Die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes, gefühlte 6 Grad im Rheinland für den 21. März 2009, den traditionellen Frühlingsanfang waren angesagt. Da sich aber im Laufe der Jahre die Zwiebeltaktik bezahlt gemacht hat, sollten Shirt, Hoodie und Jacke reichen, um sich adäquat gegen die drohende Kälte zu wappnen. Zum ersten Mal seit Jahren trug ich nichts von Eintracht Frankfurt, keinen Adler, keinen Button, keinen Schal - Nichts. Sieht man einmal von meinem Shirt
Vereint in den Farben, getrennt in der Sache ab, aber das ist ja nicht wirklich
Eintracht. Sondern
Frankfurt. Pia erging es relativ ähnlich. Und so rollten wir im silbernen Golf Richtung Berger Straße, um Christian einzusammeln, der dort schon auf uns wartete. Mit Schal.
Samstag morgen, 9:45 in Deutschland; knappe 240 km liegen vor uns, die Eintracht spielt gegen Leverkusen und zwar in Düsseldorf; einer Stadt, die zwar eine bundesligataugliche Messehalle besitzt (LTU-Arena) aber keine Mannschaft in der ersten oder zweiten Liga. Da das Leverkusener Stadion derzeit vergrößert wird, spielt die Werkself zur Zeit in jener Messehalle und hatte sich bislang standhaft geweigert, ein Bundesligaspiel dort zu gewinnen. Ob dies auch heute so bleiben wird? Nun, wir werden sehen.
Über die Friedberger Landstraße und den Alleenring fuhren wir auf die A66 und betankten den Golf; Super 1.19´9. Schon seit Jahren frage ich mich, wie es zu dieser Stelle hinter dem Komma in Bezug auf Benzin-Preise gekommen ist und weshalb ich für alle Fälle 0,9 Cent in der Tasche haben sollte, aber ich frage mich im Laufe der Zeit vieles und erhalte nicht immer erhellende Antworten, dazu später mehr.
Wiesbadener Kreuz, A3, blauer Himmel. Der noch am frühen Morgen zusammengestellte Soundtrack rotierte in der Anlage, Thomas D. sang die folgenden Zeilen:
Alle Dinge haben Zeiten des Vorangehens und Zeiten des Folgens,Zeiten des Flammens und Zeiten des Erkaltens,Zeiten der Kraft und Zeiten der Schwäche,Zeiten des Gewinnens und Zeiten des Verlierensund ich wusste nicht so recht, welches die jetzigen Zeiten sind.
Thomas D. sang weiterhin:
Die Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus (Laotse) und ich denke,
die Lüge auch. Dazu später mehr. Surfversionen von Clashsongs folgten (Death or Glory), The Exploited mit den
Troops of tomorrow - ein schöner Tipp vom Ergänzungsspieler während der letzten Woche - oder die
Toy Dolls, Ramones, Pogues, Stage Bottles bis hin zu
Mano Negra - ein deutliches Zeichen, den Kampf anzunehmen.
entdeckt unter der Theodor Heuss Brücke in DüsseldorfAb und an sahen wir ein Auto mit Eintracht Aufkleber, wir überholten zwei Neunsitzer und schnurrten durch den Tag.
Beat on the brat, Beat on the brat, Beat on the brat with a baseball bat- Oh yeah, oh yeah, uh-oh.
Idstein, Limburg, Montabaur, Parkplatz Epgert, Zeit für einen Zwischenstopp. Berlin 650 km. Der Bus der Binding Szene hatte sich den gleichen Halt ausgewählt, Dino kam auf einen Schwatz herüber, Musik wummerte aus den offenen Türen des Golfes und dennoch war die Stimmung keineswegs euphorisch; zuviel war passiert in den letzten Wochen, zu viele Worte mit zu wenigen Ergebnissen gewechselt, zuviel Seltsames spielt sich ab rund um den modernen Fußball, rund um die Eintracht. Christian telefonierte mit einem Kumpel, der kurzfristig doch noch nach Düsseldorf gefahren war und sich just im Moment des Telefonats nur wenige Meter vor dem Parkplatz befand und also die Chance nutzte, auf einen kurzen Abstecher vorbeizuschneien.
Ein kurzes Hallo im Frühlingsblau und schon ging's weiter, zurück auf die Straße. Fragt mich jemand, was mir lieber sei, das Fortfahren oder das Ankommen, würde ich immer sagen: Das
Unterwegssein.
Auch Stefan, unser Freund vom Blog-G war gegen alle Erwartungen unterwegs; er telefonierte mit Pia und ließ ausrichten,
dass alles gut werde; allein ich bin mir nicht sicher - doch tröstlich sind solche Worte allemal.
Hier könnt ihr seine Erlebnisse des Tages nachlesen und tolle Fotos vom Spiel anschauen.
Industriedenkmal Grube Georg, dahinter irgendwo Reklametafeln auf einem Hügel, die größte davon bewarb ein Sonnenstudio, dazu Warnhinweise: Stau hinter Leverkusen, 6 km.
Ich bin Oldschool, ich besitze kein Navi, ich will auch keines; bislang kam ich noch überall an, in Deutschland, Spanien, Portugal in England, Frankreich, Indien; ob mit privatem PKW, ob mit dem Taxi; ich vertraue da ganz auf meine Fähigkeiten, auf mein Mundwerk und auf die guten alten Straßenkarten.
Köln, Leverkusen, allerorten freie Fahrt - jedoch verdichteten sich die Warnhinweise und alsbald zeigten die Bremslichter vor uns den angekündigten Stau, wenige Meter hinter der Ausfahrt 22 Richtung B8 - Richtung Düsseldorf.
Wir verließen die Autobahn bei der Abfahrt 22 noch bevor wir den Stau wirklich erreichten und rollten durch den deutschen Samstag-Mittag-Vorort-Verkehr; Ampeln, Einkaufsparadiese, Baumärkte - das Land rüstet sich für den bevorstehenden Frühling; Sonderangebote für Blumenerde, Rasenmäher und Terracotta-Fliesen; wer dafür kein Auge hat - oder kein Geld, der beginnt halt jetzt schon mit dem Trinken oder dem Verzweifeln; die Wirtschaftskrise trifft eh nur diejenigen, die sich davon kirre machen lassen; der Rest kauft ein, bis es soweit ist.
Langenfeld, Düsseldorf, Dreck-weg-Tag.
Wir konnten zunächst nichts mit den Massen anfangen, die an den Straßenrändern Müll aufklaubten, dachten an die üblichen Ein-Euro-Jobber, ohne die das Land zwar nicht leben könnte, die aber dennoch nicht von ihrem Lohn leben können, - bis wir durch Plakate eines Besseren belehrt wurden. Heute, bzw. gestern war in Düsseldorf
Dreck-weg-Tag, ganze Heerscharen Gutmeinender zogen durch die Landeshauptstadt und sammelten ein, was sie in der restlichen Zeit auf die Straße werfen; wir hofften, unseren Beitrag in Bezug auf Leverkusen zu leisten und bestaunten aus dem Fenster Radfahrer in T-Shirts, welche die Wettervorhersage incl. gefühlten sechs Grad ignorierten. Bald durchquerten wir den Stadtteil Bilk, Jugendliche saßen in einem Fahrradanhänger und ließen sich gutgelaunt vom Radler ziehen, eine Angel in der Hand. Ein kleiner Stau in der Stadt zeigte sich generös und entließ uns ohne längere Wartezeiten, wir verknoteten uns kurz in Unterbilk vor der Rheinkniebrücke, über die wir kurz darauf den breit und träge dahin mäandernden Rhein überquerten.

Noch von früher wusste ich, dass auf der anderen Rheinseite im Stadtteil Oberkassel zum einen die Schönen und Reichen wohnen und wir zum anderen hier nur durch eine Brücke von der Altstadt entfernt dem Gewimmel und Gewusel aus dem Weg gehen konnten. Flugs parkten wir den Golf vor einer Reihe edler Altbauten, packten alles notwendige in die Hosensäckel und marschierten los. Ein blauer Himmel wachte über uns, die Sonne beschien die Rheinwiesen und die Düsseldorfer machten an ihrem Fluss das, was jeder in solchen Momenten machen würde: Kinder erlernten das Radfahren, Hunde kackten auf die Wiesen und Liebende schlenderten Hand in Hand am Wasser entlang.

Auf dem Rücksitz hatten wir noch eine Flasche Apfelwein entdeckt, die wir zur Feier des Tages kreisen ließen und so näherten wir uns Meter um Meter dem heutigen Ziel. Ein Grüppchen Fortuna-Fans hatte es sich im Gras gemütlich gemacht, Lastkähne und Ausflugsdampfer schipperten den Rhein entlang und in der Ferne würmelten Straßenbahnen über die Oberkasseler Brücke, die wir unterquerten bis wir nach weiteren zwei Kilometern erst die Theodor Heuss Brücke

per pedes überquerten.
Wir marschierten am Yachthafen vorbei weiter am Rhein entlang, rechts neben uns die Hauptstraße, die Richtung Stadion führt und noch war weit und breit nichts von dem zu spüren, was gemeinhin einen Bundesliga-Samstagnachmittag in der Großstadt ausmacht, nämlich Fußballfans. Gott sei's gedankt auch wenig Polizei. Und irgendwie beschlich mich der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht schlecht wäre, sich mit Transistorradio an den Rhein in die Sonne zu legen, Gott einen guten Mann sein zu lassen, ein paar Würstchen auf einen imaginären Grill zu schmeißen und ein paar Schöppchen in den kommenden Sonnenuntergang zu trinken.

Mal im Ernst, so ein bisschen bin ich den ganzen Zirkus rund um den Profifußball leid; fliegendes Glas, sinnlos brabbelnde Vollalkoholisierte, Stacheldraht und Zaunverhäue, martialische Polizei, schlecht recherchierende Journalisten, katastrophal organisierte An- und Abfahrtswege, Kontrollen, Fußballmafia DFB und stets die gleichen Spieler im Abstiegskampf, Jahr für Jahr in unterschiedlichen Mannschaften. In jedem Stadion die gleichen Gesänge, Ordner, Einlasskontrollen, Lieder, Reklametafeln, Deppenmaskottchen - erstickt jegliche Individualisierung, bekämpft jeglicher Versuch, der Zeit ein eigenes Gesicht zu geben.

Wir drehten eine Ehrenrunde durch einen Park, Blümchen sprossen aus der Frühlingserde, Krokusse und Osterglocken, und alsbald erreichten wir die Messe Düsseldorf. Aus den Messehallen strömten Heilpraktiker, welche der tatsächlich stattfindenden Messe entwichen und wir erkannten die ersten Parkplätze. Das Überqueren der Straße wurde durch ein wirres Zeug salbaderndes Ordnerlein erleichtert und so wuchs vor unseren Augen die Messehalle LTU-Arena in die Höhe. Es hätte auch ein Parkhaus sein können oder ein Einkaufszentrum. Auf die Idee, dass in dem Kasten Fußball gespielt wird, kommen nur Eingeweihte; wie anders doch früher, als in den Himmel ragende Flutlichtmasten auch dem Ortsfremden signalisierten: Obacht, hier gibt's Fußball.
Einfach nur Fußball.

Leverkusener waren bislang noch immer Mangelware; erst am Messebahnof wurden wir jener Spezies gewahr, welche die Werkself für sich entdeckt hatten.
Leverkusener rechts, Frankfurter geradeaus über den Platz tönte eine Lautsprecherstimme durch den Bahnhof, und da wir

definitiv Frankfurter sind, schoben wir uns im Pulk mehr oder minder fröhlicher Hessen vorbei an einem komplett geschlossenem Eingang, vorbei an jenem Metallungetüm bis hin zum Eingang Nord-Ost.
Dort stauten sich erwartungsgemäß die Frankfurter, passierten zwei Kontrollen und eierten dann Stück für Stück in die ausgewiesenen Blöcke. Unterwegs trafen wir auf Gabi und Michael, die auch immer dabei sind, dort winkten wir Dani und Präsi und schon suchten wir im/n Stadion/Arena/Messehalle einen brauchbaren Platz. Ein kurzes Hallo an die Nieder Buben, die zum Teil auch Mädels waren und nach einigem Hin und Her standen wir irgendwo in diesem Sitzplatz-Areal inmitten Tausender knallbunter Sitze und ebenso vielen Eintracht Fans und harrten der Dinge, die nun kommen würden.
Zunächst erkannten wir Stefan, der uns im Pulk gleichfalls entdeckte, freundlich winkte und vom Spielfeldrand zielgenau ein Foto von uns schoss; wir erkannten ein genmanipuliertes Plüschtiermaskottchen, welches fatal an einen Fehlversuch der Firma Bayer erinnerte und wir erkannten, dass Sebastian Jung nicht im Kader war, Benjamin Köhler spielte linker Verteidiger und Petkovic saß auf der Bank. Korkmaz durfte von Beginn an ran, im Tor stand Markus Pröll; die Eintracht ganz in schwarz, Leverkusen in tablettenfarbenen gestreiften Trikots und los ging's. Naja, nicht ganz - der Stadionsprecher verkündete zuvor beim Verlesen der Ersatzspieler stolz: mit der Nummer Dreißig:
Tschau.

Ihr wisst ja, wie er richtig heißt, ihr ruft's ja oft genug.
Die Mannschaften liefen zu
Bitter Sweet Symphony von The Verve ein, einem tollen Song, der vor allem Pia am Herzen liegt, aber als Einlaufmusik ähnlich ungeeignet scheint wie Let it be von den Beatles, aber was soll's; besser diesen Song zu hören, als ein zweites Mal die Hymne von Leverkusen, die genausogut Laa la laaa la heißen könnte; zusammengeschustert von Zusammenschusterern, die mit der gleichen Leidenschaft auch einen Song über ein Mittel gegen Blasenschwäche konstruieren könnten.
Laa la laaa la ; gotterbärmlich.
Vom Plastikclub zur Werkself, das war kein leichter Weg. Das singen die, ehrlich ...
Vor uns hauten zwei Jungs auf die Trommel, Fahnen gab's hüben wie drüben keine, und ob es

auf Leverkusener Seite wie bei uns ebenfalls ein Supportboykott gab, war mir nicht bekannt. Von der Nordkurve war nicht viel zu sehen oder gar zu hören, bei uns wurde die Eintracht angefeuert, mal ging es von jener Seite der Kurve los, mal von einer anderen. Die Ultras blieben weitestgehend bei ihrem Supportboykott, der sie wohl mehr selbst schmerzt als den Verein - zumindest solange die Eintracht nicht in Rückstand gerät. Ein Fehlpass von Fink wurde von meinem Hintermann mit den Worten
Köhler du Arschloch abgearbeitet, das ist bei einem Rückstand noch ausbaufähig. Ein schöner Einsatz von Steinhöfer brachte ein feines Zuspiel auf Fenin, der nach vorne flitzte, während Alex Meier in der Mitte mitlief. Ich beobachtete ihn, sprach
Meier,
Meier,
Meier,
Meier,
MEIER - und so ging die Eintracht mit 1:0 in Führung, als hätte ich es im Moment geahnt.
Sonst blieb ich weitestgehend still, sieht man einmal davon ab, dass ich beschwichtigend eingriff, als ein Supporter aus dem Odenwald einen Nichtsupporter auffordern wollte, es ihm gleich zu tun - worauf dieser dann leicht grantig wurde. Nun ja, nicht jeder wedelt gerne mit Schals an den Handgelenken in anderer Leute Gesicht herum; nicht jeder mag es, anderer Leute Schals alle naslang durchs Gesicht gestreift zu bekommen, was soll's.
Kurz vor der Halbzeit versenkte Kadlec im Anschluss an eine Ecke das Bällchen zum Ausgleich im Netz und hätte die Latte im Gegensatz zu Russ nicht aufgepasst, dann hätte es kurz darauf sogar 2:1 für die Werkself gehießen. So ging's mit dem 1:1 in die Halbzeit, die auch irgendwie rumging.
Später machten die Ultras kurz auf sich aufmerksam, während die Herren hinter mir ungefragt ihre Ansichten über die Herren Köhler und Meier sowie später Kweuke mitteilten.
Als Fenin, der sich kurz zuvor verletzte, gegen eben jenen Kweuke ausgewechselt wurde, blökte es uns von hinten in die Ohren:
Wiesoholtenderdenjetztrunner? Der kurze Hinweis, dass Fenin verletzt sei, irritierte zwar, doch dann kam:
Wiesobringtnderdenkweukeunkeinannernstürmer. Der wiederum kurze Hinweis, dass die Herren Amanatidis, Tsoumou und Liberopoulos verletzt seien und der Herr Heller derzeit für Duisburg spielt, sorgte nur erneut nur für schwache Irritation; es folgte ein
egal, halt irgendwie anders.Sorry Freunde, lieber zehn Bengalos, als solch einen Hirnriss - das meine ich ernst. Dafür wurde dann auch im Stadion Reklame gemacht.
WeCo Feuerwerk lief die drehbare Werbebande rauf und runter, so ist's angesichts de momentanen Debatten ganz recht. Vornerum den Werksclub geben und hintenrum den Pyromanen raushängen lassen, sagenhaft.
Ab und an schwappte ein
Eintracht, Eintracht durch die Messehalle, ab und an ein
Caio, Caio, der dann auch tatsächlich für Korkmaz eingewechselt wurde (O-Ton Stadionsprecher: Mit der Nummer 30:
Tschau) und ein paar gute Szenen hatte, hier einen Flankenwechsel und vor allem einen 40-Meter Freistoß, welchen Adler nur abklatschen konnte; auch das Nachsetzen von Bellaid konnte Adler abwehren, allerdings um den Preis einer Verletzung. Zuvor wurde nach zwei langen Jahren des Wartens und der Verletzung Zlatan Bajramovic für den umgeknickten Kweuke eingewechselt. Einige Umstehende freuten sich über die Höchststrafe für Kweuke (Ein- und Auswechslung), ignorierten dessen Verletzung (sein Spiel aber war tatsächlich grausam) und ignorierten auch Bajramovis Freudentag. Es folgten noch drei Ecken für die Eintracht, die folgenlos blieben, eine hysterische Aufforderung des Stadionsprechers an die Leverkusener, ihre Mannschaft zu unterstützen, die ebenso folgenlos blieb und so blieb es am Ende beim 1:1 unentschieden.

Leverkusen kann in Düsseldorf nicht gewinnen und die Eintracht nicht gegen Teams, die über ihr stehen - so will es der Brauch und irgendwie wohl auch unser Trainer, der vor dem Spiel sinngemäß sagte,
wenn er das sagt, was er über Leverkusen denke, rede er die eigene Mannschaft schwach. Wohlgemerkt über jene Leverkusener, die in der Rückrundentabelle auch jetzt noch hinter der Eintracht stehen.
Nach dem Spiel verschenkte Fenin sein Trikot an ein Häuflein Fans mit tschechischer Fahne, die Mannschaft wurde gefeiert und alsbald blieben in der Messehalle über 50.000 bunte Sitzschalen zurück und die Gewissheit, dass diese Halle demnächst
Esprit-Arena heißen wird; ob's nützt wissen die Geier. Ob die Straße, die derzeit LTU-Arena-Straße heißt, dann gleichfalls in Esprit-Arena-Straße umbenannt wird auch. Dabei gibt es so schöne Straßennamen.

Traditionell ließ uns die Polizei nicht in Richtung Auto laufen, traditionell eierten wir sinnfrei in die Umgegend, erkannten annähernd eine Million Menschen in der Nähe der Sonderzüge, kämpften uns irgendwie durch und wanderten am End doch wieder am Rhein entlang Richtung

Altstadt. Zuvor umrundeten wir das Stadion einmal, entdeckten den Mannschaftsbus der Eintracht und konnten dank der tätigen Mithilfe des schwatzenden Ordners vom Nachmittag erneut sicher eine Kreuzung überqueren. In der wirklichen Welt trafen die Messebesucher auf Fußballfans; die einen trugen Tüten mit Messeerungenschaften in der Hand, die anderen trugen Pappbecher.
Es ist auf die Dauer wahrlich ermüdend, den Kampf um den geraden Weg aufzunehmen und doch wirst du Woche für Woche dazu genötigt. Und Woche für Woche kommst du auf kleinen Umwegen dorthin, wo du hin willst. Außer in Stuttgart, wo wir seinerzeit von den Freunden und Helfern zu Fuß auf einen Autobahnzubringer geschickt wurden.
Auf der anderen Rheinseite konnten wir einen mächtigen Sonnenuntergang bewundern; wir

mengten uns unter die Abendflaneure und schlenderten in den untergehenden Tag. Vor den Toren der Altstadt grillten die Menschen Würstchen und Tomaten auf der Ufermauer, weiter unten parkten die Wohnmobile direkt am Wasser, der Tag 12 Euro; farbige Leuchtpunkte kletterten den Fernsehturm hinauf und jede Menge Punker trafen sich vor der Düsseldorfer Altstadt, dem rheinischen Ballermann.
Der Hunger trieb uns ins Gewimmel, Ausflügler, Punker und Fußballfans schoben sich die Gassen entlang, dazwischen ein Schlips und jede Menge Polizei, wir trafen auf Anno und Oli, auf Doreen und Andi und bestellten uns eine Pizza, maximal drei Beläge, 4 Euro, Knoblauch und Scharf umsonst. Da uns allgemein die Lust auf das nächtliche Massentreiben abgeht, zumal die Mischung aus stark alkoholisierten Fußballfans und nüchterner Massenpolizei nichts wirklich Gutes verheißt, verließen wir die längste Theke der Welt und wanderten über die Rheinkniebrücke zurück ins beschauliche Oberkassel.
Als wir uns dem Golf näherten, meinte Pia, dass doch die Lämpchen noch schwächelnd brennen würden, ich wiegelte zunächst ab, doch näheres Hinsehen brachte Gewissheit: Die Lampen glimmten noch; Pia steckte den Schlüssel ins Zündschloss und sofort tat sich: nichts.
Ich hatte, weshalb auch immer, das Licht am helllichten Tag brennen lassen und folgerichtig gab die Batterie keinen Mucks mehr von sich. Da wir uns aber zu helfen wissen, stoppten wir das nächste Fahrzeug; ein freundlicher Pole hielt an. Zunächst versagte mein Starthilfekabel den Dienst, da unser freundlicher Helfer jedoch selbst ein Kabel dabei hatte, packte er dies kurzerhand aus dem Kofferraum, schon blinkten die Warnlämpchen und ebenso schon lief der Motor unseres Golfs wieder rund. Der helfende Pole wollte nichts für seine Hilfe annehmen und so blieb uns nichts anderes übrig, als uns herzlich zu bedanken. Auch von hier aus noch einmal herzlichen Dank, ohne dich würden wir wohl jetzt noch in Düsseldorf-Oberkassel stehen; umsäumt von Bayer-Maskottchen Brian the Lion und Polizisten in tablettenfarbenen Uniformen sowie bunten Plastikstühlen, die uns im Reigen umtanzen und gemeinsam
La laa laaa la singen. Jetzt bloß nicht abwürgen dachte ich - und soviel sei gesagt: unser Autochen tat uns den Gefallen. Bilk, Universität, Autobahn - Home, sweet home, wir kommen.
Dachten wir, denn zunächst kamen wir nach: Köln.
Irgendwie hatten wir die richtige Abfahrt verpasst, überquerten zum sechsten mal eine Rheinbrücke, schossen alsbald auf die A3 Richtung Frankfurt und sausten durch die Nacht. Aus den Lautsprecher erzählte uns Robert Johnson vom
Sweet Home Chicago. Pia und Christian schlummerten nach gefühlten fünfzig Kilometern Fußmarsch den Schlaf der Gerechten, ich lenkte gedankenverloren den Wagen durch den Westerwald, vorbei an Montabaur, Limburg, Wiesbaden auf die Miquelallee - und so rollten wir gegen elf in Frankfurt ein. Wir verabschiedeten uns von Christian, der im siebten Auswärtsspiel den achten Punkt geholt hatte und hockten bald auf dem Sofa, passend zum aktuellen Sportstudio, dem wir dann noch die Erkenntnis verdankten, dass der kommende Torschützenkönig nicht wie jeder Kommentator behauptet Graffitsch ausgesprochen wird, sondern so, wie er sich schreibt Grafite.
Aber dies sei nur am Rande erwähnt.
Und denkt dran:
Die Wahrheit kommt mit wenigen Worten aus. (Laotse)Die Lüge auch. (Beve)
Nachtrag: Vergessen habe ich zum einen, dass wir in Düsseldorf an der Autobahn
59 vorbeigefahren sind (wann wurde die Eintracht Deutscher Meister) und vergessen habe ich auch, dass es in Düsseldorf eine Kreuzung Frankfurter Straße Ecke Rostocker Straße gibt. Wir haben es unfallfrei überstanden.
Die Fotos sind von Pia und mir. Dort wo wir alle drei zu sehen sind, erkannte uns Stefan Krieger.