendes Internet, Aufstieg, Fjörtoft - einige Stichworte mögen an dieser Stelle genügen.Nach all den Wochen des Eises und Schnees hüpfte das Herz im Leibe, als Frühlingsboten durch die Luft flatterten obwohl wir an Mannheim (SAP-Arena) und Sinsheim (SAP-Arena) vorbei rauschten. Weinberge vor Heilbronn, Abfahrt zur A81, Zuffenhausen, Stuttgart, Stau.
Noch vor wenigen Jahren mussten sich die Autofahrer über den berühmt-berüchtigten Pragsattel nach Cannstatt quälen, nun führte uns ein Tunnel flott hindurch. Kurz vor der Wilhelma erblickten wir Tageslicht und fuhren nun an Stuttgarts Zoo entlang. Lange Schlangen vor den Kassen zeigten, dass die Schwaben den Frühlingsanfang aktiv verbringen wollten, während wir nach einigen Kilometern in Sichtweise zum Stadion den Wagen an einem Aktivspielpatz parkten und uns zu Fuß in Richtung Fußball aufmachten.
Der Neckar floss trübe durch die Stadt, ein Kanute in rotem Kanu paddelte einsam im Wasser, während wir durch die freundliche Sonne marschierten um über die Brücke zum Stadiongelände zu gelangen. Stuttgart und Mercedes Benz - Straßen, Stadien, Autos und sogar die Kinder dürfen hier diesen Namen tragen. Und wer nicht Gottlieb, Daimler, Mercedes oder Benz heißt, der heißt Fritzle. Oder Thorschten - wie sich später zeigen sollte.Zunächst aber zeigten die Parkplätze eine rechte Leere und das Stadiongelände sich als irgendwie steril. Die Porsche-Arena protzte neben dem Stadion, dazwischen das Carl-Benz-Center - Hochglanzödnis ohne Charme; ähnlich die Gastronomie - scharf bewacht durch Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Wir begannen, das Stadion zu umrunden, wanderten an Souvenirständen vorbei und erkannten nun die Baustelle der Untertürkheimer Kurve im Süden des Stadions.
Gegenüber lag ein Imbiss, im Angebot Worscht und Bier und dort trafen wir auf Stefans Freunde, die extra aus Zürich angereist waren. Ich versuchte ein paar Stuttgarter in ein freundliches Geplauder zu verwickeln - und was noch in Hamburg quasi Pflicht war, führte hier zu Blicken, als hätte ich vorgeschlagen, kleine Kinder zu verprügeln. So
isser, der Schwob.Wir verlagerten nun den Ort des Geschehens ein paar Meter weiter zur Gaststätte des Polizeisportvereins und beobachteten ein munteres Treiben von Stuttgarter und Frankfurtern Fans, während zwei Jugendmannschaften, sich ihren Weg zum angrenzenden Sportplatz bahnten. Später sollten wir erfahren, dass der Zutritt für Frankfurter hier nahezu erkämpft werden musste; hieß es noch in der offiziellen Mitteilung seitens der Polizei, dass jene Gaststätte explizit als Treffpunkt für Eintrachtler ohne Karte ausgewiesen wurde, so wollten die Kollegen vor Ort davon nichts wissen. Heidenei.
Ab nun begann Auswärtsfußball, will sagen, dass der kurze Weg zum Gästeeingang künstlich versperrt war. Wir mussten statt dessen einmal im Karrée laufen, um nur wenige Meter vom Ausgangspunkt entfernt hinter einem Zaun zu landen. Schattig war's, ungemütlich dazu und der Zugang zum Stadionbereich nur mit gültiger Eintrittskarte möglich. Vor den wenigen Eingängen stapelten sich die Eintrachtfans, die nach intensiver Kontrolle unterhalb der Gegentribüne zu ihrem Bereich geführt wurden, der ob des Umbaus sich am äußersten Rand der Cannstatter Kurve befand. Der VfB hatte Karten zu unterschiedlichen Preisen verkauft, die einen als Sitz-, die anderen als Stehplätze; dem Ordnungsdienst aber war es egal, wer wo hin ging. Dass alle stehen würden, war klar - dass die einen aber 15, die anderen 25 Euro dafür gezahlt hatten eine Frechheit.
Und damit sind wir schon bei einem der zentralen Themen, die ein Auswärtsspiel in Stuttgart charakterisieren. Frechheit. Und da will ich das Maskottchen Fritzle sogar ungeschoren davon kommen lassen, ihr wisst, seit Emma sehe ich die Dinge gelassener.
Eine Frechheit sind nicht nur unterschiedliche Preise für die gleichen Plätze oder die Divergenz zwischen Ansage und Ausübung polizeilicher Handhabung. Eine Frechheit ist es, nahezu während des gesamten Spieles über die Anzeigetafel Werbung laufen zu lassen (Spätzlepartner des VfB ist...) sondern auch der Stadionsprecher, der gegen Ende des Spiels gleich einem Marktschreier die Fans zum aktivem Mitmachen bewegen wollte. Hoch interessant war auch die Durchsage nach wiederholtem Böllerwurf. Dass die Dinge nichts beim Fußball verloren haben ist klar; wenn der Stadionsprecher aber darauf hinweist, diese bitteschön nicht in den Innenraum zu werfen, staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, denn was bliebe übrig? Genau, die gegnerische Kurve - oder die eigene. Na denn ...Sport:
Die Eintracht begann mit Jung an Stelle von Franz, dessen Trainingsverletzung einen Einsatz nicht zugelassen hatte und statt dem gelbgesperrten Teber lief Caio von Beginn an auf. Schon nach wenigen Sekunden hatte Jung die Führung auf dem Schlappen, verzog aber. Fortan entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel ohne zwingende Chancen. Die Eintracht zeigte sich insgesamt zu fahrig, Altintop zog weite Kreise und Caio? Der setzte im Strafraum der Schwaben nach, eroberte sich das Leder, schaute kurz auf und passte zum freistehenden Köhler, der problemlos zu unser aller Freude einschob.
Die letzten waren noch am Jubeln, da hatte Cacau schon für den Ausgleich gesorgt. Nikolov ging bei einer Flanke nicht aus dem Kasten und der Brasilianer köpfte unbedrängt sein sechstes Tor im dritten Spiel im Laufe der Woche für den VfB. Die Cannstatter feierten den Treffer mit Rauch und gleißenden Kunstlicht, einige Böller rummsten und es war wie so oft: Wenn es gegen Frankfurt geht, muss jeder zeigen, was er kann. Damit nicht genug zimmerte Cacau nur wenige Minuten später die Kugel sogar zur Stuttgarter Führung ins Netz. Halbzeit.Über die Anzeigetafel flimmerten kleine Spots, die vor dem Spiel gedreht wurden; Stichwort: Fan des Tages. I bin de Thorschten und i bin dr Fen desch Tages weil i denk, das dr VfB heit zweieins gewinne tut.
Schlimm. Schlimmer. Schdurgd.
Die zweite Hälfte brachte eine Eintracht, die zwar durchaus mitspielte ohne aber Lehmann ernsthaft zu Taten zu zwingen. Die gefährlichste Situation entstand durch Korkmaz, der - für Köhler gekommen - schön in den Sechzehner flankte; Meiers Kopfball aber flog knapp am Tor vorbei. Die größeren Chancen besaß zweifelsohne der VfB, bei dem Hleb nach einer Stunde vom Feld geholt wurde. Nikolov musste kurz vor Schluss innerhalb von wenigen Sekunden gleich drei Mal bravourös reagieren, um die Eintracht im Spiel zu halten. Eintrachttrainer Skibbe holte Caio vom Feld und brachte aus für viele unerfindlichen Gründen Liberopoulos, später kam noch Heller für Jung. Kurz vor Schluss entschied Schiri Drees an der Strafraumkante auf Freistoß für die Eintracht. Da Steinhöfer in Lautern weilte, Caio und Köhler nunmehr auf der Bank, sah sich Libero veranlasst, den Ball übers Tor zu ballern. Aus. Schluss. Vorbei. Verloren. Scheiße.
Wir verließen den Block 40, dackelten im Schatten an der Gegentribüne entlang, während ein Trupp Turtles an uns vorbei hastete. Hinter den parkenden Bussen sollte unser Weg eigentlich Richtung Neckar gehen - die Polizei aber sperrte die Straße, so dass zunächst niemand hindurch kam - dass der Weg nicht nur zum Auto führte, sondern auch auf den offiziellen Parkplatz spielte keine Rolle. Immerhin gestand eine Polizistin, dass wir nicht alles hinterfragen sollen, was gerade so passiert - wir hätten zu absurden Ergebnissen kommen können. Wenigstens wurde nach wenigen Minuten die Straße geräumt, so dass wir nun ungehindert unseren Weg fortsetzen konnten. Weshalb dies 120 Sekunden zuvor nicht möglich war, ist eines der ungelösten Rätsel des Planeten. Auch die zweite Sperre vor der Brücke löste sich mit unserem Eintreffen und nun stand dem Heimweg nicht mehr viel im Weg. Wir wanderten zum Neckar, warfen einen Blick auf die Teststrecke, die direkt daneben verläuft und marschierten an Stuttgarts Main entlang, bis wir zum geparkten Wagen kamen. Der Heimweg führte uns noch zu einer bekannten Hähnchenbraterei am Rande der Autobahn, deren wesentliches Merkmal darin bestand, dass sich der Raucherbereich in einem amerikanischen Schulbus befand.Heimwärts ging es flott und ohne Probleme - und ohne Punkte, was den Gesamteindruck ein wenig trübte. Am Backstage verabschiedete ich mich von Stefan, der schnurstracks Richtung Heimat düste. Fußball in Schdurgrd - ein Erlebnis auf dass ich gut und gerne verzichten könnte - wenn nicht die Eintracht von Zeit zu Zeit dort aufläuft. Positiv ist letztlich, dass man schnell wieder in Frankfurt ist. Immerhin. Oder: Heidenei.






































