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Montag, 29. September 2008

Mehr als ein laues Lüftchen


Die derzeitiger Situation bei Eintracht Frankfurt kommt nicht von ungefähr, viele Dinge sind peu a peu abgewickelt worden – und die Summe häuft sich zu den derzeitigen Ergebnissen.


Vielleicht beginnt es mit dem Theater um Jones. Ein Spieler, dessen sportliche Eigenschaften unbestritten sind. Man wird Eintracht Frankfurt sicherlich nicht den Verkauf vorwerfen können – und wir werden uns den Spieler Jones sicherlich nicht zurückwünschen. Allerdings sind dessen Qualitäten nicht adäquat ersetzt worden.
Der nächste der uns verließ, war Streit – auch ein Spieler mit herausragenden individuellen Eigenschaften – Standards und Flanken. Hier gilt das gleiche wie für Jones, niemand braucht den Menschen Streit im Team – aber die Eigenschaften sind nicht adäquat ersetzt worden.
Der nächste in der Reihe ist Kyrgiakos. Wille und Kopfballstärke waren dessen herausragende Eigenschaften – die bei dessen Abgang nicht kompensiert wurden. Alle drei wollten nicht bleiben, so müssen wir ihnen keine Träne hinterher weinen – jedoch den Fähigkeiten, die mit ihnen gingen.

Völlig unnötig war dagegen die Ausleihe von Heller – ein Spieler mit außergewöhnlicher Schnelligkeit die - gezielt eingesetzt - unser Konterspiel verstärkten. Zumal die Anzahl der einsetzbaren Stürmer jederzeit durch Verletzung und Sperre weiter reduziert werden kann.

Fußball ist ein Mannschaftssport – er lebt aber auch von den überdurchschnittlichen Fähigkeiten einzelner, die gezielt eingesetzt, zu Trümpfen werden, die das Spiel eines Teams unverwechselbar machen. Was sind denn heuer die unverwechselbaren Eigenschaften unserer Spieler? Ochs Dynamik über außen, was noch? Chris Aufbauspiel an guten Tagen. Nun gut, auch die Hoffnung auf Korkmaz lebt.

Köhler, Fenin, Russ, Bellaid, Toski – sie alle besitzen eine feine Technik und sind im Teamsport unverzichtbar, zumal sie rackern und bestimmt feine Kerle sind, aber ohne Leuchtpunkte und kollektiven Willen zur Bewegung fehlt das überdurchschnittliche – welches schon fast Voraussetzung zum Klassenerhalt ist, zumindest aber, um sich selbst im „Mittelmaß“ zu etablieren. Amanatidis und Liberopoulos stehen jeder Bundesliga-Mannschaft gut zu Gesicht – sind aber limitiert, was Torgefährlichkeit angeht, und bei Ama letztlich auch die Technik. Um also in der Liga Akzente zu setzen, muss Eintracht Frankfurt über permanente Bewegung und Laufarbeit gepaart mit dem Willen zum Erfolg als Kollektiv auftreten – auch um Schwächephasen einzelner (zur Zeit Spycher) auszugleichen. Und genau dies geschieht zuwenig.

Es macht wenig Sinn, sich auf Sündenböcke einzuschießen, das lenkt nur davon ab, eine Situation zwischen Verzweiflung und Trauer vernünftig zu analysieren. Allerdings stellt sich die Frage, weshalb wir mit dem verletzten Bajramovic einen Spieler kaufen, der – verletzt – anerkannterweise auf einer Position spielen wird, die wir mit Fink, Inamoto, Chris und Russ mindestens vierfach besetzt haben, während wir keinen Back-up für Spycher haben, Krük lasse ich nicht gelten, er könnte maximal ein Hoffnungsträger sein – und dies können wir ihm nicht anlasten. Theuerkauf aus der U23 spielt stark – sitzt aber noch nicht einmal bei den Profis auf der Bank – und Köhler könnte eine Alternative sein – würde dann aber offensiv fehlen.

Bleibt die Frage, weshalb es Eintracht Frankfurt nicht gelingt, mit breiter Brust auf den Platz zu gehen; mit dem Anspruch: heute gewinnen wir, weil wir gewinnen wollen. Die Fähigkeiten sind da – aber es fehlt an Bewegung, an Laufbereitschaft. Pressing, Verschieben, Lauf und Passspiel in die selbst geschaffenen freien Räume – Fehlanzeige.

Standards? Fehlanzeige.

Schnelles Spiel über Außen mit Flanke zum Kopfball? Ab und zu, wenn Ochs dazu kommt – doch wer soll die Flanken abnehmen? Bezeichnend ist, dass Köhler das Tor gegen Bielefeld gemacht hat, einer der Kleinsten im Team.

Wie sieht das Spiel der Eintracht aus, wie werden Angriffe planmäßig unter Einsatz der Stärken vorgetragen? Ich erkenne keine Struktur – und kein Konzept. Durchfuddeln und Glück – dies scheinen mir die Säulen zu sein, die jedoch derzeit zu schwach sind, um die Eintracht tragen zu können, zumal man sich Pech auch erarbeiten muss. Wir sind in den letzten Jahren einige Male desaströs und frühzeitig aus dem Pokal geflogen. 95/96 mit 1:5 bei 1860 – am Ende stand der Abstieg. 00/01 mit 1:6 beim VfB II – am Ende stand der Abstieg. 03/04 mit 1:2 gegen den Zweitligisten Duisburg – am Ende stand der Abstieg. Das ist kein Zufall, wie es auch kein Zufall ist, dass wir dieses Jahr zu Hause gegen den Zweitligisten Rostock rausgeflogen sind.

Es ist ein Unding, nach dem 0:1 in Gelsenkirchen das Spiel schönreden zu wollen – das waren grottige Schalker, vor eigenem Publikum ausgepfiffen, trotz Führung und Tabellenführung – die ein paar Tage später in Köln genauso kickten, und völlig verdient mit 0:1 verloren.

Wir müssen verdammt aufpassen, dass wir mit der Eigendynamik des Misserfolgs nicht absteigen. Die Fähigkeiten, besser zu kicken, sind vorhanden. Wir spielen nicht mehr mit den Chas, Lexas, Van lents oder Wiedeners, die nur am Limit überhaupt eine Chance hatten, wir spielen auch nicht ausschließlich mit jungen Spielern aus der Region, mit denen ein fünfzehnter Platz ein überragender Erfolg wäre (Reinhard, Huber, Cimen, Chaftar.)

Wir haben eine für unsere Verhältnisse teure Mannschaft, deren Potential nicht abgerufen wird. Dafür haben wir erhöhte Eintrittspreise, rosa-weiße Gülle im Fanshop und eine Fanclubcard am Horizont. Das ist der Dank an die Fans, die seit Jahren respektable Leistungen abliefern – zwischen Schweinfurt und Istanbul in der Weltgeschichte unterwegs waren; sich durch Polizisten schikanieren ließen (von Nürnberg bis Sachsenhausen nach dem Aufstieg) und selbst Niederlagen wie Siege gefeiert haben – so in Berlin im Pokal 2006.

Statt Punkte und Fight gab’s windelweiche vorgedruckte Plakate zum Saisonende. Ist ja nett, aber wenn dies bspw. gekoppelt ist mit „Sonderaktionen für die Fans“ im Merchandising, was nichts anderes heißt, als Ramschverkauf in schönen Worten, dann fühle ich mich verarscht.

Zwischendrin kommt auch noch raus, dass der Spieler Caio vom Aufsichtsrat gegen den Willen des Trainers durchgedrückt wurde. Wenn’s stimmt, könnte es so einiges erklären – zumindest was die Personalie Caio angeht. Wobei man sich fragen muss, weshalb dies erst nach einem knappen Jahr ans Licht der Öffentlichkeit kommt – und weshalb genau zu diesem Zeitpunkt. Und was das überhaupt soll.

So langsam reichen mir sowohl die skurrilen Verteidigungslinien a la „Funkel lässt offensiv spielen, weil es im Forum gewünscht wurde“ bis hin zu Angriffen gegen Bruchhagen. Weitaus gravierender als die Frage wer denn unser nächster Trainer wird, halte ich die Nachfolgeregelung für unseren Vorstandsvorsitzenden. Wer leichtfertig „Bruchhagen raus“ ruft, verkennt völlig die möglichen Optionen, die durchaus darin bestehen könnten, jemanden zu installieren, der ähnlich wie Hannovers Kind völlig andere Prämissen setzt. Und dann ginge uns der Arsch auf Grundeis.

Da kommen wir auch nicht mit simplen Thesen „AG = Kommerz, EV = Tradition“ weiter. Fußball bis hin zur vierten Liga ist „Kommerz“, völlig egal, ob durch GmbH, AG oder EV geleitet. Die Frage, die sich stellt ist nur: wie wird dieser verwaltet – und da geht es weitaus schlimmer, als das, was die AG derzeit anrichtet. Dies im Auge zu behalten ist Aufgabe des EV, vielmehr die der Mitglieder des EV. UNSERE Aufgabe.

Dies ändert aber derzeit nichts daran, dass Eintracht Frankfurt mit breiter Brust aufzutreten hat. Wir scheißen uns derzeit vor Hoffenheim in die Hose - Ich glaub's hackt. Wir sind Eintracht Frankfurt. Wir fahren dorthin, um zu gewinnen – und um dem Patriarchen H.opp auf ein Neues die Maske herunter zu reißen, um sein wahres Gesicht zu sehen – das zur Fratze wird, wenn er trotz allem Geldes, das er in die Region steckt (zwischen geachteten Jugendkonzepten und Sympathiekauf von Mannheim bis Zwanziger) nicht von allen arschkriechend hofiert wird. Wenn H.opp einen Jugendlichen wegen eines Doppelhalters aus dem Stadion klagt, dann zeigt er sein wahres Gesicht. Wenn er kollektiv lapidare Beschimpfungen im Netz durch Anwälte beklagen lässt, dann zeigt er sein wahres Gesicht. Wenn er sich derart in den Mittelpunkt stellt, dass er die Liga-Vertreter nötigt, Fußballfans zu verfolgen, die seit Jahr und Tag nichts anderes machen, als ihre Lieblinge zu feiern und ihre Feinde zu bepöbeln, dann gehören dem Mann Grenzen aufgezeigt. Und zwar mit den Mittel, die wir Fans seit Jahren anwenden. Gegen Hoeness. Gegen Wiese. Gegen Franz. Gegen Jones. Und jetzt halt gegen H.opp.

Und wenn unser Trainer solche Spiele nicht gewinnen will, dann muss es halt ein anderer machen – in uns steckt mehr, als ein laues Lüftchen.

Montag, 22. September 2008

Alfred Pfaff und Jürgen Grabowski - Ein Abend im Museum von Eintracht Frankfurt


Es war eine Woche, wie sie nur ganz selten im Leben vorkommt. Zunächst stand Dienstag-Abend ein Heimspiel unserer U23 gegen Hessen Kassel an. Eigentlich nichts so besonderes – bis auf die Tatsache, dass dieses Spiel im Waldstadion ausgetragen wurde – und ich zum ersten Mal nach über sechs Jahren als Stadionsprecher der kleinen Eintracht in der großen Arena übers Mikrofon sprechen durfte. Nervös war ich eigentlich nicht; alleine die logistischen Anforderungen wollten bewältigt werden. Wie klappt die Bedienung des Videowürfels? Wie funktioniert die Musik? Wo ist eigentlich was? Dank Christoph und Air Harry gelang fast alles tadellos, wir sahen ein flottes Spiel, einen Kasseler Trainer, der auch schon für die Eintracht im Uefa-Cup getroffen hatte (Mirko Dickhaut) und letzten Endes einen Ausgleich in der x-ten Minute der Nachspielzeit, der für Kassel eher glücklich zu nennen war. 1200 Fans sahen das Spiel, verteilt in zwei gut gefüllte Blöcke gegenüber sowie in der Mitte der Gegengrade und machten ordentlich Rabatz. Auf der Haupttribüne stand währenddessen ein illustres Grüppchen um Heribert Bruchhagen, Friedhelm Funkel und Bernd Hölzenbein. Weiter unten saß Andi Möller und beobachtete wohl Kandidaten für seinen Club.
Das letzte Mal hatte ich ein Spiel im Innenraum verfolgen dürfen, als Alex Schur in der Nachspielzeit die Eintracht gegen Reutlingen in die erste Liga köpfte – keine fünf Schritte von mir entfernt. Damals hatten der kreuzbuerger Andi und ich auf Grund dubioser Umstände ein Fotografen-Leibchen umhängen und waren kurz vorm Durchdrehen.

So lernte ich letzten Dienstag also die Stadionregie kennen, bin ein bisschen in den Katakomben umher gelaufen und verweilte mit Pia vor dem Spiel ein paar Minuten auf der Eintracht-Trainerbank. War schon groß. Groß war auch die Freude, als irgendwann vor Spielbeginn Motörhead aus den Stadionboxen wummerten, mein klammheimlicher Beitrag zum großen Rock’n’Roll Ding, das immer mehr der durchorganisierten Massenkompatiblen Inszenierung weichen muss. Irgendwann erklang meine Stimme durchs Mikro – nach drei Minuten führte Kassel – am Ende stand ein zweizuzwei durch den eingangs erwähnten Treffer in der überletzten Minute.

Viel Zeit, mich an die Geschehnisse zu erinnern blieb allerdings nicht. Schon zwei Tage später stand die Veranstaltung Der gepflegte Ball aus der vom Museum und FuFa veranstalteten Reihe Tradition zum Anfassen auf dem Programm. Für mich eine große Ehre, wurde ich doch auserkoren, unsere Gäste Don Alfredo Pfaff und Grabi Jürgen Grabowski moderat durch den Abend zu begleiten. Zur Vorbereitung hatte mir Matze noch zwei Ordner mit historischen Dokumenten mitgegeben, die zusammen mit meinen Eintracht-Büchern und den eigenen Erlebnissen das Fundament für eine solide Moderation bilden sollten. Ich las mich durch die Jahre, erinnerte mich an Situationen, die ich gar nicht erlebt hatte (da sie zehn Jahre vor meiner Geburt statt fanden) und tauchte noch einmal in meine Kindheit ein, in der Grabi mein großer Held war. Bergmannsammelbildchen zur WM 1974 kamen mir in den Sinn und eine Zeit, in der ich mit dem viel zu großen Fahrrad meiner zu früh verstorbenen Großmutter in einem kleinen Ort namens Mömlingen Richtung Müllkippe radelte. Normalerweise durchsuchten wir dort ausgediente Fahrradlampen nach brauchbaren Birnchen, doch irgendwann fand ich alte Hör-Zu-Hefte, die ich durchblätterte – und auf Zeichnungen der WM-Teilnehmer Deutschlands stieß. Ich suchte fortan solange, bis ich alle Bildchen hatte – und besonderes Augenmerk richtete ich natürlich auf Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein. Sie waren Frankfurter, so wie ich – und von daher waren wir wir.

Viele Jahre später habe ich die Bilder auf Franks Eintracht-Archiv im Internet entdeckt – und mich riesig gefreut.


Ja und jetzt sollte ich vor versammelten Eintracht-Fans jeglicher Couleur mutterseelenalleine mit Jürgen Grabowski und Alfred Pfaff plaudern, als seien sie gute, vertraute Kumpels – und nicht die größten Spielmacher der Frankfurter Eintracht - zumindest nach dem Krieg. Man muss dazu sagen: Vor Jahren hatte ich einmal die Ehre, Grabi anlässlich der Uefa-Cup-Gala für eintrachtfans.tv zu interviewen. Deutlich zeigt das Videobild meine zittrige Hand in Form eines wackelnden Mikrofons. Und damals hat mir beim Interview niemand zugesehen.

Obgleich ich also inhaltlich gut vorbereitet war, hatte ich doch jede Menge Respekt und hoffte, dass ich nicht inmitten der Helden einen Blackout hinlege, der mich derangiert. Und euch etwas ratlos zurücklässt.

Nachmittags traf ich im Museum ein – und kümmerte mich erst einmal um die Technik, verkabelte Boxen und Mikros, während Pia fleißig Buttons produzierte und Thomas gemeinsam mit Jasmin und Petra das Museum schmückten und vorbereiteten. Matze war damit beschäftigt, die Dinge im Griff zu haben und jeder, der ihn kennt weiß, dass er stets große Sorge in sich trägt, ob die Veranstaltung so läuft, wie er sich das erhofft. Bislang hat’s ja noch immer ganz gut geklappt. Leider kränkelte Steffen - und konnte, wie ich später erfuhr, nicht an der Veranstaltung teilnehmen.

Als endlich die Anlage angeschlossen und der Beamer startklar war, übernahm Pia die Technik und ich beschäftigte mich mit dem kommenden Abend. Das ein oder andere Mal hatte ich den Eindruck, ich hätte alles vergessen, das nur im Entferntesten an Grabi und Pfaff erinnert. Großer Gott, steh mir bei.

Mittlerweile trafen die ersten Besucher ein. Hier ein Hallo zu Frank, dort ein kurzer Gruß, schnell übergab ich Chris und Petra noch zwei Tickets für Rostock und so flogen die Minuten dahin, bis ich von Billy erfuhr: Alfred Pfaff ist da. Oha, Herr Beverungen, jetzt geht es los.

Ich verließ das Museum und marschierte in den Business Bereich, wo Billy mit Alfred Pfaff und dessen Frau Edith beim Kaffee saß. Wir kamen ins Plaudern – und vor allem Frau Pfaff nahm mir die Sorge ab, indem wir uns auch mit Alfred angeregt unterhielten, und sie keinerlei Scheu erkennen ließen. Don Alfredo gab dem HR noch ein Interview – und ich spazierte zurück ins Museum, um nach dem rechten zu sehen. Und eh ich mich versah, kam ER. Jürgen Grabowski, leger in Jeans und Blouson marschierte an uns vorüber. Ich hatte mit Matze abgemacht, dass wir Grabi und Don Alfredo zunächst im Business-Bereich zusammenführen wollten, bevor sie gemeinsam triumphal ins Museum einmarschieren sollten. So fing ich Grabi ab, sprach kurz mit Matze und trat mit Grabi vor die Museumstür. Ein Grüppchen, welches vor der Tür plauderte erstarrte vor Ehrfurcht, während Grabi jedem einzelnen die Hand schüttelte.

Wenig später ging’s wirklich los. An die 180 Eintracht-Fans waren ins Museum gepilgert, um diesem Abend beizuwohnen. Unter ihnen ehemalige Meisterspieler, wie Dieter Lindner, Eintracht-Präsident Peter Fischer, Eintracht-Seele Kurt E. Schmidt. Junge Ultras waren ebenso anwesend, wie Fanclubs oder Mitglieder und Museumsförderer - Eintrachtfans quer durch die Jahre, Forumsleute wie auch Blog-Gler - so Stefan, dessen Fotos schon vielen Freude bereitet haben, einige davon könnt ihr hier sehen. Hier sah ich Ergin, dort begrüßte ich Biber, an der Seite saß Sabine und so weiter, ich könnte noch etliche von euch aufzählen, es war schön, euch gesehen zu haben. Besonders schön fand ich, dass mein Vater, mit dem ich seit Jahren gemeinsam zur Eintracht gehe, auch an diesem Abend anwesend war.

Durch donnernden Applaus bahnten sich Grabi und Pfaff den Weg durch die Eintrachtfans, Alfred Pfaff, standesgemäß im Anzug nebst Krawatte nahm Platz und stützte sich auf seinen Stock, neben ihn setzte sich Grabi, auf der anderen Seite dann euer Beve, vor uns rote Tische und wir wurden von Matze Thoma herzlich begrüßt. Sehr schön von Matze war die Begrüßung auch dreier Eintracht-Fans, die durch ihre Tätigkeit in den letzten Jahren einiges zum Gelingen des Museums getan haben; im Einzelnen Sammlergott Doc Hermann, Archivgott Frank Gotta und die großartige Stimme der leidenschaftlichen Vernunft, Rüdiger Schulz aka Kid Klappergass. Anschließend schwelgte Stefan Minden, Abteilungsleiter der FuFa, in Erinnerungen an seine Kurze-Hosen-Zeit, die im Jahre 1970 eine bedeutende Aufwertung durch den Fußballkünstler Jürgen Grabowski erfuhr – bei der WM in Mexiko als bester Auswechselspieler tituliert. Fortan begleitete Stefan die Eintracht durch die Jahre und begrüßte am heutigen Abend ehrfürchtig unsere Gäste, während er aus einem Text Rüdigers zitierte:

Lasst die angebliche "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer nur als den "Kaiser" durch die Medienlandschaft wandern. Was ist ein "Kaiser" denn anderes, als ein Mensch, der sich über andere Menschen erhebt? Grabi dagegen ist immer einer von uns geblieben, hat uns an seiner Fußballkunst teilhaben lassen und uns so einige wahrhaft göttliche Momente geschenkt.
Danke, Grabi, für jeden einzelnen Augenblick!




Hinter uns drehte sich ein Eintrachtwimpel in einer Vitrine, während wir uns unterhielten, von Zeit zu Zeit flammte ein Blitzlicht auf und oftmals konnte man eine Stecknadel fallen hören.

Alfred Pfaff kam als junger Bub zur Eintracht – zu einem großen Verein wie er sagte. Mit zehn Jahren begann seine Karriere, die ihn über die Kriegsgefangenschaft in Frankreich in den Westerwald führte, wo er seine Gattin Edith kennen lernte. Er kickte für den SC Wirges, (um genau zu sein ein Jahr, wie Frau Pfaff aus der ersten Reihe betonte) ehe das Ehepaar Pfaff nach Frankfurt zurückkehrte. Dort spielte Don Alfredo zunächst ein Jahr für den FC Rödelheim in der Oberliga Süd, um nach dem Abstieg, den auch elf Tore von Pfaff nicht verhindern konnten, anschließend zur Eintracht zurückzukehren. Von 1949 bis 1961 spielte Pfaff 301 mal für die Adler in der Oberliga und traf 103 mal ins gegnerische Netz. Einmal hat er nicht getroffen – im Jahr 1958, als die Eintracht gegen den designierten Absteiger Jahn Regensburg am letzten Spieltag einen Sieg brachte, um als Süddeutscher Meister in die Endrunde einzuziehen. Die Eintracht unterlag 0:1, Pfaff verschoss einen Elfmeter oder wie er sagte: Ich habben net verschosse, der hatten gehalte. Großen Eindruck hinterließ bei ihm nicht nur die Amerika-Reise mit der Eintracht im Jahr 1951, sondern auch die WM im Jahr 1954, als Deutschland Weltmeister wurde und Pfaff beim 3:8 gegen die Ungarn einen Treffer erzielte. Es blieb sein einziger Einsatz bei einer WM, denn Pfaff hatte das Pech, dass ein ganz großer des deutschen Fußballs auf seiner Position spielte – nämlich Fritz Walter. Mit Walter verband Alfred Pfaff ein gutes Verhältnis, ebenso zu Seppl Herberger – der sowohl für ihn, als auch für Grabi ein ganz Großer war – obwohl Pfaff laut Grabi das ein oder andere Mal über Herberger geschimpft hatte. Nicht zuletzt deshalb, weil Alfred Pfaff – hochgelobter Techniker - es unter Herberger nur auf insgesamt sieben Länderspiele mit zwei Treffern gebracht hatte. Wie sagte Herberger über Pfaff? Wenn du den Pfaff aufgestellt hast, kannst du in der Nacht zuvor nicht schlafen. Pfaff antwortete Eija, wenn er des so gesacht hat.

Grabi selbst war zur damaligen Zeit zum einen zu Hause ohne Fernseher und zum anderen Anhänger des 1.FC Kaiserslautern, die zur damaligen Zeit alles beherrschenden Mannschaft in Deutschland. Fritz und Ottmar Walter oder Horst Eckel spielten bei den Roten Teufeln – und so war Fritz Walter das Vorbild des jungen Jürgen Grabowskis.

Wir sahen dann einen Film von Wolfgang Avenarius über die Spielmacher der Frankfurter Eintracht, Pfaff, Grabi, Holz, oder Uwe Bein sausten über den Platz oder lupften die Kugel ins Netz, während Sztani, mit dem Ball zwischen den Beinen durch den gegnerischen Strafraum hüpfte. Möller, Detari, Okochas Zaubertor, Gaudino – sie alle zauberten für die Eintracht und manch einer hätte mit einem eleganterem Abgang an die Tür von Pfaff und Grabowski klopfen können.

Pfaff hingegen hatte schon früh ein Angebot von Atletico Madrid, was dieser aus Heimatverbundenheit ablehnte. Auf meinen Einwand hin, dass dies seine Gattin sicherlich gefreut hatte, antwortete Don Alfredo unter dem Gelächter des Publikums: Finanziell nicht!. In der Tat, es muss ein gutes Angebot gewesen sein.

Natürlich war der Titelgewinn 1959 mit der Eintracht für Pfaff ein Riesen-Erlebnis, seine Frau erzählte, dass sie die Nacht durchgefeiert hatten, um morgens um sechs auf dem Trottoir zu sitzen und Zeitung zu lesen. Don Alfredo pflegte ein gutes Verhältnis zu den Spielern der Offenbacher Kickers – zumindest solange, sie nicht im Spiel aufeinander trafen.

Legendär wurden dann die Halbfinal-Spiele der Eintracht gegen die Glasgow Rangers im Europapokal der Landesmeister. Mit 6:1 und 6:3 behielt die Eintracht sensationell die Oberhand – und die Schotten applaudierten den Eintracht-Spieler Spalier stehend nach Spielende, für Pfaff ein ganz besonderes Ereignis. Im folgenden Endspiel, ebenfalls in Glasgow, unterlag die Eintracht dann dem Seriensieger Real Madrid trotz 1:0 Führung durch Kreß mit 3:7. Laut Pfaff hatte die Eintracht gegen die damals bester Mannschaft der Welt keine Chance – und doch mehrte diese Partie den Ruhm von Eintracht Frankfurt, von dem später auch Jürgen Grabowski zehren konnte.

Für Grabi war dieses Spiel damals natürlich ein Thema. Grabowski, der als Siebzehnjähriger bei seinem ersten Einsatz in der ersten Mannschaft des FV Biebrich mit seinem ersten Schuss gleich ein Tor erzielte. Ich habe den Ball nicht aus einem Meter hinein geschoben, sondern aus 16m ins Tor gehämmert stellte er klar.

Pfaff, der seit 1951 eine Gastwirtschaft betrieb, zunächst in der Weberstraße, dann an der Hauptwache, kaufte im Jahr 1960 einen Landgasthof im Odenwald, genauer in Zittenfelden – und steht diesem bis heute vor. Ob er sich denn über Besuch von Eintrachtlern freue gefragt, antwortete er schelmisch: Isch freu misch über jeden, der vorbei kommt, egal ob Eintrachtler oder nicht.

1961 beendete er seine Karriere bei der Eintracht und siedelte 1971 mit Familie gänzlich in den Odenwald, wo er heute noch lebt. Wenn ihr den Gasthof Morretal findet, so stattet ihm einen Besuch ab – die Pfaffs freut’s.




Im Jahr 1965 wechselte dann Jürgen Grabowski aus Biebrich zur Eintracht. Er hatte zuvor Angebote von Opel Rüsselsheim und SV Alzenborn abgelehnt, beide waren zur damaligen Zeit höherklassige Vereine. Der damalige Eintracht-Präsident Rudi Gramlich, eine formidable Respektsperson, verpflichtete Grabi mit den Worten: Kommen sie zur Eintracht, wir machen einen guten Fußballer aus ihnen. Er sollte mehr als Recht behalten.

Jürgen Grabowski gab sich sehr aufgeschlossen und auskunftsfreudig – und machte es mir unglaublich leicht. Da saß einer der weltbesten Fußballer, Idol einer ganzen Generation von Eintracht-Fans, zweifacher DFB-Pokal-, Uefa-Cup-Sieger und Weltmeister von 1974 neben mir – und zeigte keinerlei Berührungsängste oder herablassende Gesten – im Gegenteil – er zog durch seine offene und ehrliche Art sämtliche Besucher des Museums in seinen Bann.

Gleich in seiner ersten Saison avancierte Grabi zum Stammspieler und traf zehn mal für die Eintracht. Insgesamt sollten es bis 1980 441 Spiele und 109 Tore werden – eine beeindruckende Bilanz. Und dies, obwohl Grabi bis 1974 auf der eher ungeliebten Rechtsaußen-Position zum Einsatz kam – und nicht als Spielmacher – obgleich schon der Knabe Grabowski von der „10“ geträumt hatte.

Mit Grabi kam im Jahr 1965 Trainer Elek Schwartz zur Eintracht, der große Stücke auf den Bub aus Biebrich hielt und ihm das Vertrauen schenkte – im Spiel des Elek Schwartz hatte Grabi seinen Posten auf der rechten Außenbahn und er spielte derart überzeugend, dass Nationaltrainer Helmut Schön ihm im Mai 1966 zum ersten von 44 Länderspielen verhalf – und Grabi mit zur WM nach England nahm. Dort absolvierte Grabi zwar kein Spiel, doch war es für ihn großartig, mit Spielern wie Schnellinger, Seeler, Haller oder Tilkowski im Kader zu stehen, zumal es damals noch keine Ein- bzw Auswechslungen gegeben hatte. Friedel Lutz, Mitglied der Meistermannschaft von 1959, der als weiterer Frankfurter in England dabei war, durfte immerhin einmal ran. Insgesamt kamen wohl bei der WM in England nur 13 Spieler zum Einsatz – die Rotation war noch nicht erfunden.

Grabi erkannte bei der Eintracht schon früh die Hackordnung. Immerhin spielten zu seiner ersten Saison noch die Meister Lindner, Lotz, Loy, Höfer, Eigenbrot, Weilbächer und auch Sztani kehrte zur Eintracht zurück. Ein Lob aus deren Munde galt etwas – und Jürgen Grabowski wusste sich spielerisch durchzusetzen. Grabi, ein Freund flotter Autos, fuhr mit seinem roten Triumph Spitfire gerne offen und holte sich dadurch manch Angina, die ihn dann für eine halbes Jahr außer Gefecht setzte; er kam dadurch in der Saison 67/68 nur zu 17 Einsätzen – und musste knapp vier Jahre auf seinen nächsten Länderspieleinsatz warten.

Pünktlich zur WM in Mexiko besann sich Helmut Schön und griff auf Grabi zurück, dessen ärgster Konkurrent Stan Libuda mit ihm vom Nationaltrainer während der WM auf ein Zimmer gelegt wurde. Grabi und Libuda, begnadete Rechtsaußen, neideten sich nicht die Einsätze und Grabi sprach mit Hochachtung von seinem mittlerweile verstorbenen Kontrahenten.

Libuda spielte von Beginn an – und Grabi erarbeitete sich den für ihn zweifelhaften Titel „Bester Auswechselspieler der Welt.“ Natürlich fuchste es Grabi, nicht zur Nationalhymne auf dem Platz zu stehen – aber die Mannschaft profitierte von seinen Einwechslungen; unter anderem drehten sie im Viertelfinale ein 0:2 gegen England in einen 3:2 Sieg, nachdem der Frankfurter Jürgen Grabowski dabei war.




Als einer der WM-Helden kehrte Grabi aus Mexiko nach Frankfurt zurück und fand sich mit seiner Eintracht in der Saison 70/71 nach siebzehn Spielen und neun geschossenen Toren auf dem letzten Tabellenplatz wieder. Und dies mit seinen kongenialen Mitspielern Bernd Hölzenbein und Bernd Nickel. Damit konfrontiert antwortete Grabi grinsend: Das kann ich mir gar nicht vorstellen.

Nicht zuletzt durch die Reaktivierung Dieter Lindners, gelang es der Eintracht – entscheidend durch ein 2:0 in Offenbach – die Klasse zu halten. Im Sommer flog dann auf, dass etliche Spiele verschoben wurden – der Liga hatten ihren ersten Bundesligaskandal. Dies berührte jedoch nicht die Eintracht, deren Fußballer unter Trainer Erich Ribbeck ordentlich Steigerungsläufe absolvierten. Ribbeck stand bei Auswärtsspielen und Reisen des Öfteren auf der Schwelle und achtete darauf, dass seine Schäfchen nichts anstellten. Auf die Frage Was sie denn hätten anstellen können antwortete Grabi verschmitzt: Das kulturelle Angebot nutzen.

Das Jahr 1974 hielt für Grabi gleich etliche Highlights parat. Da war zunächst die WM im eigenen Land – und gleich zwei Frankfurter waren nominiert. Zum einen natürlich Jürgen Grabowski und zum anderen der treffsichere Stürmer Bernd Hölzenbein. Als die dritte Partie gegen die DDR mit 0:1 in die Adidas-Hose ging, wurde Grabi von Helmut Schön zum Sündenbock erklärt.

Grabi dazu: „Natürlich haben wir schlecht gespielt und ich habe eine Torchance vergeben, dass ich mir das heute gar nicht angucken mag. Aber man hätte die ganze Mannschaft auswechseln können.“

Grabowski wurde gegen Jugoslawien auf die Tribüne verbannt, eine harte Bestrafung für den sensiblen und anständigen, zuweilen von Zweifeln geplagten Frankfurter, der darüber sehr enttäuscht war

Aber es gibt einen Fußballgott – und so wurde Jürgen Grabowski im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden für Dieter Herzog eingewechselt – und erzielte prompt das 3:2, das wichtigste Tor meiner Karriere fügte er hinzu.

Der Lohn waren zwei weitere Spiele, das 1:0 gegen die Polen in der Wasserschlacht von Frankfurt und dann natürlich an seinem 30. Geburtstag am 07.07.1974 in München das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft. Das Ergebnis ist bekannt, Deutschland bezwingt die Niederlande mit 2:1, Holz erarbeitete sich einen Elfmeter – und Deutschland hatte nach Alfred Paff zwei weitere Weltmeister. Der Grabi und der Holz.

Alfred Pfaff hatte bis dato still zugehört – und doch merkte man, dass es für den zweiundachtzigjährigen Don Alfredo mittlerweile anstrengend war, doch er zeigte tadellose Haltung – und dies, obgleich Matze der Familie Pfaff erzählt hatte, dass nach einer Stunde Feierabend sei. Und wir waren weit drüber – und hatten noch ein paar Jährchen mit Grabi zu schildern.

Ein Blick in die Runde zeigte mir, dass ich es wenigstens noch ein paar Minuten versuchen sollte, während Matze mir verzweifelt „Time-Out“ signalisierte.

Grabi hat nach längerer Überlegung dann nach der WM seine Karriere im Nationalteam beendet. Keinerlei Einfluss auf die Entscheidung, hatte die Tatsache, dass am WM-abendlichen Bankett keine Frauen zugelassen waren. Dieser Entschluss sei schon länger bekannt gewesen, die Aufregung darüber künstlich – und er denke auch nicht, dass beispielsweise ein Wolfgang Overath deswegen zurückgetreten sei.

Wenige Wochen nach der WM wurde Grabowski mit der Eintracht Pokalsieger durch ein 3:1 gegen den HSV. Der Kapitän der Eintracht (seit 1969) tauschte nach dem Spiel mit seinem Gegenspieler das Trikot und nahm den Pokal in Empfang. Niemand hatte inmitten all der Freude daran gedacht, dass Grabi durch den Trikottausch bei der Pokalübergabe vor laufender Kamera unfreiwillig Reklame für die Firma Campari machte, dem Sponsor der Hamburger – und eben nicht für den Frankfurter Sponsor Remington. Campari schickte Grabi als Dankeschön anschließend sechs Flaschen Campari – und Grabi ärgerte sich, dass er sie angenommen hatte.

Es war die Zeit, in der Jürgen Grabowski von der eher ungeliebten Rechtsaußenposition ins zentrale Mittelfeld rückte – an die Position, wo er eigentlich immer hatte spielen wollen: Aber ich habe dort gespielt, wo der Trainer mich hingestellt hat, ein Spieler kann sich nicht aussuchen, wo er spielen will antwortete er auf die Frage, ob er vielleicht auch bei der Eintracht auf Außen gespielt hat, um damals seinen Platz im Nationalteam nicht zu gefährden.
Grabi erläuterte, dass der Rechtsaußen in der Nationalmannschaft eine völlig andere Bedeutung hatte, als bei der Eintracht. Konnte Grabi mit dem Ball am Fuß in Frankfurt in die Räume gehen und spielgestaltend wirken, so hieß es bei Helmut Schön: Außen bleiben und bloß nicht in die Mitte gehen, um die Räume für die Mittelfeldheroen nicht zu eng zu machen. Das hieß für die Außenstürmer, dass sie aus dem Spiel waren, sobald sie keine Bälle bekamen. Unbefriedigend für einen Virtuosen wie Jürgen Grabowski.

Nur ein Jahr nach dem Pokalsieg 74 hielt Grabi den Pokal erneut in den Händen, die Eintracht wurde erneut Pokalsieger. Und Grabi wurde der beste Mittelfeldstratege der Liga, brillierte durch Technik und Torgefahr und blieb später unter Trainer Lorant in zweiundzwanzig Bundesliga-Spielen ungeschlagen.

Eher hart verliefen für den Spielmacher der Eintracht die letzten beiden Jahre seiner grandiosen Karriere. Kämpfte er sich nach langwieriger Verletzung wieder ins Team, so schien Trainer Rausch darüber nicht sehr erfreut zu sein, er wollte nicht auf Grabi bauen, kam aber ob dessen gezeigter Leistungen nicht drum herum, bis am 15. März 1980 ein völlig unnötiger Tritt des jungen Ehrgeizling Lothar Matthäus während des Bundesligaspiels gegen Mönchengladbach die Karriere des Jürgen Grabowski beendete. Noch kämpfte Grabi um seine Spielfähigkeit, doch alle Physiotherapie sollte nichts nutzen. Die beiden Endspiele im Uefa-Cup, ebenfalls gegen Gladbach mussten ohne den verletzten Spielführer statt finden. Die Eintracht holte den Cup durch den Treffer des unvergessenen Fred Schaub. Holz bekam als stellvertretenden Kapitän den Pokal in die Hände gedrückt und übergab ihn dem nahestehenden Jürgen Grabowski, während 60.000 Zuschauer im Waldstadion dessen Namen skandierten. Für Grabi bewegend und schmerzhaft zugleich, wie gerne wäre er dabei gewesen. Trauer und Freude verschmolzen zu einem Moment erhabener Traurigkeit.

Auf das neuliche Nachtreten von Matthäus, der ernsthaft behauptet hatte, dass Grabi zum einen gar nicht getroffen wurde und zum anderen eine gute Versicherung abgeschlossen hätte, reagierte dieser, wie nur ein ganz Großer reagieren kann. Er stellte direkt klar, dass er die Versicherung über seine Verletzung nicht informiert hatte, da sein Vertrag in zwei Monaten ohnehin ausgelaufen wäre – und er sich albern dabei vorgekommen wäre, einen auf „Sportinvalide“ zu machen.

Jürgen Grabowski im Museum: Matthäus sportliche Fähigkeiten sind unbestritten, nicht umsonst hat er über hundert Länderspiele. Seine Defizite liegen eher in anderen Bereichen. Der Beifall der Eintrachtler war ihm sicher.

Jürgen Grabowski hatte sich während seiner ganzen Karriere anständig verhalten – und musste dabei manch Tiefschlag einstecken. Auch heute, nach all den Jahren gab sich Grabi, wie wir ihn schätzen gelernt hatten.

Er bedankte sich bei allen Anwesenden für die ihm dargebotene Anerkennung und so ging unter stehenden Ovationen eine Veranstaltung zu Ende, deren Hauptdarsteller Don Alfredo und Jürgen Grabowski großartig gezeigt hatten, weshalb sie wurden, was sie sind. Die wohl größten Fußballer, die die Eintracht jemals hervor gebracht hat.

Matze verteilte noch ein paar Präsente, unter anderem ein Eilpäckchen von Henni Nachtsheim, (der auf Grund eines Auftrittes leider nicht selbst dabei sein konnte) an Grabi und Don Alfredo und verabschiedete sich dann von unseren Gästen. Ein paar offizielle Fotos wurden geschossen und sogleich schnappte sich Frau Pfaff ihren Alfred, während Jürgen Grabowski noch Hunderte von Autogrammen schrieb, geduldig und unprätentiös jede Frage beantwortete und dabei immer wieder freundlich in eine Kameras lächelte. Trikots wurden zum unterschreiben vorgelegt, Bücher, Photos und jeder freute sich, ein Wort oder ein Foto zu erhaschen. Sogar Roland, der es leider nicht zur eigentlichen Veranstaltung geschafft hatte, wartete nun in einer Schlange für eine Unterschrift – und saß auf glühenden Kohlen, weil die Arbeit wartete. Ich schob ihn ein wenig nach vorne und nur wenig später musste ich einen Mann fast zwingen, nach vorne zu Grabi zu kommen. Jemand, der den allergrößten Respekt vor Grabi zeigte, dem der bloße Anblick Gänsehaut verschaffte – und der sich partout nicht bewegen lassen wollte, näher an sein Idol heranzutreten. Doch es gelang mir, Kid Klappergass zu Grabi zu lotsen – und als dieser erfuhr, dass es Kid gewesen war, der die von Stefan zitierten Worte verfasst hatte, bat er Rüdiger um eine Kopie des Textes, ein Autogramm gab es dazu – und ich denke, unseren Kid hat’s gefreut. Er hatte zumindest feuchte Augen in diesem Moment – und ich denke, nicht nur in diesem. Auch wenn er die Lobhudelei gar nicht gerne liest - da muss er jetzt durch.

So langsam begriff ich, was da an diesem Abend vonstatten gegangen war, begrüßte Öri hinter dem Tresen, orderte ein Bier – und war einfach nur glücklich.

Wahnsinn, Jürgen Grabowski und Alfred Pfaff.




Ja, so war’s – damals, als der gepflegte Ball im Museum zu Gast war. Damals, am 18 September 2008. Und wir waren dabei. Vielen Dank.





Die Karikaturen von Grabi und Holz sind dem Archiv von Frank Gotta entnommen, die Fotos von Stefan Krieger vom Blog-G.

Danke dafür.

Sonntag, 21. September 2008

Heimspiel auf Schalke - September 2008

Grau der Morgen, früh die Zeit. Kurzfristig hatten wir uns überlegt, auch ohne Tickets dann doch nach Gelsenkirchen zu fahren, allein beim Aufwachen kränkelte Pia – doch sie war tapfer und kam mit.

Gegen halb elf tuckerten wir auf die Autobahn, The Gaslight Anthem und die Foo Fighters begleiteten uns durch den anbrechenden Herbst, im Beutel eine Thermoskanne mit Tee und die leise Hoffnung auf den ersten Dreier in dieser Saison – immerhin stand das dritte Auswärtsspiel hintereinander auf dem Programm.

Die Autobahn war noch relativ leer, ab und zu sauste ein PKW mit Eintracht-Anhängern an uns vorbei, die Busse sind wohl alle später gestartet, wir sahen keinen einzigen. Bäume und Wälder zogen vorüber und einmal sah eine durch Sturm geschlagene Schneise so aus, als hätte der liebe Gott einen überdimensionalen Fußabdruck im Wald hinterlassen.

Wir fuhren am Motto des heutigen Tags vorbei (Siegen) und bei Olpe überholte uns die Sonne, und beschien den fortan Tag freundlich und mild.

Lüdenscheid, Herne, Wanne, Eickel, Gelsenkirchen.

Wir parkten unser Auto wie beim letzten Mal in Gelsenkirchen-Erle, holten uns am Büdchen ein letztes-Mal-Gedächtnis-Radler und marschierten an einem Laden vorbei, der Basecaps mit dem Aufdruck „Rassekaninchenzuchtverein“ anbot. Es lag eine unaufgeregte Stille über der Stadt, viele Läden hatten geschlossen und peu a peu trudelten die ersten Schalker ein, wie gehabt: gerne im blauen Trikot.

Wir marschierten durch einen Park, trafen auf knutschende Bären - und über Parkplatz und Schulhof ging’s in Richtung Turnhalle.




Am Eingang für Gäste mit Sitzplatz trafen wir auf Gerold, ein großer Eintrachtfans der auf seine Käthe wartete, die wir prompt am Bernie-Klodt-Weg trafen. Dort, wo der Hermann Eppenhof Weg abgeht. Nachdem uns zuvor schon Sitzplatzkarten angeboten wurden - die wir jedoch ablehnten - hielt uns bald ein erster Frankfurter einen Packen Stehplatzkarten entgegen. Wir erstanden zwei Tickets (es hätten noch zig weitere sein können, wenn es hier etwas gab, dann Stehplatzkarten) und hockten uns chillig auf den grünen Hügel vor dem Gästeeingang und betrachteten den Einzug der Eintracht-Fans. Direkt hinter uns war wohl der Vip-Eingang, Großlimousine nach Großlimousine rollte an, Freunde von Kevin und Jermaine mit spitzen Bärtchen und wummernden Boxen passierten den Einlass, während Sonderbusse aus Gelsenkirchen anrollten und die Eintracht-Fans vom Bahnhof ausspuckten. Mit den Bussen kam es zu einer Rangelei mit der schwergepanzerten Polizei, Eintracht-Fans beschwerten sich und die Ordnungsmacht formierte sich, bildete Ketten und vertrieb uns provokant von unserem Hügelchen. Ohne Sinn, ohne Grund – einzig ein Dokument der Stärke der Staatsknechte. Da liegst du friedlich in der Sonne, babbelst mit bekannten Gesichtern – und wirst einfach fortgeschickt. Die Cops bewachten nun den Hügel und blieben einen Schritt hinter den Eintracht-Fans stehen, die sich nicht verjagen lassen wollten, meine Laune war für’s erste im Keller und Pia zog mich sanft von der Polizeikette, denn ich hatte mittlerweile begonnen, meine grünen Freunde ... – ach lassen wir das, es führt zu nichts.

Rudi und Marc liefen ein, später Matze, Hilde sowie Tristan - und Tube machte uns darauf aufmerksam, dass am gesamten Stadion zwar jede Menge Reklame angepappt war – aber eigentlich kein Hinweis auf Schalke 04 direkt am Gebäude zu finden war.

An der Kasse wollte niemand unsere Karte sehen, niemand checkte die Taschen und so marschierten wir durch den Tunnel zu den Stehplätzen. Pünktlich zum Anpfiff blickten wir aufs Grün – neidisch, denn der Rasen war im Gegensatz zum heimischen Madonna-FSV-Stadion ein solcher.

Die Eintracht trat mit Viererkette und Doppelsechs an, Libero verkümmerte im Sturm, der von Fenin, Toski und Meier gefüttert werden sollte. Was Toski auf Außen macht, wird des Trainers Geheimnis bleiben – und prompt rollte Angriff auf Angriff auf das von Nikolov mal wieder hervorragend gehütete Tor. Galindo und Ochs kassierten bald gelb vom Konzertpianisten Fandel, der nur wenig später unsere Nummer 29, Chris, nach einem Rempler am theatralisch fallenden Westermann vom Platz stellte. Unser Trainer reagierte, brachte Bellaid für Toski und mit einer gefühlten Sechserkette ging's weiter. Ochs grätschte den Ball ins eigene Netz, die Eintracht versuchte, das 0:1 über die Zeit zu retten, was auch gelang. Immerhin hätte es in den letzten paar Minuten beinahe einen Schuss aufs Schalker Tor gegeben. Nach 85.Minuten lautete das Eckenverhältnis 0:10 aus Frankfurter Sicht – und hätte Libero nicht aus 40 Metern beinahe einen Treffer erzielt, hätte der Schalker Torhüter keinen Ball halten müssen. Bei der Eintracht mag vielleicht taktisch vieles gestimmt haben – aber es gab keine Bewegung, so Oka einen Abschlag machte, es war kein Feuer auf dem Platz zu sehen, keine Attacken und kein Pressing. Nie war es einfacher, mit zehn Mann Schalke unter Druck zu setzen – allein, es passierte viel zu wenig. Die Schalker Fans wiederum pfiffen ihr Team trotz Führung und Tabellenführung aus, und außer ein paar Jungs, die hinter deren Torhüter ein bisschen sangen und hopsten, war die Stimmung gleich Null, was wir mit einem und das soll euer Mythos sein trefflich besangen.

Am Ende verlor die Eintracht mit 0:1. Das muss kein Beinbruch sein – aber die Bilanz seit dem Leverkusenspiel lautet nach gespielten 12 Partien: 1 Sieg, 3 Unentschieden und 8 Niederlagen. 14-25 Tore und sechs Pünktchen. Und wir sahen einen Fußball, der mit Rasse und Klasse und Spielintelligenz und Leidenschaft irgendwie so gar nichts mehr zu tun hat.

Wir beeilten uns, die Turnhalle zu verlassen und marschierten in Richtung des alten Parkstadions. Von weitem konnte man schon zwei Flutlichtmasten erkennen – und nach einigen Irrwegen standen wir vor der Schüssel, die knapp 30 Jahre die Heimat der Schalker war. Es war eine einzige Baustelle, die Kurven abgerissen oder bewachsen, die Haupttribüne abgerissen, einzig die Bänke der Gegengrade standen noch, Autos parkten auf der Laufbahn direkt am Rasen, der gleichfalls um Längen besser war, als das Geläuf im heimischen Tempel. Victoria und Gazprom-Reklame-Banden waren das Neueste in diesem verfallenden Hort der Geschichte. Und die beiden Fluchtlichtmasten waren auch die einzigen, die übrig geblieben waren.
Ich rief meinen Schalker Kumpel Thomas an, der schon seit Jahren in Berlin sitzt, um ihm diese traurige Mitteilung zu machen - aber er wusste schon Bescheid.




Auf dem Rückweg gab es ein Herbsteis zu fünfzig Cent die Kugel, erneut knutschende Bären und bald darauf rollte ein silberner Golf durch die Nacht.

Irgendwann in Hessen schalteten wir das Radio an, ein neuer Sender fiel uns auf, Radio Bob. Über den Äther tönte Black Sabbath` Paranoid, Don Henleys Boys of Summer oder Foreigners Juke Box Hero, Pop-Rock Hits der Sieziger bis heute und ich meinte zu Pia: Pass auf, gleich kommt bestimmt Love is a battlefield von Pat Benatar. Kaum hatte ich’s gesagt tönte aus den Lautsprechern: Love is a battlefield. Hätte ich mal besser Lotto gespielt.

Gegen halb zehn waren wir wieder zu Hause, die Bayern hatte gegen Bremen im Schlauchboot mit 2:5 verloren und das ZDF begann seinen Bericht Schalke – Frankfurt mit einem unsäglichem Beitrag über Frankfurter Fans, die wie immer schön asozial seien. Bloß Bilder zu den Behauptungen blieben uns die Mainzer schuldig – aber es passte zu diesem Tag, der wohl einer der letzten Sonnentage in diesem Jahr war. Der Herbst kommt. Ganz sicher.





Mittwoch, 10. September 2008

Rock'n'Roll

this one's for you.

motörhead - runaround man

Montag, 8. September 2008

Schöngeist. Kennedy. Terracotta.

Langsam dreht sich ein Sommer in den Herbst; ein Sommer, der viele heiße Tage mit sich brachte und eben so viele Themen. War eben nicht noch eine Europameisterschaft? Eine Olympiade?

Jetzt im Wald ist’s ruhig. Ein Eichhörnchen saust durchs Unterholz und versteckt sich hinter einer Eiche, als aus dem Nichts ein Flugzeug übers Grün donnert und die Stille durchbricht; ab und an ein Spaziergänger, Jogger, Radler. Plötzlich jagen zwei Damhirsche aus dem Dickicht, bemerken uns und biegen unverrichteter Dinge wieder ins Grün. Weiter vorne verharrt ein Reh schweigend auf dem Waldweg und tappst in den Wald zurück.

Am Vierwaldstädter See mehren sich die Ausflügler, umrunden den Weiher und rasten an der Oberschweinstiege, wo vermutlich die Wagen parken. Der Weg führt weiter, über die Waldstraßenbahngleise zwischen Frankfurt und Neu Isenburg kurz auf die Isenburger Schneise und hinter der Brücke in den Wald Richtung Waldparkplatz, wo an Spieltagen Hunderte von Autos parken und Tausende Eintrachtler auf dem Weg ins Stadion sind. Heute ist’s leise, niemand parkt hier und wir überqueren eine der drei Brücken, die über die Ausfallstraße in Richtung Stadion führen.

Im Stadion selbst ist großer Verkehr, die Aufbauarbeiten für das anstehende Madonna-Konzert sind in vollem Gange, die Eingangstore werden bewacht wie die Amerikanische Botschaft, Security patroulliert entlang der Wege, Absperrbänder vor dem Museum zeigen dir den rechten Weg und ich fühle mich fremd im eigenen Stadion – ein Zustand, der sich immer häufiger breit macht.

Die ersten Besucher sind schon da, Billy kassiert den Eintritt – lumpige fünf Euro kostet es, den Geschichten des ehemaligen Frankfurter und Karlsruher Stürmers Edgar Schmitt zuzuhören, eben jener Edgar Schmitt, der am 16.05.1992 nur den Pfosten traf und nach seinem Wechsel zum KSC zum Euro-Eddy avancierte. Alsbald kommt er auch, Frau, Kind und Hund im Anhang und wir stellen fest, dass Edgar Schmitt auch heute noch eine sympathische und zurückhaltende Art an den Tag legt. Währenddessen hatte es Wolfgang Avenarius tatsächlich geschafft, mit seinem knallroten Ferrari direkt vor’s Museum zu fahren, Madonna hin, Security her.

Zur Einstimmung hören wir den legendären Zusammenschnitt aus den Radio-Reportagen Joachim Böttchers anlässlich einer Auswechslung Schmitts, die Böttcher fast in die Psychatrie bringt. ... also, das kann nicht wahr sein, das gibt's doch nicht(e), das ... das verschlägt einem ja die Sprache, ja das ist doch der gefährlichste Stürmer, der Edgar Schmitt, is doch gar keene Frage, ich kann doch nicht meinen gefährlichsten Mann rausnehmen, das kann nicht wahr sein, also wer Edgar Schmitt aus dem Spiel nimmt, hat keine Ahnung von Fußball, oder ich hab keine, das kann auch sein... ist nur ein Auszug davon. Pia hatte sich vor Jahren mal die Mühe gemacht, und den Text niedergeschrieben, mit allen Sprechpausen und Details.

Matze führte uns anschließend durch die Geschichte der Eintracht, erinnerte an das verlorene Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1932 und an ein denkwürdiges Spiel in der Endrunde 1953, als die Eintracht im überfüllten Waldstadion den 1.FC Kaiserslautern an die Wand spielte – und durch ein unglückliches Tor mit 0:1 verlor – und damit die Endrunde in den Sand gesetzt hatte.

Sicherlich durfte auch das Endspiel 1959 nicht fehlen, die Erinnerung an die Begeisterung dann im Europapokal und so landeten wir beim vergeigten „Endspiel“ 1992. Edgar erinnerte daran, dass der etatmäßige Stürmer Jörn Andersen für alle überraschend kurz vor dem Spiel von Trainer Stepanovic auf die Tribüne geschickt wurde – für ihn rückte Kruse in die Anfangsformation und Schmitt in seinem ersten Eintrachtjahr in den Kader. Die Eintracht, die es in den Tagen zuvor versäumt hatte, gegen Europapokaltrunkene Bremer zu gewinnen, spielte um ihre letzte Chance, den Titel an den Main zu holen, und wir alle wissen, wie es ausging. Schon vor der Partie kamen Zweifel auf, Yeboah tigerte nachts um drei noch durchs Zimmer, Stein und Möller hatten sich nichts mehr zu sagen und zu aller Überraschung lief am Spieltag ein Spieler mit dem Namen Frank Möller auf, der den meisten heute gar nichts mehr sagt.

Die Rostocker Führung, Kruses Ausgleich, der nichtgegebene Elfmeter, Schmitts Pfostenschuss, das letzte Rostocker Tor. Tränen, Trauer, Trauma.

Edgar stellte noch einmal klar, dass die Eintracht zu jener Zeit einen Schöngeist im Spiel zeigte, der für diese Saison einmalig war und er erklärte, dass man schon kicken hat können müssen, um in dieser Mannschaft mitspielen zu dürfen – auch ein Uwe Bindewald konnte Fußball spielen bestätigte Schmitt. Von Matze auf eventuelle Verschwörungstheorien angesprochen (Immerhin war die Original-Schale am letzten Spieltag in Leverkusen, wo MVs VfB Stuttgart als klarer Außenseiter ins Titelrennen ging, während beim Spiel des Titelanwärters Nr 1 in Rostock nur eine Kopie vorhanden war) konnte Schmitt nicht umhin, einen Vergleich mit der Ermordung Kennedys zu ziehen, auch dort seien Verschwörungstheorien zur Legende geworden – und ich füge hinzu, dass der Tag in Dallas für viele Amerikaner their own private Rostock ist. Die Welt ist voll von traurigen Tagen.

Der damalige Schiedsrichter Alfons Berg aus Konz ist ein guter Freund von Edgar Schmitt und hat bis heute unter seinem fatalen Nichtpfiff zu leiden, der ihn seine internationale Karriere kostete. Schmitt beteuerte noch einmal, wie leid es Alfons Berg noch heute tut, nicht gepfiffen zu haben – aber er habe das Foul von Böger an Ralf Weber einfach nicht gesehen. Auch hätten damals die Linienrichter noch nicht so in das Spiel eingegriffen, wie heutzutage – obwohl sich Schmitt gewünscht hätte, er hätte dies zur Not mit einem Purzelbaum ins Spielfeld getan.

Als die Eintrachtler vor einigen Jahren Geld sammelten, um eine Kopie der Meisterschale nach Frankfurt zu holen, kam es zu einer netten Anekdote, die in Matze und Öris Buch „Das Rostock-Trauma“ nachzulesen ist. Einige Fans haben sich nämlich vor Jahren aufgemacht, um Alfons Berg zu besuchen. Da sie ihn nicht antrafen, entführten sie kurzerhand einen Terracotta-Spatz aus dessen Vorgarten und boten die Rückgabe gegen eine Spende von fünfzig Mark zugunsten der Schale an. Leider hat Alfons Berg weder auf dieses Angebot, noch auf weitere Anfragen reagiert.

Schmitt spielte noch ein weiteres Jahr für die Eintracht und wurde dann im Grunde gegen seinen Willen nach Karlsruhe transferiert – ein Bierdeckelvertrag sollte dabei eine größere Rolle spielen. Tja, und so wurde aus dem Mann, der erst mit 28 Jahren den Sprung in die Bundesliga schaffte noch der Euro-Eddy, der in einem einzigen Spiel im Uefa-Cup gegen Valencia beim 7:0 Sieg der Karlsruher sage und schreibe vier Tore erzielte.

Wer weiß, was geschehen wäre, wäre der Ball damals nicht an den Pfosten geklatscht, sondern ins Tor gesaust. Hätten wir dann den Meister Eddy?

Schmitt jedenfalls, der die Bilder von jenem Spiel zum allerersten Mal nach 1992 sah, hat die Niederlage überwunden, und er führte neben der Unfähigkeit der Mannschaft, die selbst am vergeigten Titel die Schuld trug auch das Schicksal an, welches ihm zwar den Titel verwehrte, doch andere, grandiose Siege gönnte. Und sein Auftreten im Museum war aller Ehren wert, kompetent, sprachgewandt und freundlich kam und ging er – und seine Tochter trug zum Abschied stolz einen Eintracht-Schal um den Hals.

Wir plauderten und kickerten noch ein wenig und schwangen uns bald auf die Räder Richtung Stadtwald, wo am Waldparkplatz nächsten Freitag wieder Tausende Eintrachtler parken werden. Vielleicht sogar einer mehr, spielt die Eintracht doch dann gegen den KSC, die beiden großen Vereine Edgar Schmitts also gegeneinander.

Und wer weiß, vielleicht meldet sich Alfons Berg ja noch einmal. Und fragt nach seinem Vorgarten-Spatz.