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Donnerstag, 26. Februar 2009

United we stand - divided we fall

folgender Text wurde zunächst im Forum von Eintracht Frankfurt veröffentlicht:



Es ist an der Zeit, Dinge beim Namen zu nennen.

Eintracht Frankfurt spielt trotz für unsere Verhältnisse exorbitante Investitionen die schlechteste Saison seit Jahren. Uninspiriert, häufig lustlos, meist erfolglos. Selten war in den letzten Jahren die Fanszene derartig gespalten; ein Riss geht durch die Kurve und trennt, was noch vor einiger Zeit zusammengehörte.

Dissonanzen ergaben sich aus der Verpflichtung des Spielers Cajo, die viele Hoffnungen auslöste, welche sich bis heute aus unterschiedlichen Gründen nicht erfüllt haben. Seither mehren sich die Attacken gegen den Trainer Friedhelm Funkel, die in Sprechchören und der Forderung nach Caio ihren Höhepunkt hatten; spätestens da zeigte sich der tiefe Riss in der Kurve.

Ein weiterer Höhepunkt war das Gezacker um die Vertragsverlängerung mit dem Trainer - seither ist im Stadion spürbar, wie der Hass brodelt, wenn'smal nicht läuft - und es läuft selten gut.

Gleichermaßen nahm die Kommunikation zwischen den Vertretern der einzelnen Fangruppierungen rapide ab; es scheint als hätten die FuFA und die Fanclubs, die im Kern als Fanvertreter ähnliche Interessen verfolgen sollten - und dies im Einzelfall auch machen, sich nichts mehr zu sagen. Das gleiche gilt für die Fanbetreuung der AG versus der Fanbetreuung des eV.

Die Ultrás liefern zur Zeit keinen Ansprechpartner, der relevant für die Gruppe spricht - und sie ziehen sich als vermeintliche Elite in sich selbst zurück. Dabei haben sie nicht nur die Kontrolle über die Gruppe verloren, wie in KA sichtbar, als aus dem üblichen Rauchgeplänkel in KA die Grenzen mit Leuchtspur und Böllern überschritten wurden; sie verweigern sich als Gruppe der öffentlichen Auseinandersetzung, die spätestens nach dem KA-Vorfällen hätte stattfinden müssen.

Die Fußball AG reagierte daraufhin völlig überzogen; sie plant personalisierte Ticketvergabe ohne mitzuteilen, wie die Kontrollen aussehen und welche Konsequenz dies für sehr viele Unbeteiligte hat. Gleichermaßen übersieht die AG dabei, wie ein personenbezogenes Ticket eventuelle Straftaten verhindern soll. Megaphonverbot - es mag die Debatte anheizen, radikalisiert aber auch diejenigen, die bislang eher brav waren. Und verhindert im Zweifel, dass Martin beschwichtigen kann. Dazu kommt die Sippenhaft; ein Zeichen von Hilflosigkeit - vorausgehend der Sanktionen muss ein Dialog mit Beteiligten und Betroffenen stattfinden.

Letztlich hat aber auch die jetzige AG einiges ermöglicht, was bei anderen Vereinen nicht selbstverständlich ist. Wer jetzt "Vorstand raus" ruft, der muss sich im Klaren sein, dass es dann einen neuen Vorstand gibt. Wie sieht's dann aus mit billigen Stehdauerkarten, mit Plätzen für Fahnen, mit Choreo-Erlaubnis?

Es gibt massive Videoüberwachung, im Falle des Nürnberg-Böllers und der KA-Raketenschützen taugt sie nichts; es gibt massive Einlasskontrollen - im Falle der Nürnberg-Böller und der KA-Raketenschützen taugen sie nichts. Als stellt sich die Frage, was diese Aufrüstung soll. Restriktive Maßnahmen verhindern nicht das, was sie verhindern sollen - sie provozieren aber Reaktionen und Trotz.

Wir brauchen Konzepte, die auch die Notwendigkeit sozialen Ungehorsams reflektieren, ohne die Ungehorsamen sofort in die Nähe von Straftätern zu rücken. Was nicht heißt, das Körperverletzung und Sachbeschädigungen zu tolerieren sind, im Gegenteil. Hier geht es um die Verhältnismäßigkeit.

Dazu bedarf es aber Bewegung. Das heißt, das die Ultrás Stellung beziehen und gleichermaßen sich selbst reflektieren und im Zweifel auch Fehler eingestehen. Das heißt nicht, dass Leute ausgeliefert und denunziert werden sollen, da mögen Ordnungsdienst und Polizei sachgerecht ihren Aufgaben nachkommen. Aber die Respektpersonen der Ultrás sollten ihren Laden im Griff haben und dies auch nach außen kommunizieren.

Gleichermaßen müssen junge Leute ihre Grundrebellion, ihre Subkultur auch ausleben dürfen ohne dass alte Schlauberger, die allem Anschein niemals jung waren, ihnen moralinsaure Vorträge halten. Das heißt nicht: jeden Unfug zu akzeptieren- aber eine zerbrochene Flasche ist auch kein Attentat.

Es kann auch nicht sein, dass die führenden Köpfe der anderen großen Fanvertretungen keinen Dialog mehr führen; ihr vertretet uns - und nicht eure persönlichen Animositäten, das gleiche gilt auch für die Fanbetreuung von AG und eV.

Jeder einzelne dieser Konflikte schwächt unsere Position und lässt es den Vertretern des modernen Fußball leicht machen, die fanfeindlichen Konzepte von Anstoßzeiten über Abschaffung von 50+1, weitere Eventisierung und Vermarktung mit Hilfe einer miserabel recherchierenden Medienwelt durchzudrücken.

Diese Debatte muss eine öffentliche sein, wir brauchen uns; eine starke FuFa, lebendige Fanclubkultur und eine starke UF97; nur dann können wir die in die Schranken weisen, die uns nur benutzen um ihr eigenes Ding durchzuziehen. Wenn es hier aussieht wie in England oder Italien (schusch hat es beschrieben), dann leiden wir alle; egal ob Normalo, EFCler, Ultrá oder Vereinsmitglied.

Dazu müssen wir uns bewegen, genau wie die Jungs auf dem Platz, die haben das genau so verlernt.

Hier geht es nicht um Pyro oder orange oder "deristaberdoof". Hier geht es um mehr; um den Erhalt der Frankfurter Fankultur, die über Jahre hinweg auch außerhalb Frankfurts uns Respekt eingebracht hat.

Redet miteinander. Alle! Und zeigt Respekt.

United we stand - divided we fall.

Beve

Montag, 23. Februar 2009

Tradition zum Anfassen im Museum

Donnerstag, 26. Februar - Tradition zum Anfassen „Kurvendiskussion“

Im vierten Teil der gemeinsam mit der Fan- und Förderabteilung organisierten Veranstaltungsreihe „Tradition zum Anfassen“ beschäftigen wir uns heute mit der Fanszene der 1980er Jahre. Zu Gast sind Gäste, die aus dem guten alten G-Block bestens bekannt sind: Dieter Bott, Mitgründer und langjähriger Mitarbeiter des Fanprojekts, Anjo Scheel, ehemals Fansprecher und Herausgeber des „Fußball-Fan-Kurier“ sowie Thommy Kummetat, Fanaktivist seit Anfang der 1970er Jahre.

Start: 19.30 Uhr, Eintritt frei:

Sonntag, 22. Februar 2009

Heimspiel in Karlsruhe - 21. Februar 2008


Gegen halb elf rollte der silberne Golf auf die Autobahn, die Scheibenwischer klackten über die Windschutzscheibe und rundum versank der Tag in einem verwaschenem Grau. Auswärtsspiel beim KSC, Orange Kaos lautete das Motto der Ultras und während Pia noch am frühen Morgen eine orangene Jacke aus dem Schrank gezaubert hatte, haderte ich mit meinen Gedanken. Auf der einen Seite ist es zwar lustig, einen Block ganz in Orange zu bestaunen, auf der anderen Seite sind unsere Vereinsfarben nun mal Rot-Schwarz-Weiß und so entschied ich mich für die Tradition und hockte ganz in Schwarz am Steuer, einen Alfred Pfaff Button am Jackenkragen. Eine ältere CD nudelte im Hintergrund ein paar oft gehörte Hits, wir schwatzten über vergangene Zeiten und schon erreichten wir die Abfahrt Karlsruhe Durlach und verließen die Autobahn rechtzeitig vor einem sich anbahnenden Stau. Unser Ziel war eine Bierwirtschaft in Laufweite zum Stadion, die wir auch prompt fanden, ebenso wie einen Parkplatz, der diesmal definitiv legal war.

Wir erwischten einen Platz im Raucherbereich inmitten freundlicher Karlsruher, bestellten zwei Krüge hauseigenen Bieres und eine warme Mahlzeit und harrten trockenen Fußes der Dinge, die da kommen würden, Mittagessen, Bier, Auswärtssieg.

Als erstes kamen jedoch Flo und Patrick und setzten sich für ein Weilchen zu uns. Flo drückte mir eine Postkarte zum zehnjährigen Jubiläum der Initiaive Stadionübernachtung in die Hand, manch einer von euch mag davon schon gehört haben, von dem Erlebnis, um das ich die Jungs stark beneide. Nach eigener Aussage die beste Nacht ihres Lebens.

Noch am Abend zuvor hatte ich das Glück mit Matze, Frauke und Pia bei uns im Stadion in der Spielerkabine sein zu dürfen, um dann durch den Spielertunnel auf den Platz zu laufen; über dir thront der haushohe Videowürfel und ganz kurz sah ich die vollbesetzte Arena, die Leute in der Kurve und auf den Tribünen, dass Stimmendurcheinander, den roar. Allerdings hatten wir uns nicht dorthin geschlichen; wir werden demnächst im Rahmen des Eintracht-Museums kleine Führungen in das Stadioninnere anbieten und schauten uns die Laufwege an. - Apropos Laufwege, das wäre dochmal eine Idee fürs Training. - Ich hatte sogar ganz kurz die Dusche angedreht; wenn ihr wollt kann ich euch demnächst kleine Fläschchen abfüllen und als Eintracht-Wasser verkaufen á la das Wasser, mit dem Amanatidis duscht. Dies wird bestimmt ein Renner. Aber wieviel geiler muss es sein, sich klammheimlich ins Stadion zu schleichen und ganz subversiv den 100. Geburtstag der Eintracht zu feiern, um am nächsten Morgen nach dem Aufwachen auf die Kurve zu schauen. Großartig.

Matze und Öri schneiten auch noch vorbei, die Bedienung übersah großzügig die Dose Becks und unser Herr Traditionalist hatte sich zwar dem orange verweigert - unsere Farben sind rot-schwarz-weiß, scheute sich aber nicht, stolz seinen schwarz-weißen Balkenschal eines Sponsoren zu präsentieren. Statt Adler prangte das Herstellerlogo, na super.

Über uns baumelten ein paar karnevaleske Luftballons, der Laden war mittlerweile rammelvoll und begann sich gegen halbdrei zügig zu leeren. Auch wir beglichen die Rechnung und marschierten an Polizei und blau-weißen Karlsruhern vorbei Richtung Wildpark. Vollgepfropfte Busse schoben sich an uns vorbei, orangegewandtete Fans patschten wie immer an die Scheiben und ich traf auf Alex, der mir erzählte, dass in Frankfurt eine leere Bierbüchse aus dem Zug auf den Bahnsteig gepurzelt sei und der Übeltäter zunächst zu 25 Euro Strafe verdonnert wurde, so weit so gut. Als dann kurze Zeit später der arme Kerl aus dem Zug geholt wurde, drohte ihm Ärgeres - und einige Leute fuhren schon leicht geladen los. Wie so häufig fehlte es auch hier scheinbar am rechten Maß.

Wir passierten die kleine Polizeisperre, welche Karlsruher davon abhalten sollte, dem Gästeeingang einen Besuch abzustatten und marschierten Richtung Eingang. Schwarz-orangene Menschentrauben klebten vor den eisernen Gittern, dahinter eine Reihe Ordner, dahinter eine weitere Reihe Ordner und am Blockaufgang die nächste Reihe Ordner. Es dauerte ein Weilchen, bis mir der erste Ordner meine Karte entwertete und mich zu einem nächstem schob, der mich von Kopf bis Fuß abtastete und mich an einen weiterem Ordner verwies, der mich ebenso durchsuchte. Als ich Pia suchte, endeckte ich sie inmitten einer Debatte mit einer weiteren Ordnerin, die ihr den Einlass mit ihrer orangenen Tasche verweigerte. Dabei wurde in den vorab veröffentlichen Faninfos explizit erwähnt, dass Taschen und Rucksäcke (ohne gefährliche Wurfgegenstände) ins Stadion mitgenommen werden dürfen. Mit diesem Wissen rüsteten sich die Fans entsprechend aus und verließen sich auf die Informationen. Die Ordnerin zickte ein Weilchen rum und schickte Pia zur Taschenabgabe, was diese sich völlig zu Recht nicht gefallen lassen wollte, das gleiche Schicksal sollte nur wenig später Kine ereilen, woraufhin ich versuchte, unsere Fanbetreuung zu erreichen, was leider nicht gelang. Sicherlich sind zwei Leute für ein Spiel beim KSC auch ein bisserl wenig. Pia schluppte derweil an der Abagbe mit Tasche vorbei, während ich auf der Suche nach jemanden war, der uns in der Angelegenheit weiterhelfen konnte. In der Zwischenzeit kam die Ordnerin wieder auf Pia zugeflitzt und begann zu drohen, während sie ihre Ohren in puncto Faninfo auf Durchzug stellte. Sie grapschte Pia an und wollte sie zu irgendeiner Einsatzleitung schicken, was für uns schon gar in Frage kam; wenn sich in dem Falle jemand bewegt, dann sicherlich nicht wir. Inzwischen kamen Jasmin und Stefan von der Eintracht vorbei und damit Bewegung in die Sache. Stefan hatte ein Kopie der Info dabei und hielt sie dem irritiertem Einsatzleiter unter die Nase, der schlicht meinte, die Info sei falsch. Die Ordnerin quakte dazwischen und hetzte ein bisschen gegen mich, der ihr bloß klar machen wollte, dass hier die Dinge so zu laufen haben, wie wir uns das vorstellen und nicht wie Leute, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Der Einsatzleiter wühlte in Pias Tasche rum und fischte triumphierend ein Deo-Röllerchen hervor, das zuvor schon in Frankfurt, Berlin, Gladbach oder Dortmund Fußball gucken durfte aber nicht in Karlsruhe und wollte uns grad mit einem debilem Siegesgrinsen zur Taschenabgabe schicken, als der Roller kurzerhand in den Müll flog und sich somit keine weiteren gefährlichen Gegenstände in Pias Tasche befanden und wir dann endlich Richtung Block latschen durften. Die Ordnerin war derweil schon längst von ihrem Chef fortgeschickt worden. Bevor es in den Block ging, wühlte wieder jemand in der Tasche rum, während wir erneut abgetastet wurden und uns nach einer gefühlten Ewigkeit endlich einen Platz im gut gefüllten Block suchen durften.

Die Eintracht, überraschenderweise nicht in orange, sondern klassisch in rot-schwarz, begann mit Inamoto an Stelle Meiers und Mahdavikia für Steinhöfer, der KSC versemmelte Chance auf Chance und mir offenbarte sich, dass wir dieses Spiel mit 1:0 gewinnen werden. Es ist gibt solche Momente; manchmal weiß ich was passiert; ich wusste, dass wir in Cottbus nach einem 0:2 das Spiel noch gewinnen werden und ich wusste, dass wir hier mit 1:0 gewinnen würden. Leider sind solche Momente recht selten, meistens glaube oder hoffe ich und dann kommt es doch anders.


Unsere Jungs würgten auf dem Platz in gewohnter Manier rum, die Kurve hüpfte und sang vor sich hin und in mir breitete sich beim Stande von 0:0 eine selten gekannte innere Ruhe aus. Vor dem Kinderblock der Karlsruher wackelte eines jener dämlichen Plüschtiermaskottchen auf und ab, die kaum jemand haben will und die dennoch auf Grund der Weltverschwörung von Plüschtiermaskottchen in vielen Stadien zuhause sind, während die Supporter auf der anderen Seite ein bisschen Remmidemmi machten. Flutlicht gleißte aus stählernen Masten auf uns herab, die Anzeigentafel verkündete Bundesligatore und so blubberte die erste Hälfte grau wie das Wetter vor sich hin. Ein aufblasbarer Riesenpenis, der im Block herum schwebte, war neben Prölls Glanzparade in der siebten Minute der Hingucker der Partie.

Zur Halbzeit wanderten wir zu Christian und Stefan, quatschten über den Tag und hofften, dass es in der zweiten Hälfte besser wird, dass wir gewinnen, wusste ich ja. Vor uns standen ein paar der Sossenheimer und sahen wie wir den Anpfiff zur zweiten Hälfte. Besser gesagt dachten wir dies. Denn bevor es losging, ging etwas ganz anderes los. Schwerer Rauch stieg aus unserem Block auf und dann pfiffen Raketen in die Luft und trudelten glühend aufs Spielfeld, eine davon sauste in unmittelbarer Nähe eines Karlsruher Spielers hernieder, es dampfte und blitzte, dass Schiedsrichter Weiner gar nichts anderes übrig blieb, als den Anpfiff ein paar Minuten zu verzögern. Unser derzeitiger Kapitän, Markus Pröll, wurde in die Kurve geschickt, um den Mob zu beruhigen, Fotografen eilten herbei, wollten auf die Auslöser drücken und einer von ihnen verlor dabei die Nerven. Er zeigte der Kurve den Mittelfinger, wurde bespuckt und spuckte sogar zurück. Und das geht nun mal gar nicht. Zum einen lebt ein Fotograf von seinen Bildern und wenn er meint, er müsste Fans fotografieren, die das so nicht wollen, dann hat er sich schlicht und ergreifend zurückzuhalten. Fans aber zu provozieren, um dann im Zweifel genau die Bilder zu bekommen, die vermeintlich Bände sprechen, ist unwürdig, nahezu skandalös.

Zurück zum Feuerwerk, das zum einen eine Trotzreaktion auf die verschärften Bedingungen in KA war und zum anderen die Eintracht eine schöne Stange Geld kosten wird, Geld, das im Zweifel für andere Zwecke besser eingesetzt wäre; für Choreos beispielsweise. Wer Raketen aufs Spielfeld schießt, nimmt Verletzungen billigend in Kauf - dies ist weder neu noch überraschend und ich finde es schade, dass die Kurve nicht in der Lage war, dies zu unterbinden. Rauch gehört in KA wohl dazu, und wie im letzten Jahr, hätte ich dies nicht sonderlich dramatisch gefunden, obgleich auch dadurch die Eintracht bestraft wird.

Wer jedoch glaubt, dass weitere Restriktionen dem Einhalt gebieten könnten, ist aus meiner Sicht der Dinge schief gewickelt. Weitere Verbote führen zu weiteren Trotzreaktionen und ebnen den Weg zur Eskalation. Wer weiß, dass er dreimal kontrolliert wird, für den ist doch das Schmuggeln von Pyro eine sportliche Herausforderung - wer aber freundlich und respektvoll empfangen wird, der wird sich meist ebenso verhalten. Generell aber ist das Unkontrollierbare eben unkontrollierbar - und damit müssen wir uns abfinden; durch massive Verbote, Kontrollen und Einschränkungen jedoch werden die Leute in die Unkontrollierbarkeit getrieben, die eigentlich die Regeln akzeptieren. Nur müssen diese Regeln eben auch zum Teil dem Lebensgefühl der meist Jugendlichen entsprechen.

Die Karlsruher fanden uns doof, wir wussten, dass die Eltern der Karlsruher zum VFB gehen und vor allem, dass Caio ab der 45.Minute für Petkovic ins Spiel kam und Benny Köhler fortan als linker Verteidiger fungierte. In der 53. Minute war es dann soweit. Liberopoulos leitete mit einem No-look-Pass den Ball zu Ochs, dessen Hereingabe Caio mit einem Kunstschuss zum 1:0 für die Eintracht verwandelte. Es lief also alles nach Plan; wir lagen uns in den Armen, grinsten breit, brüllten Eintracht und mussten fortan abwarten, bis der Schiedsrichter abpfeift. Zumindest sah ich dies so, die Damen und Herren um mich herum zeigten sich sichtlich nervöser und nagten an den Fingernägeln. Ochs mit seiner Handmanschette rackerte sich ab und der KSC war nicht in der Lage, den durchaus verdienten Ausgleich zu erzielen.

Hochgradig trübsinnig war es dann, dass bei der Einwechslung von Alex Meier Minuten vor Schluss bei einer 1:0 Führung einzelne Fans Meier, du Wichser riefen. Meier, der sich nichts anderes zu Schulden hat kommen lassen, als nach langer Verletzungspause noch nicht in der Verfassung zu sein, die er im Trikot der Eintracht schon gezeigt hat. Manchmal kotzt mich die asoziale Schlichtheit der Leute einfach nur an. Das tat ich dann auch kund um nur wenig später bei Abpfiff souverän die Hände zu erheben und die Mannschaft mit Beifall zu verabschieden. Dreckig war er, der Sieg. Eigentlich unverdient. Aber uns. Auswärtssieg. Geilgeilgeil.

Wir verabschiedeten uns von Christian und Stefan und verabredeten uns mit Mustafa und Susanne in der Kneipe, in der wir auch vor dem Spiel schon waren. Mustafa ist ein lustiger Geselle, den ich vor Jahren bei einem Dreh in Stuttgart kennen gelernt hatte; er wohnt in Karlsruhe und sympathisiert eher mit den Freiburgern, was ihn jedoch nicht davon abhält, von Zeit zu Zeit in den Wildpark zu pilgern. Beide trafen wir dann unter der Fußgängerbrücke und wir marschierten gemeinsam in Richtung City. Wir stießen wieder auf Matze, der uns verklickerte, dass er die Einlasskontrollen im Stadion überwunden hatte, um dann tatsächlich zurück in die Kneipe zu wandern, um in aller Ruhe ein Bier zu trinken und Mittag zu essen. Pünktlich zum Abpfiff war er dann wieder am Stadion. Sachen gibt's.

Mustafa erzählte uns, wie er vor einger Zeit in Istanbul bei Fenerbahce im Block stand, als Istanbul gegen Ankara kickte. Als Trapzonspor-Anhänger ein mutiges Unterfangen. Ein leises Ksst des Capos reichte aus, um den nichtsupportenden Gast daran zu erinnern, dass im Block ausschließlich der Support mit Herz zählt. Man stelle sich vor, ein Ksst im vollbesetzten Stadion dringt aus einiger Entfernung wie ein Pfeil an das Ohr, das es treffen soll; alle wissen, wer gemeint ist - da geht noch was in unserer Kurve.

Als wir in der Kneipe ankamen waren die Ulis inklusive Peter schon am Bechern. Im Fernsehen lief die Sportschau, die Kellnerin bahnte sich rau aber herzlich mit zig Bierkrügen in den Händen den Weg durch jede Menge Fußballfans beider Teams. Ab und an erklangen ein paar Sprechchöre durch den Raum, wobei die meisten Karlsruher eher bedröppelt dreinschauten und wir hockten und schwatzten, bis die Deckel voll waren. Es folgte der Abschied von Mustafa und Susanne, ein kleiner Zwischenstopp an der Tanke und schon ging's wieder zurück in Richtung Heimat. Ein letzter Abstecher ins Backstage, kleiner Schwatz mit Charly und Rainer und nach einem finalen Äbbelwoi eierten Pia und ich nach Hause. Irgendwas murmelte ich noch vor dem Einschlafen, es hörte sich an, wie Hoffenheim sind doch die Silikonbrüste des deutschen Fußballs und schon war ich nicht mehr in dieser Welt.

Ein Wermutstropfen ergab sich am nächsten Morgen, als wir feststellten, dass die Windschutzscheibe des Golfs ein Loch aufwies; irgendjemand musste entweder in KA oder aber über Nacht im Nordend mit einem harten Gegenstand darauf geschlagen haben. Ärgerlich fürwahr; wir werden wohl nie erfahren, wie es zustande kam. Was soll's, oins geht noch ...





Sämtliche Fotos sind von Pia und mir.

Freitag, 20. Februar 2009

Geht wählen




Ich hatte euch ja schon den Fotoblog von Fritsch vorgestellt. Nun steht er in der Auswahl bei den photoblog awards 2009. Wer die Fotos und den Blog ähnlich klasse findet wie ich, der könnte seine Stimme ja abgeben. Fritsch freut es sicherlich - und wer weiß, vielleicht landet er ja vorne. Es wäre ihm zu wünschen. Klickt den Link an, registriert euch und wartet ein Weilchen auf die Mail-Aktivierung. Zum voten müsst ihr nach Anmeldung auf das kleine Kästchen klicken, in welchem die Anzahl der Stimmen und ein kleines "vote" stehen. Also: Geht wählen, hier macht es wenigstens Sinn.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Das Zitat der Woche

Thomas Berthold war im Museum der Eintracht zu Gast und sagte vieles; unter anderem folgenden Satz:

Wenn man vier Millionen für einen Transfer ausgibt, muss der sitzen.


Die einzige richtige Antwort kam. Leider einen Tag zu spät. Und zwar hier. Nummer 43.

Das glättet die Wunden.

Wir sollten froh sein, dass er sein Geld nicht in Museen und Kunsthallen steckt, sondern unter anderem in den Fußball


Zack, das hat gesessen. Wolfgang Niersbach, Generalsekretär des DFB formulierte obigen Satz, um wieder einmal für Dietmar Hopp in die Bresche zu springen. Nachdem der DFB also den Sohn des Präsidenten Theo Zwanziger, Ralf Zwanziger, bei der TSG Hoffenheim als Frauenfußball-Beauftragten installierte (oder auch installieren ließ) und als Belohnung dafür die neue Spielstätte der TSG in Sinsheim als Spielort für die Frauen WM benannt wurde; nachdem der DFB eine Datenbank über den grünen Klee lobte, die gemeinsam mit der Firma InterComponentWare AG (ICW), bei der Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp Hauptinvestor ist, betrieben wird und nachdem drei Spieler der TSG in den Kader der National-Jogis berufen wurden, die insgesamt 112 Bundesligaeinsätze nachweisen können (Beck, Compper, Weis) scheint die Allianz DFB - Dietmar Hopp weiterhin prächtig zu funktionieren. Vorausgegangen war ein Interview der Welt mit Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, welches unter anderem folgende Passagen enthielt:

Watzke: ... Doch die Bayern sind für uns nicht das Problem. Unser Problem sind Klubs, die relativ wenig Ausstrahlung haben und wenige Emotionen wecken, aber über sehr viel Geld verfügen.

WELT ONLINE: Sie meinen Hoffenheim, den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen.

Watzke: In den Klubs, die Sie nennen, wird erstklassige Arbeit geleistet und attraktiver Fußball gespielt. Allerdings machen sie den Traditionsvereinen das Leben schwer, weil sie nicht darauf angewiesen sind, das Geld selbst zu verdienen, so wie wir das tun müssen. Das ist keine Chancengleichheit im Kampf um die internationalen Plätze. Dieses Problem werden Vereine wie Hamburg, Bremen, Schalke und wir in den kommenden Jahren haben.

...

WELT ONLINE: Dietmar Hopp hat nicht zu unrecht darauf hingewiesen, dass Borussia Dortmund 140 Millionen Euro aus dem Börsengang verbrannt hat.

Watzke: Das trifft mich nur zum Teil, weil es an die Adresse meiner Vorgänger gerichtet ist. Doch ich habe zuletzt in einem der vielen Interviews, die Herr Hopp gegeben hat, gelesen, dass er bisher 175 Millionen in die TSG Hoffenheim investiert hat. Bisher. Allein das sind schon 35 Millionen mehr, als wir aus dem Börsengang eingenommen haben. Aber ich werfe Dietmar Hopp ja auch gar nichts vor. Nur bin ich der Meinung, dass man einmal sehr genau prüfen muss, ob die 50 plus 1-Regelung durch sein Engagement nicht doch ausgehöhlt wird.

Darauf reagierte Niersbach gewohnt souverän und objektiv. Wir sollten froh sein, dass er sein Geld nicht in Museen und Kunsthallen steckt, sondern unter anderem in den Fußball. Nicht nur, dass er mit dieser These den Gegensatz Fußball/Kultur auf ein Neues betoniert, den man wie die FAZ schreibt spätestens seit der WM 2006 überwunden glaubte, nein, er erinnert sich so gar nicht seiner eigenen Aussagen. Wir müssen das schaffen, Herr Becker. Wir wollen das DFB-Fußball-Museum. Bitte, geben Sie uns den Raum dafür.

So sind sie, beim DFB. Erst fährt Zwanziger große Geschütze bis hin zur Rücktrittsdrohung auf, als es darum ging, den Journalisten und Blogger Jens Weinreich in die Schranken zu weisen - um diese dann klammheimlich wieder zurückzufahren, nachdem Medienecho und Gerichtsurteile verheerend ausfielen; nun starrt man mit großen Augen willfährig auf die Geldmaschine Hopp und kümmert sich einen Dreck um eigene Ansinnen. Was interessiert mich also mein Geschwätz von Gestern, wenn ich heute ein Lichtlein habe, um dass ich mich drehen kann und das mir gleichermaßen Geld und mein Plätzlein am Tische der Macht sichert.

Eintracht Frankfurt hat in den vergangenen Jahren ein Museum auf die Beine gestellt, dort werden die Brücken geschlagen von den Gründungstagen 1899 bis heute; dort wird die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet und den alten Helden von Pohlenk über Stubb, Schütz, Kress, Pfaff, Grabowski, Hölzenbein bis hin zu Schur und Bindewald oder Christoph Preuß ein Kapitel gewidmet. Dort treffen sich Fans zu Veranstaltungen, ehemalige Spieler erzählen von ihrer Zeit und Kinder feiern dort ihren Geburtstag und atmen den Hauch der Geschichte, der Traditionsvereine ausmacht, Vereine, die über ein Jahrhundert ihre Stadt und deren Bewohner geprägt haben.

Museum und Fußball, das geht nicht nur bei Eintracht Frankfurt zusammen, sondern auch bei Schalke, Bremen, Köln oder Hamburg. Nur beim DFB ist kein Argument zu schäbig, um sich bei Dietmar Hopps Geldbeutel einzunisten.

Montag, 16. Februar 2009

Die Schönspielerei können wir vergessen


"Jetzt", sagt Ochs, "sind andere Tugenden gefragt, die Schönspielerei können wir vergessen."

Das lieber Patrick, das haben wir schon länger.

Gestern nachmittag war ich in Bergen, das ist ganz oben in Frankfurt und in Bergen gibt es einen Kunstrasenplatz mit Flutlicht und dort traten unsere Mädels in der ersten Runde des Hessenpokals gegen das Team der zwei Klassen höher spielenden TSV Jahn Calden an. Alles andere als eine klare Niederlage wäre eine faustdicke Überraschung; die Voraussetzungen waren in etwa so, als würde unsere U23 im Pokal gegen die erste Mannschaft der Spvgg Fürth antreten.

Die ersten Minuten gehörten klar den Mädels aus Calden, die folgerichtig in der 13. Minute mit 1:0 in Führung gingen, doch wer gedacht hätte, das Spiel sei gelaufen, wurde eines besseren belehrt. Peu a peu übernahmen die Damen der Eintracht die Initiative und wurden prompt mit dem Ausgleich in der 26. Minute durch Marina Urzo belohnt. Mit dem Unentschieden ging es bei eisiger Kälte in die zweite Halbzeit, die nach 52 Minuten die Führung der Eintracht brachte, Larissa Weidmann lupfte den Ball zum 2:1 ins Netz. Erst ein Strumlauf der Calderinnen brachte doch noch den Ausgleich und die Verlängerung, in der die Eintracht weitere gute Chancen und einen Sieg verdient hatte, allein die Latte stand im Weg. Erst das Elfmeterschießen führte den Regionalligisten glücklich in die zweite Runde; 4:6 lautete das Ergebnis nachdem zwei Frankfurterinnen leider nicht das notwendige Glück hatten. Dennoch ein Riesenerfolg, der sich mit Leidenschaft, Kampfkraft und Spielwitz erarbeitet wurde. Mögen sich die Herren der Eintracht ein Beispiel daran nehmen.








Das Foto ist von Stefan Krieger. Danke.

Freitag, 13. Februar 2009

Es hätte ganz anders kommen können ...


Und Rahn müsste aus dem Hintergrund schießen und er schießt ... vorbei ... aus, aus, aus, Ungarn ist Weltmeister ...


Nur noch wenige Sekunden zu spielen im Berliner Olympiastadion und da ist der Schlusspfiff ... Kickers Offenbach ist zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Deutscher Fußballmeister ...


Weber ist im Strafraum, da kommt Böger und zieht ihm von hinten die Beine weg - Schiedsrichter Berg aus Konz zögert keine Sekunde und deutet auf den Elfmeterpunkt. Das ist die Chance für die Eintracht in Führung zu gehen. Andreas Möller legt sich den Ball zurecht, Möller, der noch vor der Partie seinen Vertrag zu geringeren Bezügen um fünf Jahre verlängert hat, läuft an - und er trifft. 2:1 für die Frankfurter Eintracht ...


Gaudino, Okocha, Yeboah - erst suspendiert - jetzt dürfen sie wieder. Nur zwei Tage hielt Trainer Heynckes die harte Linie durch. Heynckes: ich wollte ein Zeichen setzen, mir war von Anfang an klar, dass die drei unverzichtbar sind. Das 7:2 gegen Hamburg hat mir dann ja auch recht gegeben. Die Tore für die Eintracht erzielten Yeboah (2), Okocha (2), Gaudino (2) und Hoffmann. Für Hoffmann (21) war es das erste Tor im dritten Bundesligaspiel...


Christoph Westerthaler, nur noch Sforza hat er vor sich und dann ist es Fjörtoft, und er ist im Strafraum und ... er verstolpert, herrje, welch ein Drama, es bleibt beim 4:1 für die Frankfurter Eintracht ...


Ecke, Keller, Bürger, Flanke hoch in den Strafraum und da steigt er hoch, Alexander Schur, der Frankfurter Bub und köpft den Ball ... an die Latte, ich fass es nicht, Latte - in der letzten Spielminute, das ist schlimmer als Sterben ... Mainz 05 ist in der erste Liga ...

Mittwoch, 11. Februar 2009

Thomas Berthold kommt ins Museum


Am 15.02.2009 ist Weltmeister Thomas Berthold zu Gast im Museum. Näheres gibt es hier und hier. Leider kann ich selbst nicht anwesend sein, die Mädels der Eintracht kicken im Pokal - und da braucht's einen Stadionsprecher. Aber ich bin sicher, ihr werdet mit Billy und Thomas euren Spaß haben. Sonntag um 14:30 geht es los.




Das Autogrammkärtlein habe ich mir von Kid ausgeborgt - und er hat's wohl von Franks Archiv. Danke :-)

Die Demontage der Drittortauseinandersetzung


Nun ist es also amtlich, ihr habt entschieden. Wort des Monats Januar, oder besser Worte des Monats Januar wurde: Mein Caio. Dies ist nicht sonderlich überraschend, immerhin hat der Spruch des Aufsichtsratsvorsitzenden Becker vor versammelter Journalistenschar im Trainingslager der Eintracht in Portugal das Potential zum Klassiker. Was macht mein Caio? Wenn man den Trainigsbeobachtern Glauben schenken darf, dann in der Regel nicht viel.

Bedauerlicher Weise hat es meine favorisierte Drittortauseinandersetzung nur auf den zweiten Platz geschafft - wenn dies mal nicht zur selbigen führt.

Die Vertragsverlängerung, heiß diskutiert, wurde im wirklichen Leben wahr; nämlich für Trainer Friedhelm Funkel - und hier reicht es immerhin zu Bronze. Glückwunsch.

Der Kegelbruder, im Januar vom Vorstandsvorsitzenden der Eintracht, Heribert Bruchhagen, ins Rennen geschickt, holte sich den undankbaren vierten Platz ab - und die Demontage blieb als Schlusslicht auf der Strecke, gewissermaßen am Laktattest gescheitert.

Ihr habt es so gewollt. Danke fürs Mitmachen.


Sonntag, 8. Februar 2009

Obacht!


Gerne wird kolportiert, dass Eintracht Frankfurt mit Friedhelm Funkel quasi eine eingebaute Nichtabstiegsgarantie besitzt, dass das Team mit Hannover und Köln eine Mini-Mittelfeldmeisterschaft ausspielt und das nach unten wie nach oben nichts mehr ginge.

Ein Tor, wer darauf hereinfällt. Letzten Endes ist es beinahe egal, wie die ersten Spiele der Saison ausgehen, entscheidend werden die letzten sechs Spiele sein, vielleicht gar die letzten vier. Manchmal, aber nur manchmal, ist ein Team dermaßen aussichtslos zurück, dass schon vorher alles entschieden ist; der letzte Abstieg der Freiburger mag so ein Fall gewesen sein. In der Regel aber schaffen die Teams ihre Ziele, wenn sie in den letzten Spielen ihre Energien so bündeln, dass von den dann noch zu vergebenen zwölf Punkten möglichst alle geholt werden. Dazu muss man sich aber dem Ernst der Lage bewusst sein - wie Eintracht Frankfurt anno 1999.

So hoffnungsvoll unsere Mannschaft derzeit zusammengestellt ist, so ordentlich die letzen Spiele auch waren - zu glauben, der Klassenerhalt werde ein Selbstläufer hieße sich einlullen lassen von dem Gerede über Nichtabstiegsgarantie oder Mittelmaß.

Die Eintracht könnte sicherlich vom Potential nach oben klettern, wenn es denn günstig läuft. Wenn es ungünstig läuft, unglückliche Schirientscheidungen, Verletzungen etc. und die Konkurrenten weiter unten kleine Sensatiönchen landen, dann sollte Eintracht Frankfurt aufpassen, nicht fahrlässig oder überheblich zu werden. Es schadet nichts, mal nach unten zu schauen, um nach oben zu kommen. Das gilt auch und vielleicht vor allem für uns. Die Fans.

In diesem Sinne wünsche ich eine unaufgeregte Woche.

Beve

Eintracht Frankfurt - 1.FC Köln 2:2


Da war es also, das erste Heimspiel im Jahr 2009.

Es begann mit Regen, es endete mit Regen. Schon früh machten wir uns vom Nordend in Richtung Oberrad auf; ich brauchte noch ein paar Sachen - eine regenfeste Jacke zum Beispiel - und alsbald rollten Pia und ich durch die Oberräder Gärten über den Sachsenhäuser Berg in Richtung Louisa, dem Ort, an dem nicht nur das Fanhaus der Eintracht steht, sondern auch seit Jahr und Tag unser Auto, wenn die Eintracht spielt. Mit Daddy hatte ich ausgemacht, dass wir uns im Block treffen - so hatten Pia und ich Zeit, uns am Treff Gleisdreieck blicken zu lassen. Wir durchschritten die Unterführung, die sich langsam mit Wasser füllte und marschierten mit schweren Schuhen und leichten Gedanken durch den regennassen Stadtwald - den Weg, den wir schon so oft gegangen sind - man hat machmal das Gefühl, man könnte jeden einzelnen Baum per Handschlag begrüßen. Das Fanhaus hatte geschlossen und bald kamen wir an die Kennedyallee. Scheibenwischer der vorbeifahrenden Autos schwappten mühsam das Wasser von den Scheiben - und ich glaubte mich zu erinnern, dass wir vor gar nicht allzulanger Zeit schon einmal das erste Heimspiel nach der Winterpause gegen den 1.FC Köln hatten. Vor dem damaligen Spiel hieß der Trainer Felix Magath, danach nicht mehr. Heuer wurde der Vertrag mit Friedhelm Funkel, dem derzeitigen Trainer der Eintracht, vorzeitig um ein weiteres Jahr verlängert - und manch einer unter den Fans war nicht so recht glücklich mit der Entscheidung, die nach etlichen kleineren Scharmützeln vom Vorstand vorgelegt und vom Aufsichtsrat im Laufe der Woche einstimmig abgesegnet wurde. Im gleichen Hotel übrigens, in dem meine Schwester vor ein paar Jahren ihre Hochzeit gefeiert hatte. Im Wirtshaus im Spessart.

Wir überquerten die Allee und tapsten die Flughafenstraße entlang, Autos sausten an uns vorbei - und die meisten achteten darauf, dass sie nicht durch die Pfützen fuhren, um die wenigen Fußgänger nicht zu duschen. Viel war noch nicht los, die Ordner in gelben Warnwesten froren im Nass des Tages und wiesen die ankommenden Fahrzeuge durch schweres Geläuf auf die Plätze, die satte 4,50€ kosteten. Schon von weiten erkannten wir den grünen Pavillon, den Arndt bei schlechtem Wetter stets aufbaut, um die muntere Schar halbwegs trocken zu halten. Und da standen sie auch, dicht gedrängt unter dem schützenden Dach, Richi und Laura versorgten uns mit den Bonis, die seit gefühlten Ewigkeiten den Ankommenden zur Begrüßung gereicht wurden, kleine Magenbitter, welche dein Gesicht seltsam verzerrt wirken lassen. Viele User aus dem Forum der Eintracht (und nicht nur) treffen sich hier, trinken Apfelwein und Bier oder essen Frikadellen samt Aioli, welche die Filzlaus unter Zurhilfename etlicher Kilos Knoblauch zuzubereiten versteht. Es ist immer wieder schön, altbekannte Gesichter zu treffen; hier schenkte mir Kine meinen Eintracht-Becher mit Apfelwein ein, (einen Becher, den Pia dankenswerterweise in ihre Tasche gepackt hatte) dort grinste mich Klaus an und sogar Brady wurde gesichtet, für viele ein Phantom aus einer anderen Welt, der Welt des Gebabbels im Forum :-) . Hilde hatte etliche Jungs aus Bröndby im Schlepptau, Bernie seine Tochter - tausend kleine Gespräche und die Zeit vergeht wie im Flug. Richis blauer Focus stand mit geöffneter Heckklappe daneben und der Kofferraum spuckte etliche Schoppen aus; von Zeit zu Zeit wird ein Sparschwein herum gereicht und von den Anwesenden meist ordentlich gefüttert - auf dass auch in der kommenden Woche Speis und Trank parat stehen.

Auffällig ist, dass die Haltung zur Situation der Eintracht; zu Spielweise und Vertragsverlängerung mit dem Trainer unter den regelmäßigen Besuchern der Spiele in der Regel weitaus unaufgeregter gesehen werden, als es sich im Internet darstellt. Wir freuten uns auf das Spiel und zeigten uns zufrieden, dass wir dort waren, wo wir waren. Bald rollte der Zug aus Köln ein, ein paar Sprüche flogen uns aus den geöffneten Fenster entgegen und wir lachten und erhoben unsere Becher und dachten: Fußball!

Ich marschierte etwas später in Richtung Futterkrippe Wach; Matze hatte mich gebeten, eine Videokamera mitzubringen, er wollte die geplante Schweigeminute zu Ehren des im Dezember verstorbenen Alfred Pfaff aufnehmen. Wie immer traf ich noch etliche bekannte Gesichter, ein Guude hier, ein Morsche dort und schon stieß ich auf Matze und drückte ihm die Kamera in die Hand. Am Ultrá-Container vorbei gings zurück über die matschigen Wege Richtung Treffpunkt, ein letzter Schoppen und los gings zum Eingang, der uns wahlweise in die Hölle oder ins Paradies befördern wird - das ist das schöne am Fußball. Hamlet stirbt am Ende immer - die Eintracht aber (und das gilt für jedes Fußballspiel) liefert dir stets ein Schauspiel, dessen Ausgang du nicht kennst. Zugegeben, im Moment läuft das ein wenig durchlässiger: Wir gewinnen gegen die Teams die hinter uns stehen, verlieren gegen die, die über uns stehen und gegen die beiden um uns herum spielen wir unentschieden - von kleinen Ausnahmen einmal abgesehen.

Vor dem Eingang traf ich noch auf Siggi, der im Regen tapfer die Fanzeitung Fan geht vor verkaufte und relativ zügig schlüpfte ich durch die Einlasskontrolle. Pia war schon vorausgegangen und nachdem ich eine Zigmeterbreite Pfütze umrundet hatte trafen wir uns vor dem Block 35, dort schwatzen noch einige Eintrachtler, die über den Rundschau Blog-G zusammen geführt wurden - unter anderem der Spessartadler, den ich vor einiger Zeit irgendwo auf einer Raststätte in Deutschland kennen gelernt hatte - und auch hier freuten sich die Jungs auf das Spiel und waren guter Dinge.

Unsere Heimat ist der Block 41 im Oberrang - und wir machten uns auf den Weg dorthin - just als die ersten Klänge von Im Herzen von Europa ertönten marschierten wir singend die steilen Treppen hinauf und schlängelten uns auf unsere Plätze, Daddy war schon da und auch die Jungs aus Bornheim, die stets vor uns sitzen. Wir begrüßten lautstark unsere Mannschaft (mit der Nummer 29, unser Brasilianer ... CHRIS), gegenüber war der Kölner Block ordentlich gefüllt und schon wurden wir um Ruhe gebeten; die Schweigeminute für Don Alfredo sollte beginnen - ergriffen gedachten wir unserem Ehrenspielführer, sahen einige Bilder seines Lebens auf dem Videowürfel - während die Ultrás eine Choreo vorbereitet hatten. Natürlich pfiffen einige Kölner, was aber der Erhabenheit des Momentes nicht wirklich schaden konnte.


Auf dem Würfel oben wurde dann nicht nur der aktuelle Spielstand eingeblendet, sondern auch ein kleines Bild von Alfred Pfaff, der dann von oben mit ansehen musste, wie ein Eintracht-Fan beim Abhängen der Choreo vom Zaun vier Meter in die Tiefe stürzte - und sich (wie sich später herausstellte) schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzte. Sanitäter eilten herbei, Fotografen versuchten Bilder zu machen, wurden aber von den Fanbetreuern Rudi und ZoLo weggescheucht und es dauerte eine ganze Weile, bis der Verunglückte in einen Krankenwagen gelegt wurde - und bis der Krankenwagen dann losfuhr verging eine weitere Weile.

Dies und der Tod von Don Alfredo drückte natürlich auf die Stimmung und auf den Support; es war recht leise in der Kurve - und die Kölner hatten logischerweise einen gewissen Vorteil. Wobei ich ganz ehrlich der Meinung bin, dass es auf Grund der Häufung unglücklicher Umstände und der damit verbundenen Stille in der Kurve gestattet sein muss, sich grundsätzliche Gedanken zum Thema zu machen. Mir ist völlig klar, dass es zuweilen Wichtigeres als Fußball gibt, viele von uns mussten in den letzten Wochen und Monaten dies schmerzlich erfahren; der Verlust von Freunden und Angehörigen. Und richtig ist auch, dass die Trauer im Rahmen von Eintracht Frankfurt stattfindet, wenn der Anlass gegeben ist. Sei es Banner, Choreos, Schweigeminuten, Video-Einblendungen oder Lied-Einspielungen. Und ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn die Leute aus dem direkten Umfeld, Freunde und Bekannte, nicht willens sind, die Eintracht zu unterstützen; wenn die Gedanken um andere Dinge kreisen und der Support zweitrangig wird. Dennoch bin ich der Ansicht, dass der Support außer in Ausnahmefällen nicht kollektiv unter der Tragik des Einzelnen dauerhaft außer Kraft gesetzt werden soll, schließlich dient die Unterstützung im besten Falle einem Sieg der Eintracht - und die Nachricht, dass die Eintracht gewonnen hat, lässt manche Wunde schneller heilen. Sagen wir es mal so: Wenn ihr erfahren solltet, dass mir irgendetwas zugestoßen ist, dann bitte ich euch darum, neben den obligatorischen Schock-Minuten unsere Jungs lauter als jemals zuvor anzufeuern, peitscht unsere Jungs zum Sieg - und habt kein schlechtes Gewissen dabei; macht die Trauer bunt.

Wir konnten nach dem Unfall des Eintrachtlers die Stille in der Kurve nicht genau deuten. Galt sie Alfred Pfaff - obgleich die Info, dass die ersten 45 Minuten Stille herrschen sollte nicht zu uns durchgedrungen war - galt sie dem Verunfallten, dessen Gesundheitszustand den meisten von uns nicht bekannt war, übrig blieb eine Irritation und zaghafte Supportversuche im Rund die relativ bald verebbten.

Unabhängig davon machte die Eintracht das Spiel, Mondragon, der Kölner Torhüter, konnte einen Schuss Fenins gerade noch so an die Latte lenken und nach einem Freistoß von Steinhöfer (O-Ton Beve: Der ist gut, der ist sehr gut - der ist drin) schlupfte Marco Russ den Ball mit dem Kopf zum 1:0 für die Eintracht ins Kölner Herz. Da von Köln wenig zu sehen war, ging es mit der wohl verdienten Führung in die Halbzeit. Im Gang traf ich schusch, der zum Einen mir berichten konnte, dass der Verunglückte zwar schwere Kopfverletzungen davon getragen hatte, aber ansprechbar war und zum anderen mit mir übereinkam, dass die Zäune unten endlich weg müssen; Banner hin oder her. Im End war es nur eine Frage der Zeit, bis durch die Höhe ein Unfall passiert - der heute leider eingetreten ist. An dieser Stelle gute Besserung und alles Gute dem Eintrachtler, der heute das Gleichgewicht verloren hatte.

Mit Beginn der zweiten Hälfte setzte der Support ein, Martin gab über seine Anlage die Richtung vor und zunächst erscholl aus Hunderten von Kehlen ein Alfred Pfa-aff, Alfred Pfa-aff welches wundersamer jedoch die Kölner zu beflügeln schien - und so kam es, wie es kommen musste. Novakovic nutzte eine Unachtsamkeit der Eintracht-Abwehr und schlenzte die Kugel zum Ausgleich ins Netz. Doch keine fünf Minuten später flankte Steinhöfer auf Fenin und dieser nahm den Ball volley und schickte ihn als Aufsetzer zwischen Mondragon und dem Torgehölz zur erneuten Führung ins Tor der Kölner.

Wenig später konnte Pröll einen Schuss nur in die Mitte des Strafraums abwehren, ein Kölner war zuerst am Ball, Chris stocherte von hinten der Kölner fiel, der Schiri pfiff - zum Entsetzen von uns allen Elfmeter. Und in der Aufregung zeigte der Herr Winkmann gar Chris noch die rote Karte, eine Entscheidung, die weder nachvollziehbar noch begründet war. Der Elfer war ausnahmsweise drin und so wehrten sich zehn Frankfurter gegen elf Kölner und hatten das Glück dann doch noch auf ihrer Seite. Zunächst zoppelten die Herren Russ und Ochs ungeahndet an den Trikots ihrer Gegenspieler und dann tat uns der Herr Ishiaku den Gefallen, eine glasklare Chance zu versemmeln, so dass es am Ende beim 2:2 blieb. Da konnte auch die Einwechslung unserer Nummer neun, Kweuke, nichts daran ändern.

Naja, besser als verloren, dachten wir, beklatschten unsere Jungs und schoben uns dann dem Ausgang entgegen, warfen noch einen kurzen Blick ins Museum, um die Kamera abzuholen und erfuhren, dass sich Frau Pfaff sehr gerührt ob des Gedenkens an ihren verstorbenen Alfred zeigte. Wir erfuhren auch, dass für Don Alfredo sein Lieblingslied gespielt wurde, das kleine Haus am Ende der Welt, leider zu einem Zeitpunkt, als wir noch nicht im Stadion waren.

Und so marschierten wir durch den strömenden Regen zurück, liefen an den regendunklen Autos vorbei, an den Menschenmengen, die sich in die Straßenbahnen schoben und wanderten durch den Stadtwald zurück zu den Autos, Daddy hatte ja auch dort geparkt. BAP sangen einst .. es bleibt länger hell jetzt, obwohl es ist immer noch Februar ... - und wie jedes Jahr dachte ich an den Song Alexandra, nit nor do. Zum einen heißt meine Schwester auch Alexandra, zum anderen blieb es tatsächlich länger hell und zum dritten sind BAP Kölner, was mir aber im Moment völlig egal war.

Die Unterführung an der Louisa war mittig inzwischen völlig unter Wasser, wir wateten hindurch, verabschiedeten uns von Daddy und rollten nach Sachsenhausen, um unsere traditionelle Pizza beim Petro zu verputzen. Dort trafen wir auf Alex, tauschten die letzten Infos aus und tauchten ab ins Dunkel der Nacht. Nächste Woche geht's weiter, ein nächstes Heimspiel wartet auf uns, Wolfsburg kommt - und darf durchaus verlieren. Wir werden das unsrige dafür tun.



Nachtrag:

Pia war nach dem Korrektur-Lesen der Überzeugung, dass die Alfred Pfa-aff Rufe direkt nach der Schweigeminute durchs Rund hallten und nicht erst zu Beginn der zweiten Halbzeit. Dort begann der Support mit Anfeuerungsrufen für die Eintracht. Ganz sicher waren wir beide nicht, falls sich jemand von euch an die Situationen noch genau erinnert, scheut euch nicht, dies hier zu benennen.


Die Fotos sind von Stefan Krieger. Vielen Dank dafür.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Fundstück der Woche


Thomas aka gereizt hat im Forum der Eintracht einen wunderbaren Vorbericht zum Köln-Spiel am kommenden Samstag geschrieben und unter anderem die Taktik-Zeichnung deren Trainers veröffentlicht. Ich habe sie entdeckt - und möchte sie euch nicht vor enthalten.



Wir sollten uns darauf einstellen - und gewinnen!

Dienstag, 3. Februar 2009

Heimspiel in Berlin - Januar 2009


I'm Outlaw Pete!

I'm Outlaw Pete!
- can you hear me?

Oh ja, wir konnten ihn hören, den ersten Song des neuen Albums von Bruce Springsteen; langsam drehten die Gitarren-Riffs in den Song hinein, und langsam rollte ein vollgetankter mit Öl und Wasser versehener silberner Golf auf die Autobahn, hinter uns lag eine Zeit ohne Fußball und vor uns ein Ausflug nach Berlin, traditionell ein Auswärtsspiel im Winter, Kälte und Frost - und dennoch ist Berlin immer eine Reise wert, auch wenn diesmal meine Freunde Susi und Thomas aus unterschiedlichsten Gründen verhindert waren. Pia und ich hatten so im hinteren Teil von Kreuzberg in der Fabrik ein Zimmer gebucht und dort sollte unser erster Halt sein, alles weitere würde sich ergeben; was willst du planen, wenn Gott eh nur über die Pläne lächelt und alles ganz anders kommt, als du dachtest. So hatte ich zum Beispiel meinen alten Telefonvertrag gekündigt und hoffte auf ein sanftes Übergleiten in den neuen, allein die Dinge liefen seltsam und hatten zur Folge, dass am Freitag Morgen mein Telefon und Netzanschluss keinen Mucks mehr machten - und bis auf Weiteres lahm gelegt sind. Es ist Freitag.

Where the cold wind blows
Tomorrow never knows
Where your sweet smile goes
Tomorrow never knows

Die ersten Kilometer zeigten blauen Himmel und wenig Verkehr, wir flossen die A5 entlang, passierten die 10km Baustelle mit den Kinderplakaten an der Seite, die uns sanft darauf aufmerksam machten, die Geduld nicht zu verlieren; besonnen zu bleiben in der Hatz des Alltages. Die Bäume zur Seite, blattlos, wie es sich für den Winter gehört waren bald überzogen von einer kristallinen Schicht, eisweiß harrten die Äste in der Kälte der Tage, weißer Kandis am Stengel - der Tee dazu in der Thermoskanne und Musik obendrein; The Rifles, Rod Stewarts begnadete Version von Gasoline Alley, gesungen in einem Hamburger Hinterhof und immer wieder Springsteen, auch wenn ich zugegebenermaßen lauter mitsang als Pia.

Hessen, Thüringen, die drei Gleichen, Kilometer um Kilometer spulten wir ab und freuten uns auf ein paar unbeschwerte Tage, auf all die Gesichter der vergangenen Jahre und auf die Second Hand Shops in der Hauptstadt, worauf sich zugegebenermaßen Pia mehr freute als ich.

Zwischen Schorba und Magdala legten wir unseren traditionellen Zwischenstopp ein; eine kleine Bude am Hügel, Handwerker wie Reisende warteten auf Thüringer Bratwürstchen, Gulaschsuppe oder Vita-Cola, draußen wars kalt und drinnen günstig.

Willkommen im Land der Frühaufsteher grüßten die Sachsen-Anhaltiner, Leipzig, Halle, später Brandenburg, wir kamen gut durch und verpassten allerdings unsere Abfahrt bei Berlin, so dass wir eine kleine Ehrenrunde drehten und urplötzlich über Marienfelde in die Hauptstadt einrollten, statt auf dem Avus dem Berliner Begrüßungs-Bär zuzuwinken. Immerhin, wir hatten es geschafft; über Tempelhof ging es gemächlich Richtung Kottbusser Tor, dann Schlesisches Tor am Rande zu Treptow, Endstation in der Schlesischen Straße, einchecken - chillen.

Andi hatte uns zum Essen eingeladen und so marschierten wir nur wenig später durch den Görlitzer Park zum Landwehrkanal in Richtung Kreuzberg 61, dem ehemals alternativeren Teil von Kreuzberg. Dort, wo wir im Sommer noch mit T-Shirt und kurzen Hosen am Ufer gesessen hatten klirrte nun eine Kälte, Enten hockten auf einer Eisfläche am Wasser und wir achteten streng darauf, den Hinterlassenschaften der Berliner Hunde auszuweichen, eine Übung, die zu den Klassikern der Hauptsadt zählt, von den Straßen her hupten die Autos und nach einem ordentlichen Fußmarsch schlugen wir bei Andi auf, der gerade dabei war, lecker Börek zu verarbeiten. Arne war schon da, hatte literweise Äppelwoi aus Frankfurt mitgebracht, und wir schwatzten oder spielten mit Klein-Lola, die ordentlich was erzählen kann. Nach dem Mahl dackelten wir in eine Kneipe ums Eck, tranken Astra-Bier - und ich glaube, dass Yvonne, Andis Frau, ganz froh war, dass wir dies nicht bei ihr zuhause taten, bald füllte sich der Tisch mit den kleinen Fläschchen und ebenso bald stieß noch David zu uns, der seit Jahren in Norwegen lebt und extra für das morgige Spiel eingeflogen war. Die Zeit drehte ihre Runden und spät in der Nacht sausten Pia und ich mit einem Berliner Taxi in Richtung temporärer Heimat. Einige Mühe brachte noch die Order eines Sandwiches in einem Subway-Laden. Froh, meine Bestellung aufgegeben zu haben, war ich dann doch bei den Details überfordert. Welcher Käse, welches Gemüse, welche Soße, warm oder kalt, geschnitten oder am Stück - Wahnsinn, was es alles gibt. Am End aber lachten die Bedienung und ich - und ich kaute frohgemut mein erstes Subway-Sandwich.

Über Nacht hatte es geschneit, die Straßen waren weiß und glatt, glatt waren auch meine Stiefel und so rutschten wir nach einem Milchkaffee in Richtung U-Bahn, die an manchen Punkten eine Hochbahn ist. Ein paar Jungs checkten Fahrkarten, wollten günstige Tagestickets verkaufen, wir aber zogen brav ein Einzelticket und hockten uns in einen der gelben Wagen, deren Fenster mit tausenden kleinen Brandenburger Toren verziert waren

... Alle vier Minuten kommt die U-Bahn hier vorbei
und alle dreieinhalb Minuten kommt ein neues Bier
und ich sage dir das ist ungesund
Weil es nämlich irreführend und gefährlich ist
wenn etwas U-Bahn heisst das über unsren Köpfen rattert
schließlich steht das U für Untergrund ...

... sangen Element of Crime vor Jahren; Görlitzer Bahnhof, Kottbusser Tor, Prinzenstraße, Hallesches Tor bis hin zum Wittenbergplatz wo wir umstiegen, noch einen Milchkaffee orderten und später mit der U2 durch Charlottenburg in Richtung Olympia-Stadion rollten. Den ersten Frankfurter, den wir trafen war Adi, der gutgelaunt in Richtung Stadion marschierte, immer wieder seinen Kumpel verlor und dennoch nicht verloren ging. Adi geht nie verloren - und das ist gut so.

Da wir keine Tickets für das Spiel hatten, schlugen wir uns zur S-Bahn am Gästeeingang durch und harrten der Dinge und Menschen, die da kommen würden - und alsbald kamen Christian und Uwe des Wegs, später auch Gerd, Andi, Arne und David, hier stieß noch Rainer zu uns und überhaupt war's ein Guude und Hallo, Tausend kleine Schwätzchen, ab und an ein Schöppchen dazu und da Ina uns noch ein paar Tickets organisieren konnte und wir uns also nicht am Kassenhäuschen anstellen mussten, wanderten wir von Platz zu Platz und babbelten mit Frankfurtern jeglicher Couleur, die einen waren mit dem Zug hier, die anderen mit dem Bus und im Großen und Ganzen war die Stimmung recht gelöst. Good Butcher erzählte mit leuchtenden Augen von einem Bericht, den er über seinen Tag schreiben wollte - und er hat es dann ja auch tatsächlich geschafft. Zwischenzeitlich erreichte uns die Kunde, dass eventuell einige Auseinandersetzungen nach dem Spiel geplant waren und deshalb die Bembelbar auf der Kippe stand, das hätte grad noch gefehlt.

Der Einlass ging halbwegs zügig von statten, alleine direkt vor dem Block mussten wir noch einmal warten; wir schlängelten uns an die Seite und fanden ein Plätzchen rechts neben dem Marathontor, vor uns stand Roland, auch der Bernemer Adler, unten die Ultras und die Mannschaftsaufstellung verkündete, dass Caio für uns überraschend im Kader war und ebenso überraschend Steinhöfer statt Mahdavikia auflief. Auf der blauen Laufbahn lag ein Schneehäuflein, weiße Flocken schwebten zu Boden - und wer erinnerte sich nicht an die Szenerie vor einem Jahr, als Martin Fenin drei Tore schoss und die Eintracht bei leichtem Schneefall mit 3:0 als Sieger vom Platz ging.

Wer auf eine Wiederholung gehofft hatte, wurde in der 17. Minute schwer enttäuscht, der erste Torschuss der Hertha landete im Netz, und es dauerte nicht lange, bis Berlin einen Elfer zugeprochen bekam, aus meiner Sicht völlig unberechtigt und nahezu skandalös (allerdings sollten die Fernsehbilder mich eines besseren belehren). Unser Torhüter Markus Pröll hatte sich bei der Aktion verletzt, was ihn allerdings nicht davon abhielt, den Elfer zu halten, was uns wiederum natürlich Auftrieb gab, leider nicht unseren Jungs auf dem Platz: als der Halbzeitpfiff ertönte, hatte ich den Eindruck, dass die Eintracht nicht statt gefunden hatte, leider nicht zum ersten Mal in dieser Saison.

Und wer gedacht hatte, dass die zweite Hälfte mit mehr Schmagges angegangen wurde, wurde zunächst enttäuscht; keine drei Minuen waren gespielt, als Pantelic zum zweiten Mal traf und wie stets den Aff' machte beim Torjubel. Kurz darauf bugsierte Benny Köhler die Kugel zum Anschlusstreffer ins Netz und ab dann war die Eintracht am Drücker, spielte sich frei, so dass die Hertha lediglich zu einigen Konterchancen kam, immerhin kickten dort Voronin und Pantelic - richtig gefährlich wurde es jedoch nicht mehr - was auch an Jan Zimmermann lag, der den verletzten Pröll ab der 58. Minute ausgezeichnet vertrat.

Später kam Kweuke zu seinem ersten Einsatz und sorgte gleich für Gefahr im Herthastrafraum, wie auch unser zweiter Neuzugang in der Winterpause, Petkovic, als linker Verteidiger eine gute Figur machte - und auch offensiv einige Akzente setzen konnte.

Eigentlich waren wir am Ausgleich dran im kalten Olympia-Stadion. Dort wo die Werbebanden flackern, dass es ein Graus ist und der Stadionsprecher verzeifelt versucht, das Berliner Publikum zur Stimmung zu erkaspern; die Zuschaueranzahl wird von irgendeinem Sponsor präsentiert wozu ein Zählwerk eine gefühlte viertel Stunde braucht, um den Stand anzuzeigen - auf dass du ja genug lange auf den Namen des Sponsors guckst, denn ich schon wieder vergessen habe. Bei aller Liebe, wenn dies die Zukunft des modernen Fußballs ist, dann ohne mich - die grinsen dir doch ins Gesicht und verarschen dich sehenden Auges, vor lauter Geflacker siehst du den Ball nicht mehr. Die Hertha-Fans verhielten sich ruhig - und wir? Nuja, dafür, dass der Ausgleich in der Luft lag, war wenig Peitschendes aus dem Block zu vernehmen, vorne ein bisschen SingSang, in der Mitte Schweigen und sonst ab und an ein Eintracht, Eintracht, zuwenig um zu zünden. Als dann ein Kopfball von Meier in den Armen des anfangs relativ unsicheren Drobny landete, Pantelic bei einer Attacke getroffen wurde und sich anschickte auf dem Platz zu versterben, als die Balljungen mal einen Ball auf das Spielfeld warfen, obgleich noch gespielt wurde, mal einen Ball nicht sofort an die Eintracht rausrückten und zu allem Überfluss der Stadionsprecher ins Spiel eingriff, um die stummen Herthaner Zuschauer dahingehend zu bewegen, den Torhüter zu beklatschen, schwanden die Hoffnungen, hier zu punkten. Nachdem Ochs noch einen Sinnlosball in den Strafraum gekickt hatte, war's dann endgültig vorbei, und die Eintracht hatte verloren. Immerhin, der Auftritt in der zweiten Hälfte machte Mut, ärgerlich war die Niederlage dennoch - und unverdient dazu.

Was folgte war eine weitere Nummer aus Absurdistan. Wir verließen unseren Block und wollten zur U-Bahn marschieren, als wir feststellen mussten, dass sich eine ganze Reihe Polizei inclusive Wagen dazwischen gestellt hatten und kein Durchkommen war. Fantrennung - manchmal eine gute Idee - aber doch nicht, wenn auf beiden Wegen sowohl Frankfurter und Berliner marschierten - und nicht dorthin konnten, wo sie hinwollten. Schön war sicherlich, dass einige Cops auf dem Rücken die Zugnummer 1312 spazieren trugen, buchstäblich A C A B. Lustig. Der Clou aber folgte nach wenigen Metern, dort endete die Sperre und wir liefen auf der anderen Seite wieder zurück und landeten genau dort, wo wir hin wollten; das ganze erinnerte stark an Biathlon und die Strafrunden. Als Pia einen leitenden Cop ansprach, war dieser auch nicht ganz glücklich mit der Situation, immerhin erzählte er uns von geplanten Drittortauseinandersetzungen - und dem Versuch die strömenden Massen ein bisschen zu trennen. Nehmt's sportlich meinte er, was bliebe auch sonst zu tun. Aber habt ihr es gelesen, mein Lieblingswort? Drittortauseinandersetzung. Das wird ab jetzt fester Bestandteil meines Vokabulars. Drittortauseinandersetzung. Doll. Da lobe ich mir doch die Herthaner die vor dem Stadion in einem Wohnwagen mit dem Kennzeichen B-SC ... hockten, eine fette Box angeschlosen hatten und in dem Gefühl des zweiten Platzes in der Tabelle sicherlich eine Kiste Schultheiss platt machten. Drittortdrinking - auch gut.

Kälte und Hunger nahmen uns in deren finstere Klauen und so definierten wir unser Ziel präzise: Öko-Burger futtern im Kreuzburger in der Oranienstraße nahe des Franziskaners, dem Ort der Bembelbar und so ruckelten Andi, Arne, David, Pia und ich Richtung Kreuzberg und marschierten mit klammen Fingern in den Laden, wo wir die nächsten Stunden bei Burger, Bier und Heizung verbrachten, bis wir aufgetaut und frisch für die Bembelbar waren. Zwischenzeitlich enterten etliche Gäste den Laden, viele davon trugen lustige Mützen und bei manch einem wussten wir nicht, ob es sich um eine Mütze oder die Frisur handelte: Dit is Balin, wa?

Schon vor dem Franziskaner standen jede Menge Eintrachtler, Hilde drückte uns zwei Schöppchen in die Hand und so endete die Nacht bei Musik und Tanz, bei Getränk und Gespräch, hier war Bernie, dort Carola, hier Jens und dort Matze, bis spät in die Nacht hockten wir beisammen, trafen viele alte und neue Gesichter und rockten gutgelaunt in den Morgen ... this is the ace of spades, the ace of spades ...


Winternacht in Kreuzberg. In der Eiseskälte marschierten Pia und ich durchs Berliner Dunkel, erstanden noch einen Döner und fielen bald müde aber glücklich in die Falle und ratzen mehr oder weniger durch den Vormittag, wo wir erfuhren, dass sich Prölls Verletzung als weit weniger schlimm herausstellte, als am Abend kolportiert wurde und wir schon befürchtet hatten, ihn zum letzten Mal im Tor der Eintracht gesehen zu haben.


Es folgten ein langer Spaziergang am Sonntagnachmittag mit schönen Berlinbildern und eisigem Wind, ein gepflegter Nachmittag bei Holger und Ryke, ein entspanntes Abendessen beim Griechen und eine letzte U-Bahnfahrt durch die Kälte der Hauptstadt.


Montags standen nach einem ausgiebigem Frühstück die Second Hand Laden auf dem Programm, wir durchstöberten die Lädchen nach brauchbarem Material, tranken noch so manchen Kaffee, trafen Andi an der Bergmannstraße, holten Klein-Lola vom Kinderladen ab und futterten zum Abschied bei Curry 36 noch den obligatorischen Fleischspieß und näherten uns dem Abschied aus Berlin; einer Stadt, die im Sommer pulsierend und lebendig daherkommt, im Winter aber kalt, schmutzig und unwirtlich erscheint - vor allem, wenn die Eintracht verliert. Trotzdem blitzen zwischen Bio-Läden und Hundkot immer wieder die Bilder auf, die du mit dem alten Berlin verbindest, die Freiflächen, die Bolzplätze inmitten der Altbauschluchten, die Graffitis an den Häuserwänden oder die etwas andere Haltung zur bundesdeutschen Vergangenheit.

Wir verabschiedeten uns von Andi, Yvonne und Lola, warfen den Golf an und nach einem kurzem Zwischenstopp an einer Tanke kurz vor der Autobahn am Tempelhofer Damm sausten wir auf den Highway, winkten dem Berliner Bär zum Abschied und wussten: Wir kommen wieder. Radio Motor FM rockte noch eine ganze Weile, später Muse oder Placebo; Kilometer um Kilometer näherten wir uns dem Herzen von Europa, du fährst schneller, wenn es dunkel ist - und knappe 550 km später erhob sich die Skyline von Frankfurt; A661, Friedberger Warte, Nordend. Wir parkten den Golf, der uns so tapfer etliche Kilometer durch Deutschland kutschiert hatte und nahmen noch einen Absacker bei Silke im Backstage. Frankfurt, du hast uns wieder. Aber frage nicht, wie lange.

You and me we've been standing here, my dear
Waiting for our time to come
Where the green grass grows
Tomorrow never knows.




(Fast) alle Fotos sind von Pia Geiger. Schön, gell? Und Danke!