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Donnerstag, 26. November 2009

Begeisterung


Gestern Abend fand im Museum eine Veranstaltung zum Thema Begeisterung statt. Thommy Rohrbach war zu Gast - und sah sich seinen Siegtreffer vom Spiel der Eintracht gegen Gladbach anno 1973 an. Gladbach in Blau.

Prof. Dr. Steinacker erzählte von Fair Play, von Begeisterung und davon, dass nur der begeistert, der selbst begeistert ist. Es gab mal Zeiten, da war dies ein Thema auf dem Platz. Oder auf den Rängen. Die Zeiten ändern sich.

Passend dazu: In einer Zeitung mit den großen Buchstaben wird Alex Meier mit den Worten zitiert: Die Emotionen bei mir sind immer gleich.

Wie will man begeistern, wenn man nicht begeistert ist?

Von allen guten Geistern verlassen?

Wie auch immer, ich bin entgeistert. Heimspiel in Berlin fällt aus.


Schöne Grüße von Irgendwo.

Beve


Die Autogrammkarte von Thommy stammt aus Franks Eintracht-Archiv, woher auch sonst? Danke

Dienstag, 24. November 2009

Der Tag, als Charly Körbel im Museum war


602 Bundesligaspiele, 45 Tore, sechs Länderspiele, 70 Pokalspiele, vier Pokalsiege, ein Uefa-Cup-Sieg, Ehrenspielführer - das sind die nackten Zahlen einer leuchtenden Karriere - aber wie erlebte Karl-Heinz Körbel, genannt Charly diese Zeit? Im Museum der Eintracht hat er vor annähernd 150 Gästen, darunter die langjährigen Eintracht-Begleiter Kurt Schmidt und Sonny aber auch der Co-Trainer der U23, Oscar Corrochano sowie mein Vater, darüber berichtet - und still wurde es im Raum.

Eröffnet wurde die Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen zunächst durch eine Anekdote von Matze Thoma, der den damaligen Co-Trainer Körbel auf dem Flug zum Uefa-Cup-Spiel nach Lodz kennen lernte. Körbel bot Matze an, mit der Mannschaft zu fahren - obgleich dieser eigentlich zunächst nach Oppeln wollte, Verwandtschaft besuchen, nahm Matze das Angebot an. Einem Charly Körbel schlägt man nichts ab - und so kam es, dass unser jetziger Museumsdirektor nur wenig später eine Nacht an einem Bahnhof in Polen verbrachte - die Nähe zum Team war es wert.

Geboren am 1.12.1954 in Dossenheim nahe Heidelberg war Charly schon als Kind fußballverrückt, sowohl nach der Schule als auch beim FC Dossenheim gab es nichts Schöneres, als dem runden Leder nach zu jagen. Obgleich sein Vater Eintracht-Fan war, interessierte sich der junge Charly eher für die Teams aus dem nordbadischen Raum wie den KSC, Waldhof oder den VfR Mannheim.

Im September 1964 war Körbel dann bei einem denkwürdigem Spiel zu Gast; im heimischen Waldstadion unterlag die Eintracht dem KSC trotz Egon Loy im Tor mit sage und schreibe 0:7 - bis heute die höchste Niederlage der Bundesligageschichte; schon nach 13 Minuten führten die Gäste mit 3:0. Charlies Reaktion war eindeutig: Zu so einem Verein gehst du nicht - obgleich er schon früh den Traum hatte, Bundesligaspieler zu werden

In der Jugend durchlief Körbel viele Auswahlmannschaften, über Nordbaden, Baden bis hin zur Jugendnationalmannschaft des DFB; begleitet hat ihn dabei der nahezu gleichaltrige Uli Stielike, der nur wenige Kilometer entfernt in Ketsch aufwuchs und Fußball spielte. Auf die Frage, wie denn der DFB auf Spieler in der fußballerischen Provinz aufmerksam wurde, antwortete Körbel kurz und prägnant: Qualität.

Trainer der Jugendnationalmannschaft war zu Beginn der Siebziger Herbert Widmayer unter dessen Fittichen Körbel und Stielike aber auch Dieter Kastner, später Müller, Bernd Dürnberger, Jürgen Glowacz oder Harald Schumacher zu gestandenen Bundesligaspielen reiften. Natürlich wurden auch die großen Vereine auf die Spieler, die bei vielen internationalen Spielen auch im Ausland Erfahrungen sammelten, aufmerksam. Körbel absolvierte nebenbei noch eine kaufmännische Ausbildung; wie ich die bestanden habe, weiß ich bis heute nicht.

Der erste Verein, der nachhaltiges Interesse an der Verpflichtung von Charly Körbel zeigte, war der VfB Stuttgart. Ein Vertreter des VfB, der noch heute dort als graue Eminenz tätig ist, kam ins Geschäft, fragte Körbel, ob er nicht wechseln wolle - und drückte ihm 100 Mark in die Hand; Charly nahm das Geld und bat sich Bedenkzeit aus. Später sagte er ab; das Geld aber hat er behalten erzählte er lachend.

Das Konzept mit Jugendnationalspielern eine Mannschaft aufzubauen sollte auch beim HSV aufgehen; Talentspäher Gerhard Heid sichtete die jungen Spieler und bewies ein glückliches Händchen, schon Rudi Kargus (Worms) und Manni Kaltz (Ludwigshafen) waren dem Ruf gefolgt, Charly Körbel sollte der nächste sein. Der erste Flug seines Lebens führte ihn in den Norden, um ein Probetraining zu absolvieren - sein Trainingspartner war kein Geringerer als Uwe Seeler, der nach einer langwierigen Achillessehnenverletzung langsam wieder in Tritt kam. Trainer Klaus Ochs schlug die Bälle nach vorne und Körbel sollte sich im Duell mit Seeler beweisen; keine einfache Aufgabe für den Bub aus Dossenheim, wollte er auf der einen Seite sich beweisen, so zeigte er doch Respekt vor Seeler und bemühte sich, ihn nicht erneut zu verletzen. Ich war ja auch später einer der fairsten Bundesligaspieler. Diese Aufgabe gelang ihm derart bravourös, dass er mit einem unterschriftsreifen Zwei-Jahres-Vertrag wieder in Dossenheim landete. Nicht nur die Bemühungen seitens der Hamburger Verantwortlichen hatten ihn beeindruckt, auch Uwe Seeler selbst setzte sich dafür ein, dass Körbel zum HSV wechseln solle.

Abends saß ich mit meinen Kumpels zusammen und sagte: Ich geh zum HSV.

Die Kumpels aber waren gar nicht begeistert, so weit weg, bist du wahnsinnig war die einhellige Meinung, zumal die A-Jugend des FC Dossenheim auf hohem Niveau spielte. Wir haben gegen gegen den KSC 3:0 gewonnen, auf dem Hartplatz in Dossenheim.

Letzlich war dem jungen Charly alles zuviel, das Abwerben, der optionale Verlust seines Umfeldes; wisst ihr was, ich bleibe noch ein Jahr in Dossenheim - und habe dem HSV abgesagt. Trotz mehrfacher Bemühungen seitens der Hamburger (Hast du ne Meise) hielt Charly Wort - und blieb im Alter von sechzehn Jahren zunächst in Dossenheim.

Sein Kollege in der Nationalmannschaft war zu der Zeit auch Wolfgang "Scheppe" Kraus, der bei der Frankfurter Eintracht spielte - und der ihm langsam die Eintracht schmackhaft machte. Die Anwerbung verlief schleichend und unaufdringlich, Geschäftsführer Jürgen Gerhardt besuchte später die Körbels, brachte Blumen für die Mama und umgarnte die Körbels bei Kaffee und Kuchen. Ernst Berger lud Körbel dann ein, einmal ein Spiel der Eintracht im Waldstadion zu besuchen. Im alten Oval gab es eine Ecke mit Clubsessel und Keksen, dort nahm Charly Platz, auch der damalige Trainer Erich Ribbeck stellte sich vor; jünger als manch Spieler und gewillt, dem Nachwuchs eine Chance zu geben - und dies imponierte dem jungen Mann aus Dossenheim, der zwar noch ein Jahr in der A-Jugend spielen konnte - aber mit der ersten Mannschaft trainieren wollte. So unterschrieb er einen Vertrag als Olympiaamateur, eine Konstruktion, die es ihm ermöglichte, sowohl für die A-Jugend, aber auch für die Amateure und die Profis spielberechtigt zu sein.

Trainer der Amateure waren seinerzeit die Deutschen Meister von 1959, Hermann Höfer und Dieter Stinka; ein weiterer Spieler der Meisterelf von 1959 stand sogar noch im Kader der Saison 1972/73; Friedel Lutz, den Charly als seinen Lehrmeister bezeichnete, ebenso wie er viel von den alten Recken Kalla Wirth oder Lothar Schämer lernen konnte. Ich habe geguckt, was die älteren Spieler machen, was die heutigen Spieler nicht machen, die gehen an dir vorbei.


Der Wille zum Lernen und das Beachten der Älteren brachten Charly neben seinem außerordenlichem Talent den ersten Pflichtspieleinsatz im Trikot der Frankfurter Eintracht. Am 11.08.1972 besiegte die Eintracht den 1.FC Kaiserslautern am Betzenberg mit 3:1; es war ein Spiel im Ligapokal, der Gegenspieler war Klaus Toppmöller - und der Trainer des 1.FCK der spätere Eintracht-Trainer Dietrich Weise. Die Bundesligapremiere erfolgte am 7. Spieltag im Heimspiel gegen Bayern München. Ausfälle von Lutz und Wirth bewogen Trainer Ribbeck dazu, den 17jährigen Körbel gegen den erfolgreichsten Stürmer der Bundesligageschichte zu stellen, gegen Gerd Müller. Müller traf zwar zum 1:2 Anschlusstreffer wenige Minuten vor Spielende, das Lob aber gebührte dem Neuling und der Sieg der Eintracht.

Dabei war Körbel in der Annahme, nicht zum Kader zu gehören, schon vor dem Wochenende mit dem Zug in seine Heimat gefahren, um mit seinen Jungs zu trainieren. Die Eintracht telefonierte ihm hinterher, da zunächst niemand wusste, wo er sich aufhielt. Ribbeck höchstselbst kutschierte ihn nach Frankfurt zurück, Körbel hatte ja noch keinen Führerschein.

Seine erste Heimat in Frankfurt war der Riederwald, er bezog zusammen mit Raimund Krauth die Wohnung am Trainingsgelände der Eintracht als Nachfolger von Bernd Nickel und Jürgen Kalb, die zuvor ihren Spaß dort gehabt hatten. Während sich Spieler wie Thommy Rohrbach oder Gerd Trinklein ins Nachtleben stürzten und sich geschickt den Kontrollversuchen des Trainers Ribbeck entzogen, der mit seinem schwarzen Ledermantel alle Register der Überwachung zog, war es für Körbel schon ein Privileg, auszuschlafen.

Wie für einige andere, sorgten Ribbecks Angewohnheiten für Irritationen. So durften die Spieler im Trainingslager in Grünberg nur wenig bis nichts trinken. Selbst nach intensiven Laufeinheiten gab es beim Mittagessen nichts; in der Folge drehten die Spieler die Dusche auf und wollten das kalte Wasser zu sich nehmen - bis Ribbeck hinter ihnen auftauchte, sie von der Dusche weg zog und das Wasser abstellte. Das muss man sich mal vorstellen. Ich habe ihn neulich mal daraufhin angesprochen, heute will er davon nichts mehr wissen erzählte Charly lachend.


Körbel absolvierte in seiner ersten Saison 18 von 34 möglichen Ligaspielen - bis 1991 stand er von 646 möglichen Spielen 602 mal auf dem Platz - und dies trotz einem Schienbeinbruch; eine schier unvorstellbare Leistung. Knapp zwei Jahre nach seinem Debut wurde Körbel zum ersten Mal Pokalsieger durch ein 3:1 gegen den HSV, ein weiteres Jahr später erzielte er selbst den 1:0 Siegtreffer gegen den MSV Duisburg und stemmte den DFB-Pokal erneut in die Höhe; mit gerade mal 20 Jahren eine erstaunliche Bilanz, zudem er sich als Spieler in der Liga etabliert hatte und außerdem im 40er Kader für die WM 1974 gelistet wurde. Beharrlicher Wille zum Lernen und der Respekt vor den Älteren hatten sich schon früh ausgezahlt - und dabei stand er erst am Beginn einer einzigartigen Karriere.

Hat er zu Beginn seiner Karriere häufig im defensiven Mittelfeld den Terrier geben müssen, zu dessen Aufgaben das Ausschalten des gegnerischen Spielmachers (Overath, Netzer) gehörte, nebst Verbot über die Mittellinie zu gehen (Nickel hat immer zu mir gesagt: Ausschalten, marschieren, mir den Ball geben), so etablierte sich Körbel nach dem Wechsel von Uwe Kliemann zur Hertha im Sommer 1974 als Vorstopper mit der Nummer vier. Während vorne Grabi, Nickel und Hölzenbein (die wären ja heute unbezahlbar) in der gegnerischen Hälfte zauberten, war für Spieler wie Roland Weidle oder Körbel an der Mittellinie Schluss. Gerd Trinklein hatte sich im Finale des DFB-Pokals 1974 darüber hinweg gesetzt - und prompt einen Treffer erzielt.

Körbel bekannte, dass er die ersten Jahre bei der Eintracht mitgeschwommen sei, da die anderen Kameraden ihn führten. Die Spieler zeigten sich verantwortlich für das gesamte Team - und die Jungen Respekt vor den Älteren. Lag ein Älterer auf der Massagebank, so reichte ein Blick - und die Jungen trollten sich. Deswegen habe ich mich auch kaum massieren lassen.

Charly etablierte sich in der Bundesliga - und heiratete in Dossenheim seine Margarethe. Die Hochzeit brachte einige Schwierigkeiten mit sich, Charly ist evangelisch, seine Frau katholisch und die jeweiligen Pfarrer weigerten sich zunächst, eine gemeinsame Trauung zu vollziehen. Dies hatte zur Folge, dass nach einigem Hin und Her der katholische Pfarrer (der immerhin Fußballfan war und sich für den 1.FC Nürnberg begeisterte) sich bereit erklärte, an einer ökumenischen Zeremonie teil zu nehmen; der Preis war: Charly Körbel, DFB-Pokalsieger und Nationalspieler musste Eheunterricht nehmen und unterschreiben, dass der Nachwuchs katholisch getauft wird. Nach Eheschließung trat Körbel aus der Kirche aus, was zur Folge hatte, dass der evangelische Pfarrer zum Entsetzen der Mutter den Austritt öffentlich über die Kanzel verkündete.

Zu seinem ersten Länderspiel kam Körbel am 22.Dezember 1974 in Malta; das Spiel fand in La Valetta auf dem berüchtigten Hartplatz stand und der Weltmeister kam zu einem mühevollen 1:0; neben Körbel standen auch Hölzenbein und ab der 46. Minute Bernd Nickel auf dem Platz. Dazu stürmte der Offenbacher Erwin Kostedde. Schon im Oktober 1975 endete nach dem sechsten Spiel die Karriere als Nationalspieler; zu stark dominierte der Bayern Block mit Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck und Hoeneß die Nationalelf - und als Körbel gegen Griechenland die Defensive vernachlässigte, da die Spanier Netzer und Breitner außer Form waren und Beckenbauer bei einem Gegentor auf sich alleine gestellt war, da kam der Abpfiff - mit 22 Jahren. Der Franz hat mich nicht mehr angeguggt, da wusste ich schon, was los war.

Dennoch absolvierte Körbel im Trikot der Eintracht im Europacup der Pokalsieger und im Uefa-Cup 48 internationale Spiele und errang 1980 den Uefa-Cup. Zu den besten Spielen zählen dabei die Partien gegen die Bayern. 1980 bezwang die Eintracht die Münchner im Rückspiel des Halbfinales mit 5:1, schon 1977 standen sich beide Teams im gleichen Wettbewerb gegenüber; 4:0 siegte die Eintracht in Frankfurt, 2:1 in München. Aber auch die Partie gegen Feyennoord Rotterdam blieb Körbel in nachhaltiger Erinnerung, eines der besten Spiele der Eintracht - mit 4:1 fegten die Adler (in grünen Trikots) Rotterdam vom Platz; Cha und Pezzey, Grabi und Holz, Neuberger und Körbel, Nickel und Nachtweih - ein großartiges Team begeisterte ganz Deutschland.


Cha Bum, einer der großartigsten Spieler, der je für die Eintracht aufgelaufen ist, stand unter dem besonderen Schutz von Charly Körbel - aber auch dem ganzen Team. Als Cha aus Südkorea nach Deutschland kam, landete er in einem anderen Universum. Unbekannte Schriftzeichen oder unbekanntes Essen bereiteten dem gläubigen Cha erhebliche Probleme, über die ihm die gesamte Mannschaft hinweg half - wie Körbel seinerzeit von einem funktionierendem Team geleitet wurde; eine Erfahrung, die Charly bis heute als sein Kapital bezeichnet. Gerade im Vergleich zur heutigen Zeit, da bspw. ein Spieler wie Caio mehr oder minder auf sich alleine gestellt ist, zeigt sich, wie wertvoll die Einflüsse erfahrener Spieler auf die Qualität einzelner Spieler sein kann. So haben wir den Cha aufgebaut. Heute ist alles ganz anders, man kümmert sich nicht darum.

Legendär wurden die Sitzungen im Hinterzimmer beim Ruppe Karl in Ober-Erlenbach (wenn wir einmal in der Saison schlecht gespielt haben). Der Gastwirt, der in diesem Jahr leider verstorben ist, öffnete sein Reich für die Spieler, stellte Wodka hin, verschloss die Türe und klopfte auch dem Anti-Alkoholiker Cha auf die Schulter: Sauf, Cha. Sauf.

So wurden unglaublich viele Probleme intern geklärt. Heute geht jeder seine eigenen Wege, die Zeit ist schnelllebiger, früher gab es einen Reporter der Bild, die Abendpost/Nachtausgabe und die Rundschau - heute steht überall eine Kamera.

Jürgen Grabowski musste 1980 nach einem Tritt von Lothar Matthäus seine Karriere beenden, Holz zog es ein Jahr später nach Amerika (nach dem dritten Pokalsieg der Eintracht mit Charly Körbel) und im Jahr 1983 beendeten nicht nur Willi Neuberger und Bernd Nickel ihre Karrieren im Eintracht-Trikot; Cha wurde nach Leverkusen transferiert und Bruno Pezzey nach Bremen. Gerade der Verkauf von Pezzey erregte die Gemüter. Pezzey, der während der Halbzeit in Düsseldorf (dem letzten Saisonspiel 82/83) von seinem bevorstehenden Verkauf erfuhr, wurde in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt zu einem Freund Körbels. Körbel wiederum hatte zwar kurz zuvor seinen Vertrag bei der Eintracht verlängert, jedoch waren mit dem Verkauf von Cha und Pezzey nicht mehr die Bedingungen gegeben, unter denen er unterschrieben hatte. Abends saßen Pezzey, der das Angebot von Werder Bremen vorliegen hatte und Körbel beisammen - und Pezzey sagte: Weißt du was, du gehst mit nach Bremen.

Pezzey, Nickel und Körbel flogen gemeinsam in Urlaub nach Forida, derweil Werder Bremen Bereitschaft signalisierte, auch Körbel zu nehmen. Letzlich aber hatte Eintracht Frankfurt in der Sommerpause den Schweden Jan Svensson verpflichtet, aus Berlin kam Jürgen Mohr, so siegte letztlich doch Charlies Einstellung und sein großes Herz für die Eintracht: Ich kann die jungen Spieler nicht im Stich lassen. Wenn ich jetzt auch noch gehe, fällt alles zusammen - und das wollte ich nicht sagte Charly - und bewies das richtige Gespür.

Mit Falkenmayer, Kraaz und Berthold ging die Eintracht in die neue Saison 83/84 und die Qualitäten eines Charly Körbels waren gefragter denn je. Die Mannschaft stemmte sich gegen den Abstieg, alleine gelassen von Trainer Zebec, der einen Kampf gegen sich und den Alkohol führte und blieb vom 03. September 1983 (3:0 gegen Düsseldorf) bis zum 25. Februar 1984 (3:0 gegen Kickers Offenbach) 174 Tage ohne Sieg. Mittlerweile hatte Dietrich Weise erneut das Traineramt inne und schaffte letztendlich den 16. Platz, welcher immerhin zu Relegationsspielen gegen den Dritten der Zweiten Liga, den MSV Duisburg berechtigte. Zuvor, am 31. Spieltag, verlor die Eintracht ihren Kapitän. Körbel hatte im Spiel gegen den 1.FC Nürnberg zwei Treffer erzielt, als es kurz nach dem Anstoß im Anschluss an den zweiten Treffer zu einem folgenschweren Zusammenprall mit Rüdiger Abramczik kam - und Charly Körbel sich das Schienbein brach. Die Eintracht aber spielte für ihren Kapitän, besiegte den Club mit 3:1 und holte auch in den letzten drei Spielen fünf von sechs möglichen Punkten. Nach einem 5:0 in Duisburg stand der Klassenerhalt nahezu fest, das Rückspiel endete 1:1 und somit blieb die Eintracht erstklassig. Schon am dritten Spieltag der Folgesaison stand Körbel wieder auf dem Platz, im Bein steckte zweieinhalb Jahre lang ein langer Nagel, der den Knochen stabilisierte und der heute im Museum zu bewundern ist.

Die Eintracht, die ein Jahrzehnt lang durch spielstarken Fußball geglänzt hatte, befand sich fortan in den unteren Tabellenregionen; andere Tugenden waren gefragt, die einstige Qualität nur im Ansatz vorhanden. Charly Körbel, Nummer vier und Kapitän marschierte vorneweg - und besaß einen großen Bonus bei den Fans, gerade in den seltenen Fällen, als er schlecht spielte.

Eine schwierige Phase hatte Körbel unter Trainer Feldkamp zu überstehen der ihn - ohne mit ihm gesprochen zu haben - als Kapitän absetzen wollte. Natürlich war Körbel gekränkt und wenig begeistert - und kann daher sehr gut nachvollziehen, wie es Ioannis Amanatidis ergangen ist, welchen durch den neuen Trainer Michael Skibbe im vergangenen Sommer das gleiche Schicksal ereilte. Körbel sprach damals mit Ama, sagte: mir ist das auch passiert, bleib besonnen - und überlege dir, was du sagst. Körbel selbst führte die Mannschaft damals mit Blick auf Feldkamp auf das Feld und dachte sich: Du kriegst mich nicht kaputt - bevor ich gehe, gehst du. - und sollte trotz des folgenden Pokalsieges, dem nunmehr vierten mit Körbel, Recht behalten. Vielleicht wäre es besser gewesen, wir hätten den Pokal nicht geholt und mehr Ruhe im Verein gehabt. Für Feldkamp war Geld wichtig, Geld, Geld, Geld - das hat nicht gepasst.

Feldkamp verließ die Eintracht, ebenso wie zuvor Lajos Detari, den Siegtorschützen des bislang letzten Pokalerfolges. Körbel blieb es vorbehalten, in der Saison 88/89 im letzten Saisonspiel gegen Hannover 96 einen Treffer zu erzielen, der die Eintracht immerhin erneut in die Relegation brachte - um diese mit 2:0 und 1:2 gegen den 1.FC Saarbrücken knapp zu überstehen.

Mit der Rückkehr von Ralf Falkenmayer und der Verpflichtung von Uwe Bein begann die Aera des Fußballs 2000, die mit Tony Yeboah einen weiteren Schub erfuhr - auch wenn Bein unter der Woche phasenweise kaum trainierte. Sicherer Rückhalt in jenen Jahren war Torhüter Uli Stein, der alleine für mindestens 10 Punkte gut war.

Große Stücke hielt Körbel, wie so viele, auf Ralf Falkenmayer, der für die Mannschaft unglaublich wichtig war.

Seine letzte Saison spielte Charly Körbel 1990/91. Am vorletzten Spieltag absolvierte er sein 602tes und letztes Bundesligaspiel, eine gelbe Karte führte zu einer Sperre, so dass sich Charly nicht mehr aktiv vor heimischen Publikum verabschieden durfte. Obgleich er körperlich durchaus noch in der Lage gewesen wäre, weiter aktiv zu spielen, wollte er abtreten, wie er begonnen hatte; in einem Team, das ganz oben steht, dass die Leute mich in guter Erinnerung behalten.

Lange Jahre hat Körbel seinen Körper gepflegt, machte Urlaub in den Heilbädern von Ischia, während seine Kollegen auf Ibiza oder Mallorca weilten. Der Lohn waren jene 602 Spiele - dies bedeutet, dass ein junger Spieler ab heute 20 Jahre lang 30 Spiele pro Saison absolvieren müsste - und selbst dann diesen Rekord nicht eingestellt hätte, wie Stefan Minden von der FuFA anmerkte - eine unglaubliche Leistung, die auch jene Spieler immer wieder verblüfft, die neu zur Eintracht stoßen.

Auch nach seinem Karriereende blieb Charly Körbel der Eintracht gewogen, zunächst als Co-Trainer, dann als Trainer, später als Scout und jetzt als Vorstandsberater und Leiter der Fußballschule. Doch diese Zeit wird sicherlich in einer weiteren Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen näher beleuchtet. Eine Tradition, die kaum jemand besser verkörpert und auch fördert als Charly Körbel.

Danke dafür.


Matze Thoma, Charly Körbel, Stefan Minden, Beve



Die Portraitfotos sind von Stefan Krieger, das Gruppenbild von Steffen Ewald und die kleinen Bilder vom Eintracht-Archiv. Danke.

Ute Hering 1954 - 2009


Im Alter von 55 Jahren verstarb in der Nacht auf vergangenen Samstag die langjährige Mitarbeiterin der Frankfurter Eintracht, Ute Hering.

Das ist sehr traurig.

Einen bewegenden Nachruf findet ihr hier.

Samstag, 21. November 2009

Dietrich Weise zum 75. Geburtstag


Wie für andere, z.Bsp. Kid aus der Klappergass, ist Dietrich Weise mein Lieblingstrainer der Eintracht. Das mag daran liegen, dass er Trainer war, als ich den Verein für mich entdeckte; das mag aber auch daran liegen, dass er durch seine Ruhe und Klugheit dem jungen wie dem alten Beve Respekt abnötigt.

In den letzten Jahren, als ich Stadionsprecher der Amateure am Riederwald war, entdeckte ich Dietrich Weise häufig als Zuschauer und Beobachter der Nachwuchsmannschaft der Eintracht. Unvergessen sein Auftritt im Museum, als er zusammen mit Ralf Falkenmayer und Armin Kraaz die erste Veranstaltung aus der Reihe Tradition zum Anfassen prägte. Der ruhende Ball.

Als Matthias Thoma kurz vor Abriss des alten Riederwaldes einen letzten Rundgang über das Gelände anbot, stieß Dietrich Weise unverhofft dazu und erzählte aus seiner Zeit, als Dr. Kunter in der Sandgrube trainierte und Armin Kraaz am Kopfballpendel.

Heute hat er Geburtstag - und wird 75 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute wünsche ich. Und danke für alles.

Beve

Donnerstag, 19. November 2009

Sieh mal einer an ...


Welche Strafe muss Atlético Madrid bezahlen, weil der Trainer von Real im Lokalderby am 07.11. von einem Wurfgeschoss seitens der Atlético Fans leicht am Kopf verletzt wurde?

150 Euro

150.000 Euro

1.500.000 Euro


Die Antwort gibt's hier.

Mittwoch, 18. November 2009

Wer ist's?


Auf folgendem Bild sind fünf Fußballer zu sehen, welche für Nordbaden 1971 durch ein 4:2 gegen Bayern den Länderpokal holten. Zwei davon sollten uns im Rahmen von Eintracht Frankfurt wieder begegnen. Der eine so - der andere so.

Frage: Welche der damaligen Spieler sind gemeint?

Dienstag, 17. November 2009

18mal18 zu Gast bei Radio 90elf.de


Heute Abend war unter anderem Marcel Titsch Rivero im Rahmen von 18mal18 Thema bei Radio 90elf.de. Wer mag, kann ja mal reinhören.

Viel Vergnügen.



Montag, 16. November 2009

Sechshundertzwei - Charly Körbel im Museum


Das Eintracht Frankfurt Museum und die Fan- und Förderabteilung geben bekannt:


Karl-Heinz „Charly“ Körbel
ist sicher einer der ganz großen Eintrachtler. Sein Bundesligadebüt gab er als 17-Jähriger im Jahr 1972 ausgerechnet beim Spiel gegen die Bayern, die Eintracht gewann mit 2:1. Danach war der Abwehrspieler aus der Mannschaft der Riederwälder nicht mehr wegzudenken.

Mit Charly Körbel gewann die Eintracht alle Endspiele, die der Verein erreichte, seine Trophäenbilanz ist gewaltig. Viermal gewann Karl-Heinz Körbel den DFB-Pokal und einmal den Uefa-Cup. Mit 602 Bundesligaspielen stellte er 1991 einen Rekord auf, der nur schwer zu knacken ist. Kein Spieler absolvierte in seiner Karriere mehr Bundesligaspiele als der „treue Charly“, der all die Partien auch noch fürseine Eintracht“ bestritt. Nach seiner aktiven Karriere arbeitete Charly Körbel zunächst als Co-Trainer bei der Eintracht, später wurde er sogar Chefcoach am Riederwald. Aber ebenso wie bei der Eintracht hatte Körbel bei seinen weiteren Trainerstationen Lübeck und Zwickau nicht annähernd so große Erfolge wie als Spieler.

Seit 2001 ist der „treue Charly“ wieder bei seiner Eintracht. Als Scout und Vorstandsberater unterstützt er den Verein und in der „Charly-Körbel-Fußballschule“ gibt er seine immense Erfahrung an den Nachwuchs weiter.

Wir freuen uns sehr, dass wir Karl-Heinz Körbel am 19. November im Eintracht Frankfurt Museum begrüßen dürfen. Im gemeinsamen Gespräch mit Axel „Beve“ Hoffmann wird Charly zahlreiche Anekdoten erzählen und sich an die großen Erfolge seiner Eintracht erinnern.
Und natürlich haben wir auch wieder einige Weggefährten eingeladen, die sicher die ein oder andere lustige Geschichte zu Charly Körbel auf Lager haben...

» DONNERSTAG, 19. November 2009
» 19.30 UHR
» EINTRACHT FRANKFURT MUSEUM
» EINTRITT FREI


(Der Text ist dem Flyer zur Veranstaltung entnommen, das Foto Franks Eintracht-Archiv)

Spendenaufruf zur Überprüfung des BGH-Stadionverbots-Urteil


Folgender Aufruf erschien zunächst im Forum der Eintracht, auf Nachfrage veröffentliche ich ihn gerne auch hier:


... hat der Bundesgerichtshof ein Urteil zur Rechtmäßigkeit von Stadionverboten gefällt, daß nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Fußballfans einen bitteren Beigeschmack hinterlassen hat Link zum Urteil.

Faktisch wird mit diesem Urteil der Grundsatz der Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt.

Durch die Korrespondenz mit diversen Forengrößen und die Gespräche mit anderen Fußballanhängern, weiß ich, daß eine Vielzahl der Eintrachtfans dieses Urteil auf seine Rechtmäßigkeit vom Bundesverfassungsgericht prüfen lassen möchte.

Der Weg zu dieser letzten Instanz wird eine Menge Geld kosten. Hierbei möchte ich den Kläger im Namen der Eintrachtfans unterstützen.

Ich habe ein Spendenkonto unter folgendem Namen

Kontoinhaber: Hans Frank
Kto: 206591102
BLZ: 570 928 00 (Voba Rhein-Lahn)
Verwendungszweck: „Eintrachtfans für Fanrechte“


eingerichtet und werde alle eingehenden Spenden an den unterlegenen Kläger ... weiterleiten. Alternativ werde ich das Geld dem Fanrechtefonds zukommen lassen.

Dieses Urteil geht uns alle an!!!

Zur falschen Zeit am falschen Ort, und es steht zu befürchten, die nächsten Jahre nicht mehr ins Stadion zu dürfen.


Helft mit, daß dieses Urteil vom Bundesverfassungsgericht auf Rechtmäßigkeit geprüft wird.

Wort des Monats Oktober 2009


Manchmal fehlen sie einem, die Worte. Das mag irritierend sein - aber ein Blick ins weltweite Netz zeigt, dass es ganz viele gibt. Man besorgt sich ein paar - und schon hat man wieder welche. Das ist praktisch.

Match-Vorbereitet oder auch matchvorbereitet ist so ein Wort, welches über die digitale Welt zu mir gedrungen ist; eine hübsche Konstruktion, um ein Trikot eines Auswechselspielers besser an den Mann resp. die Frau zu bringen. Früher hätte das gehießen: Ich geb's ihnen etwas billiger, jemand hatte es schon an. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich gehießen hätte und nicht geheißen. Ihr fandet das Wort nur mäßig spektakulär - und von daher sprang nur ein mäßiger vierter Platz bei rum. 6%, nahezu ein Auswechselwort.

Interessanter scheint da schon der Schmierfink zu sein. Stefan vom benachbarten Blog_G prägte das Wörtchen in Bezug auf die regelmäßige Kritik an den Beiträgen einzelner Autoren der Frankfurter Rundschau im Forum der Eintracht. Journalisten die nachfragen sind Schmierfinken schreibt Stefan - und bringt damit eine weit verbreitete Stimmungslage auf den Punkt. 22% von euch brachten dem Schmierfink Bronze.

Silber geht an den Umschaltspieler; ein Wort, welches so ganz neu nicht ist aber in Klang und Inhalt nur ganz selten entsprechend gewürdigt wurde. Hier zum Beispiel. Ganz klar ist mir nicht, ob der Spieler umschaltet oder umgeschaltet wird. Und von wem? Immerhin 25% betrachteten den Begriff zumindest als dubios; aber gut, schalten wir spielerisch um zu etwas ganz anderem, zu etwas Großem:

Der Lebensgefahr. Anlässlich eines Urteils des BGH im Rahmen der bundesweiten Stadionverbote sprach der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, davon, dass wer zum Fußball gehe, sich in Lebensgefahr begebe. Hunderttausende, die Woche für Woche in der Republik unterwegs sind, schrammen also stets knapp am Tod vorbei. Gut, dass jemand auf die Gefahren hinweist. Sicher, Fußballspiele können gefährlich sein; ein Sturz von einem Zaun etwa oder der Biss eine Polizeihundes sind immer drin. Wenn aber der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft derart apokalyptisch die Vorabbegründung für maßlos übertriebene Polizeieinsätze liefert und gleichzeitig suggeriert, dass ein Überleben beim Fußball quasi Glückssache ist, dann hat er noch nie ein Fußballspiel gesehen und schürt eine Mentalität, die aus Bengalo und Rauch ein Kriegsszenario macht - und aus Krieg einen Friedenseinsatz. 45% von euch sahen dies so oder zumindest ähnlich - und wählten die Lebensgefahr im Oktober 2009 auf den ersten Platz. Herzlichen Glückwunsch. Und passt auf euch auf.

Sonntag, 15. November 2009

Stadion voller Trauer


... titelte die FR anlässlich der Trauerfeier für den verstorbenen Torwart Robert Enke im Stadion von Hannover 96, eingebunden in den Artikel die obligatorische Reklame. Das sah online aus wie folgt:























Man beachte die Harmonie zwischen Text und Reklame. Sechs. Setzen!

Montag, 9. November 2009

Ist was passiert?


Der zwölfte Spieltag ist absolviert, die Eintracht in Leverkusen 0:4 untergegangen, die Tabelle nimmt Formen an. Derzeit stehen wir auf einem 11. Platz, Dortmund und Hannover sind knapp vor der Eintracht, Freiburg, Köln und Gladbach dahinter. Mainz steht erschreckend gut da, dafür krebsen die Stuttgarter in hinteren Gefilden rum. Oben alles gut gemischt, die üblichen Verdächtigen teilen sich das Licht, die üblichen Verdächtigen den Schatten - und die Hertha ziert etwas überraschend völlig abgeschlagen das Tabellenende, sonst ist alles recht gewöhnlich. Nur die Bayern warten auf Ribery.

Zum wiederholten Male in den letzten Jahren wird die Eintracht abgeschossen, erneut von einem Spitzenverein, wehrlos und uninspiriert. Neu ist nun, dass es scheinbar völlig egal ist, wer aufgestellt wird.

Dazu Trainer Skibbe:

Hätten wir zum Beispiel mit Korkmaz oder Köhler oder auch mit Sebastian Jung angefangen, hätte das nichts daran geändert, dass wir nach zehn Minuten 0:3 hinten liegen.

Die Eintracht hat derzeit einen Kader, von dem bekannt ist, dass man sich schon vor Saisonbeginn von einigen Spielern mit gültigem Vertrag trennen wollte - leider fanden sich keine Abnehmer. Wer diese Spieler sind, kann nur gemutmaßt werden - ein offenes Geheimnis dürfte der Name Mahdavikia sein, wohl auch Faton Toski. Der Vorstand hat bislang aber keine Namen genannt. Wie aber fühlen sich die Herren Jung, Köhler und Korkmaz motiviert, wenn ihnen der Trainer vermittelt, dass sie auch nicht besser als die Gurken auf dem Platz seien? Gerade Sebastian Jung, der bei seinen Würfen ins kalte Wasser während der letzten Saison nachgewiesen hat, dass er im Konzert der Großen mithalten kann. Mit Einsatz und Können.

Klar ist auch, dass Eintracht Frankfurt für die Saison 2009/2010 mit einem Minus zwischen 4 und 8 Millionen Euro plant; noch sind 11 Logen nicht verkauft. Einen Teil des Minus dürfte über das Pokalspiel gegen München aufgefangen worden sein, auch belasten keine Zahlungen mehr an Friedhelm Funkel das Budget.

Dazu wiederum Skibbe:

Wir hatten zuletzt im Pokal gegen Aachen und gegen die Bayern zweimal sehr gute Einnahmen. Außerdem hat der Verein Geld gespart, weil Friedhelm Funkel jetzt bei Hertha BSC unter Vertrag steht und nicht mehr weiterbezahlt werden muss. Ich kenne die finanziellen Dimensionen nicht, aber ich gehe mal davon aus, dass es sich zusammengenommen um einen Millionenbetrag handelt. Spielraum sollte also da sein.

Ein Spielraum sollte also da sein. Andere würden sagen, es ist ein bisschen was dazu gekommen, um das Defizit in Grenzen zu halten. Skibbe wird nicht müde, den Spieler Schwegler als leuchtendes Beispiel für gelungene Einkaufspolitik für kleines Geld zu lobpreisen. In diesem Punkt hat er sicherlich recht; es wäre jedoch nur fair, in diesem Atemzug den Spieler Selim Teber zu nennen, der auch über Skibbe geholt wurde, und der derzeit leider als Paradebeispiel für das Gegenteil steht. Wer aber garantiert mir fürderhin, dass optionale Neueinkäufe Schweglers Niveau erreichen und nicht das von Teber. Niemand.

Erneut Skibbe:

Wir brauchen Veränderungen, und wir müssen diesen Prozess schnell in Gang bringen. Wir müssen uns zum Beispiel perspektivisch Gedanken um unseren Kader machen. 31 Mann sind zu viel, mir wären 22 oder 23 auf einem höheren Niveau lieber, die man dann um junge Spieler ergänzen könnte.

Völlig richtig. Nur - wenn in der Winterpause kein Spieler mit gültigem Vertrag die Eintracht verlassen sollte, dann wäre jede Neuverpflichtung, von der wir nicht wissen, wie sie einschlägt, Nummer 32 oder 33. Wie ein geordnetes Arbeiten dann möglich ist, wird der Trainer erklären müssen. Die Erkenntnis aber, dass die Eintracht einen zu großen Kader hat und in der Substanz verbessert werden müsste, hat Herr Skibbe nicht exclusiv. Verkündet es aber, als sei ihm der gedanklich große Wurf gelungen.

Überhaupt, Skibbes Erzählungen. Kid hat seinerzeit eine schöne Auflistung darüber gebloggt, wie widersprüchlich Skibbes Aussagen sind. Nach dem Leverkusenspiel hat er nahezu allen Akteuren die Bundesligatauglichkeit abgesprochen - den gleichen Mannen, die sich noch vor wenigen Wochen laut Skibbe oben festbeißen konnten.

Zur Erinnerung, wir sind elfter, Hannover und der BVB in unmittelbarer Nähe. Wie lautete Skibbes Saisonziel? In etwa neunter Platz, 46 Punkte - ein Ergebnis, dass 2008 im Sommer eingefahren wurde. Skibbe dazu in der Pressekonferenz vor dem Bremenspiel: Ich glaube, dass ... die Manschaft schon ein Stück weit den Glauben in eigene Stärke gefunden hat.

Die gleiche Mannschaft, die nun wenig später nach dem Spiel in Leverkusen nicht konkurrenzfähig ist: Wir hatten Angst vor der eigenen Courage", wetterte er, "Wir müssen uns bei Eintracht Frankfurt in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren völlig anders aufstellen, um konkurrenzfähig zu sein.

Schauen wir doch einmal, wie es denn aussehen würde, wenn die jetzige Bilanz auf 34 Spiele hochgerechnet würde: 45,3 Punkte würden dabei herausspringen - also exakt das, was vor der Saison als Vorgabe genannt wurde. Ob das nun Platz neun oder elf bedeutet ist unerheblich.

Wie kommt also der Trainer dazu, öffentlich alles in Frage zu stellen, obgleich er auf Kurs ist? Glaubt er allen Ernstes, mit zwei, drei neuen Spielern in die Phalanx von München bis Leverkusen (Platz 8-1) einzudringen? Das wäre die nächste Stufe.

Sicherlich werfen vergangene Verpflichtungen von Caio über Kweuke und Petkovic Fragen auf. Wie kamen sie zur Eintracht? Und weshalb? Aber ähnliche Fragen dürften sich auch andere Vereine zu ihren Spielern stellen - die Einkäufe auf ganz anderem Niveau getätigt haben. Sosa und Pranjic in München oder Hleb in Stuttgart.

Die Frage ist, weshalb verliert der Trainer kein Wort darüber, dass die Mannschaft nicht nur spielerisch defizitär auftritt, sondern kaum bereit ist, sich auf dem Platz zu zerreißen. Und weshalb von offensivem Pressing bis hin zu Flügelspiel nichts zu sehen ist. Da ist ein Trainer gefragt, und nicht dafür, Binsenweisheiten je nach Tagessituation der Presse zu vermitteln.

Skibbe wusste, was er bekommt - und war bislang nicht in der Lage, anderes aus dem Team herauszuholen als sein Vorgänger. Lust am Spiel, Begeisterung, Wille - die letzten anderthalb Jahre verzweifelte man am Fehlen dieser Eigenschaften, nur um genau so weiter zu machen? Symptomatisch die Entscheidung, einen Spieler wie Christoph Spycher, dessen Qualität erstaunlicherweise erst dann auffällt, wenn er fehlt, zum Kapitän zu machen. Ein Spieler, der ein netter Kerl ist, der aber weder auf dem Platz noch gegenüber der Presse oder den Fans den Eindruck vermittelt, dass etwas lebt.

Sicher muss Eintracht Frankfurt in den nächsten Jahren einiges ändern, Verträge laufen aus - ein glücklicheres Händchen bei den Neuverpflichtungen wünscht man sich schon. Das sagen sich aber alle Teams, die hinter den Erwartungen zurückbleiben. Solange wir nicht mit Spielgeld um uns werfen können, heißt es Abstiegskampf. Und selbst größere Ausgaben verhindern das nicht zwangsläufig; bis auf Bayern München war jede Mannschaft in den letzten Jahren darin verwickelt. Aktuell der VfB Stuttgart. Und den muss man annehmen. Mit Lust und Leidenschaft. Wenn man Glück hat, läuft eine Saison wie derzeit bei Mainz 05. Vorher beim KSC oder Nürnberg. Wenn's schlecht läuft, dann sieht es aus wie bei der Eintracht der letzten Saison.

Worte schießen keine Tore. Schlicht - aber wahr.


Nachtrag:

"Wir müssen aufpassen, dass Ansprüche und Möglichkeiten nicht auseinander driften. Unser Kombinationsspiel war eine Katastrophe"

Samstag, 7. November 2009

Heimspiel in Leverkusen.


09.12.2006 - Eintracht Frankfurt - Werder Bremen 2:6

16.02.2007 - Eintracht Frankfurt - VfB Stuttgart 0:4

17.04.2007 - 1.FC Nürnberg - Eintracht Frankfurt 4:0 (P)

20.10.2007 - 1.FC Nürnberg - Eintracht Frankfurt 5:1

15.11.2008 - Borussia Dortmund - Eintracht Frankfurt 4:0

29.11.2008 - Werder Bremen - Eintracht Frankfurt 5:0

11.04.2009 - Bayern München - Eintracht Frankfurt 4:0

13.05.2009 - Eintracht Frankfurt - Werder Bremen 0:5

28.10.2009 - Eintracht Frankfurt - Bayern München 0:4 (P)

06.11.2009 - Bayer Leverkusen - Eintracht Frankfurt 4:0



Eintracht Niederlagen seit dem Wiederaufstieg 2005 mit mindestens vier Toren. Dazu kommen noch: 1:4 ggn Lev, 1:4 ggn den VfB, 1:4 in Stuttgart, 1:4 in Hamburg, 1:4 in Bremen und ein 2:5 in München. Bis auf das 0:4 in München habe ich alle Spiele vor Ort gesehen, das letzte am vergangenen Freitag in Leverkusen in der neuen BayArena. Und davon will ich euch berichten.

Nachmittags hockte ich in Oberrad bei einem Döner und wurde gefragt, wie es denn so ginge; so lala die Antwort - mal schauen, wie es denn heute Abend so aussieht. Die Eintracht spielt in Leverkusen, wir fahren hin. Echt? antworte mein türkischer Freund. Wieviele fahren denn da hin? Och, bestimmt so 10, 20 Busse, insgesamt vielleicht 3000 Frankfurter. Er wünschte mir viel Glück. Danke, antwortete ich, vielleicht schießt die Eintracht ja ein Tor.

Ich war angeschlagen, zu wenig Schlaf, zu viel Gedanken. Müde radelte ich am Main entlang, ein Vater fütterte mit seinem Kind die Tauben, ein Lastkahn mit Namen Fairplay tuckerte an mir vorüber, Herbstlicht. Über den Holbeinsteg rollte ich ins Bahnhofsviertel, holte Pia im Büro ab und verschloss mein Fahrrad. Gemeinsam marschierten wir Richtung Südseite des Bahnhofs, holten in der Münchner Straße in einem Araber-Lädchen noch eine Cola, durchschritten die Unterführung und trafen wenig später auf viele bekannte Gesichter. Viele Busse fahren an der Südseite ab, die FuFa, die Griesheimer und auch die Geiselgangster die meist, wenn wir den silbernen Golf im Herzen von Europa lassen uns mitnehmen. Es sind die, die immer da sind; Kine ist dabei, Ina, Holger, Jens, Tom, Gabi, Geetha, André, Sandy und viele andere. Wieviele Kilometer sind wir durch die Republik gereist, wieviele Stunden und Euros gingen dabei drauf, die Eintracht zu sehen. Komfort? Unser Bus ist ein alter Linienbus; Schulbus zeigt die digitale Anzeige. Eine Toilette gibt es nicht, die Musik kommt aus dem Radio; niemand hat ein Tape dabei, um den Rekorder zu füttern; mein MP3 Player liegt zuhause - meine Laune irgendwie auch. Ich bin müde, fühle mich alt, vielleicht zu alt für solche Späße, aber was soll's: Die Eintracht spielt.

Hinter dem Airport versinkt die Sonne, wir fahren; ich blicke aus dem Fenster, golden die Bäume im kühlen Herbst. Gabi gibt durch, dass sie ihren Gruppenleiterkurs absolviert hat; Applaus. Mehrfach halten wir, in Limburg, Montabaur, sammeln Leute ein, draußen legt sich die Nacht über Deutschland, über Siegburg-Ost. Treffen andere, reden.

Wir kommen gut durch, kaum Staus. Im Radio läuft Bitter Sweet Symphony von the Verve, Pia singt mit; es ist die Einlaufmusik von Bayer Leverkusen - wir fassen es als Omen auf. André verkauft Getränke; Bier, Cola für einen Euro, die Stimmung im Bus ist nicht überborden - und da weder Gerre noch Buffo oder Ralf dabei sind, fällt die Tombola aus. Kurz leuchtet an der Autobahn das Bayer Kreuz; Leverkusen - wir haben es bald geschafft; allein die letzten Kilometer sind zäh; Fußballstau. Autobahnbrücken, Firmengelände, Chempark, bis wir durch ein Wohngebiet rollen und letztlich unter der Brücke inmitten der anderen Busse parken. Männer stehen überall und pissen; ins Gebüsch, an die Busse, Scherben; zwei Busse stehen mit dem Heck dicht an dicht, keine Eintrittskarte passt dazwischen.

Pia, Sandy, André und ich marschieren los, ab und an stehen Polizisten an der Seite und beobachten uns argwöhnisch; ab und an stehen freundliche Helferlein auf dem Weg und halten Schilder in die Höhe: Wir helfen gerne. Service, den wir nicht nutzen. Nach wenigen Metern taucht das Stadion aus dem Dunkel auf; nebenan die Kurt-Rieß-Halle. Es ist wenig los am Einlass, dennoch dauert es eine Weile, bis wir die Kontrolle überwunden haben. Wie wird das Team heute aussehen? Chris und Nikolov fallen definitiv aus, dazu Ochs und Amanatidis. Ich tippe auf Franz als rechten Verteidiger, Vasoski innen und Fährmann im Tor. Klar. Jung wird wohl nicht spielen denke ich, André hält dagegen.

G-Block, dort werden die Gäste stehen; für einen Frankfurter ein gutes Zeichen. Bevor Arena Fußball gespielt wurde trafen sich in Frankfurt im G-Block die Harten; G-Block ist gut. Wir gehen ganz nach oben; Thomas, den wir treffen, erzählt, dass es für Gästefans nicht erlaubt ist, das Stadionmagazin in den Block zu nehmen; ich selbst hatte gar keines gesehen.
Stadionmagazin nicht im Stadion erlaubt. Absurd. Hier stehen Carsten, Nicole und Helmut, dort kommt Graefle vorbei - die, die immer da sind.

Der Blick geht rund, hübsch sieht es aus, das runderneuerte Stadion, hell das Licht, das überlappende Dach durch einen mittigen Trägerring gehalten. Über uns der neue Oberrang unten die Erkenntnis, dass Jung nicht spielt. Mit den Klängen von Bitter Sweet Symphony laufen die Teams ein, die Eintracht in weiß, die Werkself in rot. Fährmann im Tor, das allererste mal im Eintrachttor. Viel Glück.

Elf Minuten später ist alles aus. Elf Minuten später führt Bayer Leverkusen mit 3:0. Elf Minuten später ist die Eintracht für den heutigen Abend zerstört. Es ist ein Albtraum. Für uns, aber auch für den jungen Torhüter, der keine große Schuld an den Gegentreffern trägt. Nach elf Minuten hat die Frankfurter Eintracht ihren höchsten Rückstand der Bundesligageschichte zu diesem Zeitpunkt eingefahren. Völlig verdient, völlig desolat. Wenn es so weitergeht, steht es am Ende 27:0.

Kein Aufbäumen, keine Gegenwehr, im Gegenteil; Bayer spielt mit der Eintracht Katz und Maus. Höhepunkte aus Frankfurter Sicht: Ein Flitzer, der über das Spielfeld sprintet und von einem catchenden Ordner zu Boden gerissen wird. Caios Auswechslung nach 20 Minuten, sowie Rauch und Leuchtfeuer aus dem Frankfurter Block. Hätten unsere Jungs mal ein bisschen Dampf gemacht - aber da ist nichts. Gut, Korkmaz wuselt über das Feld, Schwegler hält dagegen, Franz ist wütend - aber mit Fußball hat das alles nichts zu tun. Stoppen, passen, stoppen, passen, stoppen, passen; Raumgewinn gleich Null. Zurück zu Fährmann. Wie anders doch die Herren Kießling oder Derdiyok, Kroos oder Hypiä. Sie attackieren, lupfen, flitzen, klären, während der Eintracht Kapitän Spycher zeitgleich an seiner Steuererklärung sitzt; Bajramovic überlegt, ob er in der Halbzeit Ketchup oder Majo zu den Fritten ordert. Russ fragt sich, weshalb ausgerechnet er bei den Klatschen immer dabei ist, während Liberopoulos und Meier beim Warten auf Bälle sichtlich altern. Teber überlegt immer noch, weshalb er mitspielen darf und unser Trainer feilt derweil an Erklärungen. Es ist grausam. Kein Aufbäumen, keine Idee, kein Wille. Ich rauche.

Wir.Wolln. Euch kämpfen sehn!

Foto: Pia Geiger

In der Pause treffen wir Stefan, der doch gekommen ist, um Fotos zu machen. Dolle Motive, Kießling, Rauch, Bengalos, Flitzer. Immerhin. Irgendeiner hat sich das Bein verbrannt und irgendwo hat's gescheppert. Mir egal. Aber die Fanbetreuung hat Arbeit.

In Halbzeit zwei ist Leverkusen gnädig, sie geben der Eintracht die Illusion, ein bisschen mit zu kicken und erzielen kurz vor Schluss den vierten Treffer. Tooooor für dieeeee plärrt der Stadionsprecher: Werkself brüllen ein paar Leverkusener drei Mal; Fans, die während des Spiels eine verkorkste La Ola starteten; überhaupt war deren Support mau, was mir jedoch völlig am Arsch vorbei geht. Pia sieht genau hin, außer Franz hat keiner der Frankfurter ein dreggisches Triggo. Abpfiff. Bedröppelte Eintrachtler - oder besser: Frankfurter Spieler holen sich ein paar Pfiffe ab, der Rest ist Schweigen. Irgendeine Ballermann Musik dröhnt durch die Arena, ...und wir feiern die ganze Nacht. Hey, was geht ab... In mir wächst der Wunsch, etwas zu zerstören - aber ich habe mich im Griff. Wir gehen. Es ist kalt. Innen wie außen.

Busse warten mit laufenden Motoren, Abgase mengen sich mit schlechter Laune und nach einer Weile rollen die Fahrzeuge in die Nacht, Fürther, Nieder Bube, Sossenheimer, wir.

Da die Autobahn A3 gesperrt ist versuchen wir es über die A61, die Fahrt zieht sich, wir klappern die Raststätten auf der Suche nach Nahrung ab, irgendwo in Deutschland. Vor meinem geistigen Auge ziehen Jägerschnitzel vorbei, grinsen hämisch. Eifel, Brohltal, Koblenz, Limburg, ICE Bahnhof: Geschlagene 20 Minuten warte ich auf meinen Burger; die Laune sinkt ins Bodenlose; ich will heim, ins Bett, vergessen. Nächster Halt Bad Camberg, Busreinigung. Gegen 3:30 rollen wir in Frankfurt ein, geschlagene fünfeinviertel Stunden nach dem Schlusspfiff. Ein kurzes Adieu und wir latschen durchs Bahnhofsviertel. Überlegen, ob wir an einer Tombola teilnehmen sollen, die Gewinne sind verlockend. Irgendwo liegt einer in seinem Erbrochenem, andere rufen den Notarzt. Wir holen die Fahrräder und eiern ins Nordend.

Ein kurzer Blick ins Netz zeigt uns, dass Trainer Skibbe im TV und vor versammelter Presse gesprochen hat. Mir egal, ich will schlafen. Bitter sweet. Nur ohne Sweet.

Mittwoch, 4. November 2009

VW, Audi und der Fußball. Auch: Eintracht Frankfurt.


Da ist es also passiert. Während Bayern München sein Champions League Match gegen Bordeaux mit 0:2 vergeigte, triumphierte der VfL Wolfsburg bei Besiktas Istanbul mit 3:0 - mit der nicht unwahrscheinlichen Folge, dass Bayern wohl nach Ende der Gruppenphase im Cup der Verlierer ran darf; dem Uefa Cup der mittlerweile Uefa Europa League heißt; während Wolfsburg, vorausgesetzt ein Punkt gegen ZSKA Moskau, sich weiterhin an den großen Fleischtöpfen bedienen kann. Unterdessen hat Bayern München 10% der AG-Anteile an Audi verkauft: Dazu Uli Hoeneß: Das ist ein Betrag, der weit über 100 Millionen (Euro) sein wird - alles zusammen...

Interessant ist, wie bei diesem Screenshot von Kicker-online zu sehen, die Funktion von Martin Winterkorn, der im Aufsichtsrat der Bayern sitzt, Aufsichtsratsvorsitzender bei Audi zu sein scheint und zudem noch Vorstandsvorsitzender bei VW, dem sagen wir Großsponsor vom VfL ist. Wer gewinnt demnächst bei Wolfsburg gegen Bayern? Auf jeden Fall Winterkorn könnte man meinen. Sportlich brisant; die Marke Bayern München dürfte weltweit mehr Umsatz generieren als die Marke VfL Wolfsburg. Aber Audi gehört zu VW. Wie nun im Geschäft?

Sehen wir hier der Zukunft des Fußballs ins Gesicht? Die Firmenmannschaft von VW löst in der Champions League den Noch-Verein FC Bayern München ab, - sicherlich vorerst eine Momentaufnahme - während jene Bayern nach den 10% an Adidas im Jahr 2002 nun weitere 10% an Audi abgegeben haben - und auf dem besten Wege sind, ihre Identität zu verscherbeln. Weit über 100 Millionen Erlös; zusätzlich zu den im laufenden Geschäftsjahr generierten Geldern - das ist zwar eine Menge; aber selbst mit dem Geld von Adidas Anno 2002 (rund 77 Millionen Euro) stehen sie derzeit in der Liga nur mickrige drei Pünktchen vor der Eintracht auf Rang sechs. In den Startlöchern steht Hoffenheim/SAP resp. Hopp und zudem der Oberligist SSV Markranstädt, der seit laufender Saison RB Leipzig heißt - und unter den Fittichen von Mateschitz gelandet ist; dem Erfinder der geflügelten Brause Red Bull. Mit Bayer Leverkusen führt eine weitere Werksmannschaft die Bundesligatabelle an.

Gesetz den Fall, Bayern München qualifiziert sich nach derzeitigem Stand der Dinge nicht über die Liga für einen internationalen Wettbewerb, so bleibt der Pokal. Sollte auch dies unerwarteter Weise nicht klappen, würden die Audi Millionen ein Jahr Überleben auf höchstem nationalen Niveau sichern. Sollten sich weitere extern finanzierte Teams etablieren, kann Uli Hoeneß schneller vor den Trümmern seines Lebenswerkes stehen, als im lieb ist; bei der derzeitigen 50+1 Regel könnte der FC Bayern noch 29% seiner Anteile verkaufen. Kein Wunder, dass sie bei den notorisch klammen Löwen vermeintliche Schulden einfordern; Ribery, Klose, Robben, Tymoshchuk, Toni oder Gomez haben ihren Preis. Auch ein Manuel Neuer, der im Gespräch ist. Und auch die Herren Baumjohann und Andreas Ottl. Letzterer war zweimal bei der Eintracht im Gespräch - sitzt aber lieber in München auf der Tribüne.

Szenenwechsel.

73 Millionen Euro - dies wäre die Summe, die der Gesamtetat von Eintracht Frankfurt in der laufenden Saison 09/10 betragen könnte - wenn alles optimal gelaufen und beispielsweise alle Logen vermietet worden wären. Da dies nicht der Fall ist, beträgt der Etat 64 Mio. Die Stadionmiete beläuft sich derzeit auf 9,2 Mio Euro - Einnahmen für die Stadt Frankfurt - die Arena selbst kostete die Stadt Frankfurt 150 Mio Euro. In 15 bis 20 Jahren hätte also die Eintracht der Stadt ein Stadionneubau finanziert - so es in dem Trend weiter ginge. Das ist nun der Preis, dass das Stadion die Eintracht seinerzeit am Leben gehalten hat.

Der Lizenzspieler Etat liegt bei ca 30 Mio. Selbst wenn also Spieler abgegeben werden stellt sich die Frage, mit welchen Summen Verstärkungen finanziert werden sollen - ein Podolski kostete Köln um die 10 Millionen Ablöse, ein Marin Werder Bremen ca. deren Acht; zusätzlich Gehalt und Prämien in Millionenhöhe. Um Eintracht Frankfurt dauerhaft in internationale Ränge zu führen, wären Investitionen im dreistelligen Millionenbereich von Nöten - illusorisch oder selbstmörderisch. Selbst die Verstärkung auf einzelnen Positionen gerät zu einem finanziellen Drahtakt; einen Amanatidis adäquat zu ersetzen, könnte teurer kommen als ein Caio je war.

Interessant ist ein Gedanke des Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen (geäußert im Rahmen einer Veranstaltung im Museum), der darauf abzielt, dass ein Großteil der Spieler die für die Eintracht spielen zu kleinen Preisen gekommen sind; Nikolov, Ochs, Russ, Meier, Chris, Vasoski, Köhler - auch Amanatidis bei seinem Erstengagement. Die Versuche, jene Akteure durch bessere zu ersetzen hat bislang immer teurere Spieler gebracht - ohne dass diese bislang die alten Recken dauerhaft verdrängen konnten. Der Nachwuchs von Reinhard bis Ljubicic konnte sich nicht etablieren. Marko Marin bleibt (edit: neben Jermaine Jones, danke s'c) der einzige Spieler, der die Eintracht selbst verlassen und sich bei anderen Vereinen einen Namen gemacht hat, alle anderen die in der Jugend oder U23 das Trikot der Adler trugen spielen unterklassig. So einfach ist es also nicht, beim Neunten der Liga zu spielen - und billig schon gar nicht mehr. So lange Eintracht Frankfurt im jetzigen Rahmen wirtschaftet, solange ist der Verein resp. AG darauf angewiesen, dass sich ein Spieler aus der Jugend exorbitant entwickelt - schauen wir mal, wie dies bei Sebastian Jung der Fall ist - oder aber ein für relativ kleines Geld geholter Spieler fulminant einschlägt. Ob aber ein einziger Akteur in der Lage ist, die Gesamtausrichtung der Eintracht zu ändern ist fraglich. Wenn wir uns ansehen, mit welchem Wert die jetzigen Akteure der Eintracht gelistet sind (zugegeben steht diese Liste auf wackligen Beinen), fällt auf, dass sich der Preis für Neuerwerbungen der letzten Jahre in etwa mit dem deckt, wie langjährige Spieler Eintracht Frankfurt gelistet sind. Einzig Amanatidis und Fenin fallen dabei etwas aus dem Rahmen.

Hannover oder Köln haben in den letzten Jahren mächtig investiert - und rangieren derzeit hinter Eintracht Frankfurt. Im Moment sogar die letztjährigen Champions League Aspiranten Hertha BSC und VfB Stuttgart. Die Hertha verlor mit Simunic, Voronin und Pantelic gleich drei Spieler, deren Qualität bislang nicht ersetzt wurde, während Stuttgart Mario Gomez für über 30 Mio Euro nach München ziehen lassen musste. Dem stehen Transfers im Wert von über 17. Mio Euro entgegen - momentanes Resultat in der Liga: Platz 14

Das heißt mit anderen Worten, dass der Überlebenskampf und die Inthronisierung der von Hannovers Präsident Kind gewünschten Abschaffung der 50+1 Regel schon schleichend begonnen hat; Schalke hat gerade 25% seiner Stadionanteile an die GEW Gelsenkirchen verkauft - um die laufende Saison zu finanzieren. Sie werden so sie weiterhin international spielen wollen sich etwas einfallen lassen müssen für die nächsten Jahre. Die Bayern machen es vor, Anteile zu verkaufen bringt frisches Geld - das bei Pech oder Unvermögen schneller weg ist als ein Achter-Bembel; Octagon lässt grüßen. Und dann? Werden sich auch die Bayern der Abschaffung von 50+1 nicht verschließen können, um den gewohnten Platz an der Sonne anvisieren zu können

Heribert Bruchhagen bleibt bislang wehrhaft, auch Bernd Hoffmann vom HSV - aber auch die Eintracht wird eines Tages vor der Frage stehen: Mitspielen und Spielball eines oder mehrerer Investoren werden, die über Wohl und Wehe entscheiden - oder aber sportlich den Weg von sagen wir mal Eintracht Braunschweig zu gehen, wenn andere Vereine plötzlich Hunderte von Millionen Spielgeld ins Spiel bringen.

Relativ bald schon könnte eine Allianz aus sagen wir Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, Hannover, Schalke und München ein ganz anderes Gewicht bekommen, als es das Getrommel von Kind bislang geboten hatte. Interessant dabei ist, dass der Präsident von Hannover scheinbar glaubt, die Roten könnten im Ballett der Großen dann eine Rolle spielen. Wobei, wenn ich mir heute den Stellenwert von Fortuna Düsseldorf im Verhältnis zur TSG Hoffenheim ansehe ist vieles möglich. Am aktuellen Beispiel Wolfsburg versus Bayern München schön zu sehen.

Vereine, die sich in den letzten Jahren in die Phalanx der Großen gemogelt haben, ohne außergewöhnlich zu investieren fanden sich gewöhnlich in der Folgesaison in der Zweiten Liga wieder, Freiburg, Bochum, Karlsruhe, Nürnberg. Derzeit schickt sich Mainz an, eine gute Rolle zu spielen; warten wir ab, was die Zeit bringt.


Nachtrag:

Kleinkariert.

Dienstag, 3. November 2009

Zehn Gründe - eine Liste


Heute präsentieren wir Ihnen stolz zehn gute Gründe, warum man als Eintracht-Fan am Freitag nach Leverkusen fahren sollte.

  1. Die Eintracht spielt
  2. Flutlichtspiel
  3. Keine Bayern im Stadion
  4. Geiselgangster
  5. Rauchen trotz Rauchverbot
  6. Eine Karte für alles; Mitgliedsausweis, Dauerkarte, Bezahlkarte. Das geht. In Leverkusen!
  7. Stadionmagazin fürs Eintracht-Archiv mitbringen
  8. Wer über Fußball reden will, sollte Fußball vor Ort schauen
  9. Daheim sterben die Leut
  10. Auswärtssieg

Niemand soll sagen er hätte es nicht gewusst.

„Aus dem Waldstadion – Richard Kirn und die Frankfurter Eintracht“


„Aus dem Waldstadion – Richard Kirn und die Frankfurter Eintracht“

Kirn.jpgRichard Kirn ist in Frankfurt unvergessen. Seit den 1930er Jahren beobachtete der Journalist Frankfurt mit seinem ganz eigenen, gestochen scharfen Blick. Er schrieb über Lokalereignisse, er schrieb über Kultur, er schrieb über Politik. Und er schrieb über Fußball, denn der Fußball war seine große Liebe.

Dreißig Jahre nach dem Tod von Richard Kirn haben sich Michael Löffler und Erich Fischer auf die Suche gemacht nach den schönsten Geschichten, Glossen und Kommentaren des herausragenden Sportjournalisten. Herausgekommen ist das Buch „Aus dem Waldstadion – Richard Kirn und die Frankfurter Eintracht“, das am

4. November um 19. 30 Uhr

von den Autoren und dem Societäts-Verlag im Eintracht Frankfurt Museum im Waldstadion vorgestellt wird. Zur Buchvorstellung werden auch ehemalige Spieler der Eintracht anwesend sein, unter anderem Erwin Stein, zweifacher Torschütze im Europapokalfinale 1960 und Dr. Peter Kunter, Torwart der Pokalsiegermannschaft 1974, sowie Thommy Rohrbach.

Eintracht Frankfurt Museum


Montag, 2. November 2009

Eintracht Franzfurt - VfL Bochum 2:1


Augenhöhe.

Um mit dem PKW in ein Fußballstadion, namentlich hier in Frankfurt zu kommen, brauchst du:

Einen PKW
Einen Führerschein
Einen Fahrzeugschein
Eine TÜV-Plakette
Einen Anwohnerausweis (Home)
Eine ASU-Plakette
Eine Umweltzonenplakette
Und für den Nah-am-Stadion-Parker: Einen Parkschein.

Eine Eintrittskarte
Einen Mitgliedsausweis/Fanclubkarte
Einen Lichtbildausweis
Für den Durst eine Geldkarte "Just Pay"

sowie jede Menge Menschen, die all die Karten und Plaketten organisieren, kontrollieren und verwalten. Das heißt Fortschritt und ist gut. Oder?

Die Geldkarte für das Stadion spare ich mir; dennoch reichlich viel Bürokratie für einfache Tätigkeiten wie Autofahren oder Fußballgucken. Dazu kommt die Warterei am Eingang sowie das mal mehr oder mal weniger höfliche Abgetastet-werden. Dafür nehmen wir gerne alljährliche Preiserhöhungen in Kauf; es dient ja unserer Sicherheit. Dass es beim Spiel gegen den VfB Stuttgart vor einigen Wochen dennoch rauchte und böllerte darf dabei nicht verwundern; wer will kann jederzeit Material aller Art ins Stadion bringen - die Einlasskontrollen, die auch vor Kindern nicht halt machen, können gar nicht perfekt sein; zumal das Stadion unter der Woche geöffnet hat und jeder im weiten Rund zwischen den Bäumen was auch immer verstecken kann.

Zum Sport:


Die Eintracht begann gegen den VfL Bochum, dessen Trainer Heiko Herrlich erstmals auf der Bank saß, mit Caio, Teber und Liberopoulos an Stelle von Bajramovic, Steinhöfer und Fenin. Also wieder nichts mit Sebastian Jung. 37.500 Zuschauer sahen eine bemühte Eintracht, die sich Chancen herausspielte, die Liberopoulos knapp vergab. Schwache Bochumer versuchten zwar den ein oder anderen Nadelstich zu setzen, kamen aber nicht zwingend vor das von Nikolov gehütete Tor der Eintracht. In der 14. Minute erzielte Caio per Freistoß das 1:0, der Ball setzte kurz im Strafraum auf und zappelte im Netz. Schön.

Trotz aller optischer Überlegenheit schaffte es die Eintracht nicht, Bochum unter Druck zu setzen, zu bewegungsarm das Spiel - dennoch fiel höchst überraschend der Ausgleich; Epalle hatte viel Zeit zum Flanken, ein Bochumer verpasste und Maik Franz lenkte den Ball über Nikolov ins eigene Netz. Wenig später flimmerte über den Videowürfel eine Statistik: Torschüsse Frankfurt: 5, Torschüsse Bochum: 0. Spielstand: 1:1. Das muss erst mal einer nachmachen.

Franz konnte kaum glauben, was das Schicksal in dieser Woche mit ihm vor hatte; nach den drei Klöpsen gegen die Bayern nun der nächste; obgleich die Situation weniger dämlich als unglücklich war.

Im Verlauf der ersten Hälfte agierten Ochs und Schwegler engagiert; Spycher, Meier und Teber unglücklich und Caio - Caio hatte die nächste Chance, als er einen Ball schön annahm, aber über das Tor schluppte. Halbzeit.

In der zweiten Hälfte versuchte die Eintracht zu kombinieren; Ochs und Franz hatten über Außen viel Raum aber erst eine Ecke, von Ochs getreten, von Chris verlängert und von Franz, ausgerechnet Franz, per Kopf ins Tor befördert, brachte die verdiente Führung. Unsere Jungs freuten sich - bis Franz den davon eilenden Sestak kurz checkte und der herauslaufende Nikolov am Sechzehner dabei unsanft zu Boden ging. Fährmann machte sich bereit, aber Nikolov konnte unter dem Beifall der Fans weitermachen. Viel zu tun hatte er nicht; Bochum zeigte das graueste Grau - doch konnte die Eintracht von Glück reden, als Klimowicz aus wenigen Metern völlig frei am Tor vorbei köpfte. Meier hatte auf Seiten der Frankfurter noch eine schöne Chance, schob aber knapp am Kasten vorbei.

Ab der 80. Minute kickte der VfL zu Zehnt weiter, Ono sah binnen einer Minute zweimal die gelbe Karte und ersparte sich den Auftritt vor der Kurve nach Spielende. Relativ ungefährdet brachte die Eintracht das 2:1 über die Runden; es war kein glanzvoller aber eminent wichtiger Sieg, der durchaus hätte höher ausfallen müssen. Insgesamt vermisste ich Bewegung bei eigenem Ballbesitz; Druck und unbedingter Wille konnte man bei Ochs und Schwegler, auch bei Franz wahrnehmen; weshalb Spycher Kapitän dieser Mannschaft ist, erschließt sich mir nicht so ganz und hinzugefügt sei noch, dass unsere U23 am Tag zuvor gegen die Spvgg Weiden am Bornheimer Hang mit 5:0 gesiegt hatte. Vier Treffer erzielte Martin Hess, einer ging auf das Konto von Marcel Heller - und somit schob sich das Team von Trainer Frank Leicht nach vier Siegen aus den letzten vier Spielen und dabei erzielten 16:2 Treffern auf den vierten Platz der Regionalliga Süd. Die große Eintracht bleibt mit 16 Punkten auf Rang neun - drei Punkte hinter den ganz großen Bayern.

Ausgerechnet.