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Freitag, 31. Oktober 2008

End of words


Es gibt Dinge im Leben, die sind nicht zu verstehen, nicht zu begreifen. Dazu gehört der Tod. Er ist unser ständiger Begleiter, umhüllt uns mit seinen dunklen Schwingen und lässt uns das Schicksal verfluchen, das uns die Sonne und die Finsternis geschenkt hat.

Vorgestern verstarb Marcus. Ohne Vorzeichen. Ohne Warnung. Einfach so. Er wurde nur 31 Jahre alt und hinterlässt u.a. einen Sohn, der in wenigen Tagen seinen ersten Geburtstag feiert, seine Frau und seinen Onkel.

Dieser Onkel ist mein Freund Kid Klappergass, der all den Widrigkeiten zum Trotz seine Aufrichtigkeit, und den Glauben an das "Gute" bewahrt hat. Der unermüdlich die Falschheit korrigierte, und einer erdrückenden Welt seine Kraft entgegen gestellt hat, bis der eigene Schmerz ihn selbst schier zu erdrücken schien. Kid ist immer aufgestanden - Jetzt bleibt nur die Hoffnung, dass er auch in diesen Zeiten grausamer Traurigkeit nicht verzweifelt.




Dead can dance - End of words


Donnerstag, 30. Oktober 2008

Too young to die


Das Spiel Eintracht gegen Bayern ist immer ein besonderes Spiel. Mal ist es besonders unwichtig, weil die Bayern eh gewinnen und dies nicht nur gegen die Eintracht, sondern gegen (fast) alle anderen Teams, quasi das Streichresultat der Runde - und mal ist es besonders wichtig, weil die Eintracht gewinnt. Es gab in der Historie unter Anderem direkt verwandelte Eckbälle, den Uefa-Cup Halbfinalsieg, eine Niederlage, die am grünen Tisch in einen Sieg verwandelt wurde und es gab einen Fallrückzieher von Christoph Preuß. Zuletzt hielt uns Oka Nikolov einen Punkt in München fest.

Heimspiele gegen Bayern München zeichneten sich Jahrzehnte vor allem dadurch aus, dadurch aus, dass die Ränge durchsetzt waren von bajuwarischen Anhängern, die in den Siebzigern und Achtzigern wenig bis nichts zu feiern hatten - bis Klaus Augenthaler Uli Stein nahezu von der Mittellinie überwand und dass meist ein Frankfurter fehlte, nämlich ich. Spiele gegen die Bayern waren für die anderen, gegen Düsseldorf oder Schweinfurt war ich dann wieder dabei.

Seit einiger Zeit verkauft Eintracht Frankfurt Tickets für die Partie gegen Bayern zumeist an Dauerkarteninhaber, somit hält sich der rot-weiße Andrang in Grenzen und ich bin seit ein paar Jahren brav dabei. So wie gestern, am 29.10.2008.

Noch am Nachmittag hatte sich unsere U23 durch ein ungefährdetes 3:0 gegen den TSV Großbardorf am Bornheimer Hang an die Tabellenspitze der Regionalliga-Süd gesetzt, am Abend rollten Biber, Pia und ich Richtung Louisa, trafen auf meinen Daddy und marschierten durch die Dunkelheit Richtung Stadion. Die Blätter schwebten wie Schneeflocken von den herbstlichen Bäumen; der Stadtwald beginnt, sich winterfein zu machen und wir wanderten zur Mörfelder Landstraße, Lichter der Zivilisation.

Autos parkten am Rand, von überall her strömten Menschen zusammen, aßen Wurst oder tranken Bier beim Bratwurst-Walter, am Country Kitchen, die Stimmung war gelöst. Hinter uns lagen zwei Siege, vor uns die Gewissheit, dass auch eine Niederlage im heutigen Spiel kein Beinbruch wäre, trat die Eintracht doch mit einem Kader an, der durch die vielen Verletzten arg ausgedünnt war. Amanatidis, Bajramovic, Bellaid, Chris, Inamoto, Köhler, Krük, Meier, Preuß, und Vasoski konnten nicht auflaufen, dafür saßen die U23-Akteure Chandler, Mössmer und Tsoumou auf der Bank, was willst du da groß erwarten? Einsatz und Laufbereitschaft sicherlich, vielleicht ein bisschen Glück.

Der Einlass ging flott, wir waren früh dran, und nach einem kurzem Hallo im Museum wanderten wir auf unsere Plätze. Es sind nicht die besten, aber es sind unsere seit Jahren, dort im Oberrang in der 14ten Reihe, wo die Einlaufkids später sitzen werden und viele Plätze von Spiel zu Spiel wechseln, Dauerkarten gibt es hier relativ wenige, man freut sich über bekannte Gesichter.

Die Mannschaftsaufstellung wurde verkündet, jedoch nicht der Trainer und dankenswerterweise Weise gabe es auch den Hinweis auf die geplante Reaktion der Kurve zum Tod des vergangenen Samstag getöteten Carsten. Ihm zum Gedenken sollten die ersten drei Minuten stehend und schweigend verbracht werden, auch an den Treppenaufgängen fanden sich einige Hinweise. Banner hingen keine, und auch die Fahnen blieben an diesem Tag zu Hause.

Und so wurde der Videowürfel zunächst dunkel, zeigte dann ein Erinnerungsbild, während über die Boxen ein Lied abgespielt wurde, welches die Gemütslage vieler traf, Stage Bottles - too young to die.


Im Stadion herrschte weitgehend Stille, sogar die gut gefüllte Gästekurve schwieg während der ersten drei Minuten, nicht selbstverständlich und anerkennenswert - und erst nach Ablauf der 180 Sekunden wurde es laut.

Die Eintracht kämpfte, Bayern spielte pomadig und wenn sie einmal vors Tor kamen, hielt Nikolov den Kasten bis zur Halbzeit sauber. Einige Bayern-Anhänger hatten sich in unsere Kurve verirrt, forderten meinen Hintermann zum Setzen auf und zeigten auf ein Neues, dass üblicherweise der Kick gegen die Münchner eigentlich verzichtbar war.

In der zweiten Hälfte traf Steinhöfer unter Mithilfe von Demichelis zum 1:0 für die Eintracht, ein Hoffnungsglimmen setzte ein - und wurde durch zwei Treffer von Borowski und Ribery jäh zerstört, obgleich Fenin noch kurz vor Ende einen Rückzieher knapp übers Tor von Rensing wuchtete. Der Bayern-Keeper hatte sich durch seine aufreizende Art keine Freunde geschaffen, verzögerte Mal auf Mal das Spiel und ich hoffte sehr auf Tsoumous Tor in der letzten Sekunde, allein es fiel nicht - und so gewannen die Münchner wieder mal in Frankfurt - gegen eine Eintracht, die hoch erhobenen Kopfes vom Platz gehen konnte. Sie gaben alles - und es sollte nichts nutzen. Und so wurden die Jungs von der Kurve gefeiert, während sich gerademal fünf Bayernkicker in die Gästekurve trollten, um den weitgereisten Fans zuzuwinken, der Rest verschwand schnurstracks in die Kabine.

Und wir marschierten zwar nicht gut gelaunt aber zuversichtlich in das herbstliche Dunkel der Nacht, nachdem Pia noch den Inhalt eines vom Oberrang nach unten geworfenen Bieres abbekam. Sonntag, 17:00 bei Borussia Mönchengladbach.

Auswärtssieg!




Stage Bottles - Too young to die
in memoriam carsten a.



Ein schönes Lied

Sonntag, 26. Oktober 2008

Heimspiel in Cottbus - 25.10.2008


Samstag Morgen, 4:20 Uhr. Ich quäle mich nach einer viel zu kurzen Nacht aus dem Bett, tapse planlos durch die Wohnung und nippe an meinem ersten Kaffee, rauche und suche meine Siebensachen zusammen, während Pia mein Care-Paket packt: Brot, Wurst, Apfelwein, Tee und Schokolade - der Weg nach Cottbus ist weit, und nur Tabak wäre zu wenig.

Todmüde werde ich zum Treffpunkt am Riederwald gefahren. Erst gestern Mittag hatte ich mich für die Fahrt bei der Fan- und Förderabteilung angemeldet, für 40 Euro sollte es in die Lausitz und zurückgehen und um 5:00 entlässt mich Pia in die Dunkelheit des Tages, leider kann sie nicht mitkommen, im Museum warten drei Kindergeburtstage auf Betreuung.

Müde schleppe ich mich in den Bus, treffe auf Roland, der wie immer dabei ist und erkenne sonst relativ wenig bekannte Gesichter. Vor mir sitzt Eric, daneben die Wäller Adler, ganz vorne Gerold nebst Käthe, Eintracht-Urgesteine, die auch im Alter es sich nicht nehmen lassen, die Eintracht durch die Republik zu begleiten.

Als Petra, die den Bus organisiert, alle Schäfchen beisammen hat, rollen wir Richtung Bahnhof und weiter zum Waldstadion, wo die letzten Zusteiger ihren Platz im Bus finden. Und dann trifft mich die Erkenntnis wie ein Keulenschlag: Ich befinde mich in einem Nichtraucherbus. Nächster Halt: Eisenach. Zwei Stunden ohne Cigarette, das Leben ist hart für Auswärtsfans.

Müde schaue ich aus dem Fenster, im MP3 Player läuft das neue Judas Priest Album, die Dunkelheit rauscht an uns vorbei, viele schlafen und bald zähle ich die Kilometer zur nächsten Kippe. Gambacher Kreuz, Herleshausen, Raststätte Eisenach.

Wir halten. Ich rauche. Und gehe anschließend in die Gaststätte, um einen Kaffee zu trinken. Roland, Käthe und Gerold sitzen beisammen, alte Geschichten machen die Runde. Eine freundliche Bedienung bringt meinen Kaffee und Käthe erzählt, dass sie seinerzeit in Madrid beim Europapokal-Spiel der Eintracht gegen Atlético Madrid den Bus der Fans ins Stadion verpasst hatte. Dies hörte zufällig der damalige Eintracht-Präsident Achaz von Thümen und versprach ihr, dass sie mit ihm ins Stadion fahren könne. Als es soweit war, rollte ein Mercedes 600 vor und in ihm saßen nicht nur von Thümen sondern auch der Präsident von Atlético und ein Chauffeur rollte sie ins Stadion. Die anderen Eintrachtler staunten nicht schlecht, als sie sahen, wer dort aus dem Wagen krabbelte. Sogar den Heimweg musste Käthe im 600er antreten, Atléticos Präsident hatte darauf bestanden.

Wir fuhren nicht in einem Mercedes 600 sondern kletterten wieder in unseren Reisebus und starteten gegen neun Richtung Ostosten. Langsam taute die Besatzung auf, draußen war's hell und peu a peu erklangen die ersten Lieder, ploppten die Korken.

Ich unterhielt mich eine ganze Weile mit Eric über die Eintracht, die Zeit sauste vorbei und bald folgte eine zweite Pause. Ich rauchte, treffe RedZone, der mit den Sossenheimern unterwegs ist, wir plaudern, rauchen und schon läutetet der imaginäre Gong zur Weiterfahrt.

Der Gesang im Bus wird lauter, an Unterhaltung ist nicht zu denken und so schaue ich aus dem Fenster, an dem ein sonniger und herbstlicher Tag vorbeizieht. Leuchtend rot-orange-grün-braun die Blätter der Bäume.

Alle Bremer stinken, alle Bremer stinken, weil sie aus der Weser trinken.

Jetzt werden etliche Fußballclubs beschmäht, die Wäller sind gut drauf, lassen die Eintracht hoch leben und stellen über Dortmund fest: Schwarze Füße, gelbe Zähne, BVB.

Ich grinse, rauche bei der nächsten Pause eine Cigarette und schon verlassen wir die Autobahn und fahren über die Bundesstraße nach Chośebuz. In den Gärten wird Laub geharkt, sandige Landschaften mit Kiefern- und Birkenwäldchen wechseln sich mit kleinen Ortschaften ab, schmucke Häuschen mit unrestaurierten Hüttchen aus der Vorwendezeit, 30 Kilometer bis Hoyerswerda, Brandenburg. Die Orte heißen Allmosen oder Lindchen, die zweite Sprache hier ist sorbisch.

Die Wäller geben alles: Eine Straße, ohne Bäume, ja das ist keine Allee - Allez, allez, allez ...

Vier Kilometer vor Cottbus halten wir noch kurz an einem Getränkemarkt, versorgen uns für die Rückfahrt und rattern dann durch die Stadt Richtung Stadion, die letzten Kilometer fährt ein Polizei-Corsa vorneweg.

Direkt vor dem Stadion der Freundschaft halten wir und purzeln aus dem Bus, hier treffe ich Ina, Rudi und Roger und schon sehe ich meinen alten Kumpel Andi, der sich mit Carola und einigen anderen via Eisenbahn aus der Hauptstadt auf den Weg gemacht hatte. Ich bin überzeugt, dass wir gewinnen, 6:5 lautet mein Tagestipp - ohne die verletzten Spieler und angesichts der Tatsache, dass Energie bislang erst drei und die Eintracht gerade mal sieben Tore geschossen hat, sind solche Voraussetzungen ideal für Überraschungen.

Währen die beiden an der Kasse anstehen, erstehe ich ein Stadionmagazin und erkenne den kleinen Pulk von Eintracht-Fans am Eingang. Obgleich wir wenige sind, dauert der Einlass relativ lange - als wir dran sind, weiß ich auch weshalb: Jeder von uns wird akribisch abgetastet, in meinen Taschen befinden sich zwei Feuerzeuge - eines davon muss ich wegwerfen, später muss ich die Schuhe ausziehen. Die Ordner sind geduldig und freundlich, machen ihern Job. Sie wissen, dass durch solche Aktionen die Agressionen geschürt werden - aber was sollen sie machen?

Die alte Kurve ist weg, auch die Getränkebude dahinter. Statt dessen stehen wir in einem kleinen, vergittertem Block, links daneben die Sitzplätze, rechts, im Freien ein weiterer Gästeblock, metallne Stufen, metallne Abtrennung - ungastlich, zumal die Absperrung ebenso die Sicht behindert, wie ein Pfosten, der das Tribünendach trägt. Dahinter fährt ein Bimmelbähnchen, wohin auch immer.

Wir treffen Arne und Tobi, ich erkenne Siggi und Sabine, maobit aus Belin ist auch hier - und unten laufen sich unsere Jungs warm - Fenin und Korkmaz in langen Hosen, Caio und Kreso in kurzen - das wird ja interessant. Viele Fans aus dem Osten sind hier und unterstützen die Adler mit den Hessen von Beginn an. Die Stimmung ist gut, aber: Cottbus macht das Spiel.

9. Minute 0:1 Rangelov.

Schock.

Egal. Weiter geht's.

15. Minute 0:2 Rangelov.

Schock.

Egal. Weiter geht's. Andi meint, er habe seiner Frau versprochen, gutgelaunt nach Hause zu kommen und holt ein Bier. Die Unterstützung ist auch jetzt noch da, Cottbus steht vor dem 3:0, Oka hält.

Urplötzlich ist irgendwas anders. Der Vorsänger Martin greift zum Megafon, Tränen schießen ihm ins Gesicht, ich verstehe nur St. Tropez Bar und abgestochen.

Stille.

Fahnen werden eingepackt, Supportversuche werden im Keim erstickt. Was ist los, die Eintracht braucht uns - aber grundlos wird kein Support in dieser Situation eingestellt, zumal sich die Eintracht ein wenig berappelt hat. Wir müssen punkten, um mich herum weiß niemand genaues, Fink zieht aus knapp 20 Meter ab, 1:2 - verhaltener Jubel im Block.

Stille.

Ich treffe Minnie, auch er weiß nichts genaues - ich bin überzeugt, dass wir gewinnen.

Mit dem Halbzeitpfiff verlasse ich den Block, treffe RedZone und Tristan mit Tränen in den Augen in einer Ecke, Freunde, was ist passiert?

Und dann weiß ich, was passiert ist. Carsten, Mitarbeiter in der St. Tropez Bar, Kumpel und Freund vieler von uns, ist in der Nacht auf Samstag auf dramatische Art ums Leben gekommen, getötet worden. Fassungslosigkeit. Hilde kommt hinzu, erzählt genaueres.

Schock.

Ich rufe Rudi an, er weiß schon Bescheid, hat die Eintracht-Führung informiert, dass die Stille im Block nicht gegen das Team gerichtet ist. Etliche verlassen nicht nur den Block, sondern auch das Stadion - trauern, zweifeln, verstehen es nicht.

Hatte ich nach dem letzten Heimspiel die Meldung erhalten, dass Steffen schwer verunglückt war (und heute Gott sei Dank über den Berg ist) so folgte nun die nächste Katastrophe.

Ich laufe zurück in den O-Block, kläre ein paar Leute auf und kapiere nicht wirklich. Bilder schießen mir durch den Kopf, Carsten am Riederwald mit seiner Kleinen. Wenn ich ihn sehe lache ich immer: Hey, the beauty and the beast - grinse ihn an und sage: die Beauty bist du nicht. Er lacht, freut sich für die Kleine.

Nie mehr.

Unten spielt die Eintracht der Support der übrig gebliebenen beginnt zaghaft, steigert sich - ich bin zwanzig Minuten wie gelähmt. Surreal das Ganze. 2:2 Fenin. Jubel. Trauer.

Ich gebe mir einen Ruck, Carsten hätte gewollt, dass die Eintracht gewinnt - also geben wir dafür alles. Jetzt erst recht. Eintracht, Eintracht schallt es durchs Stadion. Ochs geht und wird vom jungen Tsoumou ersetzt, offensiv für defensiv, wie oft hatten wir uns gewünscht, genau dies zu sehen. Hier regiert die SGE und die Jungs danken es uns, der Ball saust ins Netz, wer das Tor geschosen hat, wissen wir nicht: aber es war eins für uns, für Carsten. 3:2, ein Spiel gedreht, aussichtslos zurück gelegen und wieder dabei. Die S G E ist wieder da. Wir liegen uns in den Armen, brüllen es aus uns heraus. Jaaaaaaa. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaa. Geil. Trauer. Abpfiff. Auswärtssieg.

Seltsam diese Melange aus Begeisterung und Leid; es gibt Gefühle, für die es kein Wort gibt, die auch im älterwerden erst entdeckt werden müssen, emotionaler Rausch in Tiefen des Lebens, die schwarze Sonne des Lichts, ich weiß nicht.

Andi und Carola sind Richtung Bahnhof geeilt, ich sitze im Bus, wir fahren zurück, unterhalten uns über Gott und die Welt, Roland, Minnie, der nun auch dabei ist und ich. Gemeinsam singen wir mit anderen für Carsten Im Herzen von Europa, lassen den Osten hinter uns, machen Pause, rauchen, kaufen Bierdosen und bald sind wir wieder in Frankfurt. Anders als wir losgefahren sind. Ich steige aus, bedanke mich für die Orga und sehe Pia, die schon am Riederwald auf mich wartet, und mich abholt. Aufgeregt schildere ich ihr den Tag - bis lange in die Nacht unterhalten wir uns; aber dennoch wird es noch eine Zeitlang dauern, bis ich den Tag verarbeitet habe, den 25. Oktober 2008.

Der Tag, an dem wir einer weniger wurden. Es ist unser Leben, machen wir das beste daraus.


Freitag, 24. Oktober 2008

Ein letzter Rundgang


Einen Tag vor der Eintracht-Partie in Cottbus findet die Riederwald-Abriss-Party statt.
Ein großes Medienaufgebot filmte schon am Nachmittag das Gelände, fotografierte und notierte emsig all die kleinen und großen Anekdoten, die der Riederwald seit 1952 erlebt hatte. Zu diesem Anlass hatte Eintracht Frankfurt das teilweise arg heruntergekommene Gebäude für seine Verhältnisse optisch herausgeputzt oder auch herausputzen lassen - man hätte sich gewünscht, diese Idee wäre schon Jahre früher in die Tat umgesetzt worden, jetzt am letzten Tag nutzt es nicht mehr denen, die den Riederwald belebten und vor allem sportlich nutzten, sondern eher jenen, die sich heute Abend feiern lassen. Ich werde nicht dazu gehören, aber dies ist eine andere Geschichte.

Gegen 14:00 quälten sich Pia und ich durch den freitagnachmittaglichen Verkehr, zöckelten im Stopp and Go durch die stets überlastete Straße Am Erlenbruch und bogen auf das Riederwaldgelände ein. Auf der kleinen Wiese parkten wir und durchschritten das Willkommensschild der Frankfurter Eintracht.


Zu unserer Überraschung wurde das seit ein paar Jahren weiß daherkommende Verwaltungsgebäude in den letzten Tagen mit großflächigen Grafittis besprüht, die Sprayerfraktion der Ultrás durfte sich verewigen und die Bilder werden uns sicher medial begegnen. Zum Beispiel hier im Blog:


Schön, gell - wie gesagt, man fragt sich, weshalb dies nicht schon vor Jahren geschehen ist.

Ein großes Zelt vor der alten Hütte, die in den letzten Jahren als Ersatz für die schon lange geschlossene Gaststätte gedient hatte, harrte der Dinge und vor allem der Menschen, die sich im Laufe des Tages hier einfinden werden. Einer, der auf jeden Fall da ist, ist Matze Thoma. Das muss er auch, denn Matze ist nicht nur der Leiter des Eintracht-Museums im Waldstadion (welches heute auf Grund des abendlichen Zweitliga-Spiels des FSVs sowieso geschlossen war) sondern auch unser Führer für die heutigen finalen Führungen durch den Riederwald.

Pünktlich um 14:30 trafen wir am Treffpunkt ein, Matze war schon da, auch Billy Ott (der selbst hier Ende der Sechziger bei den Amateuren gespielt hat) sowie dessen Herzallerliebste Karin (welche einst mit Kinderwagen dem jungen Billy zuschaute) sind anwesend und auch Roland Gerlach, der schon 1965 hier als kleiner Bub Autogramme gesammelt hat; Loy, Höfer, Lindner trainierten hier zur damaligen Zeit und der junge Roland, der morgen auch in Cottbus sein wird, so wie er immer anwesend ist, wenn die Eintracht spielt, himmelte seine Helden an, noch bevor er im Waldstadion zu Gast war. Wir waren ein munterer Trupp, Ultrás und Rentner, alte Hasen und neue Gesichter und marschierten zu den rückwärtigen Eingängen an der Pestalozzi-Schule, um auf dem Wall einen Blick über das Stadiongelände zu erhaschen.


Wir wurden daran erinnert, dass der ganz alte Riederwald von 1920 bis 1943 noch an anderer Stelle lag, nämlich am heutigen Metro-Gelände.


1936 brannte die Holztribüne nieder. Im Krieg zerstört, wurden Trümmer auf ihm abgeladen - er ward nicht mehr nutzbar und so zog die Eintracht 1952 zum derzeitigen Platz, dessen Attraktion zunächst ein selbsttragendes Spannbeton-Tribünendach war. Keine tragenden Säulen störte den Blick auf das Spielfeld, jedoch schaffte es Eintracht Frankfurt zunächst nur den Mittelteil des Daches zu finanzieren, die enorme Spende von 50.000 $ aus der Amerikareise 1951 reichte nicht zu mehr. Erst durch hohe Zuschauereinnahmen aus den Endrundenspielen 1953 füllten sich die Kassen, so dass die Dachanbauten links und rechts finanziert werden konnten. Vom Flutlichtpokalsieg 1957 über hunderte Oberligaspiele bis hin zum endgültigen Abriss der einstmals so stolzen Tribüne 1989 sah der Riederwald eines nicht: Die ganz großen Spiele der Eintracht. Die gingen im Waldstadion über den Rasen, die Endrundenspiele 1959 und die Europapokalpartien 1960. Auch die Bundesliga war hier nie zu Gast; mit deren Einführung 1963 wanderten die Profis ins Waldstadion. Trainiert wurde jedoch bis 2001 hier.


Während Matze kenntnisreich die Historie erläuterte, näherte sich uns leise ein älterer Herr, den ich sogleich als ehemaligen Eintracht-Trainer Dietrich Weise erkannte. Freude öffnete mein Herz, da ich Herrn Weise bei einer der schönen Veranstaltungen im Museum kennengelernt hatte, wo er sich als ebenso leidenschaftlicher wie liebenswerter und kluger Mensch präsentierte.

Dietrich Weise - Billy und Karin Ott

Der Pokalsieger-Trainer von 1974 und 1975 sowie Vater der Weise-Bubis begleitete uns fortan auf dem Rundgang und ließ es sich nicht nehmen, aus seiner Vergangenheit zu erzählen, damals als Dr. Peter Kunter noch regelmäßig und vor allem freiwillig seine wöchentlichen Sprungübungen in der Sandgrube machte, ohne die er nicht spielen wollte.

Dort, wo heute die U-Bahnen der Stadt Frankfurt rangieren, lagen zu seiner Zeit die Plätze des damaligen Hockey-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, unantastbar für die Fußballer, deren Trainigsbedingungen schon damals eines Fußball-Bundesligisten nicht würdig waren. Die Reste der Stehpätze sind noch auf der Rückseite der Kurve zu erkennen. Und so kam es, dass die Fußballer der Frankfurter Eintracht sich morgens in aller Frühe auf die Hockeyplätze schlichen und aufpassten nicht beim Training erwischt zu werden.

Der junge Armin Kraaz trainierte am Kopfballpendel verbissen seine Kopfballstärke und dieser Aufwand wurde belohnt, Armin wurde von Weise in die Bundesliga beordert, nicht zuletzt ob seiner Kopfballstärke. Trainer Weise meinte, dass dies heute wohl nicht mehr so trainiert würde: Die können das wohl alle, sagte er nachdenklich. Als wir über die Laufbahn in Richtung Hauptgebäude marschierten, nahm mich Herr Weise beiseite: Von Zeit zu Zeit gehe er noch ans Kopfballpendel, um zu sehen, ob der Rasen darunter abgenutzt sei, ein untrügliches Zeichen für dessen Benutzung; allein: der Rasen sei stets grün.


Wir liefen zurück zur Vorderseite und gingen in die ehemaligen Kabinen. Alte Fußballschuhe lagen umher und an der Tür hing ein Foto der Seele des Riederwaldes, wie Kid den langjährigen Stadionsprecher und Schiedsrichterbetreuer Kurt Schmidt einst benannte.

Hinter den Kabinen lagen die Entmüdungsbecken, schon lange unbenutzt. Wurden die Trikots der Eintrachtler in frühen Jahren Jahren noch von den Spielern selbst gepflegt, so hat Zeugwart Toni Hübler später hier die Bekleidung gewaschen.


Blitzlichter flammten auf, auch als wir in den hinteren Teil Richtung Sauna marschierten; marode und vergammelt das ehemalige Kleinod, wo sich die Herren Pfaff und Kreß erhitzten. Noch heute war es derart warm hier unten, dass man hätte meinen können, ein letzter Meisterspieler schlurfe gleich mit einem Handtuch an uns vorüber.


Hochmodern war auch dieser Teil des Riederwaldes zu Beginn seiner Ära. Damals, als die Spieler noch genau zwei Paar Fußballschuhe besaßen: Noppen für den harten Platz und Stollen für den tiefen Rasen. Heute bräuchte man mindestens noch ein paar Handschuhe, wollte man das kalte Wasser in die Becken laufen lassen.


Es war schon recht schaurig in den Kabinen und dem sportlichen Bereich, in dem sich die U23 noch bis zum heutigen Tag bewegte. An den Wänden hingen Motivationssprüche für die Spieler, in den Spinden das notwendige Haargel - und es ist schier unvorstellbar, was sich Gastmannschaften in den letzten Jahren für ein Bild von Eintracht Frankfurt e.V. machen mussten, immerhin von 1945-63 durchgängig Oberligist und anschließend Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga. Verfall in allen Steinen. Dietrich Weise betonte, dass auch bei seinem zweiten Engagement bei der Eintracht etliche Ostblockvereine daran interessiert gewesen seien, in Deutschland, dem kapitalistischem Vorzeigeland, Erfahrungen zu sammeln, was den West-Fußball anginge. Da der DFB in Frankfurt sitzt, lag es nahe, den Riederwald zu besichtigen, was für die Eintracht (mit dem Wissen um den Verfall) zu Peinlichkeiten führte. Anders dürfte es in Sofia oder Tirana auch nicht ausgesehen haben.



Matze erzählte noch die Geschichte des Karlchen Schildger, einem kleinen, etwas korpulenten Eintrachtunikums, der quasi von Beginn an zum Inventar gehörte. Karlchens Vorstellung von seinem Ableben bestand darin, dies am Riederwald zu tun - und der liebe Gott hatte ihn erhört. Eines Tags im Jahr 1960 legte sich Karlchen auf eine Liege und verlor seine Kräfte. Toni Hübler wollte noch einen Arzt rufen, jedoch es war zu spät. Karlchen Schildgers letzter Wunsch wurde Wahrheit und er starb nur wenige Momente später auf der Liege im Riederwald.

Wir verließen den Kabinentrakt und wanderten hoch zur Geschäftstelle. Dort, wo Ute Hering als Assistenz der Geschäftsleitung Jahrzehnte lang den Machenschaften zusehen musste, welche die Eintracht in schöner Regelmäßigkeit in die Schlagzeilen brachte. Detari-Millionen, Klofensterkündigungen und seltsame Abgänge von Trainer und Kurzzeit-Präsidenten. Zuvor erläuterte Matze, dass die ehemalige Gaststätte bei Baubeginn tiefer gelegt werden musste, da die geplante Höhe der Räume nicht den gesetzlichen Bestimmungen entsprach. Nebenan der Presseraum; er erfuhr neben vielem anderen dass mit Trainer Heynckes die Uhren anders gehen würden.

Das Heiligtum war das Präsidiumszimmer, schwer holzgetäfelt mit Blick über die jetzigen Hockeyplätze und Aktenversteckkammer. Hier saßen sie, Gramlich Senior, Gramlich Junior, von Thümen, Ohms, Heller und zuletzt Peter Fischer, jener allerdings ohne Kompetenz für die Bundesliga Mannschaft, die ab 2001 der Eintracht Frankfurt Fußball AG zugehörig war.


Hier mussten Spieler und Trainer zum Rapport, hier wurden Verträge unterzeichnet - oder aufgelöst, je nachdem. Dietrich Weise betonte, dass die jetzigen Trainings- und Hockeyplätze noch vor gar nicht allzulanger Zeit Schrebergärten gewesen seien. Zehn Jahre hätte der Kampf der Eintracht um diese Plätze gedauert - und hätte der mächtige Präsident Rudi Gramlich dies noch erlebt, er hätte den Schreibtisch drehen lassen, um aus dem Fenster die Mannschaft zu beobachten.


Die alten Bäume, welche Toni Hübler gepflanzt hatte, sind als erste den Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen. Weise betonte, dass eben Toni Hübler einer der letzten sei, der die Geschichte des Riederwaldes in allen Facetten erzählen könne - mehr als jemand zuvor gehört hat, dessen sei er sicher.

Der letzte Teil der Führung brachte uns zum Ehrenmal der Toten von Eintracht Frankfurt, einige Buchstaben fehlten, und dennoch war ich erstaunt, dass es so etwas überhaupt gab. Aufgefallen ist es mir bislang noch nicht, versteckt an den Büschen hinter der Geschäftsstelle.


So endete die Führung durch den Riederwald. Wir bedankten uns bei Matze und Dietrich Weise und wanderten noch einmal ums Gelände, um Abschied zu nehmen.



Pia - Ursula

Und wir waren nicht alleine.

Jens -

Später hatten wir hatten wir noch das Glück, einen Blick in die ehemalige Kegelbahn werfen; zu können - nunja, es war stockfinster, so dass wir mit Feuerzeugen bewaffnet nur wenig erkennen konnten. In einer Ecke moderten alte Stadionmagazine, in einer anderen Aufkleber oder Turnmatten und der gesamte Bereich wurde durch Deckenstützen vor dem Zusammenbruch bewahrt, hier wohnte Verwesung. Aber spannend war's dennoch - und von irgendwo hörte man das Klackern der Kegelgeister, die vor Jahrzehnten hier zu Hause waren.


Nach einigen Kletterübungen erblickten wir wieder das Licht der Welt und nach einem Schoppen verließen wir den Riederwald, wir hatten gut daran getan, heute hierher zu kommen, es war ein schöner Nachmittag. Herbstlich wohl, doch sonnig.

Im Juni 2010 soll der neue Riederwald eröffnet werden, schauen wir dann, wenn's soweit ist. Aber selbst dann wird keine höherklassige Eintracht-Mannschaft mehr hier Fußball spielen. Zuschauertribünen sind nicht geplant.







Alle Fotos (bis auf eines) sind von Pia Geiger. Danke dafür.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Frustrierte Freude

Abpfiff, 2:1 gewonnen.

Vor dem Spiel marschierte ich mit Pia zum Gleisdreieck, zerwühlt von der derzeitigen Situation bei Eintracht Frankfurt, die seit Monaten kein Spiel mehr gewonnen hat und kraftlos auftritt. Anderes liegt im Argen, dazu demnächst mehr. Gestern freute ich mich, vor dem Spiel einen Apfelwein zu trinken, mit Leuten zu quatschen, die immer da sind - und gleichzeitig graute mir vor dem Spiel. Ich erwartete den immergleichen zähen bewegungsarmen Fußball, erwartete ein frühes Gegentor und die immergleiche Leere. Als die Anfangsaufstellung durchgegeben wurde, war ich geschockt.

Nikolov, Fink, Inamoto, Spycher, Ochs, Chris, Russ für die Defensive, Köhler, Korkmaz, Fenin und Liberopoulos für die Offensive - so standen die Zeichen auch gegen den KSC auf Halten.
Um so erstaunter war ich, dass urplötzlich Bewegung im Spiel war, die Aufstellung stand auf dem Papier, die Menschen selbst rannten, eroberten Bälle und lieferten endlich mal wieder eine der Grundvoraussetzungen für ein Fußballspiel ab. Bewegung.

Leider ergaben sich keine Torchancen, die Eintracht konnte nicht, der KSC wollte und konnte nicht. 44. Minute - Stillstand. Kämpfen und Siegen skandierten die Anhänger schon von der ersten Minute an, einheitlicher als die Monate zuvor, entschlossener.

Die zweite Hälfte brachte wenig erbauliches, der KSC wurde mutiger, was jedoch nicht allzuviel bedeutete, bis zur 70. Minute gab es hüben wie drüben keine nennenswerte Torchance. Die öffentliche Forderung nach dem Spieler Caio wurde ignoriert, man kann dazu stehen, wie man will - später kam der Kapitän, Amanatidis. Dann Chance für Karlsruhe, dann für die Eintracht. Zwischendrin gabs Ecken für uns. Köhler. Köhler. Köhler. Die Bälle flogen hoch in den Sechzehner, niemand von der Eintracht kümmerte sich drum, Verpuffung wirkungslos.

Achtzig Minuten brüllte ich "Eintracht" - in der 82. führte der KSC mit 1:0. Tränen wanderten zum Auge, ich sackte zusammen und fluchte, weshalb dies nicht schon nach drei Minuten geschehen war, ich hätte mir vergeblich Hoffen sparen können. Funkel raus, Funkel raus. Das war ich. Ein Croissant flog mir an den Kopf, zehn Meter von mir entfernt tobte der ehemalige Besitzer, wollte mir an den Kragen, Umfeld und Ordner bändigten ihn. Tausendfach erscholl es nun: Funkel raus.

Biber und Pia riefen Eintracht - und Köhler versenkte die Kugel zum Ausgleich ins Netz.


Wie nun? Was habe ich zu fühlen? Freude? Frust? Frustrierte Freude. 1:1, wenigstens mein Tipp; zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Erstaunlicherweise hallte auch nun Funkel raus durchs Stadion, ein etwas unpassender Moment der Meinungsäußerung - wobei ich inhaltlich nicht widersprechen würde. Aber doch nicht nach einem Tor der Eintracht.

Sekunden später rauschte der Ball Millimeter an unserem Pfosten vorbei, der KSC hatte den Sieg verschossen. Nachspielzeit zwei Minuten. Das wars. Ein Pünktchen gegen grottige Karlsruher; wenn du gegen die nicht gewinnst, gegen wen dann? Aber besser als verloren.

Nicht ganz: Freistoß Steinhöfer, irgendwie dann Amanatids, Amanatidis. Tor. Tooooooooor für die Eintracht. High Five - ausgelassen geht anders.

Freude, Erleichterung, Fragezeichen. Und nun?

Der Croissantwerfer tritt mich beim Abgang, ich bleibe ruhig, andere springen in die Bresche, halten ihn zurück, verteidigen mich. Ich gehe mit Pia zum Ausgang, Biber ist schon weg, am Gleisdreieck treffe ich sie wieder. Viele treffe ich dort, Stimmengewirr, Apfelwein, Arndt sogt für uns - Danke dafür.

Müßig sind Platzierungen, gewinnst du die letzten beiden Spiele hast du sechs Punkte, wirst neunter, pfeift der Schiri zwei, dreimal gegen dich, verlierst du die letzten beiden Spiele und wirst fünfzehnter. Mit Pech sechzehnter. Abstieg, von mir aus Relegation. Kleinigkeiten entscheiden - Und die Eintracht wird stets gegen den Abstieg spielen, was beileibe keine Schande ist - dies Los trifft beinahe zehn Teams. Die Frage ist: Wie.

Sie wird erst dann nicht gegen den Abstieg spielen, wenn sie finanziell auf Augenhöhe mit Schalke, Hamburg, Bremen, Wolfsburg steht. Dies ist ein weiter Weg und bedeutet Gazprom, VW oder so. Will ich das? Nein.

Wie nun?

Cottbus steht an. Ein weiterer Prüfstein. Für das Team. Für uns. Für den Trainer. Für den Vorstand. Heribert Bruchhagen dürfte ein Glas Rotwein getrunken haben.

Viele sind sich uneins. Verwischt der Sieg gegen den KSC die Verhältnisse und übertüncht die Wirklichkeit. Oder war er der Startschuss hin zu einer Eintracht, die wir sehen wollen. Über den Kampf zum Spiel, über das Spiel zum Sieg? Zuhause liegen zwei Tickets für die Partie in der Lausitz, wie ich hinkomme, weiß ich noch nicht. Aber ich werde dasein. Was soll man sonst machen, mit einem angebrochenen Leben?

Eines ist sicher:

Worte schießen keine Tore.

Abends verließen Pia und ich als letzte das Gleisdreieck. Aßen Pizza in Sachsenhausen. Schön, dass wir uns haben.



Das Foto des fliegenden Balles stammt von Stefan Krieger. Danke

Sonntag, 5. Oktober 2008

Heimspiel in Mannheim


Eigentlich begann das Spiel schon am Abend zuvor, als wir beim Italiener in Neu Isenburg einen Gutschein verfutterten. Im Hintergrund schickten sich Ostwestfalen an, ihr Heimspiel gegen den KSC zu verlieren, im Vordergrund genoss unsere Nummer 29 den freien Abend und die Krönung des ganzen war dann ein überaus freundlicher Paolo, der uns nicht nur einige Euros der Rechnung erließ, sondern uns gar eine eigene Autogrammkarte unterschrieb.

Als sich dann um Mitternacht mein Geburtstag näherte, drückte mir Pia ein Carepaket für den Samstag in die Hand; Becher, Salzstangen, Würstchen – und ne Karte für das Spiel inklusive einem Platz in einem der Autos, die sich nach Mannheim aufmachen wollten.

Und so kam’s dann auch. Gegen elf marschierte ich alleine mit meinem Beutelchen in Richtung Konsti, (Pia hatte familiäre Verpflichtungen und Stefan beauftragt, allzeit ein wachsames Äuglein auf mich zu haben, damit mir ein SV erspart bleiben möge. Sie kennt mich.) erstand einen Fünf-Liter-Kanister Sonnenhof-Äbbelwoi und wanderte zur Bahnhof Nordseite, wo eine bunte Mischung aus Fanclublern., Forumsnasen und Bloggern schon wartete. Händegeschüttel, Happy Birthday, Prost. Das letzte Mal, als die Eintracht an meinem Geburtstag kickte, war Anno 2003. Damals gab’s ein 0:1 gegen Dortmund, heuer war also ein Sieg fällig.

Die Fahrt verlief entspannt, wobei es nicht ganz einfach ist, aus einem Kanister während der Fahrt in ein Becherchen zu gießen, ein schwarz-weißer Schal flatterte im Fahrtwind, die Sonne blinzelte auf die A67 und während wir noch siegesgewiss fachsimpelten, glitten wir schon über die Einfahrtsstraße nach Mannheim. Schon eine Woche zuvor hatte es hier ja den Probelauf gegeben – als unsere U23 Buben hier gegen Waldhof antraten – und mit 1:2 verloren. Mannhaft hatten sie sich gegen die Niederlage gestemmt, allein, es sollte nicht sein.

War der Parkplatz während des Waldhof-Spiels noch kostenlos, so mussten wir nun 4 Euros berappen, was nach einigem Gesuche und Gekruschpel auch gelang. Und so stellten wir die Kiste ab, öffneten den Kofferraum, wo unser Fahrer Doctore Hammer noch einige kulinarische Schmankerln in Petto hatte und wir schmausten und schwatzten, dass der liebe Gott einen Gefallen an uns gehabt hätte. Die Zeit verging wie im Flug, jede Menge Eintrachtler defilierten an uns vorbei, etliche bekannte Gesichter blieben stehen, es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, sie alle aufzuzählen– und da der Gründel Heinz mir im Forum öffentlich gratuliert hatte, so wussten natürlich einige davon, dass ich heute gealtert bin und gratulierten herzlich, sehr nett anzuschauen war dabei das Eintracht-Küchelchen von Kallewirsch incl. brennendem Kerzlein. Alle naslang bimmelte mein Handy oder wurde mir eine Hand entgegen gestreckt. Von daher auch nochmal an dieser Stelle an alle ein Vielen Dank für die Glückwünsche.

Plötzlich kam Aleks Vasovski an uns vorüber, erblickte mich, gab High Five und meinte salopp: Alles Gute, Beve, du Lump. Heute rocken wir hier schwer einen, oder?

Naja ich gebs zu, so war es nicht. Aber er kam wirklich vorbei; ich erblickte ihn, rief seinen Namen und schickte ein Alles Gute hinterher, er stockte kurz, lächelte - und marschierte weiter.

Aus allen Ecken strömten Eintrachtler Richtung Stadion, es gab phasenweise leichte Verwirrung ob des zu begehenden Weges – da viele von uns ja keine Karten für den Gästeblock besaßen, trennten sich einige Wege. Von der Straße ertönte Blaulicht, scheinbar war der Mob aus Frankfurt im Anmarsch, was mich auch nicht sonderlich interessierte, überall ein Guude, ein Morsche und im Großen und Ganzen war’s ein eher lässiger Anmarsch, bei dem ich so ganz nebenbei erfuhr, was es mit den Katten auf sich hat.

Lässig war auch die Eingangskontrolle, meine Karte wollte niemand sehen, angefasst wurde ich auch nicht und so lungerten wir noch ein Weilchen vor den Aufgängen zu den Blöcken herum, tranken ein Schöppchen und schoben uns dann auf unsere Plätze in diesem Fußballstadion, dass noch ein Fußballstadion ist. Etwas dämlich war nur, dass ich noch mal nachguckte, wo denn Block 21 sei – bis ich feststellte, dass ich zu Block 19 musste. Die 21 war der Eintrittspreis. Prost Herr Beverungen. Kaum stand ich, ging’s auch schon los. Nicht nur die Gästekurve war fest in unserer Hand, auch der gegenüberliegende Block war komplett mit Frankfurtern gefüllt und auch zwischendrin hockten etliche Adler. Aus den Boxen röchelte gefühlte zwanzig Mal der White Stripes Song seven nation army, die Blauen unten flitzten um die Wette und die Eintracht begann wie immer defensiv, die Hauptrolle im Mittelfeld übernahm traditionsgemäß ein großes Loch. Linker Hand parkte der Eintracht Bus, rechts im Eck stapelten sich überdimensionale aufblasbare Reklame-Bierkästen und Amanatidis hockte auf der Bank.

Kurve und der Gegenüberliegende Block hatten mittlerweile komplett die Kontrolle im Stadion übernommen, und wir versuchten so gut es ging, unsere Jungs nach vorne zu peitschen. Nikolov hielt wie ein Großer, und so stand’s zur Halbzeit Nullnull. Auf meinem Weg nach draußen traf ich Rudi, der gleichfalls Geburtstag hatte – und musste erfahren, dass Marc von einem Polizeihund attackiert und gebissen wurde, und kaum hörte ich’s, sah ich ihn auch schon mit badagiertem Arm. Arme Socke und gute Besserung, Fußball ohne Leiden gibt's nicht. APDAB*

Als ich noch am Büdchen anstand, ließen mich die Geräusche im Inneren erahnen, dass etwas unschönes passiert sein musste – und so war es auch, die Eintracht hatte einen Treffer kassiert, was die Sangeslust in unserem Bereich leider merklich trübte. Dennoch spycherte sich unser Schweizer in der 66. Minute irgendwie durch, wuppte das Bällchen in den Strafraum und Steinhöfer traf zum Ausgleich. Dies muss unseren Trainer gewurmt haben, denn er wechselte ihn aus, und prompt gelang es unseren Helden, nur wenig später den zweiten Treffer zu kassieren, was so manchen in Mannheim veranlasste, lautstark über einen Trainerwechsel nachzudenken.

Die Eintracht wehrte sich noch ein bisschen, aber das 1:2 aus unserer Sicht hatte auch nach 90 Minuten Bestand, und so schlichen wir mit hängenden Köpfen aus dem Stadion. Zumindest die meisten, nur zwei Mädels hatten Glück. Sie konnten nämlich das Trikot von Amanatidis ergattern, der gleichermaßen enttäuscht an den Zaun kam und zudem noch einen Ball zu den Fans kickte.

Dass das Ergebnis innerhalb kürzester Zeit in meiner Wahrnehmung zweitrangig werden sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, denn kurz nach Verlassen des Blockes traf ich Roland und er konfrontierte mich mit der traurigen Nachricht, dass sich Steffen, Museumsmitarbeiter, Allesfahrer und U23 Stadionzeitungsmacher am Vorabend bei einem Autounfall schwer verletzt hatte. Es war wohl das erste Spiel seit Jahren, dass Steffen deshalb nicht sehen konnte und von daher meine flehentliche Bitte, dass er bald wieder auf die Beine kommt. Wir brauchen dich.

Bedröppelt marschierte ich dann in Richtung der Parkplätze und traf unterwegs auf meine Mitfahrer. Da es an der Kreuzung weiter vorne grade zu Rennereien kam, die einen hatten weiße Helme auf, die anderen nicht, blieben wir noch ein Weilchen außerhalb des Spielfeldes bis sich die Lage beruhigt hatte und wir seelenruhig zum Auto marschierten. Dort gab’s noch die ein oder andere Diskussion und es war bald klar, dass niemand großartig traurig wäre, wenn Eintracht Frankfurt einen Trainerwechsel publik machen würde. Allerdings wollte auch niemand in der Haut unseres Vorsitzenden stecken, denn auch wir hatten niemanden im Gepäck, dem wir die Lösung der hiesigen Probleme adäquat zutrauen würden. Schwierig, das Ganze.

Zurück ging’s flott über die Autobahn und ich saß zum ersten Mal in einem Auto, in welchem du mittels einer Kamera den Bereich hinter deinem Auto auf einem Monitor angucken kannst. Was es nicht alles gibt.

Als die ersten schon in der Klapper beim Schoppen hockten, passierten wir Pfungstadt und nur wenig später lief auch der gebeutelte Rest dort ein, schwatzte über dies und jenes und nicht uninteressant war die Ansicht über unser Kurvenverhaltens aus verschiedenen Blickwinkeln. RedZone, der im Stehblock das Spiel verfolgt hatte, schwärmte von unserem Auftritt, ich jedoch, der am anderen Ende der Kurve stand, mäkelte an der lustlosen Haltung etlicher Fans während des Rückstandes um mich herum herum. Alles eine Frage des Standpunktes. Auch der Standpunkt.

Später kam dann doch noch Pia, die verzweifelt versucht hatte, mich anzurufen – während mein Handy in der Gastwirtschaft mangels Empfang stumm wie ein Goldfisch in der Kugel blieb. Aber dies ist eine andere Geschichte.

So ging dann peu a peu ein Tag vorbei, an dem ne ganze Menge passiert ist, Marcs Wunden wahrscheinlich schneller heilen als Steffens und vor allem die Erkenntnis bleibt: Es gibt wichtigeres als Fußball.





*APDAB - All PoliceDogs Are Bastards


Mittwoch, 1. Oktober 2008

Saudumm

Herr Hopp äußert sich über Borussia Dortmund