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Sonntag, 30. November 2008

Heimspiel in Bremen - 29.11.2008


Bremen ist weit, da heißt es früh aufstehen, wenn du dort hin willst. Erst am Abend zuvor hatte ich mich im Bus der Geiselgangster eingecheckt, denn auf knappe 1000 km hin und zurück in Pias Golf hatte ich keine Lust, - zumal Pia selbst im Museum arbeiten musste. Da ich die ganze Woche mehr oder wenig vor mich hingekränkelt hatte, konnte ich mich dann erst spät am Abend dazu durchringen, mich doch noch im Bus anzumelden.

Da dankenswerter Weise ein Plätzlein für mich frei war, bimmelte mein Wecker um Sechse in der Früh und ich schälte mich aus den Federn, schlürfte einen Kaffee und wickelte mich in meine Klamotten. Pia packte mir ein Carepaket und alsbald dackelte ich mutterseelenalleine in den dunklen Tag zur Bahnhaltestelle. Keine zehn Minuten später kam die Tram angerasselt und holperte durch die City Richtung Bahnhof.

An der Südseite fand ich zunächst keine Geiselgangster, ein Schrecken durchzuckte mich: Die sind doch nicht etwa schon weg? Nein, waren sie nicht. Auf der gegenüberligenden Seite wartete ein unscheinbarer Bus, ganz in weiß und ein Blick hinein genügte mir: Der erste Teil meines Ausfluges hatte ein glückliches Ende gefunden, der Tag konnte beginnen.

Fußballausflüge mit einem Fanbus sind immer Wundertüten, du weißt nie genau, was drinne ist. Wenn alles schief läuft, sitzt du inmitten eines in der großen Pause neugegründeten Fanclubs, dessen Mitglieder schon nach einer halben Stunde rotzevoll durch den Bus kegeln, sinnfreie Laute von sich geben und Musikwünsche äußern, welche zwar die Stimmung in Großraumdiskotheken in beliebten Urlaubszielen rapide ansteigen lassen - dir selbst aber eine Waffe in die Hand wünschen lassen. Nicht dass dies bei den Geiselgangstern zwingend zu erwarten wäre, im Gegenteil. Aber wenn du eine Bustour planst und mal ein Großteil deiner Stammgäste nicht mitfährst, dann bist du froh, wenn der Bus voll wird, manchmal weiß man halt erst später, mit wem. Heute, ich kann's vorweg nehmen, lief alles entspannt und lässig, zumindest was die Bustour angeht.

Thor war unter anderen mit an Bord, auch Steffen, ein großer Playforyourclub-Fan und im Eintracht-Forum vielen als BlackDeath2k5 bekannt und etliche Gesichter derer, die immer mit den Geiselgangstern fahren, die Geiselgangster-Crew, ein lustiger, wilder Haufen mit Sinn für Humor.

Wir tuckerten mit dem schneeweißen Bus zunächst nach Bad Homburg, luden Getränke ein und einige verschlafene Gesichter dazu und rollten zurück auf die Autobahn, das Frankfurter Grau wandelte sich nach einigen Kilometern in eine Winterlandschaft und ich blickte an meinen Beinen hinunter: Turnschuhe, na super.

Draußen zog eben jene Winterlandschaft vorbei, drinnen verkaufte Busi Schöppchen für kleines Geld, während ich zunächst an einem warmen Tee nippte und: rauchte. Jawoll, wenn du mit den Geiselgangstern fährst, hocken nicht nur lustige Vögel in deiner Nähe, sondern du darfst auch ungeniert ein Kippchen anstecken, ohne dass dir einer dieser Gesundheitsapostel, die selbstverständlich für den Flughafenausbau sind, eine Moralpredigt hält - weil du just im Moment dessen Gesundheit irreparabel und auf ewiglich schädigst.

An der Raste Kirchheim hielten wir für eine Weile, um noch einigen Mitreisenden die Möglichkeit zu geben, erst hier zu zusteigen. Die Landschaft war ähnlich wie der Bus schneeweiß und so entsponn sich eine ausgelassene Schneeballschlacht, bis es zurück auf den Highway ging und wir Kilometer um Kilometer abspulten. Schuld daran war nur der Bossanova, so erklang es aus den Lautsprechern, ebenso wie Babicka oder T.N.T. Oi.oi.oi.

Goyschak, ebenfalls ein eifriger Playforyourclub-Zocker war nun mit Kumpel und Frau im Bus, wir schwatzten und passierten Göttingen, Steffens Heimat der uns kundig darüber aufklärte, weshalb es hier so richtig Klasse ist; immerhin studierten oder lehrten hier so Schwergewichte wie Max Planck, Otto Hahn oder Peter Kloeppel. Der hießige Fußballclub war mehrfacher Europapokalsieger und es gäbe keine Stadt, die mehr Nobelpreisträger hervor gebracht hat. Ich kniete vor Ehrfurcht nieder - und erinnerte mich tatsächlich an ein 1:3 der Eintracht. Allerdings in Gütersloh, was nun mit dem heutigen Tag überhaupt nichts zu tun hat.

Der Blick in die Rundschau verhieß nichts Gutes. Eintracht-Trainer Friedhlem Funkel gab kund, dass die Truppe relativ entspannt gen Norden führe, und keine sonderlich hohen Erwartungen habe. Klar, dass geht mir ähnlich; wir machen einen entspannten Tagesausflug, der nicht ganz billig ist, frieren uns die Füße ab, schreien uns meistens im Stadion die Lunge aus dem Hals lassen uns von Ordnern und Polizei schikanieren - und haben keine großen Erwartungen; meistens sagen wir: Och, wenn wir keine zehn Stück bekommen, sind wir ganz zufrieden. Ist ja nur ein Spiel. So ganz entspannt.

Dass uns heute noch ein ganz anderes Stück Entspannung widerfahren sollte, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht; erste Alarmglocken schrillten jedoch als durchsickerte, dass in Bremen fünf Busbesatzungen (ca 250 Leute) von der Staatsmacht festgesetzt wurden und angeblich das Spiel nicht sehen dürfen.

Nun gibt es bei solchen Meldungen immer zwei Standards. Die einen sagen: Wir haben doch gar nichts gemacht, die anderen: na, irgendwas wird schon gewesen sein, umsonst werden ja nicht 250 Leute eingebuchtet.

Beides touchiert die Wahrheit nur am Rande. Generell macht man immer irgendwas. Selbst wenn man schläft. Dann schläft man nämlich. Und generell habe ich bei all den Jahren, in denen ich Fußballspiele, sehe eines noch nicht erlebt: Dass 250 Leute dermaßen strafrechtlich relevantes verbrochen haben, was die Gewahrsamnahme von 250 Leuten rechtfertigt. Außer vielleicht bei denjenigen, die eigentlich die sind, die traditionell verhaften. Aber ich will nicht vorgreifen, schließlich wusste ich ja bislang nicht, was wirklich vorgefallen war - Gutes jedoch stand nicht bevor, soviel ließ sich ahnen.

Zügig hatten wir Deutschland durchfahren und rollten nun an Industriegebielten und Wohnhäusern vorbei in Richtung Busparkplatz, es ging auf 13:00 Uhr zu und in Bremen war es grau und schneelos, es nieselte und war gar ungemütlich. Auf dem weitflächigen Busparkplatz war seitens der Polizei ein durch ein Gitter verschlossenes Eckchen für die Gästebusse vorgesehen, wir parkten neben dem EFC Sossenheim und wollten uns in kleinen Grüppchen Richtung Stadion aufmachen, dessen Flutlichtmasten in geringer Nähe in den Himmel ragten. Allerdings konnten wir den Parkplatz nur nur durch eine schmale Öffnung verlassen, die von einigen schwer gepolsterten Schildkröten gesichert war.

Nun, um genau zu sein, durften wir den abgetrennten Bereich zunächst überhaupt nicht verlassen. Die Cops standen in Reih und Glied vor uns - und hinderten schlicht und ergreifend uns daran, ins Stadion zu gehen. Vor allem ergreifend.

Da ich die Einschränkung der Bewegungsfreiheit nur in ganz außergewöhnlichen Fällen befürworte, wollte ich mich dieser Situation gar nicht zufrieden geben und fotografierte zur Erinnerung an den Ausflug ein Trüppchen Eintrachtfans vor der grünen Wand. Prompt löste sich eines dieser grünen Männchen, marschierte schwer bewaffnet auf mich zu und forderte mich auf, das Bild zu löschen. Ja klar, und dann koch ich dir noch'n Süppchen. Ich löschte gar nichts und durfte daraufhin ganz alleine mit vor zur Polizeikette, denn das grüne Männchen hatte Gefallen an mir gefunden und wollte wissen, wo ich wohne. Ein Etwas in mir wollte ihm das Nasenbein brechen, ein anderes Etwas zückte seinen Personalausweis, dessen Daten mein neuer Freund mit zittrigen Fingern notierte. Das dauerte ein Weilchen, denn erstens tropfte dessen Nase und zweitens tat er sich schwer, die Daten zu notieren, vielleicht vollbrachte er diese Tätigkeit zum ersten Mal in seinem traurigem Leben, wer weiß das schon. Er erzählte mir, dass er genau wie ich ein Recht am eigenen Bild hätte und er mir untersagen würde, dass Bild zu veröffentlichen. Das merkte ich mir ganz genau, schließlich wirst du ja sonst in- und außerhalb des Stadions auf Schritt und Tritt gefilmt und da bin ich immer dankbar für gute Argumente, weil ich das ja auch nicht will.

Im Moment lasse ich noch rechtlich prüfen, welche Konsequenzen mir durch die Veröffentlichung eines Reisebildes im Zuge der Berichterstattung über eine Auswärtsfahrt drohen könnten, mir scheint die Vorgehensweise doch recht undemokratisch, quasi diktatorisch. Deshalb erscheint hier erst einmal ein Platzhalter. Die Bildunterschrift kann ich ja schon einmal nieder schreiben:


Hooligans - jederzeit zur sinnfreien Gewalt bereit - verbreiten Angst und Schrecken.
Links daneben: Eintrachtfans.


Nach einem Weilchen, ein weiterer Bus war inzwischen angekommen, führten uns die Schildkröten in Richtung Stadion. Also nicht wirklich. Sie liefen neben uns her und wer wollte, verdrückte sich einfach an die Seite und hatte nun freie Bewegung - inmitten Tausender von Werder Fans, die eigentlich ganz friedlich waren, genau wie wir. Absurd das ganze, wenn es nicht ein drastischer Einschnitt in die Bewegungsfreiheit mündiger Bürger wäre, die sich nichts zu Schulde haben kommen lassen, außer gemeinsam ein Fußballspiel im Stadion gucken zu wollen. Und die dabei ganz schnell und unverhofft ein mehrjähriges Verbot riskieren, Fußballspiele anzusehen. Stadionverbot.

Ich traf einen minderjährigen Eintrachtler, der der mittäglichen Massenverhaftung auf Grund seines Alters entkommen ist und er erzählte in kurzen Worten, was vorgefallen war; wie geahnt nichts dramatisches und schon gar nichts, was die Einbuchtung von 250 Menschen rechtfertigt. Sicher war nun, dass die Leute definitiv nicht ins Stadion kommen werden, darunter der Vorsänger der Kurve und auch der Leiter des Frankfurter Fanprojekts; die Stimmung sank entsprechend der Außentemepraturen - zumal ein Großteil der 250 Verhafteten üblicherweise die Grundlage für einen stimmgewaltigen Auswärtssupport bildeten.

So war schon vor dem Spiel klar: großartige Unterstützung für die Eintracht wird es nicht geben. Wie so häufig traf ich irgendwo in Deutschland auf RedZone, der heute mit den Sossenheimern unterwegs war - und der nach der letzten Partie in Bremen von einem durchgeknallten Polizeihund gebissen wurde, irgendwie kein gutes Pflaster für uns.


Positiv zu erwähnen sind sicherlich die Fischbrötchen vor dem Weserstadion und die Feststellung, dass es dann doch noch eine ganze Menge Eintrachtler ans Stadion geschafft hatten. Wir standen draußen im Regen, tranken Bier oder Glühwein und beschwatzten die Szenerie - entspannt geht anders.
Aber das war ja laut Trainer Funkel unser Team, welches heute eine gute Möglichkeit hatte, durch einen Sieg zu den schwächelnden Bremern aufzuschließen. Die Bremer, die sich unter der Woche in der Championsleague ein mühsames 2:2 beim zypriotischen Spitzenclub Anorthosis Famagusta erkämpft hatten - und sich dadurch von den ganz großen Fleischtöpfen verabschieden durften.

Nach den üblichen Kontrollen kämpfte ich mich in den Block und marschierte ganz nach oben, wo ich auf die Herren Kasteleiner und Gerlach traf und schnurstracks darüber informiert wurde, dass unsere U23 in Nürnberg bei der zweiten Mannschaft vom Club mit 2:0 führte - und später mit 2:1 gewinnen sollte, immerhin.

Rechts neben uns wurde eine Bremer Blockfahne über die Sitzplätze gezwirbelt, ich weiß jedoch nicht, genau für was sie warben, da ich das Teil nur von der Seite aus sehen konnte und wenn mich nicht alles täuschte, summte aus den Lautsprechern der Adler auf der Brust, vielleicht war es auch nur das gleiche Liedchen mit einem Bremer Text, soll ja insgesamt recht populär sein.
Bei uns im Block war naturgemäß weitgehend Stille. Bis auf Fußballfans sind keine Verbrecher sollte auch während des gesamten Spieles nicht viel mehr kommen, die Hälfte von uns saß im Bau und dem Rest war so ziemlich alles vergangen, was auch daran gelegen haben könnte, dass sich die Eintracht ganz entspannt mit 0:5 abschlachten ließ. So ohne große Erwartung. Unsere schlichen kopflos über den Platz, ein Wechsel kam für den Trainer nicht in Frage und Diego fiel dauernd hin.

Diejenigen, die sich dann das Elend auf dem Platz nicht mehr angucken - und draußen ein Bierchen trinken wollten, wurden mit Tränengas und Knüppel in den Block zurückgeprügelt, was ich drinnen nur am Rande mitbekam, da ich ganz oben stand und so gar nicht glauben konnte, was da für ein Film im Moment lief.

Die Bremer Zuschauer waren eigentlich auch recht ruhig, sieht man einmal von ein paar Fahnenschwenkern aus unserer Sicht links hinter deren Tor ab - beim Stande von 5:0 schwappte dann ein paar Mal die LaOla durchs Rund, Ausdruck norddeutscher Raserei - insgesamt fühlte sich das ganze an, wie ein 0:0 zwischen dem FSV Frankfurt gegen Ahlen vor 3.500 Zuschauern im der heimischen Arena - und nur du selbst fühlst dich wie ein drei Wochen altes Fischbrötchen in der Tiefkühltruhe. So ganz entspannt.

Der Vollständigkeit halber:

11. Minute - 1:0 Pizarro

20. Minute -
2:0 Pizarro

44. Minute - 3:0 Diego (FE)

62. Minute - 4:0 Pizarro

75. Minute - 5:0 Hunt

Nach Abpfiff war klar, dass wir so schnell nicht aus dem Stadion kommen würden, die Bremer Polizei machte keine Gefangenen (machte sie aber doch) - und wir, hooliganistische Vorhut, gewalttätige Kämpfer und Vietnam erprobte Infighter mussten mit dem 0:5 im Bauch noch eine Ewigkeit warten, bis wir das Stadion verlassen durften. Der ein oder andere fing sich noch eine von den Cops ein; ich selbst bin irgendwie durch die Maschen geschlüpft, habe inmitten von Bremern noch eine Bratwurst gekauft und gelangte völlig unbehelligt zum Bus. Andere wurden von berittener Polizei im Korridor eskortiert - und auch dort hatte sich nicht jeder der Ordnungsmacht im Griff. Ich meine, wenn wir im Stadion schon behandelt wurden wie Schwerverbrecher, wer saß denn dann während des Spieles im Knast? Frankfurter Massenmörder, 250 an der Zahl?

Ich war einer der ersten, die im Bus eintrafen, gegängelt, verfroren und mit einem ganz entspannten 0:5 im Gepäck. Nach und nach trudelten die restlichen Helden ein und nach einigem hin und her ging es am hell erleuchtetem Schild Erotik-Markt vorbei in Richtung Autobahn. Radio Bremen verkündete, dass 250 Frankfurter Hooligans vor dem Spiel festgenommen worden seien - na, sie müssen es ja wissen. Oder lag ihnen gar eine Polizeimeldung vor, die sie unüberprüft übernommen haben, so ganz objektiv und ausgewogen?

Dunkel ist's geworden und aus den Boxen wummerte ein lustiges Liedchen mit dem Titel Ich werd' mich ändern von der nicht mehr existierenden Kapelle 4Promille und so einiges mehr. Niedersachsen rauschte an uns vorbei, wir stoppten noch eins, zwei Mal an einer Raststätte und die letzten 200 km begleitete uns eine CD von den Stage Bottles, unter anderem mit einem Angelic Upstarts Cover, dem fabelhaften Solidarity.

Wir glitten durch die Nacht: Göttingen, Kassel, Bad Homburg. Dort wanderte ein Großteil aus dem Bus, der Rest tuckerte nach Frankfurt, wo ziemlich genau um 1:00 Uhr Endstation war. Wir verabschiedeten uns, ich funkte Pia an, die mich abholen wollte und Steffen fragte sich, weshalb man sich so etwas eigentlich antut. 1000 Kilometer Deutschland, Polizeiknüppel, 0:5 und um die Null Grad. Keine Ahnung, ich werde mal unseren Trainer fragen, so ganz entspannt. Bremens Einsatzleiter wird's nicht interessieren. Er scheint im Moment noch der Ansicht zu sein, alles richtig gemacht zu haben.

Pia hatte sowohl den Bericht in der Sportschau als auch den des aktuellen Sportstudios aufgenommen. Sprach die Sportschau noch von präventiven Verhaftungen, so setzte der Bericht des Mainzer Senders ZDF dem Tag noch die Krone auf, von aggressiven und gewaltbereiten Frankfurtern war dort die Rede; keine Wort von Massenverhaftungen und Schikane, kein Wort von der Beschneidung demokratischer Grundrechte und von der schikaösen Behandlung ganz normaler Bürger durch die völlig überzogene Polizeieinsätze, angeführt von einem überforderten Einsatzleiter der Bremer Polizei, Heinz-Jürgen Pusch, (vierter von oben) der sich wie folgt äußerte:

Das Fanverhalten zwischen den Frankfurter Fans und den Bremer Fans ist ein feindschaftliches Verhältnis. Es hat in den vergangenen 2 Jahren immer wieder Zwischenfälle gegeben hier in Bremen. Vor 2 Jahren sind 2 Polizeibeamte schwer verletzt worden.

Kein Wort davon, dass Bremer den Cop zusammengetreten hatten - und Frankfurter ihm damals geholfen haben; statt dessen:

Wir haben aufgrund der Parolen, die skandiert wurden, aufgrund der mitgeführten Gegenstände, aufgrund der aggressiven Grundstimmung diese Personen dann vor dem Steintor angehalten Höhe Sophienstraße und uns letztendlich entschlossen diese Personen in Gewahrsam zu nehmen, weil es für uns eindeutig war, dass dieser Personenkreis die Auseinandersetzung mit den Werder-Fan-Gruppierungen sucht.

Gut immerhin, dass sich Eintracht Boss Bruchhagen vor laufender Kamera nicht von der Hetze der Cops beeinflussen ließ und die Vorgänge erst einmal prüfen wollte. Mittlerweile gibt es eine ganze Menge Infos, Artikel und Berichte über diesen desaströsen Tag, an dem die Eintracht mit 0:5 ganz entspannt unterging und wir wieder einmal wie Schwerstkriminelle fernab demokratischer Grundregeln behandelt wurden. Der Staat und dessen Vertreter brauchen sich nicht wundern, so wir uns eines Tages wehren. Notwehren!

Noch während der 3Sat-Wiederholung des Polizeiberichtes bzw Sportstudio, wie sich das Sprachrohr deutscher Polizeigewalt nennt, bin ich eingeschlafen. So ganz präventiv und entspannt.




Angelic Upstarts - Solidarity

Freitag, 28. November 2008

Dum spiro, spero – Eine kurze Geschichte der Hoffnung


Dieser Tage erreichte mich ein Text vom Fritsch. Ihn kennt ihr durch den Blog des
Hobokollektivs, das ich neulich verlinkt hatte. Es ist ein Text, der von einem vergangenem Spiel handelt und so scheinbar gar nichts mit heute zu tun hat. Oder doch?

Lest selbst:



Es war ein klarer und schöner Maitag des Jahres 1999. Ich erinnere mich genau: Es war der 29. Mai 1999. An diesem Tag lernte ich etwas über Hoffnung, unbedingten Willen, die Diva und hundert kleine Tode, die man überlebt.

Es gibt Tage, an denen wacht man auf und weiß, es wird ein ganz besonderer Tag werden. Früh schien die Sonne und die Luft war klar und voller Frühling. Läge Berlin im Süden, würde man sagen, man kann die Berge sehen. An diesem Tag sollte der große Bruce Springsteen mit der wiedervereinigten E-Street Band in der Berliner Wuhlheide spielen. Eine Tatsache, die jeden Tag golden erscheinen läßt, zumindest meinen Tagen einen tieferen Sinn gibt. Vorher galt es das Überleben der Diva – der Eintracht aus Frankfurt, die nicht nur im Herzen Europas spielt, sondern seit den seligen Tagen eines Jay-Jay Okocha und Uwe Bein auch mein Herz eroberte und die Seele dieses Exil-Hessens mitregiert, zu sichern. Auch und gerade aus dieser Entfernung!

Um 15 Uhr waren alle Einkäufe erledigt, das Gesamtwerk des Bruce Springsteen gehört und die Spannung stieg, je näher die Radioübertragung der Bundesligakonferenz aus den Stadien dieser Republik rückte. Es war und blieb ein enge Kiste, dieser Klassenerhalt, den es am letzten Spieltag der Saison zu sichern galt. Die Tordifferenz sollte am Ende entscheiden. Diese Vorahnung ließ die Hände schon vor Anpfiff schwitzen.

Die Spannung des Körpers, die Anstrengungen der Seele waren nicht auszuhalten. Selbst der schnellste Radiokommentator hätte niemals mit der Geschwindigkeit meines Herzschlages und dem Wunsch nach aktuellen Informationen mithalten können. Im Fernsehen, verschlüsseltes Bild der Premierekonferenz ohne Dolby Surroundsound. Der Videotext mit Tabellen ständig aktualisiert und im Radio die beruhigende Meldung über das erste Tor der Eintracht. Etwas über zwanzig Minuten später folgt sogleich die Ernüchterung: Der Ausgleich. In Sekunden fiel das fragile seelische Gebilde in sich zusammen. Doch nur eine Minute später die erneute Führung. Was passiert auf den anderen Plätzen? Was machen die direkten Konkurrenten?

Hier schwindet die Erinnerung auf Grund der tiefen inneren Wechselbäder, dem nicht mehr sitzen können, dem Fingernägel kauen und der Schweißausbrüche. Immer wieder Verzweiflung und Hoffnung, Leere und Hoffnung. Zwanzig Minuten sollten es noch dauern, bis Jan-Aage Fjörtoft diese bereits aufgegebene Seele retten würde. Mit dem Schlusspfiff und dem legendären Satz: „Von der Bank kam das Signal, dass wir noch ein Tor brauchen. Also habe ich noch eins gemacht.“ Eintracht 5, Kaiserslautern 1. Gerettet! So lange ich atme, hoffe ich.

Ein Sieg für die Geschichtsbücher und doch habe ich keine Zeit für die Fernsehbilder. Es geht gleich ab ins Auto und hinaus zur Wuhlheide. Die halbe Stadt später strebt ein schöner Maitag der Vollendung zu: Bruce Springsteen betritt die Bühne und eröffnet ein grandioses Konzert mit My Love Will Not Let You Down. Treffender kann man es fast nicht formulieren.

Duplizität der Ereignisse: Jahre später werde ich mir Christoph Preuß Traumtor zum 1 zu 0 Sieg meiner Eintracht über den FC Bayern München nicht im Fernsehen ansehen können, da ich in die Passionskirche zum Konzert des Großmeisters Bonnie „Prince“ Billy gehen will. Jahre später werde ich meine Instrumente auf einer Bühne aufbauen, auf der kurz zuvor auf einer Großbildleinwand die demütigende 5 zu 1 Niederlage meiner Eintracht gegen Nürnberg gezeigt wird.

Diese Diva und ich führen eine Wochenend- und Fernbeziehung über knapp 600 Kilometer: You Can Look (But You Better Not Touch). Und diese Wochenenden sind selten Spaziergänge. Nein, sie sind der sprichwörtliche Ritt auf der Thunder Road: Unberechenbar, deprimierend, beflügelnd, immer anstrengend und manchmal auch grandios. Wiedervereinigt mit den alten Freunden und Kollegen singt, spielt und arbeitet der Meister der ehrlichen Hymnen und Geschichten der kleinen Leute auf der Bühne. Jedes Lied an diesem Abend spricht tief aus der eigenen Seele: „Now I believe in the love that you gave me / I believe in the faith that could save me / I believe in the hope and I pray that some day / It will raise me above these / Badlands... „ Lektionen in Sachen Hoffnung. Langsam weicht die Anspannung unglaublicher Freude und der Erkenntnis, daß manchmal etwas geht, wenn man zusammen arbeitet und füreinander einsteht. „Well the night's busting open / These two lanes will take us anywhere“. Noch ein Bier und eine Zigarette, denn der nächste Ritt wird sicher schwieriger werden und diese verdammten Täler wollen uns doch nur beweisen, daß es immer einen Weg hinaus gibt.

Ein Tag, ein Abend, der nicht zu Ende gehen sollte und dieses doch unweigerlich tut. Musik ist ein Mannschaftsspiel und so treten Sie alle nach einander an das Mikrophon und singen über Solidarität an den guten und den schlechten Tagen:

„We swore we’d travel darlin’ side by side
We’d help each other stay in stride
But each lover’s steps fall so differently
But I’ll wait for you
And if I should fall behind
Wait for me“

Morgen wird ein langer Tag, denn die Nacht wird kurz. Doch er sollte nicht allzu lange auf sich warten lassen, denn dieser überlebte Tod ist wie Benzin im Blut und lässt einen laufen und träumen. Spät abends, Berlin liegt schemenhaft im Mondlicht und der weit entfernte Liebhaber gelobt immer zu warten, denn selten befinden wir uns im Gleichschritt, doch treffen wir uns immer wieder in Eintracht. Und die verdammten Täler sind für eine kleine Ewigkeit ganz weit weg.

Gute Nacht & viel Glück auf der Straße!

Dienstag, 25. November 2008

Doppelgelb


23.11.2008 - Zweimal Gelb ist nicht Gelb/Rot


Mainz 05 - St.Pauli 2:2; Schiedsrichter Metzen (Mechernich)

Winterbeginn


Die Zeit verfliegt fiel zu schnell, Erlebnisse der besonderen Art haben kaum Zeit, sich zu setzen - und eh wir uns umsehen liegen wir in der Gruft und
hatten dabei doch noch soviel vor.

We should remember to slow down more often, maybe we will.
There's a lotta good things coming our way right now.

A lotta bad had passed but we survived the breakdowns.

All is forgiven, water under bridges now.


The gaslight anthem - Boomboxes & dictionairies

Fahren, immer nur fahren, aus den Boxen wummert der Beat und alles fällt ab, all die sägenden Gedanken, all das Drehen deines Hirns, all die Idiotien eines Daseins, die dir jeden klaren Gedanken verkleistern. Die dir die vermeintlichen Notwendigkeiten des Alltags schmackhaft machen sollen und dich doch nur verblöden lassen, Wolken ziehen vorüber, der Tag zur Nacht, die Nacht zum Tag.

Everything these days seems to be some kind of sign
No one cares anymore where you've been
So you find a quiet place to shed that old skin
You won't need it again


New Model Army - Orange Tree Roads



www.hobokollektiv.net




Der Blick zurück:

Eben noch eine Lesung in Halle, Übernachtung in einer kleinen Pension, rauf auf die Autobahn, nach 400km runter von der Autobahn, Abfahrt F-Ost, Bornheimer Hang, das Schneechaos ließ auf sich warten, Mikrofon an: Eintracht Frankfurt begrüßt sie ganz herzlich zum 14. Spieltag in der Regionalliga Süd. 90 Minuten später: Zwei Tore der Eintracht U23, keines des KSC II, Spitzenreiter und das erste Spiel von Alexander Krük für die Eintracht. Abbauen, heim, ausruhen - der Husten hörte sich nicht gut an.

Als ich am Samstag morgen aufwachte, merkte ich, dass ich nicht in der Reih' bin, wie meine Oma zu sagen pflegte, draußen ist's kalt, ungemütlich und eigentlich hätte ich nichts dagegen gehabt, mich mit Tee und Lebkuchen vor den Fernseher zu knallen und mich auszuruhen - und ich hätte es sicherlich auch gemacht, wenn nicht die Eintracht spielen würde. Ich glaube, die letzten Heimspiele habe ich verpasst, als ich im Winter 2004 in Indien weilte, die SGE holte Punkt um Punkt - und erst als ich wieder im Lande war verlor die Eintracht drei Tage später in Lautern. Wäre ich damals bloß länger geblieben.

Wir fuhren so gegen 14:00 in Richtung Louisa, so wir es eigentlich immer machen, Pia steuerte den Golf während ich daneben kauerte, warm eingepackt, seit langem mal wieder mit Schal und Mütze und Handschuh. Als wir unser Ziel erreichten, wartete Daddy schon auf uns; der kleine Mitsubishi-Jeep parkte an gewohnter Stelle, wir gesellten uns dazu und marschierten durch die Unterführung (in welcher wohl Frankfurts einzige Tropfsteine zu bestaunen sind) am Fanhaus vorbei durch den Wald Richtung Stadion.

Viel war im Verhältnis zu sonst nicht los, aber in den letzten Jahren haben sich die Dinge geändert, ich glaube nicht, dass in der Geschichte bei viel mehr Spielen gegen Hannover mehr als die später bekannt gegebenen 39.800 Zuschauer anwesend waren. Eintracht Frankfurt gegen Hannover 96 - ein Spiel des Mittelmaßes, 12. gegen 13. - aber so langsam scheint sich der WM-Hype wieder zu relativieren und wer weiß, möglicherweise gibt es ja im nächsten Jahr auch wieder Dauerkarten für diejenigen, die sich für die Eintracht interessieren - auch wenn der Erfolg ausbleibt, der Erfolg, der sich an den eigenen Erwartungen misst; Erwartungen, die nicht zwingend viel mit der Realität der Frankfurter Eintracht im Herbst 2008 zu schaffen haben müssen.

Während unsere Nummer Drei, Aaron Galindo es nicht geschafft hatte, rechtzeitig vom Länderspiel in Mexico an den Main zurück zu kommen und entsprechend nicht im Kader war, so wurde unserer Nummer 30, Caio, die Ehre zu Teil, in der Anfangsformation zu stehen. Deuteten zunächst die kurzen Hosen beim Aufwärmen schon darauf hin, so gab die Startaufstellung des Stadionsprechers endgültige Gewissheit. Der Stadionsprecher, der es übrigens versäumte, Alex Vasoskis Platz auf der Bank zu verkünden.

Da ihr in den üblichen Zeitungen, Foren und Blogs jede Menge Details zum Spiel lesen könnt, beschränke ich mich aufs Wesentliche.

  • Tor nach Standard: Ecke Steinhöfer, Flugkopfball Liberopoulos, 1:0
  • Tor nach Flanke Finks, Fenins Kopfball der ins Feld zurückprallt und von Russ köpflich versenkt wird, 2:0
  • Zusammenprall Nikolovs mit Hanke. Leichtes Humpeln.
  • Fenin setzt sich über Außen durch, spielt den Ball aber nicht zum wartenden Liberopoulos, welcher ihm erklärt, wie es besser geht.
  • Nach der Halbzeit kommt Pröll für Nikolov. Dieser hat einen Sehnenanriss und fällt lange aus.
  • Hanke und Bellaid gehen im Frankfurter Strafraum zum Ball, alles erwartet Ecke. Der Schiri gibt ... Elfer für Hannover. Die Debatten vom Stuttgart-Spiel wiederholen sich, der Linienrichter erklärt seine Sicht der Dinge, der Elfer wird zurückgenommen.
  • Fenin erkämpft sich den Ball, zeigt, dass er aufgepasst hat, passt zu Liberopoulos. Dieser zeigt uns, wer gelernt hat: Fenin - 3:0

Mein Daddy musste ausnahmsweise früher gehen und Pia fiel ein, dass möglicherweise zu Hause noch eine Kerze brennt. Egal, da ändern auch zwei Minuten nichts mehr daran. Wir blieben. Und wurden mit dem 4:0 durch Fenin belohnt. Abpfiff.

Wir hasteten aus dem Stadion, durchfroren, und eilten kalten Fußes durch den Wald. Zuhause angekommen stellten wir fest, dass die Kerze natürlich aus war. Aber das Feuer der Eintracht brannte wieder. Andersrum wäre es schlimmer.

Eigentlich wollte ich ja mal wieder in die Bembelbar, die am Abend im Backstage geplant war. Aber zuviel ist zuviel - ich liege flach. Tee, Lebkuchen, Fernsehen. Und ein Dach über dem Kopf.



Das Foto der Wolkenstraße durfte ich dankenswerter Weise dem wunderbaren Blog vom Fritsch entnehmen, dort gibt es noch viel mehr dieser Art, schaut es euch an, das Hobokollektiv.

Dienstag, 18. November 2008

Zitat der Woche


Fehler passieren durch Tore.


Eintracht-Verteidiger Patrick Ochs im HR Heimspiel vom 17.11.2008


Montag, 17. November 2008

Zwanziger gegen Weinreich - Wie der DFB die Kommunikationsherrschaft retten will - und sie dabei veliert


Stefan rollt in seinem Blog innerhalb der Frankfurter Rundschau die Auseinandersetzung des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger mit dem Journalisten Jens Weinreich auf und verweist auf diverse Kommentare zum Thema.

Ich verweise hiermit auf Stefans Blog, der auch eine Pressemitteilung des DFB enthält, welche nicht nur Wesentliches absichtlich unterschlägt, sondern erwiesene Tatsachen ins Gegenteil verkehrt - ein weiteres Beispiel unglaublicher Demagogie.

Sonntag, 16. November 2008

Heimspiel in Dortmund - 15.11.2008

Grau.

Grau.

Grau.

Der Morgen. Der Tag. Das Spiel. Der Morgen danach. Volkstrauertag.

Doch der Reihe nach: Samstag morgen um 8:45 wurde ich geweckt - und war erstaunlich frisch für die Zeit. Pia war schon unterwegs gewesen, Brötchen kaufen - und die Rundschau, die mich letzte Woche geärgert hatte, bezeichnete die Frankfurter Zeitung doch das Eintracht-Museum als zweitwichtigste Pilgerstätte für historisch interessierte Fußballfans nach dem Hermann-Nuber-Denkmal in Oxxenbach. Leider finde ich keinen Online-Beleg für jene Worte der zweitwichtigsten Zeitung für Frankfurt, Premiumpartner der Eintracht ist ja bekanntlich die Frankfurter Neue Presse.

Gegen halb zehn marschieren Pia und ich zur stillgelegten Shell-Tankstelle am Nibelungenplatz, wo Peter schon auf uns wartete; ein Hallo und ein Morsche und nach Begutachtung der modernen Front-Kamera am Auswärts-Toyota ging's los auf die A661, auf die A5 - die üblichen Highways auf dem Weg Richtung Westen. Diesig der Tag, das schwere Grau drückte die Farbe aus dem Tag, mal zügelte eine blaue U-Bahn nebenan durch die Gegend, mal eine rote Eisenbahn, ansonsten hing der Dunst schwer in den Tälern der Republik. Blattlos die Bäume, deren Gerippe in den Tag ragten, als reckten sich knochige Finger in die feuchte Luft.

Einen letzten Hessen-Italo-Kaffee nahmen wir an der Raste Herborn für den Preis eines Kleinwagens, eine Cigarette vor der Tür dazu Dann: A45, Sauerland, Lüdenscheid-Süd. Wir wurden ehrenhalber fotografiert, ein Wagen stand an der Seite und begrüßte hurtige Neuankömmlinge und ich schickte meiner Dortmunder Freundin Susi traditionsgemäß eine SMS mit dem Text: Heute gibbet auffe Öhrchen, die SGE ist da.

Wir rollten an der Eintrachtstraße vorbei Richtung Stadtmitte, passierten den Adlerturm und folgten dem Navigationssystem, welches uns exakt die zu fahrenden Kilometer und die zu fahrende Zeit bis zum Ziel angezeigt hatte: Dortmund, Borsigplatz, den wir gegen 12:15 erreichten, die letzten Kilometer begleiteten uns Led Zeppelin, nicht neu, aber gut. Wanna whole lotta love?

Ärmlich wirkt die alte Heimat der Borussia, beim letzten Ausflug anlässlich des Pokalspiels vor fast genau einem Jahr hatten wir hier eine Kneipe namens Big Boss entdeckt und freuten uns schon auf die Einkehr. Schon beim Öffnen der Tür erkannte uns die Wirtin und begrüßte uns herzlich mit den Worten ah, die Frankfurter. Sie lachte Pia an: Ich habe sie gleich erkannt. Wir bestellten zwei Schöppchen und einen Apfelwein, der sich für Peter zwecks Fahrerei in eine Cola verwandelte. Leer war der Big Boss, einzig Anni saß am Tresen, rauchte Cigaretten mit Spitze und erzählte uns, dass Verwandschaft in Stadtallendorf wohnt. Kennt ihr Stadtallendorf, das Hotel da, da war ich schon. Wir kannten Stadtallendorf, dass Hotel da allerdings nicht und bestellten weitere Schöppchen. Wir erfuhren, dass die gehäkelten WM-Fähnchen, die uns letztes Mal noch schwer beeindruckt hatten, noch in der Wäsche waren - und das der Big Boss im nächsten Jahr schließen wird, zuwenig sei los, wenig Jugend und die Älteren stürben weg oder hätten kein Geld. Ein BVB-Dackel wachte auf dem Musikautomaten, den ich mit ein paar Münzen fütterte, und drückte Lieder wie Erna Schybulski oder auf besonderen Wunsch Annis Freddie Brecks Rote Rosen. Anni stand zudem auf Schalke. Ein Dortmunder Original quasi.

Zwei weitere Gäste enterten den Big Boss, wir schwatzten und lachten, bis uns der Hunger in die Nahe gelegene Pommes-Bude im Gründungshaus der Borussia trieb. Currywurst, Pommes, Bier - es ist das einfache Leben, das uns erfreut, und das doch peu a peu ausstirbt; vielleicht ist die aktuelle Bundesligatabelle ein Spiegelbild gesellschaftlichen Lebens: Entweder bist du oben dabei - oder Bodensatz, jederzeit in der Lage, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Wir verließen das Herz Dortmunds und suchten unseren Weg via PKW zu den Parkplätzen am Stadion, bei Eintracht Dortmund wurden wir fündig. Da wir nicht die einzigen waren, reihte sich Peter in die Schlange ein, während Pia und ich uns Richtung Gästeblock aufmachten, und für unseren Fahrer noch eine Karte erstanden. Gegen die üblichen Gepflogenheiten, gab es dann im Stadion noch einen Schoppen, schließlich hatten wir dem GründelHeinz versprochen, noch einen BVB-Becher mit zu bringen, und so hielt ich den Herrn Metzelder in der Hand, 3,50 + Porto.
Im 61er war es dann recht voll, die Sicht von unserem Platz ganz ordentlich, gegenüber die gelbe Wand, jede Menge gelbe Fahnen auf dem Platz und dazu das übliche You'll never walk alone.



Kaum war das Spiel angepfiffen, hüpfte Nikolov nach einer Ecke an der Kugel vorbei und Subotic köpfte zum 0:1 ein. In der 19.Minute klingelte es zum zweiten Mal, Fink verlor den Ball im Mittelfeld, zackig kombinierten die in schwarzen Trikots und gelben Hosen kickenden Dortmunder nach vorne, Blaszczykowski umkurvte Galindo, passte zu Hajnal, der keine Mühe hatte, den Ball ins Tor zu kicken. Zeit zum Ärgern blieb nicht viel, denn schon sieben Minuten später flankte Hajnal auf Subtoic, der zum zweiten Mal ins Tor köpfte.

26. Spielminute - 3:0 für Dortmund.

Oleeeeeeee super BeeVauBee tönte es über die Lautsprecher - und der Drops war gelutscht. So ganz wollte ich die Hoffnung jedoch nicht aufgeben - jetzt noch den Anschlusstreffer,und alles wäre noch drin, so hoffte ich, zumal erst Kehl und dann Valdez auf Dortmunder Seite den Platz verletzungsbedingt verlassen mussten - vergeblich.

In der Zweiten Halbzeit vehinderte Nikolov mehrmals in letzter Sekunde ein weiteres Tor, das dann in der 69. Minute doch noch fiel. Zum dritten Mal bereitete Hajnal einen Treffer vor, diesmal hieß der Torschütze Santana. Was folgte war eine Einwechslung Caios, mehrere Hinfaller Fenins, ein nicht gegebener Abseitstreffer der Gastgeber und dann Torjubel der Eintrachtfans; gleich fünfmal wurden imaginäre Treffer gefeiert - allein die beiden Anzeigetafeln verkündeten einen 4:0 Heimsieg der Borussia gegen die Eintracht.

Wir verließen den Block, Dortmunder und Frankfurter mengten sich friedlich beim Abgang, ich entdeckte einen handgestrickten Schal aus den Siebzigern, und so trieben wir mit der Menge mäßig gelaunt Richtung Parkplatz. Ein Weilchen standen wir im Stau und alsbald lösten sich die roten Lichter vor uns auf und wir schossen ins frühe Dunkel der Nacht.

Knapp zwei Stunden später hielten wir an der Shell-Tanke, an der wir aufgebrochen waren. Shake Hands, Danke und Gute Nacht. Peter hatte noch ein paar Kilometer vor sich, während Pia und ich Richtung Heimat marschierten. Ich hasse 0:4 Niederlagen in Dortmund. Vor allem, weil mein Handy piepte. Susi fragte nach, wie das mit auffe Öhrchen gemeint war.

So nicht!


Du Ri Cha und Istvan Sztani im Eintracht-Museum

Da ich Jörg versprochen habe, einen Bericht über die Veranstaltung in der nächsten Fan geht vor zu veröffentlichen, stelle ich den Beitrag nach Erscheinen derselben hier online. Dies wird schätzungsweise Anfang Dezember der Fall sein.


Du Ri Cha - Museumsmitarbeiterin Pia Geiger

Donnerstag, 13. November 2008

Zitat der Woche


Wir haben beispielsweise schon auf Verpflichtungen verzichtet, weil uns die Art und Weise der Körpersprache beim Torjubel nicht zugesagt hat.


Heribert Bruchhagen in der FR vom 13.11.2008



Montag, 10. November 2008

The light will stay on


Der 9. November ist ein historischer Tag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zunächst wurde im Jahr 1918 die deutsche Republik von Scheidemann ausgerufen bzw. die Räterepublik durch Liebknecht, dann brannten im Jahr 1938 (nicht nur) die Synagogen in Nazi-Deutschland, die Reichspogromnacht markierte den Übergang von Diskriminierung zur Massenvernichtung der Juden. Im Jahr 1974 starb Holger Meins, Mitglied der RAF an den Folgen eines Hungerstreiks und 1989 fiel die Berliner Mauer.

Der 9.11.2008 stand unter zwei Vorzeichen. Zum einen erwartete die Eintracht um 17:00 den VfB Stuttgart und zum anderen hatte der kleine Noah Geburtstag, seinen allerersten. Noahs Papa Marcus ist am 29.Oktober verstorben, einfach so. Marcus' Onkel, Kid Klappergass, hat in seinem Blog die Geschichte der beiden nieder geschrieben, neun bewegende Beiträge, die dich zu Tränen rühren.

Und so saß ich Sonntagmorgen vor meinem Laptop, las Kids Geschichte, blickte ungläubig auf die Bilder und hörte den Song The light will stay on von den Walkabouts, der Song, mit dem Kid seine Beiträge zu Marcus beendete.

Draußen war's feucht, der Regen umspülte den Tag, ich kramte in alter Musik, stieß auf Cure, nothing left but faith, auf R.E.M. So.Central Rain und war so gar nicht auf Fußball geeicht, zu grau der Morgen, die Welt, die Gedanken.

Gegen 14:00 kam Pia vorbei, ein Lichtblick an diesem trüben Tag, auch sie hatte Kids letzten Beitrag gelesen, war traurig und so tranken wir einen Kaffee, rauchten eine Cigarette und machten uns dann auf in Richtung Stadion. Da mein Daddy heute mit Mama Beve in Urlaub gefahren ist (er hatte die Abfahrt auf den Sonntag gelegt, in der Hoffnung, die Eintracht möge Samstags gegen den VfB kicken, allein der Spielplan spielte nicht mit) waren wir heute zu zweit und tuckerten nach Niederrad, um den Golf am Parkplatz in der Bürostadt abzustellen.

Unser Ziel lag am Gleisdreieck, genauer gesagt am dortigen Parkplatz. Seit Jahren treffen sich dort Eintrachtfans zum Trinken und Schwatzen, die meisten kennen sich schon lange aus dem Eintracht-Forum und es ist stets ein großes Hallo. Meist organisieren Arndt oder Richie ein paar Schoppen für uns, wir werfen ein bisschen Geld in das bereitgestellte Sparschwein und haben so eine schöne Zeit vor dem Spiel, so auch diesmal.

Ein Pavillon war aufgespannt, die Meute stand bei Äppelwoi oder Bier beisammen und Arndt drückte uns den obligatorischen Boni in die Hand. Boni steht in diesem Falle nicht für unlautere Zahlungen an massenentlassende Manager, sondern für einen Magenbitter, der dir die Schuhe auszieht, quasi der Begrüßungstrunk für die Härtesten der Harten. Für uns.

Hier am Gleisdreieck scheint die Welt noch in Ordnung, auch wenn man von Zeit zu Zeit Teenager entdeckt, die die Schnute verziehen und der seltsamen Erwachsenenwelt so gar nichts Vergnügliches abgewinnen können. Aber die meisten sind vergnügt und freundlich, Männlein wie Weiblein, alt wie jung, arm wie reich - ein Prost, ein Augenzwinkern, ein Hallo.

Die Zeit verflog, kaum angekommen näherte sich der Anpfiff des Spiels und wir schoben uns mit der Menge in Richtung Eingang, wurden schnell durchgelassen und verteilten uns auf unsere Plätze in der Arena, die für uns stets Waldstadion heißen wird.

Viele große Schwenkfahnen waren heute im Oberrang positioniert, was uns ein wenig verwunderte, da diese sonst unten geschwenkt werden - aber schon wenig später erkannten wir den Grund: Die Ultras der Eintracht hatten riesige Blockfahnen gebastelt, die sie beim Einlauf der Teams über den kompletten Unterrang zogen, da war natürlich kein Platz für die großen Fahnen, die nun von oben dazu geschwenkt wurden; ein schönes Bild der Kurve entstand dadurch, das wir leider nur von oben ahnen konnten.

Pias Jüngster Nick saß heute auf der Gegentribüne und durfte ihre schwarz-weiß-karierte Fahne mit ins Stadion nehmen, die er unter vollem Einsatz und unter Beobachtung der stolzen Mama schwenkte - und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis der kleine Kerl unten in der Kurve steht, vergessen sind dann Weihnachtsmann, Zahnfee und Wrestling-Chips, die eben noch den Sinn des Daseins verkörperten. Wir geben alles für unseren Verein.

Die Eintracht begann forsch und erzielte auch bald einen Treffer, der allerdings keine Anerkennung fand, da der Schiedsrichter schon im eigenen Strafraum einen Vorteil unterbunden hatte. Aber nur wenig später traf Liberopoulos zum 1:0 für uns, nicht unverdient. Das Spiel wogte hin und her, der Stuttgarter Lanig mit der 7 auf dem Rücken kurbelte das Spiel ür den VfB an, die Eintracht hielt dagegen und kurz vor Ende der ersten Halbzeit fischte Nikolov einen Ball aus dem Winkel, so dass es mit der knappen Führung in die Pause ging.

In der zweiten Hälfte tankte sich Fenin allen Versuchen ihn zu halten zum Trotz in den Strafraum, schnippte den Ball noch zu Liberopoulos, der mit seinem zweiten Treffer aus kurzer Distanz dem ehemaligen National-Keeper Jens Lehmann keine Chance ließ: 2:0 für die Eintracht und wir brüllten unsere Freude ins Flutlicht der Nacht.

Dies währte allerdings nur kurz, Lanig erzielte den Anschlusstreffer und der VfB drückte. Schiedsrichter Rafati zeigte ein ums andere Mal gelb, unter anderem auch Ochs, der nun in Dortmund fehlen wird. Tsoumou kam für Korkmaz, Ljubicic für Toski, die Zeit tickte runter - und dann lag der Ball im Netz. Ausgleich.

Ich bete ja jedesmal, dass der Schiedsrichter aus irgendeinem unerfindlichen Grund einen Treffer gegen die Eintracht nicht gibt - und diesmal wurden meine Gebete erhört, es ging weiter mit Freistoß für die Eintracht.

Dachte ich.

Aufregung.

Hatte Rafati zunächst auf Freistoß entschieden, so ließ er sich von Nationalspieler Mario Gomez, der den vermeintlichen Treffer erzielt hatte, noch umstimmen - unter Zuhilfenahme des Linienrichters, der nach einem Dialog mit Gomez auf Tor entschied.

Also doch, 2:2. In der 87.

Von den Rängen hallte es Fußballmafia DFB, es sollte aber nichts nutzen, es blieb beim Ausgleich und die Eintracht hatte Glück, dass ein weiterer Schuss nur knapp an Okas Tor vorbeisauste. Im Anschluss kam Fenin über links, setzte sich durch und - hob im Strafraum ab, wie nur selten ein Flugzeug abhebt, formvollendet, überzeugend in A- und B-Note. Ein Traum.

Phase I - Abheben


Phase II - Der Flug


Dass der Schiri in einem solchen Fall nicht auf den Elfmeter-Punkt zeigt, ist nachvollziehbar, allein die folgende Ecke war ein Geschenk, doch es wurde seitens der Eintracht nicht angenommen. Abpfiff. Unentschieden. Frust.

Wir verließen ungehalten unsere Plätze und statteten dem Museum noch einen kurzen Besuch ab. Vor dem Museum kamen Stefan und Eel zu uns, klärten uns über die verworrene Situation beim Ausgleich auf, während zuvor ein paar Stuttgarter irgendwas von Frankfurter Arschlöcher krakeelten. Da ich sowas im eigenen Stadion so gar nicht brauchen kann, pöbelte ich zurück und kurz hatte es den Anschein, dass die Situation eskalieren könne, aber die Schwaben schwebten weiter und schon kam Matze, der noch ein paar Infos für mich für die kommende Veranstaltung dabei hatte und erzählte beiläufig, dass am gestrigen Freitag zwei Stuttgarter kurz vor 15:00 bei ihm waren und sich wunderten, dass noch keine Bierbuden offen seien, immerhin begänne das Spiel doch gleich.

Und ihr wundert euch nicht, dass niemand hier ist und kein Mensch das Eintrittsticket sehen wollte? hatte Matze gefragt und die Stuttgarter begannen zu begreifen, dass sie sich im Tag geirrt hatten. Jaja, wir können alles - außer hochdeutsch. Wer's glaubt.

Auf dem Rückweg trafen wir auf die Fanbetreuer Marc und Rudi, plauschten a wengele und wanderten weiter durch Müllberge von gelben Seiten, die kaum ausgeteilt auf dem Boden landeten und trafen am Gleisdreieck auf den Rest der Forumsmafia.

Noch lange standen wir zunächst mit der werdenden Mama Miriam und Papa Laupi, später mit Arndt bei einem Äppelwoi, räumten dann den Platz auf und marschierten durch den Wald zurück zum Auto, das noch brav an Ort und Stelle auf uns wartete. In Sachsenhausen gab's noch Thai Food für kleines Geld und dann war ein 9.November zu Ende, der trübe begonnen hatte und dann doch noch das ein oder andere Erlebnis brachte, so wie meist, wenn man zum Fußballgucken unterwegs ist. Für andere war es ein trüber Tag. Aber so Gott will, scheint die Sonne eines Tages auch für euch. Denn: The Light will stay on:


The Walkabouts - The Light will stay on



Die Fotos des flying-fenin stammen von Stefan Krieger. Danke dafür.



Donnerstag, 6. November 2008

Zum Glück habe ich nur eine Struktur


Thorsten Legat, seinerzeit (1994) nach dem eher unfreiwilligen Abgang Uwe Beins vom damaligen Übungsleiter Josef Heynckes mit der Rückennummer 10 versehen, war immer wieder für einen Lacher gut. Zog er sich auf einem Mannschaftsfoto des Vier-Minuten-Meisters Schalke 04 im Jahr 2000 die Sporthose bis fast unter die Achseln ...


... so glänzte er zuvor mit philosophischen Weltsichten:

Che Guevara war ein Rebell, ein Kämpfer für sein Land. Das will ich auch sein. Ich will den Schwachen helfen. Das ist im Fußball genauso, da muss man den schwachen Gegner auch aufbauen. Das ist so eine eigene Logik von mir, dazu will ich gar nicht viel sagen.

Gut, dass er dazu nicht mehr gesagt hat, oder vielmehr: Schade. Denn auch seine Ansichten zu hohen Siegen waren erbaulich:

Es war toll, es war klasse, es war wie ein Albtraum.

Legat hat morgen Geburtstag, 40 Jahre wird er alt. Der Mann, dem Eintracht Frankfurt bei seinem Wechsel keine Steine in den Vertrag gelegt hat.




Alle Zitate und die Autogrammkarte sind von Franks Eintracht-Archiv, das leider immer noch Denkpause hat.

Montag, 3. November 2008

Heimspiel in Gladbach - 2-11-2008


Sonntagmorgen, neun Uhr in Deutschland. Der Rest der Republik liegt in den Federn oder macht sich bereit für den Gottesdienst - wir schälten uns aus dem Bettchen, um unserem Fußballverein hinterher zu reisen, die Tage wollen mit Leben gefüllt werden, nicht wahr? Draußen ist es mild und freundlich, überraschender Weise sogar trocken und nach einem schnellen Kaffee und der dazugehörigen Cigarette ging's los. Wir rollten durchs Nordend, holten Christian ab, der an der Berger Straße schon auf uns wartete und starteten über die Miquelallee Richtung A66 um dann auf die A3 Richtung Köln aufzufahren. Viel war nicht los um diese Zeit und so blubberte aus den Boxen die aktuelle Single der Killers, Human, - eine Mischung aus Franz Lambert und Alphaville - und sie fragten sich, ob sie human oder denser seien, worauf ich leider keine Antwort wusste, allerdings wippte ich mit - Pia hingegen fährt und mag das Lied nicht, Alles neu von Peter Fox kommt da schon besser. Alles glänzt, so schön neu.

Der Herbst hing noch immer blättrig grün orange braun an den Ästen der Bäume, während wir durch Hessen sausten, den Limburger Dom erblickten und dazu den ICE-Bahnhof, den auch Montabaur sein eigen nennt, nur wenige Kilometer dahinter - und doch in einem anderen Bundesland, Rheinland Pfalz. Da Christian noch kein Ticket fürs Spiel hatte, funkte ich Ina an, und tatsächlich konnte sie uns einen positiven Bescheid geben, somit waren die ogansiatorischen Eckdaten geklärt und wir so sorglos, wie man es in unserem Alter nur sein kann.

Ich bin stets fasziniert, wenn ich aus dem Fenster träume und das vorbeiziehende Land beobachte. All dies, was wir morgen in den Zeitungen lesen, spielt sich heute hier ab; aus der Ferne hat das etwas heimeliges; der Spaziergänger mit Hund, was mag er denken; der Autofahrer, der an der Bahnschranke wartet, vielleicht fährt er nach Hause, zum kleinen Häuschen am Waldrand, vielleicht schaut er später DSF und freut sich auf das heutige Spiel. Vielleicht ist er morgen tot.

Die letzten Wochen haben es uns schmerzhaft nahe gebracht, dass nichts für ewig ist, dass die Katastrophen aus dem Nichts kommen und dass die Zeit weit mehr an Traurigkeit bereithält, als die Kinderbücher einem jungen Menschen vermitteln. All die Hoffnungen, mit denen wir ins Leben hinein gestiefelt sind, gerinnen zu Tränen, denen wir bisweilen wenig entgegen zu setzen haben, vielleicht freuen wir uns deshalb auf die Fußballspiele, weil wir im Torjubel alle Sorgen und alles Leid wenigstens für einen Moment vergessen können. Wehe dann, wenn die Eintracht nicht trifft.

Irgendwo in Nordrhein-Westfalen hielten wir an einem Rastplatz, tranken Tee, die Gespräche drehten sich um vergangene Fußballspiele und um günstige Wohnungen, wir biegen bei Köln auf die A4 und wenig später auf die A61. Hinter uns liegt ein Land, in dem die Orte Puderbach oder Quadrath-Ichendorf heißen, wir überquerten den Rhein, rechter Hand schickte ein Kraftwerk dicke weiße Wolken in die Luft und Christian vermutete, dass anhand der Rauchentwicklung die ersten Frankfurter schon vor Ort seien, Pia hingegen meinte, dass ihr Jüngster jetzt sagen würde: seht her: hier werden die Wolken gemacht.
Gott segne die kindlichen Gedankenwelten, die so harmlos und weise zugleich daherkommen.

The Gaslight Anthem wummerten nun ihr boomboxes & dictionaries aus den Boxen und wir verließen die Autobahn bei Rheydt, rollten am dortigen Stadtwald vorbei in Richtung Zentrum, wir hatten Zeit und Hunger. Die Häuser links und rechts erweckten nicht den Eindruck überbordenen Reichtums, leerstehende griechische Restaurants mit dem Namen El Greco, kleine Imbisse dazu und im Zentrum war der Teufel los - wow, dachten wir, alles Borussen, und das, obwohl das Stadion noch eine ganze Ecke entfernt liegt.

Mit Müh und Not fanden wir einen Parkplatz vor dem Plus-Markt am Bahnhof, ich realisierte, dass dieser Markt geschlossen ist, welch Wunder am Sonntag Nachmittag - und so wurden wir unsicher, ob wir nach Spielende den Parkplatz noch verlassen können, auf dem eigenartiger Weise kaum Wagen mit Gladbach-Devotionalien parkten. Währenddessen rollte der Sonderzug aus Frankfurt ein, Shuttle-Busse sollten die Fans zum Stadion bringen und über den Bahnsteig hörten wir die ersten Schlachtgesänge Hurra, hurra, die Frankfurter sind da.

Das wussten wir und so fragten wir einen umstehenden Polizisten, ob der Parkplatz noch abends geöffnet und ob noch eine andere Veranstaltung an diesem Tage hier sei. Ersteres wusste er nicht, zweiteres aber schon: 2.November 2008 - verkaufsoffener Sonntag in Rheydt. Daher wehte also der Wind, nix Fußball - Shoppen. Pias Augen bekamen einen leichten Glanz, doch sie war tapfer und widerstand der Versuchung, zumal wir ja auch was futtern wollten.

Wenig später hockten wir in einer gemütlichen sympathischen KöPi Kneipe, rauchten und tranken ein Alt, während wir auf Bratkartoffeln, Bratwürstchen oder Leberkäse warteten. Wir hätten auch eine Fohlenmilch trinken können, verzichteten aber leichten Herzens darauf. Im Ernst, es war gar keine Milch, sondern Schnaps.
Die Bildschirme vor uns zeigten den Anpfiff diverser Zweit-Liga-Partien und hinter uns wachte der Joste Harry müt dr Selverbleck, ein Original, der noch im Alter von 80 Jahren auf einem Stuhl sein Bier im Kopfstand trank.

Wir fragten die freundliche Bedienung noch nach dem Weg Richtung Stadion, erhielten Auskunft und verabschiedeten uns. Möge der Bessere gewinnen sagten sie und wir antworteten frankfurterisch charmant: nö, möge die Eintracht gewinnen, egal wie. Wir lachten und liefen zurück zum silbernen Golf, der uns im Laufe der Zeit schon etliche Kilometer durch die Republik kutschiert hat und so verließen wir Rheydt, passierten den Stadtwald und landeten in Mönchengladbach-Rheindahlen, dem Geburtsort vom legendären Joste Harry, der schon 1979 verarmt gestorben war.

Da es uns meist lieber ist, etwas außerhalb der großen Parplätze zu parken und ein wenig zu laufen, (wir umgehen damit das Verkehrschaos nach Spielende und sehen meist noch etwas von der Gegend, in der wir uns eh nur für einen Tag aufhalten) hielten wir auch heute fernab vom Stadion nahe der Kirche in Rheindahlen. Im hiesigen Eiscafe gab es Nachtisch für Pia, während ich an einer Dönerbude ein paar Fläschken Diebels für den langen Marsch organisierte, freundliche Rheindahler erklärten uns den Weg zum Stadion, den wir flugs trockenen Fußes in Angriff nahmen.

Und so wanderten wir zu dritt mit einem Schöppchen in der Hand an einer recht ordentlich befahrenen Straße entlang, blickten auf kleine Wäldchen zur Seite und waren eigentlich ganz guter Dinge. Während Christian und Pia mit einem Unentschieden schon zufrieden waren, setzte ich auf Sieg, von mir aus knapp und unverdient - aber Sieg. Immerhin hatten die Kölner in Stuttgart gewonnen, Hannover gegen den HSV und bei einer Niederlage hätte die Eintrachtwelt eher düster ausgesehen und die Liga sich in zwei Hälften geteilt, auch so klafften schon vier Punkte Differenz zwischen dem 12. Hannover und dem 16. Köln.

Bald verschwanden wir im Strom der Menschen Richtung Stadion, erkannten die Spitzen des Borussenparks und wanderten am dortigen Fanhaus (lautstark erklang der Song über die Elf vom Niederrhein) vorbei in Richtung Süd-Ost-Tribüne, die wir bald erreichten. Einige Busse parkten schon am Gelände, bekannte Gesichter lungerten am Parkplatz herum, begrüßten sich und beschwatzen all die Dinge, die es rund um die Eintracht so zu beschwatzen gibt. Bald rollten auch die Geiselgangster ein, wir kauften Ina das Ticket ab, während Busi gestand, sich das Spiel im Gladbacher Fanhaus angucken zu wollen. So etwas würde mir nicht im Traum einfallen, 250 km durch die Republik zu gondeln, um dann in einem Kneipchen die Eintracht zu gucken - aber so sind die Geschmäcker verschieden - und das ist auch gut so. Wir erfuhren, dass die Amateure in Darmstadt mit 3:1 gewonnen hatten - später sollte uns Roland noch die Torschützen via SMS mitteilen und unsere Laune trübte sich dadurch keineswegs, weshalb auch, wir hatten die Tabellenführung in der Regionaliga zurückerobert.

Der Einlass ging relativ flott und unkompliziert, vor dem Blockaufgang trafen wir auf Jens, der wie viele noch immer nicht begreifen kann, was in der letzten Woche mit seinem Kumpel Carsten geschehen war. So ganz wirst du die Traurigkeit nie los und so ganz wirst du dieses Leben nie verstehen können. Das Leben, das immer weiter geht.

Wir marschierten in den Block, der schon ganz ordentlich gefüllt war, die Aufstellung verkündete, dass Ljubicic an Stelle von Toski ins Team gerutscht war und auf dem Rasen tummelte sich ein menschliches Plüschfohlen, eines jener Maskottchen, die so überflüssig sind, wie Hoffenheim in der ersten Bundesliga.

Die Eintracht, ganz in schwarz, traf schon nach 12 Minuten, blöderweise ins eigene Netz, und da wir Rückstände in dieser Saison gewohnt sind, störten wir uns nicht weiter daran, sondern feuerten unsere Jungs weiter an. Prompt wuselte sich Korkmaz über rechts in den Strafraum, legte zurück zu Fenin, welcher schnurstracks den Ausgleich erzielte. Wir hatten's doch gewusst.

Von den Gladbacher Rängen war relativ wenig zu hören, von uns umso mehr - und sogar die komplette Pause schallte es unentwegt "Jadijadiesgejadiesge" von den Rängen. Als Fink nur wenige Minuten nach Anpfiff der zweiten Hälfte zum 2:1 für die Eintracht traf, kannte der Jubel keine Grenzen mehr, High Five, Eintracht, Eintracht, Umarmungen wildfremder Menschen waren die Folge. Der ehemalige Frankfurter Marko Marin trieb das Gladbacher Spiel an, Oka hielt, was zu halten war und als wenige Sekunden vor Abpfiff auch das letzte Bällchen an Nikolovs Kasten vorbeigerauscht war, hatte die Eintracht drei Punkte im Sack, zumal Tsoumou kurz vor Schluss noch einmal auf Außen durchgebrochen war. Dessen Hereingabe landete letztendlich bei Toski, der jedoch in die Arme von Gospodarek schoss. Egal, Abpfiff. Auswärtssieg.

Die Mannschaft freute sich überschwänglich, hüpfte vor unserer Kurve beseelt umher, Tsoumou schwang die Arme in die Luft und wir feierten die Eintracht, die es nach trostlosem Start geschafft hatte, drei der letzten vier Spiele zu gewinnen. Zwölf Punkte stehen nun zu Buche, der zwölfte Tabellenplatz wurde behauptet und die Distanz nach hinten auf einen erstmal beruhigenden vier-Punkte-Vorsprung ausgebaut. Fenin versenkte sein Trikot in der Kurve, die sich peu a peu leerte, während die Gladbacher schon lange draußen waren. Es wäre schade, sollte die Borussia absteigen - aber im Falle des Falles wäre Marin sicherlich nicht zu halten, vielleicht hat Heribert Bruchhagen ja noch seine Telefonnummer.

Wir verließen als Letzte das Stadion und liefen zurück zum Fanhaus, das im Gegensatz zum Unsrigen direkt am Stadion liegt und gut besucht war. Gladbacher wie Frankfurter standen bei einem Schoppen beisammen und ließen das Spiel Revue passieren - oder Paroli laufen, wie wir Fußballer sagen. Aufkleber des legendären Gladbachers Manager Helmut Grashoff pappten an Stromkästchen, die Erinnerung an Zeiten, als Gladbach mit Allan Simonsen oder Günther Netzer die Republik begeisterten und den schon damals meist übermächtigen Bayern die Stirn boten. Erinnerung an Zeiten, in denen Fußball Samstags um halbvier stattfand und kein Mensch an Wolfsburg, Gazprom oder Hoffenheim dachte.

Wir selbst dachten an den Auswärtssieg und wandelten zurück nach Rheindahlen, zurück in die Nicht-Fußball-Wirklichkeit und stellten dabei fest, dass es wahrlich seltsame Ortsnamen gibt, die noch in keiner Eingemeindung aufgegangen sind, sondern bis heute Bestand haben. Wie mag es klingen, wenn dieser Ort in die Bundesliga aufsteigen sollte:

Hurra, hurra, die Kothausener sind da?

Seltsam ist die Welt fürwahr, wir erstanden am Büdchen noch ein Bier und eine Cola, betrachteten die Gebäude am Straßenrand und erkannten eine Normalität, die in ihrer Selbstverständlickeit beinahe etwas rührendes hat - vor allem angesichts der derzeitigen After-Hour-Wellness-Event Generation. Hier heißt der Friseur nicht Hairstylist oder Hair-Berlin, hier heißt der Friseur schlicht und ergreifend: Friseur. Und das ist auch gut so.


Zurück gings über die A61 am Kerpener Kreuz auf die A4, Köln Ost auf die A3, wir überquerten standesgemäß den Fluß SIEG! und überholten sogar laut hupend den Eintracht-Bus, Pias Schal flatterte grüßend aus dem Fenster. Amy MacDonald untermalte die Rückfahrt musikalisch, und nach einer Weile etwas eintönig, bis Pia feststellte, dass wir seit einer halben Stunde unbemerkt das gleiche Lied hörten - aus Versehen wurde die Song-Repeat-Taste gedrückt: tja, wenn Deppen unterwegs sind, kann das schon mal passieren. Was blieb war ein Grinsen, ein Halt am Rasthof Limburg und Snow Patrol, die uns dann bis Frankfurt begleiteten.

Um 22:30 Uhr rollten wir über die Miquelallee wieder im Herzen von Europa ein, verabschiedeten uns von Christian und sahen im Fernsehen noch einmal die beiden Tore der Eintracht, die den Trip an den Niederrhein krönten.

Auswärtssieg!