Weißt du, was du trägst, so lautete der Titel einer Veranstaltung im
Museum der Frankfurter Eintracht. Organisiert wurde der Abend vom
Frankfurter Fanprojekt und der Jugend des DGB, eingeladen war
Michael Weiss vom
apabiz, dem antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum in Berlin. Gegenstand seines Referates waren Symbole, Marken und Codes der extremen Rechten.
Über fünfzig Gäste waren erschienen, darunter die üblichen Interessierten wie die Jungs der
Kumpane Waldstadion - aber auch eine Vertreterin einer KiTa oder Eintrachtfans mit Kindern, die allesamt Interesse daran zeigten, was es denn mit den Codes auf sich hat. Nicht erschienen waren Vertreter der Fan- und Förderabteilung, das FSG, die Fanbetreuung und Vertreter von Eintracht Frankfurt, sieht man einmal davon ab, dass das Museum zur Eintracht gehört. Auch waren die Köpfe der Ultras nicht anwesend.
Der nun folgende Texte ist keine getreue Widerspiegelung des Vortrages, fußt aber darauf; er soll vor allem das Ausgangsthema unter Einbeziehung von Informationsmaterial und Internetdokumenten und -links näher beleuchten
Klar ist, dass etliche Symbole der Nationalsozialisten verboten sind, das Hakenkreuz oder die SS-Runen - und ebenso klar, dass andere eindeutig sind und klare Bekenntnisse beinhalten, die
schwarze Sonne zum Beispiel - ein Kunstsymbol der SS. Andere Symbole sind indifferent wie der
Thorshammer, der zwar von der Rechten angeeignet wurde, aber keinen direkten Bezug zur NS-Zeit hat. Nicht jeder der den Thorshamer an einer Kette trägt, gehört zwangsläufig zur Naziszene. Erst in Verbindung mit anderen Symbolen oder Codes kommt ihm eine politische Bedeutung zu, wird er zum Bekenntnis. Ähnliches gilt für das
Keltenkreuz; es wird erst zu einer eindeutigen Aussage, wenn der untere Bereich fehlt; dann aber wird es brisant. Dieses Zeichen steht für die
Überlegenheit der weißen Rasse, für:
White Power. Es ist in einigen Bundesländern verboten
Die Rechte bedient sich aus der Mythologie des Nordens, Germanen- oder Heidenkult der extremen Rechten stehen nicht zuletzt für die Ablehnung der christlichen oder gar jüdischen Mythologie und für eine diffuse Mystik - und obgleich die Herleitungen zum Teil recht krude sind, so einen sie doch die Träger - und schaffen Identität.
Identität schafft auch
Musik und auch hier müssen wir vorsichtig sein; nicht jedes Etikett bezeichnet gleich einen rechten Hintergrund, die Szene versucht Stile und Richtungen zu absorbieren, wie zum Beispiel
Hatecore oder
Black Metal. Hass, Wut, Rebellion, das Gefühl der Einsamkeit finden ihren Ausdruck in Musik, münden aber nicht zwangsläufig in rechtsradikalen Welten - höchstens die Ausgangslage vereint: Ein diffuses Unbehagen an der Welt, die ungerecht und zerstörend daherkommt und vor allem Jugendliche zunächst ratlos zurück lässt. Über Musik werden Sehnsüchte gestillt oder illusorische Identitäten geschaffen - oder gar (vermeintliche) Antworten auf drängende Fragen gegeben. Über Texte und Bandhintergrund erfahren wir, ob wir es mit (vermeintlich) unpolitischen oder aber extremen Rechten zu tun haben, wie zum Beispiel mit der Bremer Naziband
Kategorie C.
Auffällig ist die Vermischung des Erscheinungsbildes der extremen Rechten mit der Popkultur. Waren noch vor wenigen Jahren die Neo-Nazis klar zu erkennen, die schwarzen Lederjacken, schwarze Krawatten und merkwürdigen Frisuren, so fiel schon bei den Skins die Unterscheidung schwer. Nicht jede Glatze war ein Nazi, manchmal verriet nur die Farbe der Schnürsenkel oder die Tätowierung die politische Gesinnung - eines jedoch war den unterschiedlichen Erscheinungsbildern gemein: Sie entzogen sich dem Mainstream.
Dies hat sich in den letzten Jahren geändert. Girlie-Style, Hooligan-Style, Fußball-Style hielten Einzug in den Mainstream und auch in die rechte Szene; die Kleidung und die Schnitte unterscheiden sich wenig von H&M oder coolen Fußball/Fanklamotten, einzig die Labels oder Aufschriften geben Aufschluss über die politische Motivation - manchmal sogar nicht mehr dies. Manchmal steckt nur ein Naziversand dahinter, die Eingeweihten erkennen sich an Details; an der Kleidung im Zusammenhang mit Schmuck und Tätowierungen - oder
Zahlen. Relativ harmlos kommt so im Erscheinungsbild der Versand football fanworld daher - geführt von Nazis aus dem Vogelsberg.
Im Zusammenhang steht gerade im Fußballbereich das Kokettieren mit Gewalt - ein Merkmal, dass die extreme Rechte nicht exklusiv hat; nicht jeder Hooligan ist ein Nazi und nicht jeder, der gewaltverniedlichende Sprüche auf seinem Hoodie trägt ein Hool. Wie der Bandname Kategorie C aus dem Fußball entlehnt wurde (Kategorie C bezeichnet im Polizeijargon die gewaltorientierten Fußballfans - im Unterschied zu Katergorie A und B), so gibt es z.B. das eingetragene Modelabel mit Namen
Dritte Halbzeit, eindeutig mit rechtsradikalem Hintergrund.
Vom Ursprung her unpolitisch kokettieren Modelabels wie
Pit Bull oder
Troublemaker mit der Assoziation von Gewalt, der Träger erwirbt mit den Marken das Gefühl der Stärke, stellt durch ein martialisches Erscheinungsbild Selbstbewusstsein zur Schau, dass nicht zwingend vorhanden sein muss. Weder Troublemaker noch Pit Bull sind Nazimarken - vor allem jugendliche Träger jedoch landen so manches mal in der rechten Szene, weil diese das Unbehagen an der Welt adaptiert und nicht zuletzt Gemeinschaft vorgaukelt. Spätestens dann aber dürfte Pit Bull oder Troublemaker nur noch eine marginale Rolle im Outfit spielen. An die 200 Modemarken mit eindeutig rechtsradikalenm Hintergrund springen in die Bresche - und sorgen für die nun passende Kleidung, am bekanntesten sicherlich die Marke
Thor Steinar (Mediatex), welche seit 1999 über 70 Markennamen angemeldet hat und Jahresumsätze von mehreren Millionen Euro erzielt. Auch hier gilt, dass nicht jeder, der Thor Steinar trägt zwangsläufig als Neonazi gesehen werden darf; das Unternehmen orientiert sich zunehmend am Mainstream mit nordischer Optik, zählt aber noch immer als Symbol für "rechten Chic" - und als Positionsbestimmung. Einhergehend sind dabei zwei Aspekte: Zum einen die vermeintlich harmlose Unterwanderung breiterer Gesellschaftsschichten - Geheimcodes werden salonfähig und zum anderen wird Thor Steinar von Teilen der extremen Rechten Geschäftemacherei unter Ausverkauf des politischen Grundgedankens vorgeworfen. Andere springen herbei, positionieren sich radikaler, so der Abkömmling Erik & Sons, der versucht mit dem gleichen Konzept rechtsradikal-politische Authentizität zu wahren.
In verschiedenen Stadien ist die Marke Thor Steinar verboten, so soll u.a. verhindert werden, dass die Rechte sich erkennt, zusammenschließt, und vereint großen Raum beansprucht. Auch in Frankfurt wurde solch ein Verbot diskutiert - und verworfen. In Dresden gilt das Verbot neben den gesetzlich verbotenen Symbolen auch für etliche andere, deren Tragen im öffentlichen Raum erlaubt ist. Die Ordner haben Listen, um die Verbote zu überwachen - doch nichts ist einfacher, als diese Verbote zu umgehen: Steht der Name Kategorie C auf dem Index, so reagiert die Szene prompt - mit dem Aufdruck
Kategorie D. Der Inhalt ist der gleiche, der Eintritt ins Stadion aber erlaubt.
Ein Verbot von Thor Steinar kommt einer Symboldebatte nahe; es gibt genügend Alternativen, sie alle zu kennen, zu verbieten und das Verbot zu überwachen gleicht einer Sisyphus-Arbeit - und verhindert eines nicht: das menschenverachtende Weltbild des Trägers. Immerhin kann über eine Verbotsdebatte das Thema in die Öffentlichkeit getragen werden - diejenigen, die das Label cool fanden, wissen nun, was sie tragen. Und wer die Klamotten immer noch trägt und um den politischen Hintergrund weiß, der muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen, weist er sich doch zumindest als "irgendwie rechts" aus.
Marken wie
Lonsdale gerieten unvermutet in das Spektrum der Neonazis, ergibt sich doch durch die Buchstaben in der Mitte (nsda) eine Nähe zum Namen NSDAP - für die Rechte ein willkommener Anlass, die Kleidung zu tragen um legal Gesinnung zur Schau zu stellen. Der Hersteller Lonsdale distanzierte sich aufs Entschiedenste von dieser Vereinnahmung. Schon 2004 hatte Lonsdale aufgrund der sich häufenden Vorwürfe eine Werbekampagne
Lonsdale loves all colours ("Lonsdale liebt alle (Haut)Farben") gestartet.
Statt dessen wurde von Nazis die Marke
Consdaple gegründet - selbst das Logo ist an Lonsdale angelehnt. Der Kunstname Constaple soll sowohl mit dem englischen constable als auch mit der Partei assoziiert werden; die Träger mit der rechten Szene.
Neben den Modelabels spielen Zahlenkombinationen eine wichtige Rolle, am Bekanntesten sicherlich die
88 - als Synonym für den achten Buchstaben im Alphabet - H. HH meint Heil Hitler, wie entsprechend
18 synonym für Adolf Hitler steht oder 83 für HateCore. Auch die Zahl
14 hat einen ganz besonderen Hintergrund: Es ist die Abkürzung von einer aus 14 Worten bestehenden Phrase: „
We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Als Erfinder der Fourteen Words gilt der US-amerikanische Rechtsextremist
David Eden Lane.
Wenn ihr also im Jahr 1988 geboren seid, und im Autokennzeichen die 88 spazieren fahrt, dann ist dies sicherlich harmlos; wenn das Gesamtkennzeichen jedoch XY-HH 1488 lautet, dann ist die Aussage eindeutig, es sei denn, der Fahrer ist derart naiv, dass es einen graust.
Machen wir uns nichts vor, der Umsatz mit Devotionalien und Kleidung aus der rechten Szene steigt - und damit die Anzahl derer, die sich damit in der Öffentlichkeit bewegen. Der Einzug in die Popkultur und den Mainstream, auch in den Fußballbereich beinhaltet das Fischen vor allem bei Jugendlichen, die im Wesentlichen zwischen cool und uncool unterscheiden und nicht wissen (können) was sie für die Eingeweihten zur Schau stellen; es liegt an uns, Aufklärung zu betreiben - um so ärgerlicher ist es, dass die führenden Köpfe der Fangruppierungen der Eintracht dieser Veranstaltung fern geblieben sind.
Bei Spielen der Eintracht scheint die Problematik auf den ersten Blick nicht im Vordergrund zu stehen, noch im ersten Spiel der vergangenen Saison trug das Team statt dem Logo des Sponsors den Spruch:
United Colors of Frankfurt auf dem Trikot, basierend auf einer Initative des Fansprechergremiums angelehnt an eine frühere Kampagne
United colors of Bembeltown. Doch die Zeiten wandeln sich; immer häufiger ist von politisch motivierten Auseinandersetzungen die Rede; in der Partie bei den Kickers wurde ein Frankfurter auf dem Weg zum Stadion aus dem Mob gezogen, weil er den Hitlergruß gezeigt hatte und im Spiel gegen Dortmund erscholl deutlich der Spruch
Roman du Zigeuner, um den Dortmunder Torhüter Weidenfeller zu beschimpfen, während in Köln weite Teile unserer Kurve
Ihr seid die Hauptstadt der Schwulen skandierte. In Kaiserslautern wurde von einigen wenigen zum Besten gegeben,
dass alle Lauterer einen gelben Stern zu tragen hätten.
Jetzt mag nicht jede Beschimpfung zwangsläufig auf einen rechten Hintergrund zurück zu führen und nicht jeder, der
Zigeuner ruft gleich ein Nazi sein. Aber die Leichtfertigkeit und die Häufigkeit solcher Äußerungen, die mit der Unterstützung des eigenen Teams nichts mehr gemein haben, gibt zu denken - und die dabei vermittelte gefühlte Überlegenheit gegenüber Schwulen, Zigeunern oder gar Juden ist mehr als grenzwertig. Von daher ist es zum einen verwunderlich, dass bis auf wenige Ausnahmen kaum Widersprüche gegen diese Strömungen zu vernehmen sind und zum anderen ist es dringend an der Zeit, dass sich auch in Frankfurt Gedanken gemacht wird, welches Erscheinungsbild unsere Kurve haben soll, wie es Öri von der
KOS formuliert hat. Dazu gehört die Reflektion und Analyse des derzeitigen Verhaltens, damit schon im Keim rechte oder rechtsradikalen Erscheinungsformen bei der Frankfurter Eintracht thematisiert werden. Wenn wir nicht aufpassen, werden aus wenigen mehr - und dann kann keiner sagen, er habe nichts gewusst.